Wahnsinn im Alltag


Jutta Profijt: Schmutzengel – Roman

Jutta Profijt: Schmutzengel, München 2010, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN 978-3-423-21206-9, 285 Seiten, Softcover, Format: 12 x 19 x 2,5 cm, EUR 8,95 (D), EUR 9,20 (A)

„Erst in diesem Moment realisierte ich das ganze Ausmaß meines Problems. Meines katastrophal grandiosen Problems. Eine Leiche im Haus eines Kunden, in dem ich gestern aus lauter Doofheit vergessen hatte, die Tür zu schließen. Eine Leiche! (Seite 105/106)

Von einem Tag auf den anderen gerät das Leben der Werbekauffrau Corinna Leyendecker, 31, total aus den Fugen. Aus heiterem Himmel wird sie von ihrem Agenturchef betriebsbedingt entlassen und sofort freigestellt.

Wenn es im Vorfeld Warnzeichen gegeben hat, so hat sie sie nicht erkannt. So muss es auch in ihrer Beziehung gelaufen sein, denn als sie nach der Kündigung überraschend früh nach Hause kommt, erwischt sie dort ihren Lebensgefährten Greg mit seiner Kollegin im Bett. Der faselt was von „Liebe auf den ersten Blick“ und will, dass Corinna sofort auszieht. Doch so schnell geht das nicht, und so haust sie vorübergehend im ehemals gemeinsamen Arbeitszimmer, während Greg mit der Neuen die restliche Wohnung bewohnt.

Um aus dieser blöden Situation herauszukommen und sich eine eigene Wohnung leisten zu können, braucht Corinna wieder einen Job. Wer in der Werbebranche arbeitet, weiß, was jetzt kommt:
„Sie sind ja schon über dreißig!“
„Ja.“
„Das ist in der Werbung natürlich ein Problem.“
(Seite 24)

Mitten in einem Vorstellungsgespräch, das der potenzielle Vorgesetzte für ein ausgiebiges Telefonat zur Regelung seines Privatkrams unterbricht, hat Corinna einen Geistesblitz: Warum nicht auf die Werbebranche pfeifen und aus ihrem Organisationstalent anderweitig Kapital schlagen – mit einem Wohnungs-Rundumbetreuungsservice? Haben nicht schon ihre Agentur-Kolleginnen immer gespottet, Greg genieße bei ihr „betreutes Wohnen“?

Ihrer punkigen Freundin und Ex-Kollegin, der Texterin Tabea „Troll“ Trollinger, muss sie ihre Geschäftsidee erst erklären: „Ich will Menschen, die keine Zeit haben, sich um ihren Haushalt zu kümmern, genau das abnehmen. Das Kümmern.“ (Seite 48) Tabea bleibt skeptisch, bietet aber an, die Werbemaßnahmen für Corinnas Startup-Unternehmen zu konzipieren. Sie ist es auch, die auf den Firmennamen „Schmutzengel“ kommt.

Wenn Corinna Rat und Hilfe braucht, geht sie nicht zu ihren Eltern, sondern zu ihrer patenten und jung gebliebenen Oma. Die hat auch gleich die perfekte Mitarbeitern für die Schmutzengel parat: Lisbeth Baues, 57, eine erfahrene Hauswirtschafterin, die derzeit ihr Leben privat und beruflich neu ordnet.

Die Schmutzengel legen los und erweisen sich bald als Erfolgskonzept. Die Idee ist gut, der Markt ist da – und Tabeas originelle Werbekampagne haut voll rein. Wie sie ein Speeddating zur Promotion-Veranstaltung umfunktioniert, das ist ebenso saukomisch wie wirkungsvoll.

Die Erfolgsgeschichte mutiert jedoch zum Horrortrip, als Corinna, gesundheitlich schwer angeschlagen, eines Abends vergisst, bei Rüdiger Lauenstein die Tür zum Kühlhaus zu schließen. Am nächsten Tag fährt sie hin um das Versäumte nachzuholen. Es soll sich ja kein Unbefugter Zugang verschaffen können. Doch als sie bei Lauenstein ankommt, ist genau das bereits geschehen: Im Kühlhaus liegt die Leiche eines Obdachlosen! Wie soll sie das nur ihrem Auftraggeber erklären, ohne dass der gute Ruf der Schmutzengel zum Teufel geht? Am besten gar nicht. Die Leiche muss weg!

