Wahnsinn im Alltag


Katharina Münk: Die Insassen – Roman
November 30, 2009, 10:20 am
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Katharina Münk: Die Insassen – Roman, München 2009, Deutscher Taschenbuch Verlag dtv, ISBN 978-3-423-24752-8, 215 Seiten, Format: 13,5 x 21 x 2 cm, EUR 13,90 [D], EUR 14,30 [A], SFR 24,20.

Drei Topmanager und eine Chefsekretärin lernen einander in der Psychiatrie kennen und beschließen aus unterschiedlichen Motiven, die Anstalt zu sanieren und an die Börse zu bringen. Wie lange kann es wohl dauern, bis von den Geschäftspartnern da draußen jemand bemerkt, dass er es hier nicht mit dem normalen Wahnsinn des Alltags zu tun hat sondern mit psychisch Erkrankten?

Dr. Wilhelm Löhring ist ein Meister der Verdrängung. Dass er einen Aufhebungsvertrag unterschrieben hat und nicht mehr im Vorstand einer Versicherungsgesellschaft tätig ist, übergeht er und erscheint einfach weiterhin im Büro. Als er auch noch erwähnt, auf Wiedereinstellung klagen zu wollen, erklärt Ex-Vorstandskollege Förster: „Du hast ja eine Vollmeise, Wilhelm! Ich rufe jetzt deine Frau an! (S. 20) Frau Löhring sieht das genauso, und der Gatte landet im exklusiven und diskreten psychiatrischen Privatbereich der St. Ägidius-Klinik.

Das Dumme ist, dass Löhring denkt, seine Frau habe die Klinik gekauft und er sei dort um sie zu sanieren. Schon träumt er einer weltweiten Privatklinik-Kette und dem Börsengang. Auch wenn er im Innersten ahnt, dass irgend etwas mit ihm nicht stimmt.

Löhring kommt in eine „Bezugsgruppe“ mit Keith Winter, dem Star unter den Private-Equity-Managern, dem eines Tages alles zu viel geworden ist. Erst hat er in rasender Wut das Navigationsgerät seines Mietwagens zusammengetreten, weil es ihn in die Irre geführt hat. Dann hat man ihn ohne Schuhe am Fahrbahnrand sitzend aufgefunden, wo er Autos zählte. So ist auch er in St. Ägidius gelandet.

Dass er krank ist und die anderen auch, das ist ihm vollkommen klar. Der kognitive Verstand funktioniert, nur sein Verhalten grenzt ans Autistische. Er kann seinen Mitmenschen nicht mehr in die Augen sehen und seine Kommunikation beschränkt sich auf Stichwörter, die für seine Gesprächspartner nicht unbedingt einen Sinn ergeben. Halt findet er bei Zahlen, ob er nun Kieselsteine zählt oder die Kügelchen in seinen Medikamentenkapseln.

Dritter im Bunde ist Hubert Wienkamp, der ehemalige Personalchef eines großen Beratungsunternehmens. 20 Jahre seines Lebens hat er einfach vergessen, hat die Zeit, in der er ein professionelles Arschloch war, von seiner Festplatte gelöscht und sich neu erfunden. Jetzt ist er auf eine onkelhafte Weise nett und geschwätzig und hält sich für einen Seelsorger. Oder, wie er sagt: für einen Soul Manager.

Eine Chefsekretärin gehört auch zur Gruppe, und die hat noch am meisten Bodenhaftung von allen. Karin Schlick, Ende 30, hat irgendwann keinen Sinn mehr darin gesehen, ihren ebenso unfähigen wie undankbaren Chef zu bemuttern. Als er einen besonders dämlichen Spruch reißt, rastet sie aus und schüttet den Inhalt eines Lochers über ihn aus. „Er stand da wie die Freiheitsstatue in der Schneekugel, regungslos vor Entsetzen, inmitten eines weißen Konfettiregens, und es rieselte bis in die letzte Ecke seines Büros.“ (S. 106). Eine herrliche Vorstellung! Danach lässt sie sich in die Psychiatrie einweisen.

