Wahnsinn im Alltag


Frau Olga schläft im Kleiderschrank
Juni 28, 2008, 9:33 pm
Filed under: Tierisches

Es ist schon Routine für alle Beteiligten: Zweimal im Jahr kommen unsere zwei „Urlaubskatzen“. Während mein Kollege und seine Frau sich im sonnigen Süden oder im hohen Norden vom anstrengenden Arbeitsalltag erholen, machen sich ihre beiden Britisch-Kurzhaar-Katzen, Olga und Ivan, ein paar schöne Tage bei uns auf dem Land.

Weiß wie Schnee, schwarz wie Ebenholz

Ivan und Olga haben schon regelrechte Fans bei uns in der Nachbarschaft. „Wann kommen denn eure Gastkatzen wieder?“, werden wir gefragt. Es sind aber auch beeindruckende Tiere: groß, stämmig und plüschig. Ivan ist schneeweiß und hat himmelblaue Augen und OIga ist schwarz wie die Nacht. So ein Katzenpaar sieht man nicht alle Tage.

Kommt mein Kollege mal zu uns, ohne dass er seine Tiere dabei hat, scheinen sich unsere Maine-Coon-Kater, der graue Cooniebert und der rote Yannick, immer ein wenig zu wundern. Sie schauen ihn mit großen Augen an und fragen sich vermutlich, ob er nicht das Wichtigste zu Hause vergessen hat: Ivan und Olga.

Ivan und unser Cooniebert sind nahezu gleich alt und kennen einander von Kätzchenbeinen an. Olga kommt erst seit einem Jahr zu uns. Sie hatte davor eine andere Urlaubspflegestelle. Kater Yannick, unser Jüngster, ist mit der Tatsache, dass wir vierbeinige Urlaubsgäste haben, aufgewachsen. Für ihn ist das normal. Die Coonies sind sowieso sehr gastfreundlich und sozial. Ich glaube, sie mögen es, wenn dann und wann so richtig Remmidemmi in der Bude ist. Und so klappt das mit dem vorübergehenden Multikatzenhaushalt recht gut.

Schau-Knurren für die Menschen

Im Lauf der Zeit hat sich ein regelrechtes Ankunftsritual eingebürgert. Die Katzenübergabe läuft immer gleich ab: Solange mein Kollege und seine Frau noch im Haus sind, sitzen Ivan und Olga finster knurrend in ihren Transportboxen, neugierig beschnuppert und beäugt von unseren beiden Coonies.

Man könnte meinen, das sei ein reines Schau-Knurren, ihren Menschen zuliebe. Um ihnen mitzuteilen: „Hört mal, uns fällt die Trennung auch nicht leicht.“ Doch kaum haben sich die angestammten Dosenöffner verabschiedet, zischt Ivan aus seiner Box, schießt wie eine weiße Kanonenkugel auf den Balkon-Kratzbaum zu und besetzt dessen oberste Plattform. Für die Dauer seines Besuchs werden alle anderen Katzen für diesen Ausguck ganz schlechte Karten haben. Das ist sein Platz, und den wird er notfalls mit Zähnen und Klauen verteidigen.

Olga begibt sich schnurstracks ins Büro und legt sich erst mal hinter den Schreibtisch, in ihr geliebtes „Olga-Eck“.

Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?

Das morgendliche Fütterungsritual ist ein Kapitel für sich. Dass ich die Herrin der Dosen bin, das haben alle schnell kapiert. Gehe ich in aller Frühe in die Küche, habe ich eine Katzenkarawane an den Fersen kleben. Einer marschiert hinter dem anderen her – wie die Raupen des Eichenprozessionsspinners.

Jetzt wäre es natürlich praktisch, wenn ich die Näpfe in einer Reihe aufbauen und alle Katzen miteinander abfüttern könnte. Das geht nicht. Olga bekommt Medikamente. Und unsere Tiere sind ein anderes Futter gewöhnt als die Gäste. Außerdem sind die Coonies beim Fressen immer die ersten. Sie postieren sich breit und bräsig vor, und wenn es sein muss, über den Näpfen und lassen den anderen keine Chance.

Also gibt es drei Futterplätze: Den Coonies wird ihr Essen, wie gewohnt, in der Küche serviert, Ivan bekommt sein Frühstück auf dem Balkon und Olga im Büro. Dumm nur, dass die Gastkatzen so früh am Morgen keinen Hunger haben. Sie schubsen ihr Futter ein bisschen im Napf hin und her und laufen wieder weg. Und das Futter der Gäste landet im Magen der Coonies. Dafür gehen die Gastkatzen dann in im Lauf des Morgens die Küche und fressen das Futter von Cooniebert und Yannick.

Nach ein paar Tagen gebe ich regelmäßig den Versuch mit den verschiedenen Futtersorten auf: Ich versorge Olga mit ihrer Medizin, und dann kriegt jedes der Tiere das gleiche Futter in den Napf gelöffelt. An einem Tag unsere Hausmarke, am nächsten Tag das Futter, das mein Kollege mitgebracht hat.

