Wahnsinn im Alltag


Berg und Wal, Teil 1 – Teneriffa vom 23.07. bis 02.08.2008
September 26, 2008, 9:30 am
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Berg und Wal – Teil 1
Teneriffa vom 23.07. bis 02.08.2008

Teneriffa hatten wir schon einmal als Reiseziel ins Auge gefasst … 2002. Damals mussten wir wegen eines familiären Notfalls zwei Wochen vor Abflug stornieren. Irgendwie saß uns der Schreck von damals noch in den Knochen. Ein Schuss Aberglaube war wohl auch dabei: „Wird wieder ein Unglück passieren, wenn wir nach Teneriffa wollen?“ Und so haben wir dieses Reiseziel erst sechs Jahre später wieder in Angriff genommen – ganz ohne Katastrophen und Unglücksfälle.

Dienstag, 22.07.2008: Vorabend-Check-in
Wir fliegen ja sehr gern auf die Kanarischen Inseln, aber müssen die Flüge immer um 6 Uhr in der Früh gehen? Im Vorjahr war das schon so ein Zirkus: kilometerlange Schlangen bei der Gepäckaufgabe und nichts ging vorwärts. Die Leute werden zwar zwei Stunden vor Abflug auf den Flughafen bestellt, aber so richtig los geht’s da erst um fünf. Nutzlos dumm rumstehen und warten, bis der Flughafenbetrieb erwacht, das braucht man nicht unbedingt in aller Herrgottsfrühe. Also haben wir uns entschlossen, es mal mit dem Vorabend-Check-in zu versuchen. Mein Kollege, der das häufig so macht, hat glaubhaft versichert, das Gepäck käme nicht in Timbuktu raus, wenn der dazugehörige Reisende auf die Kanaren wolle. Na denn …!

In zwei Stunden war alles erledigt, und die Abreise am nächsten Morgen würde hoffentlich entspannter ablaufen als sonst.

Mittwoch, 23.07.2008: Haushalt geschlossen. Jetzt geht’s los!
So. Unser Haushalt macht Sommerpause. Von der schwäbischen Kehrwoche über die Mülleimerleerung bis hin zur Versorgung von Haustieren, Pflanzen, Garten und Post ist alles geregelt. Es kann also losgehen.

Um 4 Uhr kommt das Taxi, superpünktlich. Wir sind gerade am vereinbarten Treffpunkt vorne an der Straße angelangt, schon fährt es vor. Schon schön, wenn man nur noch einen Rucksack dabei hat und nicht mehr die schweren Koffer herumwuchten muss.

In 12 Minuten sind wir am Flughafen. Nun heißt es, anderthalb Stunden herumtrödeln und warten. Wir hätten noch ein wenig später losfahren können. Ich hasse dieses Herumlungern und die-Zeit-Totschlagen! Das Flugreisen an sich ist eine elende Warterei und im Grunde eine äußerst fade Angelegenheit. Ich bin zwar gerne wo anders, doch das Prozedere, das man durchlaufen muss, um von A nach B zu kommen, ist mir eher zuwider.

Wir fliegen mit einer Condor A 320. Die Anreise verläuft reibungslos, sogar die Koffer kommen schnell. Spätestens seit dem Gepäck-Totalverlust in Bulgarien ist das bange Warten vor dem Gepäckband ein Albtraum für mich.

Seltsamerweise sind wir die einzigen, die im RIU Palace Tenerife absteigen und werden als letzte aus dem Bus gelassen. Im Vorjahr auf Lanzarote sind gefühlte Hundertschaften mit uns zusammen angekommen und massenabgefertigt worden.

Okay, so, wie es heuer ist, ist es besser. Da werden wir wenigstens dem ohne Unterlass schnatternden Mutter- und Tochter-Gespann nicht mehr über den Weg laufen, das uns bei der Anreise so auf den Sender ging. Niemand von uns hatte auch nur das geringste Interesse an deren lautstark vorgetragenen Familiengeschichten. Und schon zweimal nicht um 6 Uhr in der Früh. Aber es gibt in manchen Situationen kein Entkommen, wenn Mitmenschen in Hörweite einander etwas erzählen. Bestimmt hatten sich die beiden lange nicht gesehen und einiges an Kommunikation nachzuholen. So unhöflich, sich umzudrehen die Schnatterbüchsen zum Mundhalten aufzufordern, möchte man ja nicht sein. „Würden Sie bitte weniger quasseln?“, kann man einfach nicht freundlich rüberbringen.

Das Ambiente ist edel. Wir „kannten“ das Hotel ja schon aus dem Katalog und dem Internet. Die Preise für Getränke und Gedöns sind nicht ohne, sehen wir. Das wird eine saftige Nebenkosten-Abrechnung werden.

Weil wir gegen 10 Uhr Ortszeit angekommen sind, ist unser Zimmer noch nicht fertig. Damit haben wir gerechnet. An der Rezeption sagt man uns, wir könnten derweil an die Poolbar gehen. Und wir sollten bitte nicht erschrecken, sie hätten gleich eine Notfallübung. Und richtig: Kaum sitzen wir an der Poolbar im Schatten, jault schon der Feueralarm los. Aus dem Garten kommen Hotelangestellte gerannt, die einen Mann in Gärtneruniform auf einer Trage transportieren. Sie rennen in Richtung Haus. Bei Feueralarm?! Na, die werden schon ihre Instruktionen haben.

Gut, dass man uns vorgewarnt hat, dass da seine Übung ist, sonst hätte sich der ausgebildete Ersthelfer an meiner Seite sicher zum Eingreifen und Helfen verpflichtet gefühlt. Obwohl … beim näheren Hinsehen hätten wir auch so gemerkt, dass die Lage so ernst nicht sein kann: Opfer und Retter albern herum und kichern.

Gegen 12 Uhr mittags beziehen wir unser Zimmer, Nr. 133 parterre. Ebenerdig mit Terrasse, das hatten wir im Urlaub noch nie. Kann man da überhaupt die Terrassentür nachts geöffnet lassen? Freunde permanent laufender Klimaanlagen sind wir nämlich beide nicht. Wir untersuchen den Türmechanismus. Gut, man kann! Die Tür lässt sich an verschiedenen Punkten feststellen und erlaubt einen schmalen und einen breiteren offenen Türspalt. Das wird uns maximal unerlaubten Katzenbesuch bescheren.

Hm … eigentlich ganz praktisch, so eine Terrasse! Man kann schnell mal raus- und reinwuseln und auch direkt im Badeanzug an den Pool gehen, ohne sich für den Marsch durchs Hotel stadtfein anzuziehen. Und man muss nicht für jedes kurze Verlassen des Zimmers den Schlüssel einstecken. Wenn einer von uns „daheim“ ist, kann er den anderen via Terrasse hereinlassen.

Die Hotelkatzen haben die Vorzüge der Terrassen auch erkannt: Warmer Boden, windgeschützt und menschennah, was einem die eine oder andere Futter-, Wasser- und Streicheleinheit beschert. Eine trächtige Tigerkatze besucht uns jeden Abend und macht es sich auf den warmen Terrassenfliesen gemütlich. Die zweite Tigerkatze auf dem Gelände traut sich nicht ganz so nah heran und hält sich eher auf dem Rasen neben dem Weg zum Strand auf.

Was man übrigens von der Terrasse aus auch ganz ausgezeichnet machen kann: morgens den „Liegestuhl-Reservierern“ bei ihrer Tätigkeit zusehen. Als Frühaufsteher sitze ich schon mit einem Buch oder meinen Notizen auf der Terrasse, wenn die Hotelangestellen noch den Poolbereich abgesperrt haben und so ungestört das Wasser reinigen.

Ein Reservierer nach dem anderen stellt sich, mit Badetüchern bewaffnet, in die Schlange. Sind die Poolbecken gereinigt und wird die Absperrung entfernt, stürzen sie sich wie die wilde Jagd auf ihre bevorzugten Liegeplätze und breiten ihre Badetücher aus. Dann gehen sie erst mal in Ruhe frühstücken und womöglich noch auf einen Ausflug und kommen später am Tag zu ihren reservierten Plätzen zurück. Nie in meinem ganzen Leben habe ich so was gemacht. Lieber bin ich blöd und ohne Liegeplatz als peinlich.

Donnerstag, 24.07.2008: Erste Informationen und Erkundungen
Am ersten Tag nach der Anreise findet die obligatorische TUI-Informationsveranstaltung statt, die natürlich hauptsächlich dem Verkauf von Ausflügen dient. Die TUIs sind ja, im Gegensatz zu uns, nicht zum Vergnügen hier. Ein bisschen was Interessantes erfährt man bei diesen Veranstaltungen immer, und so gehen wir hin und lassen uns von den Reiseleiterinnen etwas erzählen.

Teneriffa: Daten und Fakten
Lage:
Die Vulkaninsel Teneriffa liegt vor der Küste Marokkos und der Westsahara (ca. 300 km westlich von Afrika) und 1.300 km vom spanischen Festland entfernt. Größe: 2.034 k², maximale Länge: 83 km, maximale Breite: 51 km. Damit ist Teneriffa die größte Insel der Kanaren.

Geologie:
Die Insel entstand vor etwa sieben bis fünf Millionen Jahren durch vulkanische Aktivität. Die geologisch ältesten Teile sind das Anaga-Gebirge im äußersten Nordosten, das Teno-Gebirge im Nordwesten sowie kleinere Gebiete im äußersten Süden (Bandas del Sur). Jünger ist das Vulkanmassiv im Inselzentrum. In der Mitte befindet sich die weltgrößte Caldera (= Einsturzkrater), aus der sich der höchste Berg Spaniens, der 3.718 m hohe Pico del Teide erhebt. Dass die Insel geologisch noch aktiv ist, zeigen die nachgewiesenen Vulkanausbrüche zwischen dem Teide-Massiv und dem Teno-Gebirge in den Jahren 1706, 1798 und 1909.

Klima:
Im Lauf der vier Jahreszeiten, die sich allerdings kaum voneinander unterscheiden, variieren die Durchschnittstemperaturen von 17°C im Februar bis ca. 25°C im April. Im Sommer werden jedoch manchmal wochenlang über 30 Grad und mehr gemessen. Schwache Luftströmungen sorgen dann für drückende Hitze, Die Temperaturen im Nordosten sind oft deutlich niedriger als im regenarmen Süden. Oberhalb 500 m kann es nachts und im Winter empfindlich kalt werden. In den Bergen gibt es sogar weiße Weihnachten. Die Wassertemperaturen liegen stets zwischen 18 und 24 Grad. Man kann also ganzjährig baden.

Dass die beste Reisezeit laut der Experten zwischen November und März liegt, nutzt mir leider nichts – zu der Zeit kann ich aus arbeitstechnischen Gründen nicht verreisen.

Und wo genau sind wir hier?
Costa Adeje ist praktisch die Fortsetzung des Touristenorts Playa de las Americas.Da dieses Areal nördlich der Gemeindegrenze von Arona auf dem Gebiet der Gemeinde Adeje liegt, lag es nahe, die Gegend Costa Adeje zu nennen, schon um sich vom Image her von Playas de las Americas abzugrenzen. An der Costa Adeje sind in den letzten Jahren vorwiegend 4- und 5-Sterne-Hotels entstanden.

Nach der Playa de las Americas kommt Los Cristianos. Mittlerweile sind beide Orten zum Touristenzentrum von Teneriffa Süd zusammengewachsen. Im Gegensatz zu Playa de las Americas gibt es in Los Cristianos noch einen Ortstkern – entlang der Fußgängerzone bis hinunter zur Inselpromenade.

Nähere Umgebung
Auch über die nähere und nächste Umgebung erfahren wie etwas. Geht man runter zum Strand und dann rechts, kommt man zu einem beliebten Aussichtspunkt, von dem man bis ins benachbarte Fischerdorf La Caleta gucken kann. Einen Namen scheint der Felsbrocken nicht zu haben. Auch ein Besuch in dem Fischerdorf würde sich lohnen, doch derzeit ist dafür ein großer Umweg erforderlich, weil eine Großbaustelle die Promenade blockiert.

Geht man zum Strand und dann nach links, kann man kilometerlang die Promenade entlang spazieren – bis zur Playa de las Americas. Man kommt am aufgeschütteten Sandtrand Playa del Duque vorbei, den wir später den „10-Minuten-Strand“ taufen, weil man ungefähr so lange braucht um ihn entlang zu wandern. Irgendwann ist Schluss mit dem 10-Minuten-Strand, dann kommt ein massiver Felsen, auf dem eine Villa mit einer Parkanlage thront, das Casa del Duque.

Ist ein Duque nicht irgendwas Adeliges? Sowas wie ein Graf? Der Bewohner der Villa ist zumindest keiner, wie wir später erfahren. Es ist ein Privatmann, der mit Timesharing ein Vermögen gemacht hat. Es ist also leider kein öffentlicher Park und kein öffentliches Gebäude, das man besuchen könnte, sondern ein von Mauern, Gittern und Hunden geschütztes Privat-Domizil.

Man kann also nicht hinein, man kann nur schlecht und recht um den Felsen herumgehen, was wir ein paar Tage später auch prompt machen. Da es nur einen ungesicherten Touri-Trampelpfad rund um den Bimssteinfelsen gibt, sind unsere Birkenstocklatschen nicht ganz die richtige Bekleidung dafür. Auch wenn dieses spontane Unternehmen mit der ungeeigneten Ausrüstung ein wenig bekloppt war, sind doch ein paar nette Fotos herausgekommen.

Die erstaunliche bequemen Steinbänke „beim Duque hinterm Haus“, von denen aus man einen tollen Blick auf die Bucht hat, werden zu einem unserer Lieblingsplätze. Folgt man von dort aus der Promenade wieder in Richtung „Zivilisation“, kommt man zur örtlichen Shopping Mall. Manche Geschäfte dort sind sehr edel aber auch sehr versteckt. Latscht man noch weiter in Richtung Süden, erreicht man den Sandstrand Playa de Fanabe/Playa Torviscas. Der ist zwar größer als der Stand vom Duque, aber auch steiniger. Und auch nicht schöner. Und die Kneipen- und Ladenmeile in unmittelbarer Strandnähe ist ein wenig prollig.

Wir haben im übrigen bei der Informationsveranstaltung nur eine einzige Tour gebucht, die „VIP-Tour“. Da scheint alles drin zu sein, was man auf der Insel gesehen haben „muss“. Teneriffa, condensed version, sozusagen. Am kommenden Samstag geht es los. Wenn wir danach meinen, den einen oder anderen Punkt nochmals genauer anschauen zu wollen, dann buchen wir eben zu einem späteren Zeitpunkt noch einen weiteren Ausflug dazu. Manchmal inspirieren einen ja auch die begeisterten Berichte anderer Hotelgäste zu Ausflugsideen, die einem auf den ersten Blick weder attraktiv noch interessant genug erschienen sind.

Freitag, 25.07.2008: Mirador und Strandwandern
Heute schauen wir uns in unserer näheren Umgebung das genauer an, worüber man uns gestern bei der Veranstaltung erzählt hat. Nach dem Frühstück (Lobeshymnen über die RIU-Küche kann ich mir hier wohl sparen, die singe ich jedes Jahr) verlassen wir das Hotel, wenden uns nach rechts, als in Richtung Norden, und steigen dem Mirador aufs Dach. Hatte ich hier eine fiese Kraxelei erwartet, wurde ich von komfortablen Wegen und sogar in den Fels gehauenen Treppen überrascht. Oben auf dem Felsplateau hat es nicht nur Eidechsen, sondern auch Bänke und Lichtmasten. Man ist also auf Besucher, die hier vorwiegend am Abend hochklettern, um die Sonne von einem Logenplatz aus untergehen zu sehen, bestens eingerichtet.

Und in der Tat: Man sieht bis La Caleta, das benachbarte Fischerdorf, das allerdings auch längst touristisch erschlossen ist. Und man sieht auch die riesige Baustelle, die einen daran hindert, mal eben über die Promenade in diesen Ort zu schlendern.

Wir bleiben eine Weile auf dem Mirador, schauen nach dem Meer, dem Fischerdorf und den Leuten, dann steigen wir wieder hinunter, nehmen uns vor, demnächst mal abends für ein paar stimmungsvolle Sonnenuntergangfotos mit den Kameras wiederzukommen und spazieren in Richtung Süden. Wir gehen am Wasser des „10-Minunten-Strands“ entlang, dem Playa del Duque, werden ordentlich nass von den Wellen und setzen uns eine Weile beim Duque hinters Haus – zum Trocknen, und um von einer der Steinbänke aus den Schiffen und den Fallschirmfliegern zuzusehen.

Dann folgen wir den anderen Touristen die Promenade entlang in Richtung Playa de Fanabe. Es stimmt, was man sagt: ein bisschen steinig. Und auch die Ladenmeile ist wie beschrieben. Die besseren Geschäfte hat’s nicht direkt am Strand. Aber egal, zum Einkaufen sind wir ohnehin nicht hier. Wir lümmeln uns in die froschgrünen Liegestühle der Beachbar Playa Torviscas, zahlen ein Schweinegeld für ein paar kalte Getränke und wandern dann über die Promenade wieder zurück zum Hotel. Dabei sind wir überrascht, dass wir dafür auf direktem Weg nur eine gute halbe Stunde brauchen. Der Hinweg dauerte entschieden länger, aber da waren wir ja auch nicht zielgerichtet, sondern im Zickzack der Neugierigen unterwegs.

Jetzt, am frühen Nachmittag, wenn die „Früh-Reservierer“ der Hotel-Liegestühle langsam genug Sonne getankt haben und ihren Kram zusammenpacken, kann man wunderbar im Pool seine Bahnen ziehen und manchmal sogar noch eine freie Liege ergattern. Und gibt es keine, setze ich mich nach dem Schwimmen zum groben Abtrocknen auf einen der Felsbrocken, die die Schwimmbecken einsäumen und gehe ich mich danach umziehen. Ich hasse feuchte Badekleidung. Und so bequem wie hier hatte ich es noch nie: raus aus dem Pool, rein ins Hotel – erste Tür links – und schon bin ich im Zimmer und kann mir in aller Ruhe was Trockenes anziehen.

