Wahnsinn im Alltag


2002 – 2003: Funktionstüchtig
April 10, 2007, 4:26 pm
Filed under: Menschliches

Wenn ich an manchen Tagen in den Spiegel sehe, bin ich ehrlich überrascht, dass ein Mensch zurückschaut. Keine Maschine, kein Avatar aus dem Internet und auch kein blinkendes Schild mit der Aufschrift: „Ich werde mich sofort drum kümmern!“ Nein, ein Mensch. Dabei würde es mich nicht einmal wundern, wenn ich im Spiegel gar nichts sähe außer dem Raum um mich herum. Wenn ich in Wahrheit unsichtbar wäre.

Science Fiction? Nein.
Horror? Nun ja, wie man’s nimmt …

Es war nicht immer so. Ich war einmal ein ganz normaler Mensch mit Wünschen, Träumen und Bedürfnissen. Mit Interessen, Begabungen, vielen Freunden und einer lebhaften Kommunikation. Lange ist’s her. Jahre? Jahrzehnte? Die Veränderung ging schleichend vonstatten, und so weiß ich nicht, wann genau ich mit dem Menschsein aufgehört habe und das wurde, was ich heute bin: Ein Funktionsträger. Ein Multifunktionsträger, um genau zu sein. Aber das macht die Sache auch nicht besser. Ich bin Bürokraft, Teamleiterin, Familienmanagerin, Haushälterin, Steuerzahlerin, Vermieterin und Altenpflegerin. Nein, Pflegerin ist zuviel gesagt. Ich bin eine funktionstüchtige, pünktliche und zuverlässige Mutterfütterungsmaschine.

Wo immer man mich hinstellt und Leistung fordert, funktioniere ich. Klaglos, reibungslos, leidenschaftslos. Widerstand ist zwecklos. Gefühle sind irrelevant.
Schade eigentlich.

Jedes Mal, wenn mein älterer und schon etwas vergesslicher Büronachbar Mühe hat, sich an meinen Namen zu erinnern, halte ich für Sekunden angstvoll den Atem an und denke, jetzt ist es endgültig passiert – ich habe meine Identität verloren und mich in meinen Funktionen aufgelöst wie eine Brausetablette in Mineralwasser.

Irgendwann habe ich angefangen, Leserbriefe und Zeitungsartikel zu schreiben, nur um meinen Namen in der Zeitung zu lesen und spüren, dass es mich wirklich noch gibt. Seht her, ich habe eine Meinung und einen Namen, ich bin also ein Mensch – und nicht nur eine unpersönliche Kraft, deren man sich nach Belieben bedienen kann!
Ich treibe mich im Internet herum, stelle meine Ansichten in verschiedene Foren und freue mich wie ein Kind, wenn eine Reaktion kommt. Hallo, ich habe etwas gesagt, und es hat wirklich jemand wahrgenommen und darauf reagiert! Im richtigen Leben ist das nur noch selten der Fall. Gut, wenn ich Fakten zu vermitteln habe, die für den Gesprächspartner – oder soll ich sagen: Geschäftspartner? – wichtig sind, dann wird das schon zur Kenntnis genommen. Doch wenn ich etwas äußere, das überwiegend für mich wichtig ist, kann ich von Glück sagen, wenn ich ein neutrales Grunzen als Antwort erhalte. Oft kommt gar nichts, und es ist, als hätte ich nie ein Wort gesprochen. Dann frage ich mich wirklich: ‚Habe ich jetzt was gesagt – oder wollte ich nur?‘ Da ist die Reaktion meines Vaters schon deutlicher: Er sagt kurz und bündig: „Das interessiert mich nicht!“, oder: „Für sowas habe ich keine Zeit“ und läßt mich stehen. Oder er legt abrupt den Hörer auf, je nachdem. Da weiß ich wenigstens, woran ich bin.

Nett war auch sein Spruch an meinem letzten Geburtstag: „Ach ja – alles Gute. Schenken tu ich dir nix. Du hast eh mehr als ich.“ Flüchtig fragte ich mich, ob er nur nie kapiert hat, dass es beim Schenken nicht aufs Materielle ankommt, oder ob das eine dürftig maskierte Umschreibung war für: „Du bist mir nicht der Mühe Wert.“ Es ist ja nicht so, dass er mich lieben muss. Niemand ist verpflichtet, seine Erzeuger oder seine Nachkommen zu lieben. Ich wünschte mir dennoch, er würde mich gelegentlich als Mensch wahrnehmen und nicht nur als Erledigunghilfsmittel und Mutterfütterungsaggregat. Ja, ich weiß: Er ist selbst an der Grenze seiner Belastbarkeit. Oder schon darüber hinaus.

