Wahnsinn im Alltag


Der Sommer war an Pfingsten
Mai 27, 2010, 11:49 am
Filed under: Uncategorized, Wahnsinn im Alltag

Also, Leute, nicht dass wieder jemand sagt, es habe heuer keinen Sommer gegeben! Der hat, so rein wettertechnisch gesehen, am Pfingstwochenende stattgefunden.

Bei meinem Spaziergang hab ich mich gefreut, wieder mal ein paar Klatschmohn-Blüten zu sehen. Ich dachte, die seien längst ausgestorben, genau wie die Kornblumen.

Einen unverbauten Blick in Richtung Schwäbische Alb hat man von der Landschaftstreppe aus.

Und ich hab einen Teil des Pfingstmontag-Nachmittags in der vergnüglichen Gesellschaft von „Dackel Anton“ verbracht. Die Nachbarn dürften mich wieder mal für bekloppt gehalten haben, weil ich auf dem Balkon saß und ab und zu haltlos kicherte. Buchbesprechung folgt.



Günther Bloch, Elli H. Radinger: Wölfisch für Hundehalter
Mai 25, 2010, 12:18 pm
Filed under: Bücher

Günther Bloch, Elli H. Radinger: Wölfisch für Hundehalter. Von Alpha, Dominanz und anderen populären Irrtümern, Stuttgart 2010. Franckh-Kosmos-Verlag, ISBN 978-3-440-12264-8, Hardcover, 191 Seiten, 123 Farbfotos, Format: 16 x 22 x 2 cm, EUR 19,95 (D), EUR 20,60 (A), CHF 34,90 (Schweiz)

Dass der Hund vom Wolf abstammt, weiß jeder. Dass sich viele Theorien, Schlagworte und Modetrends in der Hundeerziehung auf die natürlichen Verhaltensweisen der wölfischen Vorfahren berufen, das wissen Hundehalter, die sich mit der Erziehung ihres Vierbeiners beschäftigen.

Wenn aber vieles, was wir bisher über Wölfe zu wissen glaubten, mittlerweile überholt und veraltet ist, müssten wir dann nicht auch bei der Hundeerziehung umdenken? Dass wir genau das tun sollten, finden zumindest die beiden Wolfsforscher und Hundehalter Günther Bloch und Elli H. Radinger und haben zusammen das Buch WÖLFISCH FÜR HUNDEHALTER geschrieben.

Beide Autoren haben vor rund zwanzig Jahren angefangen, Wölfe in freier Wildbahn zu beobachten. Er im Banff-Nationalpark in Kanada, sie im Yellowstone-Nationalpark in den USA. Und sie haben eine recht genaue Vorstellung davon, was wir vom Familienleben der Wölfe für unseren Umgang mit Hunden lernen können. Natürlich sind Wölfe und Hunde verschieden, aber sie haben auch eine Menge Gemeinsamkeiten, die für die ganze Kaniden-Familie typisch sind.

Die Autoren haben das Buch nach den drei Grundeigenschaften der Wölfe aufgeteilt. Wölfe sind, genau wie Mensch und Hund, sozial, territorial und Jäger. Innerhalb dieser Kapitel werden die neuen Erkenntnisse nach dem folgenden Schema präsentiert:
1. Unter der Überschrift „Behauptet wird …“ findet der Leser Behauptungen und gängige populäre Irrtümer rund um den Wolf, mit denen er als Hundehalter häufig konfrontiert wird.
2. „Fakt ist …“ stellt wissenschaftlich fundierte Untersuchungsergebnisse aus vielen Freilandforschungen vor.
3. „Bedeutung für den Hundehalter“ liefert daraus abgeleitete Tipps für den Umgang mit dem Hund.
4. „Beispiele von frei lebenden Wölfen“ schließlich bringt jeweils ein Fallbeispiel aus den Studien im kanadischen Banff- oder im US-amerikanischen Yellowstone-Nationalpark.

„Alle hier gemachten Aussagen berufen sich auf die Norm und stehen in Einklang mit den Forschungsergebnissen von Wissenschaftlern wie Paul Paquet, Mike Gibeau, Doug Smith, L. David Mech und anderen Freilandökologen. Aber natürlich gibt es immer wieder Ausnahmen.“ (Seite 8 )

Ein Hundeerziehungsbuch ist WÖLFISCH FÜR HUNDEHALTER nicht. Es soll dem Hundehalter aber helfen, anhand von Wolfsverhalten Rückschlüsse auf das Verhalten seines Tieres zu ziehen – und auf seine persönliche Beziehung zum Hund. „Wir Autoren sind davon überzeugt, dass die Erziehung und das Zusammenleben mit unseren eigenen Hunden deshalb so gut gelingen, weil wir wilde Wölfe beobachten, deren Verhalten kopieren und in den Alltag mit einbauen. Und so sehen wir uns als eine Art ‚Dolmetscher’ für Sie und Ihr Tier.“ (Seite 9)

Welche Erkenntnisse der Hundehalter aus diesem Buch zieht, hängt natürlich stark davon ab, was er vorher schon über das Verhalten von Wolf und Hund sowie die Mensch-Hund-Beziehung wusste – und in wieweit er überhaupt bereit ist, Informationen über frei lebende Wölfe auf domestizierte Hunde zu übertragen.

