Wahnsinn im Alltag


Das Miezhaus
Juni 30, 2010, 2:29 pm
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Im Juni hatten wir wieder für zwei Wochen unsere Gastkatzen hier, Ivan und Olga. Zweimal jährlich urlauben sie bei uns, während ihre Menschen auf Reisen sind. Mittlerweile sind sie so in unseren häuslichen Ablauf integriert, dass das nicht mal mehr Stoff für eine Katzengeschichte gibt.

Das einzig Erwähnenswerte ist die morgendliche Abfütterungsaktion. Ivan besteht darauf, sein Frühstück auf dem Balkon einzunehmen, Olga bekommt ihres in unserem Büro, und unsere drei Coonies mampfen, wie gewohnt, in der Küche.

Theoretisch.

Praktisch sieht es so aus, dass ich morgens nach dem Aufstehen direkt in die Küche gehe. Alle gehen mit. Das heißt, sie latschen mir mit viel Gemaunze und Gegurre vor den Füßen rum. Ich wate quasi durch Fell.

Ich spüle die Näpfe unserer Coonies und gehe auf den Balkon, Ivans Fressnäpfchen einsammeln. Alle gehen mit. Ich trage Ivans Näpfe in die Küche. Alle gehen mit. Ich gehe ins Büro, um Olgas Näpfe zu holen. Sie ahnen es: Alle gehen mit. Ich bringe Olgas Näpfe in die Küche. Alle gehen mit – und sitzen dann erwartungsvoll um mich herum, während ich das Katzenfrühstück vorbereite. („Cooniebert, wenn du zwei Millimeter rücken würdest, könnte ich hier was arbeiten und es würd’ viel schneller gehen!“ – „Indie, wenn du im Napf stehst, wie soll ich da was reinfüllen?)

Ich stelle unseren Coonies das Futter in die Küche und trage Ivans Napf auf den Balkon. Alle gehen mit. Ich geh zurück in die Küche, um Olgas Näpfe ins Büro zu expedieren – und alle gehen mit.

Danach verteilt sich die Katzenbande auf der Etage. Yannick und Indie fressen Olgas Frühstück, Ivan und Cooniebert mampfen in der Küche und gehen dann gucken, was es auf dem Balkon und im Büro zu futtern gibt. Und während die Katerbande ihr Futter-Zirkeltraining absolviert und jeder mal aus jedem Napf frisst, um festzustellen, dass in allen das gleiche drin ist, geht Olga in aller Ruhe in die Küche und verspeist das Frühstück unserer Coonies.

Den Versuch, unseren Katern ihre Hausmarke zu servieren und den Gastkatzen das ihnen vertraute Futter, habe ich schon bei ihrem ersten Besuch bei uns aufgegeben. Es frisst doch eh jeder, was er will. Das Chaos ist unkontrollierbar. Jetzt gibt es abwechselnd an einem Tag unser Futter, am anderen Tag ihres. Keine Frage, dass immer das der anderen besser schmeckt. Am „Energiesparfutter“ (Diät-Trockenfutter) der Gäste hat ausgerechnet unser dürrer Cooniebert einen Narren gefressen.

Da bis jetzt aber noch kein Vierbeiner in unserem „Miezhaus“ vom Fleisch gefallen ist, wird das mit dem Fress-Chaos schon in Ordnung sein.

British-Kurzhaar-Kater Ivan hängt auf dem Kratzbaum ab

Olga schaut aus dem Schlafzimmerfenster, was sich auf der Straße tut. Nicht viel. Wir sind hier aufm Land.

Unsere drei Katern, Yannick, Cooniebert und Indie (v.l.n.r.) haben sich zu einem Fellknödel zusammengerollt und pennen auf dem Balkon.

Yannick thront auf dem Blumentisch …

… und besetzt den ganzen Katzenkorb. Der dürre Cooniebert braucht nur halb so viel Platz.

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Age Activated Attention Deficit
Juni 28, 2010, 8:06 am
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Ich weiß, dass dieser Text hier seit locker fünf Jahren durchs Internet geistert und viele ihn schon kennen. Ich kannte ihn nicht, bis ihn mir ein alter Freund dieser Tage geschickt hat. Der kennt mich gut und lange und wusste, dass mir das hier beschriebene Phänomen durchaus vertraut ist.

***

Thank goodness there’s a name for this disorder. Somehow I feel better even though I have it!! Recently, I was diagnosed with A.A.A.D.D. – Age Activated Attention Deficit Disorder. This is how it manifests:

I decide to water my garden. As I turn on the hose in the driveway, I look over at my car and decide it needs washing.

As I start toward the garage, I notice mail on the porch table that I brought up from the mail box earlier.

I decide to go through the mail before I wash the car.

I lay my car keys on the table, put the junk mail in the garbage can under the table, and notice that the can is full.

So, I decide to put the bills back on the table and take out the garbage first.

But then I think, since I’m going to be near the mailbox when I take out the garbage anyway, I may as well pay the bills first.

I take my check book off the table, and see that there is only one check left.

My extra checks are in my desk in the study, so I go inside the house to my desk where I find the can of Pepsi I’d been drinking.

I’m going to look for my checks, but first I need to push the Pepsi aside so that I don’t accidentally knock it over.

The Pepsi is getting warm, and I decide to put it in the refrigerator to keep it cold.

As I head toward the kitchen with the Pepsi, a vase of flowers on the counter catches my eye–they need water.

I put the Pepsi on the counter and discover my reading glasses that I’ve been searching for all morning. I decide I better put them back on my desk, but first I’m going to water the flowers.

I set the glasses back down on the counter, fill a container with water and suddenly spot the TV remote. Someone left it on the kitchen table.

I realize that tonight when we go to watch TV, I’ll be looking for the remote, but I won’t remember that it’s on the kitchen table, so I decide to put it back in the den where it belongs, but first I’ll water the flowers.

I pour some water in the flowers, but quite a bit of it spills on the floor.

So, I set the remote back on the table, get some towels and wipe up the spill.