Während die drei Katern wie die wilde Jagd durch die Wohnung flitzen und „Futternapf-Zirkeltraining“ betreiben, hat Olga das System durchschaut. Sie bleibt gemütlich mampfend in der Küche sitzen. Sollen die Katern doch herumsausen und probieren, aus welchem Napf es heute am besten schmeckt: Sie hat gesehen, dass alles aus ein und derselben Dose kommt und dass sich das Herumprobieren folglich nicht lohnt. Das Frühstück schmeckt auf dem Balkon oder im Büro ganz genau so wie hier in der Küche.

Ganz schön helle, die kleine Schwarze!

Frau Olga schläft im Kleiderschrank

Die Verteilung der Ruheplätze geht gleichfalls meist friedlich vonstatten. Die Kater-Gang schläft entweder komplett auf meinem Bett oder jeder sucht sich ein Körbchen, von denen eine ausreichende Anzahl in der Wohnung herumsteht. Ivan darf sich sogar in Coonieberts persönlichen Wäschekorb legen. Ich hoffe, er weiß das zu schätzen.

Olga hat bei ihrem letzten Besuch im Frühjahr ein besonderes Plätzchen für ihre Nachtruhe entdeckt: Die ersten paar Tage dachte ich, sie schläft im „Olga-Eck“, also hinter dem Schreibtisch. Bis ich sie eines Morgens elegant wie eine Hollywood-Diva aus dem Kleiderschrank steigen sehe. Zielsicher hat sie die eine Schranktür gefunden, die nicht mehr zuverlässig schließt und mit einem gezielten Krallengriff zu öffnen ist. Genau dort hat sie sich gemütlich zwischen Jeans und Pullover gekuschelt, perfekt getarnt durch ihr nachtschwarzes Plüschfell. Durch diese Aktion haben ein paar Kleidungsstücke eine aparte Plüsch-Applikation bekommen, aber was soll’s? So ist das eben in einem Katzenhaushalt. Da wachsen den Hemden und Pullovern Haare.

Das Sofa im Wohnzimmer hat Olga nun auch für sich entdeckt. Dort hält sie ihren Mittagsschlaf. Und das bitteschön alleine. Männer, egal ob zwei- oder vierbeinig, kommen ihr nicht auf die Couch. Schon gar nicht, wenn sie ihr das Fell kraulen, oder ihr, wie Cooniebert, den Kopf putzen wollen. Sie legt die Ohren an, macht ein bitterböses Gesicht, faucht und fährt die Krallen aus. Mich, die Herrin der Futterdosen, duldet sie gnädig, ich darf mich zu ihr auf mein Sofa setzen. Nur wenn sie anderweitig beschäftigt ist, können auch die männlichen Mitbewohner das Möbelstück nutzen. Und das tun sie auch. Cooniebert liebt das Sofa sowieso. Und als ich eines Abends aus dem Fernsehschlaf erwache, habe ich den weißen Ivan im Arm. Jetzt, denke ich, fühlt er sich wirklich zu Hause bei uns.

Nach Hause, nach Hause geh’n wir nicht!

Nach rund zwei Wochen Urlaubsaufenthalt hat Frau Olga auch ihre Männerfeindlichkeit ein wenig reduziert. Soziales Katzenputzen findet sie zwar nach wie vor widerlich, keiner der Jungs darf ihr den Kopf abschlabbern, aber der Menschenmann im Haus darf sie knuddeln und kraulen, ohne dass sie ihr „Nebelhorn“ erklingen lässt und die Krallen ausfährt.

Als ich sie da so auf dem Sofa sitzen sehe, den Mann und die Katze, wie sie sich einträchtig ein Fußballspiel anschauen, frage ich mich, ob unsere Urlaubsgäste wohl wieder freiwillig nach Hause gehen werden. Bei uns haben sie zwei Katzenkumpels mit vielen verrückten Ideen, mehrere Kratzbäume, diverse Katzenkörbe, massenweise Pflanzen zum Beschnuppern und Benagen, viele Verstecke, einen Balkon mit Aussicht auf einen parkartigen Garten mit jeder Menge Getier. Und nachts geht die Kater-Gang gemeinsam auf Fliegenjagd im Schlafzimmer. Den Gastkatzen fehlt es an nichts, sie werden, ganz wie zu Hause, gepflegt, beschmust und bespaßt. Und dazu ist noch rund um die Uhr was los. Dieses Ferienprogramm scheint ihnen zu gefallen.

Da klingelt es an der Tür. Mein Kollege ist von seiner Urlaubsreise zurück und will seine geliebten Katzen wieder nach Hause holen. Das bedeutet: Für Olga und Ivan sind die Ferien auf dem Lande vorbei.

Ivan reagiert wie gewohnt: Er kommt voller Freude auf seinen Menschen zugelaufen, lässt sich streicheln und begrüßen und klettert dann unaufgefordert in seinen Transportkorb. Schön war der Urlaub, aber jetzt geht er auch gerne wieder heim. Olga dagegen ist sauer. Sie verschwindet schmollend unter dem Sofa. Ich höre sie fast denken: „Was will denn der jetzt hier? Gerade war es so gemütlich, und jetzt soll ich wieder heim? Dieses ewige hin und her geht mir auf den Geist! Ich will nicht in den Transportkorb, ich will nicht Auto fahren, ich will hier einfach nur so sitzen und in Ruhe Fußball gucken.“

Nun liegen die beiden Menschenmänner auf dem Wohnzimmerteppich und versuchen, Olga mit Malzpaste, Milchhefetabletten und guten Worten unter dem Sofa vorzulocken.

