Wahnsinn im Alltag


Bulgarien 2005: Balkanfeuer am Steuer
Mai 9, 2007, 9:08 am
Filed under: Bulgarien

Bulgarien 19. Juli bis 2. August 2005
Balkanfeuer am Steuer
oder
Der Urlaub ohne Koffer

Die Idee für unser Urlaubsziel 2005 hatten wir eigentlich schon im Sommer zuvor: Nach exakt 20 Jahren wieder mal nach Bulgarien zu fliegen und zu schauen, was sich dort alles verändert hat. Unsere bevorzugte Hotelkette, RIU, ist in diesem schönen Land mittlerweile auch präsent, also gedacht, gebucht, geflogen. „Ist ja recht günstig“ freuten wir uns. Wenn wir gewusst hätten, wie teuer uns die ganze Chose tatsächlich kommen würde …!

Es war alles perfekt organisiert. Die Reise an den Sonnenstrand, Slancev Brjag, hatten wir beim Reisebüro unseres Vertrauens gebucht, die Koffer routiniert gepackt und das Taxi für die unchristliche Zeit 5:30 Uhr in der Früh bestellt, da wir bereits um 7:15 Uhr vom Stuttgarter Flughafen abfliegen sollten. Aber das kannten wir ja alles schon von früher.

Wir waren pünktlich am Flughafen und reihten uns in die lange Schlange am Check-in-Schalter ein. VIA Air hieß unsere Fluggesellschaft, abgekürzt VIM. Nie zuvor gehört. VIM kannte bis dato nur als Scheuermittel. Das sollte sich aber in den kommenden Wochen und Monaten gründlich ändern.

Wir gewichteten die schweren Koffer aufs Paketband und gingen nach der üblichen Wartezeit am Gate an Bord der Tupolev TU-154. An Bord dudelte Musik aus den 70-erJahren. Ob die damals bei der Herstellung des Fliegers gleich mit eingebaut wurde? „Mit dieser Maschine sind wir schon mal geflogen“, stellte Gerhard fest. „Ich hoffe, es war nur die gleiche und nicht dieselbe!“ sagte ich. „Wäre gut möglich“, meinte er. „Die Maschine ist schätzungsweise unser Baujahr.“ 1960! Kreisch! Na, Mahlzeit, damit war Kiste ja noch viel älter als ich gedacht hatte. Aber da mussten wir jetzt durch.

Und wie immer ging es mit Verspätung los. Nach 35 Minuten Wartezeit auf dem Rollfeld wegen hohen Lufverkehrsaufkommens in Ungarn hoben wir endlich ab. Wir überflogen Österreich, Ungarn und Rumänien und waren in rund zwei Stunden am Ziel.

Ab da ging es rund: Innerhalb kürzester Zeit landeten auf dem kleinen Flughafen in Burgas 5 Maschinen aus verschiedenen europäischen Ländern. Die Schlangen an der Passkontrolle verliefen mehrspurig und wirkten endlos. Kunststück, wenn nur ein Drittel aller Schalter geöffnet sind! Das Personal war dem Ansturm in keinster Weise gewachsen, hatte aber die Ruhe weg. Ich nehme an, das geht den ganzen Sommer über so.

… und da war der Koffer weg!

Anderthalb Stunden bewegten wir uns im Schneckentempo in Richtung Passkontrolle. Es war heiß und stickig in der Halle, es bewegte sich kein Lüftchen. Und als wir den Schalter endlich erfolgreich passiert hatten waren die Koffer schon vom Gepäckband heruntergehoben und auf dem Boden gestellt worden. Unbeaufsichtigt. Vielleicht war das der Knackpunkt. Gerhards grüner Koffer war jedenfalls da – von meinem großen schwarzen Koffer fehlte jede Spur.

Ich dachte, mich trifft der Schlag und raste in wachsender Verzweiflung durch die Halle auf der Suche nach meinem Koffer. Derweil warteten draußen die anderen TUI-Gäste im heißen Bus auf uns und auf den Transfer. Die ganze Zeit hatte ich noch im Hinterkopf, dass die irgendwann mal die Schnauze voll haben und losfahren würden. Nichtsdestotrotz suchte ich den Lost-&-Found-Schalter und erklärte der zuständigen Flughafenangestellten in einer Mischung aus Deutsch und Englisch was passiert ist. Gemeinsam füllten wir ein Verlustformular aus, das so genannte „PIR“.

Ich hinterließ meine Hotelanschrift und hatte zu diesem Zeitpunkt noch ein kleines bisschen Hoffnung, das Gepäckstück würde sich wieder anfinden und anderntags nachgeliefert werden, wie ich das oftmals von meinen viel reisenden Kollegen gehört habe.

Mit einer Dreiviertel Stunde Verspätung ging’s dann endlich per Bus ins Hotel. Keiner von den anderen Gästen meckerte über die Wartezeit, als sie den Grund dafür hörten. Trotzdem hätte ich am liebsten gleich auf dem Absatz kehrt gemacht und wäre wieder nach Hause geflogen. Einen Urlaub ohne Klamotten, Medikamente, Kosmetika, Reiselektüre und vor allem ohne meine medizinischen Hilfsmittel, die Kompressionsknietrümpfe, auf die ich dringend angewiesen bin, stellte ich mir ganz grässlich vor. Was, wenn das Zeug nie wieder auftauchte? Ausgerechnet dieses Mal hatte ich mich nicht mit einem umfangreichen Handgepäck belastet sondern alles, was ich sonst für Notfälle in meinen Rucksack zu stopfen pflege, mit in meinen Koffer gepackt.

Das Hotel RIU Helena Park sah klasse aus, an der Lage gab es auch nix zu meckern – direkt am Meer. Das war ein kleiner Trost. Und vielleicht würde es ja doch noch ganz nett werden. Ausgepackt war schnell. Wir machten und kurz frisch und zogen dann los Richtung „Stadtzentrum“, damit ich mich mit dem Notwendigsten ausstatten konnte. Ich hatte ja buchstäblich nur noch die Klamotten, die ich am Leib trug. Im Handgepäck waren Papiere, Geld und Kamera, ein Notizblock, zwei Reiseführer, eine Ausgabe des SPIEGEL und halb ausgelesener historischer Roman. Und sonst nix.

Am Anfang war der Sumpf

Jetzt ist der Sonnenstrand ja keine richtige organisch gewachsene Stadt, sondern ein in den 60-er Jahren synthetisch entstandener Ferienort. Noch Ende der 50-er Jahre war die Gegend zwischen Kap Emine und Nesebar unbewohntes Sumpfgebiet. Na ja, gut, ganz unbewohnt nicht: Es gab riesige Mückenwolken und Schlangen. Angeblich soll das mit den Ferienregionen Chruschtschows Idee gewesen sein. Er soll die Gegend von Goldstrand und Sonnenstrand noch im „Naturzustand“ gesehen und gefragt haben „Warum macht ihr hier kein Seebad?“ Das geschah dann prompt. Die Bauern im ganzen Land wurden verpflichtet, Igel zur Schlangenvertilgung zu sammeln. 5.000 Stacheltiere hat man damals gefangen und in dem Gebiet ausgesetzt. Und dann begannen die Bauarbeiten. 1962 wurde Sonnenstrand offiziell eröffnet. Bis zur Wende war „Balkantourist“ der einzige staatliche Reiseveranstalter. An den können wir uns auch noch erinnern. Inzwischen ist der Sonnenstrand der größte und repräsentativste Ferienort. Anfang der 60-er Jahre gab es rund 30 Hotels, derzeit gibt es ca.160 Hotels und es werden immer mehr. 1989 waren gab es 27.000 Betten, 2005 waren es rund 70.000 Betten und wenn all die Neubaumaßnahmen abgeschlossen sind, werden es rund 100.000 Betten sein.

Power-Shopping wider Willen

Was aber die Einkaufsmöglichkeiten betrifft, muss man sich das vorstellen wie einen gigantischen Jahrmarkt, der auf den Bedarf von Teenagern ausgerichtet ist … und zwischendrin ein paar kleine „Supermärkte“. Schrille Sonnenbrillen, abgefahrene gefälschte Markenklamotten, Zigaretten, Schmuck, Haarverlängerungen, Nagelstudios, Fressbuden, Porträtkünstler, CDs, DVDs, Kitsch und Souvenirs ohne Ende – aber eine Grundausstattung an Klamotten für eine Frau Mitte 40 ist da recht schwer zu finden. Meine T-Shirt-Größe 40/42 galt da schon als XXL, und selbst diese Shirts saßen für meinen Geschmack noch reichlich knapp. (Um einen Stand mit Unterhosen zu finden, brauchte ich mehrere Tage …) Den erstbesten Bikini, der mir halbwegs passte, nahm ich, auch wenn wirklich grauslich ausschaute. Das war mir jetzt auch schon egal.

Davon abgesehen – was das Angebot an Kitsch, Kram und Gedöns angeht, ist Bulgarien längst im „Westen“ angekommen. Wäre nicht die kyrillische Schrift, könnten die Touristenzentren überall in Europa sein.

Zum Glück waren in Bulgarien in diesem Sommer wenigstens die langen baumwollenen Crinkle- und Stufenröcke modern, die ich auch zu Hause zu tragen pflege. Davon kauften wir zwei. Ich musste also wenigstens nicht im Minirock herumlaufen. Einkaufen ist ja ganz nett, wenn man nix Besseres zu tun hat. Aber das hier waren Einkaufstouren zwischen Wut, Hoffnung und Verzweiflung. Sollte ich mich jetzt für 14 Tage eindecken? Und wenn der Koffer doch noch kam, wo würde ich den ganzen zusätzlichen Krempel dann unterbringen? Gut nur, dass Gerhard diesmal ungewöhnlich viel Bargeld dabei hatte und uns wenigstens die Kohle nicht knapp werden würde. Als ob er es geahnt hätte!

Shorts und T-Shirt lieh ich mir von Gerhard. Wer ihn kennt, wird jetzt grinsen. Er ist zwar nur geringfügig größer als ich aber doch, ähem, einige Kilo schwerer als ich. Aber im Urlaub schert mich es mich eh recht wenig, wie ich daherkomme. Da muss ich ja nichts darstellen.

Bulgarien: Technische Daten

Fläche: 111.000 m²
Küstenlänge: 378 km
Einwohner:9 Millionen, davon 88% Bulgaren. Minderheiten: Türken und Roma
Hauptstadt: Sofia, ca. 1,5 Millionen Einwohner
Klima: gemäßigt kontinental
Höchster Berg: Mussala im Rila-Gebirge, 2.926 m
Längster Fluss: Maritza

(Aus dem TUI-Informationsordner im Hotel)

Am 20. Juli war im Hotel die obligatorische TUI-Informationsveranstaltung. Das war bei RIU ursprünglich auch mal eine aufwändigere Show als heute. Die bulgarische TUI-Reiseleiterin, Pepa Babeva, erzählte das Wichtigste über Land und Leute und Preise und Serviceleistungen und stellte das aktuelle Ausflugsprogramm vor, von denen wir allerdings nichts spontan buchten sondern erst nach einer kurzen Bedenk- und Diskussionsphase in ihrer Abend-Sprechstunde.

