Wahnsinn im Alltag


Maren Frank: Calla in Landluft, Romantische Liebesgeschichte, e-book
März 24, 2008, 4:41 pm
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Maren Frank: Calla in Landluft, Romantische Liebesgeschichte, e-book, Berlin 2007, http://www.club-der-sinne.de, Art. Nr. 1005, zum Herunterladen als pdf, 37.354 Wörter, 93 Seiten, EUR 3,99 inkl. 7 % USt. inkl. Versandkosten

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„Eine Calla gedeiht nun mal nicht in Landluft“. Die junge Frankfurter Sekretärin kennt sich aus mit dem Aronstab-Gewächs, schließlich war ihre Mutter Floristin – und hat ihre Tochter nach dieser aparten Pflanze benannt.

Als Callas Arbeitgeber seine Firma schließen muss und sie die Kündigung erhält, muss sie die Sache mit der Landluft auf den Prüfstein stellen. Denn als letzten Freundschaftsdienst und als Dank für ihre Loyalität vermittelt ihr ehemaliger Chef ihr einen Posten auf dem Dorf: als Assistentin seiner Schwester, die in Eulenwinkel Bürgermeisterin ist.

Calla, die mehrere Sprachen spricht und auch eine Ausbildung als Fremdsprachenkorrespondentin absolviert hat, ahnt zwar, dass sie mit diesem Job stark unterfordert sein wird, doch als Zwischenstation scheint ihr das Angebot zumindest verlockender als die Arbeitslosigkeit. Also lädt sie ihre Habseligkeiten ins Auto und zieht aufs Land.

Das Dorf ist so übersichtlich wie Callas neues Aufgabengebiet. Aber die Chefin ist nett, und Leonhard Decker, ihr Vermieter, ist beinahe zu gut, um wahr zu sein. Ein sympathischer, attraktiver und bodenständiger Mann mit einem ungewöhnlichen Beruf: Er arbeitet, einer Familientradition folgend, als Geburtshelfer. Er ist, wenn man so will, eine männliche Land-Hebamme. Und, wie Calla zunächst vermutet, schwul. Oder ist er doch hetero und der Freund von Lisa, ihrer reizenden aber etwas dümmlichen Vorgängerin im Sekretariat der Bürgermeisterin? So oder so – er ist ein Landei und auf gar keinen Fall ein Flirtkandidat für Calla. Auch wenn er ein verflixt gut aussehender Kerl ist …

Da ist Robert Bremer schon ein anderes Kaliber, der Bauunternehmer, der nach Eulenwinkel kommt und dort ein Sport- und Freizeitzentrum eröffnen möchte: erfolgreich, weltmännisch, elegant und gepflegt – und spontan angetan von Calla.

Doch ein Picknick am See, bei dem Leo Decker dem jungen Max mutig das Leben rettet, beeindruckt Calla sehr und lässt sie die ihren Vermieter mit ganz anderen Augen sehen. Dass Leo nicht schwul ist, weiß sie inzwischen. Er wäre schon ein toller Mann – wenn er nur nicht immer vom Leben auf dem Lande mit Frau und Kindern schwärmen würde! Für Landluft, Dorfklatsch und Kindergeschrei kann Calla sich nun gar nicht erwärmen. Sie möchte in der Großstadt leben und beruflich vorwärts kommen. Eine Beziehung mit Leo hätte keine Zukunft.

Da kommt ihr das Interesse, das Robert Bremer für sie zeigt, sehr gelegen. Er führt sie groß aus und bietet ihr einen Posten als Managerin des neuen Freizeitzentrums an. Calla schwebt wie auf Wolken und sieht im Geiste schon das ganze Dorf in ungeahntem Wohlstand erblühen. Die archäologischen Ausgrabungen, die gerade im Garten der Heilerin Wanda stattfinden, könnten eine zusätzliche Touristenattraktion werden. Knochen eines Echten Mastodonten – eines Verwandten unserer heutigen Elefanten – haben Max und sein Hund dort gefunden.

