Wahnsinn im Alltag


Forums-Leid
August 31, 2007, 7:21 am
Filed under: Hausfrauen-Poesie

Wenn Trolle sich nur trollen wollten,
wenn sie sich mal trollen sollten!
Wär’ Chemie mein Fachgebiet,
erfände ich ein Trollizid.



Stille Reise
August 31, 2007, 7:20 am
Filed under: Hausfrauen-Poesie

Weil ich nicht Auto fahren kann,
fahr ich täglich mit der Bahn.
Die bringt mich pünktlich ins Büro
und, wenn gewünscht, nach Sonst-noch-wo.

Was mich jedoch verzweifeln lässt,
das ist die laute Handy-Pest.
An jeder Ecke wird krawallt
und der ganze Zug beschallt.

Es müsste ’ne Erfindung her
mit der auf Knopfdruck Ruhe wär …

Gewidmet den Stuttgarter S-Bahnen. 😉



Nordic Talking
August 23, 2007, 7:31 am
Filed under: Wahnsinn im Alltag

Ich bin ja kein Freund solcher technischen Firlefanze, aber manchmal wäre es schon nett, ein Handy mit Kamera dabei zu haben. Drei Damen sah ich gestern auf einem Feldweg, die Stöcke fürs Nordic Walking fest in der Hand. Allerdings waren sie nicht beim Wandern, sondern standen im Kreis und unterhielten sich angeregt.

Das wäre ein nettes Bild gewesen – mit der Unterschrift: „Nordic Talking“. 😉

Foto von http://www.pixelio.de



Sozial-Aktien-Gesellschaft: Ebay für den Tierschutz
August 22, 2007, 11:23 am
Filed under: Wahnsinn im Alltag

Vor einigen Monaten habe ich in einer der Tierzeitschriften des GONG-Verlags den Tipp gelesen, dass man bei http://www.sozial-ag.de Sachspenden abgeben kann, die dann zu Gunsten wohltätiger Organisationen bei Ebay versteigert werden.

Die Gesellschaft selbst beschreibt ihre Ziele so: “Ziel des Projekts „SocialBay – Sach(en)spenden, Vereine fördern“ ist es, Sachspenden über eBay zu versteigern und die Erlöse den vom Spender ausgewählten Einrichtungen und Vereinen zu überweisen. Das kann ein Tierschutzverein, ein Frauennotruf, die Jugendabteilung eines Sportclubs, aber natürlich auch die AWO, ein SOS Kinderdorf oder das Rote Kreuz sein!“

Da ich seit mehreren Jahren ein paar Kartons im Keller lagern hatte mit altem Spielzeug und diversem anderen Kram, der zum Wegwerfen zu schade war, habe ich die Gunst der Stunde genutzt und den Leuten zwei große Kartons davon geschickt mit der Maßgabe, den Tierschutzverein Lanzarote mit dem Erlös zu bedenken. Diesen Verein kenne und unterstütze ich seit Jahren, und er war zufällig auf der Liste der Institutionen, die man mit einer Spende begünstigen kann. (Diese Liste haben sie irgendwo auf der Seite http://www.spendenportal.de versteckt – ich finde sie aber nicht wieder. Notfalls muss man die Jungs dort fragen, welche Vereine gehen und welche nicht.)

Mir selber ist Ebay zu kompliziert und zu zeitaufwändig, ich hätte es in hundert kalten Wintern nicht fertig gebracht, die Artikel selbst zu versteigern.

Gerne hätte ich ja den Fortgang der Auktion mit eigenen Augen verfolgt, aber gerade als meine Artikel online gingen, war ich im Ausland und ohne Internetzugang. Jetzt hab ich nachgefragt und prompt die Auskunft bekommen, dass mein alter Krempel rund 60 Euro erlöst hat. Es funktioniert also!

