Wahnsinn im Alltag


Doktor-Zirkus, Finale: Hurra, Rezept ist da!
Januar 16, 2008, 8:22 am
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Na, Leute, geht doch: Kaum latscht man innerhalb von dreieinhalb Wochen das vierte Mal in die Praxis, schon hat man sein Rezept!

„Ich bin jetzt auf dem Weg zu deinem Hausarzt“, hatte der Gatte am Telefon gesagt. „Und dann können sie es sich aussuchen, ob sie lieber mit Dr. Jekyll oder mit Mr. Hyde reden. Ich bin da flexibel.“

Guck an – auf einmal lief es wie geschmiert: Ohne Murren und Knurren händigten sie ihm meine Unterlagen aus, und der Fall war erledigt.

Und warum war das dann vorher so ein mords Galama?



Ines Gerrit Möhring: Unter uns! – Die Frau, der Rapunzelturm und die Sache mit dem Fisch.
Januar 15, 2008, 12:16 pm
Filed under: Bücher

Ines Gerrit Möhring: Unter uns! – Die Frau, der Rapunzelturm und die Sache mit dem Fisch. Das Buch zur wöchentlichen Kolumne in der „Magdeburger Volksstimme“. Magdeburg 2007, Ost-Nordost Verlag, ISBN 978-3-938247-94-5, Hardcover mit Schutzumschlag, mit schwarz-weiß-Fotos, 252 Seiten, Format 21,0 x 13,5 x 1,8 cm, EUR 12,80.

Zu bestellen hier: http://www.buchhandel.de/detailansicht.aspx?isbn=978-3-938247-94-5 oder hier: http://www.directshopper.de/9783938247945-Unter-uns–Mohring–Ines-G-Kolumne-Frauengeschichten-Liebe-_search_p

Cover Unter Uns

Ines ist 40 Jahre alt und hat einen erwachsenen Sohn, als ihr Gatte jäh „die Ehe storniert“. Hals über Kopf flüchtet sie zu ihrer Mutter nach Magdeburg – mit ihrem Cabrio, einer Reisetasche voller Habseligkeiten, dem Cocker-Spaniel Hermann – und ohne Geld.

Mann weg, Job weg, Wohnung weg. Was soll jetzt werden? Von den lebensnotwendigen Dingen wie Unterkunft und Arbeit mal abgesehen: Gibt es denn in der Stadt überhaupt Singles? Wenigstens ein paar Mädels mit Herz, Verstand und Humor, mit denen man Spaß haben und etwas unternehmen kann, um den öden Wochenenden zu entfliehen? Denn mit den Männern ist das ja bekanntlich so eine Sache: Statistisch gesehen ist es wahrscheinlicher, dass eine Frau über Vierzig von einem Terrorristen erschossen wird als dass sie nochmals einen Mann findet. Außerdem wollen gebildete Männer im passenden Alter keine Vierzigjährige als Partnerin sondern lieber eine 25-jährige Kellnerin mit Knackpo.

Ines beginnt, ihr Leben schriftlich zu dokumentieren und ihre Freundinnen mit diesen Berichten auf dem Laufenden zu halten. „Jede Woche flatterte eine neue Folge per Post oder E-Mail nach Magdeburg oder in den Harz.“, erzählt sie auf Seite 46. „Manchmal auch als Cartoon, denn gezeichnet hab ich auch schon immer gern. Von dort gelangte ‚mein Werk’ zur Mama, zur Nachbarin, zur Arbeitskollegin usw. Ich hab mein kleines Leben kommentiert, als wäre es das einer Chaotenprinzessin von Welt und jeder hätte das Anrecht darauf zu erfahren, was Ineskind alles erlebt, erträumt, anstellt, versaut und besser machen will. ‚Hallo ihr Lieben da draußen’, schrieb ich ihnen immer als Überschrift.“

Und weil das ganze kein weinerlicher Weiberkram ist, sondern originell, unterhaltsam und saukomisch, voll wahnwitziger Ideen, menschlicher Wärme und scharfsinniger Beobachtungen, landen die Betrachtungen von Ineskind ab Mai 2006 als wöchentliche Kolumne in der Zeitung: in der „Magdeburger Volksstimme“.

