Wahnsinn im Alltag


Martin Conrath, Sabine Klewe: Das Vermächtnis der Schreiberin, Schwaben-Krimi
Januar 19, 2009, 12:17 pm
Filed under: Bücher

Martin Conrath, Sabine Klewe: Das Vermächtnis der Schreiberin, Schwaben-Krimi (Esslingen), Köln 2008, Hermann-Josef-Emons-Verlag, ISBN 978-3-89705-607-7, Softcover, 316 Seiten, 13,5 x 20 x 2,3 cm, EUR 9,90.

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Esslingen, Dezember 2008: Leichen im Keller
Heinrich Morgen, ehemaliger Jungstar der deutschen Historiker- und Archäologenszene, muss heute sein Geld auf dem Esslinger Mittelalter-Weihnachtsmarkt verdienen. Er verkauft dort Holzschwerter. Eine touristische Führung durch die alten Keller der Stadt nimmt nicht nur für ihn einen unerwarteten Verlauf: In einem der privaten Kellergewölbe wird die Leiche des Studenten Friedhelm Schenk gefunden. In seinem Herz steckt eine mittelalterliche Ahle. Ehe Heinrich es sich versieht, ist er allein bei dem Toten und muss auf die Polizei warten.

Heinrich macht Videoaufnahmen vom Tatort und entdeckt dabei Hinweise auf eine Geheimkammer. Die Neugier des Historikers siegt, der Öffnungsmechanismus ist kein großes Problem – und Heinrich kann einen Blick in einen Raum werfen, der 700 Jahre lang verschlossen war. Ein Spiegel befindet sich darin – und die Mumie einer Frau im mittelalterlichen Gewand!

Heinrichs Auffassung von rechtlich unbedenklichem Verhalten ist von je her flexibel, was ihn seinerzeit auch Job und Ruf als Historiker gekostet hat. Er lässt den Siegelring der Mumie mitgehen. Wenn er herausfinden könnte, wer die Frau war und seit wann sie hier liegt, wäre das eine kleine archäologische Sensation.

Bei den Ermittlungen verguckt sich Heinrich in die Kriminalkommissarin Senta Taler, die hoffentlich nie von seiner Fund-Unterschlagung erfahren wird. Bald gibt es noch mehr, was Senta nie erfahren darf. Anne Schnickler, die einen Stand auf dem Mittelaltermarkt hat, wird als Mordverdächtige verhaftet. Die Marktbeschicker sind jedoch von ihrer Unschuld überzeugt und machen sich heimlich selbst auf die Suche nach dem Mörder. Dabei sind sie nicht gerade zimperlich.

War der Mord an Friedhelm Schenk eine Beziehungstat? Wurden ihm seine dubiosen Geschäfte zum Verhängnis? Oder wurde der Hobby-Historiker wegen des Mumienfunds im Keller umgebracht? Heinrich Morgen ist sicher, dass Schenk die Geheimkammer gekannt hat.

Mit ihren Schlussfolgerungen ist die „SOKO Anne“ der Marktleute zwar teilweise auf dem Holzweg, aber Heinrich Morgen kommt der Wahrheit doch so nahe, dass er sich und andere dadurch in tödliche Gefahr bringt …

Esslingen anno 1324: Eine Schreiberin in Not
Was Heinrich und die Marktbeschicker nie erfahren werden, erfahren wir Leser durch die Parallelhandlung, die im Esslingen des Jahres 1324 spielt: Für die medizinische Behandlung ihrer todkranken Tochter verschuldet sich die verwitwete Schreiberin Reinhild Wend beim Gastwirt Vornholt. Die Gegenleistungen, die er fordert, sind ungeheuerlich …

Wer ist die mumifizierte Tote im Keller? Wie kam die Frau ums Leben? Was kann vor 700 Jahren nur geschehen sein, dass jemand heute noch deswegen morden würde?

In rasantem Tempo bewegen sich die beiden Handlungsstränge aufeinander zu – bis zum furiosen Finale.