Corinna lädt den Toten in den Kofferraum ihres Autos und macht sich vom Acker. Doch den Mann loszuwerden erweist sich ausgesprochen schwierig. Die Jungunternehmerin hat so viel um die Ohren, dass sie einfach nicht die Zeit findet, sich um die Leichenentsorgung zu kümmern. Und so kutschiert sie den Verstorbenen mit von Termin zu Termin – und ist heilfroh, dass die Temperaturen derzeit im Minusbereich liegen und die Leiche nicht zu riechen anfängt.

Es ist aber auch wie verhext! Einer ihrer Akquisetermine beschert ihr die kostenlose Teilnahme an einem Business-Stilseminar, bei dem’s ungefähr so herb zur Sache geht wie bei der Fernsehshow „Germany’s Next Topmodel“. Tabea schleppt Corinna zu einer Werbeveranstaltung, das Fernsehen steht auf der Matte und will einen Beitrag über die Schmutzengel drehen, die Familie rückt unangemeldet an – und zu niemandem kann man sagen: „Hör mal, ich habe gerade keine Zeit, ich muss dringend eine Leiche loswerden.“ Und dann wird auch noch das Auto abgeschleppt! Wenn Corinna nicht so erkältet und fiebergeschwächt wäre, würde sie vielleicht zur rechten Zeit eine glaubhafte Ausrede finden. Aber so kann sie kaum klar denken und lässt sich willenlos durch die Ereignisse treiben.

Als sie schon nicht mehr damit rechnet, ergibt sich eine Lösung für ihr Leichenproblem. Doch jetzt fängt das Chaos erst richtig zu toben an. Wie hätte Corinna auch ahnen können, dass es jemanden gibt, der den Toten unbedingt haben will? Jetzt ist er fort. Seine Wiederbeschaffung erweist sich als mindestens so aufwändig wie seine Entsorgung. Gibt es einen Ausweg aus dieser Situation? Wird Corinnas Leben jemals wieder in normalen Bahnen verlaufen?

Die Geschichte ist hochgradig gaga – und ausgesprochen amüsant, nicht nur für Leute aus der Werbebranche. Für die ist noch der eine oder andere Extra-Lacher drin, wenn sie branchentypische Marotten wiedererkennen – und vielleicht sogar einen Kollegen …

Zum Kichern ist, wie die rüpelhafte Tabea das Speeddating aufmischt … wie dieser theatralische Wurzelzwerg von Stilberater die Teilnehmerinnen mit seinem taktlosen Geschwätz fix und fertig macht … wie hyperaktive Fernsehteams in die bodenständige Welt der Schmutzengel einbrechen … und wie Lisbeth mit einem Universitätsprofessor über das Saubermachen philosophiert. Hier muss ich wieder meine übliche Warnung aussprechen: Dieses Buch bitte nicht in der Öffentlichkeit lesen! Oder die Reaktionen der Umwelt hinnehmen. Denn es kann durchaus sein, dass man bei der einen oder anderen Szene breit grinsen oder gar laut loslachen muss.

So abgedreht und unwahrscheinlich die Geschichte auch ist, sie vermittelt doch eine Botschaft: „Mädels, verliert eure Wünsche und Träume nicht aus den Augen! Und lasst sie euch nicht von Dummschwätzern ausreden, die sich auf eure Kosten ein bequemes Leben machen wollen!“ Lisbeth hat rund 30 Jahre gebraucht, um sich privat und beruflich aus solchen parasitären Beziehungen zu befreien. Corinna lernt ihre Lektion zum Glück schon früher. Aus dem ausgenutzten Hascherl wird peu a peu eine selbstbewusste Geschäftsfrau. Oma hat schon Recht, wenn sie schließlich feststellt: „Du siehst plötzlich so … erwachsen aus.“ (Seite 276) Und das liegt nicht nur daran, dass Corinna ein paar Ratschläge des durchgeknallten Stilberaters umgesetzt hat. Da hat ein Reifeprozess stattgefunden.

Leserinnen mit einer Affinität zu Zahlen werden sich fragen, wie denn eine 57-jährige Oma eine 31-jähige Enkelin haben kann. Und einen Enkel, der zwischen 40 und 50 ist. (Erwähnt wird nur, dass Corinnas Bruder um so vieles älter ist als sie, dass er ihr Onkel sein könnte.) Corinnas Mutter wäre laut Buch 40. Das kann auch nicht sein. Entweder hat sich die Autorin verrechnet oder das Lektorat hat am Alter der Figuren so lange herumkorrigiert, bis gar nichts mehr zusammenpasste. Das ist für die Geschichte nicht weiter wichtig, aber Zahlenmenschen stören solche Ungereimtheiten.

