Wahnsinn im Alltag


Philip Sington: Das Einstein-Mädchen – Roman

Philip Sington: Das Einstein-Mädchen, OT: The Einstein Girl, aus dem Englischen übersetzt von Sophie Zeitz, München 2010, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-24783-2, Softcover, 457 Seiten, Format: 13,5 x 21 x 3,5 cm, EUR 14,90 (D), EUR 15,40 (A)

Berlin 1932: Eigentlich hat Psychiater Dr. Martin Kirsch gerade genug am Hals: Geplagt von traumatischen Erinnerungen an seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg, erschüttert vom Tod seines Bruders Max, gezeichnet von einer schweren Krankheit und gestresst von der bevorstehenden Hochzeit mit der Industriellentochter Alma Siegel, hat er sich zu allem Überfluss noch mit einem kritischen Artikel in der Fachpresse in die Nesseln gesetzt. Und nun erwartet sein Chef an der Charité, Professor Bonhoeffer, Kirschs Kündigung. Nestbeschmutzer, die sich dazu noch fachlich mit Kollegen anlegen, die will er in seiner Abteilung nicht haben.

Da müsste es Dr. Kirsch ja sehr gelegen kommen, dass ihm Professor Eugen Fischer, der Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, ein lukratives Angebot macht. Er hat Kirschs Artikel gelesen, für gut befunden, und beauftragt ihn nun, genau in dieser Richtung weiterzuforschen.

Doch im Augenblick kommt Martin Kirsch der Wechsel von der Klinik in die Forschung sehr ungelegen. Das hat mit einer Patientin zu tun, die gerade in die Charité eingeliefert wurde. Die junge Frau wurde im Wald bei Caputh aufgefunden, halbnackt, bewusstlos, verletzt – und ohne Erinnerung an ihr bisheriges Leben. Weil sie ein Flugblatt mit der Ankündigung eines Vortrags von Albert Einstein bei sich hatte, nennt man sie „das Einstein-Mädchen“. Sie selbst hat sich für den Namen „Maria“ entschieden.

Nichts weiß man von ihr, keinen Namen, keine Adresse. Sie spricht mit slawischen Akzent. Und Dr. Brenner stellt fest: „Wir können mit Sicherheit sagen, dass sie irgendwann ein Kind geboren hat. Und sie trägt keinen Ehering am Finger.“ (Seite 71/72). Verwitwet, geschieden, eine unverheiratete Mutter? Welches Schicksal steht dahinter?

Kirsch hat nicht nur ein professionelles Interesse an dem ungewöhnlichen Fall, ihn interessiert auch die junge Frau selbst … aus ganz privaten Gründen. Das dürfte seiner Verlobten Alma ganz und gar nicht gefallen, und deshalb behält er auch für sich, dass er die junge Dame flüchtig kennt. In einem Tanzlokal hatte sie sich ihm vor kurzem als „Elisabeth“ vorgestellt. Und er weiß, wo sie wohnt.

In den kommenden Wochen fährt Kirsch in jeder Hinsicht zweigleisig. Er arbeitet weiter an der Charité und gleichzeitig an der Studie für Professor Fischer vom Institut für Anthropologie. Und er lässt seine Verlobte Alma weiterhin Hochzeitsvorbereitungen treffen, während er sich mehr und mehr in Maria verliebt.

Klammheimlich sucht er Marias Vermieter auf und besticht ihn, um ihr Zimmer durchsuchen zu dürfen. Er findet ein lückenhaftes Fotoalbum, Unterlagen von einem Physikstudium und einen Brief, dem er entnimmt, dass Maria zum Bekanntenkreis, wenn nicht gar zur Verwandtschaft der Familie Einstein gehört. Ihren vollständigen Namen kennt er jetzt auch. Von wegen „Elisabeth“! Marija Draganovic heißt sie und ist eine Serbin, die in Zürich Physik studiert. Die Berechnungen in ihrem Notizbuch sind brillant, wie ihm Professor Max Laue von der Akademie der Wissenschaft versichert.

Kirsch will jetzt ganz genau wissen, wer Marija ist und was mit ihr geschah. Er nimmt Urlaub und fährt nach Zürich zu Mileva Maric-Einstein, der Ex-Gattin des weltberühmten Wissenschaftlers, erfährt aber nichts weiter, als dass Marija Draganovic eine Studentin der Professorin war. Dass die junge Frau ein Kind gehabt haben soll, davon weiß Frau Maric-Einstein nichts.

