Wahnsinn im Alltag


Einmal aussteigen und zurück – Lebenserinnerungen
Oktober 31, 2008, 1:29 pm
Filed under: Menschliches

Kennen gelernt haben wir uns in einem Internetform, vor rund vier Jahren. Mittlerweile kann ich sagen, der Cäpt’n ist ein Freund von mir. Dass er ein bewegtes Leben geführt hat, war mir schon recht bald klar. Die eine oder andere Bemerkung, Erfahrung oder Anekdote blitzt ja doch durch, wenn man sich über Gott und die Welt unterhält.

Irgendwann mal hat er mir das Manuskript seiner Lebenserinnerungen zukommen lassen, und ich stellte fest: Das war alles noch eine Spur wilder, abgefahrener, schrecklicher und faszinierender als ich es mir über die Jahre zusammengereimt hatte. Und es las sich spannend und, ja, amüsant.

Bis jetzt ist noch kein Buch daraus geworden. Eigentlich schade, aber vielleicht wird’s ja noch. Wir sind mal hergegangen und haben eine Kurzfassung von dieser Lebensgeschichte gemacht, so eine Art Exposee. Weiß der Geier – vielleicht stolpert mal jemand drüber, der damit was anfangen kann. Im Internet ist ja bekanntlich alles möglich.

Foto: © ese_zeta / pixelio

EINMAL AUSSTEIGEN UND ZURÜCK
oder Schutzengels Überstunden
Lebenserinnerungen
(Umfang: ca. 266 Normseiten)

Endlich frei! Nach einer Kindheit und Jugend in einem desolaten Elternhaus, auf der Straße, in Heimen und im Jugendstrafvollzug ist der junge Cäpt`n Flint nun per Anhalter unterwegs in die weite Welt.

Es sind die 60-er Jahre, und der junge Bursche aus Kassel träumt von Love, Peace und Happiness. Er landet in Rom. Er klaut, er schnorrt, er trinkt, er schließt sich einer Hippieclique an. Er lernt die Gesetze der Straße, genießt die Freiheit und die freie Liebe. Wenn gar nichts mehr geht, verdingt er sich als Stricher. Und er erinnert sich an seine Vergangenheit:

Nach seiner Schulentlassung – oder, besser gesagt, nachdem er die Schulbesuche eingestellt hat – jobbt sich Cäpt`n Flint als Hilfsarbeiter durch. Die Eltern finden, dass der Bub eine Ausbildung braucht und schicken ihn zum Schwager in die Lehre. Was sie nicht wissen: Schwager Karl ist tagsüber ein braver Handwerker und nach Dienstschluss als „Mitternachtsschlosser“ unterwegs: Er verübt Einbrüche und nimmt den gelehrigen Neffen mit auf seine krummen Touren. So hat sich Cäpt`n Flint seine Zukunft nicht vorgestellt. Er reißt aus und treibt sich ein paar Wochen auf der Straße herum. Die Polizei greift ihn auf und er wird in ein Lehrlingsheim gesteckt. Pfiffig und freiheitsliebend, wie Cäpt`n Flint ist, hält er sich nicht an die Regeln, sondern stibitzt in einem unbeobachteten Augenblick den Schlüssel einer Lehrkraft und lässt für sich und seine Mitinsassen Duplikate anfertigen. Was nicht lange gut geht …

Von Rom hat Cäpt`n Flint bald genug. Mit Tramperin Helga zieht er weiter nach Genua.

Nach und nach erfährt man mehr über die Kindheit und Jugend des Cäpt`n Flint : Beim Schuleschwänzen wird er zufällig Zeuge, wie eine ältere Frau, die er flüchtig kennt, vom Krankenwagen abgeholt wird. Er nutzt die Chance, in die leere Wohnung einzubrechen, wo er mehr als 6.000,- erbeutet. Hinterher erfährt er sehr zu seinem Ärger, dass da noch viel mehr Bargeld versteckt war. Erste Amtshandlung des nun vermögenden Cäpt`n Flint : Er gönnt sich einen Besuch bei einer Prostituierten.

In Genua versucht Cäpt`n Flint mit Hütchen spielen an Geld zu kommen – und landet im Knast. Nach seiner Entlassung trifft er einen ehemaligen Schulkameraden, der in Genua Urlaub macht. Sie tauschen alte Geschichten aus und beide kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus: Cäpt`n Flint hört zum ersten Mal, welche Gerüchte über ihn zu Hause in Umlauf sind, und der Schulkamerad erfährt, wie es wirklich war.

Cäpt`n Flint hält es nie lange an einem Ort aus. Im September ist er schon wieder mit einem LKW-Fahrer nach Deutschland unterwegs. Er landet im Rheingau, arbeitet erst auf einem Rummelplatz und dann bei einem Hühnerzüchter. Er lernt die 15-jährige Finni und ihre Familie kennen. Für einen kurzen Augenblick scheint es, als würde Cäpt`n Flint sesshaft werden, doch sein Freiheitsdrang ist stärker. Er setzt sich nach Frankfurt ab und macht dort durch einen Freier Bekanntschaft mit der Sado-Maso-Szene. Auch wenn der Verdienst gut ist, Cäpt`n Flint kommt das Ganze so albern wie unheimlich vor und er macht sich heimlich davon.

In Frankfurt gerät er in die Hausbesetzerszene, hat auf einmal eine feste Adresse, eine Freundin und einen Job auf dem Großmarkt. Dieses Leben wird ihm bald zu bürgerlich, und im Herbst 1970 macht er sich auf nach München.

Im legendären Lokal „Picnic“ lernt er die Gammlerszene kennen: Manni, Eisbär, Jägermeister-Charlie, Theo, Hotte, Goldzahn-Uwe, Iwan und den Indianer. „Begierig hörte ich mir an, was da so erzählt wurde. Das war das Leben, das wollte ich seit Jahren. Ich fühlte mich, als wäre ich nach einer langen Reise endlich am Ziel.“

Nach einer Drogenrazzia wandert Cäpt`n Flint für 14 Monate ins Gefängnis. Hier zeigt sich wieder mal, dass Cäpt`n Flint trotz mangelnder Schulbildung ein heller Kopf ist. Er ergattert einen Job als Reinigungskraft und putzt die Büros. Schnell wird er zum bestinformierten Mann im Knast. Er hat nämlich herausgefunden, dass die Beurteilungen der Gefangenen auf Schnelltrennsätze geschrieben werden und dass das Kohlepapier fast so gut zu lesen ist wie das Original. Mit dem Kohlepapier treibt er schwunghaften Handel. Nebenbei formuliert der den Mitgefangenen die Anträge auf die vorzeitige Haftentlassung. Aufgrund der Informationen aus dem Blaupausen weiß er ja, wie die Gefangenen von der Anstaltsleitung eingeschätzt werden. Seine Erfolgsquote liegt bei 100%. Auch er selbst wird gegen eine Bewährungsauflage entlassen und ist sofort wieder auf dem Kiez. Jetzt wird offenbar, was Cäpt`n Flint lange nicht wahr haben wollte: Er ist Alkoholiker.