Nix als Zirkus

Im Anschluss an die Informations-Veranstaltung trugen wir der Reiseleiterin unser Anliegen mit dem verschwunden Koffer vor und Frau Babeva telefonierte mit dem Flughafen und Gott und aller Welt – leider ergebnislos. Es gibt wohl eine Möglichkeit, die Daten eines verschwundenen Gepäcks in eine weltweit abrufbare Datenbank einzugeben und auf diese Weise suchen zu lassen, aber als armes kleines Land ist Bulgarien nicht an dieses System angeschlossen. Und die VIA-Air-Kollegen am Flughafen in Stuttgart, die hätten helfen können, reagierten nicht auf die Anfragen aus Bulgarien.

Auch unser Reisebüro in Deutschland, bei dem wir die Reise gebucht hatten und das wir telefonisch um Unterstützung ersuchten, sah keine Möglichkeit, uns in der Angelegenheit zu helfen. Da müssten wir uns schon an TUI wenden. Weil das auch so einfach und so günstig ist, sich vom Schwarzen Meer aus durch einen deutschen Konzern bis zu einem hilfswilligen Gesprächspartner durchzutelefonieren! Was das für ein Affenzirkus ist – tagelange Anrufversuche ohne durchzukommen, 45 nervige Minuten in der Warteschleife mit dem ach so fröhlichen TUI-Song im Ohr – durfte ich noch nach meiner Rückkehr nach Deutschland in ausreichendem Maße erfahren.

50,- Leva (ungefähr 25,- Euro) bekam ich von Frau Babeva aus der TUI-Kasse ausgezahlt um mich mit dem Notwendigsten ausstatten zu können. Das ist zwar nett, aber eigentlich ein Witz, denn wenn man gar nichts hat, kommt man mit 25,– Euronen nicht eben weit. Wir hatten ja schon am ersten Tag für die Grundausstattung an Klamotten und Kosmetika fast 77,– Euro ausgegeben. Ohne übertrieben anspruchsvoll gewesen zu sein.

Vom Nistverhalten der Strandbewohner

Am 21. Juli gingen wir erst mal zum Strand, Kofferzirkus hin oder her. Und das war auch ganz wunderbar. An Sand, Sonne und Meer kann selbst ein postsozialistischer Schlamperladen nichts verhunzen. Die Strände in Bulgarien sind alle staatlich und öffentlich, sie gehören also nicht zum Hotel sondern werden von einem anderen Unternehmen „bewirtschaftet“. Das heißt, Liegen und Sonnenschirme werden vermietet, private Sonnenschirme darf man nur an einem schmalen Strand-Streifen ganz weit weg vom Meer aufstellen. Pro Liege, Schirm und Tag kostete das 6,- Leva. Insgesamt waren wir also an jedem Strandtag mit 18,- Leva (ca. 9,- Euro) dabei. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Interessant war, wie immer, das Nistverhalten der anderen „Strandbewohner“. Vor uns lagerte eine deutsch-bulgarische Großfamilie. Vater, Mutter, drei Kinder und die Großeltern. 2 Liegen reichten locker für 7 Personen, weil die ganze Sippe ständig in Bewegung war. Gibt’s eigentlich so was wie „Badewindeln“ für Kleinkinder? Der Jüngste ging nämlich mit Windelhose ins Wasser. Vielleicht handelt es sich auch um ganz normale moderne Windeln mit Nässeschutz. Dringt keine Feuchtigkeit nach außen, dringt auch keine nach innen, und alles ist paletti.

Wenn ich mein Internet net hätt’ …

Ich rationierte meinen Lesestoff, denn die Urlaubslektüre, inklusive der Bücher, die ich zu Rezensionszwecken lesen musste, waren ja im verschwundenen Koffer. Und hier würde ich nichts zu kaufen kriegen. Gegen 14 Uhr hatten wir die Nase voll vom Strandleben. Man soll ja auch nichts übertreiben. Wir packten unseren Kram zusammen und begaben uns in den Computer-Raum des „Schwester-Hotels“ Riu Helena Sands, des benachbarten 5-Sterne-Pendants unseres Hotels. Für 6 Leva ( ca. 3 Euro) konnte man eine Stunde ins Internet. Und diese Gelegenheit nutzte ich, um TUI per E-Mail um Hilfe zu bitten und Rat bei meinen Kolleginnen in Stuttgart zu suchen, von denen ich weiß, dass sie allesamt gut im Recherchieren sind. Ist ja unser Job. Ferner blökte ich die Nachricht vom verschwundenen Koffer auch in meine bevorzugten Internetforen. Immer wieder stößt man bei solchen Hilferufen auf kompetente Leute, die einem sagen können, was man tun muss.

Natürlich gab es innerhalb dieser Stunde keine Instant-Lösung, aber die Saat war gesät, und da wir alle zwei Tage wiederkommen wollten um die neuesten Nachrichten abzurufen, hatten wir wieder ein bisschen Hoffnung. Sollte der verflixte Koffer nie wieder auftauchen, wollten wir wenigstens alles richtig machen um hinterher Schadensersatz fordern zu können. Wenn das Gepäckstück innerhalb von vier Tagen nicht auftauchen würde, könnte ich den Urlaub abbrechen, so viel wusste ich schon aus eigenen Nachforschungen. Aber ich war mir gar nicht mehr so sicher, ob ich das wollte. Auch mit improvisierter Ausrüstung war’s hier eigentlich ganz nett und viel versprechend.

Am Abend war in der Hotelbar eine Folklore-Tanzshow angekündigt. Die Kostüme waren sehr schön und die Themen „Balz“ und Hochzeit zeitlos und universal. Ein bisschen mehr hätten sie vielleicht erklären können, denn mit den Traditionen im slawischen Raum und den Riten der orthodoxen Kirche sind wir ja nicht vertraut.

Bulgariens Klima

Nur in den südlichen Regionen und an der Schwarzmeerküste ist ein Übergang zum Mittelmeerklima spürbar. Ein ausgeglichenes Klima mit einem spät einsetzenden Frühling, warmem Sommer und einem langen Herbst ermöglicht den Stränden eine lange Saison. Mit einer Durchschnittstemperatur von 23 – 25°C im Juli ist es im Sommer fast überall im Land heiß. Auch der Winter bringt mit einer Durchschnittstemperatur von 0°C keine extreme Kälte. (Allerdings hatte es laut Auskunft der Reiseleiter im Winter 2004/2005 in Nessebar –20°C.)

Beeinflussend auf die Wetterlage und auf die Temperaturen wirken die vielen Gebirge, vor allem das Balkangebirge, das sich quer durch das Land zieht.

(Basierend auf den TUI-Informationsordner im Hotel)

Von Wodka-Touristen und gegenseitig günstigen Geschäften
22. Juli: Ausflug „Das andere Bulgarien – und die Tradition erwacht“. – „Erleben Sie die unbeschreibliche Romantik des bulgarischen Balkangebirges. Lassen Sie sich vom Charme Sheravnas – dieses Märchens aus Holz und Stein – ergreifen. Spüren Sie das Flair der bulgarischen Wiedergeburt beim Bummeln durch die engen, verwinkelten Gassen. Schmackhafte bulgarische Spezialitäten erwarten Sie bevor Sie von dem faszinierenden Panoramablick bei einer Sesselliftfahrt einfangen lassen.“ So hat die TUI den Ausflug ausgeschrieben, und das hat uns interessiert. Und jetzt kommt das Ganze in unseren eigenen, gänzlich un-blumigen Worten.

Pünktlich um 8:15 Uhr ging es los. Reiseleiter Michail, 39, war ein wortgewaltiger ehemaliger Journalist und ein kritischer Patriot. Kein Zweifel – er liebt sein Land, aber sieht genau, wo es im Argen liegt. Von ihm haben wir den denkwürdigen Ausdruck „gegenseitig günstiges Geschäft“ gelernt. Dieser bezeichnet eine, sagen wir, juristisch nicht ganz astreine Win-Win-Situation. Und dass sie die Skandinavier aus naheliegenden Gründen „Wodka-Touristen“ nennen, haben wir auch von ihm. Es gibt an den Souvenir-Buden sogar eigens T-Shirts mit dem Aufdruck: „They say I’ve been in Bulgaria, but I can’t remember.“

Unterwegs bekommt man viele interessante Dinge erklärt, und so erfuhren wir auf dem Weg durch Nessebar und Aheloy schon mal dies: Das 8 km lange Sonnenstrand-Gebiet gehört zur Gemeinde Nessebar. Dort befindet sich auch das Rathaus und die Gemeindeverwaltung. Das 2.600 Jahre alte Nessebar ist die reichste Gemeinde Bulgariens. Kein Wunder, wenn es den größten Ferienort des Landes umfasst! Der Sonnenstrand gliedert sich in drei Zonen. Zone 1: Strand; Zone 2: Hotels; Zone 3: Eigentumswohnungen. EU-Bürger können bereits Eigentum in Bulgarien erwerben, was insbesondere Briten gerne tun.

Die „Gelddemokratie“ funktioniert seit der Wende 1989 schon sehr gut. Manches ist vielleicht nicht ganz koscher. Viele der Hotels am Sonnenstrand gehören dem Bruder des Ex-Finanzministers. Der Reiseleiter ließ offen, was man davon zu halten habe.

Uns fiel auf, dass man kaum mehr russische Touristen sieht. Vor 20 Jahren waren sie massenweise in Bulgarien. Michail erklärte uns, dass Bulgarien 1998 dem Schengener Abkommen beigetreten ist. Das heißt, Bulgaren brauchen kein Visum mehr in die EU-Staaten – aber die Russen brauchen nun eines, wenn sie nach Bulgarien wollen. Teuer ist so ein Visum nicht, es kostet rund 25,- Euro. Da es aber nur zwei funktionierende bulgarische Auslandsvertretungen in Russland gibt, die so ein Visum ausstellen, ist das ein tierischer Aufwand für die Leute. Da müssten sie persönlich erscheinen. Und so lassen sie’s.

Die erste bekannte Zivilisation in Bulgarien waren die Thraker im 5. Jahrtausend v.Chr. Ihre Fürsten nahmen mit ihre Lieblingsfrauen und Lieblingspferde mit in den Tod und ließen sich mit ihnen und ihren Goldschätzen in Kuppelgräbern beisetzen. (Seit der Wende sind viele Grabräuber aktiv und verscherbeln die Fundstücke in die USA.) Das Rosental bei Kazanluk gilt als das Tal der Thrakischen Könige. Nach den Thrakern kamen griechische Kolonisten, römische Eroberer und Byzanz . Im 6. und 7. Jahrhundert wandern die Protobulgaren, eine kriegerische Gruppe der Turkvölker aus Zentralasien ein und schließen sich mit den Slawen unter der Führung von Khanen zusammen. 681 erhebt sich Khan Asparuch erfolgreich gegen die byzantinische Herrschaft und gründet zwischen Balkan und Karpaten das Erste Bulgarische Reich.

Wir kommen durch Kableskovo. Hier kreuzen sich Straßen aus 5 Richtungen. Wir erfahren unser konkretes Programm: Freilichtmuseum Sharavna, die „Wiege der nationalen Wiedergeburt“ im18./19. Jahrhundert – Mittagspause in Icera – Gebirgsfahrt – Seilbahnfahrt vom Naturschutzgebiet Karandila ins Tal hinab – Rückkehr.