Die Physikerin erweist sich als unzugänglich, das Gespräch mit ihr als unergiebig. Angenehmer aber genauso wenig hilfreich verläuft Kirschs Besuch bei Einsteins Sohn Edmund, der in der Psychiatrischen Klinik Burghölzli lebt. Hochbegabt, charmant und manipulativ ist der junge Mann, bei dem man Schizophrenie diagnostiziert hat. Über Marija erfährt Kirsch von ihm auch nicht mehr, als er ohne hin schon weiß. Und an Albert Einstein, der vielleicht Licht ins Dunkel bringen könnte, kommt er nicht heran.

Erst Dr. Zimmermann, Edmund Einsteins Psychiater, bringt ihn einen kleinen Schritt weiter. Hat der manipulative Einstein-Sohn der jungen Frau eingeredet, dass sie zu seiner Familie gehört? Gründe dafür hätte er. Hat sie ihm leichtfertig geglaubt oder ist sie eine Hochstaplerin, Betrügerin und Erpresserin, die aus Edmunds Geschichte Kapital schlagen wollte? Je weiter Kirschs Nachforschungen gedeihen, desto weniger weiß er ,was er von alledem halten soll. Dass er aufgrund seiner Erkrankung von Halluzinationen heimgesucht wird, trägt auch nicht unbedingt dazu bei, dass er den Überblick behält. Für Dr. Kirsch und auch für den Leser verschwimmen Realität und Fiktion immer mehr.

Im Frühjahr 1933 kehrt Kirsch nach Berlin zurück. Inzwischen haben die Nazis die Macht übernommen. Martin Kirsch ist klar: Ob Marija nun zur jüdischen Familie Einstein gehört oder nicht – sie muss fliehen. Allein schon ihre psychische Erkrankung kann ihr Todesurteil sein.

Wird Martin Kirsch jemals erfahren, wer Marija wirklich ist und wie sie in hilflosem Zustand in den Wald kam? Und … erfährt es eigentlich Marija?

Eingestreut in die Geschichte des Psychiaters Martin Kirsch sind Briefe, die uns nach und nach die tragische Lebensgeschichte der Marija Draganovic enthüllen. Nicht alles wird ausgesprochen, aber man kann es sich denken. Was ihre Schwester alles durchgemacht hat, zum Beispiel. Oder wer der Vater von Marijas Kind ist.

„Das Einstein-Mädchen“ ist ein sorgfältig recherchierter Roman, der manchmal schon zu viel will: uns die Geschichte der Psychiatrie nahe bringen, Einsteins Gedankengänge erklären, eine spannende Geschichte erzählen und das Leben im Berlin der 30-er Jahre schildern. Vor allem mit den Einsteinschen Überlegungen und Theorien ist man als Leser schnell ein bisschen überfordert.

Kirschs Suche nach der Identität seiner Amnesie-Patientin ist spannend und interessant, gerade weil sie ihn in so illustre Kreise führt und weil Marijas Geschichte möglicherweise mit skandalösen Familiengeheimnissen in Verbindung steht. Es stimmt, was Kate Saunders in der „Times“ schrieb: „(…) Historisches und Erfundenes sind hier wunderschön miteinander verwoben.“

Nur die krause Rahmenhandlung hätte Philip Sington sich vielleicht besser verkneifen sollen. Vielleicht wollte er eine Art literarischer Relativitätstheorie aufstellen und zeigen, dass Zeit und Handlung in einer Geschichte nicht unbedingt linear verlaufen müssen. Doch mit der Konstruktion, dass das ganze Buch nur ein Romanmanuskript über das Leben einer der Hauptfiguren sei, das diese gerade liest, schafft er hauptsächlich Verwirrung. Vor allem wenn er diese Romanfigur zu anderen Romanfiguren Dinge sagen lässt wie: „Ich habe Sie mir anders vorgestellt“ (…) „Sie stehen im Buch. Ich dachte, Sie wären älter.“ (Seite 68)

Wie jetzt? Liest sie oder erlebt sie? Widerfährt ihr gerade etwas, von dem sie kurz zuvor in dem Manuskript gelesen hat? Sind die geschilderten Ereignisse nun doch nicht das Buch über ihr Leben, sondern diesem nur sehr ähnlich? Dann müsste der Schriftsteller sehr exakt in die Zukunft blicken können. Wie genau das mit dem Romanmanuskript gemeint ist, wird nie so recht klar.

