Wahnsinn im Alltag


Gerd Willms: Chico – Abenteuer mit einem Papagei
Mai 26, 2008, 9:19 am
Filed under: Bücher

Gerd Willms: Chico – Abenteuerliche KindheitGerd Willms: Chico – Abenteuer mit einem Papagei, CH-Frauenfeld 2008, Verlag Reinhold Liebig, ISBN 978-3-9523389-7-1, 104 Seiten, Taschenbuch, mit zahlreichen Fotos in Farbe und Schwarz-Weiß, Format 12 x 18 x 1 cm, EUR 13,–. Für Kinder ab 8 Jahren. Bezugsquelle: http://www.verlag-liebig.de

Der zwölfjährige Karl wächst in den 60-er Jahren als Sohn deutscher Auswanderer in einer deutschsprachigen Kolonie in Paraguay auf. Seine Eltern sind Landwirte, sein „Kinderzimmer“ und das seiner drei Geschwister sind der elterliche Hof und die wilde Natur.

Als Harry, ein Freund der Familie einen jungen grünen Papagei vor einer Baumschlange rettet, geht für Karl ein großer Wunsch in Erfüllung: Er darf das Papageienjunge aufziehen. In der Wohnung will die Mutter den Vogel nicht haben, also baut Karl seinem „Chico“ unter der Veranda mit einem Brett, einem Hut und einem Stück Stoff eine behelfsmäßige Höhle.

Der junge Papageienvater erlebt nun all die Freuden und Sorgen, die man mit so einem tierischen Ziehkind hat. Chico wächst, gedeiht und bekommt anstelle seiner kurzen Stoppeln alsbald wunderschöne grüne Federn. Aber ist er in seinem Ersatznest unter der Veranda auch vor der Katze sicher? Noch ist er ein kleiner Papagei, der weder fliegen kann noch sich zu wehren weiß.

Als Chico erkrankt, erweist sich die Infrastruktur der deutschen Siedlung als Nachteil: Es gibt in erreichbarer Nähe keine ärztliche Versorgung. Nicht für die Menschen, und erst recht nicht für die Tiere. Man ist auf Hausmittel und auf die Selbstheilungskräfte angewiesen.

Chico überlebt zum Glück sein Leiden und unternimmt bald erste Flugversuche. Und schon warten neue Gefahren auf ihn. Unangenehme Begegnungen mit anderen Tieren, zum Beispiel. Und dann ist Chico auf einmal verschwunden. Hat der Nachbarsjunge Werner – ein Tunichtgut mit beachtlicher krimineller Energie – ihn etwa gefangen und verkauft? Zuzutrauen wäre es ihm.

Doch bei der Suche nach Chico zeigt es sich, dass Werner gar kein so schlechter Kerl ist. Er ist nur einsam und hat ein paar dumme Fehler gemacht. Jetzt erweist er sich als Retter in der Not. Er weiß, wo Chico ist und hilft Karl in einer halsbrecherischen Aktion, den Papagei aus einer äußerst misslichen Lage zu befreien. Karl und Chico haben von Stund an einen neuen Freund: Werner.

Um Chicos Aktionsradius zu begrenzen und solche lebensgefährlichen Rettungsaktionen künftig zu vermeiden, beschneidet Karl dem Vogel die Flugfedern. Nicht ohne sich vorab bei seiner Mutter zu versichern, dass er Chico damit auch ganz bestimmt keine Schmerzen zufügt. Seine Mutter beruhigt ihn: „Nein, das ist wie Fingernägel schneiden.“

Chico lernt sprechen – und die Stimmen seiner vertrauten Menschen so täuschend echt nachzuahmen, dass er einmal mit seinem Geschrei das halbe Dorf zusammentrommelt. Und wer hat Karls Deutschlehrer auf dem Hof das Wort „Dummkopf“ nachgerufen? Karl ist es jedenfalls, der dafür die Ohren lang gezogen bekommt …

Auch wenn Chico nur noch im Dunstkreis des Hofs herumfliegen kann, Abenteuer erlebt er trotzdem noch reichlich. So lernt er zum Beispiel gänzlich unbeabsichtigt, auf einem Pferd zu reiten. Als er wenig später seine neu erworbenen Reitkünste an einem der Schweine ausprobiert, versucht er sich bei der Gelegenheit gleich noch als gestrenger Lehrer. Er bemüht sich nach Kräften, dem Schwein das Sprechen beizubringen: „Sag: ‚Chico komm!’“, befiehlt er. Doch das arme Schwein kann nun mal nichts anderes sagen als „quiiiiiek!“, und wenn Chico es noch so oft mit dem Schnabel ins Ohr zwickt.