Then, I head down the hall trying to remember what I was planning to do.

At the end of the day: the car isn’t washed the bills aren’t paid there is a warm can of Pepsi sitting on the counter the flowers don’t have enough water, there is still only 1 check in my check book, I can’t find the remote, I can’t find my glasses, and I don’t remember what I did with the car keys.

Then, when I try to figure out why nothing got done today,

I’m really baffled because I know I was busy all damn day, and I’m really tired.

I realize this is a serious problem, and I’ll try to get some help for it, but first I’ll check my e-mail ….

Do me a favor. Forward this message to everyone you know, because I don’t remember who the hell I’ve sent it to. And keep in mind that I was doing something else before I sent this and can’t remember what it was!

Don’t laugh — if this isn’t you yet, your day is coming!!!

***

Was ich nicht wusste: Dass das Problem auch Männer kennen … aus eigener Erfahrung. Ich dachte immer, das ist frauenspezifisch. Multitasking, wenn’s aus dem Ruder läuft. Aber wie man’s behandelt, das weiß die Wissenschaft noch nicht, oder?

Foto: © erysipel/ http://www.pixelio.de



Park, menschenleer
Juni 27, 2010, 5:26 pm
Filed under: Wahnsinn im Alltag

Ach, das war eine gute Idee, das Fußballspiel Deutschland gegen England an einem Sonntag Nachmittag stattfinden zu lassen. Dankeschön an denjenigen, der diese Idee hatte, wer immer das auch war!

Da ich keinerlei Interesse an Fußball habe, hab ich mir die kleine Kamera geschnappt und bin in den Park gegangen. Und heute gehörte er mir ganz allein! Jedenfalls fast. Es waren eine Handvoll Spaziergängerinnen zu sehen, und ein paar türkische und russische Mütter beaufsichtigten ihre Kinder auf dem Spielplatz. Ansonsten – menschenleer. Keine Fußgänger, keine Kinderwagenschieber, keine Radfahrer, keine Skateboarder oder Inliner, keine Reiter, keine Jogger, keine Drachensteigenlasser – nix! Es war phantastisch. Es herrschte himmlische Ruhe … nur von Ferne tröteten aus divesen Lokalen mit „public viewing“ die Vuvuzelas.

Ich konnte mit der Kamera rumspielen und mich einem meiner Lieblingsthemen widmen: Strukturen, die der Mensch der Natur aufzwingt. Gerade Linien, wo von Natur aus keine wären.

Umgekehrt ist’s auch interessant: Wenn sich die Natur ihr Terrain vom Menschen wieder zurückerobert. Der Mensch mauert und betoniert, und, zack, wächst irgendwo aus einer Ritze ein Löwenzahn. Ich würde gern mal rumziehen und Ruinen fotografieren. In Andalusien, vielleicht. Da habe ich vor einigen Jahren viele verfallene Bauwerke gesehen.

Einstweilen tun’s die Pflanzen im Park – in den „Bürgergärten“ – und in der Nachbarschaft:



Dörthe Binkert: Bildnis eines Mädchens – Roman

Dörthe Binkert: Bildnis eines Mädchens, München 2010, Deutscher Taschenbuch Verlag dtv, ISBN 978-3-423-24784-9, 255 Seiten, Format: 13,5 x 21 x 3,5 cm, EUR 14,90 (D), EUR 15,40 (A)

„Ich habe die junge Frau angestellt, aber wir wissen nicht viel über sie. Sie stammt nicht aus Maloja. Zwei Burschen aus dem Dorf fanden sie verletzt in den Bergen und brachten sie hierher. Wahrscheinlich wollte sie ganz woanders hin, aber da sie offenbar kein Geld und kein Zuhause hat, ist sie hiergeblieben. Mehr kann ich Ihnen nicht berichten.“ (Seite 228)

Zum Glück weiß der Leser hier mehr als der Personalchef: Nika heißt die ärmlich gekleidete junge Frau, die im Mai 1896 im Oberengadin vom Hirten Gian Biancotti und seinem Bruder Luca aufgelesen wird. Die Rothaarige spricht nicht und hat sich den Knöchel verletzt. Da sich die jungen Männer nicht anders zu helfen wissen, nehmen sie die Frau mit hinunter ins Dorf, zu ihrer Familie. Mutter Benedetta Biancotti und Schwester Andrina sind nicht so begeistert von der „Straniera“. Aber sie darf im Stall schlafen, und Andrina vermittelt ihr umgehend Arbeit in der Wäscherei des Grandhotels „Kursaal Maloja“, wo sie selbst als Zimmermädchen arbeitet.

Wir erfahren auch Nikas Vorgeschichte. Aufgewachsen ist sie in Mulegns, als „Verdingkind“ auf einem Bauernhof. Wie sie wirklich heißt und wer ihre Eltern sind, weiß sie nicht, denn sie ist ein Findelkind. Nach dem Mittagshalt der Postkutsche hat die Posthalterin damals den ausgesetzten Säugling gefunden, zusammen mit einem Umschlag voller Geld und einem wertvollen Medaillon, das lediglich einen Zettel mit unverständlichen Schriftzeichen enthielt.

Eines Tages, so hat sich Nika schon als Kind geschworen, wird sie nach Italien reisen und ihre Mutter finden. Denn dass die Reisenden, die das Mädchen ausgesetzt haben, Italiener waren, dessen ist sich die Posthalterin ganz sicher. Doch um sich vor ihrer Geburtsfamilie ausweisen zu können, braucht Nika ihr Medaillon, und das haben ihr die Bauersleute, bei denen sie als eine Mischung zwischen Pflegekind und Sklave lebt, weggenommen. Sie stibitzt sich ihr Eigentum wieder zurück, und als ihre Tat aufzufliegen droht, flüchtet sie bei Nacht und Nebel und landet so in Maloja.

Stumm ist sie nicht. Sie hat nur nach einem traumatischen Erlebnis als Kind das Sprechen eingestellt.