Und wir hören mehr über die Geschichte Bulgariens: 1018 erobert Byzanz das Erste Bulgarische Reich. 1185 initiieren die Bojarenbrüder Asen und Peter einen erfolgreichen Aufstand gegen das Byzantinische Reich und gründen das Zweite Bulgarische Reich. 1396 erobern die Türken das das 2. Bulgarische Reich. Für die Bulgaren beginnt die rund 500-jährige Zeit des „Türkischen Jochs“. 1875/76 schlagen die Türken zwei Aufstände der Bulgaren nieder. Allein in Plovdiv sterben 15.000 Menschen. 1877/78: Im Russisch-Türkischen Krieg besiegt Zar Alexander II das Osmanische Reich. Im Frieden von San Stefano wird die Gründung des Dritten Bulgarischen Reichs beschlossen, das sich zwischen Schwarzem Meer, Ägäis und Adria erstreckt.

Nach dem Krieg blieben viele Türken im Land. („Woran erkennt man eine türkische Familie in Bulgarien? An der Satellitenschüssel auf dem Balkon.“) Wie lässt man eine ethnische Minderheit am besten „verschwinden“? Man versucht, sie zu assimilieren.Man kam sogar auf die Idee einer Zwangsumwandlung der türkischen Namen in bulgarische. Aber so einfach ist das nicht. Die Leute lassen sich ihre Identität nicht so ohne weiteres nehmen. 1983 kam es zu einer Flüchtlingswelle in die Türkei. 300.000 Türken verließen das Land. Nur die am besten ausgebildeten wurden in der Türkei aufgenommen. Das war ja nun auch nicht das, was die Bulgaren gewollt hatten. 1989 gab es eine weitere Ausreisewelle. Die Wende war zu erwarten, Krawalle auch, also öffnete man die Grenzen und gab Reisepässe aus. Die Türken durften ausreisen.

Nun waren wir auf unserer Reise durch die Geschichte in der jüngsten Vergangenheit angekommen. Und der Reiseleiter kritisierte die Entscheidungen der ersten demokratischen Regierung des Landes in der Nachwendezeit, der BSP. Sie habe die LPGS/Kolchosen vorsätzlich zerschlagen und alles schlecht geredet und zerstört, was die Kommunisten aufgebaut hatten, auch wenn eine einfache Anpassung an die neuen Zeiten gereicht hätte. Das sei ein zu radikaler Schnitt gewesen und hätte viele Bereiche der Landwirtschaft unnötig ruiniert. Die Landwirtschaft komme jetzt erst so langsam wieder auf die Beine.

Er gab auch zu bedenken, dass Bulgarien nicht bereit sei für die EU. Das Land brauche die EU auch nicht. „Ein Blocksystem hatten wir 45 Jahre lang, nur ohne Euro“, meinte er. Aber es gäbe derzeit keine andere Möglichkeit zur Weiterentwicklung des Landes. Er sagte, frei nach Churchill: „Die EU ist nicht die optimale Lösung, aber eine bessere ist derzeit nicht bekannt.“

Womit er uns bekannt machte, ist die bulgarische Autofahrweise. Vor 20 Jahren, als die Jungs und Mädels nur so kümmerliche Klapperatismen fuhren, ist uns das nicht aufgefallen. Jetzt, da sie ein paar ordentliche PS unterm A*** haben, war der Blick auf die Straße streckenweise interessanter als die launigen und kompetenten Ausführungen des Reiseleiters. Himmel, nee, die Leute fahren wie die Henker! „Balkanfeuer am Steuer“ nannte Michail das. Da wird überholt, dass einem Angst und Bange wird. Nie reicht das, nie, denkt man, und hört es im Geiste schon krachen. Ach was – da wird halt irgendwie Platz gemacht und wieder eingeschert. Nix passiert, keine Aufregung, passt schon.

„Wir brauchen keinen Krieg mehr“, sagte Michail. „Wir rotten uns mit Hilfe des Straßenverkehrs aus.“ Keinen Meter würde ich dort fahren! Abgesehen davon, dass nur die großen Städte auf Lateinisch auf den Wegweisern stehen und ich nicht schnell genug kyrillisch lesen kann um mich danach zu orientieren. Über das Buchstabierniveau eines Erstklässlers bin ich nie hinausgekommen. Kunststück – wenn ich die Schrift nur alle 20 Jahre mal brauche!

In der Nähe von Mokren kam plötzlich ein Fahrgast von ganz hinten im Bus nach vorne und meldete dem Reiseleiter: „’Tschuldigung, da hinten qualmt’s!“. Es stellte sich heraus, dass der Auspuff defekt war. Beim nächsten längeren Halt in Sheravna wurde das Malheur dann beseitigt. Die Busse sind eben keine Neufahrzeuge sondern solche, die in anderen Ländern bereits wegen Altersschwäche ausgemustert wurden. Das sollte uns bei unserem Ausflug nach Nessebar noch eine lustige Begegnung bescheren, aber dazu später mehr.

Noch waren wir unterwegs nach Sheravna und erfuhren weitere interessante Details. Die wasserreichen Wälder sind reich an Wild: Hirsche, Wildschweine und Wölfe. Die Jagd wird streng kontrolliert. Wölfe gibt über 2.000, es sollten aber nur 200 sein. Pro abgeschossenem Wolf bekommt ein Jäger 100 Leva und Holz zum Heizen. Braunbären, von denen rund 800 wild in Bulgarien leben, stehen unter Naturschutz, was nicht zuletzt der Brigitte-Bardot-Stiftung zu verdanken ist. Den Bärenführern, die mit den Tieren auf den Jahrmärkten auftraten, hat man 10.000,- Leva geboten, wenn sie ihren Bären abgeben. Nicht alle gingen darauf ein, weil die Bären ihre Existenzgrundlage sind.

Vor der Wende stahlen Wilderer für die Bärenführer („Zigeuner“, sagte Michail) zweijährige wilde Bärenkinder. Pro Bärenkind bekamen sie 20.000,- Leva. Es war aber auch ein verdammt gefährlicher Job. Zu zweit zogen sie los Wenn die Bärenmutter auf Futtersuche war, schnappt sich der eine Wilderer den Welpen und flieht mit ihm in den bereitstehenden Geländewagen. Der Fahrer hat ein Gewehr und schießt notfalls auf die Bärin. Oder auf seinen Kumpel, wenn die Bärin ihn erwischt.

Nach all den Informationen kamen wir zum ersten Ziel unserer Tour, Sheravna, 15 km südlich von Kotel gelegen. Der Name Sheravna kommt vom altbulgarischen Wort für „Wassermühle“. Einen besonderen Charme verleihen der Stadt ca. 200 Holzhäuser aus der Wiedergeburtszeit, deren Architektur früher als Vorbild für die Häuser anderer umliegender Orte galt. Sie stammen aus dem 18. Jahrhundert und haben nur zwei Räume: Ein Zimmer und Vestibül mit Feuerstellen. Aus dem 19. Jahrhundert stammen 2-stöckige Häuser mit offenem Tschardak (Veranda), tief heruntergezogenem Dach und grob bearbeiteten Holzsäulen. Wachsender Wohlstand führte später dazu, dass das Erdgeschoss aus Stein errichtet wurde. Reichhaltige Holzschnitzereien wurden an Fassade und in den Innenräumen in Auftrag gegeben.

Wir besichtigen eins der Wiedergeburtshäuser und beneiden die Leute, die in der Schule Russisch gelernt haben und mit den Beschriftungen an den Exponaten etwas anfangen können.

Die Bulgarische Wiedergeburt

Als bedeutendsten historischen Prozess verstehen Bulgaren jene Epoche im 19. Jh., in der sie das „türkische Joch“ abschüttelten und sich im Dritten Bulgarischen Reich wieder zu einer Nation vereinten. Wie neu geboren empfanden sie sich, als die Türken das Land verlassen hatten, entsprechend nannten sie diese Zeit „Wiedergeburt“. Bulgarische Traditionen wurden wiederbelebt. Das Bürgertum gab Wiedergeburtshäuser in Auftrag, meist zwei- bis dreistöckige Bauten, bei denen die oberen Stockwerke weit über das Erdgeschoss vorkragen. Beim traditionellen Schwarzmeerhaus ist das Erdgeschoss aus Naturstein gemauert, der vorkragende erste Stock ist aus dunklem Holz. Unten lagerten die Vorräte, oben waren wie Wohnräume.

***) Informationen aus dem ADAC-Reiseführer „Bulgarische Schwarzmeerküste“, München 2005, ISBN 3-89905-175-0

Bei einem Spaziergang durch die engen, kopfsteingepflasterten Gassen fühlt man sich in eine andere Zeit zurückversetzt. Sheravnas kleine Kirche, die Nikolauskirche, ist eine Sehenswürdigkeit für sich. Sie wurde von Meistern der Ikonenkunst in siebenjähriger Arbeit mit farbenfrohen Heiligenfresken ausgemalt und verfügt über eine sehenswerte Ausstellung alter Ikonen und Grabsteine. Im Hof steht eine 150-jährige Linde, und davor eine Bank – worauf sich ein Teil der Leute nach der Besichtigung der Kirche schon wieder ausruhen mussten.

Ich hätte fast einen Vogel gekriegt, als Michail in der Nikolaus-Kirche (Sveti Nikolai, 1834) über die Gestaltung der Kirchen, den orthodoxen Glauben, Fest- und Feiertage und Hochzeiten referierte – und in irgendwessen Rucksack unausgesetzt irgendein Gerät eine Melodie düdelte. Handy, Radio, irgend ein bescheuertes Spiel … aber niemand machte Anstalten, das nervige Ding abzuschalten. Wie doof und rücksichtslos kann man sein?

In Sheravna scheint wirklich die Zeit stehen geblieben zu sein. Eselfuhrwerke, Kopfsteinpflaster, (ein uraltes Motorrad mit Seitenwagen, mit dem man sich gegen Gebühr fotografieren lassen konnte, sogar in einer Militäruniform) … Der Reiseleiter erzählte, dass insbesondere an Weihnachten und Silvester alle Quartiere in Sheravna ausgebucht seien, weil alle Welt dort die Feiertage verbringen will. Wenn es schneit, sei es dort wie in einem Wintermärchen.

Bei der Gelegenheit: Gibt’s eigentlich keine einheitliche Transskriptionsform fürs Bulgarische? Am Beispiel des Ortsnamens Sheravna ist mir dieses Manko unangenehm aufgefallen. Sheravna, Jeravna, Zeravna … all diese Schreibweisen habe ich in meinen Reiseführern gefunden. Was das Nachschlagen eines Begriffs ziemlich schwierig macht, wenn man nur die kryillische Schreibweise kennt. Oder den Namen gar nur gehört hat.

Wir fuhren am Fluss Kamcija entlang nach Icera, wo wir unsere Mittagspause verbrachten. Das Restaurant war wie eine Raststätte – eine folkloristisch dekorierte, durchorganisierte Touristen-Massenabfütterungsstätte. Mit Stehklo. Nach einigem Suchen fangen wir in einem Nebengebäude auch Örtlichkeiten westeuropäischer Ausprägung.