Schwabenkrimi ohne Kehrwochen-Klischees
Wer Kehrwochen- und Vierteles-Schlotzer-Klischees erwartet oder Hauptkommissar-Bienzle-Beschaulichkeit, wird hier enttäuscht werden. Mit dieser Art Folklore haben Martin Conrath und Sabine Klewe nichts im Sinn. Dafür kennen sie das Milieu des Esslinger Mittelaltermarkts umso besser. Conraths Bruder tritt dort seit Jahren als Troubadour auf und Conrath und Klewe hatten selbst schon einen Stand auf dem Markt.

Wenn zwei Autoren zusammen einen Roman schreiben, fragt man sich als Leser, wie sie das wohl bewerkstelligt haben. In diesem Fall hat Martin Conrath den Krimiteil geschrieben, der in der Gegenwart spielt und Sabine Klewe, die bereits historische Romane veröffentlicht hat, zeichnet für den mittelalterlichen Erzählstrang verantwortlich. So entstand ein packender Kriminalfall in einem faszinierenden Milieu und mit sorgfältig recherchiertem historischem Hintergrund.

Man muss weder Esslinger noch Schwabe sein, um diesen Krimi mit Vergnügen zu lesen, auch wenn es zweifellos seinen eigenen Reiz hat, die Schauplätze des Geschehens zu kennen.

Die Autoren
Sabine Klewe, Jahrgang 1966, Studium in Düsseldorf und London, ist freiberufliche Schriftstellerin und Übersetzerin und arbeitet als Dozentin für Fremdsprachen und kreatives Schreiben, unter anderem an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

Martin Conrath, geboren in Neunkirchen an der Saar, ist Schriftsteller, Musiker Journalist und Dozent. Seit 2006 lebt und schreibt er in Düsseldorf. Sein Roman „Das Schwarze Grab“ wurde 2008 als Tatort verfilmt.



Cooniebert hat Impftermin
Januar 15, 2009, 4:48 pm
Filed under: Tierisches

Es gibt nur wenige Momente im Leben, in denen ich es bereue, statt kleiner, pflegeleichter Hauskatzen große, kräftige und eigensinnige Maine Coon-Kater zu halten. Wenn einer von ihnen zum Tierarzt gebracht werden muss, ist das so ein Moment.

Die Hauskatzen, die wir früher hatten, konnte man sanft in ihre Transportboxen bugsieren, zum Doktor bringen und fertig war die Laube. Mit Kater Cooniebert geht das nicht. Wenn er großzügig ist, darf man ihn streicheln und knuddeln. Wenn er supergut aufgelegt ist, darf man ihn sogar kämmen. Aber nur da, wo’s nicht ziept. Aber ihn hochheben und irgendwo hin verfrachten, wo er gar nicht hin will, das geht auf gar keinen Fall. Genau das müssen wir aber jetzt tun, denn auf dem Kalender in der Küche steht’s schwarz auf weiß: Cooniebert hat heute seinen jährlichen Impftermin.

Der Plan ist genial einfach: Mein Mann holt klammheimlich die Transportbox aus dem Keller und deponiert sie im Treppenhaus. Dann fängt er Cooniebert ein, ich öffne die Wohnungstür, er schiebt den Kater in die Box, macht die Boxentür zu und los geht’s. So weit die Theorie.

Die Praxis gestaltet sich ungleich schwieriger. „Ich geh jetzt mal in den Keller“, sagt der Gatte verschwörerisch. Cooniebert sitzt auf dem Blumentischchen auf dem Balkon und kriegt nichts davon mit. Da bräuchte man ihn eigentlich nur herunterzuheben, ins Treppenhaus zu tragen und in die Box zu expedieren …

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Hat er die Transportbox klappern gehört? Kann er sie riechen? Oder kann er Gedanken lesen und hat das Stichwort „Tierarzt“ erhascht? Vielleicht hat er ja auch den Kalendereintrag gelesen. Als mein Mann den Balkon betritt, reißt Cooniebert jedenfalls die Augen auf, sträubt das Fell und flüchtet ins Haus. So schnell können wir gar nicht gucken, wie er unterm Sofa sitzt, natürlich in der hintersten Ecke.