Nach einem Zwischenstopp in der Poolbar (Ginger Ale oder Cappuccino, Alkohol trinke ich ja nicht), setze ich mich dann gemütlich auf „unsere“ Terrasse und lese. Bücher habe ich mehr als genügend eingepackt. Romane, die ich besprechen soll und andere, die ich aus reinem Vergnügen lese. Die eine oder andere Rezension entsteht ganz entspannt hier auf der Hotelterrasse, wenn auch nur handschriftlich. Tippen muss ich das dann alles, wenn wir wieder in Deutschland sind. Das Schlepptop schleifen wir nicht auch noch mit in den Urlaub. Die Kamera-Ausrüstung reicht.

Nach dem Abendessen beschließen wir, dass wir für den heutigen Tag genügend durch die Gegend gelatscht sind und verzichten auf eine Rückkehr zum Mirador. Einen tollen Sonnenuntergang hätten wir ohnehin nicht fotografieren können, denn über dem Wasser schwebt eine Dunstschicht.

– Fortsetzung folgt: Berg und Wal, Teil 2 –

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Berg und Wal, Teil 2 – Teneriffa vom 23.07. bis 02.08.2008
September 26, 2008, 8:59 am
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Berg und Wal – Teil 2
Teneriffa vom 23.07. bis 02.08.2008

Samstag, 26.07.2008: VIP-Tour
Route:
1. Vilaflor: höchst gelegenes Dorf der Kanaren
2. Naturpark Canadas del Teide
3. Mittagspause in Puerto de la Cruz, Restaurant Los Faroles
4. Nordküste
5. Drachenbaum in Icod de los Vinos
6. Ortschaft Garachico (Mirador)
7. Los Gigantes

Die VIP-Tour zeichnet sich laut Prospekt dadurch aus, dass die Reisegruppe kleiner ist als üblich (30 statt 50 Leute) und dass man auf einem Ganztagesausflug die wichtigsten Highlights der Insel sieht. Und Getränke sind ebenfalls im Preis inbegriffen …

Um 8:30 Uhr werden wir abgeholt, um 8:50 Uhr sind alle Hotels abgeklappert und alle Ausflugsteilnehmer an Bord. Der Busfahrer stellt sich als Reyes vor, der Reiseleiter als Jack. Jack ist Niederländer mit indonesischen Vorfahren und sieht ein bisschen wie der junge James Laurenson aus (bekannt aus der TV-Serie BONEY, Mitte der 70-er Jahre). Sein Akzent in der Verbindung der Lautsprecheranlage des Busses erweist sich allerdings als fatal. Wir verstehen nicht einmal ein Drittel von dem, was er uns so engagiert und sicher kenntnisreich erzählt. Ich habe also nur Stichworte notieren können und die Detailinformationen später in verschiedenen Quellen nachgelesen.

Von Angesicht zu Angesicht klappt die Verständigung viel besser, wie wir in den Pausen merken. Aber durch die Sch…-Akustik im Bus entgeht uns leider vieles. Schade, denn Jack führt diese Touren seit 10 Jahren und scheint vielseitig interessiert und bestens informiert zu sein.

Als erstes fahren wir Richtung Nordosten nach Vilaflor. Der 1.500-Einwohner-Ort ist mit seiner Lage von 1.400 m über dem Meeresspiegel der höchst gelegene Ort Teneriffas und der Kanaren. Die Luft in Vilaflor ist extrem sauber und wird besonders Lungenkranken zur Linderung ihrer Beschwerden empfohlen. Trotz geringer Niederschlagsmengen wird in der Gegend um Vilaflor recht intensiv Landwirtschaft auf terrassenförmig angelegten Trockenfeldern betrieben. Im Frühjahr blüht entlang der Feldmauern der Goldmohn.

Einer Besichtigung des Orts steht entgegen, dass wegen einer Baustelle der Busparkplatz nicht zur Verfügung steht. Also geht es direkt weiter in den Nationalpark Las Canadas. Unterwegs erzählt uns Reiseleiter Jack von den fünf unterschiedlichen Vegetationszonen der Insel und von Teneriffas Tierwelt.

Vegetationszonen:
1. Sukkulenten-Formation

Diese Zone wird vom trockenen und warmen Klima geprägt: Im Norden reicht sie vom Meer bis in ca. 600 Meter Höhe, im Süden bis 1000 Meter. Agaven, Feigenkakteen, Säuleneuphorbien, kanarische Dattelpalmen sind nur einige der hier vorkommenden Pflanzen. Ferner findet man hier Bougainvilleen, Weihnachtssterne, Feuerakazien, Eukalyptusbäume und viele weitere exotische Pflanzen.

2. Lorbeerwald
Nur im Norden in Höhenlagen von 500 bis ca. 1.200 Metern findet man Lorbeerwälder. Die Passatwolken lassen den bis 20 Meter hohen kanarischen Lorbeers üppig gedeihen.

3. Fayal-Brezal-Formation

Ebenfalls nur im Norden bis zu 1.500 Metern über dem Meer erstreckt sich diese von Baumheide und Gagelbaum geprägte Zone. Die Baumheide kann bis zu 12 Meter hoch werden.

4. Kiefernwald
Von 1.000 Metern bis über 2.000 Metern erstrecken sich die Kiefernwälder. Die endemische kanarische Kiefer kann mehrere hundert Jahre alt werden. Die mächtigsten Exemplare sind bis 60 Meter hoch und haben einen Stammdurchmesser von bis zu 2,5 Metern.

5. Hochgebirgs-Formation
Teide-Ginster, Teide-Natternkopf und Retama sind in den Cañadas zu finden. Die Pflanzen haben sich an das trockene und extreme Klima angepasst. Der Teide-Natternkopf blüht Ende Mai bis Anfang Juli und kommt nur hier vor.

Tierwelt
Auf Teneriffa leben viele Vögel wie z.B. der Teidefink, der Kanarien-Girlitz (die Wildform unseres Kanarienvogels) sowie diverse Raubvögel. Es gibt Waldkatzen, Igel, Langohrfledermäuse, wilde Kaninchen und ungefährliche Echsen. In der Meerenge zwischen Teneriffa und La Gomera sind indische Grindwale anzutreffen, so nah an der Küste wie an kaum einem anderen Ort auf der Welt.

Giftige Insekten oder Reptilien gibt es nicht. Nur die Riesentausendfüßler aus Nordafrika sind giftig. Nicht tödlich, natürlich, aber unangenehm. Sieht man einen solchen im Hotel, sollte man dem Personal Bescheid sagen.

Von Korsika hat man Muflons importiert, was sich als Fehler erweist. „Sie haben keine natürlichen Feinde“, erklärt uns der Reiseleiter, „fressen alles und kacken den Wald voll“.

Parque Nacional del Teide y de las Canadas
Wir kommen an unserm nächsten Ziel an, dem Nationalpark del Teide. Auf den Gipfel werden wir nicht können, das hat man uns schon vorher gesagt. „Ganz oben“ ist aus Naturschutzgründen ohnehin bis auf ganz wenige Ausnehmen gesperrt. Mit der Teleferico, der Seilbahn geht es „nur“ bis zur Bergstation La Rambleta hinauf, bis in 3.550 m Höhe. Aber dafür ist bei geführten Touren keine Zeit. Ich denke, das Schlangestehen an der Teleferico von 30 Teilnehmern dauert einfach zu lange. Für die Fahrt 1.200 m höher hinauf benötigt man nur 10 Minuten. Will man auf die Bergstation, muss man privat mit dem Mietwagen wiederkommen, dann kann man die Seilbahn nutzen. Genau das können wir nicht. Pech gehabt. Gut, dann schauen wir uns halt nur das Erdgeschoss des Nationalparks an. Auch das ist eindrucksvoll.

Der Nationalpark wurde 1954 eingerichtet und ist mit einer Fläche von über 135 km2 der grüßte seiner Art auf den Kanaren. Hauptbestandteil ist eine gigantische Caldera, ein vulkanischer Einsturzkrater namens „Las Canadas“ – was die geologische Bezeichnung für die ebenenen Sedimentschichten am Fuß des Kessels ist.

Der Boden dieses Kessels liegt etwa 2.000 m über dem Meeresspiegel. Im Süden wird er von 500 m hohen Steilwänden begrenzt. Im Norden erhebt sich der mit 3.718 m höchste Berg Spaniens, der Pico de Teide.

Vermutlich haben sich sowohl die Canadas als auch das Tal von Orotava durch gigantische Erdrutsche gebildet. 1.000 m3 Landmasse rutschten bei der Entstehung der Canadas ins Meer. Die Geologen vermuten, dass das unterseeische Plateau im Norden Teneriffas das abgerutschte Material ist.

Der Teide entstand erst nach den Erdrutschen vor rund 200.000 Jahren – ist also erdgeschichtlich gesehen blutjung.

Der Kessel der Canadas mit einem Durchmesser von 16 km ist einer der weltgrößten Krater. Von seinem 45 km langen Rand ist nur der südliche Teil gut erhalten. Spätere Eruptionen haben den Norden der Caldera mit Millionen Tonnen Asche und Geröll gefüllt.

Wir schauen uns den Krater und seine Umgebung staunend an und fühlen uns wie auf einem fremden Planeten. Es wundert uns nicht, als der Reiseleiter erzählt, dass der Nationalpark Kulisse war für den Film „Planet der Affen“. Ich ging spontan davon aus, dass er das Remake von 2001 meint. Weil ich nirgendwo im Internet Angaben darüber finden kann, hab ich nun meinen Zweifel: War es das Original von 1968 – oder nur ein Gerücht?

Der Marco-Polo-Reiseführer Teneriffa beschreibt geradezu poetisch, was der Besucher zu sehen bekommt: „(…) eine scheinbar virtuelle Welt aus bunt schillernden Aschehügeln, Ebenen, Schluchten und Geröllhalden, mal glatt poliert, mal pockennarbig und scharfkantig, gelb-weiß bi hohem Bimssteinanteil wie in der Montana Blanca; rot und schwarz leuchtend durch Oxydation wie die Montana Mostaza; weite Schlackefelder wie die Lavas Negras; zungnartige erstarrte Magmaflüsse; wie von Riesenhand geschleuderte Felsblöcke wie im Valle de las Piedras Arrancadas; Gestein, scharfkantig wie schwarzes Glas wegen des hohen Obsidian-Anteils in der Montana Rajada.“ (Marco-Polo-Reiseführer Teneriffa, ISBN 978-3-8297-0565-3, Seite 67)

Wir sehen die Nasenlöcher des Teide (Narices del Teide), zwei kleinere Krater, die noch zwischen den erkalteten Lavaströmen „schnauben“. Der letzte Ausbruch des Teide falnd im Jahr 1798 statt.

Bizarre Felsformationen gibt es da, die aus gutem Grund Namen tragen wie „Der Schuh der Königin“ oder „Steinerner Baum“. Letzterer, der Roque Chinchinado, gehört zur Felsformation der Roques de Garcia, einem Ensemble vielfarbiger Felsnadeln. Diese Felsformationen sind vermutlich Reste des ursprünglichen Vulkans.

Pico del Teide
Dass der Pico del Teide mit seinen 3.718 m Höhe der höchste Berg Spaniens ist, hab ich schon mindestens zweimal gesagt. Er ist auch der drittgrößte Inselvulkan der Erde. Der letzte Ausbruch ereignete sich 1798 mit den Narices del Teide (den Nasenlöchern …) die Teil des 3.134 m hohen Nachbarvulkans Pico Viejo sind und westlich des eigentlichen Pico del Teide liegen.

Der Teide ist kein Vulkan, der „aus einem Guss“ entstanden ist. Der Komplex Teide/Pico Viejo ist ein Schichtvulkan, der sich durch Anhäufung von Material aufeinander folgender Eruptionen gebildet hat.

Obwohl auf der Insel ganzjährig milde Temperaturen herrschen, liegt im Winter auf dem Gipfel Schnee.

Man kann den Teide über einen gut beschilderten Weg besteigen. Alternativ fährt die bereits erwähnte Seilbahn, die Teleferico del Teide bis ca. 150 Höhenmeter unterhalb des Gipfels. Für die Besteigung des Gipfels selbst ist eine Genehmigung der Nationalpark-Verwaltung in Santa Cruz de Tenerife erforderlich.

Der Name „El Teide“ soll die hispanische Form des Guanchen-Begriffs „Echyde“ sein: Er bezeichnt den Wohnsitz des bösen Dämonen Guayda. Wenn die Guanchen den Teide aktiv erlebt haben, wundert es einen nicht, dass sie dort oben finstere Mächte vermuteten.

Nach einem Stopp in einem kleinen Restaurant in El Portillo, wo man auch die Gelegenheit hatte, Mojo, Honig, Parfum und diverse andere regionale Spezialitäten zu erwerben, geht es weiter nach Puerto de La Cruz, wo wir im Restaurant „Los Faroles“ Mittagspause machen werden.

Wir kommen an der Sternwarte auf der Montana de Izana vorbei, dem Observatorio del Teide. 1964, als die Sternwarte erbaut wurde, schien das der ideale Standort zu sein: fernab jeder Zivilisation mit freier Sicht in den Himmel. Die Entwicklung der Ferienorte und der Ausbau des Flughafens Reina de Sofia veränderte die Lichtverhältnisse so stark, dass man die Sternwarte nach La Palma verlegen musste. Die Wissenschaftler des Observatoriums auf Teneriffa studieren mittlerweile tagsüber die Sonne.

Während wir nach Puerto de La Cruz unterwegs sind, erzählt uns Jack von den Ureinwohnern der Insel, den Guanchen.

Die Guanchen
Über die Herkunft der Guanchen ist wenig bekannt. Der Name leitet sich angeblich aus der Bezeichnung „Guanchinet“ ab. In der Sprache der Guancen bedeutet Guan = Mensch und Chinet = Tenriffa. Das Wort bezeichnete ursprünglich also nur die Ureinwohner Teneriffas.

Aus den wenigen überlieferten Guanchen-Wörtern und Ortsnamen kann man schließen, dass die Guanchen Abkömmlinge von Berberstämmen aus Nordafrika sind. Auch die auf allen Kanareninseln in Steine und Felswände beritzten Zeichen erinnern an alte Berber- und moderne Tuareg-Schriften. Archäologische Funde sowie manche Sitten und Gebräuche haben gleichfalls Parallelen in Nordafrika.

Die ersten Menschen kamen vermutlich ab etwa 3.000 v. Chr. Mit Binsenbooten von Nordafrika auf die Kanaren. Im Zeitraum von 500 – 200 v. Chr. kamen weitere Nordafrikaner auf die Inseln. Vom 6. Jahrhundert bis ungefähr ins Jahr 800 haben vermutlich Berber beim letzten großen Besiedlungsschub die Kanaren erreicht. Um diese Zeit ging wohl das antike Wissen um die Kanaren im mittelalterlichen Europa verloren. Plinius (23-79 n. Chr.) hatte die Inseln gekannt und sie „die glücklichen Inseln Pluvalia und Nivaria“ genannt, also die Inseln des Regens und des Schnees. Damit meinte er La Gomera oder La Palma und das vom Pico del Teide beherrschte Teneriffa.

Die Guanchen lebten bis zur spanischen Eroberung in einer Art steinzeitlichen Kultur auf den Inseln. Sie kannten keine Metallverarbeitung, was nicht so rasend erstaunlich ist, denn gibt auch kein Erzvorkommen auf den Kanaren. Sie benutzten Knochen zur Herstellung von Nadeln, Ahlen und Stanzwerkzeugen. Schwere Messer und Hacken fertigten sie aus Basalt, feinere Messer aus Obsidian, Mühlsteine aus porösem Lavagestein. Behältnisse stellten sie aus Holz, Leder, Ton oder Korbweide her.

Wie die Ägypter balsamierten sie ihre Tote ein, nur nicht ganz so gekonnt. Der Tote wurde im Meer gewaschen, die Organe entfernt und der Leichnam in der Sonne getrocknet. Danach wickelten sie ihn in Leder oder Schilfrohr. Sie legten ihn in einer Höhle auf ein Holzgestell oder ein Steinpodest oder lehnten ihn einfach an die Wand. Es gab regelrechte „Familiengrüfte“ mit hunderten von Mumien in einer Höhle.

Geschichte
Wie gesagt, ging das antike Wissen um die Kanaren mit der Zeit irgendwie verloren. Erst im 14. Jahrhundert tauchen Tenriffa, Gomera und Hierro auf einer Seekarte (wieder) auf.

Wenn Land da ist, muss erobert werden, so denken die Mächtigen der Welt. Aber mit den Kanaren taten sich die spanischen Seefahrer schwer. Lediglich die kleinste und am dünnsten besiedelte Insel, Hierro, fiel Jean de Béthencourt 1405 in die Hände. Gomera, La Palma und Teneriffa waren dichter besiedelt und konnten den Angriffen Béthencourts Stand halten.

Während der nächsten 70 Jahre fiel nur Gomera in die Hände der Spanier. Unterwegs ging den Eroberern das Geld aus, so dass das Unternehmen aus privater Hand weiter finanziert wurde. Obwohl die Spanier Pferde und Feuerwaffen hatten und die Guanchen unberitten waren und mit Speeren kämpften, dauerte die Eroberung der Kanaren über 90 Jahre. Sie begann 1402 unter Jean de Béthencourt und endete 1495 unter Alfonso Fernandez de Lugo auf Teneriffa. Es heißt, de Lugo habe hauptsächlich deshalb Erfolg gehabt, weil die Reihen der Einheimischen durch eine unbekannte, aus Europa eingeschleppte Epidemie gelichtet und geschwächt waren.