Am Wochenende geht gleich noch einmal eine Fuhre „Material“ an die Organisation in Bielefeld. Ich habe meinen Kleiderschrank ausgemistet und einige gut erhaltene hochwertige Stücke gefunden, die mir einfach nicht mehr passen. Viel zu schade für den Kleidersack! Die Kleidungsstücke gehen jetzt dank Sozial-Aktien-Gesellschaft zu Gunsten des Tierschutzvereins Lanzarote online.

Bei dieser A(u)ktion gibt es eigentlich nur Gewinner: Mich, weil ich das Gefühl habe, nichts Gutes wegwerfen zu müssen, die Käufer, weil sie günstig an schöne Artikel kommen – und den Tierschutzverein Lanzarote, der außer der Reihe eine Spende bekommt.

So gesehen ist das mal ein positiver „Wahnsinn im Alltag“: Eine wahnsinnig gute Idee!



Der neue Kratzbaum
August 15, 2007, 5:28 pm
Filed under: Tierisches

Nach zehn Jahren intensivster Nutzung durch unsere dreiköpfige „Stammbekatzung“ nebst diversen Besuchs- und Pflegekatzen war der alte Kratzbaum hoffnungslos zerrammelt. Siehe Foto unten. Ein neuer musste her.

Auf einer Messe sah ich wunderschöne „Katzenmöbel“ die nicht nur ansprechender im Design waren als die üblichen Modelle sondern auch noch außerordentlich sorgfältig gearbeitet. Qualität hat natürlich auch ihren Preis. Für einen Spontankauf war das nichts. Also nahm ich eine Visitenkarte mit und behielt die Sache im Hinterkopf.

Fortan durften sich Freunde und Kollegen die Story vom „Designerkratzbaum“ anhören. Aber die sind ja Kummer gewöhnt. Sie haben jeweils drei Jahre lang die Geschichte vom neuen Computer und den Wohnzimmermöbeln erdulden müssen. Nein, ein Freund von schnellen Entschlüssen bin ich nicht. Ich habe ein hochwertiges Produkt im Visier, trau mich nicht so recht ran, umschleiche es ein bis drei Jahre – und kaufe es schließlich doch.

Genau so war es auch in diesem Fall. Zwischen dem Kratzbaumanbieter CAZI und mir gingen diverse E-Mails und Telefonate hin und her – bis ich schließlich zuschlug. Die Kollegen waren bass erstaunt, dass das diesmal bereits nach anderthalb Jahren der Fall war.

Im August wurde das gute Stück dann geliefert. Die Firma CAZI hat den Baum nicht per Post geschickt, sondern er wurde persönlich vorbeigebracht. Das fand unser Kater Blacky, der nichts mehr liebt als Remmidemmi und Umbaumaßnahmen, überaus interessant. Kaum lag das erste Bauteil auf dem Boden, kroch er auch schon in den Hohlraum des Kratzbaumstamms. Zum Glück nahm durch diesen nicht bestimmungsgemäßen Gebrauch weder der Kater noch der Kratzbaum Schaden.

Der Aufbau ging ruckzuck. Und dann stand das gute Stück in voller Schönheit in unserem Wohnzimmer. Unsere beiden älteren Katzen brachten zunächst wenig Interesse für den Neuzugang auf. Sie lagen auf ihren Lieblingsplätzen und öffneten allenfalls mäßig interessiert ein Auge. Blacky dagegen inspizierte den Kratzbaum gründlich. Kletterte rauf und wieder runter, stieg in die Schublade rein und wieder raus. Und als ich nach dem Bommel griff, der an einer Holzperlenkette von einer Plattform hängt, schlug er mir das Teil ärgerlich aus der Hand. „Finger weg! Alles meins!“

Blacky inspizierte den Kratzbaum gründlich. Selbst die Schublade wurde untersucht.

Blacky schien der Auffassung zu sein, der Kratzbaum sei sein persönliches Eigentum. Weder seine kätzschen Mitbewohner, noch eine Sprühflasche, die ich beim Bügeln dort abgestellt hatte, wurden geduldet. Watz, weg damit! Er schubberte sich am Kratzbaum, um ihn ein für allemal mit seinem Duft zu imprägnieren und sich die Exklusivrechte daran zu sichern.

