Wahnsinn im Alltag


Theodor Kallifatides: Der kalte Blick – Ein Fall für Kommissarin Kristina Vendel
April 30, 2007, 4:35 pm
Filed under: Bücher

Theodor Kallifatides: Der kalte Blick – Ein Fall für Kommissarin Kristina Vendel

* Originaltitel: I hennes blick
* Aus dem Schwedischen von Kristina Maidt-Zinke
* dtv premium, 297 Seiten
* Verlag: Dtv (April 2007)
* Sprache: Deutsch
* ISBN-13: 978-3423245999
* Produktmaße: 20,8 x 13,2 x 3,2 cm
* Preis: EUR 12,-

Handlung: (Klappentext)
Ein Polaroid, das Kriminalkommissarin Kristina Vendel in wollüstig-obszöner Stellung zeigt, kursiert in der Stockholmer Unterwelt. Ausgerechnet Mikael Gospodin, ein russischer Schwerkrimineller, fängt dieses Bild ab und will es ihr zurückgeben. Doch noch vor der Übergabe wird er an dem vereinbarten Treffpunkt erschossen. Von einer Frau, die Kristina Vendel zum Verwechseln ähnlich sieht.

Der Schatten eines Verdachtes fällt auf sie – und Vendel steht unter dem Druck, so rasch wie möglich die Wahrheit ans Licht zu bringen. Zeitgleich kursieren Gerüchte, daß auf den Literatur-Nobelpreisträger V. S. Naipaul während der Preisverleihung ein Attentat durch eine islamistische Vereinigung verübt werden soll. Im Rahmen ihrer Ermittlungen begegnet Kristina Vendel dem attraktiven Kurden Kemal – und erlebt mit ihm eine Leidenschaft, von der sie nicht mehr zu träumen gewagt hatte. Doch plötzlich entsteht ein entsetzlicher Verdacht …

Zum Autor: (Klappentext)
Theodor Kallifatides wurde 1938 in Molai in Griechenland geboren und emigierte 1964 nach Schweden, wo er seither als Schriftsteller lebt.
Er hat zahlreiche preisgekrönte Romane verfaßt.
Außerdem erschienen: Der sechste Passagier

Meine Meinung:
Da Theodor Kallifatides in Schweden lebt, aber in Griechenland geboren ist, hat er einen etwas anderen Blick als die üblichen skandinavischen Krimiautoren von der Stange, die die Welt nicht braucht.

Der kalte Blick? Ja, wenn der Autor gnadenlos, aber ohne zu urteilen, die Unterschicht der schwedischen Gesellschaft betrachtet. Das schwedische Einwanderland setzt sich z.B. auch aus Kurden und Russen zusammen, die in diesem Roman eine große Rolle spielen.

Wenn die Gefühle der Protagonisten mit großer Intensität beschrieben werden (dazu gehören auch kalte Wut und Rachegedanken oder Liebeesverlangen), ist vom kalten Blick aber nichts mehr zu spüren.

Schon das Umschlagmotiv „La mort de Sarsanapale“ von Eugene Delacroixe vermittelt den Eindruck, dass es in diesem Buch nicht immer gemütlich zugehen wird. Die Kapitel sind kurz, schnell und intensiv geschrieben. Die ungewöhnlichen Menschen, die den Roman bevölkern, sind tough, lebhaft, interressant und vor allem lebendig. Sie haben komplizierte Beziehungen zu einander.

Kristina Vendel, die Kriminalkommissarin, die im Mittelpunkt steht, ist persönlich in den Fall involviert und unterscheidet sich daher vom üblichen, langweiligen Kriminalkommissar.
Der Kriegsverbrecher Mikal steht Kristina nahe, mehr noch aber der skrupellose Killer Kemal, der auch auf Kristina fixiert ist und durch seine rührende Besorgnis um seine gelähmte Schwester fast sympathisch wirkt.

Das Gut und Böse in diesem Buch eine so enge Beziehung eingehen ist etwas Besonderes. Weitere Nebencharaktere sind ebenfalls ungewöhnlich angelegt. Zum Beispiel der ermittelnde misanthropisch veranlagte Berufspessimist Arne Sveding. Er ist nicht gerade auf Kristinas Seite, hält sie sogar für verdächtig. Trotzdem hat er eine eigene Auffassung von Gerechtigkeit und setzt sie auch konsequent um.

Mit der Klischeegestalt, Nick der Grieche beweist Kallifatides Selbstironie, da dieser vermutlich wohl der typischen Sichtweise der Schweden entspricht. Mit dem Schachspieler Alains Karpin gibt es einen weiteren zwiespältigen, unsympathischen Charakter. Die Unterschiede zwischen den positiv und negativ besetzten Rollen verschwimmen.

Oft gibt es skurrile, witzige Einfälle, wie der Gedankengang: Was wäre, wenn Schweden nach seinen Automarken Volvo und Saab auch den Nobelpreis ins Ausland verscherbeln würde? Oder die Idee, Naipauls Nobelpreisverleihung in die Handlung zu integrieren.
Solche Szenen lockern den Roman auf.

Viele Krimis sind mit ihren immergleichen Schemata und ihren moralisch überhöhten Kriminalinspektoren sehr langweilig. Doch Der kalte Blick bleibt immer spannend und lässt sich in wenigen, intensiven Stunden durchlesen. Kein Wunder, handelt es sich doch in erster Linie nicht um einen typischen Kriminalplot, sondern um ein intensives Gesellschaftsportrait.
Ein Schicksalsdrama, wie Jan Karlsson in Kristianstadsbladet so treffend anmerkt.

Rezensent: Herr Palomar
Mit freundlicher Genehmigung von http://www.buechereule.de



Madeira 2004 – konstant 27 Grad
April 30, 2007, 3:33 pm
Filed under: Madeira

Madeira 2004 – konstant 27 Grad
Es muss nicht immer Wüste sein

Nachdem wir unseren geplanten Teneriffa-Urlaub 2002 aus familiären Gründen kurz vor Reiseantritt stornieren mussten und aus den selben Gründen 2003 überhaupt nicht verreisen konnten, wagten wir es 2004 nicht, das selbe Reiseziel noch einmal ins Auge zu fassen. Purer Aberglaube: Es hätte ja wieder schief gehen können …
Im Reisekatalog sah Madeira nicht schlecht aus, es passte auch von der Entfernung her perfekt in unser Beuteraster, und eine üppig grüne Insel ist einmal eine Abwechslung zu kahlen Mondlandschaften, Sand und Steinen, den Landschaftsformen, die wir normalerweise bevorzugen.

Schnell mal ein paar Zahlen und Fakten, bevor es los geht
Madeira liegt auf ca. 17° westlicher Länge und ca. 33° nördlicher Breite.
• Die Entfernung zum portugiesischen Festland beträgt 900 km, nach Afrika 600 km und zu den kanarischen Inseln 450 km.
• Die Hauptinsel Madeira hat eine Fläche von 741 km2, Porto Santo 45 km2. Um die Sache etwas plastischer zu machen: Die Hauptinsel Madeira ist 57 km lang und an der breitesten Stelle 22 km breit. Steht man am Encumeada-Pass, sieht man im Norden und Süden das Meer.
• Die Hauptstadt ist Funchal.
• Die höchste Erhebung ist der Pico Ruivo im Zentrum der Insel mit einer Höhe von 1862 m.
• 1351 wurde Madeira erstmals auf einer florentinischen Seekarte erwähnt.
• Man sagt, die Portugiesen hätten die Insel aus Versehen entdeckt. Sie wollten nach Marokko und seien durch einen Sturm vom Kurs abgekommen. Dadurch entdeckten sie erst Porto Santo und danach Madeira.
• Madeira hatte keine Urbevölkerung. Die Araber haben die Insel vermutlich gekannt, aber sie hatten kein Interesse daran, denn wo keiner lebt, ist kein Handel möglich. Besiedelt wurde Madeira erst unter Heinrich dem Seefahrer im 15. Jahrhundert.
• Madeira hat 280.000 rund Einwohner, noch Mal 5.000 Menschen leben auf Porto Santo.
• Madeira ist jünger als die Kanaren und älter als die Azoren.
• Geographisch gehört Madeira zu Afrika, politisch zu Europa (Portugal)
• Die Insel besteht aus Basalt, und der erodiert schlecht. Deswegen gibt es auf Madeira keinen Sandstrand. Einen klassischen Badeurlaub gibt das also nicht.

Die Dame in Pink
Madeira, also. Gewählt, gebucht, gereist. Die Katzen blieben erstmals in der Obhut von Gerhards Eltern zurück, und am 27. Juli 2004 ging es los. Obwohl wir früh genug aufgestanden waren, brachen wir schließlich im gestreckten Galopp auf und rumpelten mit unseren Trolleys die Einfahrt hinaus und hinunter zur Stadtbahn in Richtung Flughafen. Es regnete, und wir hatten keinen Schirm dabei. Taxi? Ach nee! Wenn die Anfahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schon nix kostet – die Fahrscheine sind im Flugpreis mit inbegriffen – und wir die Stadtbahnhaltestelle quasi vor der Haustür haben, dann nutzen wir das auch.

Wir waren noch nicht mal am Flughafen, da wären wir am liebsten schon wieder umgekehrt. Ich war mittlerweile derart reiseungewohnt, dass ich Gerhard mit permanentem nervösen Gewühle in Taschen und Rucksäcken nervte: „Huch, haben wir dies? Haben wir das? Ich glaub’, ich habe was unheimlich Wichtiges daheim vergessen!“ Hatte ich natürlich nicht. Ich habe, wie immer, von allem viel mehr dabei gehabt als wir je gebraucht haben.

Auch die Hektik, die wir an den Tag gelegt hatten, war komplett für die Katz: Weil „unser“ Airbus 320 gegen Osten starten musste, mussten wir eine halbe Stunde auf die Starterlaubnis warten. Also, wie immer: Verspätung.

Wir hatten Zeit, uns allen möglichen unnützen Informationen reinzuziehen. Ich hab mir z.B. nie Gedanken darüber gemacht, was so ein Flugzeug Wert ist. Dieser Vogel, mit dem wir starten wollten, ist in Frankreich gebaut worden und hat die sagenhafte Summe von 35 Millionen US-Dollar gekostet. Für ein Flugzeug mag das ganz normal sein, ein Normalbürger kann angesichts solcher Beträge nur fassungslos staunen.

Und wir hatten Zeit, nach Mitreisenden zu gucken. Eine zierliche blonde Dame in sportlicher pinkfarbener Kleidung bereitete Gerhard Kopfzerbrechen. „Die kenne ich irgendwoher, und zwar schon sehr lange“, sagte er. Da er schätzungsweise neun Millionen Leute kennt, privat und beruflich, nehme ich derlei Aussagen nicht weiter wichtig. Da kann man schon mal vergessen, wo man einer Person zuvor begegnet ist. Mir kam die Dame vage bekannt vor, aber mein Personengedächtnis ist lausig, und es hätte sich bei ihr um eine ehemalige Nachbarin oder Kundin handeln können, um jemand, der mit uns früher zur Schule ging oder eine zeitlang immer mit dem selben Bus wie wir in die Stadt gefahren ist.

Es sollte sich Tage später aufklären …

Das schöne Ende der Welt
Wir stiegen also ins Flugzeug – die Dame in Pink mit ihrer Mutter auch – und drei Stunden und 50 Minuten später landeten wir in Funchal. Es hatte 30 Grad, war schwül und diesig. Und ich dachte mir, nee, das ist nicht das Klima, das man uns im Prospekt versprochen hat! Wahrscheinlich ist es wie überall, wo wir hinkommen: Man versichert uns, so ein Klima sei absolut nicht normal für diese Gegend und diese Jahreszeit, und das habe es in den letzten 50 Jahren nicht gegeben. Und so ähnlich war es auch. Ein heißer Wind aus Marokko ließ die Temperatur um 10 Grad höher steigen als gewöhnlich. Und das sollte auch noch ein paar Tage anhalten.

Mit dem Minibus der Reisegesellschaft (TUI) fuhren wir ins Hotel Riu Palace Madeira nach Canico de Baixo. An Bord die Dame in Pink und ihre Mutter. Gerhard vermutete inzwischen, dass sie die Frau, Freundin, Ex-Freundin eines früheren Schulkameraden sei, kam aber nicht ums Verrecken darauf, zu wem sie gehörte.

Das Hotel liegt nicht weit weg vom Flughafen, in knapp einer Viertelstunde waren wir am Ziel.

Ein Riu-Hotel hat uns noch nie enttäuscht. Alles sehr schick und sauber mit tollen Originalbildern an den Wänden. Es schaute ein bisschen plüschig aus, so im Stil englischer Clubs der Jahrhundertwende, aber es war brandneu, es ist erst 2001 erbaut worden. Nur die Lage war nicht so galaktisch. Wohl direkt am Meer – aber ansonsten war dort das Ende der Welt. Die Uferpromenade hörte an der einen Seite an einer Baustelle auf, an der anderen im Ödland. Und die Insel ist nun mal sehr bergig, so dass man, wenn man „hinter“ dem Hotel in den Ort gehen wollte, entweder die steile Hauptstraße hochklettern musste oder mit dem Linienbus (Linie 155) fahren. Mit sich abends die Beine vertreten war also nicht so furchtbar viel … Naja, und so besonders viel hätte es in Canico auch nicht zu sehen gegeben, ein Ort mit 8000 Einwohnern. Der Garten des Hotels Candida Splendida sei einen Besuch Wert, so hieß es. Wir sind zwar öfter dort vorbeigekommen, aber haben es irgendwie nie geschafft, auch mal reinzugehen.

Zum Essen muss man auch nicht mehr viel sagen: Ein üppiges, abwechslungsgreiches und wirklich köstliches Büffet für alle Mahlzeiten. Beim Abendessen reicht eigentlich das Vorspeisenbüffet aus, es war in meinen Augen unnötig, dass sie auf Wunsch auch noch den Hauptgang am Tisch servierten. Andererseits – das schafft Arbeitsplätze. Allein im Service sind 40 Leute beschäftigt, im ganzen Hotel ungefähr 200. Das erzählte uns die Kellnerin Monica.

Wie immer hatten wir den Eindruck, dass sie im Service nur Leute beschäftigen, die ihren Job gerne machen. Da gibt’s keine mürrischen Gesichter sondern nur solche, denen man anmerkt, dass sie gerne mit anderen Menschen arbeiten.

Nett war, dass die Kellner den jeweiligen Geburtstagskindern beim Abendessen ein Ständchen sangen. Und da mindestens jeden zweiten Tag einer Geburtstag hatte, hat man sich an das freundliche Spektakel bald gewöhnt. Nette Gesellschaft hatten wir auch. Am Nebentisch saß ein sympathisches Paar aus Solingen, Johannes und Annette, mit dem wir uns gut unterhalten haben.

Am 28. Juli war die obligatorische Informationsveranstaltung für Neuankömmlinge mit Vorstellung der Insel, des Hotelpersonals und seiner Funktionen sowie des Ausflugsprogramms.

Was sehr erfreulich war: Es gab keine Animation. Diesen „Kindergarten für Gruftis“ konnten wir noch nie ausstehen. Im Riu Palace Madeira hatte man seine Ruhe und konnte selber entscheiden, was man machte und was nicht.

Wir erkundeten die nähere Umgebung. Wenige Meter neben dem Hotel stand eine Ruine, irgend ein Wohnhaus, das aufgegeben und sich selbst überlassen wurde. Ich bin fasziniert von Ruinen und davon, wie die Natur sich ein verfallenes Gebäude so nach und nach wieder zurück erobert. Und natürlich hab ich fotografiert wie wild. Ich wäre auch darin herumgeklettert – der Zaun um das Grundstück herum war längst eingetrampelt – aber Gerhard hielt das für keine gute Idee.

Von der Promenade konnte man wunderbar den Wellen zuschauen. Einfach rumstehen und gucken. Das Meer hat mir schon sehr gefehlt in den zwei Jahren, in denen ich nicht reisen konnte.

Nur verdammt schwül war’s dank des heißen Windes aus Marokko. Das digitale Thermometer an der Außenwand des Hotels zeigte trotzdem konstant 27 Grad. Die ganzen zwei Wochen lang. Vielleicht war es arretiert, damit keiner der Gäste die Krise kriegt: „Was? 38 Grad! Schnell, einen Arzt!“

Von den drei Islas Desertas, den unbewohnten Inseln, die man vom Hotel aus angeblich sehen können sollte, war keine Spur. Dazu war es viel zu diesig.

Ein Rätsel wird gelöst
Am 29. Juli klarte es dann endlich so weit auf, dass wir sie Inseln sehen konnten. Wir standen auf der Terrasse der Hotelbar und schauten aufs Meer hinaus, als plötzlich jemand Gerhard auf die Schulter tippt und ihn mit seinem Spitznamen aus der Schulzeit anspricht: Die Dame in Pink ist’s und bestellt schöne Grüße von ihrem Mann, der leider arbeiten müsse und den Kurzurlaub nicht mitmachen könne.

Jetzt war alles klar und das Rätsel der Dame in Pink gelöst – sie ist wirklich die Ehefrau eines Schul- und Sportkameraden von Gerhard. Evi! Auf sie und ihren Mann wären wir unserer Lebtag nicht gekommen, denn die beiden sind vor rund 18 Jahren nach Kanada ausgewandert. So lange habe ich sie nicht mehr gesehen. Wir hatten uns komplett aus den Augen verloren.

Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich ihre geschäftliche E-Mail-Adresse im Internet ausfindig gemacht und eine Nachricht hingeschickt, aber da hatten sie bereits alles verkauft und waren schon auf dem Weg zurück nach Deutschland. Seit anderthalb Jahren sind sie wieder im Lande. Wir wussten von nichts. Und sie hätten sich auch bei uns nicht melden können. Gerhard steht nicht im Telefonbuch, und meinen Familiennamen haben sie nicht mehr gewusst.

Jetzt machten Mutter und Tochter eine Woche Kurzurlaub auf Madeira. Dies Welt ist schon klein. Da besucht man eine Insel, die geographisch zu Afrika und politisch zu Portugal gehört, nur um dort Esslingern in die Arme zu laufen, die vor fast 20 Jahren nach Kanada ausgewandert sind.

Natürlich gab es da viel zu erzählen, und nun wissen wir jeweils im Groben „was bisher geschah“.

It’s Showtime!
Die wilden Tiere rund ums Hotel hielten sich zahlenmäßig in Grenzen. Eine Handvoll Hunde und Katzen gab’s. Aber so ganz und gar mussten wir nicht auf Tierisches verzichten: Am Abend gab es im Hotel eine Pagageienshow. Mit routinierten Handgriffen bauten zwei Frauen Tisch und Dekorationen auf, brachten diverse Requisiten herein und Holzgestänge mit Papageien darauf. Rote und blaue Aras, zickige Kakadus, die permanent am Streiten waren und so lange versuchten, sich gegenseitig vom Stängelchen zu schubsen, bis eine der Frauen sie trennte und den einen zu den Requisiten verfrachtete. Ein Graupapagei war dabei und noch kleinere, die ich keiner Art zuordnen konnte.

Ehe die Show mit den Kunststückchen losging, gingen die Frauen mit zwei Papageien und einer Kamera bewaffnet durchs Publikum. Sie setzten interessierten Zuschauern die Vögel auf Schulter und Hand und fotografierten. Die fertigen Fotos konnte man dann anderntags für EUR 5,- an der Rezeption abholen. Ich bin so unfotogen, aber von Gerhard gibt’s ein „Geierfoto“.