Von nun an kann ganz Magdeburg in der Samstagsausgabe mitverfolgen, was sich im „Rapunzelturm“, Ines’ erster eigener Wohnung, so tut. Ob die eigenen vier Wände auf einmal zur „Sozialstation für gestrandete Ex-Ehefrauen, verlassene Geliebte und betrogene Verheiratete“ wird und Ines sich ernsthaft überlegt, ob sie nicht einen professionellen 24-Stunden-Service für Liebeskummerkranke eröffnen soll … ob Sohnemann ein- und wieder auszieht, zwischendrin übers Essen meckert, mit seinen Kumpels den Kühlschrank leer futtert und den Schreibtisch verwüstet … ob kuschelige DVD-Abende inklusive Dauertelefonate mit der Freundin stattfinden oder ob hektische Aktivität ausbricht bei dem vergeblichen Versuch, ausnahmsweise mal pünktlich aus dem Haus und zu einem Termin zu kommen: der Leser, vorzugsweise die Leserin, ist life dabei, kichert vergnügt vor sich hin und denkt sich ein ums andere Mal: ‚Ach, wie gut ich das kenne! Mit dieser Macke bin ich also nicht allein!’

Liebe Ines, du glaubst ja gar nicht, wie sehr wir mit dir fühlen! Zum Beispiel bei der Sache mit dem Dekorations-Fimmel, den damit verbundenen Kaufrausch-Anfällen und dem aufregenden Leben als „Dispo-Queen“. Nebenbei bemerkt, eine der köstlichsten Wortschöpfungen in diesem Band. Und auch der fortwährende Kampf gegen die Pfunde kommt vielen von uns doch sehr bekannt vor. Samt der demütigenden Erlebnisse im Fitness-Studio, wo man schwer atmend und ungelenk herumhampelt, umzingelt von lauter perfekt gebauten Sport-Barbies.

So nett es ist, mit den Freundinnen und der Schwester um die Häuser zu ziehen oder sich gemütliche Mädels-Abende zu machen: Überall ist man von Pärchen umgeben, und irgendwann bekommt Ines auch wieder Sehnsucht nach einem Partner.

Gar nicht so einfach, sich auf einmal wieder auf dem „Heiratsmarkt“ zu tummeln, wenn man seit mehr als 20 Jahren in Sachen Flirten aus der Übung ist. Auch wenn man, wie Ines, ein offener, kontaktfreudiger Mensch ist und es mühelos schafft, eine ganze Gesellschaft zu unterhalten.

Wo aber findet man vielversprechende Kandidaten? In der Kneipe, im Festzelt oder in der Disco? Vielleicht doch eher über Zeitungsannoncen. Oder gar übers Internet? Ines’ Freundinnen stellen sich zum Teil dieselben Fragen, und so fiebern, lachen und leiden wir Leser mit, wenn es um die Vorbereitungen wichtiger Verabredungen geht … und um die Peinlichkeiten, die sich dann unweigerlich an der Dating-Front ergeben.

In einer Jazzkneipe lernt Ines schließlich einen sympathischen Mann kennen, Sternzeichen Fisch. Auch wenn sie nach ein paar Monaten davon überzeugt ist, dass er der Mann ist, auf den sie die ganze Zeit gewartet hat und dass sich das Warten definitiv gelohnt hat, ist der Fisch augenscheinlich noch nicht bereit, ihr ins Netz zu gehen. Doch Ines ist sich sicher für zwei. „So ist sie also, die Sache mit dem Fisch, der sich nicht fangen lässt. Werde mir eine erfolgversprechende Angelmethode ausdenken müssen. Oder Köder kaufen? Ein Netz? Lockstoffe? Wie auch immer, ich gebe nicht auf.“ (Seite 197)

Wird Ines ihren Fisch bekommen? Wird ihr Single-Leben bald ein glückliches Ende finden? Das verrate ich hier natürlich nicht. Das sollten Sie am besten selbst lesen!