Es ist auf jeden Fall hochinteressant, mehr über das Leben der wilden Wölfe zu erfahren und Parallelen zum Verhalten der (eigenen) Hunde zu ziehen. Man erfährt zum Beispiel, warum die nordamerikanischen Indianer die Raben „Augen der Wölfe“ nennen und dass die Beziehung Hund-Mensch keineswegs einzigartig ist. Es kommt durchaus auch in der Natur vor, dass sich „zwei unterschiedliche Arten sozialisieren, zu Kooperationspartnern werden und sich auf der emotionalen Ebene austauschen.“ (Seite 13) Dass Wölfe und Raben in einer sozialen Mischgruppe zeitlebens eng zusammenleben können, ist sicher nicht allgemein bekannt. Wie diese Gemeinschaft funktioniert, ist faszinierend zu lesen.

Wir erfahren, warum der Begriff „Alpharüde“ veraltet ist und dass wir uns als Hundehalter gar nicht erst bemühen sollen, diese Rolle einzunehmen und den Hund ständig zu dominieren. Und natürlich erfahren wir auch, was wir stattdessen tun sollen, um für eine funktionierende und harmonische Mensch-Tier-Beziehung zu sorgen, in der beide Parteien zufrieden sind. Auf jeden Fall müssen wir die Führung unseres Hundes ernst nehmen. Interessant ist in dem Zusammenhang, wie Leitwolf und Leitwölfin ihren Familienverband anführen und dass es auch da unterschiedliche Temperamente und Führungsstile gibt. Tyrannen lassen sich die im Grunde freundlichen und sozialen Mitglieder einer Wolfsfamilie nur bis zu einem gewissen Punkt gefallen.

Warum man seinen Hund nicht ständig bespaßen muss … warum man ihm eigene Erfahrungen erlauben soll … was man bei der Haltung mehrerer Hunde zu beachten hat … wie man damit umgeht, wenn der Hund seine Menschen zu manipulieren versucht, das sind weitere Lektionen, die man hier lernen kann.

Fesselnd und emotional berührend ist die Schilderung des wölfischen „sozialen Pflegediensts“. Wölfe sind keinesfalls emotionslose Killermaschinen. Familienmitglieder, denen es augenscheinlich schlecht geht – ob sie nun alt, krank oder verletzt sind – werden rücksichtsvoll behandelt und, wenn nötig, vom Familienverband mit Nahrung versorgt. So wird eindrucksvoll beschrieben, wie eine Familie zweieinhalb Monate lang für den verletzten Jungwolf Yukon sorgt – und für seine Mutter, die ihm in der Zeit nicht von der Seite weicht. Den „großen bösen Wolf“, so scheint es, gibt es nur im Märchen.

Wir entdecken, wie Wolf und Hund lernen und ihre Nachkommen erziehen und was das für den Hundehalter bedeutet. Wir lernen, was unbedingt beim Kontakt zwischen Hunden und Menschenkindern zu beachten ist, erfahren Wichtiges über das Spiel- und Kommunikationsverhalten der Kaniden und über ihre Beziehung zu ihrem Revier. Darüber hinaus lernen wir, wie wir uns in Gefahrensituationen am besten verhalten sollen. Auch da kann der Mensch sich einiges vom Verhalten der Wolfsfamilien abgucken. Jagd, Ernährung und Paarungsverhalten sind ebenfalls Gegenstand dieses Buchs.

Neben handfesten Tipps für den Hundehalter-Alltag bietet dieser reich illustrierte Band viele interessante Beobachtungen aus dem Reich der frei lebenden Wölfe. Von der Bisonjagd über den erstaunlichen Burgfrieden mit Beutetieren, vom Beutestreit mit anderen Tierarten über die Belagerung einer Geburtshöhle durch eine fremde Wolfsgruppe. Von Sympathien und Antipathien innerhalb einzelner Wolfsfamilien bis hin zu Romanzen und Enttäuschungen in der Paarungszeit.