Als Wilhelm Löhring seine Therapiegruppenmitglieder mit der Idee von der Gründung einer St.-Ägidius-Sanatorien-AG konfrontiert, fallen die Reaktionen sehr unterschiedlich aus. „Soul Manager“ Wienkamp, bei dem nicht klar ist, wie viel von der Realität noch zu ihm vordringt, sagt seine Mitwirkung zu, um Löhring einen Gefallen zu tun. Der nahezu autistische Keith Winter hat mehr Interesse an der Arbeit im klinikeigenen Gewächshaus und betrachtet Löhrings Projekt als Testfall: Wenn dieses verrückte Vorhaben funktioniert, dann ist das Geschäftsleben derart meschugge, dass er damit für den Rest seines Lebens nichts mehr zu tun haben will.

Chefsekretärin Karin Schlick hält das „Projekt Bad Homburg“ für komplett irrsinnig. „Wie wollen Sie denn den Börsengang an der Führungsgremien vorbei durchziehen? Das fliegt doch auf. Das wird ja die reinste Wahn-AG!“ (S. 115) Nach einigem Zögern beschließt sie dennoch mitzuspielen und das ganze als Arbeitstherapie zu betrachten. Sie wird den Jungs – und sich selbst – beweisen, wozu sie fähig ist. Und vielleicht besteht ja der einzige Unterschied zu ihren früheren Jobs ohnehin nur darin, dass sie diesmal weiß, dass sie an der Vorspiegelung falscher Tatsachen, Bilanzbetrug, Urkundenfälschung und Lügen beteiligt ist.

Mit einem gefundenen Blackberry, dem Stationslaptop, Karins Insiderwissen aus ihrer stundenweisen „Arbeitsbelastungs-Probe“ im Büro der Klinikleitung und mit Löhrings alten Kontakten machen sich die vier ans Werk und legen dabei eine gehörige Portion Improvisationstalent, Chuzpe und kriminelle Energie an den Tag.

Kann der Coup tatsächlich gelingen? Merkt wirklich niemand da draußen, dass er es hier nicht mit dem normalen Irrsinn der Geschäftswelt zu tun hat sondern mit Windeiern und deren Wahnvorstellungen? Und ist man innerhalb der Klinik tatsächlich so naiv und unorganisiert, dass niemand erkennt, was die Patienten unter dem Deckmantel der „kognitiven Verhaltenstherapie“ treiben? Ein dummer Zufall weckt das Misstrauen des Bankers Christian Steinfeld. Ist jetzt alles aus? Lässt er die Bombe platzen? Das darf nicht sein! Löhring und seine Gruppe laufen noch mal zu ganz großer Form auf …

Es ist immer eine Gratwanderung, komische Geschichten mit psychisch erkrankten Protagonisten zu erzählen. „Hihihi. guck mal, der Bekloppte!“ – das wäre diskriminierend und denkbar unwitzig. So läuft es hier zum Glück nicht. Die Komik entsteht aus dem Zusammenprall von objektiver und subjektiver Realität. Der eine glaubt, er sei der Chef, der andere sieht ihn als Patienten, und konsequent redet man aneinander vorbei. So kommt es zu allerlei für den Leser vergnüglichen Missverständnissen und zu einem Durcheinander, das streckenweise an klassische Verwechslungskomödien erinnert.

Stets schwebt auch die Frage im Raum wo eigentlich die Grenze zischen Normalität und Wahn verläuft. Nicht nur Keith Winter gewinnt den Eindruck, dass es in der Geschäftswelt weitaus irrer zugeht als in der Psychiatrie. Wer sich in der freien Wirtschaft herumtreibt und vielleicht schon mal mit dem Private-Equity-Zirkus in Berührung kam, wird für diese Ansicht Verständnis haben – und sich oft genug an Szenen aus dem eigenen Berufsleben erinnert fühlen.

Katharina Münch liefert hier keine tiefgründigen Charakterstudien ab. Aber das war sicher auch nicht ihre Intention. Die Geschichte ist ein Gedankenspiel: Was geschieht, wenn Wahnsinn auf Wirtschaft trifft – und wer gewinnt? Die Umsetzung ist ihr auf amüsante Weise gelungen. Und man wird sich fortan fragen, ob der eine oder andere Mitmensch, mit dem man es beruflich zu tun bekommt, nicht vielleicht aus St. Ägidius kommt …

Die Autorin
Katharina Münk ist Chefsekretärin und Autorin von „Und morgen bringe ich ihn um! Als Chefsekretärin im Top-Management“ (2006), das in kürzester Zeit zum Bestseller wurde.