Mit ihren roten Locken und den blaugrünen Augen ist Nika eine faszinierende Erscheinung. Nicht nur dem Personalchef des Hotels, Achille Robustelli, fällt das auf. Auch der berühmte Maler Giovanni Segantini wird auf die junge Frau aufmerksam. Er möchte, dass sie ihm Modell steht. Und nachdem er Erkundigungen über sie eingezogen hat, ahnt er, dass ihre Kindheitserfahrungen – elternlos, heimatlos, misshandelt und ungeliebt – den seinen gleichen.

Segantini macht seinen Einfluss geltend und Nika wird von der Wäscherei zur Gartenarbeit versetzt. Dort kann er sie öfter sehen. Er spricht sie immer wieder an, und in der Tat fasst sie Vertrauen zu ihm. Sie fängt sogar wieder zu sprechen an. Und sie zeigt ihm ihre Zeichnungen. Segantini erkennt, dass Nika Talent hat und bemüht sich, ihr zu helfen und sie zu fördern. Doch ihr Verhältnis zueinander bleibt aus verschiedenen Gründen problematisch.

Foto: Oberes Engadin, Maloja mit Grandhotel Kursaal und Silsersee, um 1900. „Photographs in this collection were published before 1923 and are therefore in the public domain.“

Problematisch ist auch die Beziehung des Vize-Hoteldirektors Achille Robustelli zum Zimmermädchen Andrina Biancotti. Hübsch ist sie, temperamentvoll und auch nicht allzu prüde. Aber auch sehr ehrgeizig, egoistisch und berechnend. Inzwischen bereut er es, ihr einen Heiratsantrag gemacht zu haben. Doch als Mann von Ehre kann er keinen Rückzieher machen, auch wenn er zum Schluss gekommen ist, dass Nika die bessere Ehefrau für ihn wäre.

Zwischen zwei Heiratskandidaten steht auch einer der Hotelgäste, die junge Mathilde Schobinger aus Zürich. Wegen ihrer angegriffenen Gesundheit ist sie in Begleitung ihrer lebenslustigen Tante Betsy zur Kur im Engadin – und verliebt sich prompt in einen Hotelgast, den deutsch-englischen Journalisten James Danby, einen attraktiven aber etwas oberflächlichen Frauenhelden. Und das, wo Mathilde in Zürich mit dem Erben des Bankhauses Zoller verlobt ist!

James schmeichelt Mathildes Verliebtheit, aber er amüsiert sich lieber mit Kate, der leichtlebigen Gattin des Unternehmers Simpson. Und er erweist sich auch sonst nicht unbedingt als Gentleman. Als sich Mathildes Gesundheitszustand rapide verschlechtert, ist es nicht James, der regelmäßig an ihr Krankenbett eilt, sondern sein etwas farbloser Jugendfreund, der Kunsthistoriker Edward Holbroke. Jetzt weiß Mathilde gar nicht mehr, wen oder was sie will …

Inzwischen hat es der Maler Giovanni Segantini geschafft: Nika steht ihm für ein Bild Modell. Das Resultat gefällt ihr aber ganz und gar nicht. Noch weniger gefällt ihr, dass Segantini sie wegschicken will, weil seine Lebensgefährtin Bice eifersüchtig auf sie ist. Und mit Bice will er sich keinesfalls verderben. Doch stellt sich sowieso die Frage, was Nika machen wird, wenn das Hotel über den Winter schließt.

Durch Zufall gerät Nikas wertvolles Medaillon in die Hände des Vize-Hoteldirektors Robustelli. Er meint, das eingravierte Wappen zu erkennen. Seine Vermutung bestätigen auch zwei Hotelgäste, der Graf Promoli und dessen Sekretär Fabrizio Bonin. Und im Herbst 1896 reist Nika tatsächlich nach Italien um mit Ihrer Familie Kontakt aufzunehmen …

Drei Jahre später, im September 1899, gelingt es James Danby, die Hotelgäste, die sich im Sommer 1896 miteinander angefreundet hatten, wieder im Grandhotel Maloja zusammenzutrommeln. Achille Robustelli ist noch immer Vizedirektor des Hotels. Ist er mit Andrina Biancotti glücklich geworden? Edward Holbroke reist aus England an. Tante Betsy kommt aus Zürich. Mathilde ist ebenfalls da. Wen sie wohl geheiratet hat? Auch Fabrizio Bonin hat die Reise ins Engadin angetreten. Giovanni Segantini ist leider nicht dabei. Und die überraschendste Geschichte von allen hat Nika zu erzählen …

Bis auf Giovanni Segantini und dessen Familie sowie ein paar Nebenfiguren sind alle Personen des Romans fiktiv – und doch so lebendig beschrieben, dass man mit ihnen hofft, bangt und leidet. Manchmal möchte man einzelne Romanfiguren schütteln, weil sie sich so verhalten, wie es Menschen eben in ihrer Unzulänglichkeit manchmal tun: naiv, gemein, bequem, selbstsüchtig oder unvernünftig. „Mathilde, lass die Finger von dem Kerl, der taugt nichts!“, möchte man ausrufen. „Betsy, rede nicht nur von sozialem Engagement, tu was!“ – „Signore Robustelli, Sie rennen in Ihr Unglück! Das Weib ist ein Luder!“

Bei Nika hat man noch am wenigsten das Bedürfnis, sie aufzurütteln. Sie weiß genau, was sie will. Und auch, wenn die Chancen auf eine Verwirklichung ihrer Pläne verschwindend gering sind, ist sie nicht bereit aufzugeben. Zäh und willensstark wurstelt sie sich durchs Leben und verliert nie ihr Ziel aus den Augen, das Geheimnis ihrer Herkunft zu lüften. Und lernen will sie – mehr aus sich und ihrem Leben machen. Zu verlieren hat sie ja nichts. Wer eine so schreckliche Kindheit überlebt hat, den bringt wohl auch so etwas Banales wie die Möglichkeit des Scheiterns nicht aus dem Konzept.