Solche Extravaganzen haben oft den Effekt, dass der Leser sich begriffsstutzig und veralbert vorkommt, und das kann ja eigentlich nicht im Sinne eines Autors sein. Hätte Sington es dabei belassen, die Geschichte einer skandalträchtigen Spurensuche zu erzählen, wäre es für den Leser erfreulicher gewesen. Er bliebe dann nicht so verwirrt und ratlos zurück.

Der Autor:
Philip Sington studierte Geschichte in Cambridge und arbeitete als Journalist und Magazinherausgeber, Drehbuch- und Theaterautor. Er lebt mit Frau und Kind in London. Unter dem Pseudonym Patrick Lynch ( hinter dem sich das Autorenduo Philip Sington und Gary Humphreys verbirgt, hat er mehrere erfolgreiche Wissenschaftsthriller geschrieben.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
http:// edithnebel.wordpress.com

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Günther Schumann: Abenteuer am Fuchsbau – Bildband

Günther Schumann: Abenteuer am Fuchsbau – Bilder aus dem Leben einer Fuchsfamilie, Bildband, Melsungen 2010, Verlag J. Neumann-Neudamm, ISBN 978-3-7888-1324-6, 96 Seiten, rund 150 farbige Abbildungen, Großformat: 23,2 x 31,7 x 1 cm. EUR 10,–

Haben Sie schon einmal einen Fuchs gesehen? So richtig in freier Wildbahn? Wenn man Glück hat, sieht man vielleicht mal in Sekundenschnelle einen vorbeihuschen.

Obwohl der Fuchs in Mitteleuropa recht häufig vorkommt, zeigt er sich uns Menschen eher selten, was nicht zuletzt an seiner überwiegend nächtlichen Lebensweise liegt. Doch Günther Schumann, Autor und Fotograf des vorliegenden Bildbandes, hat es sogar geschafft, einer Fuchsfamilie im nordhessischen Reinhardswald ins Kinderzimmer zu spähen.

In der Einleitung beschreibt er sein Vorgehen: „Im Verlauf von Monaten und Jahren gelang es mir, das außergewöhnliche Vertrauen von Füchsen in freier Wildbahn zu erlangen, und so wurde ich von den Tieren selbst in unmittelbarer Nähe, problemlos geduldet. Indem ich mich immer ruhig bewegte und zu ihnen sprach, wurde ich sozusagen in ihre Familiengemeinschaft aufgenommen., Nur so war es mir möglich, intime Einblicke in das Familienleben zu bekommen und dieses auch in unzähligen Fotos festhalten zu können.“ (Seite 5)

Herausgekommen ist ein Bildband, der nicht nur einmalig schöne, sondern auch zum ersten Mal veröffentlichte Fotografien von in freier Wildbahn lebenden Rotfüchsen zeigt.

Von den ersten Lebenswochen der kleinen Fuchswelpen, die Ende März, Anfang April zur Welt kommen, bis in den Spätsommer, wenn die Füchslein so weit sind, eigene Wege zu gegen, begleitet Schumann die Kaniden.

Die Texte zu den rund 150 Farbfotos sind kurz und aussagekräftig. Wir erfahren, was sich alles als Fuchs-Kinderzimmer eignet und dass Fuchs und Dachs oft gemeinsam in einem größeren Bausystem leben. Familie Fuchs oben, Familie Dachs in den tieferen Geschossen.

Wir werden Zeuge, wie die Fähe mit ihren Kindern in ein sichereres und ruhigeres Quartier umzieht. Wir lernen die harmlosen und weniger harmlosen „Nachbarn“ der Fuchsfamilie kennen, sehen den Welpen beim Milchtrinken und beim Erkunden der Umgebung zu. Und wir entdecken, was es für die Mutter der Welpen für eine Anstrengung bedeutet, wenn die Kleinen mit fester Nahrung versorgt werden müssen und noch nicht selber jagen können.

Ein besonders Vergnügen ist es, die Jungfüchse bei ihren „Sozialspielen“ zu beobachten. Bei diesen turbulenten Balgereien, Jagd- und Rennspielen lernen die Welpen lebenswichtige Verhaltensweisen und bereiten sich auf ihren späteren Lebenskampf vor.