Die Papageien führten allerhand Zirkusnummern auf: Radfahren, Rollschuh fahren, Auto fahren, Tanken, Ben Hurs Wagenrennen … und höchst beeindruckende Rechenkunststücke. Es ist uns ein Rätsel, wie der Papagei die Rechenaufgaben, die das Publikum stellte, wirklich lösen konnte. Sie sind ja intelligent, aber dass sie addieren und multiplizieren können, das glaube ich nicht aufs erste Mal. Irgendwie wird das Frauchen ihnen schon versteckt zu verstehen gegeben haben, wie oft sie die Glocke läuten müssen, um damit das richtige Ergebnis anzuzeigen.

Die Papageienshow kam eine Woche später noch einmal ins Haus, und nach Feierabend saß Gerhard dann an der Bar, einen Kakadu auf der Schulter, fütterte ihn mit Erdnüsschen und tratschte mit den Künstlern. Viecher und Künstler – zu denen hat er immer schnell Kontakt.

Beinahe jeden Abend gab es eine andere Show im Hotel, und das meiste war recht unterhaltsam. On 6 Uhr Abends bis Showbeginn spielte ein Pianist an der Bar, Luis Rocha. Er war gut – nur das Repertoire war halt immer das selbe.

Hotelmusiker gab’s natürlich auch. Die waren nicht übel, nur die Sängerin war absolut grauenvoll und vergriff sich gerne an Musikstücken, die ihr Können bei weitem überforderte. Aber sie war nett anzusehen, tanzte schön und lächelte immer freundlich. Mut hatte sie auch – oder vielleicht auch nur null musikalisches Gehör. Als an einem Abend als „Gaststars“ ein niederländisches Ehepaar auftrat – das Duo „Double Cocktail“, bei dem ich jeden Eid schwöre, dass die Sängerin eine Musical-Ausbildung hatte – trat „unsere“ Blondine tatsächlich unmittelbar nach ihr auf und sang zum Teil auch die selben Lieder. Nur um Klassen schlechter.

Verpasste Gelegenheiten
Immer ergeben sich die tollsten Fotomotive, wenn man gerade keine Kamera zur Hand hat! Am Freitag Abend sah man die Inseln so klar und deutlich wie nie zuvor. Und wie wenn man bei uns daheim die Schwäbische Alb so deutlich sieht, regnete es bald darauf.

Es gab den herrlichsten Regenbogen, den ich je gesehen habe. Er leuchtete in intensiven Farben und endet mitten im Meer. Sogar zwei Regenbogen nebeneinander waren es, spiegelverkehrt in den Farben.

2. August: Ausflug „Paradiesische Gärten“
Blandy’s Garden (auch »Quinto do Palheiro Ferreiro« genannt) gilt als die wohl schönste Parkanlage Madeiras. Vom Grafen de Carvalhal wurde sie 1804 ursprünglich nach den Prinzipien französischer Gartenbaukunst streng geometrisch angelegt. Carvalhals Neffe hat die Anlage verzockt und versoffen, von der Familie Blandys wurde sie 1885 aufgekauft dann nach britischem System überarbeitet. In britischen Gärten wird die ideale Landschaft nachgebildet.

Mildred Blandy ließ viele Pflanzen aus ihrer südafrikanischen Heimat einführen und trug dadurch zur Vielfalt des Gartens bei. Bei diesem grünzeugfreundlichen feruchtwarmen Klima wächst aber auch einfach alles. Ob sie Pflanzen aus Europa, Afrika, Südamerika oder Neuseeland eingeschleppt haben – alles grünt, blüht, wuchert und gedeiht.

Die Familie Blandy wohnt selbst auf dem Anwesen und lässt die Allgemeinheit gegen Eintritt durch ihren Park latschen. Das taten wir dann auch ausgiebig unter sachkundigen Führung von Reiseleiterin Magdalena und haben wie die Bekloppten fotografiert. Meine Güte, was gab’s da auch alles an Pflanzen! Solche, die man nur von Fotos und aus dem Fernsehen kennt, andere, die wir noch nie in unserem Leben gesehen hatten, und, was mich immer besonders fasziniert: Gigantische Varianten von Pflanzen, die wir nur als kümmerliche Topfpflänzchen kennen.

Nach einer traditionell englischen Pause im Teehaus am Seerosenteich bei Tee und Kuchen – und kilometerlangem Schlangestehen vor dem Damenklo – ging es weiter mit einer superkurzen Levada-Wanderung durch den ca. 800 m hoch gelegenen Wald. Nur 20 Minuten lang ging es in bei feucht-schwülem Wetter an den Bewässerungskanälen entlang durch den Lorbeer- und Eukalyptuswald, der übrigens sehr gut riecht. Ein Wald, der nach Gewürzen duftet!

Man wollte uns mit diesen 20 Minuten einen Vorgeschmack auf die Levada-Wanderungen geben, die der Reiseveranstalter anbietet. Und in der Tat haben ein paar Teilnehmer daraufhin gebucht.

Wir kamen wieder auf die Hauptstraße zurück und unser Bus pickte uns wieder auf. Die Reiseleiterin gab uns ein paar Hintergrundinformationen über die Insel und ihren Bewuchs:

Um das Jahr 1425 herum entdeckte Kapitän João Gonçalves Zarco, der im Auftrag der portugiesischen Krone unterwegs war, 900 Kilometer vor der Küste im Atlantik ein Inselchen, das er zuerst für eine Wolke hielt. Wegen seiner dschungelartigen Wälder nannte Zarco die Insel »Ilha da Madeira«, Insel des Holzes. Der Lorbeerwald war der ursprüngliche Bewuchs der Insel. Der Lorbeerwald ist endemisch.

Da die Siedler nicht lange auf sich warten ließen, fing man alsbald mit dem Roden an. Wiederaufgeforstet hat man die Wälder mit Eukalyptusbäumen, die aus Australien importiert wurden. Keine gute Idee. Die Bäume wachsen zwar schnell, ca. 1 Meter im Jahr, aber sie ziehen jede Menge Wasser, das dann den anderen Pflanzen fehlt. Und das Eukalyptusholz selbst ist sehr porös und zu nicht viel zu gebrauchen. Papier kann man daraus machen, aber das war’s dann auch schon. Und nur wegen der ätherischen Öle, die in die Pharmazie und für Eukalyptusbonbon verwendet werden, braucht man die Bäume auch nicht in rauen Mengen im Land zu haben. Wenn also jetzt wieder aufgeforstet wird, dann nicht mehr mit Eukalyptus, sondern wieder mit Lorbeer.

Noch was haben wir gelernt: Beim Eukalyptusbaum haben die jungen Pflanzen ganz anders aussehende Blätter als die großen Bäume. Die Jugendblätter sind rundlich-oval und bläulich-silbrig, die Altersblätter sind grün, schmal und hängend, um den jungen Pflanzen darunter Licht zu lasen.

Wir erfuhren auch, dass Madeira zu britischen Kolonialzeiten eine Art Zwischenstation war, um die Briten, die aus Indien wieder nach England zurückkehrten, so langsam wieder vom heißen indischen ans feuchte heimatliche Klima zu gewöhnen. Da war Madeira der ideale Mittelweg. Manch einer blieb gleich auf Madeira hängen.

Der letzte Kaiser
Unser nächstes Ziel war der Kaisergarten, die Quinta Jardins do Imperador. Dieses Anwesen ist erst seit März 2004 der Öffentlichkeit zugänglich, und die Gebäude werden auch noch feste renoviert.

Dieser Kaisergarten hat eine wechselvolle Geschichte. Anfang des 19. Jahrhundert kam Dr. David Webster Gordon von London nach Madeira, um sich einen Vetter, Webster Gordon, zu kümmern. Dr. Gordon gefiel die Insel sehr und beschloss, sich auf Monte ein Haus zu bauen. Das muss zur damaligen Zeit ein schwieriges Unterfangen gewesen sein, man musste ja das ganze Baumaterial quasi „von Hand“ den Berg hochschleifen. Billig war es auch nicht. Allein für die Genehmigung, Wasser zum Grundstück leiten zu dürfen, musste Dr. Gordon 30.000.,- englische Pfund abdrücken. Aber der Aufwand hat sich gelohnt, 1826 war das Anwesen fertig – mit Bäumen, ausgedehnten Rasenanlagen und Blumen im Überfluss. Und auch heute noch gibt’s da einiges zu gucken.

Nach dem Tod von Dr. Gordon 1850 wechselte die Quinta ein paar Mal innerhalb der Familie den Besitzer, bis sie 1871 an Leland Crossart verkauft wurde. Er soll es auch gewesen sein, den Teich anlegen ließ. Am 24 Juli 1899 erwarb Luis da Rocha Machado die Quinta, und sie bis zum heutige Tag Familienbesitz.

Im November 1921 wurde die Quinta auf einmal europaweit berühmt, als Luis da Rocha Machado sie Kaiser Karl I. von Österreich und seiner Familie kostenlos als Zuflucht anbot. Weil der Kaiser sich nach Kriegsende geweigert hatte, abzudanken, hatten ihn die Republikaner 1918 ausgewiesen. Daran, die Krone zurückzugeben, dachte er jedoch weiterhin nicht. Im Gegenteil. Ein Versuch, die Macht wieder an sich zu reißen, scheitere 1921. Die Engländer verschifften ihn ins Exil nach Madeira, wo er zunächst mit Familie im Reid’s Hotel in Funchal residierte. Dort lebten sie vom Verkauf des Familienschmucks. Als das Geld alle war, war Kaiser Karl quasi gezwungen, das Angebot des Bankiers da Rocha Machado anzunehmen.

Doch so schön es in Monte im Sommer ist – die Häuser haben keine Heizung, und Kaiser Karl holte sich eine Bronchitis, die sich schnell zu einer Lungenentzündung auswuchs. Zwei Monate nach seinem Umzug starb er. In der Wallfahrtskirche von Monte ist er beigesetzt. Seine Familie hat Madeira verlassen.

3. August: Madeira-Wein und Seilbahnfahrt
Um 7 Uhr morgens habe ich telefonisch an der Rezeption 2 Plätze für den hoteleigenen Shuttlebus nach Funchal reserviert, der mehrfach am Tag hin- und her fährt. Um 9:30 Uhr ging es los. Wir wollten zu Blandy’s Wine Company um uns über den legendären Madeira-Wein zu informieren, denn davon wollten wir gerne etwas für uns und für die Familie mit nach Hause nehmen. Und wir planten, mit der Teleferica,der Seilbahn, nach Monte hinauf zu fahren

Rita, die Angestellte von Blandy’s, die die deutschprachige Führung machte, sprach zwar mit einem starken Akzent, aber sie mochte ihren Job ganz offensichtlich und wusste viel Interessantes über Madeiraweine zu berichten.

Die ersten Weinreben wurden wahrscheinlich schon im 15. Jh. auf die Initiative von Heinrich dem Seefahrer nach Madeira gebracht. Die besondere Art der Herstellung – die bewusste Erhitzung des Weines – hat sich im 17. Jahrhundert mehr oder weniger zufällig ergeben, als große Mengen von der Hauptstadt Funchal aus per Schiff nach Amerika und in alle anderen Kolonien Europas exportiert wurden.

Bei den ersten Exporten stellte man fest, dass der Madeirawein am Zielort wesentlich besser schmeckte als auf Madeira selber. Zuerst hatte man die Schaukelei auf dem langen Seeweg dafür verantwortlich gemacht. Deshalb belud man nun viele Schiffe mit dem Wein und schickte sie nur zum Zweck der Madeira-Fertigung nach Ostindien und zurück (die Weine überquerten zweimal den Äquator). Dies nannte man Torna Viagem (Rundreise) Bei einer der nächsten Äquatorüberquerungen wurde die Umgebungstemperatur gemessen und die Lösung gefunden. Damit dieser außergewöhnliche Wein auf der langen Schiffsreise seine Qualität nicht verlor, wurde er mit Brandy verstärkt.

Heute macht man das mit dem Madeira-Wein so: In 25.000-Liter-Behältern aus amerikanischem Eichenholz oder beschichtetem Beton gärt der Wein. Bei Weinen aus Malvasia stoppt man schon frühzeitig und bei jenen aus Boal nach der Hälfte der Gärung den Prozess durch hochprozentigen Branntwein (Damit wird die Hefe um die Ecke gebracht, was die Gärung stoppt und der Wein bleibt süß.)

Dann wird er Wein erhitzt. Für die Massen-Produktion werden dazu riesige, gekachelte Betontanks mit 20.000 bis 50.000 Liter Volumen verwendet. Durch diese verläuft eine von heißem Wasser durchströmte Heizschlange aus Edelstahl, die den Wein über meist mehr als drei bis sechs Monate auf zumindest 40 bis 50 °C erwärmt. Ich stelle mir das wie einen gigantischen Tauchsieder vor. 😉

Manche Produzenten lehnen es aber ab, den Wein künstlich zu erwärmen, sondern lagern die Fässer unter den Dächern der Lodges, wo sie auf natürliche Weise durch die Sonne erhitzt lagern, in de Nacht wieder abgekühlt werden

Nach der Erhitzungsphase und der Abkühlung ruht der Wein 12 bis 18 Monate und wird anschließend entsprechend der vorgesehenen Qualität eingestuft. Nach dem Abstechen in Holzfässer erfolgt die weitere Reifung. Die einfachen Weine reifen 3 Jahre. Das Mindestalter für Weine aus den edlen Sorten ist fünf Jahre. Ab 10 Jahren beginnen die „guten“ Weine. Die Spitzen-Produkte sind die „Vintage Madeira“, die zumindest 20, aber auch 30 bis 50 Jahre lang reifen.

Es gibt drei verschiedene Madeira-Typen: Der Sercial ist hell und trocken, der Verdelho halbsüss, Bual und Malmsey (Malvasia) dagegen süss.

Der Madeira kann jahrzehntelang im Fass bleiben. Und wir sahen, als wir bei Blandy’s nach Abschluss der Führung auf die Weinprobe warteten, auch Flaschen von „unserem“ Jahrgang, 1960, in den Regalen. Die waren aber so sündhaft teuer, dass wir uns doch lieber mit fünf Jahre altem Madaira-Wein eindeckten. Trockenem – denn das, was dort als trocken läuft, ist immer noch süß genug. Die süßen Sorten waren geradezu abartig klebrig, das Zeug kannste unserer Meinung nach wirklich nicht trinken. So war’s denn auch kein Drama, dass ich bei der Weinprobe das Glas fallen ließ und die Hälfte davon verschüttete. Blöd nur, dass ich meinen Rock damit einsaute und für den Rest das Tages nach Madeira roch.

Als nächstes ging es zur Teleferica und damit hoch nach Monte.

Auf der Homepage des Seilbahnbetreibers, http://www.madeiracablecar.com heißt es:
„Die Seilbahn von Funchal wurde vor allem als Verkehrsmittel für den Tourismus konzipiert und verbindet das Zentrum Funchals mit Monte. Damit wurde eine traditionelle Verbindung wiederhergestellt, die einst durch die Zahnradbahn von Monte bewältigt wurde und bei Touristen wie Einheimischen sehr geschätzt war.

Der Bau der Seilbahn wurde im September 1999 begonnen, und im November 2000 wurde der Betrieb aufgenommen.

Die Seilbahn wurde so angelegt, dass der Fahrgast in den Genuss verschiedener Aspekte kommt, darunter die Schönheit der Anlage, die Fahrt mit herrlichen Panoramablicken, der Besuch in den verschiedenen Gärten und Sehenswürdigkeiten in Monte und auch die natürliche Schönheit von Babosas und dem Tal von Ribeira de João Gomes.

Die Basisstation befindet sich in den Gartenanlagen Almirante Reis direkt in der Altstadt. Die Bergstation in Monte liegt am Caminho das Babosas, etwa in mittlerer Entfernung zwischen Largo das Babosas und den Gärten von Monte. Damit ist für Fußgänger ein leichter Zugang zu beiden Orten geschaffen, ohne das natürliche Ambiente zu stören.

In der Station von Funchal befindet sich die Spanneinrichtung, die die Spannung im Förderseil konstant hält. Die Strecke von 3.178 Metern schräger Länge überwindet einen Höhenunterschied von 560 Metern und wird in etwa 15 Minuten zurückgelegt.

Das Förderseil von 43 mm Durchmesser verläuft über 11 röhrenförmige, konisch zulaufende Stahlstützen. Die Spurbreite der beiden Seilstränge beträgt im Allgemeinen 5,50. Mit 39 m ist die Stütze Nr. 3 die höchste. Die Seilbahn verfügt über 39 Gondeln mit je 7 Sitzplätzen. Bei maximaler Fahrgeschwindigkeit von 5 Metern pro Sekunde können 800 Personen pro Stunde befördert werden. Dabei beträgt die gleichbleibende Betriebsleistung 302 KW (423 PS).“

Auch wenn der Werbeprospekt, den es in der Talstation gab, höchste Sicherheitsstandards versprach, traute Gerhard der Konstruktion nicht über den Weg. Was, wenn das Seil reißt? Das treibt ja nicht nur die Gondeln an, es hält sie auch. Dann geht’s mit Karacho runter ins Tal, und das war’s dann.

Ich machte mir solche Sorgen nicht und schaute den Leuten von oben auf den Balkon und in den Garten. So toll haben die Anwohner das Projekt sicher nicht gefunden, als es geplant und gebaut wurde. Ich zumindest fände die Idee äußerst uncool, dass über unserem Haus und Garten jahraus, jahrein irgendwelche Leute in Gondeln schweben und neugierig herunterglotzen. Ganz abgesehen davon, dass die Seilbahn ja sicher die ganze Zeit, in der sie läuft ununterbrochen Geräusche macht.

Wie dem auch sei – die Aussicht ist grandios!

Die Jungs mit den Korbschlitten, die seither die Touris für teuer Geld wieder talwärts transportiert haben, werden die Seilbahn sicher auch verfluchen. Die Teleferica hat ihnen ganz schön die Preise versaut. Wir schauten ihnen geraume Zeit vom Vorplatz der Kathedrale aus zu. Sah irgendwie recht gefährlich aus, wie die Anlauf nahmen und dann in voller Fahrt hinten auf die Kufen des voll besetzten Schlittens sprangen. So manövrierten sie den Schlitten die Straße runter. Sicher alles kein Act, so lange es stur geradeaus geht – und kein Hindernis kommt, das ein plötzliches Bremsmanöver notwendig macht.

Wie die Schlitten und die Fahrer wieder bergauf kommen, haben wir auch gesehen: Die Schlitten bringt ein Lastwagen, die Fahrer kommen mit einem Bus oder einem Taxi wieder nach oben. Das war in alten Zeiten sicher auch beschwerlicher.

In der Wallfahrtskirche selber haben wir die letzte Ruhstätte von Kaiser Karl I. gesehen. Ansonsten haben wir hier von einer Barock-Kirche eine andere Vorstellung, ich könnte jetzt nicht sagen, dass die Kirche künstlerisch irgendwie außergewöhnlich ausgeschmückt gewesen wäre.

Auf dem Altar steht eine Marienstatuette. Ihre Verehrung geht auf das 16. Jahrhundert zurück. Der Legende nach soll einer Schäferin dort die Mutter Gottes erschienen sein. Als sie ihren Vater an die Stelle führte, fand er die Statuette. Der Figur werden Wunderheilungen und Hilfe bei Naturkatastrophen nachgesagt.