Doch seine Katzenkumpels haben ihm was gehustet. Mittlerweile ist der Kratzbaum doch Allgemeineigentum geworden. Kater Rocky traut sich sogar bis auf die Spitze des Möbels, während Dusty immer nur auf der untersten Plattform sitzen bleibt.

Und wer von unseren drei Monstern immer die Verblendungsknöpfe aus dem Teppichbezug knibbelt, das kriege ich auch noch raus.

Jetzt dürfen auch Dusty (oben) und Rocky (unten) den neuen Kratzbaum benutzen.

Der neue Kratzbaum kommt von hier: http:// www.cazi-katzenmoebel.de/



Christine Hanbauer: Gestatten, mein Name ist Cosma Fee. Eine Katze erzählt …
August 15, 2007, 7:26 am
Filed under: Bücher

Christine Hanbauer: „Gestatten, mein Name ist Cosma Fee. Eine Katze erzählt …“, Gelnhausen 2005, Wagner-Verlag,, ISBN 3-938623-34-9, 169 Seiten, Taschenbuch, Format: 13 x 20 x 1,1 cm, EUR 12,20

Tierfreundin Stefanie sitzt gemütlich auf der Loggia und genießt die wärmenden Sonnenstrahlen eines herrlichen Spätsommertags, als der (Alp-)Traum eines Katzenhalters wahr wird: Ihre Perserkätzin Cosma-Fee offenbart ihr, dass sie sprechen kann und besteht darauf, Stefanie ihre Memoiren zu diktieren.

Was tut man nicht alles als engagierter „Dosenöffner“, damit die Lieblinge glücklich sind und man seine Ruhe hat! Stefanie rangiert ihre alte Schreibmaschine aus, erwirbt einen Computer nebst Zubehör und den erforderlichen Kenntnissen – und die beiden legen los:

Als Gefährtin für die ehemalige Streunerkatze „Beautiful“ kommt Cosma-Fee zu Stefanie ins Haus. Zu dem Zeitpunkt ist „Cosi“ rund ein Jahr alt und hat schon ein bewegtes Kätzchenleben hinter sich. Die ersten Lebensmonate verbringt Cosma-Fee in ihrer liebevollen Ursprungsfamilie, doch weil sich ihre Menschen so viele Katzen nicht leisten können, muss für die Katzenkinder ein neues Zuhause gesucht werden.

Cosma-Fee kommt zunächst zum angehenden Tierarzt Mike und dessen Frau. Doch der arme Mann hat eine bis dahin unerkannte Tierhaar-Allergie und muss in Folge dessen nicht nur das Zusammenleben mit seinem über alles geliebten Perserkätzchen aufgeben sondern auch noch seinen Traumberuf!

Über gemeinsame Bekannte landet Cosma-Fee nun bei Stefanie und Beautiful. Das dritte Zuhause innerhalb weniger Monate! Beautiful, eigentlich führ ihre Kratzbürstigkeit berüchtigt, hat Mitleid mit der verunsicherten kleinen Katze und nimmt sich ihrer an. Und Stefanie ist eine liebevolle und erfahrene Katzenhalterin. Es dauert also nicht lange, und Cosma-Fee fühlt sich in ihrem neuen Zuhause wohl.

Zwar erweisen sich die beiden langhaarigen Katzendamen als nicht kompatibel mit einem festlich geschmückten Weihnachtsbaum, dafür sind sie aber bessere Menschenkenner als Stefanie. Was von einem gewissen Herrn Alfred zu halten ist, wissen sie sehr viel früher als ihr Frauchen …

Doch Stefanie hat auch jede Menge netter Freunde und Verwandte, und manche bringen bei ihren Besuchen auch ihre Haustiere mit. Den ebenso stattlichen wie manierlichen roten Kater Floro, zum Beispiel. Oder den riesigen Dobermann Hercules, der sich als überraschend umgänglich entpuppt. Der ängstliche Kakadu Jimmy, der sich schrecklich vor Katzen fürchtet, bleibt gleich mehrere Tage, weil seine Menschen auf Reisen sind. Und Stefanie staunt nicht schlecht, was Cosma-Fee im Nachhinein über diesen Feriengast zu berichten weiß …