Es gab erst mal einen Schnaps, dann Vorspeise, Salat, Weißbohnensuppe (igitt!) und Hähnchenfleisch mit Kartoffeln. Nach dem Mittagessen fing es prompt an zu tröpfeln. Wir gingen trotzdem zu einem weiteren Nebengebäude, in dem Attraktion zu sehen war: eine „Natur-Waschmaschine“, die heute noch in Betrieb ist. Wasser schoss eine Rinne hinunter in einen perforierten Bottich. Dort wirbelten Waschstücke wie Decken und kleine Teppiche herum. Waschpulver verwendet man dort nicht, das ist nur Reinigung mittels Wasserkraft. Wenn man denkt, die Teile sind hinreichend sauber, fischt man sie mit einem Haken aus dem Bottich heraus und hängt sie zum Trocknen auf. Der Reiseleiter erinnerte sich noch an die „Familienausflüge“ seiner Kindheit. Mutter ging zur Natur-Waschmaschine, Vater und die Kinder in den Wald.

Wir fuhren weiter zum Nationalpark und Felsenparadies Karandila in der Nähe von Sliven. Da es regnete, befürchteten wir schon, dass die Seilbahnfahrt ins Tal buchstäblich ins Wasser fallen würde. Es klarte aber auf und so konnten wir uns von den 1000 m hohen „Blauen Steinen“ in einer 20-minütigen Fahrt bis zur 390 m hoch gelegenen Talstation „abseilen“. Gottseidank verstehe ich nichts von den Sicherheitsbestimmungen. Gerhard sah die 30 Jahre alte Anlage mit eher gemischten Gefühlen. Ich genoss nur die Aussicht. Nach einer kurzen Pause in der Talstation – das „Schloss“, das man von dort aus sehen kann ist eine Jagdresidenz – ging es wieder zurück nach Sonnenstrand zu den Hotels.

Das liebe Geld

Wohnen:
Eigentumswohnungen gab es schon vor der Wende.. 99% aller Wohnungen sind Privateigentum. 2/3 der Bulgaren besitzen ein Haus auf dem Land und eine Wohnung in der Stadt.

Am Sonnenstrand an der Promenade verlangt die Bank EUR 6.000,- pro Quadratmeter. Man hat auch schon von Objekten gehört, für die EUR 11.000,-/m² „über den Tisch“ gingen. Zum Vergleich: Auf dem Land kostet ein ganzes Haus mit 3 oder 4 Zimmern EUR 10.000,- bis EUR 15.000,-.

Vor der Wende betrug die monatliche Miete für eine 2-Zimmer-Wohnung 10,- Leva, heute sind es rund 300,- Leva. Löhne und Gehälter sind nicht in gleichem Maße gestiegen, also wohnen Kinder bei den Eltern bis sie heiraten. Wenn sie dann noch immer keine Wohnung haben, bleiben sie mir ihrer Familie bei den Eltern, und so kommt es, dass oft 3 Generationen in einer Plattenbauwohnung leben.

Verdienst und Rente:
Man braucht zwei Verdienste, um als Familie finanziell über die Runden zu kommen.
Die niedrigste Rente beträgt EUR 27,-/Monat, die höchste Rente darf nicht mehr als EUR 200,- betragen. Zusatzverdienst: Landwirtschaft, was auch bis zu einem gewissen Grad Selbstversorgung bedeutet. Und Unterstützung durch die Kinder.

Wir üben „Nichtstun“

Der 23. Juli stand wieder im Zeichen des Internets und der Nachforschungen bezüglich des verschwundenen Koffers. TUI hatte geantwortet, dass sie sich darum kümmern würden, mein Versicherungsberater erklärte unsere Hausversicherung für nicht zuständig und auch aus den diversen Internetforen kamen ein paar brauchbare wenn auch nicht sehr ermutigende Informationen. Alles in allem haben wir mit der Koffergeschichte ziemlich viel Zeit und Geld verbaselt. Eine vage Hoffnung, dass der Koffer auftauchen würde, hatte ich zur der Zeit immer noch. Zumal die TUI-Reiseleiterin uns erzählt hatte, in einem ähnlichen Fall sei der Koffer statt in Bulgarien in Zypern gelandet und dort tagelang herumgestanden.

Gegen 11:30 Uhr ging es an den Strand. Aber das Rumliegen ist nicht so unser Ding. Drei Stunden später packten wir unseren Krempel und zogen mit unserer Fotoausrüstung durch die nähere Umgebung und setzten uns danach auf einen Kaffee in eines der Restaurants des Hotels RIU Helena Sands. Auch wenn wir Gäste der „kleinen 4-Sterne-Schwestet Helena Park“ waren, durften wir außer Pool und Hauptrestaurant alle Einrichtungen von Helena Sands mitbenutzen.

2. Ausflug: Halbinsel Nessebar

Am 24. Juli unternahmen wir eine halbtägige geführte Panoramafahrt durch Nessebar. Zitat aus dem Ausflugsprogramm: „Wecken Sie Ihren Entdeckergeist und lassen Sie sich durch den Charme dieses malerischen unter UNESCO- Schutz stehenden Städtchens verzaubern. Spüren Sie den geschichtlichen Geist beim Schlendern durch die alten Gassen. Bei der Fotopause am Attraktionslokal „Hanska Shatra“ werden Sie von dem wunderschönen Panorama auf den Sonnenstrand und Nessebar Bezaubert sein.“

Ich erinnerte mich nämlich an den Bericht meiner Eltern – erfahrene Bulgarien-Touristen –, die einmal ohne Reiseleiter in Nessebar waren. Die Bildunterschrift in meines Vaters Fotoalbum lautet: „Ohne jegliche Information stolperten wir durch die Ruinen“. Das sollte uns nicht passieren. Wenn wir irgendwo sind, möchten wir auch ein bisschen etwas über den Ort erfahren.

Um 9:30 Uhr fuhren wir vom Hotel aus los. Die Namen der Reiseleiter und des Busfahrers waren leicht zu merken: Die Reiseleiterin hieß Maria, der Fahrer Josef.Auch beim Abklappern der anderen Hotels und dem Aufsammeln der übrigen Tour-Teilnehmer kann man was lernen. Die Ampeln sind ganz praktisch – sie haben eine „Countdown-Anzeige“, die bekannt gibt, wie viele Sekunden es bis zur nächsten Umschaltung auf Rot oder Grün dauert. Da weiß man dann, ob sich das Durchstarten noch lohnt oder ob man besser stehen bleibt.

Im ADAC-Reiseführer ***) steht über Nessebar: „Römische Ruinen, byzantinische Kirchen und Holzarchitektur der Wiedergeburtszeit säumen die Gassen des Ferienzentrums. Weit ins Meer hinaus ragt die inselartige Landzunge, auf der sich das historische Städtchen Alt-Nessebar (8.000 Einwohner) drängt. Ein 400 m langer Straßendamm verbindet es mit der Festlandküste, an der sich die modernen Wohnhäuser von Neu-Nessebar erstrecken. Sie gehen im Norden beinahe nahtlos in das beliebte Ferienresort Sonnenstrand über.“ Die Altstadt, vor rund 4.000 Jahren von den Thrakern gegründet, gilt als eine der ältesten Siedlungen Europas und steht auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes.

Im 6. Jahrhundert v. Chr. kamen dorische Siedler zu den Thrakern dazu, und schon bald stieg das Fischerdorf, jetzt eine griechische Kolonie, zu einem Zentrum für Handel und Kultur auf. Die Reste der Stadtmauer aus jener Zeit ist heute noch am Ortseingang zu sehen. Befestigung hin oder her – das nutzt alles nichts, wenn sich keiner wehrt. Im 1. Jahrhundert v. Chr. übernahmen die Römer und im 4. Jahrhundert n. Chr. die Byzantiner die Herrschaft über Nessebar, ohne dass die Bevölkerung Widerstand geleistet hätte. Wie das so ist mit Inseln und Halbinseln – es gibt ein dauerndes Hin und Her von Herren. Nach den Byzantinern gehörte Nessebar zum Ersten Bulgarischen Reich unter Khan Krum, dann kamen die Kreuzritter, die die Halbinsel aber umgehend wieder an Byzanz verschacherten. 1453 kamen die Türken, 1878 die Befreiung durch die russische Armee, die Halbinsel war nun bulgarisch – und ab 1959 kamen schließlich die Touristen.

Reiseleiterin Maria führte uns in die Stefanskirche. Das ist die „neue Metropolitenkirche“ aus dem 10. Jahrhundert mit Wandmalereien aus dem 16. Jahrhunderts. Maria erklärte uns, was die Besonderheiten einer orthodoxen Kirche ausmacht und was sie von den katholischen und evangelischen Kirchen unterscheidet, wie wir sie in Deutschland kennen. So lange wir im Hof der Kirche standen, hatte ich gleichzeitig unterhaltsame Aussicht auf das gegenüberliegende Schwarzmeerhaus, bei dem auf jeder Fensterbank eine Katze lag. Da lebten anscheinende Tiere in allen Mustern und Farben: rote, gescheckte, getigerte …

In orthodoxen Kirchen gibt es keine Sitzbänke, man steht während des Gottesdiensts. Und es gibt auch keine Orgel, keine Instrumentalmusik, sondern nur einen Chor. Maria erklärte uns den Aufbau einer typischen Altarwand, die auf den ersten Blick aus furchtbar vielen Ikonen besteht: In der unteren Reihe sind Medaillons, die Pflanzen und Tiere darstellen. In der Mitte befinden sich die größten und wichtigsten Ikonen, immer in der selben Reihenfolge: Der Heilige, dem die Kirche geweiht ist – Maria – dann kommt die Tür – und rechts die Jesus-Ikone. Darüber kommt eine Reihe kleinerer Ikonen mit der Darstellung von Heiligen uns Szenen aus dem Leben von Maria und Jesus. Und zu oberst befindet sich das Kruzifix.

Der älteste Sakralbau Nessebars ist die Alte Metropolitenkirche Starata Metropolia,auch Sveti Sofia genannt. Sie wurde im 5. Jahrhundert der Insel errichtet. Heute sieht man nur noch Überreste davon, aber die sind sehr eindrucksvoll – und gehören zu den beliebtesten Fotomotiven von Nessebar. Du kannst nie ein Foto machen, durch das dir nicht mindestens ein Mit-Tourist durchlatscht. Man sieht zweistöckige Arkaden und kann anhand der Fundamente noch den ursprünglichen Grundriss der Kirche erkennen.

Mehr als 40 Kirchen soll es ursprünglich auf der Halbinsel gegeben haben, da jeder, der über ein gewisses Vermögen verfügte, eine Kirche stiften musste. Heute sind nicht mehr alle erhalten, aber es gibt mehr als genügend. Manche dienen heute ganz weltlichen Zwecken wie die Kirche Christos Pantokrator aus dem 13. Jahrhundert, die als Kunstgalerie genutzt wird. Die Fassade gliedert sich in mehrere Reihen von Blendbögen und Friesen, die mit bunten Keramikplättchen dekoriert sind.