Sein Job als Spüler bleibt ebenso ein kurzes Intermezzo wie sein Aufenthalt als blinder Passagier im Offenen Vollzug in der Jugendstrafanstalt in Groß-Gerau, sein Einzug bei einer Arztfamilie, seine Lehre als Elektriker oder sein Zusammenleben mit Lissy. Was immer er anfängt, ob Job oder Beziehung, es dauert nicht lange, und er landet wieder auf dem Kiez, im Knast – und neuerdings auch immer öfter im Krankenhaus. Filmrisse wegen des Alkoholmissbrauchs.

Er lernt den Zuchthäuser Horst, genannt Schlö, und einen Juristen mit dem Spitznamen Asbach kennen. Diese beiden bringen ein bisschen Ordnung in sein Leben. Cäpt`n Flint sitzt seine Reststrafe ab und meldet sich zur Entziehungskur in der Klinik in Haar an. Jetzt müssten sie ihm nur eine Frau zum Heiraten vorstellen, meint Cäpt`n Flint scherzhaft zu seinen Freunden. Er ahnt nicht, wie nahe sein Scherz an die Wirklichkeit heranreicht. Nach seiner Entziehung findet er Arbeit in einem Verlag, und nach seiner Hochzeit im November 1971 verliert sich seine Spur in der Bürgerlichkeit.

Obwohl hier ein schweres Schicksal geschildert wird, ist der Lebensbericht an keiner Stelle wehleidig, sondern beschreibt die Begebenheiten schonungslos ehrlich, anschaulich-deftig und humorvoll. Eine authentische Biographie in der Tradition der Schelmenromane.

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Lamentationen
Juli 3, 2008, 11:44 am
Filed under: Menschliches

In der U-Bahn klebt ein Plakat mit einem Gedicht von Heinrich Heine. Ich finde die Zeilen toll. Und weil Herr Heine schon so lange tot ist, werden mir hoffentlich auch die Absahn… äh Abmahnvereine von der Backe bleiben, wenn ich dieses Gedicht jetzt hier reinstelle:

Lamentationen

Das Glück ist eine leichte Dirne
Und weilt nicht gern am selben Ort;
Sie streicht das Haar dir von der Stirne
Und küßt dich rasch und flattert fort.

Frau Unglück hat im Gegenteile
Dich liebefest ans Herz gedrückt;
Sie sagt, sie habe keine Eile,
Setzt sich zu dir ans Bett und strickt.

Heinrich Heine, 1797-1856

Foto: © BirgitH /pixelio



Von Armleuchtern und Lichtgestalten
Juni 15, 2007, 8:58 am
Filed under: Menschliches

Ich bin ein eingefleischter Guru-Hasser. Absolut. Definitiv. Schon immer. Und von ganzem Herzen. Warum hat uns denn die Natur oder Gott der Herr, falls Sie gläubig sein sollten, den Verstand gegeben? Eben. Damit wir ihn benutzen. Selbst. Persönlich. In eigener Regie. Und nicht, damit wir das Denken irgendwelchen Armleuchtern und Armleuchterinnen überlassen, die sich irrtümlich für Lichtgestalten halten. Und die sich die Nase, oder sonstige Körperteile, damit vergolden, dass sie leichtgläubigen Menschen meist gegen Gebühr erzählen, was gut für sie sei.

Selbst ernannte Gurus und Heilsbringer trifft man immer und überall. Wenn man Pech hat, sogar in der Teeküche des eigenen Büros. Ich jedenfalls habe das zweifelhafte Vergnügen. Das muss man sich ungefähr so vorstellen: Ich lass mir fröhlich pfeifend einen Tee aus der Maschine und kippe großzügig Zucker und Milchpulver in das Gebräu. „Ja um Himmels Willen“, kreischt’s da von hinten in mein rechtes Ohr. „Das willst du doch nicht etwa trinken?“ – Ja was denn sonst? Die Füße waschen? Die Blumen damit gießen? – „Weißt du nicht, wie GIFTIG das Zeug ist?“ Es folgt eine längliche schnarchlangweilige Abhandlung über die vermuteten, eingebildeten und tatsächlichen Bestandteile von weißem Zucker und dem büroeigenen Kaffeeweißer. Mit dem Resultat, dass ich seit jener unerfreulichen Begegnung der dritten Art jetzt erst Mal probeweise den Kopf aus dem Büro stecke und prüfe, ob die Luft rein ist, ehe ich ans Kaffee- oder Teekochen gehe. Denn ich will ja was zu trinken haben und keine Lektionen in biologisch, politisch und ökologisch korrekter Nahrungsaufnahme.

Dabei wissen die Bürogurus doch seit vielen Jahren, dass ich an nichts glaube. Mein skeptischer Gesichtsausdruck anlässlich ihrer Vorträge muss doch Bände sprechen. Zeitweise hatte ich schon den Verdacht, dass sie erst mal ein reinigendes Räucherstäbchen schwenken, sobald ich ihr Büro verlassen habe, um damit den Geist des Ungläubigen aus ihren vier Wänden zu vertreiben.

Auch am Feierabend gibt es kein Entrinnen von der Guru-Pest: Schlägst du zur Entspannung eine beliebige Publikumszeitschrift auf oder wirfst das TV-Gerät an, feixen dir da auch die Menschheitsbeglücker von eigenen Gnaden entgegen. Entblößen Jacketkronen im Wert eines Kleinwagens und verkünden dir – hussa, heissa und tschackaaaa! – die allein selig machende Art und Weise, dein Gewicht zu reduzieren, deine Kinder zu erziehen, im Job Erfolg zu haben oder an der Börse blitzartig unanständig reich zu werden. Ich frage Sie: Hat irgendwas davon bei irgendwem schon einmal funktioniert?