Ehrgeizig ist auch Nikas „Gastschwester“ und Kollegin Andrina Biancotti. Doch sie setzt weniger auf eigene Leistung als auf die Wahl möglichst vermögender und einflussreicher Lebenspartner. Aus heutiger Sicht ist man schnell geneigt, sie zu verurteilen und zu sagen, die eine arbeitet sich nach oben, während sich die andere nach oben schläft. Doch zur damaligen Zeit war eine eigene Karriere für Frauen noch nicht der Normalfall. Wollte eine Frau den sozialen Aufstieg, musste sie ihn erheiraten. Liebe war bei der Eheanbahnung sekundär. Ein Luxus. Das ist es auch, was der jungen Mathilde Schobinger zu schaffen macht: Die Eltern erwarten einen reichen, angesehenen Schwiegersohn, aber Mathilde will in erster Linie einen Mann, den sie liebt. Und der sie liebt.

Sollte aus einer Ehefrau eine Witwe werden, kann sie zu damaliger Zeit von Glück sagen, wenn der Gatte vermögend war und sie nach seinem Tod finanziell unabhängig wird, wie Mathildes Tante Betsy. Witwen ohne Erbe müssen zusehen, wie sie ihren Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder verdienen. Und während sie sich als Waschfrauen oder Fabrikarbeiterinnen durchschlagen, nimmt man ihnen die Kinder weg und steckt sie ins Heim, weil die arbeitenden Mütter sich nicht um sie kümmern können. Deshalb erwägt Tante Betsy ernsthaft, sich mit einem Teil ihres ererbten Vermögens für eine Besserstellung armer Witwen und Waisen einzusetzen. Für Witwen- und Waisenrenten, zum Beispiel.

Was aus Waisenkindern wird, erfahren wir in diesem Buch ja auch: Wenn Verwandte sie nicht aufnehmen, landen sie entweder im Waisenhaus oder als Verdingkinder auf Bauernhöfen, wo sie schlechter gehalten werden als das Vieh und von klein auf schuften müssen, als seien sie erwachsene Knechte oder Mägde. So wie Nika. Und so ist dieser Roman nicht nur die faszinierende Geschichte eines geheimnisvollen Findelkinds, sondern auch ein Gesellschaftsroman, der uns die Verhältnisse im ausgehenden 19. Jahrhundert nahe bringt.

Giovanni Segantini, wie gesagt, gab es wirklich. Und auch das Bild „Eitelkeit“, für das in diesem Roman die Hotelangestellte Nika Modell gestanden hat.

Foto: „Segantini – ein Leben in Bildern“, Werd-Verlag Zürich; upload by Adrian Michael. Diese Bild- oder Mediendatei ist gemeinfrei, weil ihre urheberrechtliche Schutzfrist abgelaufen ist. Dies gilt für die Europäische Union, die Vereinigten Staaten, Australien und alle weiteren Staaten mit einer gesetzlichen Schutzfrist von 70 Jahren nach dem Tod des Urhebers.

Wen nun die Neugier plagt, der kann sich einen Teil der Kunstwerke, von denen im Buch die Rede ist, im Internet ansehen. Wer sich eingehender informieren möchte, kann auf eine Reihe von Büchern über den Künstler zurückgreifen, von denen manche allerdings nur noch antiquarisch erhältlich sind.

So liefert dieser Roman nicht nur spannende und mitreißende Unterhaltung, sondern auch jede Menge Informationen, Denkanstöße und interessante Themen, mit denen man sich gerne weiter beschäftigt.

Die Autorin
Dörthe Binkert studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft. Nach ihrer Promotion hat sie jahrelang für große deutsche Publikumsverlage gearbeitet. Seit 2007 ist sie freie Autorin und lebt heute in Zürich.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
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Corina Vogtländer: Wespenhaus – Kriminalroman
Juni 9, 2010, 12:27 pm
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Corina Vogtländer: Wespenhaus. Der äußere Schein trügt – Kriminalroman, Leipzig 2010, Engelsdorfer Verlag, ISBN 978-3-86901-829-4, 353 Seiten, Softcover, Format 14,5 x 20,7 x 2,2 cm, EUR 16,00

„Wetten, dass in diesem Hochhaus der Mörder von Lisa Müller, der Seniorinnen-Täter und der Unfall-Verursacher wohnen?“ (Seite 142) – Hauptkommissar Bernd Ballhaus spricht vom elfstöckigen Punkthaus Nr. 4 im idyllischen Städtchen Vogtlandgrün. Und von drei Fällen, mit denen seine Kollegen und er derzeit beschäftigt sind: Ein Hausbewohner, der Werbefachmann Nico Hegner, liegt nach einem mutwillig provozierten Autounfall schwer verletzt im Krankenhaus. Der Unfallverursacher konnte unerkannt entkommen. Der „Seniorinnen-Täter“ hat schon neun ältere Damen überfallen und misshandelt. Und die Domina Lisa Müller wurde in ihrer Wohnung im Punkthaus Nr. 4 erstochen aufgefunden.

Die Polizei hat verschiedene Gründe, besonders den „Ureinwohnern“ von Nr. 4 auf den Zahn zu fühlen. Und sie merkt schnell, dass hier fast jeder etwas zu verbergen hat … wenn nicht vor der Polizei, dann vorm Partner und dem Rest der Welt, dem man gerne Harmonie und Moral vorspielt.

Da sind zum Beispiel Kerstin und Heinz Schweiger, die seit Jahren in einer „Josefs-Ehe“ nebeneinander her leben. Wo bitte treibt sich der Molkereiarbeiter nachts herum, wenn seine Frau schläft? Und mit wem trifft sie sich, wenn sie angeblich alleine spazieren geht?

Auch Monika und Dieter Lippold umgibt die Aura des Geheimnisvollen. Der ehemalige Postangestellte sitzt nach einem Unfall, dessen wahre Hintergründe nicht einmal seine Frau kennt, im Rollstuhl. Monika, 53, werkelt nach ihrem Jobverlust als Ich-AG-Buchhalterin vor sich hin. Was aber ist es, worüber sie nicht sprechen können oder wollen?