Das hörbehinderte Kätzchen Susa bleibt ebenfalls länger. Es gehört Stefanies Eltern, die die Wohnung und die Katzen versorgen, als Stefanie in Urlaub fährt. Stefanies urlaubsbedingte Abwesenheit ist viel leichter zu verkraften als die Ungewissheit während ihres überraschenden Krankenhausaufenthalts. Darin sind sich Cosma-Fee und Beautiful einig.

Richtig abenteuerlich wird es, als die kleine Katze Mira-Lu in den Haushalt aufgenommen wird und in einem unbeobachteten Moment durch ein offen stehendes Fenster entwischt. Als Stefanie sie trotz wochenlanger verzweifelter Suche nicht wiederfindet, nimmt Cosma-Fee die Angelegenheit selbst in die Hand. Oder sollte ich sagen: in die Pfote? Unterstützung erhält sie dabei von gänzlich unerwarteter Seite. Wird es ihr gelingen, die junge Gefährtin wieder nach Hause zu holen …?

Humorvoll, unterhaltsam und mit viel Verständnis für die kätzischen Eigenheiten beschreibt Christine Hanbauer das, das wohl jeder Katzenhalter gerne wissen würde: was in den Köpfen und den Herzen unserer pelzigen Hausgenossen vor sich geht. Und was die Katzen tun, sobald ihr Mensch aus dem Haus ist. Oder mal gerade nicht hinschaut …

Wer Katzen kennt und liebt, wird vieles wiedererkennen und ein ums andere Mal denken: „Ganz genau wie meine!“

Christine Hanbauer verbrachte ihre Jugendjahre in Kirchberg am Wechsel, im südlichen Niederösterreich. Nach neun Jahren Dienst bei der Post wechselte sie nach einem Externistenstudium in das Lehrfach. Ab 1972 unterrichtete sie Hauswirtschaft und Werkerziehung. Inzwischen ist sie in Pension und widmet sich ihren Hobbies. Dazu zählen neben dem Schreiben von Geschichten auch Handarbeiten, Klavierspielen und Nordic Walken. Sie liest sehr gerne und verbringt viel Zeit mit ihren beiden Katzen.



Mischa Bach: Stimmengewirr. Kriminalroman
August 8, 2007, 10:42 am
Filed under: Bücher

Mischa Bach: Stimmengewirr. Kriminalroman, Leer 2007, Leda-Verlag, ISBN: 978-3-934927-79-7, 351 Seiten, Taschenbuch, Format 12 x 19 x 2,2 cm, EUR 9,90.

Kein Loch ist tief genug, die Vergangenheit zu begraben. Aber jeder Spiegel reicht aus, um Erinnerungen an die Gegenwart zu wecken.“

Cäcilia-Josephine Greschke, 28, Jura-Studentin, ist auf der Flucht. Sie hat ihren Professor niedergeschlagen und sich mit 30.000,- Euro in bar davongemacht. Wie kam es dazu? Oberflächlich betrachtet, weil der Professor nach einer Veranstaltung zudringlich geworden ist. Doch die wahren Gründe liegen tiefer: in Cäcilia-Josephines Vergangenheit. Bei Ereignissen, an die sie nur bruchstückhafte Erinnerungen hat.

Zeit für sie, sich mit ihrer offenkundig traumatisierenden Vergangenheit auseinanderzusetzen. Doch das ist nicht so leicht, denn Cäcilia-Josephine ist nicht einfach nur Cäcilia-Josephine, sondern „Jo & Co.“ – eine multiple Persönlichkeit.

Rund ein halbes Dutzend Charaktere teilen sich ihren Körper und ihr Leben: die vernünftige Anna … Jo, eine Frau mit Stil und Geschmack … Tom, ein rotziger Teenager mit Drogenerfahrung … die Kinder Jolanda und Schneewittchen … Cäcilia, die brave Tochter – und Josephine, die den chaotischen Haufen zusammenhält und die Gruppe der Identitäten meist nach außen hin vertritt. Als „Fassade“, wie sie sagt.