Der letzte Guanchen-König beging rituellen Selbstmord. Ein Teil der Altkanarier wurde umgebracht, viele wurden versklavt oder verschleppt. Die übrig gebliebenen Guanchen vermischten sich im Lauf der Zeit mit den Eroberern. Ende des 16. Jahrhunderts war die kanarische Kultur praktisch verschwunden.

GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK

ca. 20-3 Mio. v. Chr.
Entstehung des Kanarischen Archipels durch Vulkanausbrüche. Geologisch gesehen sind die östlichen Inseln mit rund 20 Millionen Jahren älter, die westlichen sind mit rund 3 Millionen jünger, darunter auch Teneriffa.

400 v. Chr.- Zeitwende 1. Jh. n. Chr.
Während dieser Zeit fand vermutlich eine Besiedelung in mehreren Wellen, u.a. aus Nordafrika, statt. Plinius d. Ä. (23-79 n. Chr.) erwähnt in seinen Schriften zur Naturgeschichte Naturalis historia) die ”Inseln der Glückseligen”.

1280 – 1330
Nachdem die Insel Jahrhunderte lang vergessen waren, besuchen erstmals genuesische Kaufleute die Kanarischen Inseln. Darunter auch Lancilotto Malocello.Vielleicht der Namensgeber der Insel Lanzarote?

1339
Erstmals erscheint auf einer Seekarte die Bezeichnung ” Islas Canarias ”.

1402 – 1405
Der normannische Adlige Jean de Bethencourt (1359 – 1425) erobert nach und nach die ersten Kanarischen Inseln für Spanien und übernimmt sie als spanisches Lehen.

1405
Es gelingt Bethencourt Fuerteventura und El Hierro einzunehmen. Er scheitert jedoch an der Eroberung Gran Cananias und Las Palmas. 1406 kehrt er auf das Festland zurück.

1482
Unterwerfung Gran Canarias.

1492
Christoph Kolumbus startet seine erste Entdeckungsfahrt von La Gomera aus. Auch bei späteren Fahrten 1493, 1498 und 1502 hält er sich auf den Kanarischen Inseln auf. In seinem ” Bordbuch ” (1492) berichtet er bei der Vorbeifahrt an Teneriffa von einem Ausbruch des Teide.

1492 – 93
Der andalusische Adlige Alonso Fernandez de Lugo (1456 – 1525) unterwirft von Gran Canaria aus die Insel La Palma.

1494 – 96
Alonso Fernandez de Lugo unterwirft mit Teneriffa die letzte der noch unabhängigen Inseln.

Ende 15. Jh.
Einfuhr von Weinreben und Bananenstauden.

18. Jh.
Erste Auswanderungswellen nach Kuba und Venezuela.

1797
Admiral Horatio Nelson versucht vergeblich, Teneriffa für die britische Krone zu erobern.

1799
Alexander von Humboldt ( 1769 – 1859 ) macht auf seiner Reise nach Südamerika fünf Tage Station auf Teneriffa.

um 1830
Wirtschaftlicher Aufschwung durch die Zucht der Koschenillenlaus.

1936
Ausrufung der ”nationalen Erhebung” durchGeneralFrancisco Behamonde Franco (1892 – 1975), dem damaligen Militärgouverneur der Kanarischen Inseln.

1975
General Franco stirbt. König Juan Carlos wird Oberhaupt Spaniens.

1993
Aufnahme der Kanarischen Inseln als Vollmitglied in die EU.

Auch eine Person der jüngeren Geschichte hat mit Teneriffa zu tun, auch wenn die Kanaren nicht das sind, was einem als erstes zum Werdegang dieses Menschen einfällt:

General Franco
Dafür, dass man ihn immer nur „Franco“ nennt, hatte er einen ganz schön eindrucksvollen Namen, der General: Francisco Paulino Hermengildo Téodulo Fanco y Bahamonde Dalgado Pardo. (1892 – 1975). Okay: Bleiben wir bei Franco!

Dass er ein spanischer General mit steiler Militärkarriere war, und ein Diktator, das ist bekannt. Aber was hat er mit Teneriffa zu tun?

Als Franco im Jahr 1934 als Berater des Kriegsministers kompromisslos gegen einen revolutionären Aufstand vorging und diesen blutig niederschlug, brachte ihm das die Anerkennung von politisch rechts stehenden konservativen Kreisen ein. 1935 wurde Franco unter dem neuen Kriegsminister José-Maria Gil-Robles zum Oberbefehlshaber der spanischen Armee ernannt. Dann kam ein Machtwechsel im Land – 1936 siegte knapp die Volksfront und der neue Regierungschef, Manuel Azana, setzte Franco umgehend als Oberbefehlshaber der Streitkräfte ab und stellte ihn weit ab vom Schuss als Militärgouverneur der Kanarischen Inseln in Santa Cruz de Tenerife kalt.

An dieser Maßnahme hatte Azana jedoch nicht lange Freude: Ein Militäraufstand nationalistischer Kräfte am 17. Juli 1936 in Melilla griff noch am selben Tag auf die ebenfalls in Spanisch-Marokko gelegenen Städte Tetuan und Ceuta über. Franco traf am 19. Juli mit einem Privatflugzeug aus Teneriffa kommend in Marokko ein und übernahm das Kommando über das Afrikaheer. Die Revolte griff aufs spanische Mutterland über, jedoch nicht auf die Großstädte, so dass es zum lange andauernden spanischen Bürgerkrieg (Juli 1936 bis April 1939) kam.

Nach dem plötzlichen Tod des als Anführer vorgesehenen José Sanjurjo bildeten die aufständischen Generäle Miguel Cabanellas, Emilio Mola und Francisco Franco eine Junta, die Franco am 1. Oktober 1936 zum Chef der nationalspanischen Regierung und des von den Aufständischen kontrollierten Teil des spanischen Staates berief. Sie ernannten ihn zum Generalissimo ( = Generalissimus).

Im November 1936 wurde seine Regierung vom nationalsozialistischen Deutschen Reich und vom faschistischen Italien anerkannt und von diesen sowohl politisch als auch militärisch unterstützt. Ab dem Tod General Molas am 3. Juni 1937 war Franco der unumstrittene Führer des von den „nationalen“ Truppen kontrollierten Spanien.

Mit dem Ende des spanischen Bürgerkriegs etablierte Franco sukzessive seine Machtbasis. Dabei ging er gegen seine politischen Gegner mit äußerster Härte vor, unter anderem mit Folter, Ermordung, politischen Säuberungen und der Errichtung von Konzentrationslagern.

Das Regime, das Franco ab 1939 aufbaute, beruhte auf der engen Verbindung von traditionell-konservativen Vorstellungen mit faschistischen Prinzipien.

Lassen wir’s an dieser Stelle gut sein mit dem Generalissimo. Seine Rolle im Zweiten Weltkrieg kann man bei Interesse anderswo nachlesen. Und „wie es ausging“ man auch: Für die Nachfolge Francos hatte man bereits 1947 die Wiedereinführung der Monarchie vorgesehen. 1969 setzte Franco fest, dass Juan Carlos de Borbón nach seinem Tod der Regierung vorsitzen solle. Und so geschah es auch.

Flughäfen
Auf dem Weg zum Restaurant „Los Faroles“ am Playa Jardin in Puerto de La Cruz kommen wir in die Nähe des Flughafens Aeropuerto Los Rodeos (TFN) bei Las Laguna. Dass Teneriffa zwei Flughäfen hat, einen im Norden und einen im Süden, haben wir schon auf der Karte gesehen.

Wir erfahren, dass Los Rodeos im Norden vorwiegend für den Inlandsflugverkehr genutzt wird, vor allem für die Flüge zu und von den anderen Kanaren-Inseln. Seit den 70-er Jahren gab es hier kaum mehr internationalen Flugverkehr. Erst seit der Modernisierung und Renovierung des Nordflughafens in den letzten Jahren wird er jetzt wieder verstärkt von ausländischen Fluggesellschaften angeflogen.

Auf dem Südflughafen, dem Aeropuerto Reina Sofia (TFS) starten und landen die internationalen Linien- und Chartermaschinen. Hier kommt die Mehrzahl der Teneriffa-Urlauber an.

Mittagspause am Playa Jardin
Wir sind am nächsten Etappenziel angekommen, an der Playa Jardin von Puerto de la Cruz, wo wir Mittagspause machen wollen. Beim Aussteigen aus dem Bus überrascht uns einer der Mitreisenden mit der Erkenntnis: „Das Wädder is ja gornisch so driebe – de Schaibn sin gedeend!“

Die Playa Jardin in Puerto de la Cruz ist einer der bekanntesten Strände auf den Kanaren. Er liegt in der Nähe des Loro Parques, etwa 20 Gehminuten westlich des Stadtzentrums. Die Playa Jardin, ein Garten hinter dem Strand, wurde vom kanarischen Künstler Cesar Manrique geplant und gestaltet. Es ist ein öffentlicher Park mit tropischen Pflanzen aus aller Welt, wie man sie sonst nur aus botanischen Gärten kennt. Der schwarzsandige Strand wurde weitgehend naturbelassen. Ein Wellenbrecher macht gefahrloses Baden möglich.

Wir spazieren durch den Park zu unserem Restaurant, „Los Faroles“. Es ist nicht ganz die befürchtete Massenabfertigung. Es gibt Tapas, Gemüsesuppe, Fisch oder Schweinefleisch mit Beilagen, einen etwas chemisch schmeckenden Pudding, Kaffee und einen rosafarbenen Likör. Wir haben Gelegenheit, uns etwas ausführlicher mit unseren Mitreisenden zu unterhalten. Während der Fahrt spricht ja hauptsächlich der Reiseleiter. Um 14 Uhr geht es weiter zu unserem nächsten Ziel, dem Drachenbaum in Icod de los Vinos.

Icod de los Vinos
Icod de los Vinos liegt an der Nordküste Teneriffas, ca. 15 km westlich von Puerto de la Cruz. Der Name setzt sich zusammen aus dem Guanchenword „Benicod“ (schöner Ort) und dem spanischen „de los Vinos“ (des Weines).

Neben dem Weinanbau – der Weißwein dort gilt als der beste der Insel – ist ein mehrere Jahrhunderte alter Drachenbaum die Attraktion des Ortes. „Drago Milenario“ wird er genannt. Trotz des Namens ist er keine tausend Jahre alt, aber dennoch mit geschätzten 500 bis 600 Jahren der älteste Drachenbaum der Erde.

Der Drago Milenario ist ca. 18 m hoch und hat einen Stammumfang von 6 m. Damit wir den Drachenbaum anschauen können, parkt Reyes den Bus halblegal am Straßenrand. Nach einem nach einem „Schuh-Check“, bei dem sich unsere Laufschuhe als geländetauglich genug erweisen, marschieren wir mit Reiseleiter Jack durch unwegsames Gelände um von Ferne den legendären Drachenbaum in Augenschein zu nehmen.

Schon ein seltsames Gefühl: Als kleines Bäumchen hat der Drago Milenario „miterlebt“, wie die Spanier Teneriffa erobert haben. Das wird ihm zwar von Herzen Wurscht gewesen sein, aber mit dieser Vorstellung kann ich mir sein Alter besser bewusst machen.

Wir fahren weiter nach Garachico.

Garachico
Vom Mirador de Garachico – an einem Restaurant bei San Juan del Reparo gelegen – hat man einen grandiosen Blick auf die etwa 6.000 Einwohner zählende Stadt Garachico. Sie liegt auf einer halbkreisförmigen, durch einen Vulkanausbruch entstandenen Landzunge. Vor dem Ort erhebt sich der Roque de Garachico aus dem Meer.

Ende des 15. Jahrhunderts von italienischen Kaufleuten gegründet, entwickelte sich Garachico zu einer blühenden Hafenstadt, doch im Jahr 1706 wurde durch den Ausbruch des Vulkans Montana de Trebejo das Hafenbecken von glühenden Lavamassen verschüttet. Häuser und Hafen sowie ein fruchtbarer Landstreifen verschwanden über Nacht unter einer Steinwüste. Glücklicherweise wurden viele der schönen Kirchen und Stadtpaläste vom Lavastrom verschont.

Die Bewohner bauten ihre Stadt an derselben Stelle wieder auf. Garachico verlor zwar seinen Rang als Hafenstadt, aber seine Bewohner kamen durch Zuckerrohr-Anbau und später durch Bananenplantagen zu neuem Wohlstand.

Eine Legende gibt es zu diesen Ereignissen auch: Schuld an der Katastrophe soll ein verärgerter Mönch gewesen sein. Er war Hauspriester auf einem Gutshof, und als er für den Geschmack des Hausherrn zu mächtig und zu tyrannisch wurde, hat man ihn entlassen. Daraufhin soll der Geistliche die Stadt verflucht haben. Und ein paar Tage danach brach prompt die Naturkatastrophe über die Stadt herein. Zeit genug für den Mönch, sich vorher noch aus dem Staub zu machen.

Wie so oft an den Miradores gab es auch hier reichlich Andenken zu kaufen, Kitsch und Kunsthandwerk. Wir entscheiden uns für Palmensirup als Reisemitbringsel für die Familie – und für die obligatorischen Postkarten, die später in meinem Fotoalbum landen werden. Und nun braucht niemand „Copyright-Verletzung“ zu krähen – das ist kein online-Fotoalbum, sondern ein ganz altmodisches, das man im Laden kauft und in das man Bilder, Ansichtskarten und sonstiges Gedöns mit Fotoecken einklebt und beschriftet. Klamotten gab es auch zu kaufen, aber in Pakistan gefertigte Kleidung muss ich mir nicht aus Teneriffa mitbringen.

Masca
Auf dem Weg zu unserem letzten Etappenziel, der Steilküste Los Gigantes, kommen wir an Masca vorbei. Die ganze Region ist noch von den Waldbränden im Sommer 2007 gezeichnet. Man sieht schwarze Baumskelette auf rotem Boden, aber die Natur ist zäh – die Heide treibt wieder aus und auch die Kiefern. Die sehen jetzt zwar ein bisschen aus wie Klobürsten, aber Hauptsache, der Wald regeneriert sich wieder.

In dem Artikel „Über den Hügel kamen die Flammen“, schrieb dazu DER SPIEGEL am 2.8.2007: „Nun haben die verheerenden Brände, die Anfang der Woche auf Teneriffa auf insgesamt 15.000 Hektar wüteten, ausgerechnet das abgelegene, mitten im Gebirge gelegene Dörfchen mit seinen engen kopfsteingepflasterten Gassen und den hübschen Steinhäusern am schlimmsten erwischt. Das einzig halbwegs ursprüngliche Überbleibsel im sonst vielerorts ziemlich verbauten Teneriffa. Mehrere Häuser brannten aus, die am Berghang angelegten Gartenterrassen sind jetzt schwarz verkohlt und mit Asche überzogen.“

Der Brand hat natürlich weit mehr Schaden angerichtet als nur eine Handvoll Häuser zu ruinieren. Ein großer Teil der Lorbeerwälder wurde zerstört. Es gab Schäden im Vogelpark, seltene Schmetterlingsblütler und eine neu entdeckte Echsenart fielen ebenfalls dem Feuer zum Opfer. „Alles futsch“, sagt der Reiseleiter resigniert und meint das lange nicht so flapsig wie es klingt. Wir haben uns später etwas ausführlicher mit ihm unterhalten und den Eindruck bestätigt gefunden, dass ihm Flora, Fauna und Naturschutz sehr am Herzen liegen.

Den Barranco de Masca hätten wir uns ansehen sollen, danke ich im Nachhinein, die Schlucht, die von Masca bis zum Meer führt. Ein Mitreisender hat sehr von der geführten Tour durch diese Klamm geschwärmt. Der Weg entlang des Bachs quer durch die tief eingeschnittene Schlucht mit mehreren 100 m hohen Felsen und Canyons muss ein atemberaubendes Erlebnis sein. Je näher man dem Meer kommt, desto lauter hört man es rauschen.

Sie organisieren es so, dass man in Richtung Atlantik absteigt, also die 650 m Höhendifferenz abwärts überwindet. Von der Playa de Masca, einem kleinen Naturstrand, geht es dann mit dem Boot weiter, man muss also den Weg zurück nach Masca nicht mehr hinaufkraxeln. Drei Stunden soll die Wanderung dauern und für den durchschnittlich fitten Teilnehmer kein Problem sein. Ich bin aber von Geburt an nicht gut zu Fuß und war mir nicht sicher, ob ich das schaffen würde.

Santiago del Teide
Ein weiterer Ort, den wir auf unserer Fahrt zu Los Gigantes passieren, ist Santiago del Teide. Der Ort hieß ursprünglich einmal Valle de Santiago, aber nachdem es immer wieder zu Verwechslungen mit einem gleichnamigen Dorf auf La Gomera gegeben hat, hat man dem Ort auf Teneriffa seinen heutigen Namen gegeben.

Bemerkenswert ist neben der sehenswerten Dorfkirche Santiago de Compostela aus dem 17. Jahrhundert auch die Tatsache, dass beim letzten Vulkanausbruch des Chinyero 1909 die austretende Lava nur knapp an Santiago del Teide vorbeifloss und das Dorf gerettet wurde.

Los Gigantes
Wir sind an der letzten Station unserer Tour angekommen: Los Gigantes. Das ist ein Ortsteil der Gemeinde Santiago del Teide und praktisch mit dem Nachbarort Puerto de Santiago zusammengewachsen. Der Ort ist sehr touristisch geprägt und bekannt durch seine Steilküste, Acantilado de los Gigantes/Steilfels der Riesen, die ihren Besuchern vom Land und vom Meer aus einen spektakulären Anblick bietet. Die Felsen fallen an dieser Stelle bis zu 450 m senkrecht ins Meer ab.