Der Halbtagsausflug nach Nessebar war gut, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen und ein paar Informationen zu bekommen. Denn wie es so ist bei überschaubar großen Touristenzielen: Man tappt sich gegenseitig im Weg herum. Zudem muss man noch dauernd aufpassen, dass man den Anschluss an seine Reisegruppe nicht verliert. Wir konnten weder an den Einkaufsständen herumkramen noch in Ruhe fotografieren. Und so beschlossen Gerhard und ich, zu einem späteren Zeitpunkt auf eigene Faust nach Nessebar zurückzukommen und uns alles noch einmal ohne Hektik anzuschauen. Ist ja vom Sonnenstrand kein Problem: Es gibt Bootsüberfahrten und Busse, und so kommt man problemlos hin und her.

Unsere Nessebar-Tour war jetzt eigentlich schon wieder zu Ende. Eine Station gab es noch, ehe uns der Bus wieder bei unseren Hotels absetzen würde: Das hoch auf einem Berg gelegene Folklorelokal Hanska Satra, über der Bucht am nördlichen Ende von Sonnenstrand. Es ist wie ein Khan-Zelt gebaut und bekannt dafür, dass man dort gut essen kann und dass es ab 21:30 Uhr ein Unterhaltungsprogramm gibt, Variete mit Ballett sowie Akrobatik mit Einrad, Jongleur und Clown. Wir fuhren nur hinauf um von der Sonnenterrasse aus einen tollen Blick über den gesamten Sonnenstrand zu genießen.

Am frühen Nachmittag waren wir wieder im Hotel. Gerhard reichte es noch, im Fernseher das Formel-1-Rennen zu verfolgen. Mich interessiert das ja gar nicht, und normalerweise hätte ich mich irgendwo an den Pool gesetzt und hätte gelesen, aber da ich mir mein bisschen verbliebenen Lesestoffs gut einteilen musste, filzte ich die Informationsordner der Reisegesellschaften auf der Suche nach interessanten Fakten. Und ich wurde fündig.

Wirtschaft

Vor der Wende:
Bulgariens Wirtschaft ist komplett in der RWG (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) eingebunden. Allein 82% der Exporte und 70% der Importe werden innerhalb der RWG abgewickelt. So geht noch 1987 67% des Exports in die SU und umgekehrt bezieht Bulgarien von dort 57% der Importe. Viele Güter und Dienstleistungen des täglichen Lebens werden subventioniert.

Nach der Wende:
1989 versucht die Regierung ein „Programm des radikalen marktwirtschaftlichen Kurses“ durchzusetzen. Die heimische Wirtschaft wird schockartig dem Weltmarkt ausgesetzt. Subventionen für Lebensmittel, Dienstleistungen und Treibstoff sind aufgehoben, was eine Preisexplosion von mehreren 100% zur Folge hat. Rente und Löhne steigen allerdings nicht, so dass das Einkommen der Bevölkerung radikal sinkt und die Mehrheit unterhalb der Armutsgrenze lebt.

Mit ihren Produkten soll sich die bulgarische Wirtschaft auf dem Markt behaupten. Das ist schwierig, da die sozialistischen Staaten und die Länder der III. Welt selbst große wirtschaftliche Probleme haben und als Handelspartner keine große Rolle spielen können.

Auch von Struktur und Qualität her ist die bulgarische Industrieproduktion dem Wettbewerb mit Produkten der entwickelten Industrienationen kaum gewachsen. Landwirtschaftliche Erzeugnisse scheitern an den von Überproduktion und Zollschranken gekennzeichneten europäischen Markt. Auch die Privatisierung staatlicher Unternehmen ist schwierig. Kleinere Unternehmen kann man versteigern, bei den großen lassen veraltete Produktionsanlagen eine künftige Rentabilität fragwürdig erscheinen.

Vor allem junge und gut ausgebildete Bulgaren verlassen aus Mangel an beruflicher Perspektive die Heimat, was einen wirtschaftlichen Neuanfang nicht erleichtert. Die weitere wirtschaftliche Entwicklung Bulgariens ist ungewiss und bleibt abhängig von mehreren Innen- und Außenfaktoren, vor allem von der Außenwirtschaftspolitik der EU-Länder.

(Informationen aus dem Informationsordner der TUI)

Im Dschungelcamp

Am 25. Juli folgten wir unserer Urlaubsroutine: Morgens, wenn es noch nicht so überlaufen ist, die Strandpromenade mit all den kleinen Lädchen und Ständen entlanggehen und bei Bedarf etwas einkaufen. Bei der Gelegenheit stellte sich die Frage, ob’s denn in Bulgarien keine Herren überhalb der „Heringsklasse“ gibt. Wir hatten wirklich Schwierigkeiten, T-Shirts zu finden, die Gerhard passten. XL oder gar XXL muss da ganz was Außergewöhnliches sein. Gibt’s denn da keine „pfundigen“ Herren – oder lag es einfach daran, dass das Angebot eben nur auf Teenager zugeschnitten ist?

Bei Shirts hatte ich keine Schwierigkeiten. Eine Händlerin mit einem besonders interessanten Angebot kannte mich schon. Die fand’s witzig, dass ich einkaufte und der Mann zahlte. Ich hab gelacht und gesagt, ich fände das in Ordnung. Seitdem hat sie immer gegrinst wenn sie uns sah und besonders freundlich gegrüßt.

Bei einer markanten Strandbar, die aus Baumstämmen gebaut und mit Stroh oder einem binsenartigen Material gedeckt war, kehrten wir ein und blieben ein bisschen zum „Leute-Beobachten“ sitzen. Wir nannten die Bar immer „Dschungelcamp“. Es stand weit und breit kein Name dran, und erst kurz vor unserer Abreise entdeckten wir eine Getränkekarte, auf der „The Grey Pub“ stand. Wenn wir keine Lust mehr hatten, gingen wir am Strand entlang zurück zum Hotel. Von der Bar bis zum Hotel dauerte es ca. 35 Minuten. Manchmal auch länger, wenn es wieder interessante sportliche Aktivitäten zu bestaunen gab. Start oder Landung von irgendwelchen Fallschirmfliegern, Wasserski-Fahrversuche aller Art, Todesmutige, die auf Jetskis allerlei akrobatische Übungen vollführten oder ein Boot, das nicht so wollte wie sein Eigner.

Gefährliche Szenen gab es schon auch, weil sich alle paar Meter so ein Sportangebot befand und die Boote, Jetskis und all das Gedöns mitten zwischen den Schwimmern und Nichtschwimmern herumgurkten. Da musste man Fuchs und Hase sein und manchmal ganz schön schnell aus dem Weg flitzen, weil ja nicht jeder, mit so einem Gerät unterwegs ist, das auch voll im Griff hat.

Nach der Strandwanderung ging’s noch ein bisschen an den Strand und am Abend kontaktieren wir nochmals unsere TUI-Reiseleiterin Pepa Bebeva wegen des leidigen verschwundenen Koffers. Mittlerweile glaubten wir nicht mehr daran, das Ding jemals wiederzusehen. Sie sagte, dass auch Nachforschungen in anderen Hotels nichts ergeben hätten. Hätte ja sein können, es hat jemand die Koffer verwechselt und irrtümlich meinen mitgenommen – oder weiß der Geier. Jedenfalls war man auch seitens der Offiziellen der Meinung, das würde wohl nichts mehr werden, und ich sollte mich bei meiner Rückkehr mit der Fluggesellschaft in Verbindung setzen wegen einer finanziellen Entschädigung.

Als Abendunterhaltung war ein „Indischer Abend“ an der hoteleigenen Strandbar angekündigt. Die Animateure der Hotelanlage führten eine Show auf. Es war ein mords Aufwand und eine reife Leistung für das Team. Animateur ist schon ein Knochenjob, um den ich die Leute nicht beneide. Kühl war’s. Aber ich hatte keine Jacke – die war leider auch mit dem Koffer zusammen verschwunden.

3. Ausflug: Ab in den Süden

26. Juli: Die Südtour – Kulturgenuss und Naturerlebnis. „Sicher möchten Sie Bulgarien in seiner Vieflfalt erleben. Lassen Sie sich vom Charme des malerischen Küstenortes Sosopol verzaubern. Gneißen Sie die wunderschöne Landschaft auf der Bootsfahrt auf dem Ropotamo-Fluss und entdecken Sie die faszinierende Vogelwelt im Naturschutzpark PODA. Nutzen Sie Ihre freie Zeit beim Bummeln durch die Einkaufsstraßen der größten Stadt an der südlichen Schwarzmeerküste – Burgas.“ So steht’s im Ausflugsprogramm der TUI.

Unsere Reiseleiterin hieß Nellie, und wie immer erfuhren wir unterwegs interessante Fakten: Der Flughafen Burgas wurde 1949 eröffnet und hat mit 4,5 km die längste Landungspiste in Bulgarien. Ersatzflughafen bei schlechtem Wetter ist Istanbul. Der Name Burgas kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Festungsdorf“. Vor Burgas gibt es drei kleine Seen: Madrensko-See, Atanovsko und Burgasko.

Vom Sonnenstrand bis nach Istanbul sind es rund 500 km. Das Strandza-Gebirge ist das Grenzgebirge zwischen Bulgarien und Türkei. Das Wort Strandza kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Schwarzer Grenzfluss“. Dort geht das Meeres- ins Kontinentalklima über und es wachsen Oliven, Zitronen und sonstiges mediterranes Zeug.

Der Name „Schwarzes Meer“ bedeutet eigentlich „gefährliches, stürmisches Meer“. So nannten es die Protobulgaren. Sie kamen aus der Steppe und waren keine guten Seeleute. Sie fürchteten sich vor dem Meer. Schon die Thraker nannten das Meer „aksena“, das heißt „dunkel“. Die Griechen machten daraus „Pontos avxinos“ – ungastliches Meer, fanden das Binnengewässer wohl später nicht mehr so schlimm und änderten den Namen in „Pontos evxinos“ – gastliches Meer.

Der duftende Exportschlager Bulgariens ist das Rosenöl. Im 17. Jahrhundert kam die Ölrose aus Indien über Persien, Syrien und die Türkei in die Täler zwischen Balkan und Sredna Gor – das Rosental. 3 kg oder 1.500 Rosenblätter müssen gesammelt werden um 1 g Rosenöl zu erhalten. Rosenöl kostet von EUR 3.500,- bis EUR 4.500 pro Kilo, es wird hauptsächlich nach Großbritannien und Frankreich exportiert und findet in der Kosmetik- und Pharmaindustrie Verwendung.

Die Ölrose blüht nur im Frühjahr. Sie muss morgens zwischen 4 und 9 Uhr geerntet werden. Nur wenn sie noch von Tau benetzt ist, entfaltet sich ihr ganzes Aroma und die Ölausbeute ist am höchsten. Früher wurde die Arbeit vielfach von Schulkindern erledigt. Sie gingen dann nach der Rosenernte zum Unterricht.

Glaubt man Ovid, hat Bulgarien zwei seiner markantesten Gebirge einem anmaßenden Liebespaar zu verdanken. Haemus und Rhodope nannten sich Zeus und Hera. Das Götterpaar war darüber nicht erfreut und verwandelte die beiden in Gebirge: Haemus in den Balkan, der Bulgarien von West nach Ost in zwei fast gleiche Teile teilt, und seine Geliebte in den Gebirgszug der Rhodopen. Dieser liegt in Süden des Landes und gehört zum thrakisch-mazedonischen Bergmassiv.

