Wahnsinn im Alltag


Platz ist im kleinsten Korb
Juli 31, 2009, 5:34 pm
Filed under: Tierisches

Nein, das ist keine Katze mit grauem Kopf und mit rotem Schweif. Das sind Cooniebert (grau, vorne) und Yannick (rot, hinten), die sich hoch oben auf dem Wohnzimmerschrank zu zweit in einen winzigen Katzenkorb gequetscht haben – der eigentlich schon für einen Maine Coon-Kater alleine zu eng ist. Weiß der Himmel, warum. Ist ja nicht so, dass hier nicht genügend Katzenkörbe herumstehen würden …

Coonie-Yanni-Korb

Hier sieht man sie getrennt: Cooniebert und Yannick.

Coonie-Korb140

Yannick-Balk119



Claus Beese: Bei Thor und Odin – DODI auf der Spur der Wikinger
Juli 29, 2009, 3:03 pm
Filed under: Bücher

Claus Beese: Bei Thor und Odin – DODI auf der Spur der Wikinger, Goldebek 2009, Mohland Verlag D. Peters Nachf., ISBN 978-3-86675-096-8, Softcover, 213 Seiten, mit zahlreichen s/w-Illustrationen von Lothar Liesmann, Format 14,5 x 20,3 x 1, 5 cm, EUR 10,-.

ThorOdinCover

Verflixter Urlaub! Weil ein fieser Sonnenbrand den Skipper Claus nicht schlafen lässt, übernachtet er nicht bei Frau und Tochter auf dem familieneigenen Motorboot DODI, sondern geistert nächtens durch das Hafenstädtchen Bad Bederkesa. Dort macht er eine verblüffende Beobachtung: Eine vermummte Gestalt schleicht in der Burg herum und sucht, Selbstgespräche führend, nach Hinweisen auf einen Schatz.

Als Claus seiner Frau anderntags beim Frühstück im Restaurant von dem Phantom erzählt, glaubt sie ihm kein Wort. Dafür macht der Journalist am Nebentisch umso größere Ohren. Doch um diese Angelegenheit kann sich Claus nicht weiter kümmern, da in Dampe bereits sein Kumpel Wolfgang, Kapitän der Seegelyacht BEERS, samt Familie auf ihn wartet.

Nachdem die beiden Kapitäne und ihre Mannschaften eine unfreiwillige Disco-Nacht und einen Orkan überstanden haben, geht es zu den Wikingertagen nach Schleswig. Da ist Claus ganz in seinem Element. Denn auch wenn Familie und Freunde dezent kichern, sobald er davon anfängt: Er glaubt fest daran, dass in seinen Adern Wikingerblut fließt.

Ob das mit den Wikinger-Genen vielleicht doch mehr ist als Wunschdenken und Einbildung? Die Route nach Schleswig kennt Claus auf jeden Fall wie seine Westentasche, obwohl er noch nie dort war. Auf dem Wikingerfest folgt die nächste Überraschung: Er spricht auf einmal sehr viel besser dänisch als es seine bescheidenen Touristenkenntnisse es eigentlich zulassen. Unheimlich für seine Familie, erfreulich für den dänischen Händler, der findet, dass ein Wikinger nicht in Neuzeitklamotten herumlaufen sollte und dem Skipper gleich ein standesgemäßes Outfit verkauft.

Ist dieses Kostüm der Grund dafür, dass Claus an Bord eines Wikingerschiffs gerufen wird? Er lässt sich jedenfalls nicht lange bitten und begibt sich schnurstracks auf das Drachenboot. Jetzt braucht die Gattin erst mal einen Schnaps. Und Claus fühlt sich bei den Wikingern so sauwohl, dass er sich fragt, ob er in einem früheren Leben nicht einer von ihnen gewesen ist und sich jetzt, in dieser Umgebung, wieder daran erinnert.