In einer amerikanischen Talkshow trat mal ein Gewinnspiel-Guru auf, der dem Publikum weismachen wollte, er wisse, wie man todsicher in der Lotterie gewinne. Die berechtigte Frage einer bodenständigen afroamerikanischen Hausfrau, wie viel er selbst schon gewonnen habe, brachte ihn sichtlich aus dem Konzept. Er wand sich wie ein Aal, um nur ja keine konkrete Antwort geben zu müssen. Ich habe mich köstlich amüsiert.

Nein, ich habe wirklich keinen Bock auf Gurus. Abgesehen davon, dass ich mir ungern das Denken abnehmen lasse, ist es mir ausgesprochen zuwider, mich von ihren Heilsbotschaften unter Druck setzen zu lassen: Ich bin eine schlechte Mutter, wenn mein Kind mit sieben Jahren noch keine Sinfonie dirigieren, keine Haikus dichten und nicht im Handstand laufen kann. Ja, liebe Leut, ich bin Anfang 40, kann nichts davon und lebe auch. Glücklich und zufrieden. Also lasst mich in Ruhe mit eurem Schmarrn! Ich mag auch nicht 45 Minuten am Tag joggen, 20 Minuten meine Gesichtsmuskeln trainieren und auf Dauer Cola und Schokolade abschwören, wie es die Fitness-Gurus in jeder Zeitschrift proklamieren Und ich will mir erst kein schlechtes Gewissen einreden lassen, weil ich keine Lust auf diese Aktivitäten habe. Den Vogel könnt ich kriegen, wenn ich sehe, wie unbedarfte Wellenreiter ohne eigene Meinung auf jeder dieser Guruwellen begeistert mitschwimmen.

Vielleicht, so hab ich mir mal überlegt, sollte ich die allgemeine Gurugläubigkeit nutzen und mich als Antiguru-Guru betätigen. Als Messias des gesunden Menschenverstands. Könnte ja nicht schaden, wenn ein bisschen mehr von diesem raren Gut unter die Leute käme. Meine Botschaft ans Volk wäre jedenfalls klar und einfach: „Selber denken macht froh, Leute! Dazu habt ihr nämlich euer Hirn. Trefft eure eigenen Entscheidungen und steht dazu. Verlasst euch nicht auf andere. Und immer dran denken: Nicht jeder Armleuchter ist eine Lichtgestalt.“

Erschienen bei http://www.feierabend.com
Alle drei Fotos sind von http://www.pixelio.de



Hotelrituale
Juni 14, 2007, 5:15 pm
Filed under: Menschliches

Hübsch hässlich ham die’s hier“, feixt mein Kollege und schaut sich mit unverhohlenem Grausen in der Hotelhalle um. Ich stimme ihm zu und hoffe nur, dass man hierzulande unseren breiten Dialekt nicht versteht – falls man zufällig deutsch können sollte. „Wer stellt nur diese potthässlichen, geblümten Teppiche her?“, wundere ich mich. „Ja, und welcher Hirsch kauft sie?“, fragt sich mein Kollege. „Und was mich am allermeisten interessiert: Wer um alles in der Welt kombiniert sie mit den gestreiften Tapeten und den total anders geblümten Sofas? Und mit den grausigen Vorhängen! Uaah!“ Er schüttelt sich.

„Das beleidigt dein geschultes Designer-Auge, was? Aber die Scheußlichkeiten gehören hier vielleicht zur Corporate Identity. Wenn du hier nachts um zwölfe aus dem Bett fällst, weißt du vielleicht nicht, in welchem Land du bist, aber wenn du auf einem affenhässlichen Blümchenteppich aufschlägst, weißt du immerhin: Es ist Hilton“, lästere ich. „Du bist ein Snob“, sagt er zu mir und lümmelt sich an die Theke der Rezeption. Er nennt lässig unseren Firmennamen, und die Dame am Empfang lockt die dazugehörige Reservierung aus dem PC. Der Kollege verhandelt wegen zahlreicher Sonderwünsche und kämpft mit dem Anmeldeformular. Mich beachtet kein Mensch, und ich muss mich wieder mal eigens bemerkbar machen. Nein, ich bin nicht die Begleitung des Herrn, ich bin ein eigenständiger Workshopteilnehmer, und auf mich ist ebenfalls ein Zimmer reserviert.

Jedes Mal der gleiche Klamauk. Irgendwas mache ich falsch. Unsere elektronischen Zimmerschlüssel in der Hand, verabreden wir uns auf später für einen kleinen Erkundungsgang und verschwinden auf unsere jeweiligen Zimmer. Meins ist genau so garstig eingerichtet wie die Hotelhalle. Der Teppich passt nicht zu den gleichfalls geblümten Vorhängen, und beides beißt sich extrem mit dem Bettüberwurf und den Bezügen der kitschig verschnörkelten Polstermöbel. Ganz automatisch beginne ich mit meinem Ritual der „Inbesitznahme“ meines Hotelzimmers. Reiße alle Türen auf, inspiziere das Bad. Wieder keine Ablage. Wo zum Geier soll ich meinen ganzen Kosmetikkrempel lassen? Na, wenigstens geht das Licht. Und das Waschbecken ist sauber. Und was haben die hier an Shampoo und Seife? Igitt, stinkt. Ah, eine Duschhaube! Die darf ich nicht vergessen mitzunehmen, wenn ich abreise. Unser Kollege daheim sammelt die nämlich.

Da ist auch die obligatorische Kaffeemaschine. Funktioniert die wie überall, oder ist das irgendein abartiges Patent? Ich untersuche sie kurz. Prinzip kapiert, nix Besonderes. Als nächstes ist der Kleiderschrank dran. Genügend Kleiderbügel vorhanden? Nee, natürlich nicht. Und schon gar keine Hosenbügel. Grr. Aber ein Bügelbrett und ein Bügeleisen. Sehr schön. Ach, da schau her, da ist ja das Schild mit den Zimmerpreisen. Waaaaas verlangen die hier offiziell für eine Nacht? Die sind verrückt! Das sind umgerechnet tausend Mark. Pff. Das ist der Kasten mit dem diskreten Charme der siebziger Jahre im Leben nicht Wert. Es muss die Lage sein. Ich hoffe, unsere Organisatoren haben einen sauberen Rabatt ausgehandelt, ehe sie uns hierher geschickt haben. Schließlich muss ich die Kröten vorstrecken.