Wer durch die lebendige Berichterstattung der Autoren auf den Geschmack kommt und mehr über Wölfe erfahren oder die Arbeit von Wolfsforschern und Wolfsschützern unterstützen möchte, kann dies gerne tun. Im Anhang des Buchs findet man eine Reihe weiter führender Informationen dazu. Wer jetzt allerdings auf die Idee kommt, selbst einen Wolf oder Wolfsmischling halten zu wollen, sollte dies lieber lassen. Diese Tiere gehören nach Meinung der Experten besser nicht in die Hände von privaten Haltern. Warum das so ist, wird auch im Buch erklärt.

Wenn Leser die eine oder andere Erkenntnis gewinnen und als Anregung für ein positives Miteinander von Mensch und Hund aufgreifen, dann hat dieses Buch seine Mission erfüllt. Sollten auf diesem Weg Leser zu Wolfsfreunden und –Unterstützern werden, wäre dies ebenso erfreulich.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
http:// edithnebel.wordpress.com



Mit der Kamera im Garten
Mai 24, 2010, 6:24 pm
Filed under: Wahnsinn im Alltag

Den Strauch mit den weißen Blüten schau ich mir schon länger als potenzielles Fotomotiv an. Er steht bei uns im Garten, sieht gut aus, und keiner weiß, wie er heißt. Heut Früh war endlich mal das Wetter gut genug, um mit der Kamera durch den Garten zu krauchen und interessantes Grünzeugs zu fotografieren.

Weiße Blüten am Strauch

Eine Pfingstrose im Garten meiner Tante

Und nette Stiefmütterchen hat sie auch.

Hinter Gittern: Cooniebert (grau) und Indie (braun) haben mir vom Balkon aus beim Fotografieren zugesehen. Also, ein bisschen knastologisch schaut unser Katzenschutznetz, so vom Garten aus betrachtet, schon aus …



Wege
Mai 23, 2010, 9:16 pm
Filed under: Wahnsinn im Alltag

Ich habe eine Vorliebe für das Bildmotiv „Wege“. Vielleicht sind das noch die letzten Ausläufer meiner Zeit bei der Volksbank … damals war gerade die Werbekampagne „Wir machen den Weg frei“ aktuell, die mit ganz ähnlichen Bildmotiven arbeitete. Nur natürrrlich wesentlich professioneller fotografiert. Den entsprechenden Aufkleber hat der Hausmeister damals auf sein Schneeräumgerät geklebt.

Wie auch immer: Ich war am Pfingstsonntag wieder mit der kleinen Kamera unterwegs und habe folgende Ausbeute mitgebracht:

Reifenspuren im Getreide

Die Landschaftstreppe im Scharnhauser Park

Ein Weg zum ehemaligen Landesgartenschau-Gelände

Die Kastanienalle, zur Abwechslung mal bei schönem Wetter

Die Kastanienkerzen verblühen so langsam

Vorne Kastanienblätter, im Hintergrund Kunst: Die „Sitz- und Flitzhasen“ samt Mohrrübe. Nur die quadratisch-praktischen Gebäude stören …



Kater Indie ist prominent
Mai 23, 2010, 7:38 pm
Filed under: Tierisches

Im „Börsenblatt des deutschen Buchhandels“ gab’s eine Aktion, bei der Leute aus der Buchbranche Fotos von ihren Haustieren einreichen konnten. Ich hab das Heft, wie immer, erst recht antiquarisch als Umlauf in die Finger bekommen, aber trotzdem bei der Aktion mitgemacht. Und siehe da: Indie kam noch rein! Und das haben sie zu dem Foto geschrieben:

Katzen scheinen eine natürliche Affinität zu Büchern zu haben, genauso, wie sie sich doch gern den Platz mit der besten Aussicht sichern, und sei’s zum Schlafen. Edith Nebel, im Marketing von Reader’s Digest beschäftigt, schaut Main-Coon-Kater Indie gern beim Nickerchen zu. Indie ruht sich, wie es sich für einen Kater im Verlagswesen gehört, auf, hinter und zwischen den Büchern aus.
Indie, mit vollem Namen „Merryborn’s Indiana Jones“, hat es zu gewisser Prominenz unter Katzenfans gebracht: Auf der Site des „Literarischen Katzenkalenders“ wurde das Foto der schlafenden Mieze im März zum Photo des Monats gewählt.

