Wahnsinn im Alltag


Das Geld muss auf die Bank
April 18, 2007, 1:28 pm
Filed under: Menschliches

Es gibt Szenen, die man nie vergisst und die einen fürs Leben prägen. In einer meiner persönlichen Schüsselszenen spielen eine D-Mark und ein Zehnpfennigstück eine tragende Rolle.

Es war irgendwann Mitte der 60-er Jahre. Ich kann nicht älter als 5 oder 6 gewesen sein. Obwohl in meinem kleinen Plastiksparschweinchen kein Groschen mehr Platz hatte, weigerte ich mich beharrlich, den Inhalt auf die Bank zu bringen. Ich wollte mir meine Spargroschen nicht wegnehmen lassen und verstand nicht, warum sie bei der Bank besser aufgehoben sein sollten als in meinem Kinderzimmer.

Jetzt hätte mein Vater natürlich sagen können, die Bank sperrt das Geld in den Tresor, damit es dort sicher ist und es keiner klauen kann. Aber er war Kaufmann, und in Finanzdingen musste es bei ihm immer schon korrekt zugehen. Da waren solche Vereinfachungen einfach nicht drin. Er zückte also seinen Geldbeutel, nahm ein Markstück und ein Zehnpfennigstück heraus, und erklärte mir kleinem Murkel, was es mit dem lieben Geld so auf sich hat.

„Schau“, sagte er, „es ist wichtig, dass du das Geld auf die Bank bringst. Damit hilfst du anderen Leuten, und außerdem wird dein Geld dabei mehr.“ Ich lauschte andächtig und fragte mich im Stillen, wie das wohl vor sich gehen sollte.

„Jetzt stell dir vor“, sagte mein Vater, „eine deiner Freundinnen … die Elke oder die Bärbel … braucht plötzlich mehr Geld, als sie hat, weil sie irgend was ganz Teueres kaufen muss. Dann kann sie zur Bank gehen und sich dort Geld leihen. Der Mensch von der Bank borgt ihr dann ein bisschen was von dem, was du dort eingezahlt hast.“ Und er schob das Markstück über den Tisch.

Ich war empört: „Mein Geld verborgt der?“
„Ja. Und das ist was Feines! Das hilft ja deiner Freundin. Und wenn sie wieder Geld hat, zahlt sie es der Bank zurück – mit Leihgebühren. Das ist so was wie Miete. Und das bekommst dann du“ Und er legte das Zehnpfennigstück zu der Mark und schob mir beides hin. „So wird dein Geld mehr. Aber nur, wenn du’s zur Bank bringst. Im Kinderzimmer wird’s höchsten staubig.“

Das hat mich offenbar überzeugt, denn ich erinnere mich, wie wir gemeinsam die Groschen aus dem Schlitz des Plastiksparschweins puhlten, in ein Schulmäppchen umfüllten und alles zur örtlichen Bankfiliale trugen.

Ich hab dieses Gespräch nie vergessen. Und vielleicht ist das mit ein Grund dafür, dass ich ein Interesse an dieser Thematik entwickelt habe. Heute schreibe ich unter anderem Texte zum Thema Finanzdienstleistungen, die in mehrere Sprachen übersetzt werden und in einigen europäischen Ländern Verbreitung finden.

Bis zum heutigen Tag kann ich mir oft ein Grinsen nicht verkneifen, wenn das Wort „Zinsen“ fällt – eben weil ich an diese erste Lektion in Sachen Finanzen denken muss. Eine Lektion, die sich in vielerlei Hinsicht ausgezahlt hat.brbr

Erschienen in der Esslinger Zeitung



Nachrichten aus der Zukunft
April 18, 2007, 12:41 pm
Filed under: Menschliches

Meine Kindheit war schwarz-weiß. Von phantasievoll gezacktem weißem Bildrand umgeben füllten die Kinderfotos gerade mal ein halbes Fotoalbum. Bis mein Onkel in den Ruhestand ging und auf die Idee kam, seine im Lauf von Jahrzehnten entstandene Diasammlung zu sortieren.

Bei einer Familienfeier im Haus meiner Eltern überreichte er mir eine Handvoll farbiger Papierabzüge von Diapositiven aus den 60-er Jahren. Kinderbilder. Familienfotos. Haus und Garten. Die Wirkung war verblüffend: Die Farben waren gut erhalten und kein bisschen verblasst. Die Fotos sahen aus, als seien sie gestern erst entstanden.