Wenn ich mich für ein Lieblingskapitel aus diesem Buch entscheiden sollte, ich könnte es nicht. Eines der kreischkomischen vielleicht, wie MÄNNER IN DER KÜCHE? Oder eines mit hohem Identifikationspotential wie ÜBERLEBEN TROTZ DAMENHANDTASCHE oder ERINNERUNGSLÜCKEN? Eines der nostalgischen oder doch lieber eines, in die Autorin über die Liebe und das Leben philosophiert? Ich weiß es wirklich nicht. Auf jeden Fall hat mir das Buch ein höchst erstrebenswertes Lebensmotto beschert, im Kaptitel EINE REISE MIT ERDBEEREN IN DER HAND sowie eine wunderschöne Definition von Freundschaft in MARTHA, MARTHA.

Wenn man das letzte Kapitel beendet hat, legt man das Buch mit Bedauern zur Seite. Es ist ein wenig so, als müsste man sich von einer guten Freundin verabschieden. Ob es die Zeitungskolumne, auf der dieses unterhaltsame Buch basiert, wohl noch gibt? Dann bestünde immerhin noch die Hoffnung auf eine Fortsetzung.

PS: Die Autorenlesungen sollen übrigens – so habe ich mir erzählen lassen – ein ganz besonderes Vergnügen sein. Nichts anderes habe ich erwartet.



Doktor-Zirkus: Der Kampf ums Rezept, vierte Runde
Januar 15, 2008, 8:40 am
Filed under: Wahnsinn im Alltag

Ha! Ich kann hellsehen! Gebt mir sofort eine Show auf Pro 7! 😀 Gestern war ich zum dritten Mal in Sachen „Tabletten-Rezept und Überweisung zum Facharzt“ beim Doc und bin zum dritten Mal unverrichteter Dinge wieder heimgezottelt.

Damit geht der Zirkus in die vierte Runde. Und in die vierte Woche.

Ich hab’s ja schon geahnt. Als ich gestern Abend zwischen zwei Terminen mal schnell zur Praxis spurtete, dachte ich, wenn jetzt noch ein bürokratisches Hindernis zwischen mir und meinem Rezept steht, setze ich mich vor der Empfangstheke auf den Fußboden der Praxis und fange an zu plärren.

Nur: Ich kam nicht einmal in die Nähe der Theke. Als ich vor der Tür stand, sah ich ein Schild: „Praxis heute geschlossen.“

Sackzefix! Hab ich der jungen Dame am Empfang (Ich habe nicht „Wachtel“ geschrieben! Ich habe mich beherrscht!) am Freitag nicht mindestens dreimal gesagt, dass ich das Rezept am Montag Abend abhole? Habe ich. Aber kein Ton von wegen: „Da ist die Praxis aber geschlossen“. Nö. Soll die Alte doch noch mal vergeblich hier antanzen, ist doch mir egal. Oder so.

Jetzt hab ich meine Bessere Hälfte gebeten, doch heute Abend mal in der Praxis vorzusprechen in Sachen Rezeptabholung. Ich habe das Praxisteam per Fax davon informiert, wer kommt. Ich hab ihm meine Versicherungskarte mitgegeben, die Quittung von der Praxisgebührzahlung und er weiß, was ich wann bestellt habe.

Jetzt bin ich mal gespannt, ob es dieses Mal klappt.

Sollte jemand heute zwischen 17 Und 19 Uhr ein paar Donnerschläge hören und Rauchwölkchen über dem Horizont aufsteigen sehen, dann haben sie seinen Abholwunsch abschlägig beschieden und in der Praxis ist grad Achterbahn.

Ach, übrigens, falls sich jemand fragen sollte, hinter welchen Medikamenten ich so verzweifelt herjage: Es handelt sich um Blutdruck senkende Mittel. Die brauch ich auch bei dem Zirkus.