So verschieden wie der Entwicklungsstand der verschiedenen Persönlichkeiten ist, so verschieden ist auch deren Wissensstand über die Vergangenheit. Zwar können die verschiedenen Identitäten miteinander kommunizieren, doch gelingt es ihnen nicht, die Mosaiksteinchen ihrer Erinnerung zu einem vollständigen Bild zusammenzusetzen. Zu groß sind die Lücken. Irgend etwas Traumatisches muss sich in ihrer Kindheit ereignet haben. Und vermutlich hängt es mit dem saftigen Wirtschaftsskandal zu zusammen, in den die elterliche Druckerei vor Jahren verwickelt war. Nur wie? Das wissen sie nicht.

Direkt fragen können Jo &. Co. niemanden. Ihr Vater lebt nicht mehr und von Mutter Heidrun ist keine Hilfe zu erwarten. Sie macht sich ihre Welt wie sie ihr gefällt und hat schon immer gern die Augen vor unangenehmen Wahrheiten verschlossen. Die „Geschwister“– wie sich die Gruppe der Persönlichkeiten nennt –, beschließen, die Angelegenheit ein für allemal zu klären und in ihre Heimatstadt Oldenburg zurückzukehren. Unterstützung erhalten sie von ihrem Halbbruder Mike, einem Kleinkriminellen, und von dem Journalisten Rudolf A. Meerbach, der seinerzeit mehrfach über den Skandal und den Prozess rund um die Druckerei Berling berichtet hat.

Schicht um Schicht kommen nun die Schweinereien von damals ans Licht. Und immer, wenn Jo & Co. – und die Leser – denken, jetzt sei der Bodensatz der menschlichen Schlechtigkeit erreicht, jetzt kann es nicht mehr schlimmer kommen, wird eine weitere Lage an Lügen und Geheimnissen abgetragen und noch Übleres zu Tage gefördert …

Es ist schon spannend zu beobachten, wie eine Einzelperson düsteren Familiengeheimnissen auf die Spur kommt. Im Fall von Jo &. Co. multipliziert sich die Spannung noch. Abwechselnd erzählen die einzelnen Persönlichkeiten in der Ich-Form von ihrer Suche nach der Wahrheit und puzzeln sich das Drama ihrer Kindheit nach und nach zusammen. Stets erkennt man auf Anhieb, wer gerade in den Vordergrund getreten ist und zum Leser spricht, so unterschiedlich sind Sprachstil, Verhalten und Gedankenwelt. Auch für eine „Außenperspektive“ ist gesorgt: Mitunter schildert auch Halbbruder Mike den Fortgang des Geschehens.

Wird es den traumatisierten Halbgeschwistern gelingen, auch die letzte Lügenschicht freizulegen und die volle Wahrheit zu erfahren …?

Erstaunlicherweise sehnt man als Leser nicht unbedingt eine Heilung von Cäcilia-Josephine herbei. Jo & Co., wie sie miteinander leben, umgehen, streiten und verhandeln, kommen einem mit der Zeit fast so „normal“ vor wie eine ganz gewöhnliche Geschwisterschar. Man würde es geradezu bedauern, wenn die verschiedenen Charaktere miteinander verschmelzen und damit als Individuen ausgelöscht würden.

Eine faszinierende Heldin, eine außergewöhnliche Perspektive und ein perfider Fall machen diesen Kriminalroman zu einem besonderen Erlebnis.



Christine Spindler: Winterleuchten
August 5, 2007, 9:21 pm
Filed under: Bücher

Christine Spindler: Winterleuchten, Mossautal 2007, Sieben Verlag, ISBN: 978-3-940235-01-5, 181 Seiten, Taschenbuch, Format 13,5 x 21,5 x 1,4 cm, EUR 14,90.