Auweh! Cooniebert hat Lunte gerochen. Das gibt wieder eine Katzenhatz durchs ganze Haus.

Das Sofa ist zum Glück leicht, das kann man zu zweit hochheben und versetzen. Was natürlich für die Katz ist, weil Cooniebert nicht darauf wartet, bis seine Deckung verschwunden ist und er aufgegriffen werden kann. Das Sofa schwebt gerade ein paar Zentimeter über dem Boden, da zischt er darunter hervor und springt in die unterste Etage des Wohnzimmerschranks. Eine Holzschale, ein Kerzenleuchter und eine Tonfigur krachen zu Boden. Die ersten Scherben.

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Vom Regal aus geht’s direkt auf den Kratzbaum und von dort auf das oberste Brett des Bücherschranks. Hinter den historischen Romanen verschwindet er. Das ist kurz unterhalb der Zimmerdecke. So groß sind wir beide nicht, dass wir ihn da ohne Hilfsmittel herunterpflücken könnten. Ich gehe und hole eine Trittleiter. Mein Mann steigt hoch und beginnt, Bücher abzuräumen, um an Cooniebert heranzukommen. Vorne räumt er – und hinten räumt Cooniebert – und zwar im Flug. Der Kater springt vom Regal auf den Kratzbaum und reißt ein paar Bücher mit. Ein paar wuchtige Hardcover-Bände krachen aufs Parkett.

Cooniebert flüchtet ins Schlafzimmer. Der Gatte sprintet hinterher. Als der Kater übers Bett flüchten will, hat er ihn. Cooniebert kreischt, kratzt und wehrt sich und hinterlässt fingerlange blutige Schrammen am rechten Unterarm seines Menschen. (Die Narben sieht man heute noch.)

Endlich sitzt der Kater in der Box. Leider schaffen wir es nicht, die Boxentür rechtzeitig hinter ihm zu schließen. Cooniebert windet sich wie ein Aal und entkommt aus dem Kennel. Also drehen wir noch mal eine Ehrenrunde. Flur, Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer … Toll! Wenn das so weitergeht, wird das mit dem Impfen heute nichts mehr. Die Praxis macht bald zu.

Nach eineinhalb Stunden wüster Katzenhatz geht Cooniebert uns im Schlafzimmer endgültig „ins Netz“. Der halbe Haushalt ist zerlegt, wir sind verschwitzt, derangiert, blutig gekratzt und mindestens so erschöpft wie der Kater. Raubtier gefangen, Boxentür geschlossen. Mein Mann zieht seine Jacke an und trägt seinen wehrhaften Kampfkater zur Tierarztpraxis.

Keine Viertelstunde später sind sie wieder da.
„Sag bloß, die Praxis war geschlossen!“, rufe ich entsetzt.
„Nein, nein“, beruhigt mein Mann mich. „Wir sind schon fertig. Wir waren derart spät dran, dass kein Mensch mehr im Wartezimmer war. Er ist geimpft und alles. Es ging ganz schnell.“

Er setzt die Transportbox ab und entlässt den geplagten Cooniebert wieder in die Freiheit. Erleichtert verlässt der Kater sein Gefängnis, geht erst mal aufs Katzenklo, marschiert dann in die Küche und verputzt ein Schälchen Nassfutter. Danach stakst er ins Wohnzimmer und bettet sich mit einem tiefen Seufzer zur Ruhe. In der Transportbox.



Martin Blank: Mein Name ist Anton und ich bin ein Dackel
Januar 9, 2009, 10:25 am
Filed under: Bücher

Martin Blank: Mein Name ist Anton und ich bin ein Dackel,Volkertshausen 2007, Selbstverlag, Softcover, 70 Seiten, mit 27 Illustrationen des Autors 17,5 x 21 x 0.5 cm, EUR 9,80, Bezugsquelle: http:// blank-dackel.de/onlineshop

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Rauhaardackel-Welpe Anton weiß nicht, wie ihm geschieht, als Emil, Ilse und Tochter „Mausi“ ihn von seiner Hundefamilie und seinen Menschen wegholen. Ein Jagdhund soll er werden, meint sein neues Herrchen, und in die Pfotenstapfen des alten Barry treten.