Das mit dem Literarischen Katzenkalender hatte ich gar nicht erwähnt, das haben die von selber gewusst. Indie ist halt prominent! 😉

Und hier ist die URL: http://www.boersenblatt.net/377845/?skip=22



Cooniebert als Autoren-Köder

Dass ein Foto von unserem Kater Cooniebert in der Zeitschrift DAHEIM in Deutschland erscheint, ist jetzt kein so großes Wunder. Hier sieht man ihn in der Juni/Juli-Ausgabe 2010. Er ist ja gewissermaßen der „Verlagskater“ und hat schon in –zigtausendfacher Ausfertigung Werbematerialien geziert. Auch wenn der zuständige Manager ihn immer, um mich zu foppen „räudiger Kater“ genannt hat.

Die Botschaft, die der hier Kater illustriert, könnte für Autorinnen und Autoren interessant sein. Und für die Fotografinnen und Fotografen von http://www.pixelio.de! Die Zeitschrift sucht nämlich unter anderem Tier-Fotos und selbst erlebte Tier-Geschichten. Es muss sich nicht zwangsläufig um eine Story mit dazugehörigen Bildern handeln, sie nehmen auch Texte ohne Fotos und Fotos ohne Text. Hier ein Auszug aus dem Aufruf zum Mitmachen:

„Wir suchen keine professionellen Fotos oder Texte. Wir suchen Ihre Schnappschüsse und spontan erzählte Geschichten – zu Themen Ihrer Wahl. Wir lesen jede Einsendung und drucken die besten ab. Nicht immer sofort, sondern je nach Themenplan und Saison. Bei der Aufbereitung helfen wir Ihnen gern. Geben Sie uns deshalb unbedingt eine Rufnummer an. Für alle Fälle! Wir sind gespannt auf Ihren Beitrag. (…) Für veröffentlichte Geschichten oder Fotos bedanken wir uns mit einem Präsent aus dem Verlagsprogramm.“

Zu umfangreich sollte der Textbeitrag nicht sein. Ich hab mal was gehört von so etwa 2700 Zeichen. Wenn also jemand etwas Passendes in der Schublade hat: Nicht zögern, einreichen! Es ist auch kein Hindernis, wenn das Material schon mal im Internet veröffentlicht worden ist.

Adresse:
DAHEIM in Deutschland, Redaktion Magazin, Vordernbergstr. 6, 70191 Stuttgart.
E-Mail: redaktion@daheim-in-deutschland.de
Internet: http://www.daheim-in-deutschland.de/

Autor: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
http:// edithnebel.wordpress.com



Gedränge im Katzenkorb – Geliebte Katze, Juni-Ausgabe
Mai 20, 2010, 4:32 pm
Filed under: Tierisches

Unser heimisches „Gedränge im Katzenkorb“ hat’s in die Juni-Ausgabe der Zeitschrift „Geliebte Katze“ geschafft. Wobei dieses Foto von Cooniebert und Yannick ja noch harmlos ist, weil Yannick da noch klein und handlich war. Wie’s ausschaut, wenn die beiden sich heute zusammen in den Katzenkorb quetschen, sieht man hier: https://edithnebel.wordpress.com/2010/02/21/zwei-coonies-im-korb/



Charlotte Sandmann: Die Erbin – Historischer Roman

Charlotte Sandmann: Die Erbin – Historischer Roman, München 2010, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-24782-5, 330 Seiten, Klappbroschur, Format: 13,5 x 19 x 3 cm, EUR 14,90 (D), EUR 15,40 (A)

Berlin/München, im Sommer 1900: Salome Bottacci, die 22-jährige Tochter einer Opernsängerin und eines Pianisten, mag nach ihrem Unfall vor zwei Jahren kränklich und stark gehbehindert sein, aber sie ist intelligent, selbstbewusst und überaus vermögend. Als sie erfährt, dass ihr Freund aus Kindertagen, Nicholas von Riedenhoff, unter Mordanklage steht, zögert sie keine Sekunde ihm zu Hilfe zu eilen. Nie und nimmer glaubt sie, dass „Nickel“ in rasendem Wahn seine Haushälterin Antonia getötet und zerstückelt hat. Diese Frau war wie eine Mutter für ihn.

Familie hat Nicholas keine mehr, Freunde aufgrund seiner eigenbrötlerischen Art vermutlich auch nicht. Wenn ihm Salome nicht hilft, dann hilft ihm keiner. Da kann ihr die Schwester noch so eindringlich von dem Vorhaben abraten und ihr Schwager, der preußische Geheimrat, noch so herablassend daherreden: Was Salome sich in den Kopf gesetzt hat, das führt sie auch durch. Sie steigt in den Zug und fährt zu „Nickel“ nach München.