Karl und Werner, die zufällig Zeuge dieser tierischen Unterrichtsstunde werden, kringeln sich vor Vergnügen. Den Schulkameraden und dem Lehrer, denen Karl anderntags von dieser unglaublichen Szene berichtet, geht es nicht anders. Die Vorstellung ist aber auch zu köstlich!

Als Karl eines Tages bewusst wird, dass grüne Papageien eigentlich immer paarweise unterwegs sind, regen sich bei ihm erste Zweifel an seinem Tun. Ist es richtig, dass er Chico die Flügel beschneidet, nur damit dieser bei ihm bleibt? Ist es nicht so, dass er seinem geliebten Vogel damit die Freiheit und ein artgerechtes „Familienleben“ vorenthält? Und ist das in Ordnung?

Karl berichtet Ernst von seinen Überlegungen, einem Theologen aus der Gemeinde, der die Gabe hat, gut mit Kindern und Jugendlichen umgehen und sich in ihre Sorgen und Nöte einfühlen zu können. Karl hält große Stücke auf Ernst und legt viel Wert auf dessen Meinung.

Wie wird der junge Theologe die Sache wohl sehen? Und wie wird sich das auf Karls und Chicos weiteres Leben auswirken?

Chico – Abenteuerliche Kindheitserlebnisse mit einem Papagei ist ein ganz besonderes Jugendbuch. Eine Geschichte aus einer anderen Welt und einer anderen Zeit. Gerd Willms beschreibt eine Kindheit ohne Fernseher, Computer und Handy, dafür mit viel Freiheit und Abenteuer in der Natur. Eine Welt, die unsere Kinder und Enkel so nicht mehr kennen. Zeitlos ist jedoch das Thema Freundschaft zu Tier und Mensch, die das Buch behandelt. Und darin dürften sich auch die „Kids“ von heute wiedererkennen.

Dem Buch merkt man an, dass viele persönliche Erfahrungen darin eingeflossen sind. Es ist ein sehr authentisches und persönliches Werk – und mehr als nur ein Tierabenteuer für junge Leser. Es sind literarisch verarbeitete Lebenserinnerungen, es ist ein Entwicklungsroman, es bringt dem Leser das Leben der Auswanderer nach dem Zweiten Weltkrieg nahe und es beschreibt das Wesen und den Wert der Freundschaft.

Dass der christliche Glaube in diesem Band eine wichtige Rolle spielt, kommt nicht von ungefähr: Der Autor, 1950 in Paraguay geboren, 1972 nach Deutschland ausgewandert, hat in den USA und in Kanada Theologie studiert und lebt heute als Theologe und Sozialberater in Basel. Sein literarisches alter Ego ist gläubig, weil der Autor gläubig ist. Und der Autor wiederum wurde geprägt durch Erfahrungen aus seiner Kindheit und Jugend, die in das Buch eingeflossen sind.

Die Kurzbiographie des Autors im Anhang des Buchs enthält Fotografien aus seiner Kindheit in Paraguay. Und man braucht nicht viel Phantasie, um darin die Welt von Karl, Chico und ihren Freunden wiederzuerkennen.

Ich bin sicher, dass ein Autor mit einer so spannenden Biographie noch viele weitere faszinierende Geschichten zu erzählen hat. Und ich hoffe, er erzählt sie auch uns.

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Der Prinz auf der Erbse – gedruckt!
Mai 19, 2008, 8:33 am
Filed under: Tierisches

Eine gekürzte Version meiner Katzen-Geschichte „Der Prinz auf der Erbse“ ist in der Juni/Juli-Ausgabe der Zeitschrift DAHEIM in Deutschland erschienen.

Auf die Abbildung klicken, dann wird sie größer.

Im Übrigen kann jedermann – und jederfrau 😉 – dort Beiträge einreichen. Nicht nur über Tiere, auch zu diversen anderen Themen. Fotos sind ebenfalls willkommen. Die Redaktion freut sich über interessante Beiträge. Details hier: http://www.daheim-in-deutschland.de.