Dagmar und Frederik Elsterspecht mit ihrer ballettbegeisterten Tochter Bettina sind die Bilderbuchfamilie schlechthin. Oder ist es doch wahr, was der Journalistin Dagmar zu Ohren kam? Ihr Gatte soll als Baudezernent in einen handfesten Korruptionsskandal verwickelt sein!

Marc Knittel und Kevin Lachen, zwei junge Männer, wollen unbedingt etwas aus ihrem Leben machen. Doch ein Studium ist teuer. Also jobben sie in einer Fabrik. Aber nicht nur …

Diplom-Ökonomin Gabriela Lachen, Kevins Mutter, hält sich und ihre beiden Kinder mit drei Jobs über Wasser. Um ihre 13-jährige Tochter Christin macht sie sich Sorgen. Das Mädchen muss Schlimmes erlebt haben, rückt aber nicht mit der Sprache heraus. Sven, der Sohn von Babara Wagner, scheint mehr darüber zu wissen. Die arbeitslose Barbara, deren Ehe von ihrer herrschsüchtigen Mutter vorsätzlich auseinandergebracht wurde, ahnt nichts von alledem.

Susanne und Harald Kleinschmidt haben auch ihre Probleme. Da die Erzieherin und der Pharmareferent eine Wochenendehe führen, ist es ihm ein Leichtes, ihr seine Arbeitslosigkeit zu verschweigen. Doch das ist nur ein Bruchteil dessen, was der „kleine Herr Schmidt“ verheimlicht …

Rosemarie und Dr. jur. Vogelsang sind auch für die Polizei ein interessantes Paar. Er ist ein Winkeladvokat, wie er im Buche steht. Rosi, seine Gattin Nr. 3, hat gerade erfahren, dass ihr Ehemann eine jüngere Geliebte hat. Sie zerlegt den Hausrat und reicht die Scheidung ein. Doch das ist derzeit Vogelsangs geringstes Problem …

Wer in Haus Nr. 4 war Kunde bei der Prostituierten Lisa Müller? Und wem hat das nicht gepasst? An Hausmeister Max Eiligmann beißt sich die Polizei allerdings die Zähne aus. Er hat die Tote gefunden und weiß bestens über die Bewohner des Hauses Bescheid. Doch Eiligmann hat Prinzipien: Er tratscht nicht.

Die Kommunikationszentrale des Hauses ist das Lotto-Kiosk-Lädchen-Café-Bistro der „Burschis“, dreier freundlicher älterer Herren. Bäckermeister Karl Sommer, Koch Oswald Krüger und Organisator Georg Schreiner sind zwar die „Kummerkastenonkels“ der Hausbewohner, aber nicht so leicht auszuhorchen. Else Keifer müsste man erwischen, die Klatschtante des Hauses, eine einsame alte Frau, die aus Langeweile und einem diffusen Bedürfnis nach Ordnung und Überblick die Hausbewohner seit Jahren ausspioniert.

Das Haus Nr. 4 ist harter Brocken für die Kripo. Chef Rolf Hoyer hat gleich sechs seiner Leute auf die Punkthaus-Bewohner angesetzt: Marlene Kunstmann, Katzenfreundin im nachlässigen Retro-Öko-Look, Manfred Merkel, schlampig und chaotisch, dem der Spitzname „Columbo“ anhängt, Siegfried Mittag, der grummelige Musterknabe, der stets wie aus dem Ei gepellt daherkommt, Frauenschwarm und Lästermaul Bernd Ballhaus, und last not least das ehemalige Traumpaar des Kommissariats, Hauptkommissar Volker Nett, 49, und Kommissarin Andrea Schöne, 44.

Volker und Andrea haben nicht nur mit der beruflichen Herausforderung zu kämpfen, sondern auch mit ihrer wieder aufgeflammten Beziehung. Doch Andrea schleppt seit Jahren ein Geheimnis mit sich herum. Und sie ist sicher, dass Volker es nicht verkraften wird, wenn er davon erfährt. Trotzdem will sie es ihm an seinem 50. Geburtstag offenbaren.

Doch zunächst einmal gilt es, die Lügen und Geheimnisse der Punkthausbewohner zu knacken. Wer ist der mysteriöse Linkshänder, der alte Damen krankenhausreif prügelt? Welches Motiv hat er? Was hat Werbefachmann Nico Hegner gesehen, getan oder gewusst, das einen Unbekannten dazu veranlasst hat, ihn in mörderischer Absicht von der Straße zu drängen? Und warum musste die Domina Lisa Müller sterben? Bis jetzt ist noch nicht einmal die Tatwaffe identifiziert, geschweige denn der Täter.

Nach und nach kommt ans Licht, was die Hausbewohner so angestrengt im Dunkeln halten wollen. Die Fassade der Wohlanständigkeit bröckelt und fällt bei manchen mit Getöse in sich zusammen. Was durchaus auch positive Nebenwirkungen hat.

Nachdem die wichtigsten Punkthaus-Geheimnisse gelüftet sind, enthüllt Andrea Schöne auch das ihre. Das ganze Buch über hat man sich Gedanken gemacht, was sie wohl zu verbergen hat. War sie politisch nicht ganz koscher? Ist sie bisexuell? War sie ein missbrauchtes Kind? Oder hat sie sich in der Vergangenheit etwas Schreckliches zu Schulden kommen lassen? Was sie schließlich ihrem Kollegen und Geliebten offenbart, das haut den Leser wirklich um!

Wenn man ihr Geheimnis kennt, entdeckt man rückblickend schon ein paar versteckte Hinweise im Buch. Die aber sind so subtil gestreut, dass kaum jemand vorzeitig auf des Rätsels Lösung kommen dürfte.

WESPENHAUS ist nicht nur ein Krimi, sondern auch ein Gesellschaftsroman aus der Nachwendezeit – ein Bündel von Biographien, die durch die politischen Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte kräftig durcheinander gewirbelt wurden. Man kann nicht aufhören zu lesen, bis alle Rätsel gelöst und alle Geheimnisse gelüftet sind. Allen voran das der Kommissarin Andrea Schöne!