„Vor der Begegnung mit hochgestellten oder feindseligen Personen hatte ich keine Angst. Meine Mutter war eine Diva gewesen, selbstbewusst und einnehmend, und wir Mädchen hatten gelernt, dass man sich als Frau nicht unterordnen muss, vorausgesetzt, man war berühmt oder reich oder am besten beides.“ (Seite 35)
Auch Salome beherrscht das ganze Verhaltensrepertoire – von geschäftsmäßig über herrisch und arrogant bis zickig, und weiß, dass es ihr keinerlei Schwierigkeiten bereiten wird, die zuständigen Stellen bei Bedarf gründlich aufzumischen.

Nicholas von Riedenhoff ist vollkommen apathisch und hat an den Mord keine Erinnerung. Zu Salomes Entsetzen sitzt er nicht in Haft, sondern in der Oberbayerischen Kreis-Irrenanstalt, wo er vom Personal schikaniert und schwer misshandelt wird. (Von der modernen Psychiatrie ist man zu der Zeit noch weit entfernt.)

Salome lässt als erstes in der Anstalt den Rauch rein und keinen Zweifel daran aufkommen, dass es üble Konsequenzen haben wird, wenn ihr angeblich „Verlobter“ noch einmal gefoltert werden sollte. Als nächstes feuert sie die zwei gleichgültigen Luschen von Anwälten, die Nicholas längst aufgegeben haben, und engagiert den besten Rechtsbeistand, der am Markt zu haben ist: Orlando Löwelich. Bei der ersten Begegnung klären die junge Frau und ihr neuer Anwalt erst einmal die Fronten:
„Löwelich betrachtete mich nachdenklich. ‚Bevor wir ins Geschäft kommen, möchte ich eines vorausschicken: Ich sehe nicht so aus, aber ich bin sehr teuer.’
‚Ich sehe nicht so aus, aber ich bin sehr reich’, erwiderte ich, ohne eine Miene zu verziehen.’
(Seite 116/117) Die Antwort gefällt dem Anwalt, und der Handel ist perfekt.

Doch gibt es auch Kräfte, die mit allen Mitteln gegen Salome und Nicholas arbeiten: Einer der gefeuerten Anwälte intrigiert gegen die junge Frau. Die Boulevardpresse porträtiert sie als Teufelin, die mit ihrem Geld einen irren Frauenmörder vom Fallbeil freikaufen will. Und dezent im Hintergrund werkeln noch Strippenzieher eines ganz anderen Kalibers …

Wenigstens ist Nicholas nun gut aufgehoben: Salome hat ihn in die Privatklinik von Dr. Lantzinger bringen lassen, der seine Patienten mit ganz neumodischen Methoden behandelt. Und in der Tat erholt der junge Mann sich dort rasch.

Die meisten Menschen halten Nicholas von Riedenhoff ganz selbstverständlich für den Täter: Er ist ein frauenfeindlicher Sonderling mit diversen gesundheitlichen und psychischen Problemen, und er hat sein gesamtes bisheriges Leben in einem alten Gemäuer verbracht, auf dem ein Fluch lastet. Seit Generationen kommt es unter den Bewohnern von Schloss Hockenzell immer wieder zu merkwürdigen Krankheiten und unerklärlichen Todesfällen. Wen wundert es da, wenn ein irrer Hausherr mal eine Angestellte mit einer Axt erschlägt?

Salome, die als Kind oft die Sommerferien auf Schloss Hockenzell verbracht hat, kennt die Spukgeschichten und die unheimliche Atmosphäre des Gebäudes, aber an Flüche glaubt sie nicht. Und dass Nicholas einen Menschen mit einer Axt erschlagen haben soll, erscheint ihr sowieso absurd, und das aus einem recht handfesten Grund.

Polizeikommissär Limberger ist geneigt, Salome zu glauben. Vielleicht steckt ja doch etwas anderes hinter der Ermordung der Haushälterin als die Tat eines Verrückten. Hat die alte Dame vielleicht Einbrecher überrascht und musste deshalb sterben? Oder liegt dem Mord ein Geheimnis im Inneren des Schlosses zugrunde? Immer wieder haben sich Menschen für einen „Schatz“ interessiert, der angeblich im Gebäude versteckt sein soll. Familienschmuck? Diebesgut, das dubiose frühere Schlossbewohner zurücklassen mussten? Oder ist das mit dem Schatz nur Geschwätz, genau wie die Geschichte vom verschwundenen Kind? Aber vielleicht ist ja doch etwas im „bitteren Brunnen“ versteckt, der seit ewigen Zeiten versiegelt ist …

Da wird eine weibliche Wasserleiche aus dem Schlossweiher gezogen. Die Frau wurde erdrosselt und ihre Identität ist eine echte Überraschung. Nun kommt Bewegung in die Ermittlungen. Doch was – und wer – wirklich hinter den beiden Morden steckt, das übersteigt die kühnsten Vorstellungen aller unschuldig Beteiligten …