Ob es sich um eine versteckte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme handelt …?



Doktor-Logik
Januar 11, 2008, 8:37 am
Filed under: Wahnsinn im Alltag

DER PATIENT IST KEIN KUNDE!

Ich habe einiges gelernt, seit ich vor 12 Jahren von meinem alten Dorfdoktor zur Kleinstadtpraxis an meinem Wohnort gewechselt habe:

• Dass ich die Mahnung und den Anschiss kassiere, wenn die Dame am Empfang es versäumt, mir meine zehn Euronen Praxisgebühr abzuknöpfen. Ich sollte mir künftig aufschreiben, wenn ich es mir schon nicht merken kann, wann ich das letzte mal in der Praxis war.

• Dass man aus organisatorischen und rechtlichen Gründen als Patient nicht benachrichtigt werden kann, wenn ein Untersuchungstermin ausfällt. Es sei denn, sie erwischen einen beim ersten Versuch persönlich am Telefon. Ausrichten lassen dürfen sie nix, mit dem AB dürfen sie nicht kommunizieren und in der Firma auch nicht anrufen. Wegen des Datenschutzes. Leuchtet ja ein. Man möchte ja auch nicht haben, dass neugierige Sekretärinnen oder die Putzfrau über die persönlichen medizinischen Details informiert sind. Nur wissen sollte man es, dass man sich vorher nochmals telefonisch vergewissern muss, ob es bei dem Termin bleibt, wenn man nicht für die Katz frei nehmen und anreisen will.

• Dass ich den Wunsch nach einer Überweisung zum Facharzt oder nach einem routinemäßigen Rezept einen vollen Arbeitstag vor Abholung schriftlich einreichen muss, habe ich ebenfalls verinnerlicht. Formular ausfüllen, faxen oder persönlich vorbeibringen. Und dass die Faxe manchmal sogar ankommen. Wenn nicht, ist man halt wieder mal umsonst vorgeritten. Dann gibt’s nix und man muss am übernächsten Tag noch einmal vorbeikommen.

• Und seit neuestem weiß ich auch, was sie mit Rezeptwunsch-Faxen machen, die sie kurz vor Ende des Quartals erreichen: Sie stellen das Rezept nicht etwa fürs neue Quartal aus, sie schmeißen die Bestellung kommentarlos weg … weil der Patient ja seine 10 Euronen noch nicht abgedrückt hat. Wer das Medikament, auf das er angewiesen ist, unbedingt haben will, wird sich schon wieder melden. Wer das nicht weiß und nach Ablauf eines vollen Arbeitstags sein Rezept holen will, ist halt wieder mal für die Katz vorbeigekommen. Seufz!

Es hat, wenn man es im Nachhinein erklärt bekommt, schon alles seinen Sinn. Aber ich hab einfach kein bürokratisches Hirn. Von selber komme ich nie drauf, was mein Tun und Lassen für Konsequenzen haben kann. Man merkt es immer erst hinterher, wenn man wieder mal ins Messer gelaufen ist und statt kundenfreundlich informiert vor allen Patienten im Wartezimmer wie ein Schulmädchen in den Senkel gestellt wird.

Ich sollte vielleicht hundertmal schreiben, damit ich es endlich kapiere: DER PATIENT IST KEIN KUNDE. DER PATIENT IST KEIN KUNDE. DER PATIENT IST KEIN KUNDE …



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Januar 9, 2008, 3:11 pm
Filed under: Zzzzzum Schluss: IMPRESSUM



Rudolf Jagusch: Leichen-Sabbat. Tatort Vorgebirge
Januar 3, 2008, 8:52 am
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Rudolf Jagusch: Leichen-Sabbat. Tatort Vorgebirge, Krefeld 2007, LEPORELLO-Verlag, ISBN: 978-3-936783-21-6, Taschenbuch, 239 Seiten, Format: 19 x 11,5 x 2 cm, EUR 9,–

Es gibt Momente im Leben, in denen man am liebsten alles hinschmeißen und am anderen Ende der Welt ganz von vorne anfangen möchte. In einer solchen Situation steckt Kriminalhauptkommissar Stephan Tries vom KK 11 in Köln. Seine Ehe ist gescheitert, seine Mutter ist gestorben, die 20-jährige Tochter hat große Probleme – und nun wird auch noch Kollege Lutz bei einem Einsatz schwer verletzt.