Der Besuch im Wikingermuseum in Haithabu wirft neue Fragen auf: Wieso kann Claus plötzlich die Inschriften auf den Runensteinen entziffern und fachkundig interpretieren? So viel kann er sich zu diesem Thema doch gar nicht angelesen haben, oder? Und warum ist er zutiefst emotional berührt, als er den Bronzeabguss eines Wikinger-Schmuckanhängers sieht, der einem Anker ähnelt und „Thors Hammer“ genannt wird?

Schlagartig wird ihm klar: So ein Ding muss er haben. Unbedingt! Und zwar keine schnöde Nachbildung aus Bronze, sondern eine aus Gold. Ratzfatz werden alle ursprünglichen Pläne über den Haufen geworfen und alle erreichbaren Juweliergeschäfte abgeklappert, in Deutschland und in Dänemark. Die Jagdsaison auf das Amulett ist eröffnet, mögen die weiblichen Crewmitglieder noch so sehr nach einem Strandurlaub lechzen.

Wer Claus Beeses DODI-Bücher kennt, weiß, das es darin früher oder später zu tumultartigen Szenen kommt, und dass das Chaos meist nicht weit ist, wenn Kalli Flint, begnadeter Koch, lausiger Skipper und selbst ernannter Piraten-Enkel, die Szenerie betritt. Genau den treffen sie in Flensburg. Natürlich ist er bei der Jagd nach dem goldenen Anhänger sofort mit von der Partie.

Man kann sich leicht vorstellen, dass ein Juwelier in Sonderburg an einen Überfall krimineller Irrer glaubt, als auf einmal sieben Deutsche seinen winzigen Laden stürmen, von denen einer als Wikinger kostümiert ist und ein anderer als Seeräuber …

Fehlt eigentlich nur noch einer, damit der Wahnsinn so richtig losgaloppieren kann: „Darling Bügelfalte“, der großspurige Kapitän der HUMMEL-HUMMEL und seit Jahren erklärter Lieblingsfeind von Skipper Claus. Und der lässt nicht lange auf sich warten.

Ein einziger „Thors Hammer“ aus Gold soll derzeit zum Verkauf stehen und die „Bügelfalte“ setzt alles daran, ihn dem Wikingerfan Claus vor der Nase wegzuschnappen. Ein verbissenes Wettrennen beginnt, das ein unerwartetes und abruptes Ende findet.

Wird Claus sein Amulett bekommen oder gibt er auf? Bis das geklärt ist, geschieht noch jede Menge Aufregendes, Unerklärliches und Haarsträubendes, das dem Skipper bestimmt kein Mensch glauben wird. Doch das ist nichts im Vergleich zu dem, was die Urlauber bei der Rückfahrt erwartet, als sie wieder durch Bad Bederkesa kommen. Dort ist inzwischen eine wahre Schatzsucher-Hysterie ausgebrochen, woran Claus und seine Frau nicht ganz unschuldig sind.

Was steckt wirklich hinter der Geschichte mit dem Phantom und seinem Schatz? Claus, Wolfgang und Kalli sind wild entschlossen, es herauszufinden. Ob das wohl gut geht?

Witz, Klamauk und Seemannsgarn treffen in diesem Band auf Mystisches und Nachdenkliches. Was geschieht hier mit dem Skipper? Hat er Erinnerungen an ein früheres Leben? Halluzinationen? Tagträume? Kann er durch ein Zeitfenster zurück ins 10. Jahrhundert blicken? Warum fühlt er sich bei den Wikingern so sehr „zu Hause“? Seine Tochter vermutet: „Du steckst (…) in der falschen Zeit“. (Seite 119)

Vielleicht würde ein Dasein als Wikinger wirklich besser zu Claus passen als ein Leben in der Gegenwart. Doch weil er daran nichts ändern kann, bleibt ihm nur eines: sein Leben so, wie es ist, zu genießen. Und es bietet ja durchaus Erfreuliches: Familie, Freunde, Urlaub, Abenteuer und das Meer. Und last but not least: gutes Essen. Dafür sorgt unter anderem Kalli Flint, der vom Kochen zum Glück sehr viel mehr versteht als vom Navigieren. Und der freundlicherweise ein paar seiner Lieblingsrezepte in diesem Buch verrät.