Um den botanischen Garten zu besichtigen, hatten wir nicht genügend Zeit, und nur im Schweinsgalopp durchrennen wollten wir nicht. Also haben wir nur mal einen Blick auf den örtlichen Friedhof geworfen. Die Grabkreuze tragen Bilder des Verstorbenen und die Gräber sind oft mit künstlichen Blumen geschmückt, obwohl hier doch alles wächst. Wir haben versucht, die Grabinschriften zu lesen, sind aber gescheitert, obwohl man sich mit Brocken aus dem Französischen, Spanischen, Lateinischen und Italienischen doch einiges zusammenreimen kann.

Im Schnellrestaurant der Bergstation haben wir noch schnell was getrunken und sind dann wieder hinunter nach Funchal gefahren. Beim Bummel durch die Stadt hat’s mir dann meine Kamera verspult. Nach mehr als 10 Jahren treuen Diensten hat sie einfach die Funktion eingestellt. Nichts ging mehr. Es war ja irgendwann mal damit zu rechnen, aber grad im Urlaub nervt so was unheimlich. Ich bin so gerne unabhängig, sah mich aber schon für den Rest der Reise andauernd Gerhard um die Spiegelreflex bitten. Wahlweise unbeholfen mit der kleinen Digitalkamera rumfummeln. Denn die Dinger sind im Freien irgendwie nicht so galaktisch. Bei Sonneneinstrahlung, noch dazu mit der Sonnenbrille auf der Nase, deren Gläser nicht auf Weitsichtigkeit geschliffen sind sehe ich auf diesem verflixten Display so gut wie gar nix. Und der Sucher funktioniert irgendwie eher schätzometrisch. Hinterher ist so der Spur nach das auf dem Bild, was du im Sucher gesehen hast …
Nach Funchal würden wir noch einmal für einen ausgiebigeren Stadtbummel wiederkommen, beschlossen wir. Wir schauten im Hafen noch ein bisschen den Schiffen zu, auch dem nachgebauten Schiff von Christoph Kolumbus, und fuhren gegen 15:30 Uhr mit dem Shuttlebus wieder zurück ins Hotel.

Beobachtung am Pool: Gibt es eigentlich ein Rennfahrer-Gen?
Ich habe mich ernsthaft gefragt, ob es beim männlichen Geschlecht so etwas wie ein Rennfahrer-Gen gibt. Fünf kleine Buben aus verschiedenen Ländern fuhren stundenlang mit wachsender Begeisterung und viel Brumm-brumm-brumm ihre Spielzeugautos am Rand des kreisrunden Kinderschwimmbeckens herum. Die kleinen Mädchen quälten derweil ihre Angehörigen mit Kämmen und Zöpfchen flechten oder „fütterten“ ihre Schwimm-Enten. Da gab’s augenscheinlich eine strenge Geschlechtertrennung. Und das setzt sich meiner Beobachtung nach bis ins Erwachsenenalter fort. Ich kämme und füttere die Viecher und der Gatte schaut Autorennen. 😉

5. August: Die West-Tour
+++ Camara dos Lobos +++ Cabo Girao +++ Ribeira Brava +++ Sierra Agua +++ Emcumeada-Pass +++ San Vincente +++ Porto Moniz +++ Hochebene Paul da Serra +++

Nachdem wir ein paar Tage lang außer nix nix getan hatten, war jetzt ein bisschen Inselgucken angesagt. Man muss ja wissen, wo man war, sonst kann man den Urlaub gleich im örtlichen Freibad verbringen.

Der Bus kam pünktlich. Doch ehe es mit den Weisheiten der qualifizierten Reiseleiterin losging, hieß es erst einmal, eine Stunde lang die umliegenden Hotels abtouren und Mitreisende einfangen. Manche können’s einfach nie richten und hocken noch auf dem Klo, während draußen 30 Leute auf sie warten und haben hinterher noch eine blöde Gosch’. So macht man sich Freunde …

Camara dos Lobos: “Höhle der Wölfe” ist die wörtliche Bedeutung des Namens dieses Fischerorts. Gemeint sind allerdings keine wirklichen Wölfe sondern Mönchsrobben, die früher dort heimisch waren. Camara dos Lobos ist eine der ältesten Siedlungen auf Madeira, es gibt den Ort seit dem frühen 15. Jahrhundert. Winston Churchill liebte den Ort. Es gibt ein Foto aus dem Jahr 1950, auf dem der auf einem Aussichtspunkt am Ortseingang sitzt und den Blick auf dem Hafen malt. Wir waren dort und haben diese Aussicht fotografiert. Er hatte schon Recht – das ist ein Bild Wert.

Heute hätte er die Ruhe nicht mehr, dort zu sitzen und zu malen, weil im Minutentakt Busladungen mit interessierten Touristen dort halten und runterschauen und knipsen. Und wir gehörten dazu. So ein fortwährender Menschenauflauf lässt sich allerdings kaum vermeiden, wenn Hunderttausende von Touristen an ein paar Dutzend Sehenswürdigkeiten auf einer kleinen Insel interessiert sind.

Cabo Girao, der Aussichtspunkt über der Steilküste war unser nächstes Ziel. Und da war dann vollends Jahrmarkt. In einer ewig langen Schlange stand ein halbes Dutzend Reisebusse oder rangierten auch mal wie wild, wenn ausgerechnet einer in der Mitte wieder wegfahren wollte, obwohl es bei Lichte betrachtet nirgendwo hinging und man sich in dem Menschengewusel auch kaum zu rangieren traute. Es ging zu wie bei uns auf dem Pfingstmarkt. Markt war das richtige Stichwort, denn obwohl man vor lauter Leuten nicht mehr treten konnten, wuselten auch noch Händler herum und boten Pflanzen,. Postkarten, Stickereien und sonstige kunsthandwerkliche Gegenstände an. Ich kaufe in so einem Menschengewirr grundsätzlich nicht. Am Ende klaut dir noch einer den Geldbeutel. Nix gibt’s.

Wie auch immer – wir kämpften uns durch die Menschenmassen vor um das zu sehen, was es hier zu sehen gab: Vom Aussichtsplatz aus ging es 578 Meter lotrecht ins Meer. Das ist das zweit- oder dritthöchste Kliff der Welt. Man hat einen Blick fast über die gesamte Südküste und natürlich über Funchal.

Unten, am Fuß der Klippen, sieht man tatsächlich Terrassenfeldern, zu denen man sich früher mit einem Seil hinunterlassen musste. Oder man fuhr mit dem Boot. Heute gibt es wohl einen gläsernen Lift dort hinunter, den wir aber nicht gesehen haben. Die Landwirtschaft auf Madeira ist schon eine verflixt mühsame und manchmal sogar gefährliche Angelegenheit.

Woher der Name Cabo Girao kommt, erfuhren wir auch noch: Das heißt „Wende-Kap“. Die Entdecker Madeiras wendeten an dieser Stelle und fuhren wieder nach Lissabon zurück.

Ribeira Brava heißt „wilder Bach“ und ist ein fruchtbares Tal im Süden, und es gibt einen gleichnamigen Ort direkt an der Küste. Im 15. Jahrhundert wurde dort Zuckerrohr angebaut, heute gibt es hier Obst- und Bananenplantagen und man die Menschen in Ribeira Brava leben zudem von Fischfang und Landwirtschaft.

Wir hatten ein bisschen freie Zeit zur Verfügung, aber so schrecklich viel Interessantes gibt es in dem Städtchen nicht zu sehen. Wir waren kurz in der Kirche und ich habe halt wieder Postkarten gekauft. Von Ribeira Brava aus ging es in „Landesinnere“ der Insel, in Richtung Norden.

Über Sierra Agua mit seinen Terrassenfeldern fuhren wir zum Encumeada-Pass, 1.700 m hoch und fast im Mittelpunkt der Insel gelegen. Von diesem Pass breitet sich das ganze Panorama des Zentralgebirges aus. Der Pass ist die Verbindung zwischen Süden und Norden und gleichzeitig die Nahtstelle zwischen dem Zentralgebirge und der Hochebene Paul da Serra – ein traditioneller Verkehrsknotenpunkt mit Restaurants und Herbergen.

Die Aussicht war sensationell und am Wegesrand wuchsen höchst dekorative Hortensien und Agapanthus, eine Schmucklilie, die auch als „afrikanische Liebesblume“ bekannt ist. Nervig war allein die Indio-Band – ja, genau die Jodler mit Pferde-schwanzfrisur und buntem Poncho, die einem in jeder Fußgängerzone die Ohren vollflöten. Die hiesige Filiale hatte einen Notstromaggregat und eine Anlage aufgebaut und spielten zu einer CD mit Abba-Songs („Chicitita“) die Panflötenstimme. Und das nicht mal besonders gut. Wahrscheinlich fehlten denen noch ein paar tausend Höhenmeter, bis sie zur richtigen Form aufliefen.

Indio-Musikern mit Analage und Playback-CD sollten uns auf der Reise noch öfter begegnen. Es waren zwar immer andere Indianer, aber alle hatten die gleiche CD …

Wir kamen durch den Lorbeerwald, der heute zum Weltnaturerbe der UNESCO gehört. Die Lorbeerbäume (Laurus Azorica) sind endemisch auf der Insel, das heißt, sie kommen nur dort vor. Lorbeer, Baum- und Besenheide, Madeira-Zedern und Baumwacholder bilden den ursprünglichen Bewuchs der Insel, den Urwald. All diese Gehölze stehen unter Naturschutz. 60% der Pflanzen im Lorbeerwald sind endemisch. Der madeirensische Lorbeerwald zählt zum Weltnaturerbe der UNESCO. Der Lorbeerwald hat sich in der Eiszeit entwickelt, nicht nur auf Madeira sondern auch im Mittelmeerraum und in Nordafrika. Auf den Atlantikinseln blieb er erhalten, anderswo war es ihm nach der Eiszeit zu warm und er verschwand.

Je mehr Lorbeerwald es gibt, desto mehr Wasser gibt es. Der Tau gelangt über die Blätter in die Wurzeln, es bilden sich unterirdische Schichtquellen, und von dort gelangt das Wasser durch die Levadas (Bewässerungskanäle) bis ins Tal. Auf Madeira muss man kein Meerwasser entsalzen.

Auf dem Weg nach Sao Vincente an der Nordküste kamen wir immer wieder an Terrassenfeldern vorbei, auf denen kleine Hütten standen. Das seien mitnichten Geräteschuppen, erklärte uns die Reiseleiterin, sondern Kuhställe. Für richtige Kuhweiden, wie wir sie kennen, ist außer auf der Hochebene Paul da Serra kein Platz in dem gebirgigen Gelände. Also hält ein Bauer eben EINE Kuh. Frei herumrennen kann man sie in dem steilen Gelände auch nicht lassen, weil immer wieder welche abstürzen. Sind eben Rindviecher. Also gibt’s eben Einzelviehhaltung in diesen Ministällen. Gefüttert wird das Tier im Stall. Und wenn man einen Bauern mit einem großen Grasbündel auf dem Kopf auf sein Feld gehen sieht, dann bringt er seiner Kuh das Futter.

Sao Vincente: Die kleine Kapelle, der Fluss und das Dorf sind dem heiligen Vinzenz geweiht. Der Märtyrer soll bei Valencia von einem Schiff aus mit einem Mühlstein beschwert ins Meer geworfen worden sein. Das Meer spülte ihn bei Sao Vincente wieder an Land, wo er dann, nach diesem „Fingerzeit Gottes“ ein ordentliches Begräbnis erhielt.

Vom Meer aus kann man Sao Vincente nicht sehen, es liegt hinter einem Felsen verborgen, wodurch die Einwohner ihre Ruhe vor den Piraten hatten.

Von Sao Vincente ging es nach Porto Moniz, den nordwestlichsten Punkt der Insel. Dort war unsere Mittagspause geplant. Auch unterwegs gab es noch Interessantes zu sehen: Ungewöhnlich geformte Felsen im Wasser. Und die Straße an der Steilküste entlang war auch ein Erlebnis für sich. Wir fuhren die „Alte Straße“ entlang, die wie ein geländerloser Balkon am Felsen klebt. Sah man aus dem Busfenster, ging’s nur ins Bodenlose. Die Reiseleiterin meinte grinsend, wir könnten beruhigt sein, auf Madeira gibt es nur gute Busfahrer. Die schlechten wären schon längst über die Klippen gestürzt.

„Waschstraße“
wird die Straße auch scherzhaft genannt. Es gibt hier so viele Wasserfälle, dass das Auto beim Drunterdurchfahren von selber sauber wird. Nur Cabrio-geeignet ist die Strecke eher weniger … Eindrucksvoll war der Wasserfall Veu da Noiva, der Brautschleier-Wasserfall kurz vor der Ortschaft Seixal.

Baustellen sahen wir auch allenthalben. Die Berge auf Madeira müssen ja bald durchlöchert sein wie Schweizer Käse. An jeder Ecke wurden Tunnels gebohrt. Das, so erzählte man uns, habe Madeira den Zuschüssen aus der EU zu verdanken. Jetzt ist Geld da, jetzt wird auch gebaut. Ist es das, was wir mit unseren Steuergeldern finanzieren: Löcher?

In Porto Moniz angekommen, ging es gleich in das Restaurant Cachalotte direkt am „Wahrzeichen“ des Orts, dem natürlichen Felsenschwimmbecken. Dort waren wir zum Mittagessen angemeldet. Es war ein großes, ziemlich ungemütliches Lokal, das für Massenabfertigungen von Touristen wie geschaffen war. Nervig war auch das aufdringliche Fotografenteam mit jungen Damen in Landestracht, die sich ungefragt mit den Gästen fotografieren ließen und hinterher 5 Euronen für das Bild kassierten. Unser Bild war doof, was zwar mehr an uns als an den Fotografen lag, aber für ein doofes Bild zahlen wir nicht. Berufsrisiko.

Es gab Fisch: Espada mit Kartoffeln und Gemüse. Der Espada – der schwarze Degenfisch – ist eine leckere Spezialität der Insel. Doch nicht nur auf dem Teller ist dieser Fisch interessant, auch im Wasser gibt es über ihn einiges zu erzählen. Nur ist das nicht alles so appetitlich. Also erst essen und dann später schauen, wie der Espada aussieht und sich darüber informieren, wie er lebt und gefangen wird.

Beim Espada handelt es sich um einen Tiefseefisch, der ca. 800 bis 1000 Meter tief im Atlantik lebt. Er wird 1 bis 2 Meter lang, schwarz, hat große Glubschaugen und ein hechtartiges Maul mit mehr Zähnen als Stefan Raab. In der Tiefe sei er wohl kupferfarben, nicht schwarz, sagte man uns. Genau weiß man es nicht, weil man noch nie einen lebendigen Espada gesehen hat. Auch keinen jungen, übrigens. Nicht mal der Forscher Jacques Cousteau hatte Glück, der mal in Sachen Espada forschte. Vielleicht wüssten wir heute mehr, wenn er nur mehr Zeit für dieses Projekt gehabt hätte.

Man nimmt an, dass die ausgewachsenen Espadas zur Nahrungssuche aus der Tiefe auftauchen und dann in die Fischernetze geraten. Beim Hochziehen des Netzes stirbt der Espada dann aufgrund des Druckabfalls. Er ist eben für die Tiefsee gemacht. Die Schwimmblase dehnt sich aus, er spuckt den Mageninhalt aus – weswegen man bis heute nicht weiß, was genau er frisst – und stirbt.

Die ekligen Details vergisst man aber recht schnell, wenn der Espada in Form von Fischfilet vor einem auf dem Teller liegt …

Nach dem Essen hatten wir noch ein bisschen Gelegenheit, uns rund um das natürliche Felsenschwimmbad umzuschauen. Leider wurde da gerade was renoviert, so dass nicht in allen Becken Wasser drin war. So haben wir nicht ganz den richtigen Eindruck von dem beliebten Familienbad bekommen.

Vor hunderttausenden von Jahren haben sich vulkanische Schlackenbänder vor der flachen Küste zu einem großen Halbrund geformt. Fast ohne bauliche Ergänzungen entstand dort ein Badeparadies, das besonders von einheimischen Familien frequentiert wird.

Nach der Mittagspause fuhren wir weiter durch die Hochebene von Paul da Serra. Dort war es neblig, nass und herbstlich. Kühe laufen dort frei herum und finden abends von selber wieder in den Stall, wenn es Zeit ist zum Melken. Bis ungefähr zur Ortschaft Prazeres ist die Gegend bewaldet, danach wird der Bewuchs steppenartig. Na ja, man befindet sich dort in einer Höhe von 1.400 bis 1.500 Metern. Die höchste Erhebung ist der Ruivo do Paul mit 1.630 m. Bewohnt ist die Hochebene nicht. Man hatte mal geplant, weil es dort so schön eben ist, den Flughafen dort oben hin zu bauen. Doch das war eine Schnapsidee. Das Wetter ist zu schlecht, dort oben ist es häufig neblig. Auch sonst ist es dort recht unwirtlich. Großteils bilden wasserundurchlässige Erdschichten den Untergrund, was den Boden zu einem matschigen Sumpf macht. „Gebirgsumpf“ lautet auch die wörtliche Übersetzung von Paul da Serra. Die Wege sind leicht erhöht angelegt, damit man bei schlechtem Wetter nicht im Matsch versinkt.

Der Flughafen kam dann nach Funchal. Was auch nicht ganz einfach war, weil es so wenig Platz gab für eine Landebahn. Aber zumindest ist dort unten im Süden das Wetter besser.

Auf der Rückfahrt legten wir noch eine Kaffeepause in Ponta do Sol ein. Statt uns ins Cafe zu setzen, gingen wir am Kai entlang und schauten der Dorfjugend zu, wie sie von der Kaimauer ins Wasser sprang. Wahnsinn, was diese Jungs sich trauen.

Unterwegs aufgeschnappt
Wenn man so unterwegs ist, erzählen die Reiseleiter ja so allerlei Interessantes, Wichtiges und Schnurriges. Zum Beispiel dieses:

Tonfiguren auf den Dächern: Auf den Dächern der madeirensischen Häuser – ob alt oder neu – finden sich vielfach Tonfiguren in Form von Vögeln oder Kinderköpfen. Dieser Brauch ist asiatischen Ursprungs und kommt aus den Kolonien (Macao). Der Vogel soll eine Taube darstellen, ein Symbol für den Heiligen Geist, und das Haus beschützen. Die Kinderköpfe sind ein Fruchtbarkeitssymbol.

Zuckerrohr: Der Entdecker der Insel, Kapitän Zarco und Prinz Heinrich, hatten schon recht früh die Idee, auf Madeira Zuckerrohr anzubauen. Die ersten Stecklinge wurden aus Sizilien importiert. Sklaven aus Nordafrika arbeiteten auf den Feldern der Zuckerrohrplantagen. Die Konkurrenz konnte nicht mithalten, und bald importierten alle nur noch Zuckerrohr aus Madeira. Das Geschäft florierte eine ganze Weile. Um das Jahr 1500 herum war der Höhepunkt des madeirensischen Zuckerrohrgeschäfts, doch 1503 kamen die Portugiesen auf die Idee, Zuckerrohr nach Brasilien zu bringen. Die ersten Plantagen entstanden, auf denen die Sklaven aus Schwarzafrika arbeiteten. Zuckerrohr aus Brasilien war fortan konkurrenzlos, Madeira als Zuckerrohrlieferant war bald vom Markt verschwunden.