„Olga kann gern noch eine Woche in Verlängerung gehen“, sage ich grinsend zu meinem Kollegen. „Dann holst du sie eben nächste Woche ab.“
„Von wegen Verlängerung! Der Urlaub ist zu Ende! Olga wird zu Hause erwartet, sie kommt jetzt mit.“

Meinem Mann wird die Sache zu dumm. Er holt einen Besen aus dem Schrank und stochert die Besuchskatze damit unter der Couch hervor. Sie flüchtet vor den blauen Kunststoffborsten direkt in die Arme ihres Menschen. Dieser stopft sie ohne weitere Diskussionen in ihre Transportbox. Olgas wildes Protestgeheul nutzt nichts, sie wird, genau wie Ivan, hinausgebracht und ins Auto verladen.

Die Coonies sehen ein wenig ratlos und verwirrt aus.

„Kein Grund zum Traurigsein“, sage ich zu ihnen, als ob sie es verstehen könnten. „Im Herbst kommen die zwei ja wieder. Dann haben wir wieder das volle Ferienprogramm: Remmidemmi in Rot, Grau und Schwarzweiß.“

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Jürgen Sobeck: Lanzarote. Wanderungen, Naturkunde, Landhotels. Das Buch zur Insel
Juni 25, 2008, 9:31 am
Filed under: Bücher, Lanzarote 2007

Jürgen Sobeck: Lanzarote. Wanderungen, Naturkunde, Landhotels. Badenweiler 2008, Oase-Verlag, ISBN 978-3-88922070-7, 187 Seiten, zahlreiche Farbfotos und Karten, Taschenbuch, Format 11 x 18 x 1,5 cm, EUR 16,80.

Schon der Untertitel verrät es: In diesem außergewöhnlichen Reiseführer geht es nicht ums flotte Strand- und Nachtleben, und luxuriöse Einkaufsmeilen kommen darin auch nicht vor. Hier gibt es Natur pur: Wandertouren und naturkundliche Informationen für Touristen, die von der Kanareninsel Lanzarote mehr sehen wollen als nur den Badestrand und die bekannten Sehenswürdigkeiten.

11 Inselwanderungen stellt der Autor vor, zwischen 2 und 12 Kilometern Länge, von leicht bis anspruchsvoll. Und das nicht im journalistisch-knappen Stil, den man von herkömmlicher Reiseliteratur her kennt, sondern persönlich und poetisch, sachkundig und mit leisem Humor. Es ist, als würde man den erfahrenen Wanderer und Lanzarote-Kenner auf seinen Streifzügen begleiten und sich von ihm die geologischen, biologischen und auch kulturellen Besonderheiten der Insel zeigen lassen.

Auf Schritt und Tritt merkt man, dass hier keine am Schreibtisch angelesenen Fakten vermittelt werden, sondern dass ein echter Experte sein Wissen mit uns teilt. 15 Jahre lang hat Jürgen Sobeck auf Lanzarote gelebt und dort als Wanderführer gearbeitet. Was er uns erzählt, damit kennt er sich aus.

Jeder Tourenbeschreibung, die von eindrucksvollen Farbfotos illustriert wird, stehen die „technischen Daten“ der Wanderung voran: Länge, Dauer, Schwierigkeitsgrad, Karte und Wegbeschreibung, eventuelle Einkehrmöglichkeiten und, wo nötig, besondere Hinweise.

Und so tauchen wir ein in die stille geheimnisvolle Welt des Barranco de Tenegüime, der tiefsten Schlucht der Insel … begegnen der Heiligen Jungfrau des Schnees … erklimmen den höchsten Gipfel Lanzarotes … erkunden das Reich von Turmfalke und Kolkrabe – und unternehmen einen Abstecher auf die Insel La Graciosa, das „merkwürdige Paradies“, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Wir erfahren Interessantes über das alltägliche Leben auf dieser nicht alltäglichen Insel, die erst 1984 ans Stromnetz angeschlossen wurde. Zum Beispiel entdecken wir, welche enorme Bedeutung dort die gewöhnliche Schubkarre hat. Und welche erstaunlichen Zusammenhänge zwischen der Ansiedlung eines Inselarztes und der Lebenserwartung der Bevölkerung bestehen. Und nein, gestiegen ist sie nicht …

Wir bestaunen eine gigantische Vulkan-Bombe und werfen einen Blick in den eindrucksvollen Caldera Blanca, den größten Vulkankrater der Insel. Ein besonderes Erlebnis ist auch die Rundwanderung durch das Weinbaugebiet La Geria, das mit seinen Trichtern, in denen die Weinreben gedeihen, aussieht, als hätte ein Architekt es entworfen. Wanderung Nummer 11 schließlich ist ein vulkanologischer Spaziergang durch den Parque Natural de los Volcanes, führt uns direkt in Lanzarotes feurige Vergangenheit – und mitten hinein in einen aktiven Vulkan!