Rächt sich die „ausgleichende Gerechtigkeit“ eigentlich an den erwachsenen Kindern dafür, dass sie in ihrer Jugend ihren Eltern eine Last waren? Müssen wir all den Kummer, den Ärger und die schlaflosen Nächte, die wir Vater und Mutter beschert haben, als wir noch klein und unverständig waren, später in Form von Sorge um die Alten und Kranken bezahlen? Wenn ja, dann prost Mahlzeit! Dann hat die Gerechtigkeit mit mir noch ein paar sehr unschöne Dinge vor. Ich war ein ausgesprochen widerspenstiges und lästiges Kind mit einem unglaublichen Talent dafür, mich und andere in Schwierigkeiten zu bringen. Meine ausgefallenen Ideen waren der Familie immer suspekt, und ich glaube, wenn es machbar gewesen wäre, hätten sie sich kollektiv von mir scheiden lassen. Alle bis auf die Neffen, vielleicht. Die finden ihre meschuggene Tante ganz unterhaltsam.

„Ich werde einfach nicht fertig mit diesem riesigen Pflichterfüllungsprogramm“, habe einmal gejammert, als ich noch jung und naiv war. „Stell dich nicht so an“, antwortete meine Mutter. „Du musst nur deine Interessen, deine Hobbys und deine Freunde aufgeben, dann reicht dir auch die Zeit.“ Das war keine Ironie, das war ihr bitterer Ernst.

Eine Weile habe ich mich noch dagegen gewehrt, mich selbst aufgeben zu sollen. Doch leider vergebens. Irgendwann, ohne dass ich es zunächst bemerkt habe, haben sie mich doch kleingekriegt und vereinnahmt – die anderen mit ihren permanenten Erwartungen und Forderungen. Und jetzt gibt es wohl kein Zurück mehr: Ich habe zu funktionieren, nicht zu fühlen, Bedürfnisse zu befriedigen statt welche zu haben. Ich soll schweigen, spuren und ohne zu zögern aufspringen, wenn jemand nach mir ruft. Das gelingt mir überraschend gut. Dumm wird’s nur, wenn alle gleichzeitig etwas von mir wollen, der Chef, die Familie, die Mieter, Gott-weiß-wer. Da wird es manchmal hektisch und kritisch, und gelegentlich kommt’s zu einem kleinen Kurzschluss. Aber ich scheine über ganz gute Autorepair-Kräfte zu verfügen. Ich komme immer wieder auf die Beine und nehme meine vielfältigen Funktionen umgehend wieder auf.

Und was ist, wenn das eines Tages nicht mehr klappt? Wenn ich funktionsunfähig auf der Strecke bleibe? Oder wenn ich schlichtweg die Schnauze voll habe, und einfach irgendwann in den Sonnenuntergang reite, ohne mich auch nur ein einziges Mal nach meinem alten Leben umzudrehen? Ärgern werden sie sich wie über eine verschwundene Fahrradpumpe oder einen kaputten Kühlschrank und umgehend Ersatz besorgen. Besser, schicker und moderner. Ein bisschen teurer, vielleicht. Das Neue ist meist ein bisschen teurer als das Alte. An meinen Namen wird sich kaum einer erinnern. Und das ist eine verdammt deprimierende Vorstellung.

Zum Grübeln und Aufbegehren bin ich meist zu müde. Doch ganz verlernt und aufgegeben habe ich es noch nicht. In seltenen Momenten wie in denen vor dem Spiegel wundere ich mich darüber, dass ich die Verwandlung zur Maschine noch nicht komplett vollzogen habe. Dass ich immer noch ein Mensch bin. Aber vielleicht täuscht das ja auch. Möglicherweise bin ich klammheimlich zu einer Art Android mutiert, bei dem nur noch das Aussehen menschlich ist. Ich sollte das vielleicht überprüfen. Wenn ich mir ein Messer in den Körper renne – läuft dann Öl aus und der Motor bleibt stehen, oder verblute ich?