Mia Bernstein: Erdbeerflecken
November 27, 2009, 1:29 pm
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Mia Bernstein: Erdbeerflecken – Kurzgeschichten mit Illustrationen von Michaela von Aichberger, Düsseldorf 2009, Verlag klare Texte und Bilder, ISBN 978-39809599-5-7, 134 Seiten, Format 12 x 17,8 x 1,2 cm, EUR 12,90.

Formal gesehen sind die „Erdbeerflecken“ eine Sammlung von Kurzgeschichten. Das Ungewöhnliche daran ist die Art, in der sie erzählt werden: in kurzen, knackigen Sätzen, von denen manche schon als Aphorismen durchgehen können. Es wird auch nicht rein linear ein Handlungsablauf wiedergegeben, Mia Bernstein bildet Assoziationsketten, macht Gedankensprünge. Es ist, als würde man der Autorin live beim Denken zuhören.

Gedichte, oft mit versteckten Reimen, sind den Geschichten vorangestellt, rahmen sie ein oder unterbrechen sie optisch. Inhaltlich bringen sie die Gedanken und Gefühle der jeweiligen Protagonistin auf den Punkt.

Manche der Geschichten haben verschiedene Ebenen. Die eine beschreibt den äußeren Ablauf des Geschehens, die andere das, was sich im Kopf der erzählenden Person abspielt. Dadurch bekommen die Texte einen ungeheuer persönlichen Charakter. In manchen der Gedankengänge erkennt man sich wieder und denkt sich: „Endlich sagt’s mal jemand!“

Zu gerne würde man ja wissen, was in dem Buch wirklich autobiographisch ist uns was erfunden. Das ist natürlich die pure Neugier, denn für das Verständnis der Geschichten hat es keine Bedeutung. Vielleicht ist es eine Nebenwirkung derart intim wirkender Texte, dass sie beim Leser eine geradezu ungehörige Wissbegier in Bezug auf den Autor hervorrufen.

Die Geschichten handeln von Beziehungen und Verlusten, vom Leben und vom Sterben, von Träumen und dem Sinn des Lebens. Es empfiehlt sich nicht, das Buch flüchtig „nebenher“ zu konsumieren, ein bisschen Zeit und Konzentration erfordern die Texte schon. Manches erschließt sich erst beim zweiten Lesen. Aber es lohnt sich, sich darauf einzulassen.

Wer sich nach dieser Beschreibung noch kein so rechtes Bild von dem Buch machen kann, dem hilft vielleicht eine Kurzvorstellung der einzelnen Storys:

Rote Wand: Von der Wandfarbe bis zum Sinn des Lebens wandern die Gedanken der Erzählerin. Wird sie sich aufraffen können, die Schlafzimmerwand knallrot zu streichen, ehe sie aus der Wohnung wieder auszieht? Und warum ist man eigentlich zu Fremden netter als zu den Menschen, zu denen man „ich liebe dich“ sagt?

Erdbeerflecken: Beziehungen sterben am Frühstückstisch, da ist sie sich sicher. Früher wollte sie so gewöhnlich sein wie Erdbeermarmelade, denn als sie noch ungewöhnlich war, war sie unglücklich. Aber ist der Umkehrschluss zulässig?

Bootsfahrt: Als sie sich in ihn verliebt, kneift er. Sie verlieren sich aus den Augen. Zehn Jahre später schreibt sie ihm einen Brief. Ist es nun zu spät fürs Glück?

Leitplanken: Er will für drei Tage in die Provence fahren – ohne sie. Sie zählt schon die Tage bis zu seiner Rückkehr, noch ehe er überhaupt abgefahren ist und hinterfragt seine Motive. Aus dem geplanten Kurztrip wird eine Beziehungskrise …

Spiel.Er.Ei: Sie ist 18 und hat eine Affäre mit einer Diskobekanntschaft, bei der sie eigentümlich distanziert bleibt. Ein Spiel der Körper, das die Seele nicht berührt.

Flüstern im Wald: Am Flussufer beobachtet sie eine einzelne Ameise. Rennt sie ziellos umher oder ist ihr Ziel nur für einen Außenstehenden nicht zu erkennen? Weiß sie, was sie will? Ist sie absichtlich allein, weil das manchmal besser ist? Und wie sieht es eigentlich mit den Zielen und Wegen der Erzählerin aus? „Ameisen und Menschen, ein komischer Haufen,“ findet sie. (S. 53)

Waschanlage: Ganz ungewollt tauchen in einer Alltagssituation Gedanken an den verstorbenen Vater auf. Die Erzählerin fühlt sich verlassen seit seinem Tod. „Kinder sollten von allein gehen, Eltern bleiben. Zu schön ihre bedingungslose Liebe, die wir so nie wieder erfahren werden.“ (S. 61)