Doch ganz ungetrübt ist ihr Glücksgefühl nicht. Leo ist alles andere als begeistert von Callas Geschäftsbeziehung mit Robert Bremer. Und Calla fragt sich, ob sie es beim geschäftlichen Kontakt mit Bremer belassen oder auf seine Avancen eingehen soll.

In der Stadt war Calla solo, jetzt auf dem Land hat sie auf einmal die Qual der Wahl zwischen zwei Männern. Robert oder Leo? Sie verabredet sich abwechselnd mit beiden.

Als Leo mit brisanten Hintergrundinformationen über das Projekt „Freizeitzentrum“ zu ihr kommt, hält Calla das für einen Akt der Eifersucht. Sie will nicht wahr haben, was sie da hört. Doch die Anschuldigungen, die Leo gegen Robert Bremers Unternehmen erhebt, lassen ihr keine Ruhe.

Stimmt es, was er behauptet oder hat er nur etwas missverstanden? Platzen nun die Pläne vom Sport- und Freizeitzentrum? Ist ihr Traum von der Managerinnen-Karriere ausgeträumt?

Calla beschließt, Leos Vorwürfen auf den Grund zu gehen. Klammheimlich stellt sie auf eigene Faust Nachforschungen an – und unterschätzt die Gefährlichkeit ihrer Gegner …

Ein moderner Liebesroman

Romantik, Spannung, Erotik und Humor – das alles findet sich in diesem Roman. Das beschauliche Dorf Eulenwinkel ist von skurrilen Gestalten bevölkert. Da ist die zickige Künstlerin … die männliche Dorfschlampe, der „Bezirksbefruchter“ … der Sargtischler, der von verlässlichen Vorahnungen gequält wird, die jedermann als gegeben hinnimmt … die esoterisch angehauchte kräuterkundige Heilerin im Späthippie-Look, die den Vater ihres Kindes verschweigt – oder selbst nicht so genau weiß, wer es war. Die Archäologen, die am Ort nach den Mastodonten-Knochen graben, sind ebenso gelehrt wie weltfremd. Ausgerechnet die etwas unterbelichtete Ex-Bürgermeistersekretärin Lisa kann zum Thema „alte Knochen“ mit einem Informationsvorsprung glänzen – ein herrlicher Einfall!

Im Grunde gehört auch Leo, die männliche Land-Hebamme, in dieses liebenswerte Kuriositäten-Kabinett. Und genau damit wird das gängige Liebesroman-Klischee gegen den Strich gebürstet: Hier ist es der Mann, der vom häuslichen Glück träumt, während die Heldin nach Erfolg und beruflicher Selbstverwirklichung strebt und sich emotional nicht binden möchte. Ein Konflikt, der sich auch im Laufe der Handlung nicht spontan in Wohlgefallen auflöst.

Ob sich die Finsterlinge im richtigen Leben nicht doch noch mit juristischen Winkelzügen aus der Affäre gezogen hätten? Als Laie weiß man’s nicht, und es ist auch nicht von zentraler Bedeutung. „Calla in Landluft“ ist eine moderne, romantische Liebesgeschichte und erfüllt diesbezüglich alle Anforderungen.

E-book: Romantik im Schnellhefter

Der Roman ist als e-book erschienen. Das heißt, man kann sich gegen Registrierung und Bezahlung die Geschichte als pdf-Datei auf den eigenen Rechner laden, und, wenn gewünscht, ausdrucken. Der Vorteil: Es gibt keine Lieferzeiten und keine zusätzlichen Versandkosten.

Die optimale physische Darreichungsform eines e-Books muss man sich als Leser erst erarbeiten, wenn man mit dieser Publikationsform noch nicht vertraut ist. Das Abheften in einen schmalen Aktenorder erwies sich zwar als praktisch beim Blättern – aber als zu sperrig beim Lesen unterwegs. Ein Schnellhefter ist vermutlich die bessere Lösung.