Im Grunde ist auch das egal. Es ist nicht wirklich wichtig, ob ich als Mensch oder Maschine meine Funktionen einstelle. Eines jedoch brächte das Experiment mit sich, ganz egal, wie es ausginge: Ich hätte endlich meine Ruhe.

+++



Lieblingsbeschäftigung: Hühner füttern
April 7, 2007, 1:27 pm
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Urlaub auf dem Bauernhof in den 60-er Jahren
Ganz selbstverständlich reisen Neffen und Nichten, Kinder und Enkel heute in aller Welt herum und kommen aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr heraus, wenn man ihnen erzählt, dass man selbst mit 14 Jahren zum ersten Mal das Meer gesehen hat und die erste Flugreise unternahm, als man bereits erwachsen war.

Vor Mitte der 60-er Jahre hat unsere Familie gar keinen Urlaub gemacht. Es wurde ein Haus gebaut und erst Anfang der Sechziger machte mein Vater den Autoführerschein und kaufte einen Pkw. Vorher hatte er „nur“ ein Motorrad.

Von dem Zeitpunkt an gab es aber kein Halten mehr. Nach ein paar „Generalproben“ – Tagesausflüge in die nähere Umgebung – wurde es Ernst. Urlaub!

Der VW-Käfer wurde mit dem halben Hausrat beladen. Was nicht in den Kofferraum und ins Wageninnere passte, wurde auf den Dachgepäckträger verfrachtet und mit einer schwarz-gelb-gestreiften Plane abgedeckt. So wurde aus dem Käfer ein urlaubstauglicher „Kartoffelkäfer“, und es ging nach Kärnten an den Faakersee, nach Unterferlach zur Familie A. Urlaub auf dem Bauernhof. Und das war immer ein unglaubliches Erlebnis für mich. Hühner füttern, Traktor fahren, Brot backen, im See schwimmen. Auch wenn man mich da mal als halbe Leiche herausziehen musste, weil ich in meinem kindlichen Überschwang nicht berechnet hatte, dass ich ja auch wieder zurückschwimmen musste. Mitten im See verließen mich die Kräfte. Zum Glück war ein geistesgegenwärtiger Schwimmer in der Nähe, der mich auf seine Luftmatratze zog und mit mir ans Ufer paddelte. Erst Jahre später haben meine Eltern von diesem Ereignis erfahren.

Als ein Hühnerküken eines Nachts in den Gummistiefel des Bauern kroch und dort erstickte, war ich untröstlich und wollte unbedingt Tierärztin werden und alle Tiere retten. Ganz so ist es nicht gekommen, aber Tiere und Tiergeschichten begleiten mich bis heute privat und beruflich.

Faakersee

Ich bin später viel gereist, mit der Familie und geschäftlich, aber so detailliert wie mein ersten drei Urlaube in Kärnten bei Familie A. ist mir keine Reise je im Gedächtnis geblieben. Ich kenne heute noch die Namen aller Bauernhofbewohner, weiß noch, wie der ortsansässige Fleischermeister hieß und erinnere mich an die liebenswürdige Marotte der Bauersfrau, die Küchenuhr immer 20 Minuten vorgehen zu lassen. Weil es so ein gutes Gefühl sei, erst zu denken: „Meine Güte, schon so spät!“ – und dann die Erleichterung darüber zu spüren, dass man doch noch 20 Minuten länger Zeit hat.

Auch an meine Spielkameradin aus dem Ruhrgebiet, die wir Jahr für Jahr auf dem Hof trafen. Carola Z. hieß sie. Was wohl aus ihr geworden ist?

Bei der Familie A. gab es das beste Frühstück der Welt – mit frischen Brötchen, frischer Butter, köstlicher Marmelade und kuhwarmer Milch. Nirgendwo auf der Welt hat mir je wieder ein Frühstück so wunderbar geschmeckt.

Und kein Mensch kann sich vorstellen, wie unglaublich stolz ich war, als meine Mutter sich auf einem Melkschemel setzte und anstandslos eine Kuh molk. Meine Mama konnte das. Und die Mütter der Stadtkinder konnten das nicht!