Ich sah mich als Kleinkind auf dem Gartenpfeiler sitzen. Meine Mutter stand eine Armeslänge entfernt von mir in unserem Garten. Ich im gelben Rüschenkleid, sie im adretten Kostümchen. Sie war damals jünger als ich heute.

Der Pfeiler und das Gartentor sind jetzt immer noch die selben wie damals. Das Haus wurde zwischenzeitlich mehrfach umgebaut und wiederholt neu gestrichen. Im Hintergrund des Fotos sieht man noch freies Feld, wo heute eine ganze Siedlung steht. Es war der selbe Ort, die selben Menschen wie heute … und doch nicht. Es war unheimlich.

Wenn ich nun die Hand ausstrecken und wie durch ein Tor in die damalige Zeit eintreten könnte ….? In dieses Bildmotiv? Würde meine Mutter mich erkennen, wenn ich sie grüßen und ansprechen würde? Man sagt doch, ich sähe aus wie sie. Es müsste ein komisches Gefühl sein, der eigenen Mutter als Altersgenossin gegenüber zu stehen. Würden wir uns verstehen? Oder würden wir nichts miteinander zu tun haben wollen? Haben wir nur Kontakt, weil wir zufällig Mutter und Tochter sind?

Was hätte ich ihr sagen können? Was hätte ich ihr aus heutiger Sicht sagen m ü s s e n ?

„Ich komme aus der Zukunft und möchte dir nur sagen: Auch wenn’s manchmal schlimm aussieht mit dem Kind: Es kommt alles ins Lot. Und: Kauft der Kleinen Lego, auch wenn es ein Mädchen ist. Sie baut gern. Sie hat irgendwie das Hausbau-Gen geerbt, das sonst nur die Männer der Familie befällt. Sie wird immer von Bauwerken träumen und Häuser lieben. Ach ja … und bringt die Kleine mal zum Augenarzt. Wartet nicht damit, bis ein Lehrer merkt, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Sonst wird sie auf einem Auge die Sehkraft verlieren.“

Komisch, dass mir das Häuserbauen jetzt wichtiger ist als die Sache mit den Augen. Egal. Meine Mutter hätte mir sowieso nicht geglaubt. Zeitreisen! Schmarrn! Im Geiste höre ich sie lachen. Sei’s drum. Man soll sich sowieso in keine Erziehung einmischen. Nicht mal in die eigene.

Aber ich selbst hätte mich doch an ein paar kritischen Punkten in meinem Leben warnen können! Damals, in Kärnten zum Beispiel, als ich als Achtjährige beschloss, so weit wie nur möglich in den See hinaus zu schwimmen. Das wäre so ein Moment, an den ich gerne zurück reisen und meinem jüngeren Ich warnend zurufen würde: „Denk dran, dass du auch wieder retour schwimmen musst! Teil dir deine Kräfte ein. Wenn sie dich verlassen, gehst du unter, und man wird dich retten müssen. Und du wirst lebenslang Angst vor Wasser haben.“

Ob ich heute tauchen könnte, wenn diese Warnung gefruchtet hätte? Die Unterwasserwelt hat mich immer fasziniert, aber die Angst ist stärker.

Durch Schulzeit und Studium hindurch hätte ich mich unbeeinflusst wursteln lassen. Ein paar Dummheiten müssen sein im Leben. Man lernt ja daraus. Vielleicht wäre ein dezenter Hinweis hilfreich gewesen, dass etwas mehr Engagement in Französisch nicht schaden könne, da wir in wenigen Jahren französisch sprechende Verwandte haben würden.

Danach wird’s schwierig. Sollte ich mich selbst vor einem bestimmten Job warnen? Oder nur vor dem Mann, den ich dort kennen lernen würde? „Mach die Arbeit, aber geh dem Typen aus dem Weg. Der hat eine massive Macke und wird dich sehr schlecht behandeln. S e h r schlecht, hörst du? Das kannst du dir jetzt noch gar nicht vorstellen. Wenigstens dauert das Martyrium nicht ewig – er wird bald sterben. Aber du wirst in 20 Jahren noch Alpträume von ihm haben.“

Würde ich auf mich hören … auf die Stimme aus der Zukunft? Ich weiß es nicht.

Wäre es überhaupt sinnvoll, meine alten Fehler zu vermeiden? Wäre ich heute da, wo ich bin, wenn ich diese Erfahrungen nicht gemacht hätte? Wäre ich die, die ich bin? Und vor allem: Wäre ich glücklicher? Oder schätzt man die Normalität des Alltags erst dann so richtig, wenn man aus der Hölle kommt?