Der geübte Wanderfreund wird sich mit Hilfe der Angaben in dem Buch, einem guten Orientierungssinn und eventuell etwas detaillierterem Kartenmaterial sicher zurechtfinden. Dem gewöhnlichen Stadtmenschen [oppidanus vulgaris], der allenfalls mal sonntags durch den Park spaziert, würde ich nicht raten, auf eigene Faust loszuziehen. Das sind keine vom örtlichen Wanderverein penibel ausgeschilderten Rundwanderwege, wie man sie aus Deutschland kennt. Für uns Städter ist das Wildnis! Wer als gänzlich unerfahrener Wandersmann die unberührte Natur Lanzarotes entdecken möchte, sollte im eigenen Interesse seine pfadfinderischen Fähigkeiten realistisch einschätzen und sich besser einer geführten Wandertour anschließen.

Der naturkundliche Teil des Reiseführers gibt anschaulich und unterhaltsam Auskunft über den Vulkanismus, der auf der Insel eine so bedeutende Rolle spielt. Nach der Lektüre wissen wir nicht nur, was Aa-Lava ist und warum sie so heißt, sondern noch viele hochinteressante Dinge mehr.

Wir erfahren die Wahrheit über den „Halbedelstein“Olivin – und darüber, was es mit dem „echt lanzarotenischen Olivin-Schmuck“ auf sich hat. Wir lernen die Besonderheiten des Wetters auf der Insel kennen und die Tierwelt. Wenn wir bislang noch nicht gewusst haben, warum es ratsam ist, einem Wiedehopf [Upupa epops] aus dem Weg zu gehen, nach dem Lesen des tierischen Kapitels ist es uns sonnenklar.

Ein weiteres Kapitel ist den Naturstränden der Insel gewidmet. Hier entdecken wir nicht nur die schönsten und einsamsten Badestrände, sondern erfahren unter anderem auch, wo auf der Insel „gute Chancen auf die höchsten Kaffeepreise und die miesesten Sandwiches“ bestehen. Vielen Dank für die freundliche Warnung! So kann man bei der Ausflugsplanung schon Vorkehrungen treffen.

Und wer die passende Herberge zum Wanderurlaub sucht, findet unter den casas rurales, den Landgasthöfen, interessante Möglichkeiten. Auch wenn der Name rustikal klingt: Primitiv sind diese Unterkünfte keineswegs. 7 ausgewählte casas rurales (von insgesamt rund 30) werden hier in Wort und Bild vorgestellt. Unter der Rubrik „Einkehren, Unterkommen, Ausruhen“ finden wir noch eine Auswahl von Bars und Restaurants.

„Vergessen Sie alles über Reiseführer, diese hier sind anders“, schrieb das BÜCHERJOURNAL über die Publikationen des Oase-Verlags. Das trifft auch auf den Lanzarote-Reiseführer von Jürgen Sobeck zu. Ich habe knapp anderthalb Regalmeter Reiseführer zu Hause stehen, darunter auch einige von der Insel, aber das ist der erste und einzige, den ich je wie einen Roman von der ersten bis zur letzten Seite durchgelesen habe. Dass ein Reiseführer sachkundig und informativ ist und aussagekräftig bebildert, ist ja geradezu eine Grundvoraussetzung. Dieser hier ist obendrein noch von persönlicher Erfahrung geprägt, überaus vergnüglich zu lesen und eröffnet ganz neue Perspektiven: Auch wenn Sie schon oft auf Lanzarote waren: So haben Sie die Insel mit Sicherheit noch nie gesehen!



John Harvey: Schlaf nicht zu lange. Kriminalroman.
Juni 23, 2008, 12:48 pm
Filed under: Bücher

John Harvey: Schlaf nicht zu lange. Kriminalroman. OT: Darkness & Light. Deutsch von Sophia Kreutzfeldt, München 2008, dtv, Deutscher Taschenbuchverlag, ISBN 978-3-423-21064-5, Softcover, 427 Seiten, Format 12 x 19 x 2,5 cm, Euro 8,95 [D] 9,20 [A], sFr 15,90.

Vier Jahre ist es jetzt her, dass Detective Inspector Frank Elder den Polizeidienst in Nottingham quittiert und sich nach Cornwall zurückgezogen hat. Seine Ehe mit der Friseurin Joanne ist gescheitert, die Beziehung zu ihrer gemeinsamen Tochter Katherine, inzwischen 19, gestört. Die Tochter ist traumatisiert, seit sie von einem Psychopathen entführt, gefangen gehalten und missbraucht worden ist. Was ihr sicher nie widerfahren wäre, wäre ihr Vater nicht Polizist gewesen.

Als eines Nachmittags Franks Exfrau anruft, ist sein erster Gedanke, Katherine könnte wieder etwas zugestoßen sein. Doch es geht „nur“ um die Schwester einer gemeinsamen Bekannten. Claire Meecham, Mitte 50, verwitwet und sonst immer die Zuverlässigkeit in Person, ist seit über einer Woche verschwunden. Die Polizei nimmt den Vorfall nicht ernst. Ob Frank nicht vielleicht nach Nottingham kommen und ein paar Nachforschungen anstellen könnte …?

Frank ist zunächst wenig begeistert von der Idee, doch ein Besuch in Nottingham bietet ihm immerhin die Gelegenheit, seine Tochter wiederzusehen, und so sagt er zu.