Doch davon abgesehen: Die Geschäftsidee der Schmutzengel ist genial! Wenn sie nicht nur für Männer arbeiten würden – Frauen sind ihnen in Haushaltsdingen zu kritisch – würde ich sie sofort engagieren. Bei uns auf dem Grundstück liegen auch garantiert keine Leichen herum. Höchstens mal eine tote Maus …

Die Autorin:
Jutta Profijt wurde 1967 in Ratingen geboren. Nach dem Abitur ging sie ins Ausland, arbeitete als Exportmanagerin im Anlagenbau und war jahrelang selbstständige Unternehmerin. 2003 veröffentlichte sie ihren ersten Kriminalroman. Heute lebt sie als freie Autorin in der niederrheinischen Provinz.

Kater lieben Manuskripte.

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
http:// edithnebel.wordpress.com



Gina Mayer: Das Lied meiner Schwester – Roman

Gina Mayer: Das Lied meiner Schwester – Roman, Berlin 2010, Aufbau-Verlag (Rütten und Loening), ISBN 978-3-352-00786-6, Hardcover mit Schutzumschlag, 544 Seiten, Format: 14 x 22 x 4,5 cm, EUR 19,95 (D), EUR 20,60 (A)

„Sie wusste nichts über ihre Mutter. Ihre Zieheltern hatten ihr erzählt, dass sie Sängerin gewesen sei und bei einem Fliegerangriff ums Leben gekommen wäre. Das entsprach nicht der Wahrheit.“ (Seite 525)

Düsseldorf 1964: Die Musikstudentin Friederike fällt aus allen Wolken, als ihre Tante ihr zum 21. Geburtstag ein Bündel Briefe überreicht, die ihre Mutter an sie, das damals noch ungeborene Kind, geschrieben hat. Im Gefängnis, die eigene Hinrichtung vor Augen.

Davon hat Friederike nichts gewusst. Stimmt es denn wenigstens, dass ihr Vater vor Stalingrad gefallen ist? Nein, auch das war ganz anders. Friederike liest die Briefe, und ihre Tante beginnt endlich zu erzählen. Nach und nach erfährt die Studentin die schreckliche Wahrheit.

Alles beginnt Mitte der 20-er Jahre: Nach dem Tod der Eltern nimmt die Krankenschwester Anna Mandel ihre 17-jährige Schwester Orlanda bei sich auf. Fortan leben die beiden zusammen in einer kleinen Wohnung in Düsseldorf. Besonders nahe stehen sie sich nicht, dafür sind sie zu verschieden.

Anna, äußerlich unscheinbar und schnörkellos vernünftig, musste sich schon als Kind um den Haushalt, die kranke Mutter und die jüngere Schwester kümmern. Ihr Vater, der Anna die schwere Verantwortung aufgebürdet hat, verachtet sie wegen ihrer nüchternen Art. Sein Liebling ist die schöne, flatterhafte Tochter Orlanda, die musikalisch ist wie er.

Anna wurde, wie gesagt, Krankenschwester, die kapriziöse Orlanda studierte Gesang und hat nun ein Engagement als Chorsängerin am Düsseldorfer Operettenhaus.

Im Juni 1929 nimmt das Unheil seinen Lauf: Durch ihre Freundin Fritzi Albrecht lernt Orlanda zwei befreundete Musiker kennen: den Operntenor Clemens Haupt und seinen Kumpel, den Jazzgeiger Leopold Ulrich. Orlanda fühlt sich zu beiden hingezogen und wird sich auch in den kommenden Jahren nicht zwischen Clemens und Leopold entscheiden können. Ist sie mit dem einen zusammen, sehnt sie sich nach dem anderen – es wird ein permanentes Hin und Her. Orlanda beginnt eine Beziehung mit Geiger Leopold. Sänger Clemens, der sich ebenfalls in sie verliebt hatte, tröstet sich vorübergehend mit ihrer Freundin Fritzi.

Nachdem Orlanda ihre Stelle im Operettenchor verliert, landet sie als Sängerin beim Rosenland–Swingorchester, einer Jazzband. Nach anfänglichen Umstellungsschwierigkeiten wird ihr klar: nie wieder Operette! Jazz ist genau ihr Ding. Doch schon an Weihnachten 1929 ist es damit wieder vorbei: Dass ihre Musikerkollegen Juden sind, bringt die „Völkischen“ auf den Plan. Nach einem Auftritt der Band kommt es zu einer brutalen Prügelei. Dem Gitarristen wird die Hand zertrümmert. Das Rosenland-Orchester gibt es nicht mehr. Auch die nächste Band, mit der Orlanda auftritt, bekommt bald Probleme wegen ihres englischsprachigen Repertoires und der jüdischen Musikerinnen und löst sich auf.