Heute sieht man nur noch vereinzelt ein paar Pflanzen. Was es noch an jeder Ecke gibt: Den weißen Rum, den man ja aus Zuckerrohr macht. Eine Spezialität der Insel ist Poncha, eine Art Punsch aus weißem Rum, Honig und Zitrone. Das Zeug kann man kalt oder heiß trinken und jeder schwört auf sein ganz persönliches Mischungsverhältnis. Im Winter schwören die Madeirenser auf heißen Poncha, der gut gegen Erkältungen sein soll. Man trinkt ihn aber auch gern mal zur Vorbeugung …

Wir haben uns aus der Markthalle einen weißen Rum mitgebracht und werden im Winter mal testen, wie es denn so mit der medizinischen und sonstigen Wirkung dieses Gebräus bestellt ist.

Zwergbananen: Zwergbananen brauchen Wärme und Feuchtigkeit und sind deshalb auf Madeira gut aufgehoben. Sie werden bis in die Höhe von 300 m angebaut. Aus der Wurzelknolle sprießt die Mutterpflanze. Bis das erste mal Bananen geerntet werden können, dauert es 18 Monate. Jede Pflanze trägt nur einmal in ihrem Leben eine Bananenstaude, danach stirbt sie und das Spiel geht mit ihren Ablegern weiter.

7. August: Die Ost-Tour
+++ Pico do Ariero +++ Ribiero Frio +++ Santana +++ Portela +++ Ponta Sao Lourenco +++ Machico +++
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Nahezu pünktlich ging es am Morgen des 7. August mit dem Bus auf die Osttour. Auf dem Weg zum Berg Pico do Ariero erzählte uns die Reiseleiterin noch allerhand über das Getier auf Madeira. Es gibt rund 250 Vogelarten auf der Insel, kein Rotwild, nur Kaninchen, Reptilien – und 500 Fischarten. Und dass es die Pflanzen dank des günstigen Klimas zu Rekordgröße bringen, erzählte man uns auch. Heidelbeeren erntet man hier mit der Leiter, weil die Sträucher bis zu 2 Meter groß werden. Und auch die Besen- und Baumheide wird viel größer als anderswo.

Auf dem Pico do Ariero, dem dritthöchsten Berg der Insel mit 1818 Metern hat man alles im Blick. Man kann heute mit dem Auto bis kurz unter den Gipfel fahren und dann zur Aussichtsterrasse hoch gehen. Von dort sieht man nach Süden und Osten bis zur Küste, nach Norden hinüber zu den benachbarten Felsmassiven und nach Westen bis auf die Hochebene Paul da Serra. Und wenn ich auch die Fotos „Landschaft mit Emma“ sonst nicht leiden kann – hier haben wir eins gemacht. Muss ich erwähnen, dass auch hier die unvermeidlichen Indianer am Herumplärren waren?

Die nächste Station war Ribiero Frio, was „kalter Fluss“ heißt. Das ist ein Naturschutzgebiet und liegt am Osthang des Zentralgebirges, so ungefähr auf halber Höhe. In wie fern da die Natur geschützt wird, habe ich mich allerdings gefragt, weil das ganze doch sehr touristisch aufgezogen ist. Mit Wegen, Picknickplätzen, Restaurants, Souvenirbuden … Und natürlich mit panflötenden Hochlandindianern samt Stromaggregat, Anlage und Abba-CD. Ist in den Anden überhaupt noch jemand zu Hause? Tolle selbst gestrickte Pullover haben die Frauen dort angeboten, aber die wirkten warm und kratzig. Also habe ich keinen gekauft. Nur schön ist ja auch nix.

Terrassenförmig an den Hang gebaut ist eine Forellen-Zuchtstation, durch die wir durchspaziert sind. Interessanter noch als die Fische fand ich die Sammlung an penibel beschrifteten exotischen Topfpflanzen, die dort herumstand.

Bei Faial hielten wir für eine kurze Fotopause an: Der Ort an sich ist nicht so aufregend, aber der imposante, steil abfallende Adlerfelsen (Penha de Aguia), der Faial vom Nachbarort Porto da Cruz trennt. 590 Meter ist er hoch und früher nisteten dort Fischadler. Von denen hat der Fels seinen Namen. Auf den Berghängen sieht man überall die kleinen „Kuhhäuschen“, die palheiros. Mini-Kuhställe für einzelne Rindviecher.

Mittagspause war in Santana – Massenabfütterung mit Espada. Aber gut war’s. Der Name Santana, so sagte man uns, kommt von „Santa Anna“. Im 16. Jahrhundert stand an der Stelle der heutigen Dorfkirche eine Kapelle der heiligen Anna. Berühmt ist Santana wegen seiner Strohdachhäuser, auch Santana-Häuser oder Bienenkorbhäuser. Oder, auf portugiesisch, Casas do Colmo.

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Diese gepflegten Häuschen sind winzig, und die Strohdächer reichen bis zum Boden. Es ist fast nicht vorstellbar, dass dort wirklich ganze Familien drin gelebt haben. Einige der Santana-Häuschen sind sogar heute noch bewohnt. Sie haben unten ein Wohnzimmer und ein Elternschlafzimmer und oben ein Kinderzimmer. Küche und Klo sind in separaten Gebäuden. Die Küche wegen des Funkenflugs- das ist bei einem Strohdach zu gefährlich. Da hat man doch lieber ein Gebäude mit Steindach.

Die Besitzer so eines Santana-Häuschens erhalten eine Unterstützung vom Staat, damit sie ihr Gebäude erhalten. Alle 5 Jahre muss so ein Strohdach neu gedeckt werden – wegen des Wetters und wegen der Mäuse.

Ich liebe ja Häuser und hätte mich an den schmucken und mit vielen Blumen herausgeputzten Santanahäuschen dumm und dusselig fotografieren können.

Danach ging es weiter. Nach einem Stopp in Portela fuhren wir zur Ostspitze der Insel. Dort war Schluss mit üppig grünen Landschaften, dort gibt es Halbwüste und unbewohnte Wüsteninseln vulkanischen Ursprungs. Eine spektakuläre Landschaft ganz nach unserem Geschmack, rau, felsig und karg. Wir sind herumgeklettert und haben wie die Wilden fotografiert. Viel zu schnell ging es wieder weiter. Ich war die letzte, die vom Felsen heruntergekraxelt war und wieder im Bus saß. Sonst muss man immer auf andere warten, diesmal war’s eben ich.

Der letzte Halt vor der Rückkehr ins Hotel war Machico, die älteste Stadt der Insel. Dort war alles in Vorbereitung für ein Stadtfest. Überall wurde gegrillt und Speisen und Getränke verkauft. Auf einer Bühne lief gerade der Soundcheck einer Band. Ich hatte gehört, dass es an der Festung, der Fortaleza do Amparo, einen Teich mit lila Seerosen geben sollte. Die wollte ich unbedingt sehen. Danach schlängelten wir uns durch die Grillbuden an den Strand durch.

Eine tolle Bucht haben die dort! Hätte es nicht so viel Remmidemmi gegeben von dem Fest her, wäre das dort wahrhaft paradiesisch gewesen.

Wir latschten noch ein bisschen durch die Ortschaft und waren früher als vereinbart wieder am Treffpunkt. Für heute hatten wir genug gesehen, und so ließen wir uns gerne wieder zum Hotel zurückfahren.

9. August: Ein weiterer Besuch in Funchal
Am 9. August wollten wir noch einmal nach Funchal um Souvenirs und Reisemitbringsel zu kaufen. Ich reservierte wieder in aller Herrgottsfrühe zwei Plätze im Shuttlebus für 9:30 Uhr. Doch als wir losfahren wollten, regnete es Bindfäden. Und Regenschirme hatten wir nicht mitgenommen. Zwar hätten wir welche kaufen können, aber der Laden im Hotel öffnete erst viel später am Vormittag. Also ließen wir unsere Shuttle-Fahrt verfallen und quetschten uns anderthalb Stunden später mit hundert anderen Menschen in den Linienbus. Der Shuttlebus war nämlich für alle späteren Fahrten bereits ausgebucht.

Meine Güte, das war vielleicht eine Gurkerei! Der Linienbus hielt an jedem größeren Baum und an jeder Milchkanne und war so gestopft voll, dass manche Fahrgäste gar nicht an ihrer gewünschten Haltestelle aussteigen konnten. Sie konnten sich einfach nicht bis zur Tür vorkämpfen.

Irgendwann haben wir es dann doch geschafft und kamen am zentralen Busbahnhof von Funchal an. Als erstes gingen wir in die Markthalle. Das war so eine Art europäisierte Version eines orientalischen Souks. Blumen, Fische, Rum und Vogelkäfige, Fleisch und Brot, Obst, Gewürze und Gemüse, Postarten und Souvenirs – es gab nichts, was es dort nicht gab. Auf dem Fischmarkt in der Markthalle sahen wir erstmals auch einen Espada, wenn er noch nicht zubereitet auf dem Teller liegt. Na ja, eine Schönheit ist er wirklich nicht. Ich wäre nicht von mir aus auf die Idee gekommen, dass man den essen kann und dass er auch noch schmeckt.

Postkarten und Rum, Madeira-Wein, verschiedene Blumenzwiebeln und Ansichtskarten haben wir gekauft und durften den Kram für den Rest des Tages mit uns rumschleppen. Gerhard war noch auf der Suche nach zwei Stangen Marlboro, aber die waren erst nach langem suchen in einem winzigen Kiosk zu finden. Auf Madeira verkaufen sie sonst wohl nur Einzelschachteln.

Zur Besichtigung der Kathedrale reichte es uns wieder nicht, aber die hat auch zu ausgesprochen ungünstigen Zeiten geöffnet. Nun, überall, wo wir waren, haben wir unerledigte Posten hinterlassen.

Wir gingen zum Praca du Municipio, dem Rathausplatz. Wir warfen einen Blick in den mit blauen Kacheln schön dekorierten Innenhof des Rathauses und sahen auch die Skulptur von Leda mit dem Schwan. Aber so ganz wohl war uns nicht dabei, dort besichtigend herumzuschleichen. Es ist immerhin ein Rathaus. Also gingen wir schnell wieder und besichtigten die Kirche des Jesuitenkollegs, die Igrecia do Collegio. Ein wildes Stil-Sammelsurium irgendwo zwischen maurisch und barock, mit Kacheln, Wandmalereien, gerahmten Bildern und Schnitzereien mit viel Blattgold. Leider sind meine Fotos nichts geworden, sie sind alle zu dunkel.

An der Uferpromenade nahmen wir Prospektmaterial zum Thema Hochseefischen für einen von Gerhards Kollegen mit. Wir sahen die Nachbildung von Christoph Kolumbus’ Schiff voll besetzt mit Touristen zu einer Rundfahrt auslaufen und gingen ins Einkaufszentrum. Das ist wie eine Shopping Mall konzipiert – lauter schicke kleine Lädchen – und auch dort gibt es nichts, was es nicht gibt.

Wir kauften uns etwas zu trinken und machten uns auf den Weg in den Stadtpark, den Parque Sao Francisco. Diesen Park hatten wir bei unserem ersten Besuch nur flüchtig gesehen. Eine beachtliche Ansammlung exotischer Bäume und Sträucher ist dort angepflanzt, alle mit Namensschildern versehen. Es ist unglaublich, was es alles an Pflanzen gibt, die man noch nie zuvor gesehen hat. Bäume mit dickbauchigen Stämmen, und etwas, das wie eine Kreuzung zwischen Drachenbaum und Yuccapalme aussah und ebenso sonderbare Früchte trug. Oder waren es Blüten? Sie sahen aus wie eine Mischung aus Ananas und Tannenzapfen. Wir setzten uns auf eine Park am Ententeich mit den beiden Knaben aus Stein und sahen den Passanten zu.

So langsam wurde es Zeit, an die Heimfahrt zu denken. Bis der Bus kam, setzten wir uns in ein Straßencafé in der Nähe des Busbahnhofs. Als es ans Zahlen ging, konnte der Kellner nicht rausgeben und verschwand für eine (gefühlte)Viertelstunde mit unserem Geldschein im Restaurant. Es wurde später und später und ich ging mal nachsehen, wo er denn bliebe. Ganz gemächlich kam er angeschlappt und gab uns unser Wechselgeld. Wir beeilten uns, zum Shuttlebus zu kommen. Die Haltestelle war ja gleich über der Straße, und es hätte gut gereicht, denn wir hatten noch 6 Minuten Zeit (Funkuhr!). Allerdings entschloss sich der Busfahrer, fünf Minuten früher abzufahren, obwohl sein Bus noch leer war uns wir schon die Hand am Türgriff hatten. Wir fuchtelten wie wild mit den Armen und machten klar, dass wir noch mit fahren wollten. Reserviert hatten wir ja. Er sah uns, winkte ab und fuhr los. Arschloch. Später im Hotel sahen wir, dass die Uhr in dem Bus kaputt war. Und ich nehme an, dass der Typie sich entweder auf seine Armbanduhr verließ oder seine Abfahrtszeiten nach Gefühl festlegte. Ich hatte so eine Sauwut auf diesen Kerl und hätte ihn gerne bei der Hotelleitung angeschwärzt – nur habe ich die Chefin nicht mehr gesehen. So ein Scheiß-Service ist eigentlich bei einem Riu-Hotel nicht üblich.

Wir mussten also wieder mit dem Linienbus heimfahren, der auch nicht weniger voll war als bei der Hinfahrt. Nur fuhr der jetzt noch eine längere Strecke mit noch mehr Haltestelle und brauchte dreimal so lang wie der Shuttlebus. Und für was für eine Arschbreite sind eigentlich die Bus-Sitze konzipiert? Für Kinder, für Pygmäen oder für Gartenzwerge?

Mehr schlecht als recht kamen wir dann wieder ins Hotel gegurkt. Tja, und damit war unser Urlaub eigentlich wieder so gut wie zu Ende. Wir machten noch ein paar Fotos und packten unseren Kram zusammen, denn am nächsten Vormittag um 11:30 Uhr sollten wir in Richtung Flughafen abgeholt werden.

Auch das hat nicht so ohne weiteres geklappt. Es kamen scharenweise Minibusse, die die Urlauber an den Flughafen karrten. Und als noch 4 Urlauber übrig waren – wir und noch ein Paar – kamen keine Busse mehr. Zum Glück trafen wir die TUI-Reiseleiterin, die nach ihrer Sprechstunde gerade das Hotel verlassen wollte. Ich sprach sie an, und sie telefonierte mit ihrem Handy ein bisschen in der Gegend herum. Und in der Tat – sie trieb noch einen Minibus für uns auf.

Reichlich spät trudelten wir am Flugplatz ein und hatten dank Umbaus ziemliche Schwierigkeiten, unser Abfluggate zu finden. War alles halb so schlimm, weil der Flug ohnehin Verspätung hatte. Gab es jemals einen pünktlichen Flug? Und wie viel „Luft“ ist eigentlich in den angenommenen Flugzeiten drin? Viel, denn trotz verspäteten Abflugs kamen wir pünktlich in Stuttgart an. Ab da klappte wieder alles tadellos – mit dem Taxi fuhren wir nach Hause und wurden von unseren Katzen schon sehnsüchtig erwartet. Gerhards Eltern hatten die Viecher, die Blumen und den restlichen Hausstand wunderbar versorgt.

Und dann kam das, was immer am Ende einer Reise kommt: 13 Waschmaschinenladungen Wäsche und ein bis zwei Waschkörbe voller Post. Und die Frage, wohin wir denn im nächsten Jahr fahren werden.



Madeira – Daten und Fakten
April 30, 2007, 3:30 pm
Filed under: Madeira

Soziales – wie man auf Madeira lebt und arbeitet

Kinder, Schule, Studium: 120 Tage nach der Geburt gilt für die berufstätigen madeirensischen Mütter der Mutterschutz, diese Zeit wird voll bezahlt. Für jedes Geburt gibt es E 100,– Kindergeld … eine Art Prämie.

Für die Kleinkinderbetreuung ist gesorgt. Die Vereinbarkeit von Nachwuchs und Beruf dürfte gewährleistet sein: Ab dem Alter von 4 Monaten bis zum Alter von zwei Jahren kann man seine Kids in eine Krippe geben. Ab drei Jahren dann in den ganztägigen Kindergarten. Die Gebühren sind gehaltsabhängig.

Natürlich herrscht Schulpflicht, wir sind hier in Europa. Jedes Dorf hat eine eigene Grundschule bis zur 4. Klasse, danach müssen die Kids in die nächstgrößere Gemeinde zur Schule. Die ersten 9 Schuljahre sind für alle gleich, es gibt hier keine so frühe Trennung in verschiedene Schularten wie im Gymnasium. Erst ab Klasse 9 trennen sich die Wege der Schüler – entweder in Richtung Berufsschule oder in Richtung Abitur/Studium. Die meisten Schulen sind übrigens Ganztagesschulen.

Für die Schüler gibt es 3 Monate Sommerferien, 2 Wochen Weihnachtsferien, zwei Wochen Osterferien und 3 Tage frei an Karneval. Ich muss mir das direkt mal näher anschauen: Ist da eigentlich noch Zeit übrig, in der man lernen kann?

Kindergeld gibt’s auch, nicht nur diese EUR 100,– Geburtsprämie:
Es gibt ein monatliches Stillgeld von E 20,– bis das Kind 10 Monate alt ist. Danach gibt es EUR 25,- pro Kind und Monat gibt es, so lange ein Kind in die Schule geht und studiert.
Ab drei Kindern gibt es vom dritten Kind aufwärts EUR 30,– pro Kind und Monat. Für Kinder mit Behinderung gibt es je nach Schwere der Behinderung und Pflegeaufwand pro Kind und Monat zwischen EUR 40,– und EUR 150,–.

Nicht alle Fakultäten kann man auf Madeira studieren. Was da an der Uni nicht angeboten wird, dafür müsste man aufs Festland nach Portugal gehen. Das ist aber recht teuer von den Lebenshaltungskosten her. Ein Stipendium ist möglich und erleichtert so manches. Trotzdem bleibt’s ein teueres Vergnügen, außerhalb von Madeira zu studieren.

Arbeit und Rente: Hauptsächlich lebt man auf Madeira vom Tourismus (850.000 Touristen im Jahr und 250.000 Einwohner), von der Landwirtschaft und dem Export von Wein und Bananen. Weniger bedeutend ist die Industrie, in der Hauptsache Stickerei und Korbflechten.
10% der Bevölkerung arbeitet in der Landwirtschaft, 60% im Dienstleistungsbereich, 30% in der Industrie.

In der Landwirtschaft wird wegen der Terrassen- und Hanglage der Felder auch heute noch das meiste in Handarbeit erledigt, der Einsatz von Maschinen ist schlicht oft nicht möglich. 40% der Bauern sind Pächter oder Angestellte. Gerade weil das alles so mühsam von Hand gemacht wird und einfach kein Stück gibt, sind importierte Landwirtschaftsprodukte heute billiger als eigenproduzierte. Die Landwirtschaft auf Madeira hat keine Zukunft, die Jungen machen das auch gar nicht mehr mit. Es lohnt sich nicht.