Tries stürzt in eine Krise und braucht eine Auszeit. Er nimmt, sehr zum Missfallen seines Chefs, ein Sabbatjahr, kündigt seine Wohnung und zieht ins baufällige Elternhaus im Vorgebirge. Seit seine Mutter vor 3 Jahren ins Pflegeheim ging, steht das Haus leer. Tries wird sehr schnell klar, dass er bis auf weiteres auf einer Großbaustelle hausen wird. Aber das war es ja, was er wollte: Eine neue Herausforderung, fernab von Mord und Totschlag.

Doch die Probleme, vor denen er zu fliehen versucht, holen ihn sehr schnell wieder ein. Seine magersüchtige Tochter steht mit Sack und Pack vor der Tür und will bei ihm einziehen. Der neue Lebensgefährte ihrer Mutter ist ihr zuwider, deshalb ist sie dort ausgezogen. Klammheimlich. Die Schule hat sie kurz vor dem Abitur abgebrochen und Kommentare zu ihrem gestörten Essverhalten verbittet sie sich. Ermüdende Auseinandersetzungen mit der Ex-Gattin folgen auf dem Fuße.

Und wie das so ist auf dem Dorf: Jedermann weiß, dass „Klaras Sohn“ bei der Polizei ist, also dauert es nicht lange, bis Tries auf einer Beerdigung in einer dienstlichen Angelegenheit angesprochen wird. Charlotte von Berg will bemerkt haben, dass in jüngster Zeit unverhältnismäßig viele ältere und kranke Menschen im Ort verstorben sind. Sie hat die Sterbedaten der letzten Jahre ausgewertet und befürchtet, dass ein Serientäter sein Unwesen treibt. Sie sorgt sich um ihre demente Mutter, die als bettlägeriger Pflegefall auch zur „Zielgruppe“ des mutmaßlichen Mörders gehört. Stephan Tries soll der Sache nachgehen.

Tries tut Charlottes von Bergs Verdacht zunächst als fixe Idee ab, genau wie die anderen im Ort, denen sie davon erzählt hat. Doch weil ihm die Dame sympathisch ist und es bei den Todesfällen tatsächlich eine merkwürdige statistische Häufung gibt, sieht er sich ihre Aufzeichnungen an und macht sich ein paar Gedanken dazu.

In der Tat mangelt es nicht an Verdächtigen. Da ist Dr. Marchiat, der Hausarzt der Gemeinde, der vielleicht Kunstfehler zu vertuschen hat. Und eine kräuterkundige Krankenschwester im Unruhestand, die jetzt privat Kranke betreut und einen ihrer Patienten bereits beerbt hat. Handelt sie aus Habgier? Auch Krankenpfleger Henning Baumeister kommt in Frage. Er ist zwar professionell im Umgang mit seinen Patienten, hat aber Schulden und eine zweifelhafte Vergangenheit. Was ist mit Detlef Schlierer, Stephan Tries’ Nachbar? Ein penibler Sonderling, der Selbstgespräche führt und in merkwürdige Geschäfte verwickelt ist. Und Charlotte von Berg selbst? Sie kannte alle Verstorbenen und machte oft Krankenbesuche. Es gibt Serientäter, für die öffentliche Aufmerksamkeit wichtig ist. Für sie bedeutet es einen zusätzlichen Kick, die Polizei mit der Nase auf ihre Taten zu stoßen. Also kommt auch sie auf die Liste der Verdächtigen.

