Wahnsinn im Alltag


Katzentag in Stuttgart-Heumaden

Weil sie mich als Redakteurin der Tiergeschichten-Seite und als Gelegenheitsautorin für die Zeitschrift „Geliebte Katze“ kannten, haben mich Trixi Geng und Kater Tommy zum „Katzentag“ nach Heumaden eingeladen. Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Veranstaltungsprospekt.

Es gab einen gut bestückten – und sehr gut besuchten – Katzenflohmarkt mit Büchern, Bildern, Figuren, Karten und allem, was man sich rund um die Katz nur vorstellen kann. Man konnte Frau Gengs überaus sehenswerte Katzensammlung besichtigen. Die Schweizer Malerin Gisela Buomberger, deren Arbeiten ich seit vielen Jahren schätze, war da, verkaufte ihre Bücher und Karten und signierte ihre Werke. Kaffee und Kuchen gab’s – und der Erlös der Veranstaltung ging an die Stuttgarter Katzenhilfe.

Seit mindestens 15 Jahren hab ich den Regenschirm mit Gisela Buombergers „lachenden Katzen“. Ihre Bilderbücher kenne ich eher aus Zeitschriftenartikeln als aus dem richtigen Leben, denn in Deutschland bekommt man sie nicht über den regulären Buchhandel. Leider.

Und da konnte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mindestens ein Buch von ihr zu erstehen.

Die Katzensammlung von Frau Geng wollte ich natürlich ebenfalls sehen. Ich hatte so den Verdacht, dass sie die Katzenfigurensammlung meiner ehemaligen Kollegin Petra mengenmäßig noch deutlich übertreffen würde. Und ich hatte Recht! Das ist wirklich ein Katzenmuseum, integriert in eine ganz normale Wohnung. In jedem Zimmer gab’s Katzen … Bilder, Figuren, Teppiche, Bücher, Becher, Magnete …

Da ich nicht allzu indiskret sein wollte – man stellt nicht einfach so Fotos von anderer Leute Wohnung ins Internet – zeige ich nur einen kleinen Ausschnitt. Ein Ensemble in Blau auf einem Wohnzimmerregal.

Nur Kater Tommy, der real-kätzische Mitbewohner, war ausquartiert. Er wäre von dem Besucherrummel sicher nicht begeistert gewesen.

Nebenan gab’s dann den Flohmarkt, die Signierstunde und Kaffee und Kuchen. Und es war die Hölle los! Nur mit Mühe konnte man sich an die Verkaufsfront vorkämpfen und auch fotografieren war schwierig.

Reiche Beute konnte man beim Flohmarkt machen. Dreimal dürft ihr raten, was ich gekauft habe: Bücher!

Die Künstlerin Gisela Buomberger beim Verkauf und Signieren ihrer Werke.

Das gehört zu meiner Ausbeute: Das Buch „Im Katzenhaus“ und eine Grußkarte, die ich mir aber einrahmen und an die Wand hängen werde. Und das Buch ist sogar signiert!

So gut besucht wie die Veranstaltung war, gehe ich mal davon aus, dass sich die Aktion auch für die Stuttgarter Katzenhilfe bezahlt gemacht hat, der ja der Erlös zugute kam.

Ach ja … um den Ball, den ich auf dem Flohmarkt gekauft habe, kloppen sich meine Kater. Hier hat ihn grad Indie.

Autor: Edith Nebel
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Virtuelle Wasserratten
Oktober 28, 2010, 8:31 am
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Wir haben wieder Mal Probleme mit der Wasserleitung. Mehrfamilienhaus, alte Hütte, alte Leitungen – und wir wohnen parterre. Wenn sich also die Leitungen zusetzen, was ungefähr alle zwei Jahre vorkommt, und irgendwer irgendwo im Haus den Wasserhahn betätigt, gluckert es bei uns in den Abläufen.

Die erwachsenen Katern interessiert das nur noch am Rande. Aber Indie sitzt gern lauernd vorm Ablauf in der Dusche wie vor einem Mausloch und wartet, dass das Viech, das da unten randaliert, endlich mal rauskommt.