Die skurrilen und amüsanten Abenteuer der DODI-Crew werden, wie in den vorangegangen Bänden auch, von Lothar Liesmann mit spitzer Feder illustriert. Nicht nur Motorboot- und Segelfreunde werden an diesem Buch ihre Freude haben. Es wurde von der Rezensentin ausgiebig auf Landrattentauglichkeit getestet und für äußerst unterhaltsam befunden. Der eine oder andere Leser könnte es auch zum Anlass nehmen, sich eingehender mit der Geschichte der Wikinger zu beschäftigen. Klingt ja recht interessant, was der Autor über die wilden Kerle aus dem Norden erzählt …

Rezension163

Rezension in Arbeit: So entstand die Rohfassung. 🙂



Erny Hildebrand (Hrsg.): Von Unkrautsuppe und dem Einkriegezeck – Episoden aus unserer Kindheit
Juli 27, 2009, 2:02 pm
Filed under: Bücher

Erny Hildebrand (Hrsg.): Von Unkrautsuppe und dem Einkriegezeck – Episoden aus unserer Kindheit, 74 Texte von 32 Autoren, mit zahlreichen schwarz-weiß-Fotos, Leipzig 2008, Engelsdorfer Verlag, ISBN 978-3-86703-970-3, Taschenbuch, 229 Seiten, Format: 12 x 18,8 x 1,4 cm, EUR 12,50.

Unkraut-Cover

32 Autorinnen und Autoren haben 74 Episoden aus ihrer Kindheit und Jugend niedergeschrieben, Die älteste Erzählerin wurde noch zur Kaiserzeit geboren, die jüngste im kalten Krieg. Und so sind es Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit. An eine Zeit also voller Angst und Schrecken, Hunger und Entbehrungen, Flucht und Vertreibung, Verlust und Verzweiflung. Doch. es sind Kinder, und die sehen die Welt mit ihren Augen. Also sind es auch Geschichten von Freundschaft und Abenteuer, Familie und Geborgenheit, Hoffnung und Neubeginn.

Die Beiträge sind durchschnittlich rund zweieinhalb Seiten lang, und doch genügt so manche Momentaufnahme, um sich ein Bild vom Schicksal des Erzählers machen zu können. Bei vielen Autoren hat man das Gefühl, dass sie noch unendlich viel mehr zu erzählen hätten, Berührendes, Erschütterndes und Unerhörtes, und dass ihr Leben Stoff genug böte für einen ganzen Roman.

Usch Müller-Soppart ist ein Beispiel dafür. Sie wird 1935 in Stettin geboren. Ihr Vater ist Jude und verlässt bald nach ihrer Geburt unter abenteuerlichen Umständen das Land. 1943 kommt Uschs Mutter ins KZ und das Mädchen nach Hinterpommern zu ihrer Tante, die davon alles andere als begeistert ist. 1945, auf der Flucht, wird Usch von ihrer Tante im Stich gelassen und landet im Auffanglager für aufgegriffene Kinder. Das erzählt sie uns in fünf kurzen Textbeiträgen.

Diese Fragmente genügen, um das Interesse und die Neugier des Lesers zu wecken. Am liebsten würde man die Autorin anrufen und fragen: „Ja, sagen Sie mal, wie haben Sie dann Ihre Mutter wiedergefunden? Und was wurde aus Ihrem Vater, aus Tante Anna und den Cousins? Hat wirklich niemand je ein Sterbenswort über das Schicksal der Magd Helga verloren …?“ Ein kultivierter Mensch belästigt natürlich keine Autoren. Aber dass der Wunsch geweckt wird, noch mehr zu erfahren, zeigt, wie sehr einen die Geschichten berühren und beschäftigen.