Es ist kein leichter Fall für Stephan Tries. Den Täter in einer anonymen Großstadt zu suchen, ist eine Sache. Im Mikrokosmos des eigenen Heimatdorfs zu ermitteln, unter Schulkameraden, Nachbarn, Jugendfreunden und Bekannten eine andere. Erschwerend kommt hinzu, dass er derzeit nicht im Dienst ist und keinerlei offizielle Befugnis hat.

Hausarzt Dr. Marchiat hält die Sache mit dem Serientäter zwar für ein Hirngespinst und ist auch nicht besonders angetan davon, dass man seine Angaben auf den Totenscheinen anzweifelt, aber er bietet Stephan Tries an, ihn zur nächsten Leichenschau mitzunehmen. Die lässt nicht lange auf sich warten. Der alte Herr Reuter liegt tot in seinem Bett. Sein Pfleger Henning Baumeister hat ihn gefunden. Und es besteht kein Zweifel: Reuter wurde ermordet. Und er wurde bestohlen.

Statt den Mordfall bei der Polizei anzuzeigen, schließt Dr. Marchiat seine Praxis und verschwindet. So verstreicht wertvolle Zeit. Es dauert Tage, bis Stephan Tries klar wird, dass seine Kollegen nichts unternehmen, weil sie gar nichts von dem Mord wissen. Er informiert sie schließlich selbst. Und trifft eine verhängnisvolle Entscheidung: „Je mehr Leute an dem Fall arbeiten, desto besser“, sagt er sich – und ermittelt im Alleingang weiter. Doch sein Gegner ist weitaus gefährlicher als er denkt. Und er weiß jetzt, dass man ihm auf den Fersen ist …

Rudolf Jaguschs LEICHEN-SABBAT ist solide, spannende Krimi-Unterhaltung mit interessanten Charakteren und einer Anzahl von falschen Fährten – wie sich das für einen guten Kriminalroman gehört.

Es ist wie im richtigen Leben: Die Guten sind keine Engel und die großen und kleinen Kriminellen sind nicht einfach nur böse Buben. Man kann nachvollziehen, ja manchmal geradezu nachfühlen, was sie umtreibt und warum sie glauben, so handeln zu müssen.

Schuldig wird hier nicht nur der Täter. Schuldig machen sich auch die schweigenden Mitwisser, die Mauschler und Vertuscher im Hintergrund, denen Ruf und Ansehen wichtiger sind ein paar Menschenleben. Mag sein, dass der eine oder andere Leser entsetzt oder empört ist über die Auflösung dieses Kriminalfalls. Sie ist verstörend. Aber sie ist denkbar.

Doch auch ein todernster Ermittlungsfall braucht seine Schmunzelmomente. Und die hat der LEICHEN-SABBAT natürlich auch zu bieten. Stephan Tries’ Kämpfe mit den Handwerkern werden jedem „Häuslebauer“ und Renovierungsgeschädigten ein breites Grinsen entlocken. Die Krankenschwester Margarete Habicht ist ein Fall für sich – und ihre Ähnlichkeit mit einer gewissen Schauspielerin muss derart frappierend sein, dass dem Kommissar bei ihrer ersten Begegnung spontan ein „Miss Marple!“ entfährt. Welche Kuriositäten sich in Charlotte von Bergs Kochbuchsammlung befinden, sei an dieser Stelle nicht verraten … Auch der verbale Schlagabtausch zwischen Stephan und dem neuen Lebenspartner seiner Frau entbehrt nicht einer gewissen Komik. Für die Außenstehenden. Wie gesagt: Es ist wie im richtigen Leben.

Wer einen persönlichen Bezug zum Vorgebirge hat, hat beim Lesen noch einen zusätzlichen „Heimvorteil“, weil er Orte und typische Eigenheiten wieder erkennen wird. Doch auch „Ortsfremden“ bietet dieser Krimi packende Unterhaltung.

Ob Stephan Tries am Ende seines Sabbatjahrs wieder in den Polizeidienst zurückkehrt? Oder ob wir ihn vielleicht einmal als Privatermittler erleben können? Wir werden sehen …