Wahnsinn im Alltag


Charlaine Harris: Grabesstimmen
Februar 26, 2008, 2:04 pm
Filed under: Bücher

Charlaine Harris: Grabesstimmen, aus dem amerikanischen Englisch von Christine Burckhardt, München 2008, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN: 978-3-423-21051-5, flexibler Einband, 288 Seiten, Format: 12 x 19 x 1,6 cm, Euro 8,95 [D] 9,20 [A], sFr 15,90.

grabesstimmen-cover.jpg

“Manchmal träume ich, dass ich ein Adler bin. Ich kreise über ihnen, entdecke ihre sterblichen Überreste und erfahre auf diese Weise, wie man sich ihrer entledigt hat. (….) Ich finde die letzte Ruhestätte des Jungen, der mit den falschenFreunden in Glas zu viel trank – ein flach ausgehobenes Grab im Kiefernwäldchen. Oft schwebt ihre Seele noch über den sterblichen Überresten, die sie einst beherbergten.”

Harper Connelly, Mitte 20, war ein Teenager, als sie vom Blitz getroffen wurde. Wie durch ein Wunder hat sie überlebt – und diverse Folgeschäden zurückbehalten. Sie leidet unter Kopfschmerzen, Angstzuständen und einer Schwäche in den Beinen. Und: Sie kann seit jenem Tag Tote finden und deren letzte Momente nacherleben.

Harper, in desolaten Familienverhältnissen aufgewachsen und den täglichen Überlebenskampf von klein auf gewöhnt, leistet sich keine Sentimentalitäten. Die unheimliche Gabe betrachtet sie als eine Art Ausgleich für die körperlichen Gebrechen – und als praktische Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Zusammen mit ihrem Stiefbruder Tolliver Lang, der als Beschützer und Manager fungiert, reist sie durch die Lande um für private Auftraggeber Vermisstenfälle zu klären.

Ein solcher Auftrag führt die Geschwister in das Touristenstädtchen Sarne, irgendwo in den Ozarks. Sybil Teague, eine vermögende, einflussreiche Witwe, kann nicht glauben, dass ihr Sohn Dell seine Freundin Monteen Hopkins getötet und danach Selbstmord begangen haben soll. Zumal Monteens Leiche nie gefunden wurde. Harper Connelly soll nun Licht ins Dunkel bringen.

Die feindselige Stimmung, die den Geschwistern bei ihrer Ankunft in Sarne entgegenschlägt, ist nichts Neues für sie. Ihre Arbeit ist den Menschen unheimlich. Und manch einer fürchtet wohl, dass gut gehütete Geheimnisse an den Tag kommen könnten, wenn jemand in der Stadt ist, der nur über den Friedhof zu gehen braucht um zu wissen, woran die Menschen dort verstorben sind. In jeder Stadt gibt es auch Zweifler, die sie für Scharlatane halten, die aus dem Leid anderer Menschen Kapital schlagen. Und es gibt Auftraggeber, die sich lieber ihre Illusionen bewahrt hätten, als sich dem zu stellen, was Harper herausgefunden hat.

Harper und Tolliver kennen das alles von früheren Einsätzen. Doch hier in Sarne sieht es so aus, als könnten sie gleich an der Stadtgrenze wieder kehrt machen, so wenig willkommen sind sie.

Mit einem „Werbegeschenk an die Stadt“ – einem lange vermissten toten Jäger im Wald und dem Leichnam eines verwirrten alten Herrn – kann Harper die einflussreiche Clique der Stadt von ihren Fähigkeiten überzeugen. Sie mag unheimlich sein, aber ein Scharlatan ist sie nicht. Sie „darf“ Monteens Leiche suchen und wird tatsächlich in einem Waldstück fündig. Der Leichenfund und ein Besuch am Grab des mordverdächtigen Freundes enthüllen: Der junge Mann hatte nichts mit dem Tod seiner Freundin zu tun. Beide wurden von einer dritten Person getötet.

Damit wäre der Fall für die Geschwister eigentlich erledigt und sie könnten weiterziehen. Doch sie machen den Fehler, Helen Hopkins, die Mutter der ermordeten Monteen, von ihren Erkenntnissen persönlich zu unterrichten. Als Helen kurz danach erschlagen aufgefunden wird, geraten auch die Geschwister ins Visier der Ermittler. Eine schlechte Presse können sie sich nicht leisten, ihr Ruf ist ihr Kapital. Sich einfach klammheimlich davonzumachen, ist also keine Option. Also bleiben sie notgedrungen in der Stadt, in der feindselige, ja gewalttätige Übergriffe gegen sie an der Tagesordnung sind und hoffen auf baldige Klärung des Falls.