Man müsste die verschiedenen Möglichkeiten einmal theoretisch durchspielen können: Was wäre geworden, wenn … ? Und danach die Weichen der Vergangenheit neu stellen. Aber das gibt es alles nur in Science fiction Romanen und alten Superman-Comics. Wir hier in der Wirklichkeit müssen unser Leben eben so leben, wie wir es gestaltet oder verunstaltet haben.

Wir können nicht nachbessern.

Die Farbabzüge der alten Dias kleben nun bei den schwarz-weiss-Fotos im Album. Sie sind in ihrer frischen Farbigkeit ein Fremdkörper dort … ein immer noch unheimlicher Gruß aus der Vergangenheit.



Arbeit? Nein danke!
April 17, 2007, 8:39 am
Filed under: Menschliches

Vom Arbeitstier zum Faultier in 5 Lektionen

„Das hat der Kollege Fritz heut‘ wieder sauber hingekriegt“, faucht meine Kollegin Evi und knallt mit Schwung ihr Tablett auf den Kantinentisch.
„Fritze Faultier?“, frage ich, seinen Spitznamen verwendend, von dem er hoffentlich nie erfahren wird. „Was hat er denn jetzt wieder gemacht?“
„Gemacht? Das gleiche wie immer: Nix. Aber das mit großem Getöse!“
„Hm. Darin ist er große Klasse“, räume ich ein. „Ich wollte, ich könnte das auch.“
„Was?“
„Na, faul sein. Nix tun. Sich auf anderer Leute Kosten ein schönes Leben machen. Und dabei ungeheuer gestresst wirken.“
Evi lacht. „Na, wenn selbst der Fritz das hinkriegt, kann das ja nicht weiter schwer sein.“
„Biest.“
Sie zuckt die Schultern. „Das musste jetzt sein!“

Während Evi ihre Nudelsuppe löffelt, habe ich eine genial-bescheuerte Idee: „Vielleicht können wir ja von unseren Faultieren noch was lernen. Und sogar anderen was beibringen. Wir sollten einen Ratgeber schreiben … eine Anleitung, wie man sich vor der Arbeit drückt. Das wäre bestimmt eine Marktlücke.“
„So was wie Arbeit – nein danke?“, fragt Evi.
„Genau! Vom Arbeitstier zum Faultier in 5 Lektionen. Können auch mehr werden, das weiß ich jetzt noch nicht. Die fünf goldenen Wege zur Faulheit. – Fünf Taktiken, die Ihnen die Arbeit vom Leib halten …“
„Und die wären?“

„Taktik Nr. 1: Lerne klagen ohne zu leiden“,
antworte ich wie aus der Pistole geschossen. „Du musst nur, statt zu arbeiten, überall herumgehen und plärren, wie überlastet du bist. Dann traut sich keiner, dir noch einen Job aufs Auge zu drücken.
„Und wenn’s doch einer probiert“, ergänzt Evi, „dann musst du denjenigen derart mit deinem Gejammer nerven, dass er es sich beim nächsten Mal gut überlegt, ob er sich das noch einmal antut. Oder ob er nicht lieber gleich zu jemandem geht, der sagt; ‚ja, ja, gib schon her, ich kümmere mich drum!'“

Sie weiß auch schon, wie’s weitergeht:

„Taktik Nr. 2: Setz die Sache in den Sand.
Der alte Trick, mit dem sich schon Heerscharen kleiner Brüder vorm Geschirrspülen gedrückt haben … sich blöd stellen und möglichst viel Schaden anrichten …, der funktioniert nämlich auch im Berufsleben. Wenn dir einer eine Arbeit gibt, versau sie. Oder lass sie so lange liegen, bis es fast zu spät ist, und melde dich dann krank. Dann muss auf die Schnelle jemand anders einspringen. Du hast die Sache vom Hals und alle Welt denkt: ‚Ach nee, dem Menschen kannste ja nix geben. Entweder er wird nicht rechtzeitig fertig damit, oder er macht alles falsch.‘ Tja, und schon lässt man dich in Ruhe.“

„Geniale Methode“, sage ich.
„Leider nicht von mir“, bedauert Evi. „So arbeiten zum Beispiel Horst und Jochen. Und zwar seit fast zwanzig Jahren.“