Tausend Mark! Das glaubt mir daheim kein Mensch. Und ich beschließe, das Schild am Morgen vor meiner Abreise abzumontieren und mit nach Hause zu nehmen. Mit dem Phasenprüfer aus der Laptoptasche müsste es eigentlich abzuschrauben sein… Jetzt ist der Fernseher dran, inspiziert zu werden. Hoffentlich funktioniert die Fernbedienung! Oh, wie nett, da ist ja eine Botschaft unserer Teamleitung auf dem Schirm. Hm. Um halb sieben treffen wir uns an der Bar. Gut, da haben wir ja noch eine Weile Zeit. Deutsches Fernsehen gibt’s hier wohl nicht, oder? Ich zappe mich durch die Programme. Hoffentlich erwische ich nicht aus Versehen einen Pay-TV-Kanal. Die Angst hab ich immer, aber passiert ist es bis jetzt zum Glück noch nie. Es klopft. Das Gepäck kommt. Der Gepäckträger kriegt sein Trinkgeld und zieht freundlich grüßend wieder ab. Hab ich vielleicht zuviel gegeben?

Ich packe meinen Koffer aus und verteile meinen Krempel großzügig über das ganze Hotelzimmer. Mist – ich wollte doch noch Fotos vom Zimmer machen. Mach ich immer. Wenn ich nur einmal dran denken würde, die Aufnahmen zu schießen, BEVOR es in dem Raum ausschaut wie im Zirkus! Meine Arbeitsunterlagen werde ich mir morgen früh noch mal anschauen, nehme ich mir vor. In Hotelbetten kann ich sowieso nicht gut schlafen und werde stets im Morgengrauen wach. Und was ist das hier für ein Gewurstel mit den Bettdecken? Aha, das Übliche: Diverse Lagen von Lappen und Lumpen, die bombenfest unter die Matratze gestopft sind. Das kenne ich schon: am Morgen liegt die eine Hälfte davon auf dem Boden und im Rest hab ich mich rettungslos verheddert.

Ein Blick auf die Uhr. Hat es Sinn, schon daheim anzurufen? Oder kommuniziere ich da nur mit meiner eigenen Stimme auf dem Anrufbeantworter? Hm, noch wird niemand zu Hause sein. Ich probiere es, kurz bevor wir zur Bar gehen. Was muss ich nach Deutschland eigentlich vorwählen? Da werfen wir doch gleich mal einen Blick in die Informationsunterlagen … Na, die waren auch schon mal informativer. Aber die Touri-Broschüre, die nehme ich mit. Die Landkarte ist geil. Da sieht man wenigstens, wo wir hier sind. Wie spät? Es könnte noch schnell auf einen Sprung unter die Dusche reichen, den Reisestaub abspülen. Himmel, immer das Gefummel mit dem heißen und kalten Wasser! Was haben manche Länder bloß gegen Mischbatterien? Oder hat sich die Erfindung noch nicht bis hierher rumgesprochen?

Was ist das denn? Wo kommen auf einmal die Stimmen her? Und in was für einer Sprache reden die nur? Ich höre sie laut und deutlich, als stünden sie neben mir. Ein Mann und eine Frau. Verdammt! Die sind draußen – in meinem Zimmer! Na Klasse! Haben die das Zimmer etwa zweimal vergeben? Einbrecher werden es ja nicht sein. Die brüllen doch bei ihrer Tätigkeit nicht herum wie gestört. Was mach ich denn jetzt? Im Evaskostüm rausgehen und freundlich aber bestimmt um umgehende Verpissung bitten? Oder warten, bis die von selber wieder gehen? Das kann ich nicht machen! Wenn die nun was klauen! – Himmel! Mein Laptop! Da sind alle Daten drauf. Wenn der weg ist, ist das Meeting gelaufen! Ich wickle mich eilends in ein Badetuch und stürze aus dem Bad. Im Zimmer ist kein Mensch – außer mir, natürlich. Der Nachrichtensprecher im Fernsehen faselt dröge vor sich hin. Der war’s auch nicht. Ja, wo kommen dann die Stimmen her? Zurück ins Bad. Das sind sie wieder. Ach Gottchen – das kommt aus dem Badezimmer darüber! Oder von darunter? Anscheinend leiten die Wasserleitungen nicht nur Wasser, sondern auch ganz hervorragend Schall. Na, das kann ja heiter werden. Also nicht singen beim Duschen. Und beim Fönen nicht laut den Vortrag üben… Na, der Kollege wird vielleicht lachen, wenn ich ihm das nachher erzähle! Das werde ich mir noch lange anhören müssen, dass ich „Stimmen höre“. Egal. Das ist einfach zu gut, das kann ich nicht für mich behalten.

Zugegeben, die Story meiner Kollegin Wendy kann es nicht toppen. Die wachte nachts um drei in ihrem Hotelzimmer in Madrid auf – und es stand ein ganzer Trupp Sicherheitsleute im Raum. Sie hatte die Zimmertür aus Versehen nur angelehnt gelassen und war zu Bett gegangen. Und die Security hatte Mord und Totschlag befürchtet. Mörderisch war aber nur Wendys Schrecken gewesen angesichts der uniformierten Muskelpakete an ihrem Bett. Diese Story wird bei jedem Workshop des Konzerns früher oder später erzählt. Wendys Wandersage. Und dann gibt’s noch die Geschichte von dem schlafwandelnden Kollegen, der sich plötzlich nackt auf dem Hotelflur wieder fand … Nee, da höre ich lieber Stimmen. Im Rekordtempo mache ich mich ausgehfertig. Noch schnell den Stadtplan einstecken, die Kamera, und die Sonnenbrille … Und wo, zur Hölle, ist der verflixte Zimmerschlüssel? Ach … da, auf dem Bettüberwurf! Auf dem wilden Muster da fällt er gar nicht auf. Schnell die Jacke schnappen und raus. Und schön die Tür zumachen, sonst geht’s mir noch wie Wendy. So, Freunde, das hätten wir. Dieser Tag ist so gut wie gelaufen. Jetzt sind’s noch fünf. Oder besser gesagt, viereinhalb. Der Freitag zählt schon nicht mehr richtig. Wie auch immer das Meeting läuft – um halb zwei sitzen wir im Taxi zum Flughafen, und ich darf wieder heim.