Zum Glück sind ihnen nicht alle Einwohner feindlich gesonnen. Tolliver bandelt mit diversen Damen in Sarne an, Harper verliebt sich in den Schwager der ermordeten Monteen, den verwitweten Polizisten Hollis Boxleitner, und denkt ernsthaft darüber nach, sesshaft zu werden. Als sie herausfindet, dass auch Hollis’ Ehefrau, Sally Hopkins, ermordet wurde, wird ihr klar, dass das kein Zufall sein kann. Wer hat Interesse daran, eine komplette Familie auszulöschen? Was wussten die drei Hopkins-Frauen? Wem waren sie und Dell im Weg? Welches Geheimnis ist so wichtig, dass vier Menschen dafür sterben mussten?

Harper und ihr Freund Hollis forschen nach. Das hätten sie lieber nicht tun sollen …

Fans von Charlaine Harris’ Buchreihe um die Gedanken lesende Kellnerin Sookie Stackhouse werden in dieser Reihe vermutlich den schrägen Humor vermissen … und die Vampire. Die Harper-Connelly-Reihe ist melancholischer angelegt als Harris’ erfolgreiche Vampirserie. Es sind Kriminalromane mit einem einzigen übernatürlichen Element: der Fähigkeit der Heldin, Tote zu finden und zu wissen, wie sie gestorben sind.

Der Kriminalfall im vorliegenden Band ist sicher nicht allzu anspruchsvoll konstruiert. Routinierte Krimileser ahnen bald, welcher Art das Motiv ist, das hinter den Mordfällen steckt. Und doch bleibt es spannend bis zum packenden Finale, bei dem sich zeigt, wer hier so viel zu verbergen und verlieren hat. Dieser Startband zu einer neuen Serie macht Appetit auf mehr.

Auch der persönliche Hintergrund von Harper Connelly lässt auf eine Fortsetzung hoffen. Da sind zum einen die jüngeren Halbschwestern, die eine fürsorgliche Tante den beiden älteren Geschwistern gründlich entfremdet hat. Und da ist Cameron, Harpers älteste Schwester, die vor Jahren unter mysteriösen Umständen verschwand, und deren Schicksal noch immer ungeklärt ist. Wird auch sie eines Tages aus dem Grab zu ihrer Schwester sprechen …?

In den USA umfasst die Harper-Connelly-Reihe bereits drei Bände, ein vierter ist angeblich in Arbeit. Wir dürfen also gespannt sein.



Claus Beese: Bin ich Segler, oder was?
Februar 19, 2008, 12:52 pm
Filed under: Bücher

Ein Motorboot-Skipper auf Segeltörn

Claus Beese: Bin ich Segler, oder was?, Illustrationen: Lothar Liesmann, Goldebek 2007, Mohland Verlag, ISBN: 978-3-86675-048-7, flexibler Einband, 167 Seiten, Format: 14,5 x 20,5 x 0,9 cm, EUR 10,00.

seglervorn40.jpg

Motorboot fahren oder segeln – das ist eine Frage der Weltanschauung. So wie Microsoft-Rechner oder Apple Macintosh … wie Motorräder mit oder ohne Verkleidung … wie Camping-Urlaub oder Hotel.

Als Motorboot-Skipper Claus bei seinem Segler-Kumpel Wolfgang eingeladen ist und in gewohnter Manier über dessen Hobby spöttelt, stellt sich heraus, dass er das, was er hier durch den Kakao zieht, gar nicht aus eigener Anschauung kennt. „Mobo“ Claus ist noch nie gesegelt. Diesem eklatanten Missstand muss unbedingt abgeholfen werden, findet Wolfgang, und lädt Claus zur traditionellen Vatertagstour ein, einem Herrentörn, der diesmal zu den Heringstagen nach Kappeln an der Schlei führen wird.