Wer auf der Verlagsseite ohne Umwege zu „Calla in Landluft“ gelangen möchte: Hier ist der Direktlink:
http://www.club-der-sinne.de/product_info.php/info/p7_Calla-in-Landluft–Maren-Frank.html

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Die Post-Filiale stirbt aus
März 17, 2008, 5:04 pm
Filed under: Wahnsinn im Alltag

In der Zeitung habe ich gelesen, dass die Post jetzt noch mehr klassische Filialen in Agenturen umwandeln will. Für die Post ist das sicher prima: Sie macht ihre eigenen Niederlassungen dicht und vergibt das Geschäft mit den lästigen Privatkunden an die örtlichen Krämerläden.

Indem die Post das Problem der postalischen Grundversorgung an lokale Kleinunternehmen delegiert, spart sie Personal und Kosten. (Und kann mit dem Geld dann unter anderem verlustreich in Amerika herumspielen …)

Auch wenn ich auf die mir bekannten Post-Agenturen nichts kommen lasse – die Leute sind durchweg kompetent und freundlich, flink und überaus hilfsbereit – bin ich mir nicht sicher, ob das mit den Agenturen immer die kundenfreundlichste Lösung ist.

Ist die Grundversorgung denn auch noch gewährleistet, wenn Urlaubszeit ist oder wenn eine Agenturkraft länger ausfällt? Da muss eine kleine Agentur notgedrungen ihre Öffnungszeiten drastisch reduzieren. Nachmittags oder tageweise ist der Laden dann zu.

Für mich als nicht am Wohnort arbeitenden Postfachinhaber bedeutet das: Ich habe immer wieder über einen längeren Zeitraum hinweg nur ein- oder zweimal die Woche Zugriff auf meine Post.

Bei einer klassischen Post-Filiale ist das anders: Da befinden sich die Postfächer in einem Vorraum, zu dem der Postfachinhaber einen Schlüssel hat. Somit ist er unabhängig von den Öffnungszeiten und kann seine Briefe holen, wann es seine Zeit erlaubt. In den Agenturen sind die Postfächer mitten im Laden. Ist der Laden geschlossen, gibt’s halt nix. Das mag in den meisten Fällen nur eine ärgerliche Unbequemlichkeit sein. Wenn es um Termin-Angelegenheiten geht, kann das aber auch unangenehm werden.

Wenn ich das Postfach nicht aus beruflichen Gründen brauchen würde, würde ich es glatt kündigen und mir die Post nach Hause liefern lassen. Diesen Service gibt es ja. Noch …



Elke Schleich, Holger Dittmann (Hrsg.): YEAHSTERDAY
März 17, 2008, 8:55 am
Filed under: Bücher

Elke Schleich, Holger Dittmann (Hrsg.): YEAHSTERDAY – Stories in The Sky With Diamonds. Oschersleben 2007, Lerato-Verlag, ISBN 978-3-938882-66-5, 121 Seiten, 14,8 x 21 x 0,8 cm, EUR 9,95

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„Was bedeutet Dir die Musik der Fab Four? Welche Erlebnisse, Geschichten, Träume knüpfen sich daran?“ lautete die Kernfrage der Ausschreibung für diese Anthologie. 31 Autorinnen und Autoren schildern nun in diesem Band ihre Erinnerungen, Assoziationen, Erfahrungen und Geschichten rund um die vier Pilzköpfe aus Liverpool.

Wenn man die Frage so formuliert, ist es nur folgerichtig, dass der Löwenanteil der Beiträge autobiographische Züge trägt. Ob nun wirklich alles, was persönlich und biographisch klingt, selbst erlebt oder nur gut erfunden ist, sei dahingestellt. Interessant und unterhaltsam ist es auf jeden Fall.