„Dass das von den Chefs keiner merkt!“, wundere ich mich.
„Merken tun sie’s schon“, meint Evi. „Aber unternehmen wollen sie nix dagegen. Vorgesetzte sind eben konfliktscheu. So lange noch genügend Deppen da sind, die das ausbügeln, was die Faulpelze verschlafen oder vermasseln, sehen sie keinerlei Handlungsbedarf.“ „Unfair“, finde ich. „Aber vielleicht erkennen die Chefs solche Taktiken wirklich nicht. Wenn man’s geschickt anfängt, kann man sich bestimmt völlig unbemerkt aus dem aktiven Arbeitsleben ausklinken und trotzdem jahrelang voll bezahlt und vielleicht sogar befördert werden. Damit hätten wir den nächsten Punkt:

Taktik Nr. 3: Übe dich in arbeitsimitierendem Anwesenheitsverhalten!“
„Und das geht wie?“, fragt Evi, während sie ihre Salatblätter klein schnippelt.
„Das ist die leichteste Übung“, erkläre ich. „Du kramst deinen Schreibtisch brechend voll, rümpelst dein Büro mit Ordnern und Unterlagen zu und bist grundsätzlich nur im Laufschritt unterwegs. Und wenn du nur zum Tratschen , Kaffeeholen oder aufs Klo gehst. Das sieht immer ungeheuer wichtig aus. Und du darfst dich niemals ohne Papiere in der Hand erwischen lassen. Es muss alles nach Dienstgang aussehen.

Was du treibst, ist egal. Solange es nach Arbeit ausschaut. Du kannst gern auch den ganzen Tag private E-Mails schreiben. Hauptsache, die Kollegen hören deine Tastatur klappern.“

„Hilfreich ist es auch, wenn man in diversen Palaver-Meetings, Gremien, Ausschüssen etc. sitzt. Da kann man ausgiebig dummschwätzen, Kaffee trinken, Kekse mampfen und sich zeigen“, sagt Evi und fuchtelt wie ein Dirigent mit der Gabel. „Und später unverständliche Memos verfassen.“

„Das mit den Gremien und Ausschüssen hat noch eine angenehme Nebenwirkung“, fällt mir ein, während ich eine widerspenstige Olive durch meinen Salatteller jage „Wenn du nie an deinem Schreibtisch bist, kann dich die Arbeit gar nicht finden.“

„Sehr gut!“, jubelt Evi. Das wär‘ noch ein weiterer Punkt.

Taktik Nr. 4: Geh der Arbeit einfach aus dem Weg!“
„Dabei gibt’s auch verschiedene Möglichkeiten“, sage ich „Das mit den Besprechungen hatten wir ja schon. Beliebt sind auch Arzttermine, Besuche bei Kunden und Lieferanten und das rotzfreche Überziehen der Mittagspause. Das kann unser Fritze Faultier übrigens auch ganz ausgezeichnet. Alle glauben, er muss wohl im Meeting sein, wenn man ihn nicht findet, und derweil hockt er noch seelenruhig in der Kneipe und macht Mittag.“

„Morgens zu spät kommen ist ebenfalls ein bewährtes Mittel.“, meint Evi. „Entweder mit oder ohne dumme Ausrede. Und erinnerst du dich noch an unseren Ex-Kollegen Michi? Der ist oft stundenlang irgendwo im Haus versickert – zum Tratschen. Das ist derart dreist, da kommt dir kein Mensch drauf.“

„A propos dreist … was wir noch gar erwähnt nicht haben, ist die Masche unserer lieben Kollegin Isabella“, fällt mir ein.
„Ja … richtig!“, stimmt Evi mir zu. „Das fehlt noch! Das hieße dann wohl:

Taktik Nr. 5: Sei zickig, und weise alle Arbeit als Zumutung zurück!
Und zwar mit allen Schikanen: Schrei die Kollegen an, wenn sie was von dir wollen.
Behaupte, die Sache sei ihr Problem und nicht deins. Erkläre sie für blöd, wenn sie eine Frage haben. Und sag grundsätzlich erst mal, dafür seiest du nicht zuständig. Egal, worum es sich handelt.“

Ich lache so laut los, dass sich einige Kollegen erstaunt nach mir umdrehen. „Super! Genau so macht sie das! Ich höre sie förmlich reden. – Da überlegt man es sich doch zehnmal, ob man hingeht und sie mit einer Frage belästigt, oder?“

„Ja, das hat sie clever eingefädelt. Und jetzt kann sie, statt zu arbeiten, in Ruhe mit ihren Freundinnen telefonieren oder im Internet surfen. Mich würde mal interessieren, wie lange sie gebraucht hat, um diese Technik zu perfektionieren!“