Claus’ Frau und Tochter sind nicht begeistert, denn anders als ihre Motorboot-Fahrten mit der ganzen Familie ist das hier eine reine Männerveranstaltung. Die Damen müssten zu Hause bleiben. Aber noch ist nicht aller Tage Abend. Ehe es ernst wird mit dem Herrentörn, werden Claus und seine Frau erst mal zu einem Probe-Segelwochenende eingeladen. Schließlich muss Wolfgang ja sehen, wie Claus sich anstellt und welche Kenntnisse er ihm noch auf die Schnelle vermitteln muss.

Auch wenn Claus von all den unbekannten Abläufen und Fachbegriffen nach kurzer Zeit der Kopf schwirrt, findet er doch Gefallen am Segeln. Nur was „mit Lage segeln“ bedeutet, das hätte er vielleicht nicht fragen sollen …

Claus hat sich für den Herrentörn der Segler qualifiziert. Doch bevor es losgeht, muss er sich mit entsprechender Garderobe eindecken. Ein Erlebnis besonderer Art, wenn das neue Outfit nicht die komplette Urlaubskasse aufzehren soll – und wenn die Statur des Skippers nicht den Normen der Bekleidungsindustrie entspricht. Der Skipper hat den Einkaufsstress und der Leser kringelt sich dabei vor Vergnügen.

Dann endlich ist es soweit: Claus und Wolfgang gehen an Bord der BEERS, wo sie auf ihre Mitsegler Manfred und Andreas treffen. Ein Vater-und-Sohn-Team, das sie bis Flensburg begleiten wird. Dort wollen sie ein Segelschiff kaufen und damit die Tour fortsetzen.

Claus steht der Übermacht an seglerischer Kompetenz mit gemischten Gefühlen gegenüber. Sind das nun die großen Könner und er ist der Diesel-Depp? In der Tat läuft es mit der Wissensvermittlung nicht optimal. Wie viele alt gediente Experten können sich auch die Segler nicht mehr so recht in einen Anfänger hineinversetzen. Sie erklären ihm vieles, was er längst weiß, setzen aber wiederum Kenntnisse voraus, die er nicht hat. Dadurch kommt es zu allerlei komischen, peinlichen und auch kritischen Situationen.

Dass er gar keine Ahnung von der Materie habe, das weist Claus allerdings entrüstet von sich. Immerhin hat er mit seinem Motorboot schon einige liegen gebliebene Segler in den sicheren Hafen geschleppt. Angesichts der Geschicklichkeit, mit der seine Segler-Gefährten die anfallenden Arbeiten verrichten, ist ihm jedoch bewusst, dass er noch viel zu lernen hat. Zu allererst vielleicht den korrekten Namen des Gottes der Winde. Und dass man sich nicht mit dem Klabautermann anlegt. Denn wie es aussieht, sind beide nachtragend. Auch der fachgerechte Umgang mit dem heimtückischen Spirituskocher will geübt sein. Wenn man es nämlich so macht wie Claus, tut Kaffee kochen weh. Sogar an Stellen, die der Kaffee normalerweise erst dann passiert, wenn er den Körper wieder verlässt …

Ganz alltägliche Verrichtungen werden an Bord des Segelschiffs auf einmal zu Herausforderungen, die gemeistert werden wollen.

Auch ein Segel anzuschlagen will gelernt sein und führt beim ersten Versuch lediglich zum Lacherfolg. Und als Claus ein Anlegemanöver fahren soll, während seine Freunde die Segel bergen, wird es sogar richtig gefährlich.

Zum Glück sind die Segler unserem Mobo-Skipper nur auf ihrem Fachgebiet überlegen. Vom Angeln, zum Beispiel, versteht er ungleich mehr als sie. (Hätte er sonst ein Buch zu diesem Thema schreiben können?) Mit recht unorthodoxen Bordmitteln fängt er einen stattlichen Dorsch und bereitet daraus ein Fischfilet zu, nach dem sich seine Kumpels alle zehn Finger lecken. Wodurch er in der Achtung der Herren mächtig steigt.