Nachdem er Nachbarn, Kollegen und Verwandte der verschwundenen Claire befragt hat, wird ihm zweierlei klar: Die Witwe ist keinesfalls so bieder und einsiedlerisch, wie es den Anschein hat. Übers Internet lernt sie Männer kennen und trifft sich mit ihnen. Und sie ist wahrscheinlich nicht freiwillig verschwunden.

Bevor Frank weiter nachforschen kann, taucht Claire wieder auf: Schick gekleidet liegt sie in ihrem Bett, das Haar frisch gebürstet – doch sie ist tot. Das erinnert Elder spontan an seinen ersten Fall beim Morddezernat in Nottingham vor acht Jahren. Den Mordfall Irene Fowler, der nie aufgeklärt werden konnte. Hat der Mörder von damals wieder zugeschlagen?

Als Maureen Prior, seine ehemalige Vorgesetzte, am Fundort der Leiche eintrifft, hat sie den gleichen Gedanken. Und ehe Frank Elder es sich versieht, ist er reaktiviert und steht als externer Berater wieder im Dienst der Polizei.

Das Abklappern von Claire Meechams Internet-Bekanntschaften fördert ein paar schräge Vögel zutage, sonst nichts. Also konzentrieren sich die Ermittlungen zunächst auf eine mögliche Verbindung zwischen den beiden Opfern. Haben Irene Fowler und Claire Meecham gemeinsame Bekannte gehabt?

Irene Fowler, 57, geschieden, war nach einer Tagung in ihrem Hotelzimmer tot aufgefunden worden. Den Abend davor hatte sie mit dem Kunstbuch-Verleger Vincent Blaine und dessen Buchhalter und Freund Brian Warren verbracht. Es stellt sich heraus, dass der Verleger auch Claire Meecham gekannt haben muss. Sie war Teilnehmerin in einem seiner Kurse. Kann es wirklich sein, dass er sich nicht an sie erinnert? Denkbar wäre es … welcher Seminarleiter behält schon alle seine Studenten im Gedächtnis?

Und Brian Warren, Blaines ehemaliger Buchhalter? Er hatte sich an Irene Fowlers letztem Abend blendend mit ihr verstanden. War da mehr? Und ist er wirklich der harmlose Opa, für den ihn alle halten? Eines ist klar: So hinfällig, wie er tut, ist er keineswegs.

Verdächtig war seinerzeit auch Richard Dowland, ein Hotelangestellter, der wiederholt als Spanner und Exhibitionist aufgefallen ist. Dowland hat es mittlerweile vom Spanner zum

Gewalttäter gebracht. Er ist ein psychotisches Wrack, und ohne Hilfe seiner Betreuer nicht in der Lage, seinen Alltag zu organisieren. Er hat vor einiger Zeit versucht, die Prostituierte Eve Ward, 53, zu erwürgen. Hat er auch die beiden anderen Frauen auf dem Gewissen? Passen sie überhaupt in sein Beuteraster. Ja … und nein.

Auch Wayne Johns gerät in das Visier der Ermittler. Er ist einer von Claire Meechams Chatroom-Dates. Seine Firma war es, die vor 8 Jahren die Tagung ausgerichtet hat, bei der Irene Fowler ermordet wurde. Seine Vergangenheit ist dubios und sein Umgang mit Frauen ebenfalls. Kannte auch er beide Frauen?

Noch eine von Claires Internet-Bekanntschaften erweckt die Aufmerksamkeit der Beamten: Stephen Singer ist nicht der weltfremd-unbedarfte Sonderling, als den er sich bei der ersten Befragung dargestellt hat.

An Verdächtigen herrscht also kein Mangel. Und zwischen den Ermittlungen muss auch das zum Teil recht chaotische Privatleben gelebt werden. Frank Elders Exfrau hat Probleme mit dem Alkohol, Frank hat Probleme mit ihr – und damit, dass er seine Tochter Katherine nur immer zwischen Tür und Angel sieht. Ständig ist sie auf dem Sprung. Seine Versuche der Kontaktaufnahme sind ihr lästig.

Maureen Prior, zugeknöpft und unnahbar wie eh und je, lässt sich halbherzig auf einen Flirt mit Ben Leonard, dem psychologischen Betreuer des Verdächtigen Dowland ein. Doch zu viel Nähe erträgt sie nicht. Auch sie hat mit Gespenstern aus ihrer Vergangenheit zu kämpfen. Frank Elder fragt sich seit Jahren, welche das wohl sein mögen …

Wird Elder je erfahren, was seine Chefin so traumatisiert hat? Wird die Polizei den – oder die? – Mörder von Irene Fowler und Claire Meecham fassen? Ist es überhaupt jemand aus der Riege der Verdächtigen? Und was hat es mit den rätselhaften Szenen aus den 60-er Jahren auf sich, die immer mal wieder schlaglichtartig in die Romanhandlung eingestreut werden?

John Harvey, 1938 in London geboren, wurde durch seine Drehbücher für Krimiserien im britischen Fernsehen bekannt. Diese „Schule“ merkt man dem Roman auch an: Er ist sehr dialogstark. Personen und Szenen werden ohne Umschweife mit präzisen Worten skizziert. Die Handlung läuft wie ein Film vor dem Leser ab. Ja, den Roman könnte man sich wunderbar als Fernsehkrimi vorstellen.