Irgendwie waren wir wohl zur falschen Zeit da. Zur falschen Tageszeit wegen der ungünstigen Lichtverhältnisse. Und generell und überhaupt zum falschen Moment, weil ein Baukran unseren Blick auf die atemberaubenden Felsen störte. Kann man nichts machen – der Bauboom ist immer und überall.

Mit einer weiteren Ladung Postkarten im Gepäck geht’s wieder in den Bus und die Westküste entlang „heim“nach Costa Adeje ins Hotel.

Das geheime Leben der Bananen (Musa sapientium)
Nicht zum ersten Mal nutzt ein Reiseleiter die Rückfahrt und erzählt seinen Passagieren im Bus etwas über Bananen. Bananen … kennt man, kauft man, isst man und denkt nicht weiter über sie nach. Eigentlich schade, denn „das geheime Leben der Bananen“ ist sehr interessant.

Von den Bananen, die auf Teneriffa angebaut werden, wird ein kleiner Teil auf der Insel selbst verbraucht, rund 80% werden aufs spanische Festland verkauft, die restlichen 20% ins übrige Europa. Die „Konkurrenzbananen“ aus Südamerika (Musa paradisiaca sapientum) sind größer und billiger als die kanarischen, deshalb werden diese auch nach Europa exportiert. „Kanarische Zwergbananen haben auf dem europäischen Markt keine Chance“, meint der Reiseleiter. Und das, obwohl sie süßer und aromatischer schmecken sollen als die südamerikanischen.

Hat irgendjemand schon mal darüber nachgedacht, wie Bananen sich vermehren? Eigentlich müssten sie ja Samenkerne haben. Botanisch gesehen sind es Beeren. Die Samenkerne hat man ihnen aber weggezüchtet, zumindest der Bananenart, die es im Supermarkt zu kaufen gibt. Das heißt: man vermehrt sie durch Schösslinge, durch Ableger der alten Bananenstaude. Mittlerweile werden auch geklonte Pflanzen angeboten. Diese Klone werden im Labor aus nur einer Pflanze hergestellt, die aufgrund besonderer Eigenschaften ausgewählt wurde, z.B. Schädlingsresistenz oder gute Ertragsfähigkeit. So können viele Pflanzen mit den gleichen guten Eigenschaften schnell gezogen werden.

Diese Schösslinge der Bananenstaude pflanzt man im Abstand von etwa 5 Metern in möglichst reichhaltigen, sandigen Lehmboden mit einer guten Drainage. Am besten gedeihen sie in einem feuchtwarmen Klima, in dem die Temperatur nie unter 20 Grad Celsius sinkt. (Bananen stammen ursprünglich aus der südostasiatischen Inselwelt). 1 kg Bananen „verbraucht“ bis zur Ernte rund 450 l Wasser.

Bananenstauden wachsen sehr schnell, etwa 3 Zentimeter am Tag. Nach 10 Monaten ist die Staude, die mit ihren ineinander geschachtelten Blättern wie eine Palme aussieht, zur vollen Größe von etwa 3 bis 6 Metern herangewachsen. Dann bildet die Bananenpflanze einen einzigen großen Blütenstand mit rottvioletten Hochblättern und mehreren Reihen röhrenförmiger Blüten. Aus jeder Blütenreihe entwickelt sich eine „Bananenhand“ mit bis zu 20 Bananen. Das Wort „Banane“ kommt übrigens aus dem Arabischen. Das Ursprungswort „banan“ bedeutet „Finger“. Je nach Größe der Bananenpflanze können sich bis zu 20 solcher Hände bilden – also bis zu 400 Bananen pro Staude.

Der Blütenstand ist stark gekrümmt und wächst nach unten. Sobald die Blütendeckblätter abgefallen sind, strecken sich die Bananenfinger nach oben und wachsen dem Licht entgegen. Dadurch erhalten die Bananen ihre gebogene Form.

Bananenfoto: © ikranz (Ingrid Kranz) / pixelio

Der fertig ausgetriebene Fruchtstand braucht bis zur Reife rund 6 Monate. Von der Pflanzung bis zur Ernte dauert es insgesamt etwa 18 Monate. Wenn an der Mutterstaude der Fruchtstand entfernt wird, stirbt sie ab. Beim Austreiben des Fruchtstands hat sich an der Pflanze aber schon ein Nachfolger gebildet, ein Schössling, der dann zur neuen Mutterpflanze wird. Und so geht das Spiel von neuem los.

Das faserreiche „Grüne“ der Bananenstaude findet im übrigen weitere Verwendung als Futter für die Kühe oder zur Herstellung von Papier und Tauwerk.

Abschließend erwähnte der Reiseleiter noch, dass die Insel schon viele wirtschaftliche Krisen überstanden hätte: Die Malvasierkrise, die Läusekrise, die Zuckerrohrkrise und die Bananenkrise. Heute setze man wieder auf eine Monokultur, von der ganz Teneriffa lebe: den Tourismus. Und dazu gebe es derzeit keine Alternative.

Mögen also auch weiterhin genügend Touristen auf die Insel kommen. Aber auch nicht zu viele. Alle Übertreibung ist bekanntlich von Übel.

Ausflug vorbei – zurück im Hotel
Kurz vor 18 Uhr, knapp vor dem Abendessen, kommen wir wieder im Hotel an. Es reicht zeitlich gerade noch, die Kamerausrüstung wieder in den Safe zu sperren und die verschwitzten und verstaubten Klamotten gegen frische zu tauschen. Zwar gehören wir nicht zu denen, die Punkt 18 Uhr vor der Restauranttür stehen und warten, bis der Schlag aufgeht, aber wenn man allzu spät kommt, muss man sich beim Essen ungemütlich beeilen, damit das Hotelpersonal noch alles für die nächste „Essensschicht“ vorbereiten kann. Man möchte ja nicht die Leute bei der Arbeit behindern.

Auch wenn man sich sagt, dass man bei so einem Ausflug ja nur seinen Hintern in einem klimatisierten Bus breitdrückt – anstrengend ist es trotzdem. Rauskrabbeln, hier hin und da in rennen, die Informationen aufnehmen und verarbeiten, was besondere Konzentration erfordert, wenn man den Referenten akustisch kaum versteht, und wieder in den Bus reinkrabbeln. Und das ganze wieder und wieder … doch, das macht auch müde. Und so haben wir uns nach dem Abendessen in den Außenbereich der Lobbybar gesetzt, den Spatzen und Tauben beim Aufpicken von Tapas-Resten zugeschaut und doch noch ein paar gute Sonnenuntergangs-Fotos in den Kasten bekommen.

Spatzen sind übrigens deutlich fixer und wendiger als Tauben. Bis die Taube kapiert hat, dass es was Fressbares gibt, hat’s der Spatz schon halb verdaut.

– Fortsetzung folgt: Berg und Wal, Teil 3 –



Berg und Wal, Teil 3 – Teneriffa vom 23.07. bis 02.08.2008
September 26, 2008, 8:32 am
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Berg und Wal – Teil 3
Teneriffa vom 23.07. bis 02.08.2008

Sonntag, 27.07.2008: Routine

Keine besonderen Vorkommnisse. Wir haben den Tag damit vertrödelt, zum Bootshafen Puerto Colón zu latschen und unterwegs ein paar Ansichtskarten fürs spätere Fotoalbum zu kaufen, denn so wie die Profis kriegen wir die Motive ja doch nie in den Kasten. Die übliche Routine aus Gehen, Schwimmen und Nichtstun.

Im Hotel habe ich mich gewundert, dass auf der Rückansicht der Hose einer üppigen jungen Dame der plakative Schriftzug ITALIA prangte. Ein politisches Statement: Das Land ist am A…? Ein selbstkritisches Bekenntnis: ein Hinterteil so groß wie Italien? Na ja, wahrscheinlich nichts von alledem, es ist wohl einfach modern. Wie ein Ohrwurm kroch nach diesem Anblick ein derber Kinder-Abzählreim durch mein Gehirn: „Caterina Valente hat ‚nen A… wie ‚ne Ente, hat ‚nen A… wie ‚ne Kuh – und raus bist du.“

Auf solche niveaulosen Gedanken bringen einen die Leute, indem sie auf ihren Hosenboden ITALIA schreiben! Sowas macht man einfach nicht! 😀

Montag, 28.07.2008: Wale und schräge Vögel
Morgens um 5:15 Uhr werde ich von einem sonderbaren Geschrei und Gequäke geweckt. Das kommt von draußen! Auaauaauaauawääääh! Aha: Gelbschnabel-Sturmtaucher! Reiseleiter Jack hatte uns deren Geschrei vorgemacht und vorher noch hoch und heilig versichert, dass er absolut nüchtern sei und uns auch nicht zum Besten halte. Diese Vögel schreien wirklich so. Gerhard sagt, er habe das Geräusch schon am Tag mal gehört und gedacht, das sei ein besonders nerviges Kinderspielzeug. Mir ist das entgangen, ich höre die jetzt zum ersten Mal. Gesehen habe ich noch keinen. Ich gehe hinaus auf die Terrasse um vielleicht mal einen der Schreihälse zu Gesicht zu bekommen. Witzlos: Es ist noch stockdunkel.

Oh Schreck, oh Not! Jemand hat meiner besseren Hälfte am Vorabend an der Bar von der „Expedition Wale und Delfine“ vorgeschwärmt. Und jetzt ist er wild entschlossen, diese Whale-Watching-Tour auch mitzumachen. Wale sieht man sonst nur im Fernsehen, meint er, und nun habe man mal die Chance, die Tiere leibhaftig zu sehen, also sollte man sie auch nutzen.

Ja, schon klar. Aber mich bedeutet das „Boot fahren“. Ich werde mich von jetzt an bis zu der Sekunde, da wir wieder an Land sind, fürchten. Eine alberne Furcht, ich weiß das. Und ich vermute, sie ist auch nur erlernt. Meine Mutter konnte nicht schwimmen und hatte schreckliche Angst vor Schiffen und Booten, das ist bei mir irgendwie hängen geblieben. Gerhard lacht mich aus: „Das ist ein Katamaran und keine Schiffschaukel“. Das Ding fahre sicher und ruhig und ich solle mich doch bitte nicht so anstellen. Damit hat er zweifelsohne Recht, aber mir sind nun mal große Wasseransammlungen unheimlich. Vor allem, wenn ich mittendrin bin.

Wir buchen die Tour für kommenden Donnerstag.

Wir latschen zum Bootshafen Puerto Colón und sehen uns die FREEBIRD ONE an, den Katamaran, der uns zur Wal-Expedition bringen wird. Wobei „Expedition“ ja schon ein gar großes Wort ist für einen Halbtagesausflug. Egal. Hauptsache, die FREEBIRD bringt uns wieder sicher zurück.

Das Unternehmen, das die gesammelten Boote, Kats, Jet-Skis und all das Gerödel da unter sich hat, hat einen Stand am Bootshafen. Ich nehme einen Flyer über die Whale-Watching-Tour mit und lese alles gründlich durch. Angeblich passen 200 Leute auf den Kat, sie nehmen aber nur 100 mit, damit die auch alles was sehen können. Ob es auch ein Klo an Bord gibt? Schreiben tun sie nichts darüber …

Jetzt, nachdem ich Katamaran und Flyer gesehen habe, bin ich doch zuversichtlich, dass ich die „Expedition“ überleben werde. Lacht ihr nur, ihr Seebären und Wasserraten! Ich bin eben ein Landei und werde auch eins bleiben.

Zurück im Hotel habe ich den Pool für mich alleine. Selber schuld, ihr Leute, wenn ihr nicht schwimmen wollt. Und schön, dass niemand meine Bahnen kreuzt und ich nicht permanent um ältere Herren herumschwimmen muss, die stundenlang die ihnen am Halse hängende Gattin durch den Pool tragen. („Am Hals“, nicht „aus dem“!) Eine anscheinend beliebte Aktivität, die ich sicher nicht begreifen muss. Na ja, vielleicht bietet der Auftrieb im Wasser die letzte Möglichkeit, die Angetraute noch auf Händen tragen zu können. Versucht der Gatte dasselbe an Land, hängt er sich vermutlich das Kreuz aus. Ach ja, jünger, fitter und schlanker werden wir alle nicht …

Nach einem Stopp an der Poolbar verkrümle ich mich auf die Terrasse um eine Buchbesprechung zu schreiben. Ausgerechnet über den Roman „Weit übers Meer“. Wenn man mir das viele Wasser auf freundliche Distanz hält, finde ich es ja durchaus faszinierend.

Dienstag, 29.07.2008: Das Model am Meer
Aufgefallen ist mir das junge Paar vor uns im Supermarkt, weil es so freundlich und rücksichtsvoll die Tür aufhielt. Ich wäre spontan nicht drauf gekommen, dass es sich bei den beiden um ein Model und einen Fotografen handelt. Models in Zivil und ohne ganz großes Make Up sehen meist nicht sonderlich spektakulär aus, sondern lediglich „ganz nett“.

Als wir wenig später „beim Duque hinterm Haus“ eintreffen, sehen wir die beiden wieder. Bepackt mit mehreren großen Taschen und einer Fotoausrüstung klettern sie den Felsen hinunter und postieren sich am Meer. Nun ist die Dame nicht mehr in Shorts und Shirt, sie trägt eine enge, lange schwarze Hose, Ballettschuhe, ein knappes Top und eine schicke große Sonnenbrille. Eine Jacke nach der anderen kramt sie aus den großen Plastiktüten, zieht sie an und posiert gekonnt in der Sonne. Stehend, sitzend, liegend, wie der Fotograf es wünscht.

Manchmal wäre ich gern eingeschritten: „Moment mal! Der Kragen ist verwurschtelt! Und bei diesem Jackenmodell ist der Gag das Muster am Rücken. Bitte mal die Rückenansicht zeigen! – Sekunde: Gesicht glänzt, sollten wir nicht mal schnell drüberpudern?“ Gut, es ist nicht mein Katalog, also halte ich mich raus. Auf die Idee, auch mal das Stickereimotiv auf der Jackenrückseite zu fotografieren, kommt der Fotograf nach einer Weile auch von alleine.

Der Fotograf hat übrigens die gleiche Kamera wie Gerhard. „Semiprofessionell“ sei das Gerät, meint dieser. Fotograf und Model wissen aber genau, was sie tun.

Nach und nach sammeln sich viele neugierige Zuschauer, die ihre Handys oder Kameras zücken und ihrerseits das Fotoshooting fotografieren. Es ist ja auch immer wieder toll zu sehen, wie elegant Profis sich vor der Kamera bewegen können, während unsereiner wie ein hypnotisiertes Kaninchen in die Linse glotzt.

Das Ergebnis hätte ich gerne gesehen, den Prospekt, Katalog oder Internetauftritt, für den die Aufnahmen gemacht wurden. Aber vielleicht ist es da wie bei uns in der Firma: Die Entstehungsgeschichte eines solchen Produkts ist oft wesentlich spannender und unterhaltsamer als das Resultat. Ein Prospekt ist halt ein Prospekt, mehr oder weniger schön, mehr oder weniger erfolgreich. Die Konzeptions- und Gestaltungsphase ist allerdings manchmal abenteuerlich. Aber improvisierte Fotoshootings in der Kantine, der Tiefgarage, nachts heimlich im Vorraum einer Bank oder unter den staunenden Augen der Kollegen am Handwaschbecken im Firmenklo sind hier im Moment nicht das Thema, genauso wenig wie in Windeseile für Fotoaufnahmen handgestrickte Teddykleidung oder nachgenähte Textilien …

Irgendwann sind alle Jacken fotografiert, das Model und der Fotograf packen ihr Gedöns wieder ein und verlassen die Location. Die Neugierigen trollen sich, und auch wir ziehen weiter.

Später am Tag, auf dem Rückweg ins Hotel, machen wir einen kleinen Zwischenstopp im Straßencafe, das zu einem nahegelegenen Hotel gehört. Das, wenn wundert’s, „Grandhotel el Duque“ heißt. Vom Strand bis zum Supermarkt steht hier irgendwie alles im Zeichen des Duque. Was übrigens „Herzog“ heißt.

Mittwoch, 30.07.2008: Was mir im Alltag fehlen wird …
Was ich ganz sicher vermissen werde, wenn ich wieder zu Hause bin, ist das Nichtstun. Mal nicht einkaufen rennen zu müssen, nix erledigen, nicht putzen, waschen, bügeln, kein Bürokram – einfach nur rumhängen, dumm schauen, lesen oder ein paar Runden schwimmen, ohne den halben Hausrat einpacken und sich im Freibad des Nachbarorts eine handtuchgroße Liegefläche erkämpfen zu müssen. Hier kann ich im Bikini von der Terrasse aus zum Pool wetzen und nach ein paar Schwimmrunden wieder auf dem gleichen Weg zurückkehren, mich umziehen (ich hasse, wie gesagt, nasse Badeklamotten) und auf „meiner“ Terrasse in den Liegestuhl legen.

Der Tag verläuft unspektakulär, was er im Urlaub ja auch darf: Wir umklettern den Felsen des Duque, spazieren den Strand entlang und nach einer Pause an der Beachbar von Torviscas latschen wir wieder zurück. Nun, kurz vor Schluss, fangen wir uns doch noch einen ganz leichten Sonnenbrand ein. Man wird leichtsinnig mit der Zeit und denkt, man sei die Sonneneinstrahlung ja nun gewöhnt. Pustekuchen!

In der Lobbybar geben ein Opernsänger und ein Pianist einen Vorgeschmack auf das abendliche Unterhaltungsprogramm. Ein Pavarotti isser nicht, aber sicher nicht schlecht. Ich schau mich nach den kleinen Kindern um, die sich in Begleitung ihrer Eltern in der Lobby aufhalten. Werden die jetzt gleich zu brüllen anfangen, wenn der Sänger loslegt? Immerhin ist das ja recht laut, und ich glaube kaum, dass Kleinkinder an Operngesang gewöhnt sind.