Wie die Segler es mit vereinten Kräften schaffen, den Preis für das Segelboot herunterzuhandeln, das Andreas in Flensburg kaufen will, das ist ein Kapitel für sich. Der Verkäufer der FLAVA sollte es in seinem eigenen Interesse lieber nicht lesen … Im weiteren Verlauf der Tour helfen die Segler unter anderem einem „Teesieb-Moses“ aus der Patsche und tauschen ihre wohlverdiente Nachtruhe gegen einen Laib Gouda,

Wenn Sie überdies wissen wollen, was Wasserhexen in der Dusche zu schaffen haben, wie Schiffe Weihnachten feiern und was auf dem Heringsfest, dem Ziel des Herrentörns, los war, dann lesen Sie am besten dieses Buch. Es ist überaus vergnüglich, absolut landrattentauglich, aber nur bedingt fürs Lesen in der Öffentlichkeit geeignet. Bei diesen Abenteuern kann man sich das Kichern und Schmunzeln nämlich nicht verkneifen. Die Ilustrationen von Lothar Liesmann tun ein Übriges: Er setzt die skurrilsten Szenen gekonnt ins Bild.

Auch für dieses Buch des Autors gilt: Wer Spaß an witzigen, pleiten-, pech- und pannenreichen Erlebnisberichten seiner Mitmenschen hat und dann und wann ein winziges Bisschen Schadenfreude erübrigen kann, dem sei dieses Büchlein empfohlen.

Homepage des Autors: http://www.claus-beese.de
Homepage des Illustrators: http://www.lothar-liesmann.de



Streik: Jetzt sind Stadtbahnen und Busse dran!
Februar 14, 2008, 10:06 am
Filed under: Wahnsinn im Alltag

Welcher Jubel, welche Freude! Nachdem sich die Bahn nach zehn Monate langem Tarif-Hickhack endlich wieder eingekriegt hat, hat ver.di für Mittwoch einen Streik der Stadtbahnen und Busse angekündigt. Das heißt, ich komme mit den Öffentlichen gar nicht aus meinem Kaff raus. Und somit nicht zur Arbeit.

Endlich darf ich wieder solidarisch sein! Ob sich der Zirkus auch wieder über fast ein Jahr hinzieht? Heute streiken sie, morgen fahren sie, übermorgen holen sie der Königin ihr Kind. Ver.di träumt ja schon von unbefristeten Streiks.

Erstklassige Zermürbungstaktik. Wirkt besonders gut bei Angehörigen anderer Branchen, die nicht wissen, wie sie jetzt zur Arbeit kommen und ihre Termine halten sollen. Und bei deren Untergruppe, der künftigen Ex-ver.di-Mitglieder. Zum Beispiel bei mir.

Bitte-bitte-bitte seid gnädig mit uns armen werktätigen Würstchen, die auf den öffentlichen Personennahverkehr und andere wichtige Dienstleistungen angewiesen sind, und einigt euch schnell!



Urlaub gehabt – Mensch gewesen
Februar 11, 2008, 5:57 pm
Filed under: Wahnsinn im Alltag

Freunde und Kollegen kennen es schon: Wenn bei uns im Job die Winterkampagne abgeschlossen ist und ehe die Vorbereitungen zur Sommerkampagne anfangen, gönne ich mir den Luxus und nehme drei Wochen Urlaub. Meist Ende Januar/Anfang Februar. (Außer zwischen den großen Kampagnen komme ich ja eh vor lauter Termindruck und Trallala nicht aus der Firma raus.)

In meinem Winterurlaub verreise ich nicht, da krame ich in aller Ruhe zu Hause herum und mache all das, wozu ich das Jahr über wegen meiner extrem langen Arbeitszeiten nicht komme. Ich stelle die Hütte auf den Kopf und putze alles, was sich nicht wehren kann. Ich miste Bücher- und CD-Regale sowie den Kleiderschrank aus und verteile die aussortierten Objekte auf verschiedene Empfänger: Nichtswertige Klamotten kommen in den Lumpensack, was noch was ist, wird dem Warentauschtag zugeführt – so einer Art Gratisflohmarkt, der bei uns in Region von Naturschutzverbänden veranstaltet wird.

Alte Schallplatten hat ein Sammler und Händler geholt, dessen Adresse ich dem hiesigen „Gemeindeblättle“ entnommen habe. Neuwertige Bücher, die ich im Lauf des Jahres vom Verlag mitgebracht und in meinem heimischen Büro gestapelt habe, bekam die Bücherei. Was für die Bücherei nicht geeignet ist, kommt in die Kisten für die Vereinstombolas. Die lagern jetzt im Keller, bis sie im Sommer abgeholt werden.