Doch obwohl die Personen regelrecht greifbar wirken, bleibt man als Leser den Opfern und den Mordfällen gegenüber eigenartig distanziert. Vielleicht, weil wir Irene Fowler und Claire Meecham nicht selbst „kennengelernt“ haben und nur durch Zeugenbefragungen etwas über sie erfahren? Oder weil die beiden Frauen Zufallsopfer eines Psychopathen zu sein scheinen und es einem im Grunde gleichgültig ist, wer aus diesem gruseligen Panoptikum gestörter Unsympathen schlussendlich dafür hinter Gitter wandert?

Dem Krimi fehlt damit das Geheimnis. Wenn das Böse aus dem geschützten privaten Bereich des Opfers kommt, Motiv und Täter überraschen und entsetzen, berührt das den Leser mehr. Zufallsopfer von Serientätern sind für einen Kriminalroman ungefähr so interessant wie Zufallsopfer von Verkehrsunfällen …

Der Autor wurde für sein Werk vielfach ausgezeichnet, zuletzt von der britischen Crime Writers’ Association mit dem „Diamond Dagger“ für sein Lebenswerk. Und sein Autorenkollege Reginald Hill sagte: „Wenn er noch besser wird, sollen wir anderen ihn vielleicht aus dem Weg räumen“. Keine Frage: Schreiben kann er. Nur dieser Fall hier, der reißt einen einfach nicht mit.



Sankt Bürokratius
Juni 10, 2008, 10:17 am
Filed under: Wahnsinn im Alltag

So … nachdem ich gestern wider Erwarten ohne weiteres Gezicke meine Überweisung vom Hausarzt bekommen habe, bin ich heut Früh zum Facharzt gelatscht zwecks Ausstellung eines Rezepts. 20 Minuten über die Felder in die Kreisstadt, 10 Minuten Wartezeit in der Praxis, 30 Minuten zu Fuß zur Stadtbahnhaltestelle …

Was ist das nur immer für ein Aufwand und Gedöns für ein Medikament, das ich seit 30 Jahren nehme? Einmal faxen, zweimal anrufen, dreimal freinehmen, dreimal wo hinlatschen, Stunden damit verbaseln und eine ganze Woche lang das Timing im Hinterkopf behalten. Wenn jemand immer dasselbe einnimmt, sollte das auch online organisierbar sein. Meine Untersuchungstermine hab ich ja eh, nur lassen die sich irgendwie nicht mit dem Medikamentenverbrauch synchronisieren.



Unser Kater wurde Vater!
Juni 9, 2008, 2:15 pm
Filed under: Tierisches

Unser Maine-Coon-Kater Yannick war im Frühjahr auf „Dienstreise“ in der Cattery, aus der er kommt: http://www.merryborn.de. Auch wenn er erst nicht so recht wusste, was die hübsche Katzendame Anjouli von ihm will, nach einer Weile hat er es doch kapiert.

Am 21. Mai 2008 kamen die Resultate dieser Dienstreise zur Welt, die auf dem Foto hier knapp 3 Wochen alt sind. Hier seht ihr Katzenmama Anjouli mit den Kitten Frodo, Firefox, Filomena, Fantomas und Femme Fatale beim Mittagessen.

Das hier ist der Papa, Merryborns Yannick.

Und das ist Söhnchen Fantomas, ganz der Vater.

Hier eins der Schwesterchen:

Brüderchen Firefox

Und hier seht ihr ein voll besetztes „Miezhaus“: ein paar erwachsene Mittglieder aus dem Hause Merryborn. Als die schöne Schwarzweiße die Kamera bemerkte, setzte sie sich in Positur. Falls Deutschland je die Superkatze suchen sollte … hier wären ein paar viel versprechende Kandidaten.

Irgendwann mal wird’s hoffentlich auch eine Langversion der Geschichte von Yannick und seinen Kindern geben. Aber derzeit komme ich wieder mal zu nix. Auch wenn die Kitten gar nicht bei mir aufwachsen. Ich bin nur die „Katzenoma“, die gelegentlich zu Besuch kommt und sagt: „Mensch, seid ihr aber groß geworden!“



Doktorzirkus, drölfzigster Teil
Juni 6, 2008, 8:13 am
Filed under: Wahnsinn im Alltag

Als dieser Tage eine Bekannte von den organisatorischen Schwierigkeiten erzählte, die sie bei der Beschaffung eines Routinerezeptes hatte, dachte ich, na klasse, den Doktorzirkus haste auch bald wieder vor dir.

Am Montag dieser Woche habe ich, wie mein Hausarzt es vorschreibt, meinen Überweisungswunsch schriftlich mindestens einen Arbeitstag vor Abholungstermin eingereicht. Am Dienstag dauerte eine Besprechung bei uns in der Firma länger als geplant, da hat es mir nicht zum Abholen gereicht. Mittwoch Nachmittag ist zu. Gestern nun bin früher von der Firma weg, damit es mir reicht, bis 19 Uhr beim Doc zu sein.

Naiverweise habe ich mich wieder einmal drauf verlassen, dass die Öffnungszeiten, die ins Schild graviert, auf die Visitenkarten gedruckt und im Internet publiziert sind, auch tatsächlich eingehalten werden.