Vorhang zu! Bei der Beerdigung der Mutter denkt sie über deren Leben nach: „Mit sechsundfünfzig Jahren war sie in der Mitte ihre Lebens, das aufregender, trauriger und anstrengender war als viele andere Leben zusammen. Sie war Mensch, Frau, Geliebte, Getriebene, Gejagte, Gefangene. Spinnerin, Malerin, Bäckerin und Gärtnerin und Mutter. Und ich war mir nicht sicher, ob sie sich selbst das Leben nicht am schwersten machte.“ (S. 66)

Lilien. Weiß. Was geht einer Frau durch den Kopf, die gerade vom Lebensgefährten nach Strich und Faden verprügelt wird? Verblüffendes!

Ankommen: Kurz bevor er zu einer Reise aufbricht, träumen beide von seinem Tod. Er lässt ihr seinen Glücksbringer da, und das Unheil nimmt seinen Lauf …

Vertrauen: Zwei Schwestern im Rentenalter fragen sich, ob ihr Leben besser verlaufen wäre, wenn ihre Mutter sie geliebt hätte.

Schuldig! Sofie Heinen verklagt das Leben wegen entgangener Chancen, fehlender Liebe, ausgebliebenem Erfolg und enttäuschter Träume. Und was hat es zu seiner Verteidigung zu vorzubringen? Zehn Minuten unverständliches Genuschel! Das Urteil ist eine Überraschung für alle …

Regenschirm: Es regnet in Strömen … Müll, schlechte Gefühle, blöde Gedanken. Seit ihrer Kindheit hat die Erzählerin keinen Schirm mehr besessen, ist immer schutzlos durch den Regen gelaufen. Jetzt kauft sie sich einen – und führt ihn einer ungewöhnlichen Verwendung zu. Die Mitmenschen staunen, doch der Leser versteht.

Kaffe. Schwarz: Nach zwanzig Jahren findet sie ihr altes Tagebuch wieder und stellt fest: Viel hat sich nicht geändert seit damals. Ist es Zeit für ein neues Leben?

Minimalistisch und manchmal rätselhaft sind die dreifarbigen Illustrationen, die die Grafik-Designerin und Künstlerin Michaela von Aichberger für dieses Buch angefertigt hat. Das passt zu den Geschichten und rundet das Buch zu einem Gesamtkunstwerk ab.

„Erdbeerflecken“ ist sicher keine einfache Kost. Es ist ein außergewöhnliches, emotionales, sehr persönliches und berührendes Buch. Wer sich darauf einlassen kann und mag und wer Freude an einer gleichzeitig pointierten und poetischen Sprache hat, wird sicher Gefallen daran finden.

Die Autorin
Mia Bernstein, Jahrgang 1970, lebt und arbeitet in Hamburg. »Gedankenscrabble« nennt sie selbst ihre Art zu schreiben.

Die Illustratorin
Michaela von Aichberger, Jahrgang 1967, lebt und arbeitet in Erlangen als freie Grafik-Designerin und Künstlerin.



Logos basteln mit supalogo.com
November 25, 2009, 9:07 am
Filed under: Wahnsinn im Alltag

Na, das ist doch ein Tool für so eine graphische Wildsau wie mich: http://www.supalogo.com! Da kann man mit Farben und Schriften herumspielen, auch als schimmerlose Person nicht viel falsch machen und sich ein Logo zusammenfummeln.

Ich glaub’, das hier gefällt mir am besten. Die Schrift hat so was leicht Irres:

Weitere ansehnliche Varianten:



Gregor Schürer: Dschingel bellt – Geschichten für die Weihnachtszeit

Gregor Schürer: Dschingel bellt – Geschichten für die Weihnachtszeit, Norderstedt 2009 Herstellung und Verlag: Books on Demand GmbH, ISBN 978-3-8391-3915-8, Softcover, 68 Seiten. Format: 14,8 x 21 x 0,5 cm, EUR 4,90.

Weil der Autor bei seinen Lesungen immer wieder gefragt wird, ob es seine Weihnachtsgeschichten denn auch als Buch gebe, die Stories aber bislang „nur“ in verschiedenen Zeitungen, Zeitschriften und Kurzgeschichtensammlungen verstreut publiziert wurden, hat er sie nun zu einem weihnachtlichen Band zusammengefasst.