Nein, es heult keines. Ein kleiner Blondschopf hüpft vor Begeisterung und wackelt auf den Sänger zu. Er kann gerade noch daran gehindert werden, sich bewundernd an dessen Hosenbeine zu klammern. Ein künftiger Opernfreund?

Für den Abend haben wir uns überreden lassen, mal das hoteleigene Grillrestaurant „La Caleta“ auszuprobieren. Es war nicht schlecht, aber mengenmäßig hat mich das überfordert. Suppe, Vorspeise, dann Ochsen-Entrecote mit Kartoffeln, Tomaten und frittierten Zwiebelringen sowie diversen Dips/Saucen, und dann noch zum Nachtisch Obstsalat – das hätte mir drei Tage gereicht. Ein Jammer, wenn man so viel zurückgehen lassen muss. Mit dem Abendessen vom Buffet bin ich da besser bedient, da kann mir gerade so viel oder so wenig auf den Teller packen, wie ich essen möchte.

Später am Abend bekommen wir erstmals Katzenbesuch in unserem Hotelzimmer. Ein junges getigertes Kätzchen quetscht sich durch den schmalen Spalt, den die Terrassentür offen steht, springt zielstrebig auf den nächst stehenden Stuhl und rollt sich dort auf dem Sitzkissen gemütlich ein. Uns ist es egal, wir sind so was gewöhnt, aber vom Hotel wird das sicher nicht gern gesehen, auch wenn das Tier gepflegt aussieht und nicht, als ob es Flöhe hätte. Nach ein paar Minuten geht Gerhard auf das Kätzchen zu, um es wieder ins Freie zu komplimentieren. Oder es behutsam nach draußen zu tragen, wenn das Tier das mit sich machen lässt. Dem Kätzchen ist es trotz beruhigender Worte unheimlich, dass so ein großer Mensch auf es zukommt, und es verschwindet freiwillig wieder durch den Türspalt hinaus auf die Terrasse.

Donnerstag, 31.07.2008: Auf Whale-Watching-Fahrt mit der „Freebird One“
So, nun ist es so weit, es gibt kein Entkommen: Ich muss aufs Schiff. Besser gesagt, auf den Katamaran FREEBIRD ONE, denn heute für heute ist die Whale-Watching-Tour angesagt. Der Bus holt uns vor dem Hotel ab und wir fahren zum Puerto Colón, wo die FREEBIRD ONE schon auf uns wartet. Im Gänsemarsch geht es an Bord und an allen Ecken und Enden werden die kleinen Mia-Sophies, Marie-Madeleines und Sven-Olivers von ihren Eltern lautstark ermahnt, nur ja nicht so wild herumzuturnen, damit sie nicht über Bord fallen. Was nicht viel nützt. Sie hampeln und klettern, turnen und hüpfen, was das Zeug hält. Auch wenn man die elterliche Sorge verstehen kann, die Kinder verstehe ich auch: Für die ist das Schiff ungleich interessanter als irgendwelche Meeresbewohner. Sollen sie doch turnen! Ins Wasser geplumpst ist zum Glück keines.

Die deutsche Meeresbiologin Imke greift zum Mikrophon und heißt uns willkommen. Wir fahren nun hinaus aufs Meer und suchen zwischen Teneriffa und La Gomera die Wale. Eine Garantie, dass wir welche sehen werden, kann sie natürlich nicht geben. Aber die Chancen stehen gut. Wir sollten auf schwarze Flossen und den Blas (die Wasserfontäne, die der Wal beim Atmen ausstößt) achten. Und vielleicht haben wir sogar das Glück und sehen Delfine – was vielleicht bei jeder dritten Ausfahrt klappt. Etwa 90 Tiere soll es entlang der Westküste geben.

Im Bereich der Kanarischen Inseln konnten 27 verschiedene Wal- und Delfinarten nachgewiesen werden. Dies sind erstaunlich viele Meeres-Säugetierarten im Vergleich zu anderen Gegenden. Einige Arten durchstreifen die Kanaren auf ihren Weg in andere Regionen, andere sind ortsansässig (Großer Tümmler, Pilotwal).

Delfine (Gemeiner Delfin, Großer Tümmler) sind auf dem Kanarischen Archipel häufig anzutreffen. Ihr Brutgebiet liegt zwischen Teneriffa und La Gomera. In Küstennähe schwimmen sie in kleinen Schwärmen von 10-50 Exemplaren. Auf hoher See können die Gruppen jedoch mehrere hundert Tiere groß sein.

Rund 250 bis 300 Indische Grindwale (= Pilotwale, Kurzflossen-Grindwale) leben dauerhaft in der Meerenge zwischen Teneriffa und La Gomera. Das sind etwa 30 Grindwal-Gruppen – und die wohl weltweit größte Population dieser Meeressäuger. Eigentlich ist es ungewöhnlich, sie hier anzutreffen, denn normalerweise bevorzugen sie kühlere Gewässer und ziehen bei der Nahrungssuche weit übers Meer. Doch im kalten Kanarenstrom fühlen sie sich wohl, das Wasser ist ruhig und es ist reichlich Nahrung vorhanden ist. Sie vertilgen täglich 50 bis 60 kg kleine Fische, doch ihre Lieblingsspeise sind große Kalamare. Um die zu erwischen, müssen sie bis zu 900 m tief tauchen. Sie machen Beute, tauchen damit auf und verzehren sie in Ruhe nahe der Oberfläche. Ein so ein Riesenkalmar bringt ca. 40 kg auf die Waage, der Tagesbedarf eines Grindwals liegt also bei einem bis zwei solcher Beutetiere.

Bis zu 15 Minuten kann ein Grindwal unter Wasser bleiben. Schon eine Leistung, in der Zeit 900 m tief zu tauchen, einen Kalmar zu fangen und wieder aufzutauchen! Bis zu 3 Tauchgänge pro Stunde hat man bei manchen Walen gemessen.

Grindwale tauchen vor allem abends und nachts, was am Lebensrhythmus ihrer Beute liegt. Kalmare jagen nachts und kommen dabei näher an die Oberfläche, der Wal muss also für seine Beute nicht ganz so tief tauchen.

Wer’s genau wissen will: Ordnung der Wale (Cetacea)
* Bartenwale (Mysticeti)
o Glattwale (Balaenidae)
o Zwergglattwale (Neobalaenidae)
o Grauwale (Eschrichtiidae)
o Furchenwale (Balaenopteridae)
* Zahnwale (Odontoceti)
o Pottwale (Physeteridae)
o Schnabelwale (Ziphiidae)
o Gangesdelfine (Platanistidae)
o Flussdelfine (Iniidae)
o Gründelwale (Monodontidae)
o Schweinswale (Phocoenidae)
o Delfine (Delphinidae)

Der Indische Grindwal gehört zur Unterordnung der Zahnwale (Odontoceti), zur Familie der Delfine (Delphinidae), zur Gattung der Grindwale (Globicephala). Seine Art nennt man Kurzflossen-Grindwal und sein wissenschaftlicher Name lautet Globicephala macrorhynchus. An ihrer stark gebogenen Rückenflosse sind sie leicht zu erkennen.

Männchen werden 6 – 8 m lang, bis zu 2,5 Tonnen schwer und rund 40 Jahre alt. Weibchen werden ca. 4 m lang und bis 60 Jahre alt. Das Weibchen erreicht die Geschlechtsreife nach 6 Jahren und ist etwa 15 – 16 Monate trächtig, ehe es ein Jungtier zur Welt bringt. Sie säugen ihre Kälber zwei bis fünf Jahre lang.

Die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit der Grindwale beträgt ca. 6 km/h, bei Gefahr können sie jedoch auch bis zu 45 km/h erreichen.

Sie orientieren sich akustisch, durch Echolokation. Das ist ein von den Fledermäusen bekanntes Prinzip, bei dem Schallwellen (im Fall der Wale: Klicklaute) ausgesendet, von der Umgebung reflektiert und wieder empfangen werden. Aus den reflektierten Schallwellen lässt sich dann ein recht präzises Bild der Umwelt machen.

Trotzdem haben sie Augen, die unter und über Wasser scharf sehen können. Die Tiere kommen ja ursprünglich vom Land. Im Lauf der Evolution haben sich ihre Augen dem Sehen im Wasser angepasst.

Wenn sie sich einen Überblick darüber verschaffen wollen, was über der Oberfläche los ist, können sie sich für einen Moment senkrecht stellen und aus dem Wasser schauen. Orcas machen das, Grindwale seltener – aber man kennt es von Delfinen, wo dieses Phänomen für Delfinschauen gerne genutzt wird.

Dadurch, dass die akustische Orientierung für die Wale so wichtig ist, sind sie auch empfindlich in Bezug auf Lärm. Man vermutet, dass der zunehmende Lärm ein Grund dafür ist, dass sich immer mehr Wale verirren und orientierungslos irgendwo stranden. Man versucht daher, beim Whale-Watching die Tiere möglichst wenig zu belästigen, indem man die Maschinen der Schiffe ausschaltet, sobald man in die Nähe einer Walgruppe kommt. Und ihnen auch nicht allzu lange und zu intensiv auf die Flossen rückt.

Nach all der theoretischen Betrachtung der Wale, ist es irgendwann auch praktisch so weit: Die ersten Flossen kamen in Sicht! Ein vielstimmiges „Aaaah!“ und „Oooh“ geht durch die Menge, als die Wale links und rechts vom Katamaran auftauchen. Mal einzeln, mal zu zweit, mal eine Mutter mit Kalb. Es sind halt wirklich Tiere, die man sonst nur im Fernsehen sieht. Insbesondere für Landeier wie uns ein ganz besonderes Erlebnis.

Wohl nicht für alle. Ein Teenie-Girl sitzt auf auf der Aussichtsplattform am Bug. Als die Wale zum Greifen nahe an uns vorbeischwimmen, hat sie praktisch einen Logenplatz. Doch statt auch nur einen Blick an die imposanten Meeressäuger zu verschwenden, tippt sie eifrig SMSse. Ich glaub’, wenn ich das zu meiner Teeniezeit gewesen wäre, mein Vater hätte das Handy ins Meer geschmissen. Nicht, dass ich das als erstrebenswerte Erziehungsmaßnahme ansehe …

Die Passagiere rennen mit ihren Kameras von Backbord nach Steuerbord und wieder zurück, je nachdem, wo sich das interessantere Schauspiel bietet. Mit den Digitalkameras kann man ja heute ohne Rücksicht auf Verluste Fotos machen und das, was nix taugt, kostenneutral löschen. Manch einer wird erst daheim am Computer gesehen haben, was er auf der Fahrt erlebt hat.

Irgendwann kommt auch die Frage auf, die sich mein Vater schon vor Jahrzehnten gestellt hat: Wie schläft eigentlich ein Meeressäuger? Er kann ja nicht gänzlich geistig wegtreten, er muss ja immer noch auf- und abtauchen. Und ein bisschen aufpassen, wo er hinschwimmt. Des Rätsels Lösung, die zu finden wir damals auch lange gebraucht haben: In der Erholungsphase der Wale schläft immer nur eine Gehirnhälfte, die andere bleibt wach. Nach einer Weile wechseln sie sich ab. Das Gehirn erholt sich sozusagen in Wechselschicht.

Woher man das weiß? Man hat es an Delfinen im Delfinarium untersucht und nimmt an, dass es sich bei den Walen genauso verhält.

Gelbschnabel-Sturmtaucher
Die Vögel, die wir hinter dem Hotel nächtens schreien hören, sehen wir beim Whale Watching endlich auch mal: Die Gelbschnabel-Sturmtaucher. Sie dümpeln in einer kleinen Gruppe auf den Wellen und ruhen sich aus. So aus der Ferne hätten wir sie für Möwen gehalten, eine gewisse Ähnlichkeit besteht auch, aber verwandt sind die Gelbschnabel-Sturmtaucher mit den Albatrossen.

Der Gelbschnabel-Sturmtaucher (Calonectis domeda) ist eine Vogelart aus der Ordnung der Röhrennasen. Er wird bis zu 50 cm lang und erreicht eine Spannweite von 115 cm. Sein Gefieder an der Oberseite ist grau-braun, an der Unterseite ist er weiß. Der Schnabel ist schmutzig-gelb mit einem grauen Fleck an der Spitze.

Gelbschnabel-Sturmtaucher sind Zugvögel. Im Frühjahr nisten sie an den Klippen im Mittelmeer und Nordatlantik, ab Oktober ziehen sie zum Überwintern an die Küsten Nordamerikas oder Afrikas. Der Vogel ist hervorragend an küstennahes Leben angepasst. Ernährung, Rast und Paarung finden auf dem offenen Meer statt, wo sich der Vogel auch schwimmend im Wasser erholt. Nur zum Nisten kommen sie im Mai an Land. Sie graben eine bis zu 2 m tiefe Nisthöhle oder legen ihr einziges, weißes Ei direkt auf die Klippen. Das Ei wird von beiden Eltern insgesamt 55 Tag lang bebrütet. Die Jungtiere sind im September flügge und ziehen im Oktober mit ihren Eltern in wärmere Gefilde. Ein Gelbschnabel-Sturmtaucher-Paar bleibt ein Leben lang zusammen.

Wie alle Röhrennasen ernährt sich auch diese Sturmtaucherart von kleinen Fischen, Tintenfischen und sogar Abfall.

Die Sturmtaucher sind hervorragende Flugakrobaten, die direkt über der Meeresoberfläche fliegen. Di Sturmtaucher segeln mit dem Auftrieb und bewegen dabei kaum die Flügel. Vom Wasser aus starten sie, indem sie kurz auf der Wasseroberfläche laufen.

Bei Wikipedia steht: „Die Rufe der Gelbschnabel-Sturmtaucher kann man in den frühen Abendstunden und am Morgen hören. Sie klingen jammernd oder krächzend.“ In der Tat, das tun sie! Die Vögel schaffen sogar beide Varianten gleichzeitig.

Gegen 11:30 Uhr wird eine Mittags- und Badepause gemacht. Ein Buffett mit Chickenwings, Brötchen und Salat wird aufgebaut, Getränke gibt’s an der Bar. Und wer möchte, kann am Heck des Katamarans ins Wasser gehen und schwimmen. Nur allzu weit von der FREEBIRD ONE entfernen sollte er sich nicht, nicht unter dem Schiff durchtauchen und auch nicht seitlich davon herumschwimmen.

Ich hab zwar auch meine Badesachen dabei, aber das ist mir denn doch zu viel Gedöns. Überall liegen Schuhe, Taschen, Badtücher und Kleiderhaufen. Die Kinder drängeln Richtung Heck. Nein, ich mag kein Gewusel. Ich schau den Leuten beim Schwimmen zu, betrachte die steilen Felsen am Ufer, und sehe nach einer Weile einen Mann mit Hund dort herumsteigen. Da ist doch weit und breit nichts? Was haben die nur vor? Als ich die Felsen näher in Augenschein nehme, sehe ich weiter oben Höhlen. Tücher und Sonnensegel sind davor gespannt, Gerümpel lagert davor, Treppen sind in den Fels gehauen. Kein Zweifel: Die Höhlen sind bewohnt! Nein, für so ein unkomfortables Aussteigerleben wäre ich nicht geeignet. Oder, sagen wir so: ich würde mich nicht drum reißen.

Während ich mir vorzustellen versuche, was es für einen zivilisationsverwöhnten bedeutet, auf einmal ohne Strom und Wasser irgendwo am Ende der Welt zu hausen, geht die Badepause zu Ende und die FREEBIRD ONE bewegt sich wieder in Richtung Puerto Colón.

Gegen 12:30 Uhr sind wir wieder im „Heimathafen“ und suchen den Bus Nummer 2, der uns zurück zu den Hotels bringen soll. Auf den müssten wir achten und ja in keinen anderen einsteigen, so hatte man uns auf der Hinfahrt eingeschärft. Nach allgemeinem ratlosen Durcheinander und der Erkenntnis, dass Bus 2 vollbesetzt in eine ganz andere Richtung abgedampft ist, stellt sich heraus, dass sich die Planung geändert hat und wir nun in Bus 1 einsteigen sollen. Okay, machen wir alles. Man muss es uns nur sagen.

Gegen 13:00 Uhr sind wir zurück im Hotel.

Viel haben wir nach dem erlebnisreichen Vormittag nicht mehr vor. Das Zimmer wollte ich noch fotografieren, nachdem die Zimmermädchen es ordentlich gerichtet und bevor wie es wieder mit unserem herumliegenden Kram verwüstet haben. Und in den Internetraum will ich auch endlich mal um nach meinen zwölfhundertdreiunddrölfzig aufgelaufenen E-Mails zu sehen.

Nach dem Abendessen treffen wir draußen an der Bar Uwe und Susanne wieder, mit denen wir uns auf der Freebird One so nett unterhalten hatten. Als wir uns auf dem Schiff begegnet sind, hatten wir keine Ahnung, dass wir im selben Hotel wohnen. Aus irgendeinem Grund sind wir uns vorher nie über den Weg gelaufen.

Freitag, 01.08.2008: Rückreise-Vorbereitungen
Der letzte volle Urlaubstag steht, wie meistens, schon im Zeichen des Aufbruchs. Wir kaufen die letzten (verzehrbaren) Reisemitbringseln ein, setzen uns auf dem Rückweg ein letztes Mal ins Café Hacienda das zum Grand Hotel El Duque gehört, und gucken nach dem Meer und nach den Leuten. Die übliche Urlauberroutine läuft ab, nur dass wir am Abend schon alles, was nicht mehr gebraucht wird, in die Koffer packen. Dann geht es morgen umso schneller.