Wenn das echt mal der Fall wäre, wär’ das für ihn ein eher enttäuschendes Erlebnis, fürchte ich, denn er käme allenfalls in den Genuss einer Abwasserdusche.



Rita Falk: Winterkartoffelknödel – Provinzkrimi
Oktober 20, 2010, 3:29 pm
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Rita Falk: Winterkartoffelknödel – Provinzkrimi. Mit Glossar und den Originalrezepten von der Oma. München 2010, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-24810-5, Softcover/Klappenbroschur, 233 Seiten, Format: 13,5 x 21 x 2,7 cm, EUR 12,90 (D), EUR 13,30 (A)

„Wenn der Neuhofer fünfzigtausend bekommen hat und der OTM-Fuzzi fünfhunderttausend bezahlt hat, dann stimmt was nicht. Entweder einer von den zweien lügt, oder ein dritter hat die beiden ganz schön verarscht. Hat jetzt sehr viel Geld und haut sich vor lauter Freude auf die Schenkel.“ (Seite 82)

Stellen Sie sich vor, der kleine Ludwig aus Ludwig Thomas LAUSBUBENGESCHICHTEN wäre heute Ende 30 und Dorfpolizist in der niederbayerischen Provinz. Dann haben Sie so ungefähr eine Ahnung von dem Ton, in dem der Eberhofer Franz, der Ich-Erzähler in dem Roman, uns seine Erlebnisse schildert. Älter ist er geworden, aber erwachsener und weltgewandter nicht unbedingt. Dafür hat er sich eine bisweilen recht deftige Wortwahl angewöhnt, der Bub.

Eigentlich hat Franzens Karriere ja ganz vielversprechend begonnen. 15 Jahre lang war er Polizist in München. Bis sein Kollege – der Birkenberger Rudi – und er sich von einem Straftäter haben provozieren lassen. Und dann haben sie ihm die … äh … sie haben ihn … also, der Birkenberger Rudi hat eine schwere Körperverletzung an dem Mann begangen und der Franz hat’s nicht verhindert.

Rudi ging dafür für zweieinhalb Jahre in den Bau und arbeitet heute als Kaufhausdetektiv im Media Markt. Und den Franz haben sie nach einem weiteren Zwischenfall erst in psychiatrischen Behandlung geschickt und ihn dann in sein niederbayerisches Heimatdorf Niederkaltenkirchen versetzt.

Dort ist, kriminalistisch gesehen, nicht gerade die Hölle los. Verkehrsunfälle, „Mann haut Frau“, gelegentliche Wirtshaus-Raufereien – mehr gibt’s da nicht. Und so führt der Franz ein beschauliches Leben. Wohnen tut er mit seinem Hund, dem Ludwig, auf dem elterlichen Anwesen. Allerdings nicht im Haus, weil ihm da die laute Beatles-Musik auf die Nerven geht, die sein kiffender alt-68-er-Vater ständig hört. Franz haust provisorisch im ehemaligen Saustall, den er irgendwann, wenn er mal Zeit und Geld hat, zu einer richtigen Wohnung umbauen will.

Bekocht werden Vater und Sohn von der 79-jährigen, fast gehörlosen Großmutter, einer kleinen, energischen Frau mit einer Vorliebe für die Schnäppchenjagd und unmissverständliche Meinungsäußerungen. Franz’ Mutter lebt nicht mehr, und sein älterer Bruder, der Buchhändler Leopold, mit dem er in herzlicher Abneigung verbunden ist, bleibt ihm Gottseidank meist vom Hals.

„Der Leopold ist halt ein Arschloch“, findet Franz. „(…) Er ist ein mieser Langweiler mit dem Hang zum Hinterfotzigen.“ (Seite 15). Noch weniger als vom Bruder hält er von dessen zweiter Ehefrau, der etwas vulgären Rumänin Roxana. „Raus aus dem Puff und rein in den Muff“ (Seite 15) ist noch das Zitierfähigste, was ihm zu seiner derzeitigen Schwägerin einfällt.