Löhne, Steuern und Gehälter: Der Mindestlohn beträgt E 400,–, darauf entfallen für den Arbeitnehmer keine Steuern. Krankenversicherung, Renten-, Sozialversicherung etc. bezahlt in dem Fall der Arbeitgeber.
Der Durchschnittslohn beträgt rund €EUR 800,– brutto. Je nach Verdienst bezahlt der Arbeitnehmer zwischen 6% und 35% Steuern, zuzüglich Krankenkasse, Renten- und Sozialversicherung.
Mit 65 Jahren gehen Männlein wie Weiblein in Rente. Die Minimalrente beträgt EUR 200,– im Monat. Die Maximalrente berechnet sich etwas kompliziert: 65% des Lohns der beste bezahlten 10 Jahre der letzten 15 Jahre Arbeit.

Mieten, kaufen, bauen:
Wohnen in Miete: Auf Madeira wurde irgendwann die sonderbare Regelung eingeführt, dass die Mieten aus alten Verträgen nicht steigen dürfen. Wer also beispielsweise seit 1974 in einer Mietwohnung lebt, hat’s gut: Er kommt mit so lächerlichen Mietbeträgen wie EUR 15,- im Monat davon. Bei neu abgeschlossenen Mietverträgen langen sie dafür um so stärker zu. Für eine 60 m2-Wohnung verlangen die da schon mal EUR 600,– Miete. Was so ungefähr der Netto-Durchschnittslohn ist. Für junge Leute ist das natürlich schwierig zu finanzieren, weshalb es häufig vorkommt, dass mehrere Generationen unter einem Dach leben. Das würde ganz gut funktionieren, sagte man uns, da die Madeirenser einen ausgeprägten Familiensinn haben. Ich fände die Vorstellung, mit Eltern oder Schwiegereltern, Geschwistern, Schwägerinnen und Schwagern, Kind und Kegel in einer Wohnung zu leben, eher entsetzlich.

Eine Alternative gibt’s zum Glück: Die Sozialwohnungen. Da ist die Miete einkommensabhängig und beträgt ca. 25% vom Gehalt.

Immobilien: Natürlich wird auch die Möglichkeit genutzt, Wohneigentum zu kaufen. Auf dem Land liegen die Quadratmeterpreise so ungefähr bei der Hälfte von dem, was eine Immobilie in Funchal kostet. Und so gibt’s viele Pendler, die außerhalb wohnen und jeden Tag zum Arbeiten in die Stadt fahren.

Grundstückspreis in Funchal: ca. EUR 250,-/m2
Auf dem Land draußen, wie gesagt, rund die Hälfte.
Eine Wohnung kostet im Schnitt EUR 120.000,–, ein Haus EUR 250.000.–
Für einen Kredit zum Hausbau zahlt man ca. 5 – 6% Zinsen.

Im übrigen haben wir erfahren, dass die Häuser auf Madeira keine Heizung haben. Wenn’s dann wirklich mal kalt wird, behelfen sich die Leute mir irgendwelchen Heizöfchen.

Ärztliche Versorgung: Auch auf dem Land ist die ärztliche Versorgung gesichert: Es gibt überall Gesundheitszentren, in denen immer ein Allgemeinmediziner anwesend ist. Einmal die Woche kommt ein Facharzt in die Zentren und behandelt die Patienten, die in sein Fachgebiet fallen. Kompliziertere Fälle müssen ins Klinikum nach Funchal.

Vom Auswandern und Zurückkommen. Während der Diktatur wurde viel Geld in die Kolonialkriege gesteckt und Madeira quasi vergessen. Es ging recht ärmlich zu auf der Insel, und die, die in ihrer Heimat keine Perspektive sahen, wanderten aus. Und nicht nur vereinzelt! Es kam zu einer regelrechten Auswanderungswelle nach Venezuela, Brasilien, Kanada, Australien und Südafrika.

Einige Auswanderer wurden in ihrer neuen Heimat reich, kamen nach Madeira zurück und bauten dort neue Häuser in ihrem Heimatort. Entweder für die Rückkehr oder als Ferienhaus bzw. Sommerresidenz.

Heute ist Auswandern nicht mehr populär. Bei einer Arbeitslosenquote von 2% geht’s den Madeirensern gut.

Aufgrund der Auswanderungswellen gibt es heute mehr Madeirenser und Abkömmlinge derselben im Ausland als auf der Insel selber:

300.000 Madeirenser leben in Südafrika
250.000 in auf Madeira selbst
1 Million davon gibt es weltweit.



Claus Beese: Voll voraus, DODI! – Neue Abenteuer von der Waterkant
April 26, 2007, 10:08 am
Filed under: Bücher

Pleiten, Pech und Pannen an Bord eines Motorboots – und an Land

Claus Beese: Voll voraus, DODI! – Neue Abenteuer von der Waterkant, Illustrationen: Lothar Liesmann, Goldebek 2006, Mohland Verlag, ISBN: 978-3-86675-021-0, flexibler Einband, 156 Seiten, Format: 20,5 x 14,5 x 0,9 cm, EUR 10,00.

Wikinger-Gene hat er, der Skipper Claus, deshalb zieht es ihn mit seinem Motorboot DODI und seiner Seejungfrauen-Crew – Ehefrau und Tochter – im Urlaub in Richtung Dänemark. Landratten haben ja nicht die leiseste Ahnung, was man mit so einem Motorboot alles erleben kann, und dass man diese Art des Freizeitvergnügens ungestraft als eines der letzten Abenteuer bezeichnen darf!

Die Reise fängt schon sehr vielversprechend an: An einem heißen Sommertag wollen in Lintig mehrere Schiffe gleichzeitig die Schleuse in Richtung Elbe passieren. Statt elegant per Knopfdruck den Schleusungsvorgang auszulösen, erwischt so ein Unglücksrabe den NOTAUS-Schalter – und nun geht gar nichts mehr. Die Schiffe sitzen in der Schleuse fest und der Schleusenmeister, der sie wieder befreien könnte, ist übers Wochenende zum Angeln gefahren. Schöne Aussichten!

Was macht man so einer Situation? Randalieren? Still verzweifeln? Die Schiffsbesatzungen beschließen stattdessen, eine Party zu feiern, schmeißen den Grill an und dezimieren ihre Alkoholvorräte. Und so staunt der Schleusenmeister nicht schlecht, als er schließlich zur Befreiungsaktion anrückt …

Die nächsten Turbulenzen lassen nicht lange auf sich warten, als eine der Seejungfrauen – des Skippers Teenie-Tochter Claudia – beim Schwimmen im Hafenbecken von Bederkesa eine „tote Leiche“ findet. Der Auflauf, den dieser Fund auslöst, ist TATORT-reif: vom Bürgermeister bis zum Katastrophenschutz, von der DLRG bis zur Feuerwehr ist alles da, was Rang und Namen hat. Die Kinder und Kurgäste freuen sich über die aufregende Abwechslung. Nur Schneidermeister Kiekbusch hat einen schmerzlichen Verlust zu beklagen …

Die Szene der Freizeitskipper ist überschaubar. Man kennt sich. Und so muss man in fremden Häfen unbedingt darauf achten, dass man alle eventuell anwesenden Funktions- und Würdenträger des Vereinswesens angemessen begrüßt. Manchmal empfiehlt es sich jedoch auch, sich von Bekannten fern zu halten und sie schlicht zu verleugnen. Der wild aussehende Piratenkapitäns-Urenkel Kalli Flint ist so ein Fall. Vom Kochen versteht er ungleich mehr als von der Seefahrt. Doch im dänischen Hafen von Sonderburg ist er anscheinend an seinen Kernkompetenzen gescheitert … oder wie sonst ist zu erklären, dass er statt der Steaks den Steg gegrillt hat? Nein, mit den peinlichen Schandtaten dieses Chaoten möchte die Besatzung der DODI nichts zu tun haben – auch wenn die Geschichte vom flambierten Steg saukomisch ist.

Da blamiert man sich doch lieber selber. So wie Heinz, Kapitän der PINGO, ein Kumpel unseres Skippers. Beim Versuch, von einem Gummiboot aus den Wasserpass seines Motorboots zu reinigen, verunglückt er und gerät in eine hilflose Lage: Unfähig, die Beine zu bewegen, steckt er in dem defekten Gummiboot fest und droht aufs offene Meer hinauszutreiben. Die Rettungsaktion verläuft ziemlich entwürdigend – und ausgerechnet „Darling Bügelfalte“, der prollig-ordinäre Hamburger Skipper mit den Goldkettchen, den Heinz und Claus von früheren Begegnungen her in unguter Erinnerung haben, wird Zeuge der peinlichen Aktion. Er macht sogar noch Fotos davon! Das schreit nach Rache. Unsere beiden Skipper sehen rot … in mehr als einer Hinsicht. Mehr sei hier nicht verraten.

Ach, und das ist noch lange nicht alles! Wir erfahren, warum „Gummidänen“ mitten im Sommer bei Regenwetter Weihnachtslieder singen … weshalb es nicht immer gut ist, „Schwein“ zu haben … und dass mit den Wetterkapriolen auf See durchaus nicht zu spaßen ist. Eine Fahrt bei Sturm oder Nebel kann leicht ins Auge gehen, vor allem, wenn Chaoten-Seemann Kalli Flint unterwegs ist, der Piraten-Enkel. Da kommt die DODI gerade zur rechten Zeit um das Schlimmste zu verhindern. Kalli bedankt sich nicht nur mit „Labskaus für alle“, sondern verrät auch noch sein Rezept dafür. Und das will bei einem Profi-Koch was heißen. Auf Seite 126 steht’s. Wer es also mal nachkochen möchte …

Sturm und raue See wären um ein Haar auch der Bordkatze der PINGO zum Verhängnis geworden. „Ich dachte, ich seh nicht richtig. Unsere Katze hing senkrecht an der Klotür“, erzählt Elfi, die Bestfrau der PINGO. „Der Brecher musste sie durch die Kajüte geschleudert haben und die hatte alle Krallen in die Türfüllung geschlagen, um Halt zu finden. Na, den hatte sie jetzt. Sie bekam nämlich ihre Krallen nicht mehr aus dem Holz heraus und hing völlig hilflos an der Tür.“

Jetzt ist guter Rat teuer. Wie die Katze heil wieder von der Klotür runterkommt, das ist ein Kapitel für sich. Bei den tumultartigen Szenen kommen zum Einsatz: ein Löschzug der Feuerwehr, ein Rettungswagen, ein Tierarzt und ein Tischler. Nicht zu vergessen der Hafenmeister, die Polizei sowie diverse „Schaulästige“. Ich rate übrigens dringend davon ab, speziell dieses Kapitel in der Öffentlichkeit zu lesen. Oder nur, wenn es Ihnen egal ist, was die Leute von Ihnen denken. Es besteht nämlich akute Laut-Loslach-Gefahr!

Man muss nicht unbedingt etwas von der christlichen Seefahrt verstehen, um an den unterhaltsamen Abenteuern der DODI Gefallen zu finden. Auch eingefleischte Landratten wie die Rezensentin haben sich darüber amüsiert. Manche Szenen laufen wie Slapstick-Filme vor dem geistigen Auge des Lesers ab. Wer Spaß an witzigen, pleiten-, pech- und pannenreichen Erlebnisberichten seiner Mitmenschen hat und dann und wann ein winziges Bisschen Schadenfreude erübrigen kann, dem sei dieses Büchlein empfohlen.



Krippenplatz als Sucht-Risiko?
April 26, 2007, 8:07 am
Filed under: Wahnsinn im Alltag

„Wenn Kleinkinder sehr frühzeitig von der Mutter entfernt werden, entwickelt sich ein tief inneliegender Schmerz, welcher durch Anpassung, durch Aggression oder durch Zurückgezogenheit beantwortet wird. Im späteren Leben wird dieser Verlassenheitsschmerz zur Suchtfalle.“, schreibt heute ein Herr in der Leserbriefrubrik unserer regionalen Tageszeitung.

Spräche er von Heimerziehung, wäre ich geneigt, seinen Ausführungen unbesehen zu folgen. Auch die liebevollsten Heimerzieherinnen werden vermutlich ein intaktes – oder auch nur durchschnittliches – Familienleben kaum ersetzen können.

In seiner Aussage geht es aber um Krippenplätze, um ein paar Stunden Außer-Haus-Betreuung am Tag.

Wenn das mit den Verlassenheitsängsten und der daraus resultierenden Suchtgefahr tatsächlich auch auf die Menschen zutrifft, die als Kleinkinder in Krippen betreut wurden und werden, dann müssten Untersuchungen doch längst belegen, dass die Suchtproblematik in Regionen, in denen Krippenbetreuung schon lange üblich ist, signifikant höher ist als bei uns. Spontan denke ich da an Frankreich und an die neuen Bundesländer.

Gibt es solche Erhebungen, und wenn ja, was sagen sie aus?
Sind sie seriös und stützen die These des Verfassers nicht, besteht in dieser Hinsicht meines Erachtens auch kein Grund zur Besorgnis.

Wenn ich richtig gegoogelt habe, ist der Herr kein Psychologe, sondern Ingenieur. Spricht also auch nicht aus Expertenwissen sondern aus seiner Lebenserfahrung heraus.

Ich hab eine Variante dieser Nachricht an die Zeitung geschickt. Bin mal gespannt, ob sie Zahlen nachlegen. Wenn der Verfasser Recht hat, werde ich das ohne Murren und Knurren anerkennen. Aber ich war noch nie begeistert, wenn jemand die persönliche Meinung als allgemeingültige Wahrheit verkauft hat. Und so kam der Leserbrief bei mir an.

+++

So ist es ja auch nur meine selbstpersönliche Meinung, dass sinnfreies Handy-Geblubber um 6 Uhr morgens in der Bahn einen ungeheueren Nerv-Faktor hat. Die junge Blondine, die sich heute Früh um diese unchristliche Uhrzeit schon lauthals am Telefon nach dem Wohlbefinden ihres Liebsten erkundigen musste, den sie Minuten zuvor allein im Bett zurückgelassen hat, hätte ich erwürgen können:

„Hallo, Schätzle, bist du schon wach?“ (Jetzt bestimmt, nachdem das Handy geklingelt hat!) – „Ich bin vor 10 Minuten gegangen und sitze jetzt im Zug. Er fährt noch nicht, er steht noch. Ich bin mit dem Neuner gefahren, auf den um 59 hat’s mir nicht mehr gelangt, weil ich dich noch zugedeckt hab’ …“

Laber, Rhabarber, blubber, blabla, plärr, kicher und blök.

Gaaaaaah! Wen interessiert denn das, außer den beiden Beteiligten? Keine Sau, mit Verlaub. Und warum muss man sich als wehrloser Anwesender so ein unnützes Gequassel dann mit anhören?

Ja, ja, mit der Masse der zur Verfügung stehenden Kommunikationsmittel steigt eben auch die Masse der Kommunikation, und mag sie noch so überflüssig sein. Mit den Blogs isses ja im Grunde nix anderes, da mache ich mir nichts vor. Aber zumindest macht mein virtuelles Genöle hier keinen Krach …



Zypern 2001: Mythen, Kirchen, Linksverkehr
April 25, 2007, 3:47 pm
Filed under: Zypern

Mythen, Kirchen, Linksverkehr
Zypern vom 20. Juli bis 03. August 2001

Wie legt man eigentlich ein Reiseziel fest? Manchmal geschieht das bei uns spontan, aufgrund eines tollen Fotos im Reiseprospekt, zum Beispiel. Mein Wunsch, Zypern zu sehen dagegen ist alt. Ein Goldmann-Krimi aus dem Jahr 1974 ist Schuld: BARLOW UND DER RICHTER von Elwyn Jones. Dieser Roman führt die britischen Ermittler nach Zypern. Nie sind mir die Namen der Schauplätze aus dem Kopf gegangen: Nikosia, Famagusta und Limassol. Und ich beschloss damals: Eines Tages fährst du da hin und schaust dir das an. 27 Jahre später … besser spät als nie … ist dieser Wunsch aus Teenager-Tagen in Erfüllung gegangen.

Anreise und erste Eindrücke
Am Freitag, den 20. Juli ging es los. Mein Vater fuhr uns zum Flughafen. Es war zeitlich schon recht knapp, weil er ewig gebraucht hat, bis er aus dem Haus kam. Nächstes Jahr nehmen wir uns ein Taxi. Rund vier Stunden dauerte der Flug bis zur Zwischenlandung Larnaca. Dort nahm das Flugzeug weitere Passagiere auf. Sie würden in Paphos – unserem Zielflughafen – eine Stunde Aufenthalt haben und dann mit der frisch gereinigten Maschine zurück nach Stuttgart fliegen. Die Urlaubs-Rückkehrer kamen uns gar nicht sehr braun vor. War das Wetter nicht gut, oder ist es endgültig out, sich in der Sonne gar zu brutzeln?

In der Abenddämmerung kamen wir nach kurzem Bustransfer im Hotel an. Im RIU Cypria Maris in Paphos. Und ich dachte, na das fängt ja schon gut an: Das Zimmer war recht klein, wir hatten beste Aussicht auf die Baustelle, die dermaleinst ein benachbartes Hotel ergeben wird, die Klimaanlage im Zimmer funktionierte zunächst nicht, und beim Auspacken stellten wir auch noch fest, dass ich Gerhards Badehose nicht eingepackt hatte. Es konnte nur noch besser werden.

Das Abendessen fand im Freien statt. Neben der Poolbar war ein Buffet aufgebaut, und zur Unterhaltung schrammelten die hauseigenen Musiker … ein bulgarisches Duo von der üblichen Qualität: Die Sängerin traf kaum einen Ton, und wenn, dann konnte sie ihn nicht halten. Es war so grauenvoll, dass ein belgischer Hotelgast sich eine Serviette über den Kopf zog, sich duckte und um Gnade winselte. Und dann fluchtartig die Veranstaltung verließ. »In wie vielen Tagen sind wir reif für einen Doppelmord?«, fragte ich Gerhard. Und zeitgleich zeigten wir beide mit den Fingern die Zahl 3.

Am nächsten Tag besuchten wir die obligatorische Infoveranstaltung der TUI … die auch von Jahr zu Jahr mickriger und hektischer verläuft … und buchten unsere Ausflüge. Es hätte sogar Schiffsreisen nach Israel, Ägypten und Jordanien gegeben, aber die hätten jeweils 3 Tage gedauert, und das ist dann eigentlich nicht wirtschaftlich. Insbesondere Israel hätte mich interessiert. Aber vielleicht schaffe ich es mal so, runterzufliegen und mir zumindest Jerusalem anzuschauen.

Zumindest hatten wir israelisches TV. Und italienisches, griechisches, deutsches, britisches und russisches. Ich hab mich morgens gern durchs Frühstücks-TV gezappt und festgestellt, dass das offenbar eine weltweit gleich dämliche Angelegenheit ist: Zwei alberne Figuren, Mann und Frau, sitzen in einem plüschigen Studio und moderieren grimassierend irgendwelchen Quark. Und »Eis am Stiel« auf hebräisch mit hebräischen Untertiteln hatte auch was. Ich nehme an, dass das Texte für Hörbehinderte waren, weil auch so was wie »pst, pst« untertitelt wurde. Viel mehr kann ich ja nicht lesen.

Auf jeden Fall war es schön, mal so richtig nix tun zu müssen, am Strand oder im Palmengarten des Hotels herumgammeln zu können, zu schwimmen, zu lesen und einfach so »herumzuexistieren«. Nur war das Wasser im Pool so warm, dass man damit hätte Kaffee kochen können. Und das Meer war unwesentlich kühler. Aber das ist halt so am und im Mittelmeer.