Packt man für die Heimfahrt, fällt zwar der Entscheidungsprozess weg, den man beim Packen für die Anreise hatte („Was nehme ich mit?“), und auf knitterfreies Packen muss man auch nicht mehr achten, weil daheim sowieso alles in die Wäsche kommt, dafür hat man das Problem, wie man all das Gedöns, das man auf Reisen erworben hat, auch noch in den Koffer bringt. Aber wir mchen das ja nicht zum ersten mal und sind dieser Herausforderung gewachsen.

Samstag, 02.08.2008: Heimreise mit obligatorischer Verspätung
Gegen 7:30 Uhr wache ich auf. Für mich als Frühaufsteher ist das schon „mitten am Tag“. Oft geistere ich auch im Urlaub schon um 6 Uhr in der Früh herum. Wir packen unsere restlichen Klamotten in die Koffer und müssen dabei Gerhards blaue Shorts vergessen haben. Am Vorabend hatte er sie noch an, daheim beim Kofferauspacken waren sie nicht mehr da. Was mir bis heute ein Rätsel ist, weil wir doch geradezu zwanghaft x-mal alle Schrankfächer und Schubladen kontrollieren, ehe wir abreisen. Vielleicht haben wir versehentlich eine der gefühlten drölfzig Bettdeckenschichten auf die Shorts fallen lassen und sie so übersehen. Nun ja, Schwund ist immer.

Gegen 10 Uhr checken wir aus, und nun heißt es herumhängen und warten bis 14:40 Uhr. Wir machen eine letzte „Fotosession“ auf dem Hotelgelände, setzen uns noch kurz an die Poolbar, und als es höchste Eisenbahn wird, zum Bus zu gehen, der uns zum Flughafen bringen wird, kommt das Barpersonal noch auf die nette Idee, uns ein Getränk auszugeben. Bei uns verkommt nix, und so trinken wir halt ein bisschen schneller als sonst. Wir wollen ja nicht den Transfer zum Heimflug verpassen. Mit Verspätungen beim Abholen ist zwar zu rechnen, verlassen kann man sich aber nicht auf sie. Dieser Bus zum Flughafen jedenfalls ist ziemlich pünktlich. Dafür erfahren wir gleich beim Check-in, dass der Flug 50 Minuten Verspätung haben wird. Na, klasse! Darauf ist Verlass. Sind wir jemals pünktlich heimgeflogen? Nicht von den Kanaren. Und auch sonst eher selten.

Wieder einmal wünsche ich mir, man könnte sich in Sekundenschnelle von A nach B beamen lassen, statt 13 Stunden zu warten, bis man am Ziel ist: erst im Hotel, dann am Flughafen, im Flieger selbst – und schließlich am Zielflughafen, bis endlich das Gepäck kommt.

Nach wechselnden und widersprüchlichen Angaben auf der Anzeigentafel sind wir wenigstens endlich am richtigen Gate in Wartestellung gegangen. Rumsitzen ist nicht so unser Ding. Außerdem machen wir das heute schon den ganzen Tag. Angeblich soll es am Flughafen eine Aussichtsterrasse geben, aber entweder ist das ein Gerücht, oder wir sind zu doof, den richtigen Ausgang zu finden. Wir irren ein wenig herum und geben dann auf.

Die angegebene Boarding-Zeit kommt und verstreicht. Das Flugzeug, in das wir einsteigen sollen, ist noch nicht einmal gelandet. Irgendwann kommt es dann, wird eilig – aber hoffentlich gründlich – geprüft, versorgt und wieder startklar gemacht. Und um 18:15 Uhr Ortszeit heben wir ab, eine Stunde und 25 Minuten später als geplant. Die Landung ist für 23:10 Uhr Ortszeit avisiert, so dass wir durch eine kürzere Flugzeit tatsächlich nur 50 Minuten verbaselt haben. Ich weiß, das ist eigentlich garnix, und ich verstehe auch, dass das alles seine Gründe hat, aber die Warterei nervt mich trotzdem jedes Mal aufs Neue, auch nach +- 60 Flügen noch.

Als wir an der Gepäckausgabe des Stuttgarter Flughafens ankommen, türmt sich an der Seite schon eine unüberschaubare Menge an nicht abgeholtem Gepäck. Gepäck, das sich verflogen hat, nehmen wir an. Das lässt auf Chaos größeren Ausmaßes schließen, und wir hoffen, dass unser Gepäck in Stuttgart gelandet ist und nicht in London, Hamburg oder Berlin.

Erst kommt lange Zeit gar kein Koffer. Es kreisen immer nur dieselben Gepäckstücke auf dem Band, deswegen niemand herunterhebt, weil der Besitzer des Gepäckstücks nicht in Stuttgart darauf wartet, sondern in London, Hamburg oder Berlin. An den Klebestreifen, die sie den Gepäckstücken beim Check-in verpassen, kann man das sehen.

Mehrere hundert Leute drängen sich um das Gepäckband. Der Bildschirm verkündet, dass an diesem das Gepäck von zwei Flügen abgefertigt wird. Gleichzeitig. Die Leute stehen einander beim Ausschauhalten nach ihren Koffern gegenseitig im Weg und die Stimmung wird immer gereizter.

Gerhards auffallender grüner Trolley mit den Katzenkratzern kommt relativ schnell. Auf meinen müssen wir deutlich länger warten. Mich packt schon wieder die vertraute Panik: Haben sie ihn etwa unterwegs verschlampt? Nach einer Weile kommt schließlich auch mein schwarzer Trolley an, am goldenen Schriftzug auf der Vorderseite zum Glück schon von weitem zu erkennen und unverwechselbar.

Endlich können wir in Richtung Ausgang streben und uns ein Taxi nach Hause nehmen! Um halb eins in der Nacht kommen wir zu Hause an. Ich bin todmüde, fange aber trotzdem noch an, die Koffer auszupacken, die Schmutzwäsche zu sortieren und die Waschmaschine zu befüllen. Wir freuen uns, dass wir wieder daheim sind, unsere Katern freuen sich auch und wälzen sich mit Begeisterung in den Schmutzwäschebergen. Na, wenigstens sie haben Freude an der großen Wäsche! Für mich bedeutet sie eher die „zweite Landung“ bei meiner Rückkehr: die in meinem Alltag.

Nachtrag:
Wir haben Tage damit verbracht, die Fotos zu sortieren und allen, denen wir bestimmte Bildmotive versprochen hatten, diese per Mail oder CD zuzuschicken. Auch das Hotelpersonal und die Künstler, die regelmäßig abends im Hotel auftraten, bekamen ihre CD. Nett fanden wir, dass der Hoteldirektor sich bei uns telefonisch für die Bilder bedankt hat.

Bei diesem Bildaustausch erfuhren wir auch, dass wir es in Sachen Verspätung beim Heimflug noch super erwischt hatten. Andere Mitreisende wurden erst zum Flughafen gekarrt, nach stundenlanger Wartezeit wieder nach Costa Adeje zurückgebracht, in dem uns benachbarten Hotel zum Abendessen eingeladen und dann erneut zum Flughafen gefahren. Anstatt gegen Mitternacht, wie vorgesehen, waren sie anderntags am späten Vormittag daheim. Ja, das Fliegen geht schon schnell. Nur das Warten halt nicht …



Cynthia Harrod-Eagles: Der Tote auf der Schaukel – Kriminalroman
September 16, 2008, 7:41 am
Filed under: Bücher

Cynthia Harrod-Eagles: Der Tote auf der Schaukel, Originaltitel: Gone Tomorrow, aus dem Englischen von Susanne Aeckerle, München 2008, dtv, Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 9.78-3-423-21077-5, Taschenbuch, 413 Seiten, Format 12 x 19 x 2,8 cm, Euro 8,95 [D] 9,20 [A] sFr 15,90.

Auf einem Spielplatz in Sheperd’s Bush wird ein Toter gefunden, ein junger Man, teuer gekleidet, ohne Papiere – aber mit mehr als 1.000 Pfund Bargeld in der Tasche. Jemand hat ihm einen Stich mitten ins Herz versetzt und ihn dann auf einer Kinderschaukel drapiert. „Sieht aus wie einer von den exklusiveren Rausschmeißern“, findet Detective Sergeant Hollis.

Der Parkwächter, der den Toten gefunden hat, hat den Mann nie zuvor gesehen. Sagt er. Die Fingerabdrücke des Ermordeten sind auch nicht in der Datenbank, also scheint er keine Vorstrafen zu haben. Wer ist er?

Das Auffälligste an dem jungen Mann ist seine ungewöhnliche Lederjacke. Woher stammt sie? Aus dem Ausland? Polizist Atherton klammert sich an jeden Strohhalm und zeigt die Jacke seinem Schneider, der mit Kennerblick aufs Etikett feststellt, dass das edle Stück aus den USA kommt und nie für den Export bestimmt war. Ist der Mann Amerikaner? Und war er vielleicht kurz vor seinem Ableben in eine Kneipenschlägerei im „Phoenix“ verwickelt? Der zeitliche Ablauf würde passen, und auch seine Verletzungen sprechen dafür. Doch Kneipenwirt Sonny Collins kann nicht mit Sicherheit sagen, ob der Mann an der Auseinandersetzung beteiligt war. Von dem anderen Prügelknaben, einem gelegentlichen Gast, kennt er immerhin den Vornamen: Eddie.

Wenn Eddie sich mit dem Unbekannten geprügelt hat, hat er ihn vielleicht auch erstochen. Und wenn nicht, weiß er hoffentlich wenigstens, wer der Mann ist.

Eine Spur gibt es zum Glück schon: Im Zockermilieu kennt man den Toten als den „glücklosen Lenny“ und man weiß, dass er mit einer Prostituierten namens Teena zusammen gelebt hat. Nachname? Adresse? Fehlanzeige! Das ist in diesem Milieu entbehrlich. Detective Inspector Bill Slider und seine Kollegen ahnen, dass ein hartes Stück Arbeit vor ihnen liegt. Wie soll man herausfinden, wer den Mann auf der Schaukel umgebracht hat, wenn man nicht einmal weiß, wer er ist? Und wenn man in einem Umfeld ermitteln muss, in dem niemand darauf erpicht ist, mit der Polizei zusammen zu arbeiten.

DI Slider, derzeit Strohwitwer, weil seine Lebensgefährtin Joana im Ausland arbeitet, riskiert einen Schuss ins Blaue und bittet die Prostituierte Nichola um ein paar Informationen. Viel weiß sie nicht. Aber sie kennt den prügelnden Eddie, sogar mit Nachnamen: Eddie Cranston. Und sie kennt zumindest eine der Frauen, denen er einen Teil ihrer Sozialhilfe abschwatzt: Karen Peacock. Karen ist nicht die einzige Frau, von der Eddie sich aushalten lässt, und die Damen sind auch nicht eine einzige Einnahmequelle, doch das ist alles, was Nichola darüber sagen kann. Immerhin!

Eddie Cranston hat ein Vorstrafenregister – und eine Adresse, unter der er nicht zu erreichen ist. Dass er eine weitere Freundin namens Carol Ann hat, erfährt die Polizei von Karen Peacock. Auch vom „glücklosen Lenny“ hat Karen schon gehört, doch seinen Nachnamen kennt auch sie nicht.

In diesem Stil geht es weiter: Winzige Informationskrümel aus der Halb- und Unterwelt führen erst zu Eddie Cranston – der nur die Prügelei mit Lenny zugibt, mit dessen Tod aber nichts zu tun haben will – und schließlich zu Lenny selbst. Der Buchmacher Herbie Weedon gibt der Polizei überraschend Auskunft: Er hatte Lenny Baxter auf seiner Lohnliste. Nun hat der Tote eine Namen und eine Adresse – und eine spurlos verschwundene Freundin, die offenbar in fliegender Hast die gemeinsame Wohnung verlassen hat. Ist Teena in Gefahr, weil sie zu viel weiß?

Der Kleinganove Billy Cheeseman bittet DI Slider um ein Treffen und bringt den zwielichtigen Geldeintreiber Everet Boston mit. Boston hat nicht nur Informationen über Lenny Baxter, er macht sich auch große Sorgen um seine Cousine Teena, Baxters verschwundene Lebensgefährtin.

Wie es aussieht, haben Everet Boston und Lenny Baxter für ein und denselben Boss gearbeitet, und Lenny hat nebenbei noch Geschäfte auf eigene Rechnung gemacht. Dabei ist er allerdings nicht halb so gerissen vorgegangen, wie er gedacht hat. War Lennys Tod also eine Hinrichtung? Wer der gemeinsame Boss ist, darüber schweigt Boston sich aus, zu groß ist seine Angst. Oder erzählt er dem Beamten hier einen vom Pferd?

Auch ein wohlbekannter Name fällt im Zusammenhang mit dem ominösen Boss: Sonny Collins, der Wirt des „Phoenix“, soll ebenfalls für ihn arbeiten. Als die Polizei Collins vorlädt, kommt er in Begleitung eines berühmten Anwalts, den er sich von seinem Einkommen als Kneipenwirt nie im Leben leisten könnte. Eine mögliche Erklärung wäre: Der Boss hat für ihn bezahlt.

So langsam glaubt auch die Polizei an die Existenz des „Big Boss“ – spätestens als der redselige Buchmacher Herbie Weedon ermordet aufgefunden wird. Hat der Boss ihn beseitigen lassen, weil er die Polizei auf die Spur von Lenny Baxter geführt hat?

Die Ermittlungen geraten in eine Sackgasse. Da meldet sich ein amerikanischer TV-Journalist, der Lenny Baxter gekannt hat. Er war es, der ihm die amerikanische Lederjacke verkauft hat – und noch drei weitere derselben Marke. Da seine Geschäfte mit Baxter allesamt nicht ganz koscher waren, hat er so lange gezögert, sich bei der Polizei zu melden. Jetzt ergibt auch die Beobachtung einen Sinn, die Athertons Schneider gemacht haben will: Der Fahrer eines seiner Kunden, des vermögenden Geschäftsmanns Trevor Bates, trägt genau die gleiche Jacke wie das Mordopfer.

Bates ist aalglatt und behauptet, seinem Fahrer die Jacke selbst aus den USA mitgebracht zu haben. Die Polizei glaubt ihm nicht. Bates’ Butler sieht eher wie ein Bodyguard aus. Und womit der Geschäftsmann sein Vermögen gemacht hat, ist auch nicht so ganz klar. Was weiß man zum Beispiel über seine Zeit in Hongkong? Ist Bates vielleicht der Big Boss?

Es hat zumindest den Anschein, als kämen die Ermittlungsarbeiten der Polizei dem unbekannten Boss gefährlich nahe, denn Herbie Weedon ist nicht der letzte Tote in diesem Fall. Wer redet oder auch nur zu viel weiß, wird liquidiert. Der Boss scheint nervös zu werden.

Je dichter die Polizisten dem geheimnisvollen Boss auf den Pelz rücken, desto spannender und dramatischer wird die Geschichte. Wenn dann am Ende alle Informationskrümelchen, die die Ermittler zusammengetragen haben, am richtigen Platz sitzen, ergibt sich ein überraschendes Bild …

Akribische Ermittlungen, winzige Fortschrittchen, Kollegengezicke und Machtkämpfe im Polizeirevier, jede Menge Nebenfiguren, private Probleme der Polizisten, Zeugen und Verdächtigen – diese realitätsnahen, sehr britischen Kriminalromane mit ihren filigran verästelten Handlungssträngen muss man schon mögen, um sich für den Toten auf der Schaukel begeistern zu können. Wer unbedingt Action braucht, dem wird es vermutlich zu lange dauern, bis die raffiniert konstruierte Geschichte zu ihrer verblüffenden Auflösung kommt. Wer sich auf die Story einlässt, wird mit intelligenter Krimi-Unterhaltung belohnt, bei der man nicht schon auf Seite 7 ahnt, wer der Mörder ist.

Manchmal allerdings lenkt die manirierte Sprache vom Geschehen ab. Mehrseitige Befragungen in indirekter Rede lesen sich recht befremdlich, unnatürlich und umständlich und tragen nicht unbedingt zu Tempo und Spannung bei: „Und er habe sich nie ein anderes Mädchen kommen lassen? Auch Sassy nicht? – Nein, Gott sei Dank. Er möge keine großen Mädchen, habe Susie gesagt. Er wolle nur Susie. Zuerst habe sie nicht erzählt, worauf er stand, aber über die Monate hätten sie mitbekommen, dass sich Susie nicht auf die Besuche freute. Sie wäre dann still und irgendwie deprimiert geworden, wenn sich der Tag näherte (…)“ (S. 362)

Auch die Polizisten reden manchmal so merkwürdig papieren und geschwollen daher: „Wenn du aus frevelhaften Gründen in den Park einbrechen würdest, kämst du dann auf die Idee, das Vorhängeschloss und die Kette mitzunehmen? Oder würdest du sie, nachdem du sie durchgeschnitten hast, einfach liegen lassen?“ (S. 25) Das klingt mehr nach Bühne als nach Polizeirevier. Oder sind die britischen Polizisten um so vieles vornehmer als ihre deutschen Kollegen?

Unübersetzbare Wortspiele sind ein Schicksal übersetzter Bücher. Warum sich die Polizisten an einer Stelle so über den Namen „Bates“ amüsieren, erschließt sich erst, wenn man auf Englisch um die Ecke denken kann – oder wenn man eine Internet-Suchmaschine befragt. Schon lästig, wenn man über einen nicht verstandenen Witz nachgrübelt, nach eventuell überlesenen Hinweisen sucht und sich dadurch aus der Handlung reißen lässt.

Sieht man von den etwas schrulligen Sprachmarotten ab, hat man einen clever konstruierten Kriminalroman mit überraschenden Wendungen und einer sich ständig steigernden Spannung. Kurz gesagt: gute Unterhaltung.