Früh übt sich … (Seite 37)

Genau wie Wölfe und andere Säugetierarten kennen auch Füchse das „Burgspiel“: Ein erhöhter Platz wie z.B. ein Erdhügel, Felsbrocken oder Baumstumpf dient den Tieren als „Burg“. „Beansprucht ein vorwitziges Füchslein diesen scheinbar so erstrebenswerten Platz, kommen die anderen hinzu und wollen natürlich auch genau auf diesen so vorzüglichen Sitz. Dann geht das Gerangel wieder los, es wird herumgetollt, geschubst und gezogen, bis einer allein die „Burg“ nun erobert hat und Sieger ist. (…“) (Seite 64) So mancher (Hobby-)Fotograf wäre ungeheuer stolz, wenn ihm selbst die eindrucksvollen Fotos von den Burgspielen gelungen wären.

Wir lernen, dass der Geruchssinn der Füchse ihrer Sehkraft deutlich überlegen ist und dass sie eine Sehschwäche im Bereich der Farbe Rot haben. Wir erleben „unsere“ Füchse während der glutheißen Hundstage sowie bei nächtlicher Jagd, bei gegenseitiger Körperpflege und im Kampf gegen lästige Parasiten.

Mutter setzt zur Fellpflege an. (Seite 56)

Zauberhaft sind die Aufnahmen der schlafenden Jungfüchse. Sie wirken, wie die meisten Jungtiere, so richtig niedlich und knuddelig!

Schlafende Jungfüchse (Seite 2/3)

Und wenn man die Füchslein gegen Ende des Sommers, kurz bevor sie eigene Wege gehen, miteinander kämpfen sieht, erkennt man bereits die erwachsenen Wildtiere in ihnen.

„Es ist schon ein besonderes Erlebnis, wenn man bei sonst sehr scheuen und sensiblen Wildtieren ein so großes Vertrauen erreichen kann“, schreibt Günther Schumann. (Seite 5) Füchse sind seit vielen Jahren seine große Leidenschaft, der er sich mit bewundernswertem Einfühlungsvermögen verschrieben hat. Dabei legt er Wert darauf, durch seine Beobachtungen und seine Fotografie das Leben „seiner“ Fuchsfamilie möglichst nicht zu stören und zu beeinflussen. Das macht den Bildband zu einer eindrucksvollen und authentischen Naturstudie über Füchse in freier Wildbahn.

Der Autor und Fotograf
Günther Schumann, geboren 1930 in Hessen, war viele Jahre als Modellbaumeister bei einem Großunternehmen tätig. Später wechselte er zur Hessischen Forstlichen Versuchsanstalt, wo er in der Abteilung Waldschutz arbeitete. Seinem Hobby, der Naturfotografie, geht er bereits seit Jahrzehnten nach. Günther Schumann hat mehrere Bücher veröffentlicht und ist Mitautor bei verschiedenen Zeitschriften.

Fotos: © Günther Schumann. Die Abbildungen wurden uns freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.

Rezensent: Edith Nebel
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Gusseiserne Gardinen …
Juli 7, 2010, 8:03 am
Filed under: Tierisches | Schlagwörter: , , , , , ,

… werde ich mir noch anschaffen müssen! Alles wegen Kater Indie und seinem neuen Hobby: Fliegenfangen.

Auf der Jagd hat er versucht, meine Bürogardine zu erklimmen. Aber Coonies sind eben zu schwer für so ein zartes textiles Teil. Das müsste er eigentlich wissen, weil er mir eine bereits ruiniert hat. Aber vermutlich ist ihm das von Herzen Wurscht. Auch diesem Exemplar ist Indies Fliegenjagd nicht gut bekommen: Es hängt nun in Fetzen vor dem Fenster. Der Riss links unten ist rund 40 cm lang, der Riss oben nur 20. Und dann hat’s noch eine Handvoll kleinere Schäden, die ich nicht eigens vermessen habe.

Ich sollte mir vielleicht irgendwo ein Zehnerpack billiger Gardinen besorgen und hofffen, dass der kleine Flegel irgendwann erwachsen wird.

Das ist der rabiate Fliegenfänger und Gardinenkiller.