Wenn der Franz gerade nicht arbeitet, mit dem Hund geht oder sich über seine Familie ärgert, hängt er mit seinen Kumpels, dem Metzger Simmerl, dem Gastwirt Wolfi und dem Heizungspfuscher Ignatz Flötzinger herum. Oder mit seiner Jugendfreundin und Gelegenheits-Geliebten Susi.

Doch auf einmal überschlagen sich die Ereignisse – zumindest für dörfliche Verhältnisse. Das verlassene Sonnleitner-Gut ist wieder bewohnt. Mercedes Dechamps-Sonnleitner, die rassige Tochter der nach Kanada ausgewanderten Besitzer, ist dort eingezogen und will das Anwesen mit Hilfe eines befreundeten Architekten renovieren.

Mercedes! Ach was: ein Ferrari ist diese Frau! Das halbe Dorf ist verrückt nach ihr. Franz auch. Und als wäre das nicht schon Aufregung genug, hat er jetzt auch noch einen Dreifachmord an der Backe. Oder wie soll man das sonst nennen, wenn sich in der Familie Neuhofer auf einmal die unnatürlichen Todesfälle häufen? Der Vater und der ältere Sohn werden Opfer unerklärlicher Arbeitsunfälle und die psychisch kranke Mutter wird erhängt im Wald gefunden.

War’s der jüngere Sohn Hans, der gegen den Willen der Restfamilie das Elternhaus an eine Tankstellengesellschaft verkaufen wollte? Hat er seine Angehörigen aus diesem Grund auf raffinierte Art beseitigt? Unwahrscheinlich, meint Franz, denn der Neuhofer Hans mag ein guter Fußballer sein, aber ist nicht gerade ein Raketenforscher. Einen Mehrfachmord zu planen, das würde eindeutig seine intellektuellen Fähigkeiten übersteigen.

Da fällt der Hans einem Verkehrsunfall zum Opfer, der genauso merkwürdig ist wie der Tod seiner Angehörigen. Und so schnell können die Niederkaltenkirchener gar nicht gucken, wie an Stelle des Neuhofer-Hauses eine nagelneue Tankstelle steht.

Jetzt muss der Eberhofer Franz sogar einen Vierfachmord aufklären. Nur glaubt ihm das keiner. Richter Moratschek hält alles für Hirngespinste und schickt Franz wieder zum Psychiater. Dem erzählt unser Dorfgendarm alles, war er hören will, und ermittelt dann privat weiter, mit der Unterstützung seines Ex-Kollegen Birkenberger. Bis in ein luxuriöses Romantikhotel auf Mallorca führen sie ihre inoffiziellen Ermittlungen!

Und wenn der Franz nicht gar so abgelenkt wäre von allerlei nervigem Familienklimbim, bei dem abgeschnittene Zehen, ein runder Geburtstag, eine entlaufene Frau und eine stinksauere Susi eine Rolle spielen, ganz zu schweigen vom rassigen „Ferrari“, hätte er vielleicht schon viel früher gemerkt, wo der Hase im Pfeffer liegt.

Die Oma hat bereits vor geraumer Zeit den entscheidenden Hinweis gefunden – in einem uralten Bofrost-Prospekt. Aber wer hört schon auf eine alte Frau?

Die Geschichte ist genauso schräg und abgefahren, wie sie hier klingt. Wobei der Kriminalfall an sich eher sekundär ist. Das ist wie beim Münsteraner TATORT im Fernsehen oder der TV-Serie DIE ROSENHEIM-COPS: Das Geschwätz ist das beste! Wer eine Affinität zur Region hat und/oder weiß, wie’s auf dem Dorf zugeht, wird ein ums andere Mal schmunzeln, grinsen oder laut loslachen. (Also das Buch möglichst nicht gerade in der Bahn lesen. Oder mit den Blicken der Mitreisenden zu leben lernen.)