Die Rhodopen waren auch die Heimat von Orpheus, dem „ersten Musiktherapeuten“. Er soll im 1. Jahrhundert v. Chr. in den Rhodopen geboren worden sein. Sein Gesang und Leierspiel hat Menschen wie Götter gleichermaßen beeindruckt. Als seine Frau Eurydike starb, machte er sich auf den Weg in die Unterwelt um sie zu retten. Mit seiner Musik rührte der den Gott er Unterwelt, Hades, so sehr, dass er Eurydike tatsächlich gehen ließ. Doch Orpheus machte einen Fehler: Er drehte sich nach ihr um – und verlor sie für immer.

Die Legende vom Ropotamo

Einst verliebten sich ein Pirat und Ro, die schöne Tochter eines persischen Kaufmanns, unsterblich ineinander. Vor dem darüber erbosten Vater floh das junge Paar in ein dicht bewaldetes Flussdelta an der felsigen Schwarzmeerküste. Schließlich schenkte der Pirat seiner Geliebten ein goldenes Boot, mit dem sie Ausflüge entlang der Küste und auf dem Fluss unternehmen konnte. Wann immer nun griechische Kauffahrer das Mädchen in ihrem goldenen Boot sahen, wussten sie sich nahe der Flussmündung und nahmen sich vor den dortigen Untiefen in Acht. Zum dank nannten sie den Fluss künftig nach dem Mädchen „Ropotamo“, also „Fluss der Ro“.

***) Informationen aus dem ADAC-Reiseführer „Bulgarische Schwarzmeerküste“, München 2005, ISBN 3-89905-175-0

Wir kamen zur ersten Station unserer Tour: Die malerischen Flussniederungen des Ropotamo, 17 km vor Sosopol. 50 km lang ist der Fluss, der im Strandza-Gebirge entspringt und ins Schwarze Meer mündet. 40 Minuten Bootsfahrt warteten auf uns. Rudern mussten wir nicht – das Boot hatte einen Motor und einen erfahrenen Bootsführer.

Der Motor wühlt das Wasser auf und damit die Fische. Das wussten auch die Kormorane, die unermüdlich hinter uns her schwimmen und tauchten. Leider gelang es uns nicht, einen der Vögel im Flug zu fotografieren, sie waren einfach zu schnell. Bei den Schildkröten klappt es besser – die sind nur weit weg, liegen aber ruhig und gemütlich in der Sonne.

Wie Bulgarien zu seiner schönen Landschaft kam

Reiseleiterin Nellie erzählte uns diese kleine Legende: „Gott gab den Engländern die Macht, den Franzosen die Freude, den Deutschen Die Disziplin. Als aber die Bulgaren abends von der Feldarbeit kamen, arm gekleidet, wie das bei einfachen Bauern nun mal der Fall ist, war nichts mehr für sie übrig. Also gab Gott ihnen alles, was er noch an Landschaften übrig hatte: Berge, fruchtbare Ebenen und Meer. So kam Bulgarien zu seiner schönen Landschaft.

Wir kamen am Löwenkopf-Felsen vorbei, der laut Legende brüllen wird, sobald ein treuer Mann vorbeifährt. Sagte Nellie. Bisher habe er allerdings noch nie gebrüllt … Nellie hatte ohnehin was übrig für kleine Geschichten und Spruchweisheiten. „Die Hoffnung ist die Mutter der Zukunft“ habe ich von ihr gelernt. Und von Reiseleiter Michail das „gegenseitig günstige Geschäft“, die „pflicht-obligatorische Veranstaltung“, die „Krawallerie“ und die „Spontan-Vegetation“. So nannte er das Unkraut. So nenne ich das, was außerplanmäßig in unserem Garten wächst, jetzt auch.

Fotopause machten wir bei Djuni. Das ist ein Feriendorf und liegt 6 km südlich von Sosopol an einem sanften Küstenhang über einer Bucht. Von dort hat man einen Blick auf Kap Maslen, das so genannte „Ölige Kap“. Es heißt so, weil dort viele Schiffe mit Olivenöl an Bord gesunken sind. Dort gibt es Delfine und Seehunde aber keine Haie. Die gibt es allenfalls weiter draußen im Meer.

Wir kamen nach Sosopol, wo wir einen kleinen Stadtrundgang unternehmen und das archäologische Museum besuchen würden. Vor der Stadt sah man schon Archäologen am Stand Ausgrabungen machen. Das gibt es sicher vieles zu finden. Sosopol war bei den alten Griechen die Nekropole Apollonia. Wenn wir unseren Urlaub dort verbracht hätten, wäre vermutlich dauernd bei den Ausgrabungen rumgehangen und hätte die Leute mit neugierigen Fragen genervt. Schon komisch – an Geschichte an sich habe ich kein Interesse, aber an der Ausgrabung alter Artefakte umso mehr. Dabei geht’s aber nur ums Finden und Bergen – restaurieren und katalogisieren können es dann andere.

Selbst in meinen Reiseführern wird zugegeben, dass Sosopol in vielem der Stadt Nessebar ähnelt. In der Tat haben wir im Nachhinein Schwierigkeiten, die Bilder im Kopf auseinander zu halten. Auch Sosopol liegt auf einer Halbinsel und der Stadtkern steht unter Denkmalschutz.

Im 2. Jahrtausend v. Chr. sollen der Legende nach Jason und die Argonauten bei Sosopol gelandet sein. Was dagegen belegt ist, ist, dass es damals schon Handel zwischen den Thrakern und den Phöniziern aus dem Mittelmeerraum gab. Im 7. Jahrhundert v. Chr. kamen nach und nach griechische Kolonisten aus Milet dazu. Sie nannten die Stadt Appolonia Pontica, „Hafen des Apoll“. Über dem Hafen wachte eine 10 Meter hohe Apollostatue, die im Jahrhundert als Siegesbeute nach Rom kam. Im Jahr 330 wurde das Christentum zur römischen Staatsreligion und die Stadt erhielt den Namen Sosopolis, „Stadt der Rettung“. Im 6. Jahrhundert ging die Stadt an Byzanz, wurde 300 Jahre später von Khan Krum erobert. Mitte des 14. Jahrhunderts zerstörten genuesische Kriegsschiffe Sosopol, 1453 kamen die Türken und jetzt sind die Touristen da. So als Halbinsel ist man geschichtstechnisch ganz schön im Stress.

Der Museumsbesuch erfolgte quasi im Schweinsgalopp. Es ist einfach nix, wenn sich diverse Reisegruppen in kleinen Ausstellungsräumen drängen und sich vor den Vitrinen gegenseitig im Bild stehen und auf die Füße treten.

Der Stadtrundgang bot interessante Ein- und Ausblicke. Die Altstadt liegt auf einer länglichen Felsenhalbinsel, und so ein Haus mit unverbaubarem Meerblick, das hätte schon was. An jeder Ecke boten die Hausfrauen und Rentnerinnen Handarbeiten und selbst gekochte Marmelade zum Verkauf an um die Finanzen aufzubessern. Für bestickte oder geklöppelte Tischdecken haben wir in unserem Katzenhaushalt ja keine Verwendung, die liegen immer mit allem, was darauf stand oder lag, abends auf dem Boden. Aber so ein Glas selbst gemachte Feigenmarmelade wäre nicht schlecht gewesen. Irgendwie haben wir nicht schnell genug reagiert. Man hat ja auch immer zu tun, um seine Gruppe nicht aus den Augen zu verlieren.

Auch hier riskierten wir einen Blick in die Läden. Nein, es gibt hier einfach keine T-Shirts für Männer jenseits der Heringsklasse. Alles nur kleine Größen für Spargeltarzan und Co.

Es war recht heiß für einen Stadtrundgang, und so war die Mittagspause im folkloristisch dekorierten Restaurant Viatarna Melnitza, Windmühle, ganz willkommen. Das war keine Touri-Massenabfütterungsstätte, sondern ein Restaurant das auch im ADAC-Reiseführer *** empfohlen wird: „Die Windmühle serviert deftige bulgarische Speisen (…), dazu gibt es manchmal ein kleines Folkloreprogramm.“ Viel essen wollten wir bei der Hitze nicht. Ein Schopska (Salat aus Gurken, Tomaten und Schafskäse) und etwas Kaltes zu trinken war vollkommen ausreichend. Und auch das Klo war sauber und westeuropäischen Zuschnitts. Kein Stehklo.Nach der Mittagspause hatten wir noch ein bisschen Freizeit. Um 14:20 Uhr ging es weiter in Richtung Vogelschutzzentrum PODA.

Vogelschutzzentrum PODA

Das Vogelschutzzentrum PODA liegt südlich von Burgas. Die Bulgarische Gesellschaft zum Schutz der Vögel ist eine unabhängige Naturschutzorganisation. Sie wurde 1988 gegründet mit dem Ziel der Erhaltung der Vögel und ihrer Lebensräume. Sie ist die einzige unabhängige Organisation, die zur Wiedereinbürgerung deiner aus der bulgarischen Fauna verschwundenen Art – dem Mönchsgeier beigetragen hat. Sie ist die einzige Organisation, die ein geschütztes Territorium verwaltet, das Naturschutzgebiet PODA, und die den begehrten Henry-Ford-Preis errungen hat. Sie hat die ersten Naturschutzzentren im Lande errichtet, in Poda und in den Ost-Rhodopen. Sie ist der Partner von Bird-Life International in Bulgarien.

Das Vogelschutzgebiet unmfasst unter anderem offene Wasserflächen, Strand, künstliche Inseln und einen Süßwasserkanal.

Die Fläche beträgt 100,7 ha. Nachgewiesen sind: 161 systematische Einheiten niedere Pflanzen, 231 Arten höhere Pflanzen, 168 Arten Wirbellose, 6 Arten Fische, 15 Arten Lurche und Kriechtiere, 259 Arten Vögel, 18 Arten Säugetiere.

Im Vogelschutzzentrum bekamen wir eine kurze Führung durch die bulgarische Fauna mit Vogelbeobachtung auf der Terrasse. Menschliche Spuren hat man in dem Naturschutzgebiet nicht beseitigt. Das heißt, alte Strommasten blieben stehen. Heute haben Kormorane die Masten als sichere Brutplätze für sich entdeckt.

Danach ging es weiter nach Burgas, wo wir 1 Stunde und 15 Minuten Zeit zum Einkaufsbummel haben würden. So großartig am Einkaufen waren wir eigentlich gar nicht interessiert. Ich hoffte auf eine Buchhandlung oder auf einen Kiosk mit internationaler Presse, wo sie vielleicht eine Ausgabe vom SPIEGEL hätten …

Zunächst einmal gab’s eine Buspanne. Als wir ausstiegen, tropfte aus dem Heck des Busses irgendwelche Flüssigkeit auf die Straße. Ich dachte mir nix dabei, hielt das für Kondenswasser von der Klimaanlage oder so was in der Art. Aber Gerhard ahnte, dass das in dieser Menge nichts Harmloses sein konnte, ging zum Busfahrer und meinte: „Schau mal nach deinem Fahrzeug, da läuft Flüssigkeit aus.“ Der Busfahrer reagierte auch gleich, eilte nach hinten, nahm eine Probe der Flüssigkeit mit der Hand auf und schnupperte daran. Dann zückte er sein Handy … Würden wir wieder nach Hause kommen oder in Burgas stranden?