Erschienen bei http://www.feierabend.com
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Das Meer-Prinzip – Entlassungswellen und Fischfilet
Mai 2, 2007, 4:52 pm
Filed under: Menschliches

Das Meer-Prinzip –
Entlassungswellen und Fischfilet

Wer gerne Geschichten schreibt, kennt sie mit Sicherheit: die Literaturwettbewerbe der Zeitschriften und Verlage. Vor ein paar Jahren hat ein Frauenmagazin einen Kurzgeschichten-Wettbewerb zum Thema „Das Meer-Prinzip“ ausgelobt. Ich konnte es mir nicht verkneifen, die Themenstellung nach Strich und Faden zu verulken und durchzukalauern – und den Text dann tatsächlich für den Wettbewerb einzureichen. Ich gehe davon aus, dass die Jury dieses Werk mit spitzen Fingern in den Papierkorb plumpsen ließ …

Es war zwischen Weihnachten und Neujahr. Meine Kollegin Evi und ich waren ganz allein im vierten Stockwerk des Bürohauses. Für die zwei Arbeitstage zwischen den Jahren waren wir beiden die „Ladenhüter“ hier. Die anderen Kollegen hatten Kinder und Urlaub. Und wir keines von beidem.

Im Grunde konnten wir in der Zeit nicht wirklich was Sinnvolles arbeiten … ein paar Routinevorgänge erledigen und die Bürozelle aufräumen, vielleicht … denn es war ja weit und breit kein Ansprechpartner greifbar.

Evi gab ihrem Prospekttext den Rest, und ich surfte schon geraume Zeit durchs Internet. Wir waren eigentlich nur da, damit im Katastrophenfall niemand sagen konnte, es sei keiner da gewesen.

Am späten Vormittag tauchte Evi mit der Gießkanne in der Hand am Eingang meiner Bürozelle auf. „Ist das fad hier!“, jammerte sie. „Ich hab nix mehr zu tun. – Sag mal, was schreibst denn du da so eifrig? Ich dachte, du hast auch nichts zu tun?“
Ich gab meinem Bürosessel einen ordentlichen Schwung und wirbelte zu ihr herum. „Ich schreibe was über das Meer-Prinzip!“ erklärte ich bedeutungsvoll.
Sie kicherte. „Huch? Was soll denn das sein?“
„Keine Ahnung. Das werde ich wissen, wenn der Text fertig ist. So heißt das Thema eines Storywettbewerbs.“

„Meer-Prinzip! Tsss! Denen fällt doch auch nix Gescheites ein! Was will man denn über das Meer schon groß schreiben? Urlaubsgeschichten, Piratenabenteuer, Science Fiction … Die Aliens aus dem Meer. Oder irgendwas über Viecher. Schreib doch was Tierschützerisches. Oder was Esoterisch-Philosophisches. Irgendwas, was keine Sau versteht. Sowas kommt anscheinend immer gut. Oder hast du schon jemals eine preisgekrönte Story gelesen, die irgendwie einen Sinn gehabt hätte?“

Ich grinste. „Nee, nicht wirklich. Aber ich glaub, ich hab sowieso noch nie im Leben eine Kurzgeschichte verstanden. Immer wenn Schluss ist, denk ich: ‚Ist was? War was? Hab ich was verpasst?'“
„Banausin!“

Evi stellte ihre Gießkanne auf den Boden und setzte sich in Ermangelung eines Besucherstuhls auf meinen Schreibtisch.
„Sonne, Wasser, Wind und Wellen …“, sinnierte sie. „Du sagst doch immer zu den Kollegen ‚mach hier bloß keine Wellen‘.“
„Muß man ja sagen. Wenn sie sich aufführen wie die … wie die … ach, was weiß ich!“
„… wie die Seeräuber.“, half Evi mir aus.
„Seeräuber?“
„Naja, ich dachte, um beim Thema zu bleiben. See … Meer …“

„Man könnte ja das Berufsleben aufs Korn nehmen“, überlegte ich. „Das Berufsleben gehorcht dem Meer-Prinzip. Es gibt immer mal wieder Ebbe in der Kasse, und bei Flut geht man in Arbeit unter, ganz egal, wie verzweifelt man rudert.“
„Manchmal steht einem auch das Wasser bis zum Hals“, ergänzte meine Kollegin.
„Und die großen Fische fressen die kleinen“, sagte ich.
„Die Werbung ist einfach eine Haifisch-Branche“, fügte sie weise hinzu.

„Genau. Und auf eine Erfolgswelle folgt unweigerlich eine Entlassungswelle.“
„Hihi, und manchmal ist man reif für die Insel!“

„Und einige hier arbeiten nach dem Robinson-Prinzip“, sagte ich: „Sie warten, bis Freitag kommt.“
„Oh nee, ich bitte dich!“, rief Evi. „Der Witz hat ja soooo einen Bart!“
„Ja. Wie Neptun.“
„Aber Meerjungfrauen gibt’s hier keine,“ stellte sie entschieden fest.
„Nee. Höchstens Seekühe. Oder glitschige, aalglatte Gesellen. Leben Aale eigentlich im Meer? Naja, egal. – Fischköpfe! Ja, genau, Fischköpfe hat’s hier. Und Leute, die so durchsichtig sind wie die Quallen. Und ungefähr so fassbar.“
„Hehehe – und Taucher gibt’s. Wenn sie Arbeit sehen, schwupps, tauchen sie ab. Vor allem scheuen Sie den Meeraufwand.“
„Ah, Evi, du bist doof! Geh doch nach Hause!
„Der Umgangston in dieser Abteilung kann mich nicht meer schockieren!“

Wir kicherten wie die Teenager.

„Manche dieser ewigen Geheimnistuer sind so verschlossen wie die Muscheln“, nahm ich den Faden wieder auf.
„Andere Herrschaften sind so unbeweglich wie Tanker. Und alle kochen sie mit Wasser“, erwiderte Evi. „Die Meerkatzen und die Meerschweine, die Wasserträger und Wellenreiter, die Meerschaumpfeifen und die Warmduscher, die Ambeckenrandentlangschwimmer und wie die Kameeraden sonst noch alle heißen.“
„Mhm. Und stille Wasser sind tief.“
„Oder sie stinken. Da kann man dann im Trüben fischen.“
„‚Da lacht doch die Koralle‘, wie Uwe immer sagt.“
„Herrgott, Evi, aus dem Thema muss doch was zu machen sein. Alles Leben kommt aus dem Meer. Das Wirtschaftsleben ist ein einziges Auf und Ab. Der moderne Haifisch-Kapitalismus mit dem Shareholder Value und dem ganzen Krempel kommt aus Amerika. Ameerika. Ameerika! Very fishy, das ganze. Am besten wird sowieso sein, man schreibt eine schleimige Liebesgeschichte, die am Meer spielt. So Marke Rosamund Pilcher. So was wollen die Leute lesen.“
„Er liebte mich nach dem Meer-Prinzip?“, lachte Evi.
„Sag ich doch: Eine Geschichte voller Aufs und Abs.“
„Nee, du! Jetzt ist aber gut! Komm, wir gehen in die Kantine. Haben die heut überhaupt offen? Was gibt’s denn?“

„Moooment!“ Ich drehte mich zu meinem Computer um, klickte mein Manuskript weg und loggte mich im E-Mail-Programm ein. Ein Klick aufs virtuelle schwarze Brett … Hausverwaltung … Casino … Excel hochfahren… und der aktuelle Speiseplan erschien auf dem Bildschirm.