Seit Jahren rede ich davon, da wieder mal hinzufahren und zu gucken, ob der Bauernhof noch steht und der große Kastanienbaum davor. Wahrscheinlich ist der Hof heute im Besitz einer der Söhne, Siggi oder Franzl. Ob sie sich wohl noch daran erinnern können, dass sie mir damals meine leuchtfarbenen Mickymaus-Aufkleber aus den Comic-Heften stibitzt haben …



Mutters Wundermittel
April 7, 2007, 1:21 pm
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Manche Gerüche, so sagt man, rufen einem schlagartig die eigene Kindheit ins Gedächtnis zurück. Bei mir ist das der Duft von Flieder, Wicken und Nelken, von frisch gemähtem Gras und von – Schmierseife. Und zwar der einer ganz bestimmten Marke.

Schmierseife, das war schon in den 60er Jahren Mutters Universalwaffe gegen jede Art von Schmutz im Haushalt. Ein Klecks davon kam ins Spülwasser, ein großzügigerer Klecks ins Aufwischwasser für die Fußböden. Die Küchenmöbel und die Fensterrahmen wurden mit Schmierseifenlauge gereinigt, die Handwäsche erledigt, das Auto gewaschen, die marmornen Fensterbänke poliert – und im Urlaub musste die glibberige naturweiße Masse auch schon mal als Ersatz für das vergessene Haarshampoo herhalten. Meine Cousine benutzte die Schmierseife sogar als Badezusatz für ihre Kinder. „Sie duften dann immer so gut.“

Mutters Seife gab es nicht im Laden zu kaufen. Ein großer, schnauzbärtiger Außendienstmitarbeiter klingelte regelmäßig an der Tür und nahm die Bestellungen auf. Hausfrauen oder Schulkinder aus dem Dorf brachten die Ware dann wenige Tage später gegen Barzahlung bis an die Haustür.

Geliefert wurde die Seife in knallgelben 5-Liter-Eimern. Zu gerne hätte ich als Kind meine Hände in die blumig duftende glibberige Masse getaucht und damit ein bisschen herumgematscht. Aber das war streng verboten. Mutter füllte kleine Seifenmengen in handliche Behälter um und deponierte sie in Küche und Keller. Der Eimer selbst kam sofort unter Verschluss.

Auch nachdem ich das Elternhaus verlassen hatte, war immer für Seifennachschub gesorgt. Wenn ich „nach Hause“ auf Besuch kam, gab meine Mutter mir regelmäßig abgefüllte Portionen von ihrem „Zaubermittel“ mit. Und auch in meinem Haushalt wurde vom Auto über das Katzenklo bis zum Treppenhaus alles damit sauber gemacht.

Aber nichts währt ewig. Mit meiner Mutter starb sozusagen auch die Schmierseifen-Tradition. Ich wusste schlicht nicht, wie ich an Nachschub kommen konnte. Den Namen des Herstellers hatte ich über die Jahre vergessen, und in meiner „neuen Heimat“ konnte man mit meiner Beschreibung der Produkte und ihres Vertriebswegs nichts anfangen. Hier gab es keine Außendienst-Mitarbeiter – mit oder ohne Schnauzbart –, die Schmierseifenbestellungen aufnahmen.

In den folgenden Jahren behalf ich mir mit allen möglichen Reinigungsprodukten. Jedes zweite Wundermittel, das im Werbefernsehen angepriesen wurde, habe ich ausprobiert. Sogar mal etwas, das sich „Flüssigseife“ schimpfte und in einer grünen Flasche geliefert wurde. Aber das sah aus wie eine Kreuzung aus Altbier und Tapetenkleister, roch sonderbar und hinterließ beim Putzen Streifen – kein Vergleich zu Mutters Zaubermittel!

Ich hatte mich schon damit abgefunden, ohne Mutters Seife mit Schmutz und Dreck fertig werden zu müssen. Wahrscheinlich gab es die Herstellerfirma längst nicht mehr. Wer würde schon im Zeitalter der Sprühflaschen und des Reinigungsschaums, der Microfasertücher und raffinierten chemischen Mittelchen mit einer schleimigen Seifenmasse hantieren wollen? Ich. Aber ich bin in eben manchen Dingen hoffnungslos altmodisch. So altmodisch wie Mutters Schmierseife.

Dann las ich in einer Frauenzeitschrift den Tipp, Marmortische seien gut mit Schmierseife zu reinigen. Das Produkt an sich musste also noch auf dem Markt sein. Mein Jagdinstinkt war wieder geweckt.