Ein Personenverzeichnis wäre hilfreich gewesen Es ist nicht nämlich ganz einfach, in diesem „Multipersonenstück“ den Überblick zu behalten. „Auf die Schnelle“ sollte man das Buch sowieso nicht lesen: Dadurch, dass jeder Figur eine Biographie und verschiedene charakterisierende Informationen zugeordnet sind, wird vielfach mit Rückblicken und Assoziationen, Einschüben, Beschreibungen und Andeutungen gearbeitet. Huscht man darüber hinweg, verpasst man womöglich etwas Wichtiges.

Mit der Sprache geht die Autorin kreativ und eigenwillig um. Dafür, dass sie dudenwidrig Anreden wie „Sie“ und „Ihnen“ konsequent klein schreibt, wird sie ihre Gründe haben. In einem komplexen Plot mit vielen Dialogen und inneren Monologen kann man auch nicht ständig „sagt sie“ und „denkt er“ schreiben. Man braucht Alternativen und Abwechslung, was jedoch mitunter zu etwas manieriert klingenden Lösungen führt:

[Gedankengang], verfällt Volker wieder in seine sonntägliche Sentimentalität.
[Gedankengang], bilanziert er überzeugt. (Seite 24)
[Wörtliche Rede], reagiert Oswald sichtlich verblüfft. (Seite 37)
[Gedankengang], macht ihr Gedächtnis einen Revival-Abstecher (…) (Seite 42)
[Gedankengang], unterhält sich Daggi mit sich selbst. (Seite 44)
[Wörtliche Rede], brummelt Volker beipflichtend.
[Wörtliche Rede], erkundigt sich seine Kollegin ihn kühlem, formellen Ton.
[Wörtliche Rede], wendet sich Volker mit vertrauensseliger Geste an seine fesche Revierkollegin. (Seite 45)
[Wörtliche Rede], jongliert Marlene bedacht und schaut fragend zu Rolf Hoyer. (Seite 232)

Alsbald ertappt man sich dabei, vor allem darauf zu achten, wie die Gedanken und Äußerungen der Personen beschrieben und kommentiert werden. Und das lenkt etwas vom Inhalt ab.

Ablenkung durch sprachliche Eigenheiten macht sich auch bei den Dialogen bemerkbar, weil sich nahezu alle Personen den verschachtelten, poetisch-bildhaften, beschreibenden Stil des auktorialen Erzählers zu Eigen machen. Eine Erzählerstimme „darf“ sowas – sie hat schließlich jede Menge Informationen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu transportieren. Und wenn das Ehepaar Elsterspecht sich so wortreich-geschraubt anflachst, mag das Teil ihres Familienjargons sein: „So, meine geliebte Schreibschlange, jetzt werde ich mich auf die Abgeordneten-Söckchen machen.“ -– „Tu das mein knuffiger Aktenhengst. Bring deine Büromäuse mit Takt und Noblesse in die bürokratischen Gänge. Ich tippe mal schnell meinen Artikel am Computer, bis unsere integre Fusselsammlerin hereinschneit. (…)“ (Seite 35)

Dass die Sprache der 80-jährigen Klatschtante so ähnlich klingt, lässt sich vielleicht mit ihrer Vergangenheit am Theater erklären. Doch einer hartgesottenen Kommissarin nimmt man Sätze wie diese schwerlich ab: „Das Dasein der Hausbewohner gleicht einem elektromagnetischen Feld im Quadrat. Einer Fahrstuhlfahrt mit vielen Aufs und Abs. Steckenbleiben, mitten auf der Wegstrecke, inklusive Panik und Schweißausbrüchen. Keinen Notausgang in Sicht, warten viele auf das Licht am Ende des Schachts. Von wegen Sweet Home.“ (Seite 140/141)

Und auch beim einfachen Arbeiter wirkt so ein reflektierter und gefühlvoller Monolog nicht sehr authentisch: „Ich war kurz nach zwölf, wie öfters in letzter Zeit, auf dem Weg zu XY, die ich abgöttisch liebte. Ich war nicht darauf vorbereitet, was plötzlich mit mir geschah. Gegen dieses Gefühl wehren? Zwecklos. Ich war ihr völlig hörig. In meinen qualvollen süßen Hoffnungen verzehrte ich mich nach einem Kuss. Die schöne unberührbare XY blieb für mich unerreichbar. (…) So blieb lediglich wieder Sadomaso als Kreuzung unserer Herzen. Ich wurde zum Sklaven meiner eigenen Leidenschaft. Gottes Werk oder Teufels Beitrag? Ein bitteres Paradies, getragen von den Wogen meiner unstillbaren Sehnsucht nach XYs Nähe.“ (Seite 190)

Würde er im richtigen Leben nicht eher sagen: „Ich hätte die Alte ja gern ge***, aber sie hat keinen Bock drauf gehabt“? Doch ob die Autorin den Personen Grobheiten oder Tief- und Feinsinniges in den Mund legt, das ist ihre Entscheidung, ihr Stil – und die Freiheit der Kunst. Wer sich darauf einlassen mag, kann einen neugierigen Blick hinter die Fassaden der Wohlanständigkeit werfen und mit der Kripo Vogtlandgrün im Wespennest stochern. Und bitte bei Andrea Schönes verblüffender Lebensbeichte hinsetzen und gut festhalten!

Foto: © uwest (Uwe Steinbrich) / http://www.pixelio.de

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com

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In Stuttgart: Das größte Passagierflugzeug der Welt!

Nein, ich bin kein Plane-Spotter, kein Flugzeug-Freak Aber meine Bessere Hälfte interessiert sich. Und wenn mir nicht im Job wieder mal terminlich die Hütte brennen würde, wäre ich wahrscheinlich am 2. Juni auch mit ihm zum Stuttgarter Flughafen gefahren, um den Airbus A380 landen, rumstehen und wieder starten zu sehen. Im Rahmen der Streckentrainings für die angehenden A380-Piloten der Deutschen Lufthansa kam das Trumm nämlich auch nach Stuttgart.