„Ach, du ahnst es nicht“, lachte ich. „Fischfilet im Spinatmantel. Und Kartoffeln.“
„Auch das Casinoleben gehorcht anscheinend dem Meer-Prinzip“, stellte Evi erstaunt fest.
„Ja, es gibt Aufs und Abs. Wellen, sozusagen.“
„Naja, solang’s keine Wellen der Übelkeit sind … ! Also auf geht’s, gehen wir. Um die Liebesgeschichte am Meer können wir uns ja heute Nachmittag kümmern.“



Die Mode-Polizei rät
April 20, 2007, 12:54 pm
Filed under: Menschliches

„Mensch Evi“, sage ich zu meiner Kollegin. „Jetzt haste echt grad was verpasst! Du wirst es nicht glauben: Die Susi aus der Buchhaltung ist heut in T-Shirt und RADLERHOSEN ins Büro gekommen!“
„Radlerhosen!“ Evi staunt. „Abgesehen davon, dass das an der Susi garantiert besch…eiden aussieht: Wer hat ihr bloß erzählt, dass so was Berufskleidung ist?“
„Ein Fahrradkurier?“, vermute ich.
„Ja. Oder ein Radrennsportler.“
„Dann hat eine Fredl da aus der Graphik seine Modetipps wohl auch auf dem Sportplatz aufgeschnappt“, schlussfolgere ich. „Sieht ja immer heiß aus, wenn er sommers mit seinen Adidas-Shorts hier einläuft. Hat der keine Angst, dass er mal unversehens zum Kunden muss? Oder zur Geschäftsleitung? Du warst ja damals dabei, als ich plötzlich in Motorradklamotten vor der amerikanischen Geschäftsleitung stand und diese Präsentation halten musste. Die haben vielleicht geschaut! Saupeinlich war das! Nee, das passiert mir kein zweites Mal!“
Evi lacht. „Ja, das war in der Tat ein Brüller“.
Und wir sind uns einig:

Sportbekleidung gehört auf den Sportplatz.

„Die richtig wüsten Stylingsünden kommen immer erst im Sommer zum Tragen“, stellt Evi fest. „Und zwar, wenn die Leute anfangen, sich zu entblättern. Da siehst du dann in den Büros auf einmal Shorts in allen Rassen und Farben, Dekolletees, durch die du bis zu den Schuhbändern gucken kannst, bunte Unterwäsche unter weißen Klamotten, katzengraue BH-Träger, die am Ausschnitt vorblitzen – oder, schlimmer noch – die parallel zu Spaghettiträgern verlaufen.“
„Oder gar keinen BH, obwohl ganz offensichtlich einer notwendig wäre“, ergänze ich. „Das ist dann wirklich nicht sehr professionell“.
„Jedenfalls nicht in einem Bürojob.“

Unterwäsche sollte im Verborgenen wirken.

„Sind wir vielleicht spießig?“, überlege ich.
„Nee, nicht wirklich“, meint Evi und grinst. „Ohne Witz jetzt: Ich glaub‘, mit spießig hat das nix zu tun. Es ist mehr eine Frage dessen, ob eine bestimmte Kleidung dem Umfeld angemessen ist. Ja, und manchmal ist das halt nicht der Fall, und dann wird’s leicht peinlich. Zudem stellt sich die Frage, ob man ernst genommen wird, wenn man derart angefrödelt zur Arbeit erscheint. Oder kannst du dir eine Aufsichtsratsvorsitzende im bauchfreien Top vorstellen?“
„Am Strand?“
„Im Büro, du Nuss!“
Die Vorstellung reizt mich zum Kichern. „Nee! – Bei einer Praktikantin oder Azubine ist das vielleicht noch was anderes. Aber eine Chefin …?“ „Siehste“, sagt Evi und nickt. „Erst neulich hab ich gelesen: ‚Entweder süß und sexy – oder leiten und führen‘.“

Halbnackt ist voll daneben.

„Aber wir müssen jetzt nicht alle in Sack und Asche gehen?“
„Quatsch! Zwischen Sack und Asche und halb nackig ist noch jede Menge Spielraum um was Passendes zu finden.“
„A propos ,passend'“, sag ich, „manchmal möchte ich die Leute am liebsten fragen:

Gibt’s die Klamotten auch in deiner Größe?

Es sieht einfach affenhässlich aus, wenn der die Hose oder Shirt ein bis zwei Nummern zu klein sind und überall der Speck rausquillt.“
„Oh ja, sehr ordinär! Das Ganze noch in Glitzer- oder Knallfarben, und du siehst aus wie eine gestauchte Mettwurst in Geschenkpapier.“
Wir kichern wie die Teenager und laufen so langsam zur Höchstform auf.