In den ganzen zwei Wochen haben wir nirgendwo ein Thermometer gesehen. Das haben die Zyprioten wohl mit Absicht vor uns Touristen versteckt. Trotzdem erfuhren wir von Temperaturen so um die 35 Grad. Es wirkte allerdings heißer, weil die Luftfeuchtigkeit so hoch war. Beim Besuch der Ausgrabungen von Paphos soll es 45 Grad gehabt haben und in Nikosia 47. Aber so lange man nicht voll gestylt sein muss und vor allem nicht arbeiten muss, geht das.

Stadtrundfahrt in Paphos
Als erstes besuchten wir den Archäologischen Park in Paphos. Man passiert die Ruinen der frühchristlichen Basilika Limeniotissa und kommt ins antike Stadtzentrum (3. Jh. n. Chr.). Die Archäologen legen immer noch mit prächtigen Fußbodenmosaiken geschmückte Privatvillen frei, in denen die römische Oberschicht von Nea Paphos gelebt hat. Die Mosaike sind von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes der Menschheit aufgenommen worden.

Das Haus des Dionysos, das 1962 zufällig von einem pflügenden Bauern entdeckt wurde, maß 2000 qm. 556 qm davon waren mit kunstvollen farbigen Mosaiken bedeckt … eine faszinierende Reise durch die heidnische Mythologie: Narziss, der sich in sein Spiegelbild verliebt hat, Dionysos in triumphierender Prozession, die Zwillings-Heroen Castor und Pollux, die tragische Geschichte von Phaedra und Hypolyt, der vom alten Zeus entführte Ganymed, die Liebe zwischen Pyramos und Thisbe, Neptun und Amymone, Apollo und Daphne. Jagdszenen und die Darstellung der vier Jahreszeiten.

Im Untergeschoss hat man ein älteres Mosaik entdeckt. Es stammt aus dem 4 Jh. v. Chr., aus hellenistischer Zeit und zeigt das Meeresungeheuer Skylla. Dieses Mosaik ist noch nicht aus akkurat zurechtgeschnittenen 1 cm großen viereckigen Steinchen gelegt, sondern aus natürlichen schwarzen, weissen und braunen Kieselsteinen. Und just, als wir uns dieses Mosaik anschauten, stürmte ein Mann völlig durchgeschwitzt und wütend wie ein Kampfstier den überdachten Ausgrabungsort und schimpfte unflätigst über die Reiseleitung.

Offenbar hatte man seine Mutter und ihn am Hotel stehen lassen. Irgendwas war bei der Informationsübermittlung schief gegangen: Unsere Reiseleiterin hatte ihn nicht auf ihrer Liste. Er tobte, wütete und zeterte, und das hob nicht gerade die Stimmung. Ich regte an, er möge sich, wenigstens zum Teil, das Geld wiedergeben lassen und doch nun bitte für den Rest der Veranstaltung die Schimpferei einstellen.

Das Haus des Theseus war offenbar einst der Sitz des römischen Prokonsul. Auf den Mosaiken ist Theseus zu sehen, wie er gegen den Minotaurus kämpft, der Meeresgott Poseidon, der samt Gemahlin Amphitrite auf einem Seeungeheuer auf den Wellen reitet, und man kann dem jungen Achilles beim ersten Bad zuschauen.

Im angrenzenden Haus des Aion hat man ein fünfteiliges Mosaik entdeckt, das mit seiner Figurenfülle schon fast barock wirkt. Sie sind farbenfroher und lebendiger in der Darstellung als die anderen. Und sie wurden aus nur halb so großen Steinchen gefertigt. Diese Mosaike stammen aus der Spätantike, rund 350 n. Chr. Man sieht Zeus, wie er sich in Gestalt eines Schwans der Leda nähert, den jungen Dionysos, wie er seinem Lehrer übergeben wird, einen Schönheitswettbewerb zwischen Cassiopeia und den Nereiden, bei dem Aion zuschaut, Dionysos, der einen Zug von Mänaden und Satyrn anführt und schließlich Apollo, der den Flötenspieler Marsyas zum Tode verurteilt, weil der es gewagt hat, ihn zu einem musikalischen Wettbewerb herauszufordern.

Rund um die Kreuzkuppelkirche Agia Kyriaki Chrissopolitissa aus dem späten 16 Jahrhundert erstreckt sich ein weitläufiges Ruinengelände. Man erkennt u.a. die Grundmauern einer siebenschiffigen frühchristlichen Basilika mit großem Vorhof und schönen Mosaikfußböden. Diese Basilika wurde von den Arabern zerstört. Das ganze Gelände ist eingezäunt, da es noch archäologisch untersucht wird. So kann man die von vielen Berührungen glatt geschliffene St.-Paulus-Säule nur von weitem sehen. Laut Legende wurde der Apostel Paulus bei seinem Besuch auf Zypern 45 n.Chr. dort mit 39 Schlägen gegeißelt – wahrscheinlich, bevor er den römischen Prokonsul Sergius Paulus durch die zeitweilige Blendung eines Zauberers überzeugen und zum Christentum bekehren konnte. Damit wäre Zypern das ersten christlich regierte Land der Welt. Eine Legende, wie gesagt.

Die fünfschiffige Kirche Ayia Paraskevi ist aus dem 11. Jahrhundert und hat sehr schöne – allerdings renovierungsbedürftige – Wandmalereien. Ein bisschen kamen wir uns bei der Besichtigung wie Störenfriede vor, da die Gemeinde mit den Vorbereitungen für eine Taufe beschäftigt war. Also kürzten wir die Führung ab und schauten, dass wir weiter kamen, zu unserem nächsten Ziel.

Nach einer Besichtigung der Töpferei von Savvas – der in Deutschland studiert hat und seinen Ton unter anderem aus dem Westerwald importiert – ging es weiter zu den in Meeresnähe gelegenen Königsgräbern, die ihren Namen eigentlich zu Unrecht tragen. Sie stammen aus hellenistischer Zeit (3. bis 2. Jh. v. Chr., als es auf Zypern gar keine Stadtkönige mehr gab und die Insel von ptolemäischen Stadthaltern regiert wurde. Zusammen mit anderen wohlhabenden Familien ließen die Ptolemäer etwa 1.300 m außerhalb der Stadtmauern prächtige Felsgräber anlegen. Die in den Fels geschlagenen Stufen, die zu den Grabkammern hinunter führen, erinnern tatsächlich ein bisschen an die eine Treppe in die Unterwelt. Die Gräber hatten eindrucksvolle Vorhallen, die von dorischen Säulen eingefasst und mit Malereien und anderen Schmuckelementen ausgestattet waren. Bis in römische und frühchristliche Zeit wurden die Gräber für Bestattungen genutzt. Im Mittelalter waren einige der Gräber sogar bewohnt.

Noch im 19. Jahrhundert konnte Luigi Palma di Cesnola, einer der skrupellosesten Schatzgräber auf Zypern, einige Gräber ausrauben. Erste wissenschaftliche Grabungen wurden erst 1915 durchgeführt. Systematisch erforscht wurden die Gräber erst ab 1977.

„Lästerday“ …
Nach so viel Kultur, Mythen und Geschichte muss ich jetzt dringend mal eine Runde Gift spritzen. Ich habe gar nicht gewusst, dass ich ein Snob bin! Irgendwann ertappte ich mich aber bei der Frage: Sagt mal, wie viel Sterne muss ein Hotel eigentlich noch haben, damit man davon ausgehen kann, dass das Publikum den Umgang mit Messer und Gabel beherrscht? Und, nein, ich übertreibe nicht! Da gab’s ein Pärchen, dessen Nationalität ich hier aus Rücksicht auf Freunde diskret verschweigen möchte, also, so was hab ich meiner Lebtag noch nicht gesehen: Nicht nur, dass die beiden die Speisen mit den bloßen Fingern vom Buffet klaubten und zu zweit sechs unglaublich aufgehäufte Teller voll an ihren Tisch schleppten, wobei sich Fischsalat, Obst und Fleisch munter auf ein und dem selben Teller tummelten, nein, sie aßen auch noch mit den Fingern. Und was nicht bezwungen wurde, wurde fröhlich in die riesige Handtasche der Frau gekippt. Fischsalat im Kunstlederbeutel, ja ich glaub, ich krieg den Vogel! Mich hat echt gewundert, dass die nicht gleich wie die Tiere direkt aus der Schüssel fraßen. Es war ein Graus, da zuzusehen.

Am ersten Tag vermutete ich, dass jetzt gleich Kurt Felix oder sonst ein TV-Scherzkeks aus den Kulissen gehupft kommt und schreit: »Vorsicht Kamera!« oder »Bitte lächeln« oder wie der Schmarrn heißt. War aber nicht so. Bei jeder Mahlzeit kam das Küchenpersonal abwechselnd an die Front. Jeder durfte mal »Gesindel gucken«. Kopfschüttelnd und grinsend verschwanden sie dann wieder in ihre Küche. Unternommen hat niemand was. In anderen Hotels habe ich schon erlebt, dass bei derartigen Entgleisungen seitens des Chefkellners oder der Hotelleitung diskret eingeschritten wurde.

Die nächst schwierigere Übung nach der Handhabung des Bestecks, das offenbar noch nicht flächendeckend in Europa eingeführt wurde, scheint zu sein, sich für den Restaurantbesuch vollständig und in der entsprechenden Kleidergröße anzuziehen. Das muss man doch merken, wenn einem die Klamotten zwei Nummern zu eng sind, oder? Und auch auf die Gefahr hin, spießig zu erscheinen: Ein Leder-BH und Shorts sind für mich keine angemessene Kleidung, um in einem 4-Sterne-Hotel Abendessen zu gehen. Ein bauchfreies Top und Hosen auf Halbmast, über die die gepiercte Wampe hängt, auch nicht. Ja nun, „Geschmackssache“, sagte der Affe und biss in die Seife.

Und wieder einmal kam mir ein altes Vorhaben ins Gedächtnis. Ich schwör’s: Eines Tages schreib ich die Story: „Über das Balz- und Nistverhalten der Strandschnepfen – zoologische Betrachtungen des Homo Urlaubiensis“. Oder so ähnlich. Wenn ich Zeuge werde, wie sich die ganze Teenie-Gruppen im Minutentakt umziehen … Bikini-Oberteil an, aus, an, aus … und in ähnlicher Taktfrequenz ihre Liegestühle verrücken, komme ich mir vor wie der selige Bernhard Grzimek bei Beobachtung irgendwelcher Balzrituale im Tierreich.

Unterhaltung
Ich gehöre ja auch zu den „Animations-Phobikern“. Ich hasse es, wenn ich von meinem Krimi aufgescheucht werde und zu irgendwelchem Unfug genötigt werden soll. Zum Glück domptieren die Animateure in den RIU-Hotels nur Freiwillige. Kinder, Teenies und Sportbegeisterte. Wer nicht mag, wird verschont.

Von den vier Animateuren haben wir nur gelegentlich beim abendlichen Unterhaltungsprogramm was mitgekriegt. Die waren ganz witzig und bewundernswert fit im Tanzen und beim Playback. Die Hymne »Barcelona« werden wir uns wohl nie wieder anhören können, ohne an den Animateur mit den umgeschnallten Hasenzähnen zu denken. Hemd aufgeknöpft, und der Freddy Mercury war fertig.

Die obligatorische Modenschau einer örtlichen Boutique mit den teuren Lederklamotten gab’s natürlich auch. Das war halbprofessionell aufgezogen, würde ich sagen. Die Models waren natürlich megadürre Kleiderständer. Und genau die Klamotten, die diese Girls getragen hatten, wurden nachher dem Publikum zum Probieren angeboten. Wenn jemand mit Kleidergröße 42 versucht, sich in ein Teil der Größe 36 zu zwängen, sieht das zwangsläufig bescheuert aus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die viel Umsatz gemacht haben.

Flucht aus dem hoteleigenen Abendprogramm wurde prompt mit einer Dusche aus Brauchwasser bestraft. 🙂 Als wir an einem Abend die Strandpromenade entlang gingen, die durch die Gärten diverser Hotels führte, waren wir wohl etwas spät dran: Auf dem Rückweg legten auf einmal ein paar wildgewordene Rasensprenganlagen los. Sie wässerten nicht nur das Grünzeug, was ja ihr Job ist, sondern auch die Gehwege – und uns. Nass wie die Kanalratten kamen wir wieder im Hotel an.

Troodos-Gebirge und Kykko-Kloster
Am 24. Juli fuhren wir ins Troodos-Gebirge, in »das grüne Herz der Insel«, wie es heißt. Das Gebirge ist auch das Wasserreservoir der Insel. Flüsse haben wir keine gesehen. Es gibt allenfalls Bäche, die im Winter zu Flüssen werden. „Der Fluss ist erabgestiegen“ sagen die Leute, wenn das Flussbett im Winter mit Wasser und Schlamm gefüllt ist.

Mit Hilfe von Stauseen versucht man, das Wasserproblem in den Griff zu bekommen. Jetzt gibt es noch zusätzlich ein paar Meerwasser-Entsalzungsanlagen. Der Wasserbedarf wäre nun so ungefähr gedeckt, aber das ganze ist eine sehr teure Angelegenheit.

Wir waren erstaunt zu hören, dass wir hier quasi über ehemaligen Meeresboden fuhren: Als der einstige Großkontinent Pangeaea vor rund 200 Millionen Jahren auseinanderbrach, drang zwischen der südlichen afrikanischen und der nördlichen Asiatischen Platte Magma empor, das den Boden des neu entstehenden Tethys-Meeres bildete. Als sich vor rund 60 Millionen Jahren die beiden tektonischen Platten wieder zueinander bewegten, verschwand ein großer Teil des Tethys-Meer. Er wurde regelrecht ins Innere gedrückt. Ein kleiner Bereich dieser ozeanischen Kruste entging diesem Schicksal und trat als Troodos-Massiv zu Tage. Rund 1950 m hoch ist das Troodos-Gebirge. Und im Winter kann man tatsächlich dort Ski fahren. Mit gebrauchten Ski-Liften aus Österreich.

Auf der Fahrt durch die Berge hörten wir auch erstmals vom »Katzen-Kloster«. Auf der Halbinsel Akrotiri gibt es das »Cape Gata«, das Kap der Katzen, und dort liegt das Kloster Agios Nikolaos ton Gaton. Das bedeutet »Heiliger Nikolaus der Katzen«. Eine Handvoll Nonnen lebt in diesem Kloster und kümmert sich um rund 200 Katzen.

Der Legende nach ist das Kloster um das Jahr 325 gegründet worden und hat von der Heiligen Helena – der Mutter des römischen Kaisers Konstantin – 100 Katzen geschenkt bekommen, um nach einer langen Dürreperiode der Schlangenplage auf der Halbinsel den Garaus zu machen. Und sie haben offensichtlich einen guten Job gemacht, denn die Gegend ist quasi schlangenfrei. Und die Nachfahren der Schlangenfänger werden noch heute in diesem Kloster dankbar gefüttert und gepflegt. Eine britische Tierschutzorganisation betreut die Tiere mit, stellt Tierärzte und Futterspenden. Die Tiere werden unter anderem eingefangen und kastriert, denn in den 90-er Jahren war die Katzenpopulation so stark angewachsen, dass die Nonnen der Sache nicht mehr Herr wurden.

Leider haben wir es nicht geschafft, das Kloster zu besuchen und Bilder zu machen. Wäre sicher ein netter Artikel für die Katzenzeitschrift geworden. Um die Wahrheit zu sagen: Wir haben uns einfach nicht getraut, uns einen Mietwagen zu nehmen und uns in den Linksverkehr zu stürzen. Die Zyprioten halten Ampeln und Verkehrszeichen für eine saudumme Erfindung der Engländer. Und in der Zeitung Cyprus Mail stand ein netter warnender Artikel, der mit der Empfehlung anfängt: »Gehen Sie davon aus, dass Sie der einzige geistig normale Fahrer sind.« Dazu kommt noch, dass viele andere Mietwagenfahrer unterwegs sind, die sich mit dem Linksverkehr auch nicht auskennen. Da ist das Chaos schon programmiert. Mietwagen sind übrigens am roten Nummernschild zu erkennen, und die Zyprioten lästern: »Da kommt schon wieder ein rotes Kaninchen«.

In Platres machten wir Pause. In den 20-er und 30-er Jahren des 20. Jh. war der Ort eine beliebte Sommerfrische für wohlhabende Zyprioten, die sich vor der Hitze im Landesinneren ins etwas angenehmere Gebirge flüchteten. Hier im Troodos-Gebirge hat Ende des 19. Jh. der Zypern-Tourismus angefangen. Grieche, Libanesen und Ägypter kamen als erste. Jetzt hätte es uns nur mächtig interessiert, warum in einer der Kirchen von Platres ein Blutdruckmessgerät steht. Predigt der Pfarrer so aufregend, dass bei Hochdruckpatienten Gefahr besteht? Oder ist er, im Gegenteil, so fad, dass man nach Beendigung des Gottesdienstes nachsehen muss, ob die Gemeindemitglieder nur schlafen oder bereits ins Koma gefallen sind?

Dann kamen wir zum Kykko-Kloster, dem reichsten, größten und berühmtesten Kloster auf Zypern. Wir waren alle vorher gewarnt worden, dass eine strenge Kleiderordnung herrsche und man mit kurzen Hosen und ärmellosen Shirts keinen Zutritt bekäme. Die allermeisten hatten „sittsame“ Kleidung dabei, nur zwei so Nasenbären konnten wieder nicht richten und mussten leider draußen bleiben. Im Kloster selbst leben etwa 20 Mönche, von denen die Hälfte meist in Nicosia weilt, um den Klosterbesitz zu verwalten.

Wertvollster Besitz ist die Marien-Ikone, die laut Legende vom Evangelisten Lukas gemalt worden ist. Im 11. Jahrhundert soll die Ikone ins Troodos-Gebirge geraten sein: Hier lebte ein Eremit, der eines Tages vom Gouverneur der Insel schwer gekränkt wurde. Als der Gouverneur kurz darauf erkrankte, träumte er, nur der Eremit könne ihn heilen. Der erbat sich als Lohn für die Heilung eben diese Marien-Ikone, die seither in Konstantinopel aufbewahrt worden war. Und er bekam sie auch. In der Folgezeit erwies die Ikone Ihre Wirksamkeit vor allem gegen Trockenheiten. Ganze Dörfer und Staatsdelegationen zogen nach Kykko, um Regen zu erbitten. Und als Dank beschenkten sie das Kloster mit ausgedehnten Ländereien.

Die Gebäude stammen alle aus der Zeit nach dem letzten Brand im Jahre 1813. Die prachtvolle Klosterkirche, in der man leider nicht fotografieren durfte, wurde in den 80-er Jahren des 20. Jh. vollständig im traditionellen Stil ausgemalt.

Die nationale Bedeutung von Kykko kann man ermessen, wenn man weiß, dass General Grivas im Unabhängigkeitskampf gegen die Engländer in Klosternähe sein Hauptquartier hatte, und dass der Erzbischof und Präsident Makarios als Novize in dieses Kloster eingetreten war.

Eine etwas 2 km lange Stichstraße führt yon Kykko auf den bewaldeten Hügel Throni hinauf. Auf einer seiner beiden Kuppeln steht eine kleine Kapelle mit einer modernen Mosaik-Ikone, die genau der Marien-Ikone des Klosters entspricht. Nur wenige Schritte von der Kapelle entfernt befindet sich das Grab des Erzbischofs.