Charlotte Sandmanns Heldinnen sind ihrer Zeit stets weit voraus und beugen sich nicht dem gängigen Rollenbild einer fügsamen Frau. Ob sie sich aufgrund ihres gesellschaftlichen und finanziellen Status eine eigene Meinung leisten können wie die Kaufmannstochter Henriette aus KALTE ZÄRTLICHKEIT oder die vermögende Salome in DIE ERBIN, oder ob die Umstände sie dazu zwingen wie die stumme, traumatisierte Helena in PARADIES IN FLAMMEN – diese Frauen wissen ganz genau, was sie wollen und was nicht und lassen sich von niemandem die Butter vom Brot nehmen.

Wenn sie sich für einen Partner entschieden haben, halten sie treu und unverbrüchlich zu ihm, auch wenn er eher ein „beschädigter Held“ als ein Traumprinz ist. Gerade in Salomes Fall ist es schwer nachzuvollziehen, was sie an Nicholas findet. Sie fühlt sich ihm verpflichtet und sie hat sich als seine Verlobte ausgegeben, um ihm helfen zu können – gut. Aber warum will sie ihn wirklich heiraten? Vielleicht, weil sie das Gefühl hat, dass sie als Frau mit einer Behinderung keinen anderen Mann bekommt? Nicholas mit seiner Angst vor dominanten Frauen und Salome, die Starke, Selbstbewusste und Energische – das muss doch schief gehen! Manchmal ist es ein Segen, wenn nach dem Happy End rechtzeitig abgeblend’t wird.

Die Krimihandlung ist vertrackt und spannend. Nicht alles wird aus der Sicht Salomes erzählt … und die Passagen, die ein auktorialer Erzähler übernimmt, machen dem Leser klar, dass manches nicht so ist, wie die Heldin glaubt. Und dass sich Salome hier unwissentlich mit Gegnern angelegt hat, die ihr haushoch überlegen sind. Doch DIE ERBIN ist mehr als ein Krimi in historischem Ambiente. Der Roman ist ein Sittengemälde des beginnenden 20. Jahrhunderts und bringt dem Leser ein bedeutendes Stück der Medizingeschichte nahe: die Anfänge der modernen psychiatrischen Krankenhäuser, in denen man auch vermeintlich gefährlichen Kranken höflich, rücksichtsvoll und so sanft wie möglich begegnet.

Die Autorin
Charlotte Sandmann, geboren 1950 in Wien, begann nach verschiedenen Studien- und Ausbildungsstationen zu schreiben. Sie ist in der Erwachsenenbildung tätig, Autorin, Ghostwriterin und Übersetzerin.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
http:// edithnebel.wordpress.com



Tatsächlich – Frühling!
Mai 10, 2010, 8:08 am
Filed under: Wahnsinn im Alltag

Ich gehöre auch zu den Leuten, die im Hier und Jetzt leben und sich, wenn’s draußen kahl, kalt, trüb und verschneit ist, nicht vorstellen können, dass es jemals wieder warm werden wird. Und so staune ich jedes Frühjahr aufs Neue, dass die Birken hinterm Haus tatsächlich wieder „Blätter machen“, dass der Flieder blüht, die Kastanienbäume und die Rapsfelder.

Das ist sicherlich naiv, aber es bringt einen gewissen Respekt vor den alltäglichen Wundern der Natur mit sich. Und das ist ja nicht wirklich schädlich.

Kastanienblüten! Jaja, ich hätte die Spiegelreflexkamera nehmen sollen. Aber die ist mir für Spaziergänge zu schwer.

Ein Rapsfeld! Ich komm seit meiner Kindheit an dem Hof vorbei, aber hatten die da jemals Raps? Sowas wunderschön Quietschgelbes wäre mir doch erinnerlich!

Huch, Monsterbäume! Aliens! Aber es sind nur radikal zusammengestutzte Platanen. Wann sind die eigentlich wieder voll funktionstüchtig? Heuer wird das ja sicher nix mehr mit Zweigen, Blättern, Blüten und Früchten, wenn sie im Mai noch so aussehen?

Ein Fliederbusch! So einen hatten wir hinterm Haus, als ich noch ein Kind war. Anfang der 70-er Jahre ist er dann einem Hausanbau zum Opfer gefallen, genau wie die Birnbäume und der Apfelbaum. Umso mehr hab ich mich gefreut, als ich im Garten unserer jetzigen Wohnung wieder so einen Flieder vorfand. Im März wurde er leider, zusammen mit 6 anderen Sträuchern und Bäumen gefällt. Leute, die etwas davon verstanden, meinten, das Grünzeug müsse weg. Aber irgendwann komme ich schon wieder zu einem Flieder.