Ich hätte es besser wissen müssen. Kurz vor siebene nähere ich mich der Praxis und überlege, was wohl diesmal der problemlosen Rezeptaushändigung entgegenstehen könnte. Fax verbaselt? Formfehler begangen? Laden zu? Und, ei guck: Ein Schild hängt an der Tür: Heute endet die Sprechstunde schon um 18 Uhr. In dringenden Fällen wenden Sie sich bitte an Dr. Sowieso im Nachbarort.

Ja, ganz klasse, weil ich in jetzt fünf Minuten dort bin!

Es passiert mir heuer schon das dritte Mal, dass ich bei meinem Hausarzt vor einer unangekündigt früh oder gänzlich geschlossenen Praxis stehe. Öffnungszeiten sind für mich Öffnungszeiten und keine unverbindlichen Vorschläge. Aber was soll man machen? Sich jedes Mal telefonisch vorab vergewissern? Albern, aber wahrscheinlich notwendig.

Sitzt man dort im Wartezimmer, klingeln an der Rezeption auch so schon unausgesetzt die Telefone. Mindestens eine der Girls kommt gar nicht von der Strippe weg. Wenn jetzt auch noch alle die anrufen, die nur mal rasch wissen wollen, ob heute ausnahmsweise die regulären Öffnungszeiten gelten oder eher doch nicht, ist das doch extremst lästig für alle.

Der Gatte hat bei seinem Doc die Überweisung innerhalb von Minuten. Ich muss eine bis vier Wochen und mehrere Metzgersgänge einplanen. Aber als Holzklassepatient kann man wohl nicht meckern, da muss man froh sein, wenn sie einen überhaupt behandeln. Wenn sie an mir nix verdienen, habe ich wohl das Recht verwirkt, mich als Kunde fühlen zu dürfen.

Und, nein, ich kann mich nicht privat versichern. Ich bin behindert, die winken alle dankend ab. Oder ich, bei den horrenden Beiträgen …

Ob es mir wohl gelingen wird, meine Überweisung zu bekommen? Ich werde berichten. Fortsetzung folgt …

Geschlossen

Foto: © Gerd Altmann (geralt) /Pixelio



Jorun Thørring: Schattenhände. Mord in Paris – Orla Os ermittelt. Kriminalroman
Juni 2, 2008, 5:14 pm
Filed under: Bücher

Jorun Thørring: Schattenhände. Mord in Paris – Orla Os ermittelt. Kriminalroman. OT: Skyggemannen. Aus dem Norwegischen von Sigrid Engeler. München 2008, dtv Deutscher Taschenbuchverlag. ISBN 978-3-423-24640-8, 384 Seiten, Format 13,5 x 21 x 3 cm, Euro 14,00 [D] 14,40 [A] sFr 24,40.

Die norwegische Gerichtsmedizinerin Orla Os ist vor 17 Jahren als Studentin nach Paris gekommen. Hals über Kopf hat sie dort den französischen Juristen Alain Chenu geheiratet, ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie bedeutend und vermögend seine Familie wirklich ist.

Dem Paar ist leider kein langes Glück beschieden. Seit acht Jahren ist Orla nun schon Witwe. Zum Erstaunen aller Bekannten ist sie nach dem Tod Alains nicht nach Norwegen zurückgekehrt sondern in Paris geblieben. Obduktionen macht sie inzwischen keine mehr, sie arbeitet als Sonderermittlerin der Polizei. Auch das erweckt allseits Unverständnis: eine Medizinerin, die ihren Beruf aufgibt um Polizistin zu werden! Doch was die Leute sagen ist Orla Os von Herzen egal.

In ihrer Eigenschaft als Sonderermittlerin ist Orla auch am Tatort, als in einer heißen Juninacht im Hof eines heruntergekommenen Pariser Mietshauses ein junger Mann erstochen aufgefunden wird.

Der Tote ist ein ukrainischer Student der Kunstgeschichte, der in einem der Mansardenzimmer des Hauses gewohnt hat. Doch in mehr als einer Hinsicht ist der Fall seltsam: Niemand scheint etwas über den jungen Mann zu wissen. Keiner hat etwas von der Tat gehört oder gesehen, selbst die Hausbewohner nicht, die gewohnheitsmäßig bei jedem Geräusch ans Fenster eilen und neugierig nachschauen, was sich draußen tut. Weder der versoffene Concierge hat etwas mitbekommen noch die aufgetaktelte alte Dame, Madame Alice Dupont. Schwer zu glauben für die Polizei.

Es kommt noch besser: Es ist nicht nachzuvollziehen, wem die Mansardenwohnungen und die Wohnung des Concierge überhaupt gehören. Auch das ist schwer vorstellbar. Der Papierkram ist lückenhaft, alle Befragten widersprechen einander. Hat denn die ganze Hausgemeinschaft etwas zu verbergen?

Auch mit dem ermordeten Studenten und seinem Landsmann und Kommilitonen, der das zweite Mansardenzimmer bewohnt, stimmt etwas nicht. Keiner von ihnen hat die Berechtigung oder Befähigung, an einer französischen Universität zu studieren. Wo man die beiden jungen Ukrainer im Übrigen auch noch nie gesehen hat. Ihre Beschäftigung mit der Kunst scheint ganz anderer Natur gewesen zu sein: Die Indizien deuten auf den illegalen Handel mit geschmuggelten Ikonen hin.