Auf dem Foto in der Zeitung (EZ, 07.07.2010) sieht er so lieb und harmlos aus. Ist er auch. Wenn er schläft. Den zweiten Preis haben wir bei der Fotoaktion „Hund, Katze Maus“ der Esslinger Zeitung mit diesem Bild gewonnen. Kreisliga, ich weiß. Aber es macht halt Spaß.



Kitsch …
Juli 5, 2010, 1:04 pm
Filed under: Wahnsinn im Alltag | Schlagwörter: , , ,

Ich weiß: Wenn etwas vortäuscht, aus einem anderen Material zu sein, als es tatsächlich ist, dann ist das schlimmstenfalls Tinnef, bestenfalls Kitsch. Aber als ich diese Bettwäsche mit dem „gestrickten Zopfmuster“ sah, konnte ich einfach nicht widerstehen.

Kater wird nicht mitgeliefert.

Was der Mann zu dem Kitschanfall sagt? Nix bis jetzt. Ich ahne jedoch ungefähr, was als Antwort käme, würde ich ihn danach fragen: „Öh … die Bettwäsche hat ein Muster? Ist mir noch gar nicht aufgefallen. Da müsste ich erst mal gucken …“



Cooniebert und ich als Künstlermodelle!
Juli 2, 2010, 10:54 am
Filed under: Bücher, Tierisches

Kater Cooniebert und ich haben „Modell gesessen“ für eine Illustration zu Maren Franks Kinderbuch „Tanjas Traumkatze“. Genauer gesagt, wurde ich gefragt, ob ich damit einverstanden sei, dass ein paar Katzenfotos aus meinem privaten Blog als Vorlage für die Buchillustrationen genommen werden, unter anderem eines, auf dem ich unseren Kater Cooniebert knuddle.

„Wenn du mich nicht als die alte Schachtel porträtierst, die ich bin, dann kannst du das gern machen“, habe ich zu Maren Frank gesagt, die ihr Buch auch selber illustriert hat. Und sie versprach mir prompt ein graphisches Facelifting. Und lange Haare. Na, dann!

Das Buch erscheint erst im Laufe des Monats, aber ich hab schon ein paar Bilder gesehen. Hier ist eines davon. Original und Kunstwerk. Ich fühl mich sehr verjüngt! 😉

***

„Das Buch werde ich, wenn es erschienen ist, natürlich auch lesen und hier vorstellen. Bestellen kann man es schon jetzt.

„Maren Frank: „Tanja’s Traumkatze“
ISBN: 978-3-942312-06-6
9,95 Euro

Tanja wünscht sich nichts sehnlicher als eine Katze. Auch zu ihrem 11. Geburtstag erfüllt sich ihr Herzenswunsch nicht. Dann tritt plötzlich Avelin in ihr Leben. Eine Katze, wie sie sich Tanja immer gewünscht hat. Und doch ist Avelin keine gewöhnliche Katze, sie ist etwas ganz Besonderes. Sie nimmt Tanja mit über den Regenbogen, in ein Land, wie es sonst nur in Träumen existiert. Was Tanja und Avelin alles für Abenteuer erleben, erfahrt ihr in diesem Buch.

http://www.codiverlag.com/41331.html



Siehste? Kaktus auf der Miste!

Na ja, reim dich oder ich fress dich. 😀 Auf jeden Fall steht dieses üppig blühende Gewächs bei meinem Vater im Garten, auf dem Deckel des ausgedienten Komposthaufens.

Ich hab mir nie Gedanken darüber gemacht, wie die Pflanze heißt. Für uns ist’s „der Kaktus auf der Miste“, der immer in Vaters Kellerwerkstatt überwintern darf. Angeschleppt hat ihn sicher meine Mutter mal, vor vielen, vielen Jahren.

Das Internet sagt, das Ding hieße Epiphyllum. Das kann ich mir garantiert nicht merken. Und was mein Vater mit seinem Hang zur absichtsvollen Wortverhunzung aus der Bezeichnung machen würde, kann ich mir ungefähr vorstellen: Kaktus Delirium … oder so was in der Art.

Blattkaktus, das merke ich mir schon eher.

Margeriten haben wir bei uns daheim hinterm Haus. Wo andere Leute nämlich einen gepflegten englischen Rasen haben, ist bei uns eine struppige Wiese. Was vollkommen in Ordnung ist. Niemand hat hier Zeit und Lust, ständig hinter irgendwelchen Unkräutern her zu sein.