Gerade als aus dem verträumten 18-jährigen Finn und seiner Mitschülerin, der unkonventionellen und erschreckend unverblümten Luna, ein Paar wird, spitzen sich die Probleme in ihren Familien dramatisch zu. Und Probleme haben beide Sippen reichlich.

Lunas Familie
Stellas Tod hat Familie Jannick nachhaltig verändert. Mutter Tabea plagt sich mit Schuldgefühlen, Vater Urban zieht sich zurück, die Ehe ist in einer ernsthaften Krise, und Stellas mittlerweile 16-jährige Zwillingsschwester Luna, die sich stets an ihrer Schwester orientiert hat, muss nun zu einer eigenen Identität finden.

Am besten hat noch Evi den Verlust verkraftet, Tabeas Schwester – eine bezaubernde junge Frau mit einer leichten geistigen Behinderung, die bei den Jannicks lebt.

Finns Familie
Auch die Familie Drostenhagen, die neu in die Nachbarschaft zieht, hat ihre Schwierigkeiten: Mutter Marianne, eine Mode-Designerin, ist geschieden, ihr Sohn Finn leidet unter der Bluterkrankheit und unter der Überfürsorglichkeit seiner Mutter. Seiner temperamentvollen kleinen Schwester „Motte“ dagegen wäre ein bisschen mehr Aufmerksamkeit ganz lieb. Überhaupt hängt sie mehr an ihrem Vater als an der Mutter und setzt alles daran, zu ihm ziehen zu dürfen. Auch wenn ihm das gar nicht so Recht ist.

Chaos, Krisen, Katastrophen
Durch die Medien erfährt Tabea Jannick, dass sie dem Arzt, der ihre Tochter Stella operiert hat, völlig zu Recht misstraut hat. Ihm werden Kunstfehler vorgeworfen. Sie beschließt, ihn zu verklagen. Aber ist diese Art von Rache wirklich im Sinne ihrer verstorbenen Tochter? Luna, die immer noch eine starke spirituelle Verbindung zu ihrer verstorbenen Schwester spürt, hat Zweifel. Finn hält auch nichts von dieser Idee – und das nicht nur, weil er in Luna verliebt ist. Kann das junge Paar die Erwachsenen davon abhalten, sich in Hass und Rachephantasien zu verrennen?

Damit nicht genug: Luna bekommt nun auch noch Probleme in der Schule. Mit ihrer allzu direkten Art können eben viele Mitmenschen nicht umgehen. Insbesondere nicht ihre Klassenlehrerin, Frau Brecht, der Lunas gut gemeinte Verbesserungsvorschläge für ihren Unterricht sauer aufstoßen. Auch „Motte“ Drostenhagen hat Schulschwierigkeiten und versucht, mit sehr drastischen Mitteln ihre Umzugspläne zum Vater voranzutreiben. Ihre Mutter Marianne wiederum muss feststellen, dass Familiengeheimnisse die fatale Eigenart haben, nicht auf ewig geheim zu bleiben. Und Finn lässt vor lauter Verliebtheit seine medizinische Vorsorge schleifen und bringt sich dadurch in Gefahr …

Rasen sie nun alle mit Vollgas in die Katastrophe? Oder kommt der eine oder andere doch noch rechtzeitig zur Besinnung? Was könnte die einzelnen Personen zur Einsicht und zur Umkehr bewegen? Und hat Luna wirklich eine außergewöhnliche Begabung – oder nur zuviel Phantasie?

Alles ist denkbar in diesem Buch, das einen zum Lachen und zum Weinen bringt wie das wahre Leben. Und natürlich verrate ich hier nicht, wie sich die verschiedenen Handlungsstränge entknoten und auflösen.