Der Roman ist nicht im Dialekt geschrieben. Er enthält vielleicht zwei Dutzend mundartliche Begriffe, die im Glossar treffend und unterhaltsam erklärt werden. Aber anhand der „Regionalgrammatik“ hört man die Mundart schon durch. Wer schon die Krätze kriegt, wenn wir Südstaatler mal „der Teller“ sagen oder „größer wie“, für den ist das nichts.

Ein bisschen ärgern könnte man sich als Leser vom Land schon, weil in dem Roman irgendwie alle Dörfler als Dorfdeppen dastehen. Außer dem Polizeihund, vielleicht. Auch wenn vieles genau so beschrieben ist, wie man’s als Landei von zu Hause her kennt: Ein paar Leut’ mit Grips gibt’s bei uns schon auch!

Sei’s drum! Der Klappentext deutet an, das es noch weitere Abenteuer mit dem Eberhofer Franz uns seiner skurrilen Sippschaft geben wird. Und Dorfdeppen hin oder her, ich glaub’, da bin ich wieder dabei!

Die Autorin:
Rita Falk, Jahrgang 1964, geboren in Oberammergau, lebt in Landshut und ist mit einem Polizeibeamten verheiratet. Wer mehr über die Autorin wissen möchte, findet eine ausführliche Vita im Anhang des Romans, in ihren eigenen Worten. Gleich hinter dem Glossar und den Rezepten von der Oma.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
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Ich kann mir keine Straßennamen merken!
Oktober 18, 2010, 4:21 pm
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Neulich hat mich jemand unterwegs nach der Kaiserstraße gefragt. Und wie so oft hatte ich allenfalls eine grobe Vorstellung davon, in welcher Windrichtung diese zu suchen sei. Meistens hab ich nicht mal das … ich kann nur sagen: „Hab ich schon mal gehört, aber ich hab leider keine Ahnung, wo die ist.“

Wobei ich nicht mal sicher sein kann, dass ich den Straßennamen in Verbindung mit diesem Ort bereits gehört habe und nicht vielleicht im Zusammenhang mit einem der Nachbardörfer. Gibt’s nicht überall eine Straße, die den Namen von Goethe, Mörike, Mozart, Bismarck oder Hindenburg trägt?

Ich fürchte, meine Unfähigkeit, mir die Namen unserer Straßen einzuprägen, liegt daran, dass ich ein Landei bin. Und Landeier, die sich von Kindheit auf im selben „Flecken“ bewegen, denken nicht in Straßennamen, es sei denn, es hat irgendwann mal gute Gründe gegeben, eine Adresse zu schreiben. Auf dem Dorf gehen Ortsbeschreibungen nämlich so: „Das ist zwei Häuser oberhalb von Angelikas Wirtschaft “, – „schräg gegenüber von Christels Elternhaus“ oder „da, wo früher mal die Post war, also ganz früher“. Mein Vater sagt heute noch „vorne an der Straßenbahn“ und meint die Endhaltestelle, obwohl besagte Straßenbahn bereits 1978 den Betrieb eingestellt hat.

Ich bin immer schier zum Hirsch geworden, wenn ich mich mit meiner Mutter über irgendwelche „Locations“ in Esslingen – unserer Kreisstadt – verständigen wollte. Sie hat in den 50-er Jahren dort in einem Wäschegeschäft gearbeitet und brachte immer Orientierungspunkte daher, die mir rein gar nichts sagten, weil es die Ladengeschäfte, Kinos und Gastwirtschaften, von denen sie sprach, schon seit Jahrzehnten nicht mehr gab. Die „schräg-gegenüber“-Ortsbeschreibungen vom Dorf funktionieren eben nur bei einem gemeinsamen Erfahrungshorizont. War also doch nicht so schlecht, dass man irgendwann die Straßennamen erfunden hat. Ich kann sie mir aber trotzdem nicht merken.