Und eine Zitronengeranie steht auf dem Balkon. Riecht gut und blüht. Sie scheint übel zu schmecken, denn ich habe noch nie gesehen, dass eine unserer Katzen daran herumgefressen hätte, und die nagen alles an was grün und unbewaffnet ist. Sie dekorieren die Geranie nur mit ihren Katzenhaaren.



Marina Lewycka: Das Leben kleben – Roman

Marina Lewycka: Das Leben kleben, OT: We Are all Made of Glue, aus dem Englischen übersetzt von Sophie Zeitz, München 2010, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-24780-1, 454 Seiten, Format: 13,5 x 21 x 3,5 cm, EUR 14,90 (D), EUR 15,40 (A).

„Alle wurden still, bestürzt über die Eskalation der Ereignisse, und ein Gedanke kam mir, so klar, als flammte in meinem Kopf eine Glühbirne auf: diese Leute sind alle vollkommen verrückt.“ (Seite 386)

Jede gute Tat rächt sich! Arglos hilft die Journalistin Georgie Sinclair einer alten Dame, die beim Versuch, Gerümpel aus einem Müllcontainer zu zerren, gestürzt ist. Das ist der Auftakt zu einem Schlimmassel, der ihre kühnsten Alpträume übertrifft.

Die alte Dame ist reichlich extravagant zurechtgemacht und stellt sich als Naomi Shapiro vor. Ihre Altersangaben schwanken zwischen 61 und 96, und die Wahrheit dürfte wohl irgendwo in der Mitte liegen. Dass sie allein mit sieben Katzen in einer verfallenen viktorianischen Villa in Georgies Nachbarschaft haust, das stimmt. Dass sie Jüdin ist und in den 40-er Jahren von Hamburg nach London kam, stimmt vermutlich auch. Ansonsten ist ihr Umgang mit der Wahrheit ziemlich kreativ. Georgie Sinclair könnte das eigentlich egal sein. Sie hat nicht mehr als eine oberflächlich-nachbarschaftliche Bekanntschaft im Sinn. Nur widerwillig lässt sie sich von Mrs. Shapiro in die schäbige Villa einladen.

„Canaan House“ muss einmal großartig gewesen sein. Jetzt macht es eher den Eindruck, als könne es der Bewohnerin jeden Moment auf den Kopf fallen. Die hygienischen Zustände sind grauenvoll, die Kochkünste von Mrs. Shapiro, die berüchtigt ist für ihre Schnäppchenjagd nach abgelaufenen Lebensmitteln, sind es ebenfalls. Georgie ist froh, dass sie sich bei dem Besuch nichts Schlimmeres eingefangen hat als einen verdorbenen Magen. Und auch wenn die alte Dame noch so faszinierende Geschichten über ihren verstorbenen Ehemann, den weißrussischen Musiker und Geigenbauer Artem Shapiro, erzählen kann – Georgie möchte lieber Distanz halten.

Mrs. Shapiro sieht das freilich anders. Sie kommt überraschend ins Krankenhaus und gibt dort Georgie als nächste Angehörige an. Und nun muss die arme Nachbarin nicht nur die sieben Katzen füttern, deren Dreck wegräumen und auf das alte Haus aufpassen, sie muss sich auch noch mit Mrs. Goodknee von der Sozialstation herumärgern, die offiziell „Mrs. Shapiros Wohnsituation prüfen“ will. Doch hat sie auch einen heißen Draht zu einem Immobilienmakler und Interesse daran, Mrs. Shapiro in ein Heim einzuweisen, damit das Haus auf den Markt kommt. Das kann Georgie Sinclair nicht zulassen!

Dabei hat die hilfsbereite Nachbarin doch wahrlich genug am Hals: Georgie, Mitte 40, hat jüngst ihren Ehemann Rip zum Teufel gejagt. Er hatte nur noch Interesse an seiner Arbeit und keine mehr an Frau und Familie. Jetzt ist sie allein erziehende Mutter des 16-jährigen Ben, der seinen Schulwechsel nicht verkraftet und bizarren Endzeit-Szenarien aus dem Internet anhängt. Tochter Stella hadert mit ihrer Berufswahl, die Eltern, einfache alte Leute, werden langsam gebrechlich. Ihr Bruder Keir ist Soldat und im Irak stationiert. Nein, noch mehr Stress und Theater kann Georgie derzeit wirklich nicht gebrauchen!