Ein anderes Beispiel ist Marlis Gondek. 1936 in Düsseldorf geboren, aufgewachsen mit Verdunklung und Fliegeralarm, ist sie als Zehnjährige bereits verantwortlich dafür, das magere Haushaltsbudget der Familie zu verwalten und vier Personen zu ernähren. Schon vor Schulbeginn steht sie vor den Geschäften in der Schlange, um Lebensmittel zu ergattern. Sie knüpft Kontakte und entwickelt sich zur tüchtigen Geschäfts“frau“.

„Erziehung findet nicht statt“, sagt sie (Seite 166) und genießt ihre Freiheit. Doch natürlich ist es ein viel zu jugendliches Alter um Haushaltsvorstand zu sein und so viel Verantwortung zu tragen. Marlis lernt rechnen und wirtschaften. Was sie nicht lernt, ist, ein unbeschwertes Kind und eine unbeschwerte Jugendliche zu sein. Die kleine Marlis bewundert und bedauert man. Die große Marlis würde man gerne fragen, wie sich das frühe Erwachsenwerdenmüssen auf ihr weiteres Leben ausgewirkt hat.

Doch auch wenn es Erinnerungen an Kriegszeiten sind, soll niemand denken, dass es in diesem Buch nichts zu schmunzeln und zu lachen gibt. Susanne Holtz, zum Beispiel, geboren 1938 in Berlin, kann hinreißend erzählen und beschreibt anschaulich und humorvoll das KINDERPARADIES, in dem sie groß geworden ist (Seite 54 ff) Sie erzählt vom Schaukeln in den Weiden, von Baumhäusern und geheimen Schätzen, von gefrorenen Pferdeäpfeln, die sich wunderbar als Wurfgeschosse eignen, und von dem Versuch, Seerosen zu pflücken. Sogar einen Altar haben sich die Kinder im Gebüsch errichtet. Das Baumaterial dafür war ursprünglich allerdings für einen ganz anderen Zweck gedacht …

Der einzige männliche Erzähler in der Runde, Karl Josef Hebben, 1938 in der Nähe von Neuss geboren, steuert unter anderem die herrlich komische Geschichte vom kleinen Karl bei, der beim Spielen bei Freunden die Zeit vergisst und partout nicht zugeben will, dass er sich davor fürchtet, allein im Dunkeln nach Hause zu gehen. Angebote, ihn heim zu begleiten, lehnt er energisch ab. Was er alles erlebt, bis er endlich völlig außer Atem zu Hause eintrifft, erzählt der Autor uns in seinem Beitrag SCHATTENBILDER (Seite 60 ff).

So vieles wäre noch erwähnenswert: Die Gedichte von Astrid Grone, die Gefühle und Stimmungen in wenigen Zeilen nacherlebbar machen. Oder Monika Gockels Erinnerungen an ihre Erstkommunion. Ein Ereignis, das sie tief beeindruckt haben muss, so detailreich, wie es bis ihr bis heute im Gedächtnis geblieben ist.

Bei 74 Beiträgen bleiben zwangsläufig die meisten unerwähnt und man kann nur beispielhaft ein paar Autoren und Geschichten herausgreifen. Die Geschichten haben alle ihren Reiz, die bestürzenden, tragischen und erschreckenden genauso wie die, die voller Hoffnung, Zuneigung und Humor sind.

Dadurch, dass viele Beiträge mit Originalfotos aus dem Fundus der Autoren illustriert sind, entsteht ein besonderes Gefühl der Nähe zu den Autoren. Man liest ihre Jugenderinnerungen und sieht dazu ihre Kinderfotos. Eine Kurzbiographie der Autoren rundet die Sammlung der Erzählungen ab. In wenigen Zeilen umreißen sie grob ihr Schicksal. So kann man ihre Geschichten noch besser einordnen.