Ausrangierte gebrauchte Bücher habe ich im Internet angeboten und auch schon ein paar verkauft. Günstig, natürlich. Ich bin der klassische billige Jakob und froh, wenn ich das Zeug aus dem Haus hab und es in gute Hände kommt.

Einen gewissen Zeitaufwand bedeutet es ja schon, die Bücher zu beschreiben, zu messen und zu wiegen, den Umschlag zu scannen und all die erfassten Daten im Internet hochzuladen. Macht Spaß, aber neben der Arbeit her habe ich für solche Aktivitäten wenig Zeit. Und ich mag, wenn ich im Verlag mehr als 10 Stunden vorm Computer gesessen habe, nach Feierabend oft keinen Bildschirm mehr sehen.

homeoffice07.jpg

Ich hab in diesen drei Wochen auch –zig Stationen abgedackelt: Friseur, Schneiderin, Ärzte und mehrfach die Massagepraxis. Hab die Steuererklärung vorbereitet, die Ablage gemacht und die Urlaubsbilder eingeklebt. Ich hab den laufenden Bürokram erledigt und war „Immobilien gucken“: Die Leute vom Immobilien-Center unserer Hausbank hatten einen Besichtigungstermin in einem Neubau am Ort und ich habe mich spontan entschlossen, mitzugehen, als man mir das anbot. Solche Aktionen sind einfach nicht drin, wenn ich arbeiten gehe.

Hach, waren das tolle Wohnungen! Gute Lage, super Ausstattung … da hätte ich sofort eine genommen. Aber leider ist dieses Objekt für mich unvernünftig teuer. Wir haben gezockt und gerechnet, aber bei Lichte betrachtet reichen meine Finanzen eben doch nicht ganz. In meinem Alter noch mal solche finanziellen Klimmzüge, das tu ich mir nicht an. Der Job kann jede Minute flöten gehen, das weiß man heute nie. Und ich schleich auf die Fuffzich zu, ich würde keinen anderen Job mehr kriegen. Da muss man Realist sein und ein etwas weniger kapriziöses Objekt ins Auge fassen.

Also gut … keine neue Wohnung. Dafür hab ich ja jetzt die alte gründlich geputzt. 😀

Schön war’s daheim. Mal nicht jeden Morgen um viertel vor fünf in der Früh aufstehen müssen, sondern so zwischen halb sechs und halb acht. Mit den Katzen schmusen und spielen, gemütlich die Zeitung lesen und es endlich daheim mal so ordentlich machen, wie man es gerne hätte, aber nie hinkriegt, wenn man nur zum Essen und zum Schlafen nach Hause kommt. Am Ende der Kraft und Energie ist immer noch so viel Hausarbeit übrig …

Am Donnerstag muss ich wieder in der Firma einrücken. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich liebe meinen Job. Ich mag meine Kollegen, ich komme gut mit meinen Chefs klar und die Kasse stimmt auch. Das einzig Schlimme an meinem Job ist, dass er Unmassen von Zeit frisst.

Ich habe das Gefühl, als hätte ich jetzt drei Wochen lang Mensch sein dürfen, damit ich Haus und Hof bestellen kann. Und jetzt, wo das Wichtigste erledigt ist, läuft diese Frist gnadenlos ab und ich fahre wieder in die dunkle Grube ein, hinter den Bergen bei den sieben Zwergen, wo ich wie ein Roboter „hackeln“ (schuften) muss, bis die Batterien alle sind. Und wo ich außer Arbeit nichts mitkriege von der Welt. Bis ich dann im Sommer wieder für drei Wochen an die frische Luft darf. Wenn’s klappt, sogar ans Meer. Und da darf ich dann wieder Mensch sein …



Wolfgang Brenner: Bollinger und die Barbaren – Ein neuer Grenzfall. Kriminalroman
Februar 10, 2008, 9:47 pm
Filed under: Bücher

Wolfgang Brenner: Bollinger und die Barbaren – Ein neuer Grenzfall
Kriminalroman
München, Februar 2008, dtv premium
Broschiert
ISBN 978-3-423-24634-7
240 Seiten
Format: 21 x 13,4 x 2,6 cm
Euro 12,50 [D] 12,90 [A], sFr 21,90

bollingerbarbaren.jpg

Handlung:
Ein Erhängter in einer Brandruine sorgt für Aufruhr im idyllischen Grenzort Schauren. Auf dem abgebrannten Areal wollen Investoren ein Musicaltheater errichten. Und die Hagenaus, eine verwahrloste Problemfamilie mit kriminellem Hintergrund, wollen das mit allen Mitteln verhindern. Wie hängt das alles nur zusammen? Felix Bollinger folgt einer Spur, die in die Zeit der Kollaboration zurückzureichen scheint. Neben seinen Ermittlungen führen auch die Frauen in Bollingers Privatleben zu Verwirrungen.