14 Geschichten sind es, entstanden in einem Zeitraum von 22 Jahren: Humorvolles, Skurriles, Himmlisches, Tierisches, Geheimnisvolles rund um die besinnliche Jahreszeit. Und manche Beiträge sind einfach zum Weinen schön.

Die Zugfahrt: Wo ist der bärtige alte Herr hingekommen, der eben noch mit dem jungen Vater zusammen im Zugabteil saß? Ist da Übernatürliches im Spiel?

Der Weihnachtsspaziergang: Beim Gassigehen mit dem Hund bleibt ein Mann vor einer Krippe im Schaufenster stehen. Dass das Jesuskind ihn angelächelt hat, das muss er sich eingebildet haben. Oder?

Ein unvergessliches Weihnachtskonzert: „Unmöglich, diese Banausen mit ihren schnurlosen Telefonen!“, regt sich der Erzähler auf, als so ein wichtigtuerischer Jungmanager das Weihnachtskonzert mit dem Klingeln seines Handys stört. Doch es kommt noch schlimmer! – Warum dieses Konzert dem guten Mann unauslöschlich in Erinnerung bleiben wird und weshalb er nichts davon seiner Familie erzählt, verrät uns der Autor in dieser amüsanten Geschichte.

Frohe Weihnachten, Nummer 13.497: Oma Schulte verbringt die Weihnachtsfeiertage notgedrungen allein, die Familie wohnt einfach zu weit weg. Hat wirklich soeben ein durchgefrorenes Weihnachtsengelchen bei ihr ans Fenster geklopft?

Es schneit nicht im August: Die kleine Susanne ist todkrank und freut sich schon so auf Weihnachten. Das kommende Weihnachtsfest wird sie aber aller Voraussicht nach nicht mehr erleben.

Der Gameman: Keinen Gameboy, sondern einen Gameman wünscht sich der neunjährige Cornelius zur Weihnachten. Doch der viel beschäftigte Vater versteht die Botschaft nicht …

Dschingel bellt: Moos für die Weihnachtskrippe wollen Vater und Tochter im Wald holen. Dabei finden sie jedoch etwas ganz anderes. Nachdem man diese Geschichte gelesen hat, wird man beim Weihnachtslied „Jingle Bells“ auf einmal ganz merkwürdige Assoziationen haben …

Gefrorene Sterne: Die kleine Sabine kann nicht einschlafen. Da taucht eine geheimnisvolle Gestalt in ihrem Zimmer auf und bietet an, ihr eine Frage zu beantworten, auf die noch nie jemand Auskunft geben konnte …

Horn-Sivan und das frierende Jesuskind: Sivan heißt der Ochse, der im Stall zu Bethlehem Zeuge von Christi Geburt wird. Gerne würde er das frierende Kind wieder zudecken, aber mit seinen ausladenden Hörnern kann er das heruntergefallene Tuch nicht aufheben. Da naht himmlische Hilfe – und die hat unerwartete Folgen.

Das entlaufene Pferd und der doofe Otto: Was die vierjährige Nora noch nicht versteht, das reimt sie sich zusammen. Dabei kommt’s zu allerlei putzigen Missverständnissen. Ihr Vater staunt, ihr Bruder wundert sich – und der Leser schmunzelt.

Heilig Abend 2106: Was wäre, wenn Jesus in 100 Jahren noch einmal auf die Welt käme? Der Autor entwickelt ein skurriles und durchaus vorstellbares Szenario.

Die geheimnisvolle Dose: Was bewahrt Oma nur in der Porzellandose auf ihrem Nachttisch auf? Den Schlüssel zur Vorratskammer vielleicht? Dort lagern die Weihnachtsplätzchen. Eines Nachts fast sich der kleine Enkel ein Herz, krabbelt aus dem Bett und sieht heimlich nach …

Weihnachten ist Muttertag: Anfang Dezember kommt Oma aus dem Krankenhaus und zieht erst einmal zu ihrem Sohn und dessen Familie. Die Enkel sind begeistert: Weihnachtsschmuck basteln, Plätzchen backen Karten spielen – das macht mit Oma noch mal so viel Spaß. Alle freuen sich aufs Weihnachtsfest. Doch das verläuft ganz anders als geplant …

Heilig Abend in Stalingrad, Weihnachten in Kunduz: Soldat Marcel schreibt aus Afghanistan einen Weihnachtsbrief an seinen Großvater, der ihm seinen Glücksbringer aus Stalingrad überlassen hat. Sehr berührend!