Germanwings Story Award (Hrsg.): Geschichten vom Fliegen II – 13 preisgekrönte Beiträge
Mai 15, 2008, 8:06 am
Filed under: Bücher

Germanwings Story Award (Hrsg.): Geschichten vom Fliegen II – 13 preisgekrönte Beiträge, Münster 2007, Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat OHG, ISBN 978-3-938568-71-2, 144 Seiten, Taschenbuch, Format 12,5 x 19 x 1 cm, EUR 9,90

Nanu? Ein Buch von Germanwings? Was versteht denn eine Fluggesellschaft vom Büchermachen? Auf jeden Fall deutlich mehr als ein Verlag vom Fliegen, denn es ist Germanwings gelungen, eine abwechslungsreiche Mischung aus unterhaltsamen Kurzgeschichten zusammenzustellen.

Das Erfolgsrezept lautet: Man frage seine Passagiere und andere interessierte Autorinnen und Autoren nach ihren besten Geschichten zum Thema Fliegen, lobe attraktive Preise aus, nehme eine kompetente Jury aus dem Verlagswesen, der Publizistik und Germanistik sowie einen interessierten Verlag – und voilà: Fertig ist das Buch!

Ein Quäntchen Glück gehört natürlich auch dazu. Bevor man interessante Geschichten auswählen, auszeichnen und publizieren kann, muss man sie erst einmal bekommen. Und dieses Glück hatte Germanwings. Aus über 300 Einsendungen wurden die folgenden 13 Beiträge für das Buch ausgewählt und prämiiert

1. Der Ich-Erzähler in Peter Gaspars Geschichte MEIN TRAUM VOM FLIEGEN hat als kleiner Junge schon zwei interessante Optionen für die Zukunft: Er könnte Musiker werden, doch noch viel lieber würde er Pilot. Als sich der eine Traum zerschlägt, verliert er auch jegliches Interesse an der Alternative. Hat er damit sein Leben ruiniert?

2. Tarek, der Held aus Lisa Hänels Story AUS DEM LEBEN EINES AHNUNGSLOSEN nervt mit Begeisterung Reisende, die auf ihr Flugzeug warten, mit aufdringlichen Fragen, Tipps und Reiseberichten. Und niemand ahnt sein Geheimnis …

3. DER ESEL VON ARBANASSY begegnet dem Erzähler in Klaus Servenes gleichnamigem Beitrag. Er sieht das Tier, als er von einer bulgarischen Hochzeit zurückfliegt. Und was das Verrückte daran ist: Der Esel fliegt auch!

4. EIN NEUES LEBEN wünscht sich der etwas spießige Albert in Gabi Thomas’ Story. Er ist auf dem Weg nach Paris, um dort nach fast 30 Jahren seine Jugendliebe wiederzusehen. Ist es eine gute Idee, ausgerechnet seinem Sitznachbarn im Flugzeug, dem schrägen Vogel Zippo davon zu erzählen …?

5. LONDON’S CALLING – und zwar Kerstin Hansens Heldin Corinna, die zu einem Vorstellungsgespräch bei einer Bank in die britische Metropole fliegt. Im Hotel angekommen, offenbart sich der Super-GAU: Corinna hat versehentlich den Rollkoffer ihrer Sitznachbarin mitgenommen statt ihres eigenen – und der Fremdkoffer enthält statt ihres Business-Kostüms lauter schrille Klamotten in Pink, die ihr noch nicht einmal passen. Eine Katastrophe? Wie man’s nimmt …

6. Der Held in Ivo Haases Kurzgeschichte HIGHWAYMAN war einmal ein beruflicher und privater Vielflieger. Nach der Firmenpleite lebt er nun von Hartz IV. Um einmal aus der Trostlosigkeit auszubrechen, trifft er sich in Zagreb mit Freunden aus Slowenien. Ein Gastgeschenk und ein Reisemitbringsel bringen ihn auf eine interessante Idee. – Eine Geschichte, die verflixt nahe am Leben spielt. Und mit einem Schluss, den wir dem Protagonisten von Herzen gönnen.

7. Regina Erichs RECYCLETE TEENAGER, das sind fünf Damen des Abi-Jahrgangs 1974, die auf einem Kurztrip nach Edinburgh sind, um dort eine ehemalige Klassenkameradin zu besuchen. – Mit feinem Humor beobachtet und literarisch porträtiert. Vor oder hinter so einer Reisegruppe haben wir alle schon mal im Flieger gesessen …

8. DIE GEIGE IM COCKPIT von Herbert Fricke: Um keinen Preis der Welt will sich der russische Musiker Bessonow auf dem Flug nach Berlin von seiner Geige trennen. Sie kommt mit in die Kabine und nicht in den Frachtraum, und wenn sich sämtliche Autoritäten auf den Kopf stellen! Für die unbürokratische und kreative Problemlösung des Flugkapitäns bedankt er sich auf besondere Weise.