Die Texte entstanden im Rahmen einer Biographie-Schreibgruppe, die die Herausgeberin der Anthologie, Erny Hildebrand, seit Jahren leitet. „Dabei“, sagt die Herausgeberin, „ist eine Bandbreite an Erinnerungen entstanden, die von wohligen, herzlichen Begebenheiten bis zu dramatischen Kriegs- und Fluchterlebnissen reicht, von Erlebnissen in der Arbeitswelt, aber auch vom Spielen und Streiche machen. Das Schlimme sollte nicht verschwiegen, aber auch Schönes nicht vergessen werden.“ (Seite9)

Es ist ein sehr ehrliches und persönliches Buch. Die Autorinnen und Autoren haben ihre Erinnerungsschätze gehoben um sie mit der Kinder- und Enkelgeneration zu teilen. Und für uns Leserinnen und Leser, die wir diese Zeit hauptsächlich aus Schulbüchern kennen, bekommt die Vergangenheit hier individuelle Stimmen und Gesichter, rückt uns auf diese Weise ein Stück näher und wird konkret und nachfühlbar.

Wer nach der Lektüre dieses Buchs seine eigenen Erinnerungen zu Papier bringen möchte, dem bietet die Herausgeberin im Anhang eine Reihe von Tipps und Anregungen zur praktischen Vorgehensweise. Denn, wie Erny Hildebrand im Vorwort schreibt: „Es geht darum, sich zu erinnern und Erinnerungen zu teilen. Es geht darum, mit der eigenen Geschichte nicht allein zu bleiben. Es geht darum, zu erzählen, was früher war.“ (Seite 10)



Gina Mayer: Zitronen im Mondschein – Roman
Juli 22, 2009, 12:28 pm
Filed under: Bücher

Gina Mayer: Zitronen im Mondschein – Roman, Berlin 2009, Gustav Kiepenheuer/Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, ISBN 978-3-378-00691-1. Hardcover mit Schutzumschlag, 522 Seiten, Format: 13 x 22 x 4,4 cm, EUR 19,95.

CoverZitro-scan

Vellberg im Hohenlohischen, 1904: die 18-jährige Maria Schwarz hat es satt, die geprügelte Tochter einer geprügelten Mutter zu sein. Und sie hat auch keine Lust, die geprügelte Mutter geprügelter Kinder zu werden. Als der Wanderzirkus Lombardi nach Vellberg kommt, verlässt Maria heimlich den elterlichen Hof und brennt mit der Zirkustruppe durch.

Ausschlaggebend für den Entschluss ist, dass ihr die Wahrsagerin des Zirkus, Madame Argent, schon einmal in einer „Vision“ erschienen ist. Diese Erscheinung wollte Maria etwas geben. Ein Geschenk? Eine Gabe? Ein neues Leben? Maria weiß es nicht, denn dummerweise bleiben ihre Visionen recht vage und kryptisch in ihren Aussagen.

Madame Argent, deren wirklicher Name längst in Vergessenheit geraten ist, und ihr Mitarbeiter, der kleinwüchsige Mirko, nehmen Maria bei sich auf. Dort lernt sie das „Wahrsagen“, das nichts mit Übersinnlichem aber vieles mit Psychologie, Beobachtungsgabe und ein paar unterstützenden Tricks zu tun hat. Nach dem Tod von Madame Argent im Winter 1905 tritt Maria in ihre Fußstapfen. Und sie geht eine Beziehung mit Ludwig Wunder ein, einem talentierten Maler aus Stuttgart, der als Helfer beim Zirkus sein Geld verdient.

Im Frühjahr schmieden Ludwig und Maria Heiratspläne. Das Aufgebot ist bestellt, da hat Maria erneut eine Vision. Die verstorbene Madame Argent verstört sie mit einer rätselhaften Botschaft: „Es ist etwas in dir, das ihm den Tod bringt“ – „Es ist etwas in mir …? Was soll das heißen?“ Marias Stimme zitterte. „Was soll ich tun?“ – „Du weißt, was du tun sollst. Geh deinen Weg, Maria.“ (S. 180) Maria interpretiert das als Warnung: Eine Ehe mit ihr wäre Ludwigs Tod. Also zieht sie die Konsequenzen und trennt sich von ihm. Damit nimmt das Unglück seinen Lauf – für alle Beteiligten.