Wer stimmungsvolle Weihnachtsgeschichten sucht, der liegt mit dieser abwechslungsreichen Sammlung richtig. Viele der Kurzgeschichten sind auf Lesungen „vortragserprobt“ und eignen sich durch Umfang und Erzählweise bestens dazu, auf Weihnachtsfeiern oder im Familienkreis vorgelesen zu werden. Ob Sie ein jüngeres, älteres oder gemischtes Publikum zum Lachen oder Nachdenken bringen möchten oder ob Sie es zu Tränen rühren wollen: Hier finden Sie für jeden Zweck die richtige Geschichte. Natürlich spricht auch nichts dagegen, dass Sie es sich gemütlich machen und die abwechslungsreichen Weihnachtsgeschichten in aller Stille alleine genießen.

Der Autor:
Gregor Schürer schreibt seit vielen Jahren als Journalist und Autor. Der gebürtige Schwabe lebt mit Frau und zwei Töchtern in Heimersheim an der Ahr (Rheinland-Pfalz). Er hat zahlreiche Geschichten in Anthologien veröffentlicht und diverse Preise und Auszeichnungen erhalten.



Bilder abgeraucht
November 23, 2009, 10:07 am
Filed under: Wahnsinn im Alltag

Zu Anfang meiner Blog-Zeiten habe ich Bilder auf verschiedenen free-hosting-Servern abgelegt. Da isses eine Frage der Zeit, bis die abrauchen, den Geist oder den Dienst aufgeben oder sonstwie keinen Bock mehr darauf haben, die Bilder länger vorrätig zu halten.

Gestern hab ich zufällig gesehen, dass das, was ich noch bei xs.to gespeichert hatte, nicht mehr angezeigt wird. Vier Katzenartikel und vier Buchbesprechungen sind derzeit unbebildert, soweit ich das überblicke. Ich arbeite daran, die verschwundenen Bilder neu zu laden.



Tom Liehr: Pauschaltourist
November 17, 2009, 12:31 pm
Filed under: Bücher

Tom Liehr: Pauschaltourist, Berlin 2009, Aufbau Verlag, ISBN 978-3-7466-2533-1, 335 Seiten, Softcover, 11,5 x 19 x 2,2 cm, EUR 8,96 (D), EUR 9,20 (A)

„Ich bin achtunddreißig, lebe mit einer Frau und zwei Katzen zusammen, habe Publizistik studiert und im Nebenfach Literaturgeschichte, arbeite als Hiwi für ein Reisemagazin und hocke in einem gefängnisartige Touristen-Lager, das sich auf einer Insel befindet, die wie ein Atomwaffentestgebiet aussieht. Dazu trinke ich mit Erdöl verschnittenen Wodka und Bier, das vermutlich als Abfallprodukt bei der Kunststoffherstellung gewonnen wird.“ (S. 45)

Nikolas Sender, 38, reißt in der Redaktionskonferenz die Klappe ein bisschen zu weit auf und hat plötzlich einen sechswöchigen Höllenjob an der Backe. Aus dem Mund seines Chefredakteurs hört sich das so an: „Wir könnten jemanden losschicken, der sich nur Pauschalangebote anschaut, vier, vielleicht sogar drei Sterne und weniger. Anonym. Und darüber berichtet. Jeweils eine Woche, mit allem Drum und Dran.“ (S. 21)

Nicks Partnerin auf diesem Horrortrip ist ausgerechnet Nina Blume, die trinkfeste Chefin des Ressorts Weltreisen, die unter Flugangst leidet, eine Vorliebe für geschmacklos-enge Kleidung hat und stets ihren Pudel Bimbo mitschleppt. Na, Mahlzeit, das kann ja heiter werden! Wird es auch, zumindest für den Leser, wenn Nick und Nina samt Pudel mehrere Wochen lang durch die Pauschaltouristen-Hölle gehen.

Gran Canaria: Abgezockt und ausgeknockt
Ihre erste Station ist Gran Canaria. Dort treffen die beiden auf ein merkwürdiges Ritual, das sie fortan begleiten wird: das Reservieren der Hotelliegen am Pool mittels Badetüchern – morgens um halb fünf. Sie begegnen tragischen Figuren wie Jens, der nach einem Schlaganfall Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis hat und seither mit seiner Frau Jahr für Jahr ins selbe Hotel kommt, weil er sich dort noch von seiner Hochzeitsreise her auskennt. Urlaub in der Endlosschleife.