Ich hab mein Leben lang im Bannkreis des Stuttgarter Flughafens gewohnt, immer so um die 14 km weit weg. Flugzeuge sind wahrlich nix Besonderes für mich. Aber dieses schon!

Der Airbus A380-800 ist größte Verkehrsflugzeug der Welt – ein vierstrahliges Langstrecken-Großraum-Verkehrsflugzeug mit zwei durchgängigen Passagierdecks für maximal 853 Passagiere.

Länge: 72,30 m
Spannweite: 79,80 m
Höhe: 24,10 m
Triebwerksdurchmesser: 2,95 m
Passagierkapazität: (3 Klassen) 525
Maximale Passagierkapazität: 853
Das heißt, sie könnten von der Zulassung her 853 Passagiere reinquetschen, tun’s aber nicht.
Flugreichweite: 15.200 km
Das entspricht einer Strecke von Frankfurt auf die Bahamas und wieder zurück ohne Stop.
Höchstgeschwindigkeit: Mach 0,95
Wirtschaftlichste Geschwindigket: Mach 0,85

Kurz nach 5 Uhr in der Früh ging der Mann mit Sack und Pack und Kamera aus dem Haus, um auf der Aussichtsterrasse des Flughafens noch einen guten Platz zu bekommen, wenn die Maschine um 7:30 Uhr landen würde. Nachdem uns die Medien schon seit Wochen die Ohren damit vollgetrötet hatten, dass am 2. Juni der Airbus kommt, war mit einem gewaltigen Menschenauflauf zu rechnen.

Und so war’s auch Nicht nur die Besucherterrasse war nach Angaben eines Flughafensprechers voll besetzt. Auch vor dem Zaun und rund ums Flughafengelände drängten sich die Schaulustigen. Die Presse sprach von bis zu 12.000 Besuchern.

Der neue Riesen-Airbus landete ganz sanft und leise. Das würde man diesem Koloss gar nicht zutrauen. Aber auch da hat die Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten eben Fortschritt gemacht. Es müssen nicht mehr die Gläser im Schrank hupfen, wenn so ein Riesentrumm übers Haus fliegt.

Nach zwei Stunden flog die Maschine weiter nach Wien.

„Flugfotos“ oder Filmchen gibt’s aus Standortgründen leider nicht aus eigener Werkstatt. Da muss man bei Interesse im Internet gucken, bei Lufthansa oder auf der Seite des Flughafens Stuttgart. Aber „Standfotos“ kann ich bieten. Anhand des Größenvergleichs zu den Männeken und den Fahrzeugen in unmittelbarer Nähe des Airbus kann man sich eine ungefähre Vorstellung von seinen Ausmaßen machen.

Fotos v. A830: Gerhard Löw



Martin Blank: Anton, Anton – Ein Schlitzohr auf kurzen Beinen
Juni 2, 2010, 11:53 am
Filed under: Bücher

Martin Blank: Anton, Anton – Ein Schlitzohr auf kurzen Beinen, Volkertshausen 2010, Selbstverlag, Covergestaltung und 15 s/w-Illustrationen vom Autor, Softcover, 100 Seiten, Format: 14,8 x 21 x 0,5 cm, EUR 9,80, Bezugsquelle: http:// blank-dackel.de/onlineshop

Dackel Anton, mittlerweile 8 Jahre alt, erzählt uns aus seinem ereignisreichen „Hundeleben“. Den aktuellen Geschichten vorausgegangen sind die beiden Bände „Mein Name ist Anton und ich bin ein Dackel“ und „Anton, ein Dackel gibt nicht auf“, deren Kenntnis für das Verständnis des vorliegenden Bandes aber keine zwingende Voraussetzung ist.

Anton als Verehrer-Schreck
Eine faustdicke Überraschung hat der Nikolaus, alias Emil Bartel, für Ehefrau Ilse, Teenietochter Steffi und Dackel Anton: ein neues Eigenheim! Ein Blockhaus im Wald mit einer sensationellen Aussicht auf die Gemeinde Traumlingen. Die Familie ist hingerissen, und der tolle Ausblick ins Tal muss fürderhin öfter mal als Ausrede herhalten, damit Steffi mit ihrem jeweiligen Verehrer alleine sein kann: „Ich zeige ihm den Blick“.

Ob es sich bei den Jungs um Schlimpi mit der Punkfrisur oder um Bocki mit den tiefer gelegten Großraumhosen handelt: Anstandswauwau Anton findet alle (bis auf einen) fürchterlich und kann es schon gar nicht zulassen, dass sie seine Steffi „beißen“. Oder abschlabbern. Oder was immer die Zweibeiner sonst machen, wenn sie allein zu zweit auf einer Parkbank sitzen oder im Gras herumkugeln.

Vielleicht sollte man wirklich bei der Partnerwahl seinen Hund zurate ziehen. Dackel Anton jedenfalls zeigt Menschenkenntnis und vergrault zielsicher und nachhaltig jeden Blindgänger, der es nicht gut mit seinem jungen Frauchen meint.

Abenteuer im Fuchsbau
Herrchen Emil ist Jäger und Dackel Anton ein Jagdhund. Und trotz glühender Hitze müssen sie losziehen, um den Fuchs zu fangen, der den Bauern ans Geflügel geht, auch wenn sie bei diesem Wetter viel lieber im kühlen Fluss baden würden. Anton krabbelt pflichtgemäß durch den Fuchsbau, doch den Fuchs findet er nicht. Zu riesig ist die Anlage. „Allmählich schwant mir, dass es sich hier nicht einfach um einen Bau handelt, vielmehr um eine unterirdische Burg, um eine ganze Stadt gar. (…) In mehreren Etagen stapeln sich Kessel, Röhren, Ein- und Ausgänge, alle sind miteinander verbunden.“ (Seite 24)

Emil und sein Jagdkamerad Otto sind derweil in heller Panik: Warum kommt der Dackel nicht mehr aus dem Bau? Steckt er fest? Kriegt keine Luft mehr und ist ohnmächtig geworden? Hat ihn gar ein Dachs erwischt? Jetzt kann nur noch Gartenbaufachmann Willi helfen. Er muss mit seinem Bagger anrücken und Anton ausgraben. – Was wohl der Förster von dieser Aktion hält? Und wo ist eigentlich Anton?