Inzwischen haben wir 1938. Anna ist mit Johannes Bredelin, dem Organisten der Friedenskirche, verheiratet, Orlanda mit Leopold. Seit Jazz als „entartete Kunst“ gilt, steht Orlanda nicht mehr auf der Bühne sondern hinter der Theke eines Gemischtwarenladens. Während Clemens zum Weltstar aufsteigt, weil er sich mit den Nazis arrangiert, ist Leopold wegen seiner kritischen Äußerungen arbeitslos und hängt deprimiert zu Hause herum. Den Lebensunterhalt verdient Orlanda. Sie trifft sich jetzt wieder mit Clemens.

Für ihre Schwester Anna ist die Sache klar: „Orlanda war nie erwachsen geworden, obwohl sie inzwischen dreißig war. Im Grunde hing sie immer noch ihren verstiegenenen Kindheitsträumen nach. Dabei hatte sie alle ihre hochfliegenden Pläne aufgeben müssen, sie war weder ein berühmter Operettenstar geworden noch eine große Jazzsängerin. Jetzt arbeitete sie als gewöhnliches Ladenmädchen.“ (Seite 261).

Anders als Clemens Haupt oder Leopold Ulrich würden sich Anna und ihr Mann Johannes nie zu einem öffentlichen politischen Statement hinreißen lassen. Dass sie Mitglieder der regimekritischen Bekennenden Kirche sind und sich regelmäßig mit Gleichgesinnten treffen, wissen nur eine Handvoll Leute. Durch diesen Gebetskreis kommen Anna und Johannes in Kontakt mit einer Widerstandsgruppe. Sie drucken Plakate und Flugblätter und malen Parolen an Hauswände. Und sie verstecken und versorgen von den Nazis verfolgte Personen.

Orlanda, die seit März 1939 von Leopold getrennt lebt, ist zum Arbeitsdienst bei Rheinmetall abkommandiert worden. Clemens und Leopold sind an der Front. Unabhängig von Annas Aktivitäten, von denen sie gar nichts weiß, denkt Orlanda daran, in den Widerstand zu gehen: „Allein konnte sie nichts ausrichten. Man musste sich zu einer Gruppe zusammenschließen und gemeinsam zuschlagen. Aber wie sollten sich Gleichgesinnte zusammenfinden, wenn man nach der leisesten kritischen Äußerung im Gefängnis landete? Es gab einen Widerstand. Das bewiesen die Zeichen an der Wand. ‚Weg mit Hitler’, gänzte es eines Morgens in nasser Ölfarbe an der roten Klinkermauer vor der Fabrik.“ (Seite 439)

In einem Streit zwischen den Schwestern kommt es zu einem folgenschweren Missverständnis, und Anna verplappert sich. Jetzt weiß Orlanda Bescheid. „Es war der Abend des 20. März 1942, als die beiden Schwestern dieses Gespräch führten, als Anna Orlanda endlich von der Gruppe erzählte, der sie seit fast vier Jahren angehörte (…).“ (Seite 444) Jetzt will sich Orlanda der Gruppe ebenfalls anschließen, auch wenn ihre Schwester Bedenken hat.

Elisabeth, die die Widerstandsgruppe leitet, wird für Orlanda zum Idol, dem sie mit glühender Begeisterung nacheifert. Merken die Schwestern, dass Elisabeths Ideen und Pläne immer radikaler, weltfremder und gefährlicher werden? Und vor allem: Merken sie es rechtzeitig?

Sorgfältig hat die Autorin für ihr Buch recherchiert: über Jazzmusik und den Operettenbetrieb, über die Arbeit einer OP-Schwester, die Geschichte des Evangelischen Krankenhauses in Düsseldorf und über den Kirchenkampf zwischen der Bekennenden Kirche und den Deutschen Christen und über vieles andere mehr.