1914 haust Ludwig in Berlin in einer Dachkammer und schlägt sich mit Auftragsarbeiten durch. Als er bei einem Auftrag um die Hälfte seines Lohns geprellt wird, steht er mit dem Rücken zur Wand. Er verabschiedet sich von der Künstlerszene und meldet sich freiwillig an die Front. Mit dem heroisch-theoretischen Geschwafel von Krieg und Gewalt, wie er es von den Künstlern im „Romanischen Café“ oft gehört hat, haben seine Kriegserlebnisse wenig zu tun. Nach Flandern ist er ein gebrochener Mann – und nach einem Heimaturlaub ein Deserteur.

Auch Maria hat es kein Glück gebracht, auf die Vision zu hören: Sie hat eine Tochter von Ludwig, von der er nichts ahnt. Als der Zirkus finanziell am Ende ist und sie nicht weiß, wie sie die kleine Mirabella durchbringen soll, hört sie ein weiteres Mal auf eine ihrer Erscheinungen und bringt das Mädchen für die Dauer des Krieges in ein katholisches Waisenhaus. Das zumindest ist ihr Plan …

Für die Achtjährige ist das Leben bei den Nonnen die Hölle. Mit den Regeln kommt sie nicht zurecht, in der Schule kommt sie nicht mit und bei den anderen Kindern findet sie keinen Anschluss. Ein Fluchtversuch scheitert und dem Ehepaar Anschütz, das sie adoptieren möchte, kann sie es auch nicht Recht machen. Die ganze Zeit über fragt sich das verzweifelte Mädchen, warum ihre Mutter und Mirko sie nicht abholen. Dass die Zirkusleute genau dies vergeblich versucht haben, erfährt sie nicht.

Als Maria eines Tages herausfindet, wo ihre Tochter lebt und sie bei ihrer Adoptivfamilie in Düsseldorf aufsucht, ist Mirabella bereits 13 Jahre alt und will mit ihrer Mutter nichts mehr zu tun haben. Billig, vulgär und ein bisschen verrückt kommt ihr die Mutter vor. Hat Maria sich verändert oder Mirabella?

Das Mutter-Tochter-Verhältnis bleibt gestört, auch als Mirabella, die sich inzwischen Mira nennt, erwachsen ist. 1926 ist Mira befreundet mit der ehrgeizigen Schneiderin Gudrun, liiert mit dem Kino-Pianisten und Kommunisten Anselm und arbeitet in Düsseldorf als Serviermädchen. Wer ihr Vater ist, weiß sie nicht. Ihre Mutter Maria erlebt sie als unzuverlässig und aufdringlich: eine schrille Person mit Hirngespinsten, die sich nur dann für die Tochter interessiert, wenn sie Geld braucht.

Inzwischen hat Ludwig Wunder erfahren, dass er mit Maria ein Kind hat. Er lebt seit Jahren im Ausland und hat Maria nie vergessen. Wieder einmal nutzt er seine internationalen Kontakte, reist nach Düsseldorf, mietet sich in einer bizarren Wohnsiedlung ein und macht sich auf die Suche nach seiner Tochter. Mira weiß nicht, dass ihr Vater in der Stadt ist. Umso irrsinniger klingt für sie die neueste Vision ihrer Mutter …

Ob Maria Schwarz tatsächlich übersinnliche Fähigkeiten besitzt, zu viel Phantasie oder eine psychische Störung hat, bleibt offen für Interpretationen. Tatsache ist, dass sie in ihrem naiven Aberglauben ihr ganzes Leben nach den Botschaften aus „dem Jenseits“ oder „dem Himmel“ ausgerichtet hat. Da diese Botschaften einigen Auslegungsspielraum lassen, trifft Maria die wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens auf einer denkbar unsicheren Basis. Mit zum Teil verheerenden Folgen für sich und ihre Mitmenschen.