Wenn man meinen Vater nach einer Straße fragt, deren Name ihm nichts sagt, fragt er prompt zurück: „Zu wem wollen Sie denn?“ Das ist keine müßige Neugier, sondern eine Möglichkeit, den Mitmenschen doch noch in die richtige Richtung zu dirigieren. Den Straßennamen hat er vielleicht noch nie gehört, aber wo die Familie X wohnt oder der Handwerker Y seine Werkstatt hat, ist ihm möglicherweise bekannt. Oder er weiß, wer’s wissen könnte: „ Hm … das könnte jetzt im oberen Industriegebiet sein oder unten im Tal. Bevor wir jetzt was Blödes machen, fahren Sie einfach da vorne links und dann gleich wieder rechts und fragen Sie im Elektrogeschäft. Der Inhaber ist ein Vetter von Ihrem Herrn X, er kann Ihnen sicher sagen, wo der jetzt sein Büro hat.“

Foto: © Tomsk / http://www.pixelio.de



Geburtstagsstrauß
Oktober 14, 2010, 8:31 am
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Nachträglich hab ich noch von beruflicher Seite einen wunderschönen Geburtstagsstrauß bekommen.

Ich lasse die Blumen in der Firma stehen, daheim werden sie nur von den Katzenviechern gefressen. Oder die zerren so lange an der Dekoration herum, bis die Vase umfällt und der Wohnzimmertisch unter Wasser steht. Hatten wir alles schon: eine komplett „durchwichene“ Fernsehzeitschrift und schwimmende Fernbedienungen. Das braucht kein Mensch. Also bleibt der Strauß im Büro und kommt virtuell ins Internet.



Geliebte Katze 11/10: Erinnerung an Kater Smokey
Oktober 13, 2010, 5:14 pm
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Einem Aufruf auf facebook bin ich gefolgt. Die Zeitschrift „Geliebte Katze“ suchte noch Beiträge für ihre Rubrik „Katze und Mensch“. Das Thema im Novemberheft: „Erinnerung an eine ganz besondere Katze.“

Der Text war kein Problem, der stand längst: Unser Nachruf auf Kater Smokey. Nur gemeinsame Bilder von Kater und Mensch hatten wir keine. Wir waren damals – 1992 – noch in der Anfangsphase unserer Fotografiererei. Aber die Redaktion versicherte uns, getrennte Fotos – Mensch auf dem einen, Katz auf dem anderen – gingen auch. Die Graphik würde dann eben was basteln.

Am selben Abend noch hab ich alles zusammengesucht, gescannt und gemailt, obwohl ich ja immer sage, nach zehn, elf Stunden am Bürocomputer kann ich abends keinen PC mehr sehen.

Auf jeden Fall sind wir drin!

Und ihr wisst ja, wie man meinen Namen richtig schreibt. 😉



Paul Grote: Der Champagner-Fonds – Kriminalroman

Paul Grote: Der Champagner-Fonds – Kriminalroman, München 2010, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-21237-3, 396 Seiten, Format 12 x 19 x 2,2 cm, EUR 8,95 (D), EUR 9,20 (A)

„Sie sind ein Gauner, Herr Achenbach, das darf man doch sagen, oder? Sie lernen schnell. Ist Ihnen klar, dass Sie damit ein riesiges Gebäude zum Einsturz bringen?“
„Ich habe den Krieg nicht angefangen.“
(Seite 325)

Philipp Achenbach ist Einkäufer des Kölner Weinimporteurs France-Import, Anfang 50 und geschieden. Er liebt seine Arbeit, schätzt seinen Chef und arbeitet in der Freizeit gern im Garten seines Einfamilienhauses. Mit seinem Sohn Thomas, 22, BWL-Student, kommt er gut aus. Die Krise kriegt Philipp allerdings, sobald die Rede auf die Banken und die von ihnen verursachte Krise kommt. Banken, das sind für Achenbach senior allesamt eiskalte spielsüchtige Betrüger, die ihre Kunden erst besoffen quatschen und dann über den Tisch ziehen. Und die mit Geldbeträgen jonglieren, die es ebenso wenig gibt wie Gott.