„Und was ist zum Beispiel mit Christels kitschiger Landhausmode? Oder mit Bärbels violett gefärbten Haaren?“, will ich wissen. „Kommt da auch die Mode-Polizei?“
Evi überlegt einen Moment. „Nun ja – eine Vorstandsvorsitzende mit lila Haaren oder mit Dirndl, das wäre nicht denkbar. Businesslike ist das gerade nicht. Andererseits: Christel geht in 5 Jahren in Rente, die muss hier nichts mehr werden. Also kann sie rumlaufen, wie sie will, das hat keinerlei Konsequenzen mehr. Und Bärbel hat eine Teilzeitstelle im Callcenter. Mit einer Dreitagewoche ist eh keine Karriere zu machen. Telefonieren kann sie wie ein Engel, da darf sie wohl auch lila Haare haben. Das fällt dann vermutlich unter die Rubrik:

“Geschmacksache‘, sagte der Affe und biss in die Seife.“

„Gilt das auch für Arthurs gruselige Fischkrawatte? Und was ist mit karierten Socken? Mit der Pferdeschwanzfrisur vom Werbeleiter? Nicht zu vergessen: Tommys unsägliches Hunde-Sweatshirt! Und die „Uniform“ von meinem Bruder: Vollbart, ausgebeulte Cordhosen, prähistorische Karo-Hemden und Jesuslatschen.“
„Dein Bruder ist Lehrer“, sagt Evi. „Die folgen einem ganz eigenen Dresscode. Genau wie die Leute im Kreativ-Bereich. Aber was die Fischkrawatte und ähnlich lächerliche Entgleisungen angeht: Fünf Strafpunkte im Bundesdeutschen Zentralregister für Stylingsünden!“
„Und kann man das Konto dann mit einer Stilberatung wieder auf Null setzen?“
„Ja“, sagt Evi. „Aber erst ab 15 Punkten. Und wenn man 25 angesammelt hat, ist ein vorläufiger Karrierestopp fällig. – Oh, guten Morgen Fritz!“ „Guten Morgen die Damen!“

Wir können nicht anders: Wir mustern ihn von oben bis unten.
„Hippiefrisur“, konstatiert Evi, als Fritz um die Ecke gebogen ist. „Und Comic-Socken mit Peanuts-Motiven“, füge ich kopfschüttelnd hinzu. „Au weia! Wenn das die Mode-Polizei sieht!“
„Ui, gaaanz böse Sache! Das gibt mindestens zehn Punkte!“
„Armer Fritz!“

Kichernd gehen wir an die Arbeit. Genau im richtigen Moment, denn just in dieser Sekunde streckt unser Chef den Kopf zur Tür herein.
„Guten Morgen miteinander! Ich will euch nur sagen, dass Joe und Grace morgen im Hause sind. Wir besprechen die Quartalsplanung. Vermutlich wird euch das nicht weiter tangieren, aber es kann immer mal sein, dass ihr kurz reingerufen werdet, wenn sie Fragen haben. Zieht euch also ein bisschen was Formelles an.“ Mich trifft ein mahnender Blick aus stahlgrauen Augen: „Und du kommst morgen wohl besser mit der Bahn. KEINE MOTORRADKLUFT.
Verstanden?“
„Äh … ja, Chef. Geht klar“, stottere ich nach einer Schrecksekunde.
Aber das hat er schon nicht mehr gehört.



Hilfe, ich bin lesesüchtig!
April 18, 2007, 1:46 pm
Filed under: Bücher, Menschliches

Zum Glück ist Lesesucht nichts Gesundheitsschädliches – es sei denn, es fällt einem ein übervolles Bücherregal auf den Kopf oder auf die Füße. Oder man hat die Zeitung auf dem Beifahrersitz liegen und liest während des Autofahrens, wie es eine Kollegin von mir tut. Lesesucht ist allenfalls teuer, weil man ständig Bücher und Zeitschriften kauft. Und lästig, weil einem die Materie anschließend zu Hause im Weg herumliegt und gelagert, abgestaubt und verwaltet werden will.

Angefangen hat das bei mir bereits in den 60-er Jahren, im zarten Alter von vier Jahren. Ich war so dürr und habe so schlecht gegessen, dass meine Mutter mich schließlich bei der Neugier packte und Buchstabensuppe kochte. Nudel für Nudel wurden mir Suppe und Wissen eingelöffelt: „Und jetzt essen wir ein O wie Otto. Und jetzt kommt ein I wie Inge. Ein R wie Reinhold, ein A wie Auto …“. Die Maßnahme war nur von begrenztem Nutzen: Dürr war ich und dürr blieb ich – aber ich konnte im Kindergarten schon lesen, was ich auch mit Begeisterung tat.

Für einfache Bilderbücher reichten meine Fähigkeiten. Komplexere Geschichten lasen mir die Eltern vor. Von Grimms Märchen konnte ich zum Beispiel nicht genug bekommen. Schließlich brachte mein Vater ein Tonbandgerät mit nach Hause, und meine Mutter und er nahmen mir meine Lieblingsmärchen auf Band auf. So waren sie von den „Routinetexten“ entlastet und mussten nur noch meinen Hunger nach neuen Geschichten stillen.

Am liebsten wäre ich jeden Tag im örtlichen Spiel- und Schreibwarengeschäft vorstellig geworden und hätte mir ein neues Schneider-Buch gekauft. Zum Vorlesen oder später zum Selberlesen. Das ging natürlich nicht, denn Bücher waren damals schon kein billiges Vergnügen. Also besann sich mein Vater auf sein erzählerisches Talent und fabulierte selbst.

Er war sehr belesen und liebte Afrika, ohne jemals dort gewesen zu sein. Allein aus dem, was er aus Büchern und Filmen wusste, entwickelte er die haarsträubende Geschichte einer ereignisreichen Safari, an der er zusammen mit einem Bruder und ein paar Sportkameraden teilgenommen haben wollte. Bald war ich nicht der einzige Fan der Afrika-Geschichten. Freunde, Vettern und Cousinen blieben staunend sitzen, wenn mein Vater seine Geschichten erzählte. Schnell war er, wo er ging und stand, von einer Kinderschar umringt, die bettelte: „Erzähl doch mal von Afrika!“ – „Bitte die Geschichte, wo die Affen mit den Kokosnüssen schmeißen!“ – „Bitte die vom Krokodil! – „Das Nilpferd, das Nilpferd, erzähl doch das vom Nilpferd!“

Mir war immer klar, dass das alles erfunden war. Mein Vater hat auch nie ein Hehl daraus gemacht, dass er sich das alles ausdachte, während er es erzählte. Ob das den anderen Kindern auch klar war? Keine Ahnung. Vermutlich war es ihnen egal, ob die Geschichten wahr oder erfunden waren, Hauptsache, sie waren unterhaltsam. Und das waren sie! Bis zum heutigen Tag gibt es allerdings Leute in meiner Heimatgemeinde, die davon überzeugt sind, dass mein Vater eine Zeit lang in Afrika gelebt hat oder zumindest mal an einer Safari teilnahm.