Der Welpe sieht das gelassen. Es wird sich schon alles fügen. Herrchen Emil scheint ja ganz in Ordnung zu sein, nur die „stinkende Bratwurst“, die er sich in den Mund zu stecken pflegt, ist nicht ganz nach Antons Geschmack. Sie gibt immer so widerlichen (Zigarren-)Rauch von sich. Frauchen Ilse ist ihm auf Anhieb sympathisch, und Willi, Herrchens Jagdfreund, sowieso. Er steckt dem kleinen Anton nämlich gerne heimlich Leckerbissen zu.

Nur die Tochter des Hauses, Stefanie, genannt „Mausi“, macht Probleme. Sie kommt mit Anton gar nicht klar. Als er sich unbemerkt in ihrem Kinderzimmer zu schaffen macht und dabei eine ihrer Puppen zerbeißt, ist er bei ihr endgültig unten durch. Tante Ritas gut gemeinter Rat, Stefanie mit Anton Gassi gehen zu lassen, damit die beiden sich aneinander gewöhnen, fruchtet nicht und endet ums Dackelhaar in einer Katastrophe. Nur langsam überwindet Stefanie ihre Eifersucht und Abneigung und freundet sich mit Anton an.

Anton wächst und gedeiht. Er lernt unter anderem, wie man Ilses geliebten Garten in eine Kraterlandschaft verwandelt, wie man ein „schussfester“ Dackel wird – und er erkennt das Prinzip der Hundeschule: Wenn man immer genau das Gegenteil von dem macht, was man gerade möchte, gibt es zur Belohnung Leckerli.

Nach einem erlebnisreichen Urlaub in Tirol, der Klein-Anton weitere verblüffende Erkenntnisse über die Eigenheiten der Menschen beschert und Herrchen Emil eine überaus anstrengende Bergtour, geht es für Anton zum allerersten Mal auf die Jagd. Wie er dabei zum Helden wird, der sogar mit Foto in der Zeitung erscheint, das ist eine Geschichte für sich …

Mit viel Humor, Beobachtungsgabe und Dackel-Erfahrung erzählt Martin Blank die Abenteuer des kleinen Rauhaardackels Anton. Mit frechem Charme und Dackelblick schleicht sich Anton in die Herzen der Menschen in seiner Umgebung – und in die der Leserinnen und Leser. Wenn man dieses meisterhaft illustrierte Büchlein gelesen hat, möchte man am liebsten sofort einen Rauhaardackel-Welpen haben. Dass man Puppen, Schuhe und leckere Wurst am besten unter Verschluss hält, wenn man einen kleinen Anton im Haus hat, weiß man ja jetzt. Und auf den Schmäh mit dem Dackelblick würden wir nach dieser Lektüre sicher auch nicht mehr hereinfallen. Oder?

Wer den kleinen Anton in sein Herz geschlossen hat und nicht in der glücklichen Lage ist, selbst einen Dackel halten zu können, kann sich zumindest an weiteren illustrierten Abenteuern des liebenswerten Rauhaardackels erfreuen. Informationen dazu gibt auf der Homepage des Autors: http:// blank-dackel.de

Der Autor
Martin Blank erlebte seine ersten Jahre in der Nachkriegszeit einem kleinen Dörfchen im Hegau, in der Nähe des Bodensees. Seine zeichnerische Leidenschaft begann eigentlich in frühester Kindheit. Das Beobachten von Mensch und Tier seiner ländlichen Umgebung reizten ihn schon damals zur Karikatur, womit er so manchen Lacherfolg einheimste. Sein Talent brachte ihm während der Schulzeit, erst als Schüler, später als Lehrer, viele Sonderaufträge ein, die er mit Freude erfüllte. Dennoch haben ihn Generationen von Schülern nicht als Zeichner, sondern als Geschichtenerzähler in Erinnerung behalten. In seinen Büchern vereinen sich beide Talente, das Karikieren und das Erzählen, zu humorvoll-unterhaltsamen Gesamtkunstwerken, an denen besonders Tierfreunde ihre Freude haben.