Beatlemania in Ost und West

Für einen „Wessi“ ist es natürlich besonders spannend und aufschlussreich zu sehen, wie die Altersgenossen damals in der DDR das Phänomen „The Beatles“ erlebt und empfunden haben. In Holger Dittmanns Story YEAH, YEAH, YEAH! zum Beispiel haben der Ich-Erzähler und sein Kumpel ihr “Erweckungs-Erlebnis” durch eine brandneuen Beatles-Single, die ein Onkel mitgebracht hat. Wie sähe wohl die Welt aus, wenn sich die Mächtigen der Welt damals die Botschaft der Beatles-Songs zu Eigen gemacht hätten: Liebe, Frieden, Versöhnung? – Auf die BEATLEMANIA IN DRESDEN blickt Andrea Noack zurück. Bettina Buske erinnert sich in WAS BLEIBT nicht nur an einen Freund aus der Schulzeit, sondern auch an den Tag, an dem das Gerücht ging, die Stones würden auf dem Dach des Springer-Hochhauses spielen.

Auch wer wissen will, wie die „Wessis“ die Zeit erlebt haben, findet hier reichlich Material. Ansgar Bellersen beispielsweise beschreibt in HI-HI-HILFE! (s)eine persönliche Begegnung mit den vier berühmten Musikern in einem Tonstudio in Soho. – CAN’T BUY ME LOVE findet Bernd Rümmelein. Liebe kann man nicht kaufen – und seine Liebe konnten die Beatles nie erringen. Er fand den Kult, der um sie gemacht wurde, von je her unverständlich. – Der Musiker Amadeo Mena Vicente ruft FINGER WEG!, denn er betrachtet seit früher Kindheit die Beatles ganz allein als seine Band, die seinen Werdegang maßgeblich beeinflusst haben. Und Arno Endler blamiert sich musikalisch IM ZIMMER MEINER EX-FREUNDIN. – In Ednor Miers Story DAS IST MUSIK! erinnert sich die Großmutter daran, wie schrecklich ihre Pflegeeltern immer die Musik der Beatles fanden, die sie als Teenie so gerne hörte. Und was hält die Ich-Erzählerin heute von der Musik, die ihre Enkel hören …?

Wie sich das Phänomen „The Beatles“ auf eine Kleinstadt im Mittleren Westen der USA ausgewirkt hat, schildert Susan Szabo in ALS DIE BEATLES NACH TOMAH KAMEN.

Auch die Nachgeborenen kommen zu Wort, die mit der Musik der vier Pilzköpfe erst in Berührung kamen, als es die Band schon nicht mehr gab. Sandra Zydeks Erstkontakt erfolgte durch die Kindersendung „Sesamstraße“ mit „der besten deutschen Fassung aller Zeiten“: IN DEM GRÜN-GELBEN U-BOOT LEBEN WIR. – Nils Dibbern sagt DANKE, MAMA!, denn sie war es, die ihn mit der Musik der Beatles bekannt gemacht hat.

Klassische Kurzgeschichten

Zu den klassischen Kurzgeschichten, in denen die Musik der Beatles eine tragende Rolle spielt, gehört z.B. Janna Ramms Story LEAVING HOME, in der sich die vernachlässigte Ina von einem Beatles-Song zum Ausreißen inspirieren lässt. Oder auch KOMM, GIB MIR DEINE HAND von Elke Schleich: Der 14-jährige Beatles-Fan Werner verliebt sich in seine Klassenkameradin. Aber erwidert sie auch seine Gefühle? – In Karen Grols Story DER TAG DES KLATSCHMOHNS macht sich ein Journalist auf den Weg nach Liverpool, um seinen ehemaligen Schulkameraden Paul McCartney zu interviewen. – DAS PILZKOPF-ORAKEL pflegte die Großmutter in der berührenden Geschichte von Anja Labussek zu befragen. Sie traf wichtige Entscheidungen stets anhand von willkürlich ausgewählten Textstellen aus Beatles-Songs und drängt eines Tages ihre Enkelin, dasselbe zu tun … Ebenfalls sehr zu Herzen geht YESTERDAY von Elke Schleich. Die Lieder der Beatles begleiten die Liebesgeschichte von Anne und ihrem Mann. Das Stück Yesterday spielt die Musik auch heute für sie – zum allerletzten Mal …