Die einzig brauchbare Spur in dem Fall wäre ein Fingerabdruck, den der Täter am Tatort hinterlassen hat – doch der ist in keiner Kartei verzeichnet.

Das alles macht den Fall für Orla und ihre Kollegen, den vierschrötigen Marchal und den eifrigen Neuen, Roland, ziemlich frustrierend.

Überhaupt scheint Orlas Leben recht frustrierend, einsam und trostlos zu sein. Vor lauter Arbeit kommt sie kaum zum Einkaufen, geschweige denn zum Kochen. Und natürlich bleibt erst recht keine Zeit für die Pflege von Freundschaften. Sie ernährt sich von Snacks und Fast Food und hat so gut wie keine privaten Kontakte, außer zu ihren Kollegen und, mehr aus Pflichtgefühl denn aus Neigung, zur Familie ihres verstorbenen Mannes.

Zumindest in Orlas Privatleben gibt es nun einen Lichtblick: Auf einer Cocktailparty, zu der Orla notgedrungen ihren Schwiegervater begleiten muss, weil ihre Schwiegermutter verhindert ist, lernt sie den attraktiven und charismatischen Winzer Pascal Bernachon kennen. Auch er ist sehr angetan von ihr, und aus dem Flirt entwickelt sich rasch eine Beziehung.

Orla schwebt im privat siebten Himmel. Beruflich ist es eher die Hölle: Der Mordfall am ukrainischen „Studenten“ gestaltet sich nach wie vor zäh. Und nicht nur das: Es gibt weitere Mordfälle nach demselben Muster. Und der Täter muss über Insider-Wissen der Polizei verfügen. Immer, wenn die Ermittler einen wichtigen Schritt weiter zu kommen scheinen, stirbt der potenzielle Zeuge, Informant oder Experte eines unnatürlichen Todes, noch ehe er seine Aussage machen kann.

Ein weiterer „Student“ wird ermordet aufgefunden und eine Wissenschaftlerin, die für die Polizei ihre privaten Kontakte anzapfen wollte. Auch ein Kenner der Antiquitätenszene kommt nicht mehr dazu, sein Wissen preiszugeben.

Gibt es einen „Maulwurf“ bei der Polizei? Oder woher hat der Mörder sonst seine Informationen? Was weiß man eigentlich über den neuen Kollegen, Roland? Und ist der nächtliche Überfall auf Orla Os ein Vergewaltigungsversuch an einem Zufallsopfer, oder hat auch das mit dem Fall zu tun?

Wie hängt das alles zusammen? Sagt überhaupt irgendjemand im Umfeld dieses Falls die Wahrheit? Wer ist der Drahtzieher, der jetzt seine Handlanger aus dem Weg räumt und alle, die ihm durch ihr Wissen gefährlich werden können?

Beharrliche Recherchen bringen die Wahrheit schließlich ans Licht. In einem schockierenden und packenden Finale wird offenbar, dass hier so manch eine Person nicht das ist, was sie zu sein vorgibt. Die Ehrbaren sind nicht ganz so ehrbar, die Vornehmen nicht ganz so vornehm. Einige schweigen, andere lügen und manch einer hat keine Ahnung, in welche üble Geschichte er hier verstrickt ist.

Es ist ein Morast aus Lügen und Geheimnissen, dessen Ursprung weit in der Vergangenheit liegt und der im Lauf der Jahre immer mehr Verbrechen nach sich gezogen hat. Und auf mehr als nur eine Weise hat dieser schreckliche Fall Einfluss auf Orla Os’ Leben …

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Man fragt sich, warum Orla Os ihre hochnäsige Schwieger-Mischpoche nicht einfach zum Teufel jagt. Seit mehr als einem Jahrzehnt rümpfen die Chenus die Nase über sie und behandeln sie wie eine dahergelaufene ausländische Goldgräberin, die eben leider irgendwie zur Familie gehört. Doch es ist unter anderem dieses Doppelleben, das die Figur so interessant macht. In der einen Welt ist Orla die unkonventionelle, hart arbeitende und einsame Polizistin, in der anderen, wenn auch nicht ganz freiwillig, ein Mitglied der Oberen Zehntausend. Gerade das könnte ihr Einblicke und Kontakte verschaffen, die der Durchschnittspolizist nicht hat.

Was bei Anne Perrys Inspektor Pitt und bei Donna Leons Commissario Brunetti und deren jeweiligen High-Society-Schwiegerfamilien bestens funktioniert, könnte auch für Jorun Thørring und ihre neue Serienheldin Orla Os zum Erfolgsrezept werden. Die Geschichten um die norwegische Gerichtsmedizinerin sind jedoch deutlich düsterer, härter und bodenständiger als die von Perry und Leon. Und sie sind fernab jeglicher Betulichkeit. Es ist wirklich nur das Genre und die Schwiegerfamilien-Konstellation, das diese drei Reihen gemeinsam haben.

Und sollte Orla Os eines Tages die Nase voll haben und ihren arroganten Verwandten den Rücken kehren, macht sie sicher auch ohne sie einen guten Job. Dafür wird ihre Autorin Jorun Thørring schon sorgen.

Jorun Thørring, 1955 in Tromsø, Norwegen, geboren, ist Gynäkologin und hat eine Praxis in Trondheim. „Schattenhände“ ist ihr Krimidebüt.