Kurze Zeit später roch ich bei uns im Büro einen vertrauten Duft. „Ist das dein Parfum?“, fragte mich mein Kollege. „Parfum? Nein. Ich habe auch schon gerätselt, wo der Geruch herkommt. Erinnert mich irgendwie an das Putzmittel meiner Mutter!“ Mein Kollege lachte. Und urplötzlich, vielleicht inspiriert durch den Geruch, fiel mir der Name des Herstellers wieder ein. Nach all den Jahren!

Vielleicht gab es die Firma ja tatsächlich noch? Vielleicht war sie ja sogar im Internet vertreten? Ich warf die Internet-Suchmaschine an und probierte ein paar Schreibweisen aus. Und tatsächlich! Da waren sie! Mit Online-Shop und mit Schmierseife! Sofort setzte ich mich mit dem Unternehmen in Verbindung und gab meine Seifen-Bestellung auf.

Wenige Tage später kam das ersehnte Postpaket. Die 5-Liter-Eimerchen sind mittlerweile grau geworden, aber das bin ich ja auch. Das Wichtigste ist, dass die Schmierseife selbst ganz die alte geblieben ist: naturweiß, glibberig, blumig duftend – und so unglaublich vielseitig und praktisch. Das „Zaubermittel“ aus meiner Kindheit ist wieder da!

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Der Beitrag erscheint in der Juni-/Juli-Ausgabe der Zeitschrift „DAHEIM in Deutschland“, http://www.daheim-in-deutschland.de



Die Wissenschaft vom Wegschmeißen
April 5, 2007, 12:11 pm
Filed under: Menschliches

Als ich klein war, war das Entsorgen noch einfach: freitags wurde der Mülleimer abgeholt, für Pflanzenabfälle gab’s hinterm Haus den Komposthaufen, die „Miste“, und fertig war die Laube.

Heute die ganze Müllwirtschaft auf umweltfreundliche Weise durchorganisiert, worüber ich ja auch froh bin. Aber jetzt ist das Wegschmeißen geradezu zur Wissenschaft geworden. Man muss genau wissen, was in den Biomüll, den Gelben Sack, den Papiercontainer und den Hausmüll darf, was Sperrmüll, Problemmüll und Elektronikschrott ist – und nicht zuletzt, was wann wo abgeholt oder hingebracht werden muss.

Eine geschlagene Stunde habe ich am ersten Januar damit zugebracht, die unseren Haushalt betreffenden Mülltermine in Schönschrift in meinen Wandkalender zu übertragen. Schließlich soll das Kalenderbild nicht durch schlampige Schrift oder Korrekturen beeinträchtigt werden. Man muss es ja einen ganzen Monat lang angucken. Passiert ist es doch. Es ist ja auch nicht einfach!

Erst galt es herauszufinden, zu welcher Abholungszone wir neuerdings gehören, weil davon die Abholtermine abhängen. Widersprüchliche Informationen im Gemeindeblättchen trugen nicht unbedingt zur Vereinfachung des Verfahrens bei. Gut, jetzt weiß ich’s: Wir wohnen westlich einer bestimmten Grenzlinie und gehören damit zur Zone zwei. Das heißt, der Müll wird freitags abgeholt. Der Hausmüll, wohlgemerkt, wobei beim Übertragen der Termine noch darauf zu achten ist, ob man vierzehntägige oder vierwöchige Leerung hat. Alle zwei Wochen holen sie freitags noch den Biomüll, es sei denn es ist Sommer. Von Anfang Juni bis Ende August holt die Entsorgungsfirma den Stinker dankenswerterweise im Wochenrhythmus ab. Alle vier Wochen kommt freitags die Altpapiertonne dazu, wobei der vierwöchige Altpapierrhythmus nicht mit dem vierwöchigen Hausmüllrhythmus identisch ist. Und wenn irgendwie ein Feiertag ist, dann verschiebt sich alles um einen Tag nach hinten.

Uff! Und wenn ich dann noch die Gläschen von der Leberwurst, der Marmelade und dem Griebenschmalz in die Spülmaschine stelle, nur damit man sie porentief rein zum Wegschmeißen in den Glascontainer bringen kann, frage ich mich schon manchmal, ob wir alle noch ganz sauber sind.