Schräg, skurril und abgefahren

Skurril ist Florian Hellers Beitrag YESTERDAY (GILMOUR, WATERS, MASON, WRIGHT) in dem sich zwei absolute Nullpeiler über Musik und Weltgeschehen austauschen. – In Jürgen Miedls Text WALRUS MEETS HONEY PIE entspinnt sich ein höchst merkwürdiger Dialog, als sich das Walross und Honey Pie zufällig in einer Bar wiedertreffen. Mit einem erhöhten Ohrwurm-Aufkommen ist nach Lektüre dieser Geschichte zu rechnen. – Ausgesprochen schräg ist das Telefonat, das das Ehepaar in der Story MAXWELL UND JOAN von Desmond Jones führt. Und einfach hinreißend bescheuert ist der köstliche Beitrag … BUT IST ALL WORKS OUT! von Plunki Stanorkel: Der Held hat eine eigene Sprache entwickelt. Ein Fall für Doctor Robert?

Es gibt noch weitere Beiträge leicht skurriler Natur. Nicht alle Texte dieser Kategorie funktionieren gleich gut. Oder vielleicht funktionieren manche nur bei wirklichen Beatles-Kennern, die bei Erwähnung jedes Titels spontan die richtige Melodie, den Text und die entsprechende Stimmung abrufen können. Der Durchschnitts-Zeitgenosse mag damit vereinzelt zu stark gefordert sein.

Poetisch

Poetisch nähert sich Peter Ettl der Beatles-Ära mit NORWEGIAN WOOD. Und Manfred Pricha widmet sein Gedicht EINIGES VOR 69 dem „Spiel mit Nadel und Rille“.

Sachlich

Auf der Sachebene betrachtet Jenny Stegt den Beatles-Mythos mit ihren beiden Beiträgen, die den Auftakt und den Abschluss der Anthologie bilden: ZUTATEN FÜR EINE ERFOLGREICHE BOYGROUP IN DEN SECHZIGERN und BEATLES ODER PIZZA.

Eine Zeitreise in die 60-er Jahre

Ob journalistisch oder poetisch, klassisch, skurril oder autobiographisch: die Beiträge in dem Buch nehmen den Leser mit auf eine Zeitreise in die 60-er Jahre. Unwillkürlich beginnt man, über die eigenen Erlebnisse, Erfahrungen und Erinnerungen nachzudenken – und ertappt sich auch Wochen nach der Lektüre noch dabei, Fragmente von Beatles-Songs zu pfeifen und zu trällern.

In dieser abwechslungsreichen Sammlung wird jeder seine Favoriten finden. Dafür haben die 31 „Paperback Writer“, die Autoren der 35 höchst unterschiedlichen Textbeiträge, gesorgt. Man wird sich nicht mit allen Texten identifizieren können. Das ist bei dieser Vielfalt an Betrachtungs- und Herangehensweisen an das Thema auch nicht zu erwarten. Doch gerade diese Vielseitigkeit macht den Reiz der Geschichtensammlung aus.

Jeder Autor nimmt den Leser mit auf seine ganz eigene – und manchmal überaus persönliche – Zeitreise ins Yesterday. Also: Wenn Sie mitkommen wollen auf eine Magical Mystery Tour – hier ist Ihr Ticket to Ride!



Manfred J. Schmitz: WechselJagd – Kriminalroman
März 3, 2008, 9:33 am
Filed under: Bücher

Manfred J. Schmitz: WechselJagd – Kriminalroman, Münster 2008, Verlagshaus Monsenstein & Vannerdat OHG, ISBN 978-3-86582-559-9, Taschenbuch, 315 Seiten, 12,2 x 19 x 2 cm, EUR 17,50.