Wieder einmal ist es ihr gelungen, Frauengestalten zu schaffen, die einem nachhaltig im Gedächtnis bleiben. Die bodenständige Anna, die schon als Zehnjährige das Leben einer Erwachsenen führen musste, die impulsive Orlanda, die niemals wirklich erwachsen wird. Und Fritzi Albrecht, der sehr viele Opfer abverlangt werden. Im Vergleich dazu wirken die Männer fast ein wenig blass: Clemens, dem der Opportunismus quasi in die Wiege gelegt wurde, Leopold, der gegen alles kämpfen kann, nur gegen seine Gefühle nicht, der weltfremde Künstler Johannes und der überzeugte Nazi Dr. Müller.

Manche Personen möchte man schütteln, weil sie so handeln, wie sie handeln. Aber ihr Tun ist stets folgerichtig. Es ist nachvollziehbar dass sie aufgrund ihrer Situation, ihrer Überzeugung oder ihrer Persönlichkeit im Moment nicht anders können.

Raffiniert ist der Aufbau der Geschichte, da man wegen der Rahmenhandlung lange Zeit rätselt, wie denn die Musikstudentin aus den 60-er Jahren in die Geschichte der Schwestern Mandel hineingehört. Und wer wohl die Mutter ist, die im Gefängnis Briefe an ihr ungeborenes Kind schreibt? Erst mit der Zeit beginnt man die Zusammenhänge zu ahnen – und sich zu fragen, wie es nur so weit kommen konnte.

Auf geradezu unheimliche Weise lässt uns die Autorin manchmal weit in die Zukunft blicken. Ganz nebenbei erfahren wir, was aus dem Mann wird, der eine der Sängerinnen zum Krüppel schlägt: Er wird im Jahr 1988 als mehrfacher Großvater und pensionierter Direktor sterben. Wir sehen auch, wie das restliche Leben des Rosenland-Gitarristen verläuft. Gina Mayer lässt uns sogar wissen, was aus dem Wespennest im Gasthaus wird, in dem Dr. Müller seine Hochzeit feiert: 1973 wird es bei Renovierungsarbeiten im Bauschutt enden. Diese kleinen, schlaglichtartigen Szenen haben mal tragischen und mal komischen Charakter – und bringen die Geschichte von Anna und Orlanda in Zusammenhang mit dem Hier und Jetzt. Das ist nicht einfach eine Story von anno dunnemals. Sie wirkt bis in die Gegenwart und in die Zukunft nach.

Die Sprache ist zum Teil wunderschön bildhaft und geradezu poetisch: „Die Stufen glänzten speckig wie ein altes Jackett.“ (Seite 7). „Orlanda. Nicht Lissy oder Betsy oder Fritzi, sondern Orlanda. Ein Name so außergewöhnlich wie eine Barockkirche mitten in einem Vergnügungsviertel.“ (Seite 20) Diese Elemente werden sehr wohldosiert eingesetzt. Zu keiner Zeit besteht Kitschgefahr.

Auch wenn das Thema sehr ernst ist, ist die Geschichte keineswegs humorlos erzählt. Das kleinkarierte Hickhack in Annas Gebetskreis bringt jeden zum Grinsen, der jemals mit Kollegen oder Vereinskameraden zu tun hatte. Nett ist auch die Szene, in der Anna sich über ihre Ex-Kollegin Greta, die jetzige Ehefrau des Chirurgen Dr. Müller, Gedanken macht: „Jedes neue Kind präsentierte sie stolz im Evangelischen Krankenhaus. Die anderen Schwestern überschlugen sich jedes Mal vor Begeisterung über die blond gelockten, pausbäckigen Geschöpfe. Anna fand, dass sie alle gleich aussahen. Ob Müller sie auseinanderhalten konnte? Immerhin unterschieden sie sich ja noch in der Größe.“ (Seite 264)

In ihrer Danksagung am Schluss des Buchs verrät uns Gina Mayer, dass ihr für die Schwester Anna im Roman das Berufsleben ihrer Schwiegermutter als Vorbild gedient hat. „Meine erfundene Anna hat übrigens nicht nur den Beruf von Schwester Lore übernommen, sondern auch ihre Arbeitseinstellung und viele Charakterzüge“, schreibt die Autorin (Seite 533). Wenn das so ist, dann hat sie ihrer Schwiegermutter ein ebenso sympathisches wie eindrucksvolles literarisches Denkmal gesetzt.

Die Autorin
Gina Mayer, 1965 in Ellwangen geboren, lebt mit ihrer Familie in Düsseldorf. Bevor sie freie Autorin wurde, arbeitete sie als Werbetexterin.

Work in progress

Rezensent: Edith Nebel
EdithNebel@aol.com
     
http:// edithnebel.wordpress.com