Nach einer Nacht mit einer elfengleichen Schönheit sind Nicks gesamte Wertsachen weg. Dafür hat er nun Filzläuse. Die Ersatzbeschaffung von Laptop und Kamera endet im Fiasko, weil Nick sein Helfersyndrom nicht im Griff hat.

Was ihre Mitmenschen beißt, für den Aufenthalt in so einer Touristen-Massenabfertigungsanlage einen Haufen Geld zu bezahlen und das ganze auch noch toll zu finden, erschließt sich weder Nick noch Nina. Ihr erster Artikel über dieses Reisefiasko schlägt ein wie eine Bombe. Privat läuft’s eher bescheiden: Nicks langjährige Lebensgefährtin Silke schickt ihn telefonisch in die Wüste, weil sie einen anderen hat. Sie räumt die gemeinsame Wohnung aus und verschwindet.

Marokko: Fischnudeln und Reptilienschnitzel
Schlimmer kann es nicht mehr kommen, denkt sich Nick, und reist mit seiner Kollegin weiter nach Agadir. Nach diversen haarsträubenden Vorfällen fliegen sie dort aus dem Hotel und landen in einem heruntergekommenen Clubhotel, in dem Fischnudeln, Reptilienschnitzel und graubrauner Matsch serviert werden Das jedenfalls ist Nicks Interpretation. Dem Chefanimateur Jacky bescheinigt Nick „die gleiche niederschmetternde Abgerocktheit“ wie dem gesamten Club (S. 144).

Nick und Nina begegnen einer Freundesclique aus Rostock und zwei, äh, Filmproduzenten. Bei einem peinlichen Showauftritt trifft Nick das Komikzentrum des Publikums, beim Bogenschießen trifft er etwas, worauf er gar nicht gezielt hat. Und bei einem Ausflug trifft er auf einen Reiseleiter, der mit missliebigen Gästen kurzen Prozess macht.

Auch der zweite Artikel kommt hervorragend an. „Auf diesem Niveau muss es weitergehen“, befiehlt Chefredakteur Heino Sitz (S. 172), drückt Nick und Nina etwas Schmerzensgeld in die Hand und schickt sie weiter nach Mallorca.

Mallorca: Die Mütter-Mafia schlägt zu
Vor dem Abflug wird Nick noch von seiner Ex Silke abgefangen, die ihm Wichtiges zu sagen hat. Nur wer ihr neuer Lover ist, das sagt sie nicht. Dafür ahnt er, wer Ninas verheirateter Freund ist, den sie auf Mallorca trifft. Und dass der Mann sie verarscht, das ahnt er auch. Nina sieht das natürlich anders. Das könnte Nick zwar egal sein, ist es aber nicht. Die gemeinsamen Erlebnisse in der Touristenhölle haben die beiden Kollegen zusammengeschweißt, und Nick ist klar geworden, dass Nina Blume im Grunde schwer in Ordnung ist.

Auf Mallorca gibt es Ärger mit einer wild gewordenen Mütterhorde, die kollektiv auf einen vermeintlichen Kinderschänder losgeht. Mit Nick geht wieder der gute Samariter durch, und Oliver von Papening, das Müttermobbingopfer, erweist sich als dankbar, wohlhabend und gut vernetzt. Er kennt sogar Nicks und Ninas Chef. „Mutterschutz“ heißt der Artikel, den die beiden über Mallorca abliefern. Und schon sitzen sie im Flugzeug nach Portugal.

Portugal: Angeschmiert und abgeführt
Inzwischen fühlt Nick sich unterwegs wohler als Zuhause, wo nichts und niemand mehr auf ihn wartet, und er kann sich eine Rückkehr an den Redaktionsschreibtisch kaum mehr vorstellen. Im Hotel begegnen sie Barbara, die daheim auch nichts mehr hält, und die von einem Neuanfang an der Algarve träumt. Alles ist ihrer Meinung nach besser als Bielefeld.

Ein junges niederländisches Ehepaar entpuppt sich ebenfalls als nette Bekanntschaft. Weniger erfreulich hingegen verläuft Nicks zufälliges Zusammentreffen mit einer Dame des horizontalen Gewerbes und ihrem Beschützer. Selbst das filmreife Eingreifen des beherzten Niederländers kann da nichts mehr retten: Nick landet im portugiesischen Knast.