Ihre Brötchen verdient sie damit, Artikel für das Online-Fachmagazin „Klebstoffe in der modernen Welt“ zu verfassen. Und immer wieder stellt sie fest, dass es im zwischenmenschlichen Bereich ganz ähnlich zugeht wie in der Chemie. So skurril ihre Vergleiche mitunter anmuten mögen, ganz von der Hand zu weisen sind sie nicht. „Und wenn man nur die menschlichen Bindungen richtig hin bekam, vielleicht ergaben sich dann die Details – Gesetze. Grenzen, Verfassung – von ganz allein. Vielleicht ging es einfach darum, den richtigen Klebstoff für diese speziellen Fügeteile zu finden. Erbarmen. Vergabung. Wenn es sie doch aus der Tube gäbe.“ (Seite 392)

Nebenbei schreibt Georgie an einem Liebesroman. Der ist, nach den Kostproben zu urteilen, die der Leser zu sehen bekommt, so grottenschlecht ist, dass es schon wieder lustig ist.

Dank ihrer wohlmeinender Einmischung sind jetzt nicht nur die Immobilienmakler von Hendricks & Wilson hinter Mrs. Shapiros Canaan House her, sondern auch noch die Makler von Wolfe und Diabello. Wenigstens ist Mark Diabello attraktiv. Georgie beginnt zu ihrer eigenen Überraschung eine Affäre mit ihm.

Während die Immobilienmakler Mrs. Shapiro im Krankenhaus mit Angeboten umgarnen, hütet Georgie Canaan House samt Katzen, fragt sich, wer wohl der „Phantomscheißer“ ist, der stets an der selben Stelle im Haus einen Haufen absetzt, kramt schamlos in Naomis Papieren, wundert sich über auffällige Widersprüche – und stellt eines Tages fest, dass der Schlüssel zur Hintertür geklaut wurde.

Mit dem Austauschen des Schlosses beauftragt sie den Handwerker Mustafa al Ali, den sie aus dem Baumarkt kennt, und den sie für einen Pakistaner hält. Seine Reaktion auf die Fotos und religiösen Kultgegenstände in Mrs. Shapiros Haus belehren sie eines Besseren: al Ali ist Palästinenser.

Ob einer der Immobilien-Interessenten Mrs. Shapiro aus dem Haus mobben will? Kaum ist sie wieder zu Hause, gehen die Sabotageakte los – und gipfeln in einem tätlichen Angriff auf die alte Dame, der sie erneut ins Krankenhaus bringt. Auf diese Gelegenheit scheinen die Aasgeier von der Sozialstation nur gewartet zu haben: Man verfrachtet Naomi in ein Altenheim, wo sie weder Besuch empfangen noch telefonieren darf. „Die haben sie heut Morgen weggebracht“, berichtet ihre Mitpatientin Lillian Brown. „Heut Morgen. Die hat sie schön beschimpft. Das hätten Sie mal hören sollen. Und ich hab gedacht, sie wäre eine Dame.“ (Seite 227)

Georgie hat immer noch Hoffnung, dass Mrs, Shapiro in ihr Haus zurückkehren kann und lässt Mr. al Ali die Dachrinne reparieren. Mittlerweile hat er zwei Assistenten, die er nicht umsonst „die Nichtsnutze“ nennt: seinen Neffen Ismael und dessen Kumpel Nabil. Als sich herausstellt, dass die beiden jungen Männer dringend eine Bleibe suchen, quartiert Georgie sie bis zur Rückkehr Mrs. Shapiros als Housesitter und Hausmeister in Canaan-House ein.

Inzwischen kennt die Journalistin den palästinensischen Handwerker al Ali gut genug, um ihm seine traurige Familiengeschichte zu entlocken. So lernt sie, nach Mrs. Shapiros von Holocaust und Zionismus geprägter Weltsicht, auch die palästinensische Seite des Nahostkonflikts kennen.