Als Kind war ich von allem begeistert, was blühte. Mandelbäumchen, Magnolien, japanische Blütenquitte, Flieder … und ich hätte am liebsten den ganzen Garten voller Bäume und Sträucher gehabt. Heute kann ich verstehen, was meine Mutter dagegen hatte: „Das ist zwei Wochen lang schön, und danach eine Sauerei, die man ständig wegfegen muss.“

Auch den Katern gefällt’s draußen. Gibt ja auch viel zu sehen: Amseln! Elstern! Nachbarskatzen! Menschen auf Rädern! (Beim Anblick eines Inline-Skaters ist Indie fast vor Staunen vom Balkon gefallen.)



Arno Strobel: Der Trakt – Psychothriller
Mai 6, 2010, 12:39 pm
Filed under: Bücher

Arno Strobel: Der Trakt – Psychothriller, Fischer Taschenbucherlag, ISBN 978-3-596-18631-0, Taschenbuch, 359 Seiten, 12,5 x 19 x 2,7 cm, EUR 8,95 (D), EUR 9,20 (A)

„Stell dir vor, dein Mann sagt, er hat dich noch nie gesehen. Und die Leute sagen, du hast nie ein Kind gehabt. Wem kannst du trauen, wenn niemand dir glaubt?“

Seit Sibylle Aurich, 34, leicht verwirrt in einem Krankenhausbett aufgewacht ist, hat sie nur einen Gedanken: Sie muss nach Hause zu ihrem Mann und ihrem 6-jährigen Sohn! Irgendwas ist hier nämlich ausgesprochen merkwürdig: Der behandelnde Arzt erklärt ihr, sie habe nach einem Überfall zwei Monate lang im Koma gelegen. Und sie habe kein Kind.

Niemand kann sich eine Entbindung und sechs Jahre Kindererziehung einbilden. Und niemand, der wochenlang nahezu bewegungslos im Bett gelegen hat, ist körperlich so fit wie Sibylle! Was immer hier abläuft, ist nicht koscher. Bei der erstbesten Gelegenheit türmt Sibylle aus der Klink, barfuß und im Flügelnachthemd.

Doch es wird noch bizarrer: Als die junge Frau ihren Ehemann aus dem Haus klingelt und ihm vor lauter Erleichterung und Wiedersehensfreude um den Hals fällt, reagiert er ganz anders als sie erwartet hat: „Sind Sie verrückt?“, schrie er sie an. „Wer zum Teufel sind Sie und was wollen Sie von mir?“ (Seite 34)

Sibylle versteht die Welt nicht mehr. Johannes Aurich, ihr Mann, auch nicht. Seine Frau ist in der Tat vor zwei Monaten verschwunden. Aber die Dame, die jetzt vor seiner Tür steht, ist nicht die vermisste Sibylle. Und den Sohn, nach dem sie fragt, hat es nie gegeben.

Immerhin, Johannes lässt sie ins Haus. Als Sibylle sich umzieht und sich heimlich die 1.000,- Euro aus ihrem Geheimversteck holt, die eigentlich für ein Geschenk zu Johannes’ Vierzigstem gedacht waren, ruft ihr Gatte die Polizei. Und auch die Kommissare Wittschorek und Grohe bestätigen ihr, dass sie nicht die Frau ist, nach der sie seit zwei Monaten suchen. Und dass die Eheleute Aurich keine Kinder haben.

Dass ihr Mann, aus welchen Gründen auch immer, der Polizei etwas vormacht, das würde Sibylle zur Not noch einleuchten. Doch als weder das Personal der Klinik, aus der sie geflüchtet ist, sie wiedererkennt, noch ihre beste Freundin, ihre Schwiegermutter oder ihr Chef, hat sie nur zwei mögliche Erklärungen: Entweder es ist hier eine gigantische Schweinerei im Gange – oder sie verliert den Verstand.

Wenn sie sich an alles erinnert, aber keiner sie erkennt, dann muss sie jemand einer radikalen kosmetischen Operation unterzogen haben, oder? Aber warum? Sie ist eine unbedeutende Versicherungsangestellte. Und wo kommt die überaus lebendige Erinnerung an den Sohn her, den sie angeblich nie gehabt hat? Wenn sich alles nur in ihrem Kopf abspielt, wer ist dann der blonde Militärtyp mit den eigenartig leblosen Augen, der Sibylle seit Tagen beobachtet? Der ist nämlich sehr real. Ist also doch nicht alles Wahnsinn?