Makarios III
Erzbischof Makarios III. war der erste Präsident Zyperns und hatte dieses Amt von 1960 bis 1977 inne. Wie in kinderreichen, weniger begüterten Familien üblich, wurde Makarios in seiner Jugend in das Kloster Kykko geschickt, von wo aus ihn die Priester – da sich seine Fähigkeiten alsbald bemerkbar machten – aufs Gymnasium nach Nikosia sandten. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften in Athen erhielt er ein Stipendium, um seine Studien der Religions-Soziologie in Boston, USA, vertiefen zu können. 1950 wurde er zum Erzbischof von Zypern gewählt, und seine rhetorische Begabung, mit der er die Massen begeisterte, verlieh ihm eine politische Führungsstärke. Er besaß einen solchen Einfluss, dass die Briten ihn 1956 ins Exil auf die Seychellen zwangen. Als 1960 die Unabhängigkeit kommt, wird er per Volksentscheid zum Präsidenten gewählt.

Die Teilung der Insel
1489 übernahmen die Venezianer die Herrschaft über die Insel, die sie aber schon 1571 wieder an das Osmanische Reich abtreten mussten. Hatten bislang hauptsächlich die von alters her ansässigen Griechen die Kultur der Insel geprägt, so machten sich jetzt die türkischen Einflüsse stark bemerkbar, denn türkische Siedler kamen ins Land und ließen sich überall auf Zypern nieder. Als die Türken die Insel 1878 schließlich an die Briten abgeben mussten, da waren die Zyprioten kein einheitliches Volk mehr, sondern setzten sich einerseits aus griechischstämmigen Zyprioten mit orthodox-christlichem Glauben und andererseits aus türkischstämmigen Zyprioten sunnitisch-muslimischer Religion zusammen, wobei aber die griechisch-zypriotische Volksgruppe mit über zwei Dritteln Anteil deutlich das Übergewicht hatte.

In einigen Städten und Dörfern lebten griechischstämmige und türkischstämmige Zyprioten beisammen; das Nebeneinander von Kirchtürmen und Minaretten zeugt mancherorts noch heute davon. Mehrheitlich lebten die beiden Bevölkerungsgruppen jedoch getrennt. Dies hing vor allem damit zusammen, dass Ehen zwischen griechischstämmigen Zyprioten und türkischstämmigen Zypriotinnen (und umgekehrt) aus religiösen Gründen äußerst selten waren. Mehr noch als die Herkunft war somit die Religion die Hauptursache der Trennung der beiden Bevölkerungsgruppen. Im großen und ganzen respektierten aber alle Zyprioten den Wunsch der anderen Inselmitbewohner nach Erhalt der eigenen Kultur.

1960, als Großbritannien – im Rahmen der weltweiten Entkolonisierungsbestrebungen – Zypern in die Unabhängigkeit entließ, da gab es auf der Insel 393 «griechische» und 120 «türkische» Dörfer sowie 106 Ortschaften mit gemischter Bevölkerung. Die 1959 in London ausgehandelte Verfassung, welche alle Beziehungen zwischen griechischstämmigen und türkischstämmigen Zyprioten regelte, hielt der praktischen Erprobung in der Folge allerdings nicht stand. Das ist wenig überraschend, hatte man doch die Inselbewohner gar nicht nach ihren Wünschen gefragt; an den Vertragsverhandlungen waren nur Großbritannien, Griechenland und die Türkei beteiligt gewesen.

Erzbischof Makarios, Gründungspräsident des unabhängigen Zypern, verlangte deshalb schon bald Verfassungsänderungen, welche den überproportionalen Einfluss der türkischstämmigen Bevölkerungsminderheit verringern sollten. Dagegen wehrte sich dieselbe vehement, und sogleich entstand auf der Insel eine gespannte Lage, die sich schließlich 1963 in offenen Kämpfen entlud. Geschürt worden waren die Spannungen durch Extremisten auf beiden Seiten: Auf die Parole der griechisch-zypriotischen Extremisten von der enosis, der «Wiedervereinigung» der Insel mit Griechenland (der sie durch terroristische Gräueltaten gegenüber türkischstämmigen Zyprioten den nötigen Nachdruck zu verleihen suchten), antworteten die türkisch-zypriotischen Extremisten mit dem Gedanken an taksim, die «Teilung» der Insel in einen türkischen und einen griechischen Sektor.

Erzbischof Makarios wollte weder das eine noch das andere. Er setzte alles daran, einerseits die neu erlangte Unabhängigkeit seines Landes zu erhalten und andererseits die Teilung zu vermeiden. Da putschten griechische Nationalgardisten am 15.7.1974 gegen ihn, um dadurch die Wiedervereinigung Zyperns mit Griechenland gewaltsam zu erzwingen – und beschworen dadurch prompt eine türkische Invasion herauf: Am 20.7.1974 landeten türkische Truppen im Norden Zyperns, um den Anschluss der Insel an Griechenland zu verhindern. Es kam zu einem Krieg mit vielen tausend Toten auf beiden Seiten. Dieser ging zwar am 16.8.1974 zu Ende, doch Zypern war nun zweigeteilt – und ist es bis auf den heutigen Tag.

Mit bis heute schätzungsweise 80 000 Neusiedlern, hauptsächlich Bergbauern aus Anatolien, wurde in Nordzypern im übrigen versucht, der Unterbevölkerung mancher Landstriche entgegenzuwirken und zumindest die landwirtschaftlichen Anbauflächen wieder vollständig zu nutzen. Damit wurde aber gleichzeitig eine Situation geschaffen, welche die von den Vereinten Nationen angestrebte Wiedervereinigung der beiden Zypern zusätzlich erschwert, da die Neusiedler dort heimisch gemacht wurden, wo vorher griechischstämmige Zyprioten lebten.

Nach einer Pause im Bergdorf Pedhoulas ging es weiter in den Weinbauort
Omodos
der für seinen schönen Dorfplatz bekannt ist. Aber auch wenn alles super renoviert ist … der ganze Ort ist voller Lädchen und Verkaufsstände, und man wird ständig angesprochen. Natürlich kann man den Einwohnern ihre Geschäftstüchtigkeit nicht zum Vorwurf machen. Sie nutzen es selbstverständlich, dass wir Touristen in hellen Scharen in ihr Dorf einfallen und es wie ein Freilichtmuseum begaffen. Ich fühle ich bei so etwas immer unwohl. Man ist und bleibt ein Eindringling.

In der Klosterkirche des (nicht mehr aktiven) Heiligkreuzklosters befinden sich in zwei vergoldeten Silberkreuzen Splitter vom Kreuz Jesu und ein Stück des Hanfseils, mit dem Jesus ans Kreuz gebunden worden ist. Und es verfügt außerdem über die Schädelreliquie des Apostels Philipp. Die Legende besagt, dass die Heilige Helena – die Mutter von Kaiser Konstantin – bei ihrer Rückkehr aus dem Heiligen Land in Zypern Station machte und diese Reliquien zurückließ. Ohne irgend jemandes religiöse Gefühle verletzen zu wollen -– aber ich persönlich bin bei Reliquien grundsätzlich skeptisch. Man sollte mal versuchen, aus all den angeblichen Kreuzsplittern ein Kreuz zusammenzupuzzeln …

Auf dem Heimweg kamen wir am Felsen der Aphrodite vorbei. Dort soll dem Mythos nach die Schaumgeborene aus den Wellen gestiegen sein. Die Vorgeschichte ist durchaus deftig: Nachdem Kronos seinen Vater Uranos kastriert hatte … so schrieb der altgriechische Schriftsteller Hesiod … warf er dessen Genitalien ins Meer. Dort, wo sie zur Oberfläche emporstiegen und sich in weißen Schaum verwandelten, entstieg Aphrodite dem Meer.

Es heißt, dass gerade die Gegend um den Aphroditefelsen herum sehr »erdbebenanfällig« sei. Gerade da begegnen sich zwei tektonische Platten. Und vielleicht war der Aphrodite-Mythos ein Versuch, sich diese unheimlichen Geschehnisse zu erklären.

Einen netten Volksglauben gibt es „«rund um den Felsen« auch: Wenn man an einem Sonntag bei Vollmond um Mitternacht nackt dreimal um die Aphrodite-Felsen schwimmt, bleibt man ein Leben lang jung, fit und gesund. Schade nur, dass ich so ein schlechter Schwimmer bin.

Der Maler
Ein nette Begebenheit gibt es auch noch zu berichten: Im sonnendurchfluteten »Palmengarten« des Hotels sahen wir von Ferne interessiert einem Maler zu. Er saß unter den Bäumen und skizzierte eifrig. Schließlich packte er seine Aquarellfarben aus und führte das Bild in Farbe aus. Wir konnten uns sehr gut vorstellen, dass die Fächerpalmen, der Olivenbaum und der rosarot blühende Oleander ein stimmungsvolles Aquarell ergeben würden. Nachdem der Künstler eine Weile gearbeitet hatte, gingen wir ein näher hin, um sein Werk neugierig in Augenschein zu nehmen. Und wir staunten nicht schlecht über das, was er gemalt hatte: Ein typisch englisches Cottage mit Rosengarten – nach einem Polaroidfoto, das an seiner Staffelei klemmte.

Kourion
Am 27. Juli machten wir einen Ausflug nach Kourion und Limassol. Wir nahmen an einer zweisprachigen Führung teil … deutsch und niederländisch. Zwei Reiseleiter erklärten abwechselnd ihren Gästen, was es alles zu sehen und zu wissen gibt. Die Niederländerin erzählte viel mehr als »unser“« Reiseleiter, und da wir vom Niederländischen ein bisschen was verstehen, kamen wir zu unheimlich vielen Informationen.

Beide Fachleute betonten die einzigartige geopolitische Lage Zyperns – am Knotenpunkt von Europa, Afrika und Asien. Dies war der Grund, aus dem sich im Laufe der Geschichte viele fremde Mächte für die Insel interessiert haben.

Der Name „Zypern“ (Cyprus) soll von »Kupfer« (Cuprum) kommen. Denn Kupfer gab es auf der Insel reichlich. 3000 Jahre lang war Zypern wichtiger Kupferlieferant. Und dieses Metall war in der Antike so wertvoll wie heute das Erdöl. Noch ein Grund, warum die Insel für alle möglichen und unmöglichen Herrscher sehr begehrenswert war. Wer alles im Lauf der Zeit über die Insel getobt ist, hab ich separat in einem historischen Anhang zusammengefasst.

Wir wunderten uns über die vergleichsweise mickrigen Weinstöcke und erfuhren, dass diese mit Absicht auf maximal 60 cm Höhe zurückgestutzt werden. So verbrauchen sie wenig Wasser. Denn bewässert werden sie nicht.

Der bekannteste (Dessert-) Wein, und zugleich der älteste Wein mit Namen ist der »Commandaria«. Die Trauben werden geerntet, erst mal in der Hitze ein wenig getrocknet und dann erst gekeltert. Und in der Tat schmeckt er ein bisschen nach Rosinen.

Zypern gehörte zum ersten Land in Europa, in dem Zuckerrohr angebaut wurde. Der Zucker wurde nach Venedig exportiert. Heute gibt es kein Zuckerrohr mehr auf der Insel.

Ziel unseres Ausflugs war, wie gesagt, Kourion. Die Ruinenstadt liegt westlich von Limassol auf einem mächtigen Felsvorsprung hoch über dem Meer. Die Stadt wurde laut dem Geschichtsschreiber Herodot im 14. Jh. v. Chr. von griechischen Siedlern gegründet und entwickelte sich zu einem bedeutenden Stadtstaat. Ihre Blütezeit erlebte die Stadt unter den Römern. Im Jahr 365 wurde sie durch ein Erdbeben zerstört.

Vom restaurierten Theater aus hat man einen tollen Blick aufs Meer. Das Theater, erstmals in kleinerer Form im 2. Jh. v. Chr. aus dem Fels geschlagen, erhielt die Grundzüge seiner heutigen Form 100 n. Chr. Im 3. Jh. wurden die beiden untersten Sitzreihen entfernt, um Gladiatorenkämpfe und Tierhatzen veranstalten zu können. Die wilden Tiere wurden vor dem Kampf in Kellern unterhalb der Zuschauerarena gehalten.

Der Reiseleiter erzählte uns, dass sich das Theaterspielen aus der Vortragskunst heraus entwickelt hat. Die Künstler, die Gedichte vortrugen, blieben nicht an einer Stelle stehen, sondern bemühten sich, bei ihrem Vortrag an den Punkt in der »Arena« zu kommen, an der die Akustik am besten war und das Publikum sie am besten verstehen konnte. So kam Bewegung in den Vortrag, und zum richtigen Theaterspiel war es nicht mehr weit.

An das Theater grenzt das Haus des Estolios, die Villa eines reichen Römers. Sie entstand nach dem Erdbeben von 365 über einem älteren Palast. Das Haus hatte nicht nur eine einmalige Lage mit sensationeller Aussicht sondern auch noch 35 Zimmer und eine Thermenanlage. Die Jungs früher hatten es einfach leichter als wir heute. Glaub kaum, dass die ein Vermögen für einen Bauplatz bezahlt haben. Die haben einfach ihre Hütten oder Paläste da hingesetzt, wo’s schön war.

Die Mosaike in dem Haus sind schon vom Christentum geprägt. Gleich am Eingang wird man mit der Inschrift begrüßt »Tritt ein zum Glück dieses Hauses«. Auf dem Boden des ehemaligen Kaltbades (Frigidarium) hält eine Frau in einem Mosaik-Medaillon eine Eisenklammer in der Hand, deren Länge dem römischen Fußmaß entspricht. Eine Inschrift identifiziert die Frau als »Ktisis«, also »Baukunst«. Im übertragenen Sinne könnte auch die Schöpfung gemeint sein. Die Tierdarstellungen im größten Mosaik des Hauses verweisen wie die vielen griechischen Kreuze im geometrischen Dekor ebenfalls aufs Christentum: der Fisch als Symbol für Christus, die Vögel als Symbol für das ewige Leben. Dass das wirklich so gemeint ist, bestätigt eine Inschrift im Mosaik: »Statt mit hohen Mauern und hartem Eisen, glänzender Bronze und gar Diamanten hat sich dieses Haus mit den hoch verehrten Symbolen Christi gegürtet.«

Wir fuhren weiter zu der Johanniterburg von Kolossi. Die Kreuzritter vom Johanniterorden ließen sie 1210 erbauen. Sie waren schon Jahre zuvor vom Herrscherhaus der Lusignans auf die Insel geholt worden, um die Zyprioten zu unterwerfen. Nach der Übersiedlung des Johnniterorders auf die Insel Rhodos im Jahr 1310 blieb eine Ordenstruppe – Commandaria genannt – auf Zypern um den Ordensbesitz zu verwalten. Nach dieser Commandaria heißt auch der Dessertwein. Vielleicht haben die Jungs den seinerzeit angebaut oder auch nur gerne getrunken, was weiß ich?

Bauern mussten für den Orden Zuckerrohr anbauen. Die Ruine der Zuckerfabrik hatte verblüffende Ähnlichkeit mit einer Kirche. Und der Reiseleiter spöttelte, vielleicht war der Architekt auf Kirchen spezialisiert und durfte nur ausnahmsweise mal eine Fabrik bauen.

Der Abstecher nach Limassol war nicht so wahnsinnig interessant. Da gäbe es bestimmt noch mehr zu entdecken, als das, was wir in der kurzen Zeit gesehen haben. Limassol ist die größte Hafenstadt und die zweitgrößte Stadt Zyperns. Und in einem unserer Reiseführer stand so niedlich: » … man braucht allerdings ein gewisses Maß an Idealismus, um diese 140.000 Einwohner-Stadt attraktiv zu finden, auch wenn sie sich selbst als »Paris Zyperns« bezeichnet.«

Wir gingen durch die Markthalle. Dem Markt in Limassol wird ein gewisses orientalisches Flair nachgesagt, aber wir haben letztes Jahr die Souks in Marokko gesehen und haben seither unsere eigenen Vorstellungen von einem orientalischen Markt. Limassol konnte da nicht mithalten.

Wir haben in einer kleinen Wirtschaft Souvlaki gegessen und sind dann wieder zurück nach Paphos gefahren. Kurz vor unserer Abfahrt gelang Gerhard das Foto von diesem liebevoll gepflegten und gestalteten alten Bedford.

Interessant klang das Weinfest, das jeden September im Stadtpark stattfindet. Der Wein wird von den Weinkellereien Zyperns gestiftet und ist gratis zu haben! Da wird ganz schön was los sein!

Lefkara
Nach ein paar Tagen Faulenzen ging es am 30. Juli nach Lefkara und in die Hauptstadt Nikosia. Nach Lefkara schleppen sie vermutlich jeden Touristen. Die Hauptattraktion dort sind die gestickten Tischdecken … traditionelle Hohlsaumstickereien auf Baumwolle. Die Technik ist mindestens 500 Jahre als. Leonardo da Vinci soll hier im Jahr 1481 Spitzen für ein Altartuch des Mailänder Dom gekauft haben.

Man hat uns gesagt, die echten Stickereien würden auf der Vorder- und Rückseite gleich aussehen. Es gibt also keine hässliche Rückseite mit sichtbar vernähten Fäden. Ich hab alle Stücke umgedreht, die man uns persönlich angeboten hat. Und keins davon schien echt zu sein. Massenware aus China. Zudem haben wir eh keine Verwendung für Tischdecken. Dank der Katzen landen Decken aller Art meist umgehend auf dem Boden. Es wurde auch Silberschmuck angeboten, und Gerhard hat sich nach Ringen umgesehen, aber in seiner Größe gab’s wieder mal nichts. Also hab ich nur wieder Unmengen von Ansichtskarten gekauft. Die werden nicht an Freunde verschickt sondern daheim zusammen mit den eigenen Fotos in ein Album geklebt. So, wie die professionellen Fotografen mir ihrer Ausrüstung können wir Touristen die Motive ja selbst nie einfangen.

Nikosia
Nikosia ist die letzte geteilte Hauptstadt Europas. Und hier weht keine Meeresbrise und kein Lüftchen aus den Bergen. Es herrscht nur die flimmernde Hitze der Ebene von Mesaoira. Erst gegen Abend kommt Wind auf. 47 Grad hatte es, als wir dort waren. Aber das wussten wir ja vorher.

Die Stadt ist mit Stacheldrahtbarrikaden, Sandsäcken und schwer bewaffneten Wachtposten in einen griechischen und einen türkischen Teil geteilt. Die Grenze verläuft zum Teil mitten durch einzelne Häuser, die unbewohnt vor sich hingammeln. Rübergucken in den türkischen Teil darf man. Rüberfotografieren nicht. Die türkischen Zyprioten dürfen den griechischen Teil betreten. Die griechischen Zyprioten dürfen aber nicht in den türkischen Teil. Für Touristen gilt das Umgekehrte: vom türkischen Norden darf man nicht in den griechischen Süden, aber vom griechischen Teil darf man einen Tagesausflug zu den Türken unternehmen. In unserem Zeitplan war das jedoch nicht vorgesehen.