Zunächst einmal machen wir uns mit den anderen Ausflugsteilnehmern auf den Weg in Richtung Alexandrovska, der Haupteinkaufsstraße. Burgas, stellten wir fest, ist eine Großstadt wie jede andere, nur dass kyrillisch geschrieben wird. McDonalds, die Banken und Spielhallen, die Allerweltsmusik und die Markenklamotten sind jedenfalls da.

Wir spielten ein bisschen mit Fotoaufnahmen von einem großen Springbrunnen herum und fanden dann tatsächlich unterwegs einen Buchladen. Die englische Ausgabe von Harry Potter war plakatiert. Die hatte ich ja einen Tag vor meiner Abreise noch geliefert bekommen und last minute in den Koffer gepackt – richtig, in den, der verschwunden ist … Wir gingen rein in den Laden, und natürlich war der Harry Potter längst ausverkauft. Das zumindest funktionierte noch wie früher. Auch mit der internationalen Presse war nichts los. Aber die Kaufhäuser waren schick.

Als unsere Freizeit sich dem Ende zuneigte, gingen wir wieder in Richtung Bahnhof zurück, wo unser Bus auf uns wartete. Wir holten uns in der Bahnhofskneipe etwas zu trinken und setzten uns im Park auf eine Bank. Da sahen wir unseren Busfahrer in öligen Schrauberklamotten am Bus herumwerkeln, unterstützt von einem Mechaniker im nicht minder öligen Arbeitsanzug. Anscheinend was das doch was Größeres und wir hofften, dass sie es bis zu unserer geplanten Abfahrtszeit schaffen würden.

Es gab nur eine geringe Verspätung, denn sie hatten den Schaden beheben können, während wir in der Stadt unterwegs waren. Der Mechaniker verabschiedete sich, stieg in sein Auto und fuhr weg. Unser Fahrer kletterte mit den schmutzigen Klamotten hinter das Steuer seines Busses. Das passte Nellie, der Reiseleiterin, überhaupt nicht. Sie erhob Einspruch, und der Fahrer zog sein Schraubershirt aus und sein TUI-Fahreruniform-Hemd wieder an und wollte losfahren. Nellie war immer noch nicht zufrieden. Ohne TUI-Krawatte war die Uniform nicht vollständig. Der Fahrer seufzte und fügte sich – und wir fuhren wieder zum Hotel zurück und kamen rechtzeitig zum Abendessen an.

A propos Abendessen: Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie die Leute mit dem Büffet-Angebot umgehen. Die Briten essen täglich Pommes Frites, egal, was es sonst gibt. Und manche laden sich von der Vorspeise bis zum Nachtisch alles auf einen Teller, statt für jeden Speisengang einen Gang zum Büffet anzutreten. Gerhard sagt immer: „Den nächsten, der sich alles von A bis Z auf den Teller haut, frag ich, ob ich ihm einen Mixer bringen soll.“ – „Untersteh dich!“

Urlauber-Routine

Am 27. Juli war nach dem Frühstück wieder ein Besuch im Internet angesagt. Nachschauen, was es in Sachen Koffer Neues gibt und mehr oder minder wichtige Korrespondenz mit diversen Redaktionen und Verlagen. Auf dem Weg in den Computerraum sah ich im Kiosk des Hotels Helena Sands eine neue Ausgabe des SPIEGEL! In Burgas hatten sie keinen, aber bei uns im Hotelkomplex. Meinen Jubelschrei muss man durch ganze Lobby gehört haben. Gerhard ging in den Kiosk und ich in den Computerraum.

Wie ich da so sitze, lese und tippe, stürmt auf einmal wie die wilde Jagd eine Mutter in den Computerraum und macht einen kleinen Jungen zur Sau, der an einem der anderen PCs sitzt und spielt. Offenbar hatte er sich klammheimlich abgeseilt und nicht Bescheid gesagt, dass er zum Internetdaddeln geht. Sie hatte sich Sorgen gemacht, ihn schon ertrunken, überfahren oder entführt gesehen und ihn über eine Stunde gesucht. Die beiden verließen streitend und keifend den Computerraum. Gottseidank, jetzt hatten wir wenigstens wieder unsere Ruhe. Draußen hörte ich noch was von „Stubenarrest“. Mahlzeit!

Danach pflegten wir die übliche Routine: Einkaufen, Dschungelcamp, Strand. Wir fanden tatsächlich einen Verkaufsstand, der große Herrenshirts führte. Nach dem Abendessen gingen wir in die hoteleigene Pianobar. Die liegt etwas abseits auf dem Gelände, hat uns aber immer mal interessiert. Lifemusik ist ja was Feines. War allerdings ein Flop auf der ganzen Linie. Ab 21 Uhr hatte die Bar geöffnet. Kurz nach 21:30 Uhr war noch kein Mensch drin. Auch von einem Pianisten war weit und breit nichts zu sehen und zu hören. Es war kalt, und sie gaben uns nur eine kyrillisch geschriebene Getränkekarte. Hallo? Das ist aber ein bisschen schwach für ein international sein wollendes 5-Sterne-Hotel. Wir standen auf und gingen wieder.

Da ist es in der Strandbar ungleich amüsanter. Und die konnten dort einen guten alkoholfreien Cocktail

:
• Orangensaft
• Grapefruitsaft
• Banane
• Kiwis
• Honig

Das alles jagten sie mal fix durch den Mixer. Haben wir daheim auch schon probiert. Je nach Mischungsverhältnis kommt halt immer etwas leicht anderes dabei raus. Aber trinken kann man’s immer.

Ich glaub’, mich streift ein Bus! Überraschende Begegnung in Nessebar

29. Juli: Besuch in Nessebar. Wir hatten uns ja schon bei der Panoramafahrt nach Nessebar vorgenommen, noch einmal auf eigene Faust auf die Halbinsel zurückzukehren. Verzehrbare Reisemitbringsel für die Verwandtschaft kaufen noch ein paar Postkarten fürs Fotoalbum. Weit war es ja nicht, rund 8 km, und wenn man ein Weilchen am Strand entlang ging, kam man an der Anlegestelle der Boote vorbei, die einen Pendeldienst zwischen Sonnenstrand und Nessebar anboten. Die nahe gelegene „Haltestelle“ war nicht zu verfehlen, sie liegt direkt gegenüber dem kitschigsten aller Hotels in der Gegend, Hotel Victoria Palace, das auch ein Casino beherbergt.

Als bekennendes Landei, das allen Wasseransammlungen, die größer sind als die in einer Badewanne, mit äußerstem Misstrauen begegnet, war ich nicht so überzeugt davon, dass das Bootfahren bei diesen hohen Wellen eine gute Idee war. Sehr vertrauenerweckend sah das Teil nicht aus, und die Skipper hatten eine ganze Weile zu murksen und zu friemeln, bis alles so weit klar war, dass wir ablegen konnten. Ich gebe zu, ich hab mich die ganze Zeit krampfhaft an der Reling festgehalten. Das hätte im Falle eines Unfalles auch nix gebracht, aber es ist ein Reflex. Die ganze halbstündige Fahrt über hatte ich die alptraumhafte Vorstellung, mit dem bisschen Kram, das ich jetzt noch hatte, über Bord zu gehen und dann gar nix mehr zu haben. Nicht nur keinen Koffer mehr, sondern dann auch keine Kamera, kein Geld, keine Papiere … das war alles in meinem Rucksack.

Es ging gut, aber als wir von Bord gingen sagte ich: „Wir sollten mal schauen, wie man mit dem Bus zurückkommt … „ Wo die Bushaltestelle war, wussten wir noch von der Panoramafahrt, nun mussten wir nur noch die richtige Buslinie erwischen, herausfinden, wie man an eine Fahrkarte kommt – und vor allem, wo der Bus am Sonnenstrand überall anhält. Auf eine stundenlange Wanderung zurück zum Hotel hatten wir nämlich keinen Bock.

Wir bummelten über die Halbinsel, sahen uns um, kauften Rosenmarmelade und Postkarten, fotografierten und machten einen kleinen Zwischenstopp in einem Fischrestaurant. Da saß man im Freien direkt am Meer und wir konnten die Möwen beobachten, die in hellen Scharen vor dem Restaurant herumdümpelten und darauf warteten, dass etwas für sie abfiel.

Irgendwann am Nachmittag hatten wir keine Lust mehr und gingen zur Anlegestelle der Boote zurück. Eine Rückfahrt übers Wasser erschien uns weniger umständlich als der Zirkus mit dem Bus. Es standen jede Menge Taxis an der Anlegestelle, und die Fahrer informierten uns schon von weitem: „No Boat!“ Es war also nicht nur meine Angst als Landei gewesen, sondern heute gab es wirklich gefährlich hohe Wellen, und die Boote fuhren nicht mehr.

Also kehrten wir um und gingen die paar hundert Meter zur Bushaltestelle. So weit konnte ich kyrillisch lesen, dass ich die Reiseziele der Busse identifizieren konnte (obwohl ich jetzt, zwei Monate nach der Reise, schon wieder vieles vergessen habe.). Dieser Bus war’s nicht und der nächste auch nicht. Auf einmal horchte Gerhard auf. „Das Geräusch kenne ich!“ Und siehe da – auf einmal fuhr ein Gelenkbus vor, der einen Aufkleber mit deutscher Aufschrift trug: „Einstieg nur mit Mehrfahrtenkarte“. Genau wie bei uns daheim. Auch der Aufkleber mit der durchgestrichenen Eistüte fehlte nicht.

Reiseleiter Michail hatte uns ja erzählt, dass die Reise- und Linienbusse, die hier in Bulgarien fahren, gebraucht im Ausland gekauft werden. Neue seien zu teuer. So gesehen war es nicht so überraschend, hier einen deutschen Bus anzutreffen. Wir stiegen ein und sahen vertraute rot-orange karierte Sitze. Ich sagte: „Das ist doch ein Esslinger Bus! Da klebt bestimmt noch irgendwo der Streckenplan der VVS!“ Wir schauen nach oben, an die Stelle kurz überhalb der Busfenster, wo traditionell diese Pläne kleben – und Bingo! Da hängt das Streckennetz vom Stadtverkehr Esslingen, ein Werbeaufkleber für eine Messe auf dem Stuttgarter Killesberg sowie die üblichen Droh-Aufkleber, die einen darüber informieren was passiert, wenn man ohne Fahrkarte angetroffen wird. Der Bus war nicht nur ein Landsmann von uns, wir waren sicher schon daheim mit ihm gefahren.

Bei uns wurden diese Busse vor ein paar Jahren durch neuere Modelle ersetzt. Die Serpentinen vom Zollberg hätten sie wohl nicht mehr lange geschafft, aber 8 Kilometer auf ebener Strecke zwischen Nessebar und Sonnenstrand hin- und herzufahren, das bringt so ein Bus wohl noch ein paar Jährchen lang fertig.