9. Wer ist der findige Kopf, der einen terroristischen Anschlag in einem Airbus verhindert, indem er zwei im Frachtraum transportierte Rottweiler freilässt? Sylvia Grünberger erzählt diese außergewöhnliche Begebenheit in ihrer Story KATZENJAMMER.

10. EISBLAUE AUGEN hat die Dame, die neben Gregor Schürers Held auf dem Flug nach Spanien sitzt. Er erkennt in ihr eine Leidensgenossin, eine verständnisvolle Zuhörerin, ja eine Seelenverwandte und erzählt ihr von seiner gescheiterte Ehe. Wäre seine Sitznachbarin vielleicht sogar die Richtige für einen Neuanfang …?

11. MEINE FLUGHAFENHALLE von Daniela Dihsmaier: Teenager Lisa flüchtet, wann immer möglich, aus dem tristen Alltag zum Tagträumen auf den Flughafen. Dort kennt man sie schon. Als ihr ein Pilot eine Privatführung durch ein Flugzeug verspricht, ist Lisa Feuer und Flamme. Leider kollidiert diese Verabredung mit einem Arzttermin, zu dem sie ihren kleinen Bruder begleiten soll …

12. Zu welchen Verwicklungen es kommen kann, wenn man auf einem Flug zufällig neben einem Prominenten sitzt, das erfährt die Reisende in Sabine Lanwehrs Story GEORGIE. — Ein interessantes und amüsantes Spiel mit Sein und Schein.

13. In der Geschichte ICH, SIE UND ER von Katharina Kramer pendelt die Erzählerin seit zwei Jahren regelmäßig zwischen ihrem Heimatort in Sachsen und ihrem Arbeitsort Köln. An dem einen Ort warten Familie und Freunde, am anderen ein interessanter Job. Dabei hat sie das ungute Gefühl, immer nur zu Besuch im eigenen Leben zu sein. Ob sie jemals so weit kommen wird, sich auf die Ankunft in jeder ihrer zwei Welten zu freuen …?

Bei der Lektüre dieser 13 Geschichten vergeht die Zeit buchstäblich wie im Flug. Somit wäre das Buch schon mal eine ideale Reiselektüre. Aber natürlich hat man auch am Boden seinen Spaß daran … erinnert sich an vergangene Reisen und träumt von den kommenden.

Interessant wäre gewesen, zu erfahren, ob es bei den 13 preisgekrönten Geschichten eine Rangfolge gegeben hat, also einen ersten, zweiten, dritten Preis. Und ob die Reihenfolge, in der die Geschichten im Buch erscheinen, Rückschlüsse über ihre Platzierung bei der Wertung zulassen. Aus dem Buch selbst geht das nicht hervor. Aber vielleicht wurden auch alle 13 ausgewählten Beiträge für gleich gut, preiswürdig und veröffentlichungswert erachtet. Es wäre in Ordnung und würde der Qualität der Geschichten gerecht.



Testbild
Mai 14, 2008, 4:28 pm
Filed under: Wahnsinn im Alltag

Foto: (c) Guedo / Pixelio

Ach … und heute geht das wieder mit dem Bilder Einstellen? Je nach Tagesform …

Und falls sich jemand fragt, was der Tiger hier soll – der fand heute Verwendung in unserem Tiergeschichten-Blog: http://tiergeschichten.wordpress.com. Dort illustriert er ein Gedicht von Ingo Baumgartner.



DAU-Dreikampf: Hochladen, fluchen, frickeln
Mai 13, 2008, 8:12 am
Filed under: Wahnsinn im Alltag

Aha … mit vielen Workarounds, Gedöns und Trallala schaffe ich es jetzt doch wieder, direkt über WordPress Bilder einzustellen. Bis zum letzten Update ging das hier auf Knopfdruck. Hochladen, einfügen, passt schon. Jetzt geht nur noch hochladen, fluchen, frickeln. Und manchmal, aus heiterem Himmel, funktioniert es auch ein paar Tage lang wieder wie früher. Weiß der Geier, warum.

Ist nicht nur bei mir so. Aber angeblich liegt’s an uns Usern. Nur: Wenn ich immer dasselbe mache und sich auch an meiner Kiste nix verändert, hab ich den leisen Verdacht, dass der Fehler nicht bei mir liegen kann.