Dass er unter diesen Umständen von den aktuellen Plänen seines Chefs, Herrn Langer, nicht begeistert ist, liegt auf der Hand. Auch wenn dieser mit Beförderung und Gehaltserhöhung lockt. Achenbachs Chef möchte nämlich für einen erfolgreichen britischen Investmentbankers die Abwicklung eines Champagner-Fonds übernehmen. Das heißt, Philipp Achenbach soll das tun.

Champagner-Fonds? Unter dem Begriff kann sich der Einkäufer nichts vorstellen. Langer erklärt ihm das so: „Ich als Anleger gebe jemandem Geld. Der kauft verschiedene Champagner und lagert sie. Der Champagner steigt im Wert, was abhängig ist von der Marktentwicklung, Dauer der Lagerung, vom Namen des Produzenten und einigen anderen Faktoren.“ (Seite 47)

France-Import würde dabei den deutschen Anteil verwalten, den Champagner nach Deutschland bringen und dort den Kunden anbieten. Wein kaufen, lagern und verkaufen, das gehört zum täglichen Geschäft, darin sieht Achenbach kein Problem. Doch die Idee mit dem Champagner-Fonds ist ihm nicht geheuer.

Okay, die Jungs von der Fondsgesellschaft kaufen, wenn der Preis niedrig ist und verkaufen, wenn er steigt. Aber wie soll das technisch-organisatorisch vor sich gehen? Champagner wird ja in der Regel nicht als Fertigprodukt gelagert. Er muss erst degorgiert werden, ehe man ihn verkaufen kann. Aber wer entscheidet, wann es soweit ist? Jemand von der Fonds-Gesellschaft? Ja, und dann? Dann kommen die jeweiligen Produzenten mit ihren Mitarbeitern, der Dosage, ihren Korken und Etiketten angereist und degorgieren, verkorken und etikettieren ihren eigenen Champagner? Denn kein Winzer würde diese Tätigkeiten jemals aus der Hand geben und zulassen, das ein Produkt in seinem Namen auf den Markt kommt, an dem ein anderer herumgemurkst hat.

Haben die Fonds-Fritzen überhaupt die nötigen technischen Anlagen dafür? Und eigentlich sollte jeder Champagner nach dem Degorgieren noch drei Monate lang ruhen. Was ist, wenn in der Zwischenzeit der Preis wieder sinkt? Nach Philipp Achenbachs Kenntnis ist Champagner schon aus rein produktionstechnischen Gründen als Spekulationsobjekt ungeeignet.

Während Thomas Achenbach nach dem Fondsmanager, einem gewissen Mr. Goodhouse, recherchiert und lauter positive Informationen über einen seriösen Geschäftsmann findet, fährt Philipp Achenbach nach Reims. Die Gelegenheit, sich dort das Champagnerlager der Fondsgesellschaft anzusehen, kann er sich nicht entgehen lassen.

Quartier nimmt er bei seinem alten Freund Yves, einem der wenigen Menschen, denen er rückhaltlos vertraut. Ihm erzählt er, was sich in den letzten Wochen ereignet hat, und Yves bietet an, sich in Sachen Champagner-Fonds ein bisschen umzuhören. Tatsächlich bringt er in Erfahrung, dass der Fonds zwar Champagner kauft, aber in vernachlässigbar geringen Mengen. Das ergibt nicht annähernd die 7 Millionen Flaschen, die es rein rechnerisch sein müssten.

Obwohl Philipp Achenbachs Besuch im Champagnerlager angekündigt war, empfängt man ihn provozierend unverschämt und lässt ihn erst gar nicht hinein. Unverhoffte Hilfe erhält er wenige Tage später von einem Arbeiter aus dem Champagnerlager. Was dieser weiß und welche Interessen er verfolgt, sagt er nicht, aber er lässt Philipp Achenbach und dessen Sohn nachts heimlich ins Champagnerlager, damit sie sich selbst Reim und Vers auf die Geschichte machen können. Was die beiden Deutschen dort entdecken, verleiht dem Begriff „Etikettenschwindel“ eine ganz neue Dimension!