Für Tochter Mira ist klar: Mutter spinnt. Zirkus-Kollege Mirko, offen für Spirituelles, hält Marias Visionen für echt, nur ihre Interpretationen für falsch. Doch das spielt für ihn keine Rolle: Seinem Schicksal kann man ohnehin nicht entrinnen. Eine echte Prophezeiung wird sich auf die eine oder andere Weise erfüllen.

Auch wenn Maria, Ludwig und Mira zu wenig von einander erfahren um einander wirklich zu verstehen: Für den Leser, der die Hauptpersonen abwechselnd durch ihr Leben begleitet, ergibt sich ein vollständiges Bild der Geschichte.

Es ist tragisch, wie wenig es braucht, um ein Leben zu ruinieren. Mitreißend, wie Mutter, Vater und Tochter sich trotz widriger Umstände durchs Leben wursteln und sich auch von dramatischen Rückschlägen nicht entmutigen lassen. Und spannend, ob jetzt, nach all den verlorenen Jahren, die ersehnte Familienzusammenführung zustande kommt. Man würde allen dreien ein glückliches Wiedersehen gönnen …

„Zitronen im Mondschein“ ist mehr als ein fesselnder Familienroman. Als historischen Roman darf man dieses sorgsam recherchierte Werk nur zum Teil bezeichnen, da aus unerfindlichen Gründen alles, was ab dem Jahr 1914 spielt, nicht mehr in diese Rubrik fällt. Auf jeden Fall ist es ein faszinierender Gesellschaftsroman, der uns die politischen Wirren und die schillernde Kunstszene der 20-er Jahre lebendig vor Augen führt. Bekannte Künstler des Expressionismus und Dadaismus kreuzen als Nebenfiguren Ludwig Wunders Weg. Und auch Miras Agitprop-Theatergruppe und die Anarchosyndikalisten-Siedlung, in der Ludwig Unterschlupf findet, hat es tatsächlich gegeben.

Die 20-er Jahre sind eine Ära, an der man sich noch nicht „satt gelesen“ hat und die noch interessante Entdeckungen bietet. Das wäre noch ein weiterer Grund, diesen ungewöhnlichen Roman zu lesen.

Die Autorin
Gina Mayer, 1965 in Ellwangen geboren, lebt mit ihrer Familie in Düsseldorf. Bevor sie freie Autorin wurde, hat sie als Werbetexterin gearbeitet. Mit „Die Protestantin“ und „Das Medallion“ hat sie zwei sehr erfolgreiche historische Romane veröffentlicht.



Verklemmtes Murmeln im „Open Space“
Juli 8, 2009, 7:52 am
Filed under: Wahnsinn im Alltag

Hier eine Stellwand, da eine Stellwand – und dazwischen steckt ein Schreibtisch mit Mensch. Vor dreißig Jahren hieß dieses Konzept schlicht „Großraumbüro“. Heute heißt es „Open Space“, soll Platz sparen, Geld sparen und die Kommunikation fördern. Ist aber haargenau der gleiche Sch**ß wie damals.

OfficeZup

Wie bitte wird denn die Kommunikation gefördert, wenn alles so hellhörig ist, dass man sich nicht mal mehr zu grüßen traut, aus Angst, ein fröhliches „Hallo“ könne die Kolleginnen und Kollegen in ihrer Konzentration stören?

Ich bin relativ lärmresistent. Wir hatten nicht nur ein trautes sondern auch ein lautes Heim. Als Kind hatte ich kein Problem damit, meine Hausaufgaben zu machen, während wenige Meter weiter Mutters Nähmaschine surrte und die Kundinnen schnatterten. Am Abend kannte ich dann die Lateinvokabeln, die aktuellen Trendfarben und den neuesten Dorfklatsch. Deshalb stört es mich auch nicht besonders, wenn man jetzt im neuen Bürogebäude hört, wie die Kollegin vier Zellen weiter den Locher betätigt oder Kaffee kocht, wenn bei den „Zellennachbarn“ das Telefon klingelt, die Tastaturen klappern oder jemand Möhren knurpst. Ausufernde, laute Gespräche und Telefonate sind natürlich nervig, ob sie nun dienstlicher oder privater Natur sind.