Für einen Moment erwog ich, meine VVS-Jahreskarte zu zücken, als der Schaffner kam. Ob er das Logo auf der Karte wiedererkannt hätte? Schließlich klebte es mehrfach kuhgroß auf dem Bus. Aber ich nehme stark an, dass Sonnenstrand bereits außerhalb der Tarifzonen liegt, für die unsere Karten gelten. Also ließen wir den Blödsinn, bezahlten brav unsere paar Stotinki – die Preise waren wie bei uns vor 30 Jahren – und fragten den Schaffner, wo wir denn aussteigen mussten, um ins Hotel RIU Helena Park zu kommen. Er gab uns eine Auskunft, mit der wir zum Glück spontan etwas anfangen konnten: Hinter dem Casino, dem Hotel Victoria Palace, hielt der Bus. Nu ja, das war ja dann nicht mehr weit bis zu unserem Hotel.

Natürlich wollten wir die Spuren Esslingens in dem bulgarischen Bus auf Bildern festhalten. Das wäre doch was für unsere Tageszeitung! Anfangs war der Bus proppenvoll. Fotografieren konnten wir erst, als wir uns unserem Ziel näherten und die meisten Fahrgäste unterwegs ausgestiegen waren. Die wenigen Fahrgäste, die noch an Bord waren, werden sich gefragt haben, was es in einem ganz gewöhnlichen Linienbus zu fotografieren gibt.

Leider waren wir in dem Moment zu langsam, den Bus auch von außen vernünftig abzulichten. Wir beschlossen, dies auf jeden Fall noch vor unserer Abreise nachzuholen, was wir in der Tat drei Tage später auch taten. Eine ganze Anzahl Taxifahrer bot uns ihre Dienste an, als wir eine halbe Stunde an der Haltestelle standen und konnten überhaupt nicht begreifen, dass wir lachend und dankend ablehnten. Wir wollten doch nirgends hinfahren, wir wollten nur den Esslinger Bus fotografieren.

Tatsächlich brachte die Esslinger Zeitung am 6./7. August eine kleine Meldung unter der Rubrik „Aufgeschnappt“. Allerdings ohne Bild.

Unsere restlichen Ferientage vergingen mit „Urlauber-Routine“. Das reichhaltige Frühstücksbüffet würden wir daheim vermissen. Und ums Abendessen muss man sich zu Hause auch wieder selber kümmern, inklusive Vor- und Nachbereitung in Gestalt von Einkauf und Abwasch. Dafür würde man zu Hause nicht seine noch halbvollen Tassen und Teller vor diensteifrigen Kellnern und Kellnerinnen retten müssen. Die waren nett und schnell und beim Abservieren mitunter ein bisschen übereifrig. („Halt, das bleibt hier! Da ist noch was drin!“)

Eine interessante Beobachtung machen wir in den letzten paar Tagen beim Abendessen. Wenn man in einem RIU-Hotel anreist, bekommt man am ersten Abend vom Oberkellner einen Tisch angewiesen, an dem man dann jeden Abend sitzt. An einem der Abende saß ein etwas abgerissener junger Mann an einem falschen Tisch. Die Einwände des „rechtmäßigen Tisch-Inhaber“ schien er nicht zu kapieren, und irgendwie regelte sich das. Die Leute fanden anderswo Platz und er blieb sitzen. Wir nannten den einzelnen Gast nur den „Fleischfresser“. Er kam überpünktlich, setzte sich am anderen Tag dann an einen Einzeltisch, an dem die Kellnerinnen sonst ihr Besteck und Geschirr abstellten, lud sich den Teller nur mit Fleisch voll und vertilgte das in einem atemberaubenden Tempo und verschwand wie Gestank. Er redete nichts, nahm keinerlei Beilagen und auch keine Getränke. Für die Getränke hätte er entweder Bargeld oder eine Zimmernummer gebraucht. Ich hatte den Verdacht, er hatte weder noch …

Jede Wette: Der Fleischfresser war kein Hotelgast. Der tingelte bestimmt durch die Hotels, fand sich pünktlich zur Essenszeit ein und fraß sich da kostenlos durch. Eigentlich raffiniert. Ich überlegte mir, ob ich dem Maitre mal was stecken sollte: „Sie, sagen Sie mal, ist eigentlich der Tisch 44 belegt …?“. Ich wollte im Grunde nur sehen, was passiert, wenn der Fleischfresser tatsächlich als unbefugter Schnorrer enttarnt wird … Gerhard es mir ausgeredet. Ich hab’s dann auch gelassen. Es wird bestimmt täglich so viel gekocht, dass für so eine arme Sau auch noch was übrig ist. Ich will gar nicht wissen, was die Küche tagtäglich alles wegschmeißen muss. Nur, falls das Beispiel Schule macht und es mal so weit kommt, dass die eine Hälfte zahlt und die andere Hälfte schmarotzt, sollte man vielleicht doch einschreiten.

Abreise

Das Einpacken ging relativ schnell – wir hatten ja dank des Kofferverlusts kaum Kram. Das bisschen Zeug, das wir für mich gekauft hatten, passte in meinen Rucksack, die Reisemitbringsel (Wein, Feigen- und Rosenmarmelade) in Gerhards Koffer. Er nimmt ja immer so wenig Material mit, dass der Koffer noch halb leer ist. Diesmal hatte er so knapp kalkuliert, dass wir ein paar T-Shirts waschen lassen mussten, um über die Runden zu kommen.

Wenn ich etwas gelernt habe in diesem Urlaub, dann, dass man nicht immer den halben Hausstand mitnehmen muss, wenn man verreist. Inwieweit ich diese Lektion verinnerlicht habe, werden wir im nächsten Urlaub sehen.

Waren wir am 19.7. in aller Herrgottsfrühe angereist, flogen wir am 2.8. noch früher zurück. Um 2:20 Uhr – also mitten in der Nacht – wurden wir am Hotel abgeholt und Richtung Flughafen gefahren. Selbst die Mädels an der Rezeption gähnten. Nachts zieht es sich besonders, wenn man ein Hotel nach dem anderen angurkt und dort die Leute abholt. Und warten muss, weil der eine noch aufm Klo sitzt, und der andere nicht rechtzeitig aus den Federn kam – und sogar umkehren mussten wir, weil einem der jungen Buben unterwegs aufgefallen war, dass er sein Handy im Hotelzimmer vergessen hatte.

Am Flughafen in Burgas waren wir ewig zu früh dran. Wir lungerten müde herum, nirgends war ausgeschrieben, an welchem Gate wir eigentlich zu warten hätten. Wir hatten nur noch genügend Leva für einen einzigen Kaffee, ausländische Währung nahmen sie nicht. Und alle Sitzplätze waren belegt. Nur die kleinen Kinder waren putzmunter, spielten, kreischten, kicherten und johlten. Die haben wohl eine unerschöpfliche Energie.

Endlich wurden wir aufgerufen und konnten an Bord des Flugzeugs gehen. Um 6:20 Uhr landeten wir in Stuttgart. Um 7:15 Uhr würde die Maschine wieder zurück nach Burgas fliegen, mit neuen Urlaubern an Bord. Und hoffentlich auch mit allen ihren Koffern …

Nachtrag: Wie der Koffer-Zirkus ausging

Da wir schon am Flughafen waren, gingen wir zum hiesigen Lost-and-Found-Schalter um die Verlustmeldung des Koffers aufzugeben und die internationale Suchanfrage via Datenbank starten zu lassen, die die Bulgaren aus technischen Gründen nicht machen konnten. Erst zickte das Personal herum, sie seinen dafür nicht zuständig und dürften mir gar nicht helfen, blubber-blubber, blabla, aber wir sind einfach nicht mehr gegangen, also erbarmte sich die eine Dame am Schalter und tippte die Daten ein.

Auch das war, wie man sich denken kann, für die Katz. Der Koffer ist und bleibt verschwunden. Und wenn es mir nicht so geht wie der Kollegin von Gerhards Schwester, deren Koffer nach drei Jahren wieder auftauchte, ist alles für immer verloren.

Meine restlichen Urlaubstage verbrachte ich weniger mit Bügelwäsche als in den vergangenen Jahren – ich hatte ja immer das selbe angehabt – als mit Schriftverkehr. Ich erstellte eine 5-seitige ausführliche Liste des Inhalts meines Koffers. Von allem wollten sie eine Beschreibung, das Kaufdatum und den Neupreis. Und irgendwo stand, man mache sich strafbar, wenn der Koffer gefunden würde, und man finde eine Abweichung. Huch! Als ob ich nach 2 bis 3 Wochen noch wüsste, ob ich x oder x+2 Unterhosen eingepackt habe! Oder ob es drei grüne und vier orangefarbene T-Shirts waren oder das Verhältnis umgekehrt war. Na ja, die Diskussion ist eh akademisch, das Trumm ist vermutlich am Flughafen in Burgas geklaut worden, als es anderthalb Stunden unbeaufsichtigt herumstand.

Ich scannte und tippte, listete auf und kopierte, formulierte und lud Infos und einschlägige Urteile aus dem Internet herunter. Dreimal verschickte ein „Einschreiben mit Rückschein“. Bei TUI hatte ich eine Entschädigung wegen entgangener Urlaubsfreude beantragt. Wenn man das Recht hat, den Urlaub wegen unzumutbarer Bedingungen abzubrechen – und das hat man, wenn am 4. Tag das Gepäck noch nicht da ist – kann man meines Wissens nach mit mindestens 50% Rückerstattung des Reisepreises rechnen. Du hast ja einen Vertrag über Beförderung von Mensch plus Kram. Kommt der Kram mit Verspätung oder gar nicht an, ist der Vertrag nicht erfüllt. Mein Gepäck ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden, also rechnete ich mir gute Chancen aus. Nach 4 Wochen kam ein Scheck über EUR 680,-. Das ist etwas mehr als die Hälfte.

Bei der bulgarischen Fluggesellschaft machte ich Schadensersatz für den Totalverlust des Gepäcks geltend. Auch von dieser Seite kam nach einem Monat eine Reaktion: Eine Überweisung in Höhe von EUR 750,-.
Wenn ihr jetzt aber glaubt, dass ich damit ein gutes Geschäft gemacht habe, dann muss ich euch enttäuschen. Dadurch, dass ich einen sehr teuren Koffer hatte, der erst viermal im Einsatz war, allerdings mit Baujahr 1999 für die Fluggesellschaft wohl nur noch Schrottwert hatte und dadurch, dass meine verlorenen medizinischen Hilfsmittel einen (Wiederbeschaffungs-)Wert von EUR 550,- hatten, bin ich insgesamt auf einem Schaden von rund EUR 400,- sitzen geblieben. Das mit dem billigen Urlaub, das war wohl nix …

Schön und interessant war’s trotzdem. Und sollten wir wieder einmal nach Bulgarien fliegen, dann packen wir unsere Koffer halb-halb, so dass in jedem Koffer für „sie“ und für „ihn“ wenigstens eine Minimalausstattung drin ist und keiner vor dem absoluten Nichts steht, wenn sich wieder mal ein Gepäckstück in Luft auflöst.

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