Durch Zufall erfährt unser Redakteur nun auch noch, wer ihm Lebensgefährtin Silke ausgespannt hat –und ist wie vom Donner gerührt. Wenigstens Nina ist glücklich. Ihr Lover hat versprochen, sich scheiden zu lassen.

Ägypten: Hühnchen rupfen im Nobelrestaurant
Ägypten ist die letzte Station dieser Touri-Ochsentour. Diese Etappe der Reise beginnt mit einer erfreulichen Begegnung beim Abflug und geht damit weiter, dass jemand gleich nach der Landung Ninas Koffer klaut. Ferner stellt sich die Frage, ob man eine naive Verkäuferin vor einem Heiratsschwindler warnen sollte oder nicht. Die Reise endet mit einem geschickt eingefädelten Showdown, bei dem in einem Nobelrestaurant diverse Personen zusammentreffen, die noch ein Hühnchen miteinander zu rupfen haben. Das hat Konsequenzen …

Kaputte Typen, kaputte Träume
Zart besaitet sollte man für diese Lektüre nicht sein. Hier fallen schon mal deutliche bis derbe Worte. Wer das abkann, wird sich köstlich amüsieren und nicht umhin können, bei der einen oder anderen Szene laut loszulachen.

Manchmal bekommt man direkt Mitleid mit den schonungslos durch den Kakao gezogenen Urlaubszielen. Nein, möchte man am liebsten ausrufen, so öde und schrecklich ist es dort wirklich nicht! Und gar so kaputt und bescheuert wie im Buch sind die Leute in Wahrheit auch nicht. Oder doch …? Es kommt einem erschreckend vieles bekannt vor. Das Körnchen Wahrheit in den Geschichten hat schon Felsbrockengröße.

Doch das Buch ist mehr als eine saukomische Ballermann-Satire. Die Personen in dem Roman machen sich Gedanken über das Leben, über Ziele, Pläne und Träume. Ihre eigenen, und die der anderen. Freundschaften, Liebes- und Geschäftsbeziehungen werden hinterfragt, in Frage gestellt, beendet oder begonnen. Und am Schluss ist nichts mehr wie es war.

Was aus den Personen (werden) wird, denen Nick und Nina auf ihrem Horrortrip begegnet sind, das erzählt uns der Autor im Epilog. Diese höchst vergnüglichen Ausblicke setzen den abgefahrenen Geschichten in dem Buch noch die Krone auf. Manch einem gönnt man sein Schicksal von Herzen. Bielefeld-Barbara, zum Beispiel. Und auch Emad, dem ägyptischen Hallodri.

Der PAUSCHALTOURIST bietet tierisch komische Unterhaltung mit Sinn und Verstand – und fernab jeder political correctness. Vielleicht sollte man das Buch im Urlaub lesen. Egal, was einem dort dann widerfährt: Es wird einem halb so schlimm vorkommen …



Sie geht nur, wenn keiner hinschaut …
November 9, 2009, 8:33 am
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Unsere Funkuhr in der Küche hat bei der diesjährigen Umstellung von Sommer- auf Winterzeit den Geist aufgegeben. Trotz Austauschs der Akkus weigert sie sich, die korrekte Zeit anzuzeigen.

Irgendwas macht sie aber doch. Aber nur, wenn keiner guckt. Morgens um fünf zeigt sie zehn Uhr, wenn ich gegen 19 Uhr von der Arbeit komme, zeigt sie zwei Uhr und wenn ich zu Bett gehe, ist es bei ihr sechs.

Uhr-zehn

Uhr-zwei

Uhr-sechs

Aber keiner von uns hat sie jemals beim Gehen erwischt. Und jetzt wüssten wir gern: Macht sie in unserer Abwesenheit so richtig brav ein paar Stunden lang ihren Job? Oder rast sie in wenigen Sekunden von zehn auf zwei und von zwei auf sechs? Wir wissen es nicht. Aber mit der nächsten Büromaterialbestellung kommt auch eine neue Funkuhr, die dann hoffentlich wieder das tut, wofür wir bezahlt haben: zuverlässig die Zeit anzeigen.

Balkon-Herbst

Den beiden Jungs da ist es egal, was die Uhr zeigt, sie haben ihren persönlichen Funkwecker eingebaut. Und der sagt morgens um fünf: Frühstückszeit! Werktags, samstags – und am Sonntag auch …