Wenn der Geschäftsführer des Fonds hier seine eigene trübe Suppe kocht, müssen Goodhouse und Langer dringend gewarnt werden! Aber mit dieser gut gemeinten Aktion reiten sich Vater und Sohn erst so richtig in die Sch***. Auf einmal haben sie nicht nur die Polizei am Hals, sondern auch noch ein paar Erfüllungsgehilfen der Fondsgesellschaft. Und die sind alles andere als zimperlich. Doch Philipp Achenbach glaubt inzwischen zu wissen, wo er hintreten muss, damit dieser Gegner in die Knie geht …

Es ist schon praktisch für einen Autor, wenn er einen grantelnden und illusionslosen Helden wie Philipp Achenbach schafft, der keine Angst vor plakativen Äußerungen hat. Ihm kann man ungestraft politisch unkorrekte Äußerungen in den Mund legen, die man sonst so nicht publizieren würde. Der Leser grinst und freut sich, wenn die Mächtigen der Welt mal so richtig ihr Fett wegkriegen – auch wenn er erkennt, wo man vielleicht noch ein wenig differenzieren könnte.

Der Protagonist hat spätestens seit der Finanzkrise etwas gegen Banker. Von den Jungs in der örtlichen Filiale angefangen bis hinauf zur BaFin, wo seiner Meinung nach „nur Dummköpfe und Ignoranten arbeiteten und abgetakelte Politiker.“ (Seite 69) Das Bild eines korrekten und integeren Geschäftsmanns, das alle vom britischen Investmentbanker Goodhouse zeichnen, passt daher nicht in seine Vorstellungswelt. Und wie kann es auch stimmen, wenn der Champagner-Fonds, in den Goodhouse die Firma France-Import hineingezogen hat, zum Himmel stinkt? Das muss ein Mann wie er gewusst haben. Oder zumindest geahnt. Hat Goodhouse sich auch irgendwann vom System korrumpieren lassen, wie Langer, der vom begeisterten Weinhändler zum Hand-Langer der Finanzhaie mutiert ist?

Die Wahrheit ist noch viel schlimmer …

Achenbach hängt an „seiner“ Firma, für die er schon seit 10 Jahren arbeitet. Und er will auf keinen Fall, dass Langer sie mit dem Champagner-Fonds ruiniert und die Mitarbeiter am Ende auf der Straße stehen. Deshalb verbeißt er sich so in die Idee, das Konzept als Schwindel zu entlarven und seinem Chef die Fonds-Idee auszureden. Das ist aller Ehren Wert, doch dabei legt er sich mit Gegnern an, die er kolossal unterschätzt. Denn nichts, wirklich gar nichts, ist hier so, wie es zunächst scheint.

Manchmal könnte man Achenbach und Sohn schütteln, weil sie in ihrer Naivität meinen, es allein mit Frechheit, gesundem Menschenverstand und der Hilfe guter Freunde mit professionellen Kriminellen aufnehmen zu können. Spannend für den Leser ist das allemal. Man muss auch kein Wein- oder Champagnerkenner sein, um der Handlung folgen zu können und Geschmack daran zu finden. Ein bisschen schneller ahnt man vielleicht, wo der Hase im Pfeffer liegt, wenn man der Spur nach weiß, wie Champagner hergestellt wird. Sollte man völlig ahnungslos an die Geschichte herangehen, ist das auch kein Drama. Paul Grote erklärt uns Lesern alles, was wir für den Fortgang der Geschichte wissen müssen.

Der Autor:
Paul Grote, geboren 1946, berichtete fünfzehn Jahre lang als Reporter für Presse und Rundfunk aus Südamerika. Dort begegnete der professionellen Seite des Weinbaus. Seit 2003 lebt er wieder in Berlin und widmet sich dem Schreiben.

Foto: © P. Kirchhoff (Peter Kirchhoff) / http://www.pixelio.de

Rezensent: Edith Nebel
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