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Als die Putzfrau Athina Kassotaki an ihrem Stuttgarter Arbeitsplatz, der Villa Wolff, erscheint, deutet noch nichts darauf hin, dass an diesem Morgen der Schock ihres Lebens auf sie wartet: Im Schlafzimmer ihres Arbeitsgebers, des Industrie-Managers Josef Maria Wolff, liegt eine nackte männliche Leiche in einer Blutlache.

Der Tote ist Fritz Eggert, ein Jagdbruder des Hausherrn, der am Vorabend in der Villa Gast bei einer feucht-fröhlichen Feier war.

Die junge Griechin fällt vor Schreck in Ohnmacht. Und als sie kurze Zeit später vom Hausmeister gefunden wird, ist das Schlafzimmer blitzblank und die Leiche verschwunden. Athina zweifelt an ihrem Verstand.

Dass sie sich das makabere Szenario nicht nur eingebildet hat, bestätigt kurz darauf die Spurensicherung der Polizei. Im Schlafzimmer hat ein Toter gelegen – und der Hausherr ist verschwunden.

Gleich zwei ermittelnde Instanzen treffen in der Villa Wolff aufeinander: Die Stuttgarter Kriminalpolizei und der Privatdetektiv Tom Keller, der im Auftrag von Wolffs Frau Edita herausfinden soll, warum ihr Mann vor einem halben Jahr seinen Posten als Vorstandsvorsitzender zur Verfügung stellen musste. Wirklich „nur“ wegen des Korruptionsskandals, für den er verantwortlich gemacht wurde?

Edita Wolf, eine ehemalige Journalistin, hat Zweifel an der offiziellen Lesart. Warum hat ihr Mann, ein ausgesprochener Machtmensch, sich nie zu den Korruptionsvorwürfen geäußert? Dass er einfach kommentarlos in den Vorruhestand gegangen ist, ist vollkommen untypisch für ihn. Auch sonst hat er sich in jüngster Zeit stark verändert. Er sei wesensfremd geworden, sagt sie.

Edita Wolff vermutet, dass ihr Mann erpresst und zum Rücktritt gezwungen wurde. Auch, wenn ihre Ehe am Ende ist, will sie Klarheit darüber haben, was wirklich vorgefallen ist.

Durch einen Zeugenhinweis wird Fritz Eggerts Leiche gefunden, ausgerechnet in Wolffs Jagdhütte in Lichtenwald. Während die Polizei ermittelt, wer den Toten dort hin gebracht haben kann und wie es möglich ist, dass Josef Maria Wolff seelenruhig in seiner Stuttgarter Stadtwohnung sitzt und von den dramatischen Ereignissen nichts mitbekommen hat, zapft Detektiv Tom Keller seine Kontakte zur Geschäfts- und Halbwelt an. Dort erfährt er allerhand Unerfreuliches über den Mann seiner Klientin.

Dass Wolff ein Manager alter Schule war, der seine Mitmenschen nicht mit Glacéhandschuhen anfasst, war bekannt. Dass seine Geschäfte nicht immer ganz sauber waren, wusste man spätestens seit dem Korruptionsskandal. Auch dass er ein Frauenheld war, ist nicht neu. Doch dass er Kontakte zum Milieu und eine Vorliebe für minderjährige Mädchen hatte, kommt überraschend. Selbst seine Frau wusste davon nichts.

Mitten in die Ermittlungen hinein platzt die Nachricht vom gewaltsamen Tod eines weiteren Jagdbruders.

Warum werden die Jäger auf einmal zu Gejagten? Zumindest die Theorie, dass Fritz Eggert sterben musste, weil ihn jemand für Josef Maria Wolff gehalten hatte, ist nun hinfällig.

Wurden den Jagdfreunden krumme Geschäfte zum Verhängnis? Oder ihre Kontakte zur Halbwelt? Haben sie vielleicht eine Tochter zuviel missbraucht? Gehen überhaupt beide Morde auf das Konto ein und desselben Täters oder gibt es zwei Mörder mit ganz unterschiedlichen Motiven?