Der Flughund
Wer schläft, sündigt nicht. Gilt das eigentlich auch für Dackel? Anton zumindest ahnt nicht, was er anrichtet, als er sich an Bord des Schulflugzeugs schleicht, mit dem Steffi heute ihren ersten Streckenflug absolvieren soll. Während den blinden Passagier der Schlaf übermannt, kommt der Fluglehrer arg ins Schwitzen. Solche Geräusche hat sein Motor doch noch nie gemacht! – Wird dieses Abenteuer ohne Blessuren abgehen?

Wenn das Menschenrudel jault
Eine feste Größe in der Region ist das alljährliche Wildschweinessen bei Förster Bierle. Die Eheleute Bartel und Anton freuen sich schon darauf. Den Auftritt des Kirchenchors finden Dackel Anton und sein Halbbruder Boss nicht ganz so prickelnd: „Alfons Bierle steht vor dem Rudel, hebt die Arme und auf sein Zeichen jault die ganze Bande los.“ (Seite 51) Aber dann, beim Essen, fallen für die Hunde jede Menge Leckerbissen vom Tisch. Und auch sonst ist mächtig viel los! Die Schützenliesel schaut zu tief ins Glas und benimmt sich daneben. Und was Dackel Boss als Beute in den Festsaal schleppt, sorgt bei den einen für betretenes Schweigen und bei den anderen für schadenfrohe Heiterkeit …

Ein Kumpel für Anton
Ein Besuch bei der befreundeten Dackelzüchterfamilie Müller beschert Ilse Bartel viel Arbeit und Dackel Anton einen tierischen Hausgenossen: Bartels nehmen den „Kümmerling“ aus dem aktuellen Wurf mit, dem die Züchter nicht viel Überlebenschancen einräumen, um ihn mit der Flasche großzuziehen. Wochenlang schleppt Emils Ehefrau den Minidackel wie ein Känguru-Junges in der Schürzentasche mit sich herum. Im Keller entdeckt der Kleine seine Leidenschaft für die Aktivitäten der Waschmaschine und macht sich fortan als Wäschedackel nützlich: Er bleibt wie gebannt vor dem Gerät sitzen und bellt, sobald das Programm abgelaufen ist.

Aber eignet er sich auch als Jagdhund? Weil er gar keine Ruhe gibt, nimmt Emil in notgedrungen zur Wildschweinjagd mit. Ob das eine gute Idee war …?

Wasser im goldenen Eimer
Dieses Jahr ist Emil an der Reihe, um die alljährliche Dackelwanderung zu organisieren. Doch läuft nicht alles wie geplant. Heiß ist’s, Mücken hat’s, und der angesteuerte Teich bietet statt des erhofften kühlen Wassers nur Schlamm. Das finden zwar die Dackel klasse, aber ihre Menschen weniger. Dreckig, zerstochen, verschwitzt und durstig stolpern die Wandervögel schließlich in Richtung Biergarten. Doch kurz vorm Ziel machen sich die Dackel selbständig. Sie haben ein kühles, Schatten spendendes Gebäude entdeckt, in dem es sogar Wasser in einem goldenen Eimer gibt. Und goldene Hundeklos!

Warum die Dame mit der Tüllgardine auf dem Kopf schlammige Dackeltapser auf ihrem weißen Kleid so gar nicht schätzt und wieso der Mann im goldenen Gewand auf einen Tisch flüchtet, das können die Hunde nicht verstehen. Dass Emil, der die Hundebande wieder ins Freie bugsieren muss, nach diesem peinlichen Auftritt vom Thema „Dackelwandern“ erst mal die Nase voll hat, leuchtet auf jeden Fall dem Leser ein.

Vergnügliche Kapriolen
Diese und weitere Abenteuer findet man in dem meisterhaft illustrierten Band „Anton, Anton“. Und anders als die dackelgestresste Familie Bartel kriegt man als Leser nicht genug von den Kapriolen von Anton und seinen Freunden. Klar – wenn man die tumultartigen Zustände, die ein Dackel selbst im Tiefschlaf zu verursachen vermag, hinterher nicht ausbaden muss, ist so was überaus vergnüglich! Als Leser muss man nur aufpassen, von seinen Mitmenschen nicht für komplett bescheuert gehalten zu werden, wenn man beim Schmökern jäh in haltloses Gekicher ausbricht. Und das kann durchaus passieren! Denn Anton als Verehrerschreck, schnarchender Flughund, verhinderter Fuchsjäger und Hochzeits-Crasher ist wirklich saukomisch. Rührend ist seine Beziehung zum „Kümmerling“, den er vorsichtig bespaßt und sogar in seiner Hollywoodschaukel schlafen lässt. „Anton, Anton“ ist also nicht nur was fürs Zwerchfell, sondern auch fürs Herz.

Der Autor
Martin Blank erlebte seine ersten Jahre in der Nachkriegszeit einem kleinen Dörfchen im Hegau, in der Nähe des Bodensees. Seine zeichnerische Leidenschaft begann eigentlich in frühester Kindheit. Das Beobachten von Mensch und Tier seiner ländlichen Umgebung reizten ihn schon damals zur Karikatur, womit er so manchen Lacherfolg einheimste. Sein Talent brachte ihm während der Schulzeit, erst als Schüler, später als Lehrer, viele Sonderaufträge ein, die er mit Freude erfüllte. Dennoch haben ihn Generationen von Schülern nicht als Zeichner, sondern als Geschichtenerzähler in Erinnerung behalten. In seinen Büchern vereinen sich beide Talente, das Karikieren und das Erzählen, zu humorvoll-unterhaltsamen Gesamtkunstwerken, an denen besonders Tierfreunde ihre Freude haben.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
http:// edithnebel.wordpress.com