Andere Kollegen sind da empfindlicher. Das Tippgeräusch stört sie. Äh … wir sind Texter. Wir leben vom Schreiben. Wir müssen tippen, dafür werden wir bezahlt. Jetzt hab ich mir eine Schaumgummimatte unter die Computertastatur gelegt. Ob’s was bringt, weiß ich nicht. Aber vielleicht zählt auch schon der gute Wille.

Wenn der Mensch auch alleine zwischen seinen zwei Großraumbürostellwänden sitzt und keinen sichtbaren Ansprechpartner hat, liegt es trotzdem in der Natur der Dinge, dass er ab und zu mal was sagt. „Mist“ wenn der Kugelschreiber runterfällt oder. „Lahme Kiste!“, wenn es wieder mal eeeeeewig braucht, bis der Computer ein Programm öffnet. Und wenn ich höre, dass jemand zur Tür reinkommt und fragt: „Wo iss’n der Kollege Sowieso“?“, kann’s schon sein, dass ich aus meiner Zelle heraus nach hinten rufe: „Den ganzen Vormittag im Meeting!“

Das sollen wir alles nicht mehr tun, hat’s geheißen. Keine Kommentare zum eigenen Tun und dem des Computers. Keine Unterhaltungen von Zelle zu Zelle. Private Telefongespräche nur noch mit dem Handy auf dem Gang. Geschäftliche Telefonate wo immer möglich durch Mails ersetzen, Besprechungen unter vier Augen nicht am Arbeitsplatz führen, sondern draußen auf dem Flur. Und wenn ein geschäftliches Telefonat unumgänglich ist, so muss es an der Grenze zum Flüsterton geführt werden. „Verklemmt murmelnd“ trifft es besser. Auf diese herrliche Formulierung kam dieser Tage ein Kollege.

Hausintern mag das Flüstern und Murmeln am Telefon ja noch angehen, da kennt ja jeder die räumliche und akustische Situation. Aber wenn man am Telefon mit Fremdfirmen verhandeln soll und nur verhuscht vor sich hinwispern darf, was macht das dann draußen für einen Eindruck?

Nichtsprechen

Ich hab mir jetzt einen Denkzettel an den Computer geklebt: Nicht sprechen! Damit ich auch gewiss daran denke, wenn mir das nächste Mal ein Programm abkackt, ein Stift runterfällt oder jemand ein paar Zellen weiter eine Frage stellt, auf die ich die Antwort wüsste.

Vielleicht sollte man uns allen die Gebärdensprache beibringen. Die macht keinen Krach.



Eine Million Giraffen …
Juli 2, 2009, 4:31 pm
Filed under: Tierisches

Giraffen

Eine Million handgezeichnete, gemalte oder gebastelte Bilder von Giraffen möchte der Norweger Ola bis 2011 auf seiner Website gesammelt haben. Warum? Weil sein Kumpel Jorgen gesagt hat, dass das nicht geht. Das ist natürlich ein Grund …

7.250 Giraffenbilder hat er schon, Stand heute. Fehlen also nur noch 992.750 weitere. Wer Lust hat, Ola ein Giraffenbild zu schicken, kann es auf seiner Website hochladen: http://www.olahelland.net/giraffes/

Dort kann man auch die Galerie der bisher eingereichten Kunstwerke betrachten. Wie man sieht, muss das Bild nicht sensationell künstlerisch wertvoll sein. Hauptsache, man kann die Giraffe als solche erkennen.

Ich wünsche Ola viel Erfolg für seine tierische Wette und werde ihm, sobald ich Zeit finde, auch ein Viech zeichnen.