Überraschend gelingt Naomi Shapiro die Flucht aus dem Altenheim. Und weil die beiden palästinensischen „Nichtsnutze“ so schnell keine andere Unterkunft finden, lässt sie sie im Canaan House wohnen und erklärt sie spontan zu ihren Betreuern. Dann steht auf einmal Chaim Shapiro vor der Tür, Naomis Sohn, der aus Israel eingeflogen ist, um hier mal nach dem Rechten zu sehen. Und nicht nur das! Mit ein paar Sätzen macht er Georgie und den Palästinensern klar, dass das meiste, was die alte Dame ihnen erzählt hat, Bullsh*t war.

Wenn Immobilienmakler Nicky Wolfe wüsste, was Georgie und die Canaan-WG nun wissen, würde er den Plan, Mrs. Shapiro wegen des Hauses zu heiraten, noch einmal überdenken …

Ist mit dem Einzug von Naomis Sohn ins Canaan House nun alles in Butter? Sind die fiesen Sozialheinis in die Schranken gewiesen, die gierigen Immobilienhändler gebändigt? Mitnichten! Die eigenwillige alte Dame hat sich lediglich den Nahostkonflikt im Kleinformat ins Haus geholt. Die Aasgeier draußen intrigieren, während Chaim und die Palästinenser reparieren, renovieren, diskutieren und politisieren: „Das Problem mit euch Arabern ist“, sagte Chaim, „ihr sucht euch immer schlechte Anführer aus.“ – „Weil ihr Juden alle guten in Gefängnis steckt.“ (Seite 439)

Läuft also alles weiter wie bisher? Nicht ganz! Denn nicht nur die alte Dame hat über Jahrzehnte hinweg ein Geheimnis gehütet, sondern auch die alte Villa. Und so erleben Freund und Feind zu guter Letzt noch eine Überraschung. Und die ist ein echter Kracher …

Ein Roman, der zum Wiehern komisch ist, ohne dabei albern zu werden, und der Themen behandelt wie den Holocaust, den Nahostkonflikt, Vertreibung, Alter, Pflegebedürftigkeit, Einsamkeit, Ehekrisen und Teenager-Probleme – wie passt das zusammen? Mit dem richtigen Kleber geht alles! Und auch wenn man manchmal heftig zwischen Komik, Mitgefühl und Entsetzen hin- und hergeschleudert wird, ist Marina Lewyckas Roman DAS LEBEN KLEBEN sehr vergnüglich zu lesen.

Die anarchische und bisweilen schandmäulige Exzentrikerin Naomi, die mit ihren sieben Katzen in einer heruntergekommenen Villa haust, ist auf den ersten Blick eine komische alte Schachtel – und auf den zweiten Blick eine tragische Figur. Doch stellt die Autorin sie nicht in die Opfer-Ecke. Sie lässt sie eigensinnig und unbeugsam für ihre Eigenständigkeit und Unabhängigkeit kämpfen.

Die Nebenfiguren sind nicht weniger schräg und schicksalsgebeutelt. Und sie geben mit ihren politischen Disputen nicht nur einen Einblick in die Hintergründe des Nahostkonflikts, sie entdecken auch, wie – zumindest im Mikrokosmos des Canaan House – das Zusammenleben verschiedener Gruppierungen halbwegs funktionieren kann.

Auch Georgie lernt dazu. Nicht nur über den Nahostkonflikt, der für sie bislang nur eine irrelevante Klopperei irgendwo am Ende der Welt war. Ihr Roman endet im Zuge der Ereignisse anders als geplant. Das Rachekapitel streicht sie. Und auch die Beziehung zum Ex-Gatten in spe überdenkt sie. „Ich merkte, dass sich etwas in mir verschoben hatte – Rache interessierte mich nicht mehr besonders. Ich war bereit, nach vorn zu blicken.“ (Seite 415)

Und so ist der Roman komisch und traurig, skurril und doch glaubhaft, traurig und dennoch hoffnungsvoll, informativ und auf jeden Fall unterhaltsam.

Die Autorin
Marina Lewycka wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als Kind ukrainischer Eltern in einem Flüchtlingslager in Kiel geboren und wuchs in England auf. Sie ist verheiratet, hat eine erwachsene Tochter, lebt in Sheffield und unterrichtet an der Sheffield Hallam University. Ihr erster Roman „Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ wurde zu einer beispiellosen Erfolgsgeschichte, eroberte die internationalen Bestsellerlisten, wurde in 33 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Rezensent: Edith Nebel
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