Die Autorin:
Cynthia Harrod-Eagles wurde am Schauplatz ihrer Bill-Slider-Krimis in Sheperd’s Bush im Westen von London geboren. Sie studierte Englisch, Geschichte und Philosophie. Ihren ersten, mit dem Young Writers Award ausgezeichneten Roman schrieb sie 1972. Berühmt wurde sie mit ihrer Morland-Saga. Die Autorin lebt in London mit ihrem Mann und drei Kindern.



Dörthe Binkert: Weit übers Meer – Roman
September 15, 2008, 7:20 am
Filed under: Bücher

Dörthe Binkert: Weit übers Meer – Roman, München 2008, dtv Deutscher Taschenbuch-Verlag, ISBN 978-3-423-24693-4, 235 Seiten, Softcover, Format: 13,5 x 21 x 2,6 cm, EUR 14,90 (Deutschland), EUR 15,40 (Österreich), sFr 25,80 (Schweiz)

„Frau überquert Ozean auf einem Dampfer – in einer Abendrobe ohne ein weiteres Kleid“ stand am 3. August 1904 in der New York Times. Diese Meldung, die damals um die Welt ging, ist der wahre Kern des vorliegenden Romans. Die rätselhafte Dame in Weiß wurde auf dem Ozeandampfer „Kroonland“ entdeckt, der von Antwerpen nach New York fuhr. Sie war ohne Papiere, ohne Geld und ohne Gepäck unterwegs, obwohl sie über ein regelmäßiges Einkommen verfügte. Wie und warum sie an Bord gegangen war, hat man nie erfahren. Diese 100 Jahre alte Pressemeldung faszinierte die Schriftstellerin Dörthe Binkert, und sie beschloss, der geheimnisvollen Reisenden eine Geschichte zu geben.

Sonntag, 24. Juli 1904. Der Ozeandampfer „Kroonland“ hat soeben Dover passiert, nun geht es ohne weiteren Halt bis nach New York. Da verlangt eine junge, attraktive und vornehme Dame im sündteuren weißen Seiden-Abendkleid den Kapitän zu sprechen. Sie stellt sich als Valentina Meyer vor und gesteht dem verdutzten Kapitän, in Antwerpen als blinde Passagierin an Bord gegangen zu sein. Sie habe kein Gepäck und keinen Pfennig Geld dabei, sei aber von Haus aus vermögend und würde selbstverständlich im Nachhinein die Überfahrt bezahlen. Und sie gibt ihm ihre wertvollen Diamantohrringe als Pfand.

Nicht ganz ohne Hintergedanken sichert ihr der Kapitän zu, die Angelegenheit diskret zu regeln und ihr für die Dauer der Überfahrt eine Erste-Klasse-Kabine zur Verfügung zu stellen. Da die Kleiderordnung an Bord es verbietet, sich tagsüber in Abendgarderobe zu zeigen, kann Valentina ihre Kabine nur am Abend verlassen.

Diskretion hin, „Hausarrest“ her – die Nachricht von der schönen blinden Passagierin verbreitet sich wie ein Lauffeuer an Bord. Ist sie tatsächlich eine gesuchte Juwelendiebin, wie gemunkelt wird? Oder eine Kurtisane? Oder ist es doch eher so, wie das blutjunge Schiffszimmermädchen Lotte vermutet: dass die vornehme Dame von ihrem bisherigen Leben davongelaufen ist.

Die Tatsache, dass hier jemand ganz spontan sein bisheriges Leben hinter sich gelassen hat, aus welchem Grund auch immer, bringt so manch einen der Passagiere ins Grübeln. Ist so ein deutlicher Schlussstrich, so skandalös er auch sein mag, nicht ein ehrlicher Befreiungsschlag, eine mutige Tat? Mutiger auf jeden Fall, als sich mit einer trost- und hoffnungslosen Situation zu arrangieren und still zu leiden, nur weil die Konvention es so fordert. Und: Hätte man selbst den Mut zu so einer radikalen Veränderung?

Das Klima an Bord so eines Ozeandampfers begünstigt derlei Gedankengänge: „Hier aber, auf dem Ozean (…) herrschte bei aller Ordnung, die die Mannschaft aufrechterhielt, ein Ausnahmezustand, den niemand ausgerufen hatte und den doch jeder spürte. Als sei es den Menschen bewusst, das sie mit diesem Schiff untergehen könnten, sehnten sie sich mehr denn je nach dem Leben. Ihre Zweifel, Ängste und Sehnsüchte traten deutlicher hervor als an Land.“(Seite 163)

Und so hinterfragen die Menschen an Bord ihr bisheriges Leben, werden sich ihrer Wünsche, ihrer Unfreiheit und ihrer Sehnsüchte bewusst.

Da ist Maria Vanstraaten, Mutter dreier Kinder, verheiratet mit einem lieblosen, grausamen Mann. Als sie über das Schicksal der blinden Passagierin nachdenkt, wird ihr auf einmal klar, wie unglücklich sie selbst ist. Valentina Meyer hat alle Bürden abgeworfen und ist frei. Sie kann sie selbst sein. Maria Vanstraaten wagt das nicht. Ihr ist bewusst, dass man die Freiheit teuer bezahlen muss, mit allem, was einem lieb und wert ist. In ihrem Fall wären es die Kinder. Und dieser Preis ist ihr zu hoch.

Und Monsieur Vanstraaten? Ein desillusionierter, strenger, ja brutaler Mann, der früh seine eigenen Träume begraben musste und nun alle Wünsche und Pläne aus seinen Kindern herausprügelt, um sie nur ja zu pflichtbewussten, charakterstarken Menschen zu erziehen. Die schöne Valentina Meyer erinnert ihn für einen Augenblick an seine alten, längst verlorenen Träume von der Liebe: „Ein wehmütiger Moment. Aber damit muss man leben. Die Träume gehören heute der Technik, der Wissenschaft. Der Zukunft. Das menschliche Glück ist nur eine zufällige Erscheinung, eine Illusion, und das Streben danach ist nur eine Eingebung unserer Schwäche.“ (Seite 145)

Da ist das belgische Fabrikanten-Ehepaar Borg, gefangen in einer lieb- und kinderlosen Ehe, einer Zweckgemeinschaft, die ihren Zweck nicht erfüllt hat und im Grunde auch längst keine Gemeinschaft mehr ist, sondern allenfalls ein schweigendes gemeinsames Bewohnen derselben Räumlichkeiten.

Henriette Borg ist zutiefst beunruhigt über Frauen wie Valentina Meyer, „die aus der normalen Ordnung fallen“ und einfach tun, was sie wollen. Und ihrem Mann, Willem Borg, wird angesichts der attraktiven Valentina plötzlich bewusst, „dass ich nicht mehr wirklich lebe, vielleicht nie gelebt habe, dass ich mein Leben nur verwalte, bis es eines Tages zu Ende sein wird.“ (Seite 38)

Wenn allein der Anblick der blinden Passagierin solche Gedanken und Gefühlsaufwallungen auslöst, wie ergeht es dann erst denen, die mit ihr persönlichen Kontakt haben?

Da wäre ihr Kabinennachbar Henri Sauvignac, ein Bildhauer aus Antwerpen, der auf dem Weg zur Weltausstellung nach St. Louis ist, wo ein paar seiner Werke ausgestellt werden. Er vermisst seine Geliebte, die Kunststudentin Lisette, die ihn verlassen hat, nachdem er sich geweigert hatte, sie zu heiraten. An Bord beginnt er eine Affaire mit Billie Henderson, einer etwas naiven Verkäuferin aus Philadelphia, die mit einem weiteren Mitreisenden liiert ist, dem verheirateten Geschäftsmann William Brown.

Henri Sauvignac hat das Leben immer genommen wie es kam und sich nie viele Gedanken über die Zukunft gemacht. In Valentinas Lebensgeschichte, die er so nach und nach von ihr erfährt, entdeckt er eine erschreckende Parallele zu seinem eigenen Leben. Und nun weiß er, was er zu tun hat …

Den bei weitem stärksten Einfluss hat Valentina Meyers Anwesenheit auf das Leben des amerikanischen Geologen Thomas Witherspoon und das seiner etwas altjüngferlichen Schwester Victoria, mit der er gemeinsam reist. Victoria hat nach dem Unfalltod ihrer Mutter ihren zehn Jahre jüngeren Bruder großgezogen und versucht seither, ihn vor allen Gefahren zu beschützen. Auch vor denen, die die Liebe und ein eigenständiges Leben mit sich bringen.

Eines jedoch kann Victoria nicht verhindern: dass Thomas und Valentina sich auf den ersten Blick ineinander verlieben. Wären wir auf dem „Traumschiff“, kämen nun die Geigen das Happy End. Aber diese Geschichte hier ist ungleich näher am Leben. Valentina ist nicht frei, sie ist, wenn auch unglücklich, verheiratet. Thomas ist in gewisser Weise auch nicht frei. Er fühlt sich seiner Schwester verpflichtet, die ihm das Leben gerettet und seinetwegen auf eine eigene Familie verzichtet hat. Thomas ist zu ihrem Lebensinhalt geworden, und er wagt nicht, sie im Stich zu lassen. Jetzt hat er ein ernsthaftes Problem, denn in Valentina hat er die Frau gefunden, mit gegen alle Widerstände sein Leben verbringen will.

Zwischen den Geschwistern Witherspoon kommt es erstmals in ihrem Leben zu einem heftigen Streit. Es fallen deutliche Worte – mit dramatischen Folgen.

Wird es Valentina und Thomas gelingen, in den USA gemeinsam ein neues Leben anzufangen? Wird Victoria Witherspoon lernen, ihren Bruder loszulassen und ihr eigenes Leben zu führen? Welche Konsequenzen ziehen die Mitreisenden aus den Gedanken, die sie sich auf der Überfahrt über ihr eigenes Schicksal gemacht haben?

Nicht zu vergessen: Was hat denn nun Valentina Meyer – oder richtig: Valentina Gruschkin – bei Nacht und Nebel veranlasst, im Abendkleid und ohne Geld als blinde Passagierin an Bord eines Überseedampfers zu schleichen? Doch diese tragische Geschichte soll sie Ihnen am besten selbst erzählen … im Buch.

Nein, eine Reise mit dem „Traumschiff“ ist WEIT ÜBERS MEER gewiss nicht. Im Hinblick auf die Beziehungen der Menschen untereinander ist es sogar ein regelrechtes Alptraumschiff. Und das Erschreckende daran: Diese Schicksale sind nicht gar nicht so untypisch für die damalige Zeit: Man heiratet irgend jemanden, der von Stand, Vermögen und Ansehen zu einem passt und lebt, wenn es dumm läuft, fortan sprachlos nebeneinander her. Von Liebe ist dabei keine Rede.

Für die Männer mag das noch erträglich sein, wie man an den Geschichten im Buch sieht. Sie können sich das, was ihnen zu Hause fehlt, in aushäusigen Beziehungen suchen, doch die Frauen haben so gut wie keine Alternative. Passt es nicht mit der Partnerwahl, hat man quasi lebenslänglich. Wer noch andere Vorstellungen vom Leben hat, muss es machen wie Valentina: alles zurücklassen und außerhalb der guten Gesellschaft von vorne anfangen. Nur Außenseiterinnen gelingt es, ein eigenständiges Leben zu führen.

Berchthild Klöppler, die Modeschöpferin, die auf der „Kroonland“ mit ihrer Kollektion von Reformkleidern nach New York unterwegs ist, bezahlt einen anderen Preis für ihr selbstbestimmtes Leben: dem Ruf der verschrobenen, politisch radikalen alten Jungfer. Heute würde man sie vermutlich „Emanze“ schimpfen.

Vielleicht schafft es doch eine der Reisegefährtinnen Valentinas, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten: Die intelligente 16-jährige Lily Mey aus Wien, die als interessierte Beobachterin meist etwas abseits des Geschehens in ihrem Rollstuhl sitzt und sich über Gott und die Welt Gedanken und Notizen macht. Sie möchte gerne Physik studieren und dann Schriftstellerin werden. Sie rechnet sich gute Chancen aus, denn, wie sie ganz unsentimental bemerkt: Als Frau mit einer körperlichen Behinderung ist sie auf dem Heiratsmarkt ohnehin nicht gefragt. Lily Mey hat den Preis für ein selbstbestimmtes Leben gewissermaßen schon im voraus bezahlt.

Man kann das Buch als berührende Liebesgeschichte und als fesselndes Familiendrama lesen. Aber es ist mehr als das. Es ist ein Sittengemälde aus der Zeit vor 100 Jahren, lebendig, packend und oft auch erschreckend. Man kann als Leserin nicht umhin, im Geiste ein herzliches Dankeschön an all die VorkämpferInnen zu schicken, die es möglich gemacht haben, dass wir uns heute nicht mehr blind den Konventionen beugen müssen, sondern doch eine Wahl haben, wie wir unser Leben gestalten wollen. Vergelt’s Gott, Schwestern! Und wir bleiben am Ball!

Die Autorin:
Dörthe Binkert, geboren in Hagen/Westfalen, wuchs in Frankfurt am Main auf und studierte dort Germanistik, Kunstgeschichte und Politik. Nach ihrer Promotion hat sie dreißig Jahre lang für große deutsche Publikumsverlage gearbeitet. Seit 2007 ist sie freie Autorin und lebt heute in Zürich.



Tina Zang: Der Karatehamster hebt ab
September 8, 2008, 5:16 pm
Filed under: Bücher

Tina Zang: Der Karatehamster hebt ab. München 2008, arsEdition GmbH, ISBN 978-3-7607-3276-3, Hardcover, 152 Seiten, Format: 15 x 21,6 x 1,8 cm, Titelbild und Illustrationen: Claudia Fries, besondere Ausstattung: Plüschfell auf dem Cover, EUR 8,95, ab 8 Jahren.

Bei Frauchen Kira leben sie,
die Hamster Neo, Chan und Lee

Dies ist das dritte Abenteuer von Karatehamster Neo, der mit seinen zwei Artgenossen, dem verfressenen Chan und dem intelligenten aber wehleidigen Lee in einer Art Zwangs-WG lebt, seit ein cleverer Geschäftsmann der 12-jährigen Japanerin Kira gleich drei dieser einzelgängerischen Tiere aufgeschwatzt hat.

Die drei Hamster haben sich in ihrer Zwangsgemeinschaft arrangiert. Ihrem Frauchen Kira geht es ähnlich: Sie lebt in einer Patchworkfamilie mit ihrem Vater, Stiefmutter Sandra und Stiefbruder Heiko. Kiras leibliche Mutter lebt in Japan.

Den Sinn des Lebens suchen sie.
Das machen Hamster doch sonst nie!

Im Augenblick langweilen sich Neo und seine Hamsterkumpels. Weit und breit ist kein Abenteuer in Sicht und so sehen sie viel fern. Seit einer Sendung über Buddhismus ist Lee auf dem Sinnfindungs-Trip. Chan muss über den Sinn seines Daseins nicht lange nachdenken: Sein Lebenszweck ist Fressen. Und Neo schwankt noch ein bisschen zwischen Karate, Action und dem Verfassen spaßiger Gedichte.

Frauchen Kira ist wild entschlossen, ihr Leben zu genießen, zumindest in den nächsten paar Wochen: Es sind Sommerferien. Endlich hat sie Zeit, um sich um ein Geburtstagsgeschenk für ihre Stiefmutter Sandra zu kümmern. Zusammen mit ihrem Kumpel Jan geht sie in die Stadt. Hamster Neo, den abenteuerlustigsten der drei, nehmen sie mit.

Zwei Jungen treiben Schabernack
Mit einer Dose blauem Lack

Gleich im ersten Laden treffen Kira und Jan zwei Altersgenossen, die mit ihrer Freizeit offenbar nichts Sinnvolles anzufangen wissen: Einer der beiden zückt eine Spraydose und verschandelt die Ware im Regal. Kira stellt den Übeltäter und es gelingt ihr, ihm die Dose abzunehmen. Der Sprayer und sein Begleiter können fliehen, und nun stehen Kira und Jan selbst als die Verdächtigen da.

Um sich von dem Verdacht reinzuwaschen, wäre es am besten, die wahren Übeltäter zu erwischen, doch die sind über alle Berge. Also konzentrieren sich Kira und Jan wieder auf den Kauf eines Geschenks für Stiefmutter Sandra. Sie gehen in Petras Geschenke-Shop.

Petras Erbe taugt nicht viel:
Ein Spielzeugflieger ist’s – und Müll

Petra, die tierliebe Inhaberin des Geschenke-Shops, die einen großen Hund und eine kleine Hamsterdame namens Mariechen hat, erzählt den Freunden von ihrer Erbschaft: Ihre Tante Therese hat ihr zwei Kisten mit persönlichen Gegenständen hinterlassen. „Krempel“ befinden Petra und die Kinder nach der ersten Durchsicht – und den könnte man wunderbar auf dem Flohmarkt zu Gunsten des Gnadenhofs „Flinke Pfoten“ verkaufen.

Das einzig Brauchbare aus Tante Thereses Kisten ist ein Modellflugzeug mit Fernsteuerung, ein roter Doppeldecker, von dem vor allem Neo begeistert ist. Er klettert auf den Pilotensitz und beschließt, sein Flugzeug von jetzt an „nur noch zum Essen und zum Pinkeln“ zu verlassen. Als Jan das Flugzeug tatsächlich fliegen lassen will, wird es Neo mulmig. Schließlich ist er ein Hamster und keine Fledermaus!

Sprühst du fremde Sachen blau,
schau, wie ich dich ums Viereck hau!

Eine weitere Begegnung mit der Sprayer-Bande verläuft für beide Seiten unerfreulich. Unsere Freunde sind jetzt schlechter den je auf die „Blaue Bande“ zu sprechen, weil diese inzwischen auch noch eine Wand der Karateschule von Kiras Vater beschmiert hat.