Sagt Edita Wolff wirklich alles, was sie weiß? Und hat Privatdetektiv Tom Keller eigentlich noch die nötige Distanz zu dem Fall oder hat er schon etwas zu tief in Frau Wolffs karibikblaue Augen geschaut?

Da geschieht ein dritter Mord …

Wer jagt die Jäger?

Erst jagen die einen, dann jagen die anderen – das ist, grob vereinfacht, das Wesen der Wechseljagd. In Manfred J. Schmitz’ Kriminalroman wird auf einmal die Jagdsaison auf eine Gruppe von Jägern eröffnet. Eine Wechseljagd der besonderen Art. Mögliche Täter und Tatmotive gibt es viele, denn die Jagdbrüder haben es zu Lebzeiten verstanden, sich privat und beruflich eine ganze Menge Feinde zu machen.

Dies ist definitiv kein Kriminalroman, bei dem man schon auf Seite 10 weiß, wie der Hase läuft. Von Anfang bis Ende kombiniert, spekuliert und rätselt der Leser mit den Ermittlern mit. Und immer, wenn man denkt, ‚jawohl, so muss es gewesen sein’, schlägt die Handlung einen neuen Haken. So bleibt es spannend bis zum Schluss.

Lokalkolorit: Die Leiche vor der eigenen Haustür

Es liegt in der Natur der Sache, dass jeder Roman einen Ort der Handlung hat. Weil der Autor in Esslingen am Neckar lebt und sich in der Region auskennt, spielt der Roman in Stuttgart, Esslingen und Umgebung. Er hat sich so entschieden. Die sorgfältig recherchierte Geschichte würde auch funktionieren, wenn sie anderswo angesiedelt wäre, denn die Themen, die Charaktere und ihre Beweggründe sind universell und nicht an eine bestimmte Region gebunden.

Ein klassischer Regionalkrimi, der stark auf Land und Leute setzt, ist WechselJagd also nicht. Auch wenn er im Schwäbischen spielt, kommt der Roman ganz ohne Kehrwoche, Dialekt und Viertelesschlotzer aus.

Und doch ist die Lektüre für jemanden, der, wie die Rezensentin, just in dieser Gegend lebt, ein ganz besonderes Vergnügen. Es lässt die Handlung in manchmal geradezu erschreckendem Maße real wirken, wenn man die Orte der Handlung beim Lesen plastisch vor Augen hat. Und so will man das ja bei einem Krimi.

Es hat schon eine eigenartige Faszination, wenn der eigene Wohnort zum Schauplatz wird, der Detektiv am Haus des Lesers vorbeifährt und man überlegt, ob man vielleicht die redselige Nachbarin, mit der er sich bei seinen Recherchen auseinandersetzen muss, persönlich kennt.

Zwei der literarischen Figuren sollen ja reale Vorbilder haben …

Der Autor

Manfred J. Schmitz, Jahrgang 1942, geboren in Hattingen/Ruhr, lebt in Esslingen am Neckar. Nach dem Studium der Anglistik und Politischen Wissenschaften in Freiburg und London hat er als Rundfunkjournalist und Hörfunk-Autor in Saarbrücken (SR), London (BBC) und Stuttgart (SDR/SWR) gearbeitet. Er hat Drehbücher und Features geschrieben, Manuskripte für Schulfunk-, Schulfernseh- und Wissenschaftssendungen. 1993 erhielt er den Journalistenpreis des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Sozialordnung Baden-Württemberg für das Hörfunk-Feature „Das Bundesmodell Entgiftung von Drogensüchtigen im Nordschwarzwald“. Nach der Fusion von SDR und SWR (1998) arbeitete Manfred J. Schmitz als SWR4 Event Manager. 2004 verließ er den SWR und arbeitet seit dem als Autor.