Egal. Mit einem Fehler, den ich selber nicht beheben kann und um den sich niemand anders kümmert, werde ich wohl leben müssen. Also weiter im DAU-Dreikampf: hochladen, fluchen, frickeln.



Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels
Mai 5, 2008, 7:52 am
Filed under: Bücher

Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels, München 2008, Deutscher Taschenbuchverlag, dtv, aus dem Französischen von Gabriela Zehnder, ISBN 978-3-423-24658-3, 363 Seiten, Softcover, Format 13,5 x 21 x 2,9 cm, EUR 14,90.

Renée Michel ist Mitte fünfzig, verwitwet, klein, unattraktiv und stammt aus einfachen Verhältnissen. Seit 27 Jahren arbeitet sie als Concierge in der Rue de Grenelle 7, einem schönen herrschaftlichen Stadthaus mit Innenhof.

Paloma Josse, zwölf Jahre alt, wohnt mit ihren Eltern und ihrer Schwester ebenfalls in der Rue de Grenelle 7, „in einer Wohnung für Reiche“.

Die Frau und das Mädchen kennen einander nur vom Grüßen und ahnen nicht, dass sie ein Geheimnis verbindet: Beide sind überdurchschnittlich intelligent und belesen, und beide verwenden eine beträchtliche Menge an Energie darauf, sich dümmer zu stellen als sie sind um nicht aufzufallen und ihre Ruhe zu haben.

Renée Michel spielt perfekt die einfältige Concierge. Ihr Blick ist leer, die Antworten einsilbig. In der Hausmeisterloge läuft den ganzen Tag dümmliches Proleten-Fernsehen, während sie in jeder freien Minute im Hinterzimmer die großen Werke der Literatur und Philosophie studiert und aufmerksam das Treiben ihrer Nachbarn verfolgt.

Paloma ist, trotz aller Bemühungen, ihre überragende Intelligenz zu verbergen, Klassenbeste. Sie beobachtet ihre Mitmenschen lieber als sich mit ihnen abzugeben, denn weder ihre Altersgenossen noch die Erwachsenen in ihrer Umgebung sind passende Gesprächspartner für sie. Alle halten sie für exzentrisch. Dass sie (zu) klug ist, scheint niemand zu bemerken.

Das Leben erscheint Paloma sinnlos, leer und vorhersehbar. Und eines weiß sie ganz genau: In die verlogene Welt der Erwachsenen will sie gar nicht erst eintauchen. Deshalb ist sie wild entschlossen, sich an ihrem 13. Geburtstag das Leben zu nehmen. Bis es soweit ist, möchte sie sich noch ein paar grundlegende Gedanken über die Welt machen, die sie in einem Tagebuch niederschreibt.

Abwechselnd teilen uns nun Paloma und Madame Michel ihre Beobachtungen und Überlegungen, ihre Ansichten und Einsichten mit. Optisch klar abgegrenzt durch die Verwendung unterschiedlicher Schriftarten ist stets auf den ersten Blick erkennbar, wer gerade zum Leser spricht.

In einem Punkt sind sich die beiden Ausnahmefrauen einig: Der Mensch ist nichts weiter als ein Tier, ein Primat. Für Religiosität ist in ihrem Weltbild kein Platz. Der Mensch kommt zur Welt und verbringt einen Großteil seines Lebens mit der Befriedigung primitiver Bedürfnisse: Sex, Territorium und Hierarchie. Dann stirbt er und es ist vorbei. Das einzige, was nach Meinung von Madame Michel den Menschen vom Tier unterscheidet, ist die Kunst, das Streben nach Schönheit. Doch auch die Sinnsuche ist ihrer Auffassung nach ein Trieb. „Die Literatur zum Beispiel hat eine pragmatische Funktion. Wie jede Form der Kunst hat sie die Aufgabe, die Erfüllung unserer lebenswichtigen Pflichten erträglicher zu machen.“ (Seite 277)

Über Sinn, Aufgaben und Pflichten macht sich auch Paloma Gedanken: „Ich für meinen Teil glaube, dass wir nur eines tun können: Die Aufgabe finden, für die wir geboren worden sind, und sie so gut wie möglich erfüllen, ohne die Dinge unnötig zu komplizieren und ohne zu meinen, in unserer animalischen Natur liege etwas Göttliches. Nur so werden wir das Gefühl haben, etwas Konstruktives zu tun, wenn der Tod uns holt.“ (Seite 265)

So fasziniert, wie Renée Michel von Kunst ist, so fasziniert ist Paloma von der Bewegung. Sie beobachtet Sportler, Tiere und die Menschen in ihrer Ungebung und fragt sich nach einem Chorkonzert, ob die wahre Bewegung der Welt nicht der Gesang ist.