Zum Autor laut Verlag:
Wolfgang Brenner, geboren 1954 in Quierschied/Saar, lebt als Journalist und Autor in Berlin und im Hunsrück. Er wurde 2007 mit dem Berliner Krimipreis „Krimifuchs“ in der Kategorie Autoren für sein langjähriges Schaffen in diesem Genre gewürdigt. Seine Krimis zeichnen sich durch gründliche Recherche, überzeugende Charaktere und große Spannung aus.

Meine Meinung:
Nach Bollinger und die Friseuse ist dieser Roman der zweite Fall um den Polizeichef Felix Bollinger, der quasi strafversetzt in Schauren einen schweren Job macht. Schauren liegt als europäische Stadt an der deutsch-französischen Grenze zwischen Saarbrücken und Metz, ist so provinziell geschildert, dass es schmerzt und existiert vermutlich nicht.

Bollinger fühlt sich hier noch nicht zu Hause. Für etwas Ablenkung sorgt sein Verhältnis mit der Frau des Bürgermeisters. Ansonsten gibt es viel Arbeit ohne große Erfolge, die Sehnsucht, Schauren nach erfolgreicher Arbeit möglichst schnell wieder zu verlassen bleibt. Bollinger ist die meiste Zeit sehr isoliert. Sein Team, bestehend aus den Polizisten Louis Strasser und Alain Miller, zeigt nicht viel Profil.

Brenners Schreibe ist locker, aber genau. Meist sind Bollingers Gedanken selbstreflexierend im Mittelpunkt, daher ist eine große Portion Selbstironie stilprägend. Leider sind viele Figuren nur oberflächlich entworfen, da sie alle aus Bollingers eingeschränkter Sicht geschildert werden.

Was mir am meisten fehlt, ist eine gründlicher Ausarbeitung der Schwierigkeiten des gemeinsamen Zusammenlebens der Franzosen und Deutschen. Dabei gibt es gute Ansätze, die z.B. bei der Erwähnung der unterschiedlichen Essgewohnheiten beginnen und auch nationale Unterschiede in den Gesetzen beinhalten. Wenn es aber um Vorbehalte aufgrund von Vorkommnissen aus der Zeit des Nationalsozialismus geht, sind mir die Reaktionen der Beteiligten zu sehr an der Oberfläche und psychologisch nicht ergründet. Einzig Bollingers eigene Familiengeschichte dieser Zeit wird tiefer gehend erläutert und muss stellvertretend wirken.

Ehrlich gesagt, finde ich den Fall in der Provinz nicht gerade originell. Es wird ein Aufgehängter in einer Ruine gefunden, nachdem da ein Brand gelegt wurde und gleichzeitig tun Politiker viel dafür, den Ort groß raus zu bringen. Zusammenhänge sind zu vermuten. Die Ermittlungsarbeiten werden dabei kaum realistisch beschrieben. Puristische Krimifans sollten also hier nicht zu viel erwarten.

Immerhin staune ich als Leser gemeinsam mit Bollinger, mit dem man sich nach einiger Lesezeit doch irgendwie identifiziert, was alles dafür geplant ist: Ein Theater bauen, Musicals mit Andrew Lloyd Webber und einem Libretto von Patrick Süskind veranstalten und so Menschenmassen aus Süddeutschland und Nordfrankreich anlocken.

Das Ende ist gut gemacht und nicht ohne Witz.

Ich würde Wolfgang Brenner irgendwo zwischen Friedrich Ani und Jacques Berndorf einordnen. Sein Bollinger ist sogar etwas bissiger als die Helden seiner Kollegen, dafür halte ich Bollinger allerdings nicht für einen effektiven Polizisten.
Für Fans von etwas skurrilen Krimiserien trotz allem empfehlenswert.

Rezensent: Herr Palomar
Mit freundlicher Genehmigung von http://www.buechereule.de