Solange Sibylle nicht weiß, was hier gespielt wird und nicht hundertprozentig ausschließen kann, dass ein kleiner Junge irgendwo verzweifelt auf sie wartet, hat sie keine Ruhe. Sie muss herausfinden, was mit ihr geschehen ist – und mit ihm.

Aber wem kann sie trauen? Ihre einzige Vertraute ist derzeit Rosemarie Wengler, eine schrille und temperamentvolle Sechzigjährige, die bei deiner zufälligen Begegnung mit sicherem Blick erkannt hat, dass Sibylle Hilfe braucht. Aber was weiß Sibylle eigentlich über ihre neue Bekannte?

Was ist mit Christian Rössler? Er spricht Sibylle auf der Straße an und hat offenbar einen plausiblen Grund, ihr zu helfen: Wenn er herausbekommt, was ihr zugestoßen ist, klärt sich vielleicht auch das Schicksal seiner Schwester. Auch sie war nach einem Klinikaufenthalt plötzlich auf der Suche nach einem nicht existierenden Kind und ist dann spurlos verschwunden.

Und wie sieht’s eigentlich mit der Vertrauenswürdigkeit der Polizei aus? Wenn die Kommissare die Geschichte von Rösslers Schwester kennen, wieso gehen ihre Ermittlungen in Sibylles Fall in eine ganz andere Richtung, obwohl die Parallelen unübersehbar sind?

Als wäre Sibylles Leben nicht schon verrückt genug, tauchen in ihrem Kopf mehr und mehr Erinnerungen auf, die nicht von ihr zu stammen scheinen. Die profunde Kenntnis von Liedertexten eines Musikers, den sie nie besonders schätzte, zum Beispiel. Und die Erinnerung an eine Veranstaltung in München, die sie unmöglich besucht haben kann.

Ein Informationsschnipsel aus den Regionalnachrichten lässt Sibylle plötzlich aufhorchen. Jetzt endlich hat sie einen handfesten Anhaltspunkt für ihre Nachforschungen! Und jetzt geht sie aufs Ganze. Erst in einem dramatischen Showdown zeigt sich, wer wirklich Freund und wer Feind ist. Und was mit Sibylle Aurich geschehen ist.

DER TRAKT ist eines der Bücher, die einen so gefangen nehmen, dass man das Essen anbrennen lässt und vergisst, die Kinder pünktlich vom Sport abzuholen. Man will unbedingt wissen, wie die harmlose Büroangestellte aus der Provinz in diese surreale Situation geraten konnte. Und man stellt sich unwillkürlich vor, wie es sich anfühlen muss, wenn einem von jetzt auf gleich die eigene Identität abhanden kommt. Man leidet mit Sibylle und begibt sich mit ihr auf die Suche nach der Wahrheit, ihrem Leben und dem mysteriösen Kind.

Die ganze Zeit über ist der Leser nur unwesentlich schlauer als die Protagonistin. Dass die Lösung des Falls nicht heißen kann: „Sibylle spinnt“, ist von Anfang an klar. Es läuft also eine Schweinerei. Wer dafür verantwortlich zeichnet und warum und was genau gelaufen ist … das erfährt Leser im selben Tempo wie Sibylle.

Genau wie sie weiß man nie genau, wer es nun gut mit ihr meint und wer auf ihre Kosten seine eigenen Interessen verfolgt. Kaum hat man sich eine Meinung über eine Person gebildet, geschieht wieder etwas, das ihre Taten in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. „Ätsch, falsch gedacht! Zurück zu Feld eins und neu spekulieren!“ So scheucht uns Arno Strobel im Zickzack durch seine spannende Geschichte, bis wir ganz atemlos sind. Und nicht in allen Fällen kann man bei dieser Höllenfahrt zweifelsfrei nachvollziehen, was die Nebenfiguren zu ihren Taten treibt.

Dass die Auflösung ein bisschen in Richtung Science fiction und tendiert, ahnt man recht schnell. Doch ob es technisch möglich ist, was hier beschrieben wird oder nicht, ist sekundär. Es geht um Identität, um Wahrnehmung und Realität … um das „was wäre, wenn“. Und das hat der Autor in überaus spannende Unterhaltung umgesetzt.

Der Autor:
Arno Strobel, 1962 in Saarlouis geboren, studierte Informationstechnologie und arbeitet heute bei einer großen deutschen Bank in Luxemburg. Mit dem Schreiben begann er im Alter von fast vierzig Jahren. Arno Strobel lebt mit seiner Familie in der Nähe von Trier. ›Der Trakt‹ ist sein dritter Roman.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
http:// edithnebel.wordpress.com