Paloma ist aufgrund ihrer Jugend noch nicht so abgeklärt wie Madame Michel. Ihre Beobachtungen und Gedanken zu allen erdenklichen Aspekten des Lebens sind im Grunde eine Suche nach etwas, das das Leben doch lebenswert macht und sie vielleicht von ihren Freitodabsichten abhalten könnte. Manche ihrer Überlegungen erscheinen einem vertraut, manche wiederum absurd. Paloma denkt übers Essen nach, über Mangas, über Grammatik, den Tod und auch über die Intelligenz:

„Was ich jetzt sage, ist eine Banalität, aber die Intelligenz für sich hat nicht den geringsten Wert und ist von keinerlei Interesse. (…) Doch viele intelligente Menschen haben eine Art Bug: Sie halten die Intelligenz für ein Ziel. Sie haben nur den einen Gedanken im Kopf: intelligent sein, was außerordentlich dumm ist. Und wenn die Intelligenz sich für den Zweck hält, funktioniert sie auf merkwürdige Art und Weise: Der Beweis, dass sie existiert, liegt nicht in der Sinnigkeit und Einfachheit dessen, was sie hervorbringt, sondern in der Unverständlichkeit ihres Ausdrucks. (…)“ (Seite 183)

Bei ihren kritisch-distanzierten Beobachtungen menschlichen Verhaltens prallen gelegentlich philosophische Gedanken ungebremst auf brüllkomische Situationen. Wenn sie das Tun und Treiben einiger Frauen beim Schlussverkauf in einem Dessous-Geschäft kommentiert, zum Beispiel. Oder wenn sie den langjährigen Psychotherapeuten ihrer Mutter, den sie für einen unfähigen Dummschwätzer hält, eiskalt auflaufen lässt. Auch die Lehrer haben es bei Paloma nicht immer leicht …

Während man im Wechsel die Betrachtungen von Madame Michel und Paloma verfolgt, beginnt man zu bedauern, dass die beiden nichts voneinander wissen und nicht miteinander in Kontakt treten. Sie hätten sich viel zu sagen und wären ebenbürtige Gesprächspartnerinnen. So sind sie beide nur einsam.

Erst als ein vermögender älterer Japaner, Monsieur Ozu, in das Stadtpalais in der Rue de Grenelle 7 einzieht, ändert sich etwas an dieser Situation. Monsieur Ozu hat eine Art, sich für seine Mitmenschen zu interessieren, die es ihnen leicht macht, sich ihm zu öffnen. „Das Verwirrende und gleichzeitig Wunderbare an Kakuro Ozu ist, dass er eine jugendliche Begeisterung und Unbefangenheit mit der Aufmerksamkeit und dem Wohlwollen eines großen Weisen in sich vereint.“ (Renée Michel, Seite 254)

Sehr schnell kommt er hinter das Geheimnis der beiden Damen und freundet sich mit ihnen an. Paloma findet in Kakuro Ozu einen Gesprächspartner, der sie „behandelt wie eine richtige Person“. Renée Michel sieht ihn ihm eine verwandte Seele, einen Menschen, vor dem sie sich endlich nicht zu verstellen braucht. Und nun lassen auch Paloma und Renée voreinander die Masken sinken.

Paloma erkennt: „Madame Michel … Wie soll ich sagen? Sie strömt Intelligenz aus. Dabei gibt sie sich alle Mühe, also man sieht richtig, dass sie ihr möglichstes tut, um die Concierge zu spielen und um schwachsinnig zu erscheinen. Doch ich habe sie schon beobachtet (…). Madame Michel besitzt die Eleganz des Igels: Außen ist sie mit Stacheln gepanzert, eine echte Festung, aber ich ahne vage, dass sie innen auf genauso einfache Art raffiniert ist wie die Igel, diese kleinen Tiere, die nur scheinbar träge, entschieden ungesellig und schrecklich elegant sind.“ (Seite 157)

Fortan findet Paloma öfter einmal Zuflucht vor ihrer Familie in der Hausmeisterloge von Madame Michel. Die Concierge genießt die Gesellschaft ihrer „Tochter im Geist“, genauso wie die Treffen mit Kakuro Ozu, auch wenn sie, was ihn angeht, Bedenken wegen des Standesunterschiedes hat. Bedenken, die der Japaner nicht teilt: „Wir können Freunde sein“, sagt er „und sogar alles, was wir wollen.“ (Seite 346)