Eine Afrika-Geschichte war es auch, die mir zeigte, wie man seinen Bücherbestand gratis aufstocken kann: Ich beschwerte mich als Achtjährige schriftlich bei einem Verlag, weil das Buch „Moni in Ostrafrika“ so viele Druckfehler enthielt. Und bekam ein Entschuldigungsschreiben und zwei kostenlose Bücher als Entschädigung. Mein Bedarf an neuen Geschichten war aber höher, das hätte ich mir niemals alles erschnorren können. Eine Bibliothek gab es bei uns auf dem Dorf noch nicht, also lieh mein Vater für mich Bücher in der Betriebsbibliothek aus. Dort gab es entweder keine Kinderbücher oder er ging nach seinem eigenen Geschmack, jedenfalls schleppte er ein Sachbuch nach dem anderen an. (Er hat nie gerne Romane gelesen). Ich kann mich heute noch an ein Buch über Hunderassen erinnern, an einen Pflanzenführer, ein Bestimmungsbuch für Tag- und Nachtfalter, an Pilzbücher und Vogelbücher.

Und dann ergab es sich, dass eine Bekannte in einem Pressevertrieb zu arbeiten begann. Tütenweise wanderten auf diese Weise Illustrierte in unseren Haushalt, die im Laden nicht verkauft worden waren. Niemand machte sich die Mühe, den Inhalt vorher zu sichten. Und vielleicht ahnen Sie schon, mit welcher Art Lektüre ich da beglückt wurde. Neben Modezeitschriften und den Kaiser- und Königsblättchen gab es da auch jede Menge nicht jugendfreier Publikationen. Was erst auffiel, als ich nach ganz sonderbaren Vokabeln zu fragen begann.
Mein Vater stutzte, weil ich solche Wörter kannte. „Wie kommst du jetzt darauf?“
„Na, das steht hier!“, sagte ich, und hielt ihm eine Zeitschrift unter die Nase.
„Himmel Herrschaft! Wo hast du denn das her?“
„Aus der Bertha ihrer Tüte.“
Was mein Vater erwiderte, möchte ich hier anstandshalber verschweigen. Jedenfalls wurden die Tüten fürderhin durchsortiert und nur noch kindgerechter Lesestoff an mich weitergereicht. Um meine Aufklärung musste man sich nun jedenfalls nicht mehr bemühen, das hatten die Schmuddelhefte bereits gründlich erledigt.

Mein älterer Cousin hatte sich in der Zwischenzeit noch eine weitere Quelle für Lesestoff erschlossen: Den Sperrmüll und die örtliche Müllkippe! Er zerrte zum Entsetzen seiner Mutter ein mehrbändiges medizinisches Lexikon vom Müll nach Hause, und wir saßen stundenlang blätternd da und spielten „wer die ekligste Krankheit findet“.

Dann kam endlich die Ortsbibliothek. Und mein Cousin und ich entdeckten den Versandbuchhandel. Den vielversprechenden Katalogtexten konnten wir einfach nicht widerstehen. Wir bestellten so lange das Taschengeld reichte. Erstmals im Leben konnten wir sagen: Der Nachschub ist gesichert! Das hatte natürlich auch seine Nachteile. Denn nun flutete so viel Materie ins Haus, dass wir fast nur noch am Lesen waren und man uns regelrecht an die frische Luft jagen musste. Und wer viele Bücher hat, braucht auch fortwährend neue Regale.

Als ich aus dem elterlichen Haus auszog, hatte ich nicht viel mehr als einen Schreibtisch, den Küchenschrank meiner Oma, meine Kleidung – und 13 Kisten Bücher. Das wuchs sich bald zu 60 laufenden Regalmetern aus. Die Bücherflut wurde zu einer wahren Bücherspringflut, als ich anfing, für ein Literatur-Magazin zu schreiben. Leseexemplare, Belegexemplare, Bücher, die dem Chefredakteur im Weg waren … alles landete irgendwie bei mir. Neue Regale allein waren bald nicht mehr die Rettung – ich hätte neue Wände mit dazu gebraucht, um all die Bücher unterzubringen. Selbst über den Türstürzen hängen bei uns Bücherregale. Nur im Bad hat’s noch keine.

An der Bücherschwemme hat sich in den letzten 20 Jahren nicht allzuviel geändert. Ich habe immer für Verlage gearbeitet und tu es noch heute. Und bis zum heutigen Tag kann ich es nicht mit ansehen, wenn jemand Bücher wegwirft. Ehe das passiert, schleppe ich sie lieber mit nach Hause, Stück für Stück im Rucksack. Natürlich kann nicht alles in meinem Haushalt verbleiben, sonst bricht mir eines Tages wirklich noch der Boden durch und ich lande mit meinem ganzen Geraffel im Keller. Von der Bücherflut profitieren Freunde und Verwandte, Vereine und wohltätige Organisationen. Gerade im Moment sieht’s bei mir im Büro wieder aus wie im Warenlager, weil ich kartonweise Bücher für verschiedene Tombolas gerichtet habe. In Kürze wird das abgeholt, und das Warenlager verwandelt sich vorübergehend wieder zurück in ein begehbares Büro.

Gottseidank hab ich nicht auch noch einen büchersüchtigen Mann! Er hortet dafür Musik-CDs und DVDs. Und er ist ein regelrechter „Zeitschriften-Junkie“. Zeitweise hatten wir – Geschenk-Abonnements für Freunde und Verwandte eingeschlossen – 20 Zeitungen und Zeitschriften abonniert. Wobei Illustrierte den Vorteil haben, wenigstens zu veralten, so dass man sie nach Gebrauch getrost wegwerfen kann und nicht auch noch lagern, verwalten und abstauben muss.

Wenn wir einen Strandurlaub planen, wird als erstes Mal der Lesestoff eingepackt, was den Löwenanteil des Gepäckgewichts ausmacht. Wir schleppen wie die Weltmeister, und die Lektüre reicht nie. Jetzt bin ich dummerweise auch noch zweisprachig und lese gerne englische Bücher, was mich natürlich anfällig macht für Einkäufe im Ausland. Bei einer Geschäftsreise nach London habe ich es geschafft, meine ganzen Spesen für Bücher auf den Kopf zu hauen. Ich war der erste in der Firmengeschichte, der hinterher noch Geld bringen musste, statt etwas herauszubekommen. Dumm gelaufen, dass das Hotel neben einer Buchhandlung lag! „Die Bücher bringst du nie im Leben in deinem Gepäck unter“, unkte mein Kollege. „Junge“, sagte ich, „du hast ja keine Ahnung! Wenn’s um Bücher geht, ist bei mir grundsätzlich alles möglich!“