Liebenswerte Exzentriker
Was ich guten Gewissens verraten kann: Die wahren Sympathieträger in diesem Buch sind die, die nach landläufiger Meinung ein bisschen schräg drauf sind. Da ist Luna, der nichts peinlich ist, die stets meint, was sie sagt und sagt, was sie meint. Dass ihre gut gemeinte Offenheit für ihre Mitmenschen verletzend sein kann, kann sie nicht nachvollziehen, weil sie selbst sich von Kritik nicht angegriffen fühlt sondern sie als Chance begreift, sich zu verbessern. Luna kommuniziert rein auf der Sachebene. Mit Ironie, dem Lesen zwischen den Zeilen und dem Hineininterpretieren von emotionalen Botschaften kann sie überhaupt nichts anfangen. Ihre Persönlichkeit trägt meines Erachtens Züge des „Asperger Syndroms“, einer leichten Form des Autismus, auch wenn das in dem Buch nie direkt angesprochen wird und meines Wissens nach von der Autorin auch so nicht beabsichtigt war. Manch ein Hochbegabter und/oder Wissenschaftler ist so „gestrickt“, und so mag die literarische Figur der Luna Vorbilder aus dem wirklichen Leben haben.

Besonders gut kommt Luna mit ihrer geistig behinderten Tante Evi klar. Auch Evi ist das Abstrakte in der Kommunikation ein Buch mit sieben Siegeln. Sie nimmt jede Botschaft wörtlich und ist außerstande, sich zu verstellen. Die Eigenschaften, die Evi liebenswert machen, machen Luna ein wenig anstrengend. Doch Lunas Schuldirektor Rex bringt es auf den Punkt. Luna wird trotzdem Freunde finden. „Sogar bessere Freunde als die meisten von uns, denn alle schwachen und zur Selbsterkenntnis unfähigen Menschen werden sie meiden. So bleiben nur die wenigen Starken. Die reifen Charaktere. Die Menschen mit Format und Rückgrat. Solche Freunde wünscht man sich doch, oder?“

Überhaupt … Direktor Rex … das ist auch so eine Marke! Zieht, als er Luna und Finn für eine Unbotmäßigkeit bestrafen soll, eine Riesenshow ab, um seine Pädagogen bei Laune zu halten – und gibt, kaum dass die Lehrer den Raum verlassen haben, seinen Schülern Recht. „Das ist wirklich ein starkes Stück, wenn die Schüler bessere Pädagogen sind als die Lehrer“, stellt er fest. Dass er selbst einen Affen für geeigneter hält, Deutsch zu unterrichten als seine Frau Brecht, verrät er ihnen zum Glück nicht. Das gesteht er nur gegenüber Lunas Mutter ein. Die nun endlich weiß, wer der Bär von einem Mann war, der auf Stellas Beerdigung so bitterlich geweint hat.

Heiter, ernst, spirituell
Die tragisch-heitere Geschichte hat auch eine spirituelle Komponente: Luna, die mit ihrer verstorbenen Schwester in Verbindung steht und nachts den Schnee zum Leuchten bringt. Finn, der die Verstorbene ebenfalls sieht … Doch selbst hartgesottene Skeptiker, die mit Esoterik &. Co. gar nichts am Hut haben, werden ihr Vergnügen an diesem Roman haben. Sie verbuchen das Übersinnliche als phantastisches Element und freuen sich an den raffiniert verflochtenen Handlungssträngen und lebendigen Charakteren – vor allem an den skurrilen. Und nicht zuletzt an den Weisheiten über das Leben. Man wünscht sich beim Lesen, man könne sich alles merken … was die Haushälterin der Drostenhagens Kluges zum Thema Erziehung zu sagen hat … wie sich Schulleiter Rex über die Freundschaft äußert, Urban Jannick über Liebe und Ehe, Tabea Jannick über Wut und Angst. Und auch ihre, sagen wir mal, „flammende Rede“ an die unfähige Lehrerin Brecht ist (be)merkenswert.

Was ich mir sicher dem Sinn nach merken werde, ist diese Erkenntnis von Urban Jannick: „Druck ist (…) grundsätzlich selbstgemacht. Man kann Forderungen auch ignorieren, Ansprüche enttäuschen, Vorstellungen widersprechen. Dann ging alles durch einen durch wie ein Neutrino durch einen Stern. Nichts blieb haften, nichts beschwerte einen. Man war frei.“