Wird es ein Happy End geben? Und gibt es Hoffnung für Paloma?
Wie man’s nimmt …

Dieses Buch ist so außergewöhnlich wie seine Heldinnen. Es ist spannend und mitreißend, und das ohne „Action“, denn eigentlich philosophieren hier nur zwei intelligente Menschen über die kleinen Freuden des Alltags. Aber wie sie das tun, das ist berührend und anregend, faszinierend und unterhaltsam zugleich – und manchmal unglaublich komisch. Wer alles Philosophische bislang für abgehoben und langweilig gehalten hat: „Die Eleganz des Igels“ belehrt ihn aufs Angenehmste eines Besseren.

Die Autorin
Muriel Barbery wurde 1969 geboren, studierte Philosophie in Frankreich und lebt seit einigen Monaten in Kyoto. Ihr Romandebüt, „Die letzte Delikatesse“, erschien 2000 und wurde in 14 Sprachen übersetzt. „Die Eleganz des Igels“, ihr zweiter Roman, wurde zu dem literarischen Bestseller des Jahres 2007 in Frankreich, in 31 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet (u.a. mit dem „Prix Georges Brassens 2006“, dem „Prix des libraires 2007“ dem „Prix Rotary International“).



Dora Heldt: Urlaub mit Papa – Roman
Mai 5, 2008, 7:50 am
Filed under: Bücher

Dora Heldt: Urlaub mit Papa – Roman, München 2008, Deutscher Taschenbuchverlag, dtv, ISBN 978-3-423-24641-6, Softcover, 316 Seiten, Format: 13,5 x 21 x 3 cm, Euro 12,00 [D] 12,40 [A] sFr 21,10.

„Mein Bruder beschrieb unseren Vater mal mit den Worten: ‚Er hat Augen wie Terence Hill und Schiss wie Rantanplan.’“ (Seite 10)

Alle erwachsenen Leserinnen, die ein stinknormales Verhältnis zu ihren Eltern haben, mögen sich bitte mal kurz vorstellen, sie seien durch widrige Umstände dazu gezwungen, ihren Vater für zwei Wochen mit in den Urlaub zu nehmen. Und jetzt im Chor, meine Damen: „Gaaaaaaaah!“

Genau das passiert der Verlagsangestellten Christine Schmidt, 45, geschieden, kinderlos. Ihre Mutter muss überraschend wegen einer Knie-Operation ins Krankenhaus, und weil Papa Heinz in allen praktischen Dingen des Alltags so hilflos ist, bleibt Christine nichts anderes übrig, als ihn mit nach Norderney zu nehmen. Dort möchte sie während des Urlaubs ihrer Freundin, der Pensionswirtin Marleen, beim Renovieren des Lokals helfen.

Heinz könne ja ebenfalls mithelfen, meint Christines Mutter. Ja, klasse Idee! Heinz hasst es zu verreisen und verabscheut Veränderungen. Er ist Meister darin, Schlager zu trällern, Geschichten zu erzählen und die Wahrheit zu verdrehen, Arbeit zu verteilen und sich selbst davor zu drücken („Mein Rücken!). Besserwissen und sich einmischen kann er auch ganz gut. Und charmant kann er sein, wenn auch nicht zu seiner Tochter. Dass diese Talente auf einer Baustelle von großem Nutzen sein werden, bezweifelt Christine.

Schon die Hinreise treibt Christine auf die Palme. Bereits bei seiner Ankunft verursacht Heinz einen Polizeieinsatz auf dem Bahnhof. Bei der Weiterfahrt mit dem Auto nervt er nicht nur mit Schlagermusik. Und auf der Fähre erobert er die Herzen der zweier schrill gekleideter älterer Damen, Mechthild und Hannelore, die zu allem Überfluss auch noch in Marleens Pension absteigen.

Kaum sind sie bei Marleen angekommen, werden die Zuständigkeiten für die nächsten zwei Wochen verteilt: Da Christine vom großmütterlichen Betrieb her Berufserfahrung hat, führt sie die Pension, während Chefin Marleen, die Bühnenbildnerin Dorothea und Heinz sich um die Baustelle kümmern.