Die Blauen lassen Neo fliegen.
Nun wer’n sie tüchtig Ärger kriegen

Als Petra, Kira, Jan und Neo am Tag darauf zum Gnadenhof fahren um sich für den Flohmarkt anzumelden und bei der Gelegenheit gleich das Modellflugzeug fliegen lassen wollen, kommt es zum nächsten Zusammentreffen mit der „Blauen Bande“. In einem unbeobachteten Moment grabschen sich die Sprüher die Fernsteuerung des Doppeldeckers, setzen Neo auf den Pilotensitz und lassen die Kiste steigen. Nun hat der tollkühne Hamster ein ernsthaftes Problem.

Es kommt, wie es kommen muss: Die Blaumänner verlieren die Kontrolle über den Doppeldecker. Jetzt ist Kira mächtig auf Krawall gebürstet. „Diese verdammte Bande. (…) Wenn ich die erwische, gibt es mächtig Ärger. Sachen beschmieren ist schlimm genug, aber einen Hamster in Gefahr zu bringen, das geht zu weit!“

Was Kira nicht weiß, weil Neo es ihr nicht begreiflich machen kann: Einen der Blaumänner hat er erkannt. Es ist Kiras Stiefbruder Heiko!

Der seltsame Gedichteband
War wohl doch kein Flohmarkt-Tand

Endlich ist Flohmarkt-Tag! Als Kira und Jan aufbrechen, schlafen Lee und Chan noch. Neo hat sich im Vorfeld auf „tagaktiv“ umgestellt und darf mit. Während die Kinder bei den Händlern herumstöbern und sogar Neo für seine Mithamster Geschenke ersteht, verkauft Petra für 10,- Euro den Gedichtband aus Tante Thereses Nachlass. Nur um wenig später zu erfahren, dass gerade dieses Buch ein Vermögen wert ist. Wird der Käufer bereit sein, das Geschäft rückgängig zu machen?

Doch zunächst einmal müssen die Freunde diesen Buchkäufer wiederfinden. Sie kennen nur sein Auto und den Vornamen seiner Frau. Der Zufall kommt ihnen zu Hilfe. Als Kira, Jan und die Hamster das Modellflugzeug aus der Reparatur holen, begegnen sie dem Mann in der Stadt. Markus Stiefelschmitt heißt er. Er ist sofort zu einem Gespräch bereit und lädt Petra und die Kinder zu sich nach Hause ein.

Da sind die Hamster von den Socken:
Mariechen mag den Depp mit Locken!

Neo, Chan und Lee sowie Petras Hamsterdame Mariechen sind ebenfalls mit von der Partie, denn auch die Stiefelschmitts haben ein Haustier, den weißen Teddyhamster Vincent. Was von diesem Artgenossen zu halten ist, ist Kiras Hamstern klar: „Er ist ein Blödmann.“ Nur Mariechen ist empfänglich für Vincents Charme, was ihn in den Augen von Neo, Chan und Lee gleich noch viel unsympathischer macht.

Die Blauen wollen’s noch mal wagen.
Geht’s ihnen diesmal an den Kragen?

Auf einmal ist auch die „Blaue Bande“ auf dem Gründstück der Familie, besprüht einen Fahrradspiegel und taucht irgendwo auf dem unübersichtlichen Gelände unter. Hamsterdame Mariechen hat eine geniale Idee: Luftaufklärung. Teddyhamster Vincent soll sich ins Modellflugzeug setzen, Jan soll es steuern – so könnten sie die Bande aufspüren. Doch der Teddyhamster erweist sich nicht als Held und weigert sich. Neo, der einzige Hamster mit Flugerfahrung, erkennt, dass dieser Job wohl an ihm hängen bleibt …

Wird der Plan aufgehen? Werden sie die „Blaue Bande“ schnappen? Und wenn ja, was werden sie mit ihnen tun? Wird insbesondere Kiras Bruder Heiko einsehen, dass er hier auf einem ganz falschen Weg ist? Ist Mariechen jetzt immer noch so begeistert vom weiß gelockten Vincent? Und wissen die drei Hamster nun, was der Sinn des Lebens ist?

Für die Kinder ist’s geschrieben,
auch Erwachsne werden’s lieben.

Witzig, originell und spannend ist auch der dritte Teil der Karatehamster-Reihe. Und er wird nicht nur der angestrebten Zielgruppe gefallen. Das ist eines der Bücher, die man den Kindern kauft und dann klammheimlich selber liest.

Cool sein wollende Mitmenschen seien gewarnt: Für Leserinnen und Leser gleich welchen Alters besteht hier zu jeder Zeit akute Lautloslachgefahr. Wer sich nicht beim hemmungslosen Kichern erwischen lassen möchte, darf sich dem Karatehamster nur widmen, wenn niemand in der Nähe ist.

Und bei all dem Amüsement erfährt man auch noch allerhand Wissenswertes. Nicht nur über Hamster, sondern über unterschiedliche Interessen und Charaktere, über wahre und falsche Freunde und über noch so einiges mehr. Die hinreißend komischen Illustrationen von Claudia Fries geben die tierischen und menschlichen Charaktere treffend wieder und tragen das Ihrige zum Vergnügen bei.

Aus zuverlässigen Quellen hört man, dass dies noch lange nicht das letzte Abenteuer von Neo uns seinen WG-Genossen war. Wir dürfen also gespannt sein, was als nächstes kommt.

Und sollte sich jemand fragen, warum hier die Zwischenüberschriften gereimt sind: Im Buch ist das auch so.



Der unsichtbare Gast
September 8, 2008, 12:56 pm
Filed under: Tierisches

Märchen beginnen mit „es war einmal“. Das Chaos bevorzugt die Einleitung „ach, übrigens.“

„Ach, übrigens“, sagt der Tier- und Menschenfreund an meiner Seite, „Jürgen muss für ein paar Tage ins Ausland und hat noch keinen Catsitter gefunden. Ich hab’ ihm gesagt, wir nehmen seinen Flecki so lange in Pflege.“

„Aha“, sage ich. Ich kenne weder Jürgen noch Flecki persönlich, aber bei Katzenfreunden in Not kann ich schlecht nein sagen. Was in diesem Fall wohl ohnehin zu spät wäre.

„Wohnungskatze, nehme ich an?“, vergewissere ich mich sicherheitshalber. „Auf Freigänger sind wir ja nicht eingerichtet.“
„Reine Wohnungskatze“, bestätigt der Gatte.
„Und wann? Du weißt, am 8. bringt mein Kollege seine zwei Pelzmonster. Nicht, dass wir am Ende fünf Katzen aus drei verschiedenen Haushalten durch die Wohnung toben haben! Irgendwann gehen uns die Zimmer, die Hände und die Katzenklos aus.“
„Äh … am Freitag, glaube ich. Oder nächste Woche. Er gibt uns noch Bescheid.“

Terminlich gestaltet sich das Unternehmen zum Glück überschneidungsfrei. Die Pfleglinge geben sich dieses Mal lediglich die Klinke in die Hand.

Fleckis erster Urlaub
Am Freitag Nachmittag ist es dann so weit. „Wir kommen, sobald wir Flecki eingefangen haben“, sagt Jürgen am Telefon. Was eine halbe Stunde später schon der Fall ist. Die Wohnung und ich machen einen fabelhaften ersten Eindruck. Aber wer freitags nach Büroschluss zu mir kommt, erwischt mich nun mal beim Hausputz.

Jürgen stellt den Katzenkennel auf den soeben feucht gewischten Boden. Der kleine schwarz-weiße Hauskater brüllt wie ein Puma. Er rennt, kaum dass die Kenneltür geöffnet ist, pfeilgerade ins Schlafzimmer und kriecht in die Nische neben dem Kleiderschrank, in der das Bügelbrett und die Trittleiter stehen. Nur ein Katzenschwanz lugt noch hervor.

Unsere beiden Maine-Coon-Kater verschwinden aus Angst vor Fleckis Geschrei auf den Wohnzimmerschrank und ducken sich hinter den Büchern.
„Ich hab gar nicht gewusst, dass er Kleine solche Töne zustande bringt“, staunt Jürgen. „Normalerweise ist er alles andere als ein Angsthase.“

„Das heißt, in seiner anderen Pflegestelle führt er sich nicht so auf?“, will ich wissen.
„Es gibt keine andere Pflegestelle. Flecki war noch nie aus dem Haus, außer mal kurz beim Tierarzt.“
„Und was machen Sie sonst, z.B., wenn Sie in Urlaub fahren? Kommt da ein Catsitter ins Haus?“
„Seit ich Flecki habe, hab ich noch keinen Urlaub gemacht. Ich hab den Kater, seit er vier oder fünf Tage alt war. Seine Mutter ist bei uns auf dem Firmengelände überfahren worden, da hab ich ihn mit heim genommen und mit der Flasche aufgezogen.“

Na, Mahlzeit! Eine Handaufzucht, die keine andren Katzen kennt, keine fremde Umgebung und auch an fremde Menschen nicht gewöhnt ist. Das kann ja heiter werden! – Wir versprechen, den Kater bestmöglich zu versorgen, und Jürgen verabschiedet sich.

Zwischen Bügelbrett und Leiter
Flecki sitzt immer noch in der Nische bei Bügelbrett und Trittleiter, hat aber zwischenzeitlich dankenswerterweise wenigstens das Gebrüll eingestellt.
„Ach, Flecki“, sage ich, „du kannst doch aus deiner Schmollecke gar nicht mehr ausparken!“
Ich räume um und verschaffe ihm ein bisschen mehr Platz, indem ich die Trittleiter aus der Nische entferne und anderswo einquartiere.

Inzwischen hat bei unseren beiden Coonies auch die Neugier gesiegt. Sie klettern vom Wohnzimmerschrank und kommen ins Schlafzimmer, um nach unserem Gast zu sehen. Flecki, der keine anderen Katzen kennt, hält unsere beiden freundlichen Riesen offenbar für eine unbekannte Spezies haariger Monster und verkriecht sich noch tiefer in die Nische.

Kater Cooniebert sieht sich den schreckensstarren Eckensitzer kurz an und verliert das Interessse. „Mit dem ist ja gar nix los“, scheint er zu denken. Kater Yannick ist jünger und kontaktfreudiger als Cooniebert und nicht bereit, so schnell aufzugeben. Er schnuppert an dem fremden Kater.

Flecki macht einen Satz, flüchtet auf die andere Seite des Schranks und lässt sich hinter die Wäschetruhe plumpsen. Nun sitzt er in einem Wäschekorb und linst durch das Plastikgitter. „Wie willst du denn da wieder rauskommen, Kleiner?“, frage ich ihn. „Bist du etwa ein Senkrechtstarter?“

Davon ist nicht auszugehen, also räume ich um. Ein Element des Staubsaugers, das normalerweise neben dem Schrank geparkt ist, wird weggeschafft und die Wäschetruhe ein Stück vorgezogen, so dass Flecki einen Ein- und Ausgang zu seiner zweiten Schmollecke hat. Ich stelle ihm ein Katzenklo, Futter und Wasser in den Raum, schnappe meine Coonies und widme mich wieder dem Hausputz. Den Besucher lassen wir erst einmal in Ruhe.

Hinter Pullovern und Hosen
Als wir nach einiger Zeit wieder nach ihm sehen, sind seine beiden Schmollecken verwaist. Dafür rumort es im Kleiderschrank, hinter der Tür, die nicht mehr richtig schließt. Ja, dieses Versteck finden sie alle!

Kater Yannick muss gleich nachsehen, was da im Schrank so knarzt und raschelt und quetscht sich ebenfalls zwischen die Hosen, Shirts und Pullover. Keiner von beiden ist mehr zu sehen. So geht das nicht! Am Ende traut sich Flecki nicht an Yannick vorbei und pinkelt uns noch in den Schrank! Ich sollte schon sehen, was die zwei da machen.

Ich stelle also Fleckis Futter- und Wassernäpfe beiseite und räume um. Die Shirts und Pullover, die unten im Schrank liegen, staple ich in einen Wäschekorb, der kommt so lange in den Flur. Die Katzen lassen sich von meinen Aktivitäten nicht beirren. Flecki liegt rechts im Schrank, Yannick liegt links.

In der Nacht bekomme ich mit, wie Flecki durch den Flur geistert. Wenn alles ruhig ist und schläft, geht er offenbar auf Erkundungsgang. Wobei er vor seinen Artgenossen weniger Angst zu haben scheint als vor uns, den fremden Menschen.

So richtig nett ist’s unterm Bett
Ob unser Gast nun davon begeistert ist oder nicht – am nächsten Tag muss ich die Betten frisch beziehen. Ich krame also im Schlafzimmer herum und rede dabei mit Flecki. Vielleicht gewöhnt er sich ja an uns, wenn er merkt, dass wir harmlos und freundlich sind. Ab und zu lugt er in der Tat schon aus dem Schrank heraus.

Die Coonies lauern unterdessen auf den Moment, an dem ich die Matratzen anhebe um die Spannleintücher auszutauschen. Das Kopfteil des einen Betts ist leicht schräg gestellt, das andere liegt flach. Dadurch entsteht eine kleine Lücke zwischen den Betten – und, schwupps, verschwindet erst ein rotes, bepelztes Coonie-Hinterteil durch diesen Spalt im Bettkasten und gleich danach ein silbergraues.

Durch den Alarm der Waschmaschine, die gerade ihr Programm beendet hat, werde ich für einen Moment abgelenkt und verlasse den Raum. Als ich wieder ins Schlafzimmer komme, sehe ich gerade ein drittes bepelztes Hintrteil im Bettkasten verschwinden: ein kurzhaariges schwarz-weißes. Flecki!

Nun hat also auch er den Weg unters Bett gefunden. Wie er wieder herauskommt, das turnen ihm die Coonies vor. Mit etwas Geschick geht das sogar, wenn die Matratzen, Kissen und Bettdecken wieder ordnungsgemäß auf den Lattenrosten aufliegen.

Flecki hat die nun also die ultimative Schmollecke entdeckt und scheint beschlossen zu haben, für den Rest der Woche dort unten zu wohnen. Jedenfalls, solange die Menschen im Haus sind. Wenn wir nicht da sind, sieht er offenbar keinen Grund, sich zu verstecken. Ich sehe zum Beispiel, dass er sein sein Gästeklo benutzt. So kleine Würstchen macht kein ausgewachsener Coonie. Erst, wenn einer von uns Menschen zur Wohnungstür hereinkommt, krabbelt die ganze Meute unters Bett.

Wie füttert man eine unsichtbare Katze?
„Flecki gibt Antwort, wenn ich mit ihm rede“, sagt mein Mann. Er erzählt ihm was, und der Kater lugt zwischen den Kopfteilen der beiden Betten hervor und antwortet: „brrrrt!“.

Wenn ich unters Bett fasse, kommt Flecki angerannt, schmust mit meiner Hand, spricht mit mir, lässt sich kraulen und schnuppert mich ab. Ob er mir wohl aus der Hand frisst? Ich packe ein paar Katzensticks aus, versorge erst unsere Coonies, damit sie mir nicht in die Quere kommen, und reiche Flecki ein Stück von diesen Leckerlis unters Bett. Seine Schnurrhaare kitzeln meine Hand, dann spüre ich einen leichten Widerstand. Der Stick wird mir aus der Hand genommen und ich höre Flecki zufrieden schmatzen. Ich habe soeben eine unsichtbare Katze gefüttert! Und höre ich da nicht ein zaghaftes Schnurren unterm Bett?

Er lässt sich also streicheln, kraulen und füttern. Nur sehen lässt er sich nicht. Nun gut, wie er möchte. Das ist ein freies Land. Jedenfalls frisst er, geht aufs Klo und über die Maßen unglücklich scheint er auch nicht zu sein. Er wird die paar Tage bei uns also einigermaßen unbeschadet überstehen.

„Sind die blöden Zweibeiner endlich weg?“
Als am Montag Früh die Wohnungstür hinter meinem Mann ins Schloss fällt, weil er ein paar Minuten früher aus dem Haus muss als ich, schaut Flecki wie ein Murmeltier zwischen denbeiden Betten heraus. „Sind die blöden Zweibeiner jetzt endlich weg? Kann die Party losgehen?“ – So kommt es mir gerade vor. Als er sieht, dass ich noch da bin, geht er wieder auf Tauchstation. Und er bleibt auch die restliche Zeit unser unsichtbarer Gast.

Flecki geht wieder heim
Was er wohl tun wird, wenn sein Mensch am Samstag kommt um ihn wieder nach Hause zu holen? Wird er ihm freudig in die Arme laufen und freiwillig in seine Transportbox steigen, wie es einer unserer anderen Pfleglinge immer macht? Oder wird man erst das Bett demontieren müssen um ihn darunter vor zu kriegen?

Als er abgeholt werden soll, habe ich einen Termin außer Haus. Das müssen die Männer und die Kater ganz alleine auf die Reihe bekommen. Ich packe Fleckis Zubehör in eine Tüte, stelle seinen Transportkennel bereit und ertappe mich dabei, dem Kater auszurichten: „Dein Chef hat angerufen. Er kommt nachher um drei. Also mach bitte kein Theater und komm freiwillig aus deinem Versteck raus!“

Das hat er natürlich nicht getan, wie man mir hinterher berichtet hat. Einer der Männer musste die Matratze beiseite schieben, der andere den Kater ergreifen. Auf halbem Weg in den Transportkennel hat Flecki wieder kehrt gemacht und ist erneut unters Bett geflüchtet. Irgendwann haben sie es dann geschafft. Flecki saß in seinem Kennel und brüllte auf dem Heimweg wie ein Puma.

Da er seinen Aufenthalt bei uns gut überstanden hat, wie wir zwischenzeitlich erfahren haben, wird er vermutlich beim nächsten Auslandsaufenthalt seines Chefs wieder bei uns einziehen. Meinetwegen gern. Jetzt weiß ich ja, dass ich sogar Tiere versorgen kann, die man gar nicht sieht.