Als erstes besuchten wir das Landesmuseum. Es hat die umfangreichste Sammlung zur zypriotischen Geschichte mit Ausstellungsstücken vom Neolithikum bis zur Gegenwart. Natürlich ging der Besuch, wie immer bei solchen Gruppenreisen, mehr oder weniger im Schweinsgalopp vonstatten und es war nicht möglich, sich einzelne Stücke genauer anzusehen. Schöne alte Töpferwaren waren zu sehen – mit einem Design von zeitloser Eleganz. Stünde so ein Teil heute im Laden, es fiele nicht auf. Beim Goldschmuck war es eigentlich genau so. Einige der gezeigten Stücke hätte ich sofort genommen! Nach einem Erdbeben hat man in einer Höhle sehr ägyptisch wirkende Sphinxen und Löwenstatuen gefunden, die mir außerordentlich gut gefallen haben. Leider ist das Fotografieren im Museum verboten. Als ein Japaner die Kamera zückte, kam sofort ein Polizist angerannt und raunzte ihn an.

Den historischen und topographischen Kern Nikosias bildet die fast kreisrunde Altstadt, die noch vollständig von ihrer Stadtmauer aus venezianischer Zeit umgeben ist. Jetzt hatten wir naiver Weise angenommen, wenigstens eine kurze Führung durch die Altstadt zu bekommen. Statt dessen setzte sich der Reiseleiter ab – und uns in der Altstadt aus. Zwei Stunden Freizeit. Das ist natürlich blöd, wenn man nicht vorbereitet ist und nur einen winzigen Stadtplan aus dem Reiseführer hat, in dem nicht mal alle Straßennamen verzeichnet sind. Wir konnten nicht herausfinden, wo genau wir waren, und irrten ziemlich ziellos durch die Gegend. Es wäre nett gewesen, wenn sie uns wenigstens eine Fotokopie des Altstadtplans in die Hand gedrückt hätten. Das hätte locker auf ein DIN-A-4-Blatt gepasst und nicht die Welt gekostet. Ich habe das als Verbesserung angeregt. Vielleicht hilft das ja künftigen Ausflugsteilnehmern.

Zunächst mal haben wir einen Uhrmacher gesucht, der mir eine neue Batterie in meine Armbanduhr einsetzen konnte. Wenige Tage zuvor hatte die alte Batterie den Geist aufgegeben. Zum ersten Mal in 32 Jahren war ich ein paar Tage ohne Armbanduhr. Ich hab fast einen Vogel gekriegt. Jetzt hat die Uhr – ein Geschenk der Redaktion Allegra für einen kleinen Betrag in der Zeitschrift »woman & work« – zwar kein Herz aus Gold, aber immerhin ein Herz aus Nikosia.

Dann riskierten wir den obligatorischen Blick über die Grenze in den türkischen Teil. Ich traute mich lange nicht, an der Grenze – im griechischen Teil – zu fotografieren. Immerhin hatte der Posten eine Maschinenpistole. Erst als ich sah, dass andere auch unbehelligt Fotos machten, wagte ich es ebenfalls.

Danach irrten wir – wie weiter vorn schon angedeutet – ziellos durch die Altstadt. Anhand des Dumont-Reiseführers, den ich dabei hatte, haben geschlossen, dass wir die Faneromeni-Kirche gesehen haben. Das marmorne Mausoleum hinter dem Gebäude haben wir auch entdeckt, aber da wir die Inschrift nicht lesen konnten, erfuhren wir erst im Nachhinhein, was es damit auf sich hat: Hier liegen die Gebeine des Erzbischofs Kyprianus und zahlreicher anderer Priester. Sie waren 1821 von den Türken enthauptet oder gehängt worden, um die Zyprioten davon abzuhalten, sich dem griechischen Freiheitskampf anzuschließen. Die Kirche selbst, 1872 geweiht, ist die größte der Altstadt.

In einer Ecke des Kirchhofs stand die mittelalterliche Kapelle Stavros tou Misirikou, die von den Türken durch Anfügung eines Minaretts in die Arablar-Moschee verwandelt wurde.Was wir sonst noch gesehen haben, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Ich würde gern mal den Veranstalter der Tour ohne Stadtplan in der Esslinger Altstadt aussetzen und schauen, ob er alle Sehenswürdigkeiten findet …

Sehr sauber ist es übrigens in der Altstadt. Wer im Viertel Laiki Gitonia eine Zigarettenkippe auf die Straße wirft, muss 20 Pfund Strafe zahlen. Diese Regelung könnte man eigentlich überall einführen.

Nach diesen unbefriedigenden 2 Stunden »Freilauf« ging es weiter zum erzbischöflichen Palast, der rechtzeitig zur Unabhängigkeit Zyperns im Jahr 1960 fertig gestellt wurde. Unmittelbar davor steht das 1987 aufgestellte monumentale Denkmal von Erzbischof Makarios III. Laut Dumont-Reiseführer »in seinem Gigantismus ein Meisterwerk des schlechten Geschmacks«. Ja, doch. Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Schön, wenn der Reiseführer so etwas zugibt. Als Tourist traut man sich das nicht so recht zu sagen.

»Jetzt möchte ich gerne in einen eiskalten Pool springen«, sagte ein junges Mädchen aus der Reisegruppe, als wir vor der Kathedrale Agios Ioannis schwitzten. Worauf ihr kleiner Bruder meinte: »Darf ich dich dran erinnern, dass man mit dem Wasser aus unserem Pool Kaffee kochen könnte?« Ich sagte ja schon, mit dem Wasser aus unserem Hotel-Pool hätte das auch funktioniert. Igitt. Kaffee mit Chlor und Sonnenöl!

Verglichen mit den üblichen europäischen Kathedralen ist Agios Ioannis eher unscheinbar. Sie wurde 1662 auf den Ruinen der Kirche eines Benediktinerklosters aus der Lusignanzeit errichtet, die 1426 von einfallenden Mameluken zerstört wurde. Die zahlreichen Malereien an der Decke und den Wänden stammen meist aus dem frühen 18. Jahrhundert und zeigen Szenen aus der christlichen Geschichte Zyperns wie z.B. die Missionsreise der Apostel Paulus und Barnabas 45 n.Chr. Der Glockenturm stammt erst aus dem Jahr 1858. Vorher duldeten die Türken keine Konkurrenz für ihre Minarette und Muezzins.

Nach so viel Hitze und Kultur waren wir gar nicht böse, als es am späten Nachmittag zurück nach Paphos ging.

Die osmanische Festung von Paphos
Nach Nikosia war wieder ein paar Tage faulenzen angesagt. Am 1. August, zwei Tage vor unserer Abreise, machten wir uns noch zu Fuß auf, um das türkische Fort am Ansatz der modernen Hafenmole zu besichtigen. Obwohl wir früh am Morgen aufbrachen, war es doch mächtig heiß. Erst am Hafen wehte ein bisschen Wind und es wurde angenehmer.

Das Fort wurde 1592 gebaut. Reste des Westturms einer älteren, fränkischen Festung wurden mit einbezogen. Reste des fränkischen Ostturms kann man noch auf der Mole sehen.Die Briten nutzten das Fort als Salzlager. Seit 1835 steht es unter Denkmalschutz.

Wir hatten gehört, dass man dem Fort aufs Dach steigen könne und von dort aus einen tollen Blick über den Hafen hätte. Und genau das taten wir. Und es hat sich gelohnt. Wir stellten dabei fest, dass wir recht nahe an dem archäologischen Park waren, in den uns die Stadtrundfahrt am 2. Urlaubstag geführt hatte. Nachdem wir vom Fort wieder heruntergestiegen waren, gingen wir noch einmal in den Park, um uns die Ausgrabungen noch einmal in Ruhe anzusehen.

Vor allem konnten wir uns jetzt die Ruine der Burg Saranda Kolonnes anschauen, die wir bislang nur immer im Vorbeifahren gesehen hatten. Gleich nach der Übernahme der Herrschaft ließen die Lusignans diese Burg errichten – unter Verwendung eines byzantinischen Vorläuferbaus. Zahlreiche Granitsäulen vom römischen Forum wurden zur Verstärkung des Mauerwerks, für den Bau von Futterkrippen im Pferdestall und als Türschwellen herangezogen. Daher rührt der Burgname »40 Säulen«. Schon 1222 fiel sie einem Erdbeben zum Opfer und wurde nicht wieder aufgebaut. Restauriert hat man zwei Bögen des Gebäudes, die – siehe unten – heute ein beliebtes Fotomotiv sind.

45 Grad hatte es an diesem Tag draußen bei den Ausgrabungen, und so machten wir uns gegen Mittag wieder auf den Weg zurück zum Hotel.

Zwei Tage später ging es wieder nach Hause. Gegen 17 Uhr wurden wir vom Hotel abgeholt. Bis zum frühen Nachmittag lungerten wir noch in Badeklamotten im Palmengarten des Hotels herum und zogen uns erst kurz vor der Abholung reisefertig an.

Wie bei allen Reisen haben wir auch auf Zypern »unerledigte Posten« zurück gelassen. Ich hätte gerne das Katzenkloster Agios Nikolaos ton Gaton auf der Halbinsel Akrotiri gesehen. Und eine Wanderung durch die Schlucht von Avacas hätte ich auch gerne unternommen. Das Heiligtum des Apollo Hylates in Kurion haben wir zu meinem Bedauern nur von Ferne gesehen. Da hätte ich gerne ein paar Fotos gemacht.

Wer weiß? Vielleicht kommen wir ja eines Tages wieder …



Zypern 2001 – Daten und Fakten
April 25, 2007, 3:18 pm
Filed under: Zypern

Zypern: Geschichtliche Daten

Jungsteinzeit (8200- 3900 v.Chr.): Die ältesten Siedlungen dieser Zeit sind in Choirokoitia und Kalavassos zu besichtigen.

Kupfersteinzeit (3900- 2500 v.Chr.): In Westzypern entwickelt sich ein Fruchtbarkeitskult. Kupfer oder Kuprum in Latein (Kypros = der griechische Name Zyperns) wird entdeckt.

Bronzezeit (2500- 1050 v.Chr.): Der Kupferhandel mit Ägypten, der Ägäis, wo Zypern unter dem Namen Alasia bekannt ist, und dem nahen Osten bringt Zypern Wohlstand. Archäische Griechen gründen die ersten Stadtkönigreiche Kition, Kurion, Paphos und Salamis.

Geometrische Zeit (1050- 750 v.Chr.): In Zypern, einer griechischen Insel, befinden sich zehn Stadtkönigreiche. Im kulturellen Zentrum steht die Gottheit Aphrodite, welche ihren Geburtsort in Zypern hat.

Archaische und Klassische Zeit (750- 325 v.Chr.): Zypern wird von Eroberern aus Assyrien, Ägypten und Persien angegriffen. Unter König Evagoras von Salamis bekommt die Insel die führende politische und kulturelle Position in der griechischen Welt. Zypern wird Teil des Reiches Alexander des Großen in den Jahren 333 -325 v.Chr.

Hellenistische Zeit (325- 58 v.Chr.): Zypern gehört zum hellenistischen Staat der Ptolemäer in Ägypten, die Stadtkönigreiche werden vereinigt und Pafos wird Hauptstadt.

Römische Zeit (58 v.Chr.- 330 n.Chr.): Das Römische Reich beherrscht Zypern. Der Prokonsul Sergius Paulus wird vom Heiligen Paulus und Barnabas zum Christentum bekehrt, somit wird Zypern das erste Land, welches christlich regiert wird. Den Christen wird im Jahre 313 Religionsfreiheit gewährt.

Byzantinische Zeit (330- 1191 n.Chr.): Zypern gehört zu Byzanz, die Hauptstadt ist Konstantinopel. Die Staatsreligion ist das Christentum. Kaiserin Helena gründet das Kloster Stavrovouni. Da die meisten Städte durch Erdbeben zerstört werden, werden neue Städte und Kirchen erbaut. In 488 wird das Grab des Heiligen Barnabas gefunden und Kaiser Zeno gewährt der Kirche Zyperns völlige Autonomie. Von 647 bis 965 wird Zypern immer wieder von Arabern und Piraten überfallen, bis der Herrscher Nicephoros Phocas die Araber aus Zypern vertreibt.

Zypern fällt 1191 n.Chr. in Richard Löwenherz Besitz. Er heiratet Berengaria von Navarra in Lemesos, wo diese zur Königin Englands gekrönt wird. Richard Löwenherz verkauft die Insel an die Templer, die Zypern an Guy de Lusignan, den abgesetzten König von Jerusalem, weiterverkaufen.

Fränkische Zeit (1192-1489 n.Chr.): Die katholische Kirche tritt vor die griechisch-othodoxe. Zypern unterliegt der Feudalherrschaft. Die Stadtnamen der Städte Ammochostos (derzeit einer der reichsten Städte im Vorderen Orient), Lefkosia und Lemesos werden in die Namen Famagusta, Nikosia und Limassol umgewandelt. Im Jahre 1489 übergibt Königin Katerina Cornaro aus der Dynastie Lusignans die Insel Venedig.

Venezianische Zeit (1489- 1571 n.Chr.): Die Venezianer befestigen die Insel gegen die Osmanen, und um Famagusta werden zur Verteidigung eindrucksvolle Mauern gebaut.

Osmanische Zeit (1571- 1878 n.Chr.): Zypern wird von Osmanischen Truppen angegriffen und Famagusta lange Zeit belagert. Die Venezianer ergeben sich. Erzbischof Kyprianos, Führer der Griechisch Orthodoxen, wird Repräsentant beim Sultan. 1821 bricht der griechische Unabhängigkeitskampf aus.

Britische Zeit (1878- 1960 n.Chr.): Großbritannien verwaltet Zypern aufgrund des Zypernabkommens von 1878. Da die Türkei auf Zypern verzichtet, wird die Insel 1925 britische Kronkolonie, welche als strategisch wichtig gesehen wird. Zypern strebt eine Vereinigung mit Griechenland an und kämpft 1955- 1959 gegen die Kolonialherrschaft.

Republik Zypern (1960- ): 1960 gewinnt Zypern zum ersten mal seit 3.500 Jahren seine Freiheit.In der zypriotisch- türkischen Staatsführung ergeben sich viele Probleme. Die Türkei erstrebt eine Teilung der Insel und den Anschluss an die Türkei an. 1974 fallen die Türken in Zypern ein und besetzen seither illegal 37% der Insel im Norden.

Quelle: http://www.zypern.at/frame.htm?kultur.htm, Seite existiert nicht mehr

Reiseführer Zypern – Geschichte

Bewohnt seit der Steinzeit
Die ersten Spuren einer Zivilisation in Zypern stammen aus dem Neolithikum und sind rund 9.000 Jahre alt. Ausgrabungen förderten dörfliche Siedlungen aus der Jungsteinzeit zutage, die berühmteste – Chirokitia – ist bei Kalavassos (an der Straße Larnaka – Lemesos) zu besichtigen. In der Bronzezeit beliefert Zypern die ganze mediterrane Welt mit Kupfer und Keramiken.

Die hellenistische Periode
Nach 1400 v. Chr. erreichen Mykener – wahrscheinlich Händler und um 1200 v. Chr.
Achäer aus Griechenland die Insel. Sie bringen die griechische Sprache, ihre Religion und ihre Bräuche mit. Städte und Stadtkönigreiche entstehen: Pafos, Salamis, Kition, Kourion. Die Insel wird fortschreitend hellenisiert. Homer nennt Pafos den Geburtsort der Göttin Aphrodite.

Spielball vieler Völker
Ab ca. 700 v. Chr. wird Zypern abwechselnd von Assyrern, Ägyptern und Persern erobert und beherrscht. Alle diese Völker hinterlassen ihre Spuren, ohne jedoch den griechischen Charakter der Insel anzutasten. Im Jahr 333 v. Chr. befreit Alexander der Große Zypern von den Persern, dafür hilft ihm die zyprische Flotte bei der Niederwerfung der Völker an den Küsten der Levante. Nach seinem Tod geht Zypern in die Hände von Ptolemäus (Ägypten) über.

Von 58 v. Chr. bis 330 n. Chr. ist Zypern Teil des Römischen Reiches, Kleopatra tritt die Insel förmlich an Cäsar ab. Auf den Missionsreisen der Apostel Paulus und Barnabas wird der römische Proconsul Sergius Paulus zum Christentum bekehrt: Zypern ist das erste christlich regierte Land. Nach der Teilung des Römischen Reiches (395 n. Chr.) fiel es an Ostrom (Byzanz). Von der byzantinischen Zeit (330 – 1191) künden auf Zypern zahlreiche Basiliken und Kirchen mit Mosaiken, Fresken und Ikonen.

Richard Löwenherz und die Kreuzfahrer
Im Jahr 1191 erobert der englische König Löwenherz auf seinem Weg ins Heilige Land (3. Kreuzzug) die Insel. In der Burg von Lemesos hält er Hochzeit mit Berengaria von Navarra. Noch im gleichen Jahr verkauft Löwenherz Zypern, zuerst an den Orden der Tempelritter und – da diese durch einen Aufstand der Bevölkerung verunsichert werden – zum herabgesetzten Preis an Guy de Lusignan. Die französische Dynastie Lusignan beherrscht die Insel fast 300 Jahre lang. In dieser Zeit öffnet sich Zypern dem Abendland. Es entstehen viele gotische Bauten.

Die lusignanische Herrschaft endet 1489, als die letzte Königin Caterina Cornaro Zypern an Venedig übergibt. 1571 rund hundert Jahre später erobern türkische Truppen die Insel. Mit der Zeit entsteht eine starke türkische Minderheit. Seit 1878 (Russisch-Türkischer-Krieg) verwaltet England Zypern. Als das Osmanische Reich 1914 in den Ersten Weltkrieg eintritt annektiert Großbritannien formell die Insel und 1925 wird Zypern britische Kronkolonie.

Zypern wird unabhängig
Unter der Führung der orthodoxen Kirche nimmt die Forderung nach einem Anschluß an Griechenland seit dem 19. Jahrhundet zu. Nach einem Befreiungskampf (1955 – 59) gegen die britische Kolonialmacht wird Zypern am 16. August 1960 eine unabhängige souveräne Republik. Erzbischof Makarios wird ihr erster Staatspräsident. 1961 wird Zypern Mitglied im Commonwealth.

Die Einschränkung türkischer Sonderrechte im Dezember 1963 durch Makarios ruft einen Bürgerkrieg zwischen beiden Volksgruppen hervor. Im März 1964 wird eine UN-Friedenstruppe entsand. In der Folgezeit werden die Spannungen größer. Nachdem im Juli 1974 die von griechischen Offizieren geführte Nationalgarde geputscht hatte und ein Anschluß der Insel an Griechenland drohte, besetzten türkische Truppen den Norden und den Nordosten (rd. 40%) Zyperns. 1975 wurde einseitig der Türk. Föderationsstaat von Zypern und 1985 die Türk. Republik Nordzypern proklamiert, die beide nicht international anerkannt wurden.

In den UN-Vermittlungsversuchen zur Lösung des Zypernproblems, sowie für den angestrebten EU-Beitritt wird die Überwindung der Teilung und der Ausgleich zwischen den Zypern-Griechen und den -Türken gefordert.

Quelle: http://www.go4sun.de/go4sun/BAUM/3/55, Seite existiert in dieser Form nicht mehr

Reiseführer:
Zypern. Richtig reisen, Klaus Bötig, Taschenbuch – 337 Seiten, 3., aktualis. Auflage 2000 DuMont, DM 39,80, ISBN 377013480X

Viva Guide, ZYPERN, Mit großer Extra-Reisekarte! George McDonald, Taschenbuch, 288 Seiten, 3. Auflage 1998, RV Reise- und Verkehrsverlag GmbH in der Falk-Verlag AG München, ISBN 3-89480-637-0