Auch wenn Christine das Schlimmste befürchtet hat – zunächst sieht alles recht friedlich aus. Auf Marleens Baustelle werkeln bald nicht nur der Innenarchitekt Nils und die Künstlerin Dorothea, sondern auch der Elektriker Onno (63), Nils’ Vater Carsten (72) und Heinz’ Jugendfreund Kalli (75), der seit vielen Jahren auf Norderney lebt. Und Heinz mittendrin, umschwärmt von den schrill gekleideten Damen Mechthild und Hannelore sowie von einem siebenjährigen Zwillingspärchen.

Was macht es da schon, wenn Heinz manchmal vergisst, dass seine Tochter Christine längst erwachsen ist und ihr Vorschriften macht wie einer Dreizehnjährigen? So sind sie eben, die Väter! In seiner Gegenwart fühlt Christine sich auch beinahe wieder wie ein Teenager. Sie wagt nicht einmal mehr, öffentlich zu rauchen. Das tut sie jetzt wieder heimlich.

Als Christine sich in den attraktiven Pensionsgast Johann Thiess verguckt und sie ihm auch nicht gleichgültig ist, scheint einem traumhaften Urlaub nichts mehr im Weg zu stehen. Trotz Heinz.

Doch dann lernt die Altherrenriege den frettchengleichen Inselreporter Gisbert von Meyer kennen und das Chaos nimmt seinen Lauf. Nicht nur, dass anderntags der haarsträubende Unsinn, den Geschichtenerzähler Heinz zu später Stunde verzapft hat, brühwarm in der Zeitung steht, nein Heinz setzt auch alles daran, Herrn Meyer mit seiner Tochter zu verkuppeln. Ein Schwiegersohn, der billige Karten für den HSV besorgen kann und etwas vom deutschen Schlager versteht, ist ganz nach seinem Herzen. Christine freilich sieht das anders.

Aber es kommt noch schlimmer: Gisbert von Meyer ist überzeugt davon, dass es sich bei Johann Thiess, mit dem Christine ausgeht, um einen gesuchten Heiratsschwindler handelt. Die Täterbeschreibung passt auf ihn, und er wurde mehrfach in vertrautem Gespräch mit einer älteren, sehr vornehmen Dame gesehen. Sein neues Opfer?

Nun träumt der Reporter davon, den Heiratsschwindler überführen und dafür von aller Welt als Held gefeiert zu werden. Die Altherrenriege, allen voran Heinz, ist begeistert von der Idee. Neben ihren Aktivitäten als recht eigenmächtige Kneipen-Renovierer gehen sie nun noch einer Zweittätigkeit als selbst ernannte Privatdetektive nach. Keiner von Ihnen ist ein Sherlock Holmes, ja nicht einmal ein Doktor Watson. Aber sie stürzen sich mit Feuereifer auf ihre neue Aufgabe und beschatten abwechselnd den Verdächtigen. Tatsächlich machen sie die eine oder andere beunruhigende Entdeckung.

Selbst Christine zweifelt so langsam an Johann Thiess’ Aufrichtigkeit. Wer ist die vornehme alte Dame? Und wer ist „Mausi“, mit der er immer wieder telefoniert? Warum ist unter der Adresse, die er bei der Anmeldung angegeben hat, kein Johann Thiess gemeldet? Haben Gisbert von Meyer und seine Hobbydetektive am Ende doch Recht, und Thiess ist der gesuchte Heiratsschwindler? Kann sie sich so in dem Mann getäuscht haben?

Pensionswirtin Marleen plagen unterdessen ganz andere Sorgen: Wie soll ihr Lokal rechtzeitig zur Eröffnung fertig werden, wenn ihre Hilfstruppen lieber Räuber und Gendarm spielen?

URLAUB MIT PAPA ist eine hinreißend komische, spritzig-leichte Sommerlektüre. Es gibt allerdings ein paar Vater-Tochter-Szenen, bei denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Auch wenn manche Szenen komödiantisch leicht überspitzt dargestellt werden, kommen sie einem doch verflixt vertraut vor. Vielleicht steckt ja wirklich in jedem Papa ein bisschen Heinz …? In diesen Momenten fühlt man aus tiefstem Herzen mit der Buchheldin Christine Schmidt, die sich verzweifelt fragt: „(…) was [meine Mutter] im Alltagsleben meines Vaters alles erfolgreich verhinderte und warum ich immer zu spät kam.“ (Seite 169)

Ein Toast auf unsere Mütter und Väter – und auf den ganz normalen Wahnsinn im Alltag!

Die Autorin:
Dora Heldt, geboren 1961, gelernte Buchhändlerin, arbeitet heute für einen Verlag und lebt in Hamburg.