„Keine Ahnung. Ich vermute, mit dem Faulenzen muss man schon in der Kindheit anfangen, um richtig gut zu werden.
„Früh drückt sich, was ein echtes Faultier werden will?“, kichert Evi.
„Ja, so ungefähr. Aber vielleicht ist es für uns ja noch nicht zu spät. Wir könnten die Taktiken noch lernen. Wir könnten sogar noch Geld damit machen: Ein Buch schreiben. Und Seminare geben …“
Evi tunkt ihren Dessertlöffel in den Pudding und grinst. „Du, ich glaube, es wirkt schon: Dazu bin ich nämlich zu faul …



Die Stimme ihres Herrn
April 16, 2007, 5:46 pm
Filed under: Menschliches

„Tschüss“, sagt mein Mann und schnappt sich seine Sporttasche. „Ich geh dann mal“. Und die Wohnungstür schnappt hinter ihm ins Schloss. O je! Jetzt kann ich nur hoffen, dass seine zickige Espresso-Maschine das nicht gehört hat! Ich hätte nämlich gerne einen Kaffee – und die Maschine geruht nur dann zu funktionieren, wenn er in Hörweite ist. Wie vieles, was der Gatte ins Haus geschleppt hat, kann mich auch dieses Biest nicht leiden und hört ausschließlich auf die Stimme ihres Herrn.

Dabei bin ich durchaus kein technischer Depp – ich domptiere, warte und repariere lässig und erfolgreich alle Arten von Büromaschinen und wurde in meiner Jugend auch mit größeren Kalibern fertig – mit verschiedensten Druckmaschinen. Aber das Kaffeemonster, das sich mein Mann von seiner Jubiläumsprämie gekauft hat, widersetzt sich mir mit bösartiger Hartnäckigkeit und verweigert mir den Dienst.

Es ist immer das gleiche Spiel: Ich schleiche mich an, drücke den Einschaltknopf – wobei man ja im Grunde nix falsch machen kann – und erwarte, dass auf dem Display die Meldung aufleuchtet „aufheizen und spülen“. Aber nichts dergleichen tut sich. Erstmal versucht es das Biest mit der Meldung „stand by“. Ha! Ich drücke den Startknopf, genau wie’s mein Mann in solchen Fällen immer macht. Das Ding grinst hämisch und nörgelt: „Wassertank füllen.“ Okay, bitte, füllen wir den Wassertank. Ich baue den Tank hab, trage ihn zum Wasserhahn und fülle ihn bis zur Markierung mit kaltem Leitungswasser. Dann setze ich den Tank wieder ein. Und erneut kommt die Meldung „Wassertank füllen“. Langsam werde ich ungeduldig: „Hör mal, du Biest, der Tank ist voll bis zum Anschlag. Alles andere ist Einbildung. Also nerv mich nicht und mach jetzt Kaffee!“ Das Biest weigert sich.

Ich bau den Tank wieder ab, setze ihn erneut auf, und die Meldung erlischt. Aber jetzt kommt nicht etwa der Kaffee. Jetzt fordert die Maschine: „Satzbehälter leeren“. Auch gut, auch das mache ich. „Ist jetzt gut, du Monster? Krieg ich jetzt endlich meinen Kaffee? Oder hast du sonst noch Wünsche?“ Das hätte ich besser nicht fragen sollen. Denn jetzt möchte es Kaffeebohnen. Die bekommt es. „Aber nun kommt der Kaffee … oder?“ Nee! Denkste! Jetzt will der Apparat auch noch entkalkt werden. Nun reicht’s mir endgültig: „Nun ist aber gut! Hast du jetzt endlich alles durch? Oder kommt noch was? Wie wär’s mit entspinnen, entzicken und entnörgeln?“ Die Maschine schweigt. „Weißt du was?“, sag ich zu ihr, „Du kannst mich mal gern haben! Jetzt mach ich mir einen Tee!“ Die Teemaschine hat mir meine Schwiegermutter geschenkt – damit komme ich wunderbar klar.

Und der Espresso-Automat ist nur ein Beispiel! Mindestens genau so widerspenstig, gattenfixiert und frauenfeindlich ist unsere HiFi-Anlage. Habe ich schon erwähnt, dass Unterhaltungselektronik seit frühester Jugend das Hobby meines Mannes ist? Nein? Dann wissen Sie’s jetzt. Alles was neu auf dem Markt ist und Krach macht, bevölkert früher oder später unseren Haushalt. In jeder Ecke des Wohnzimmers hängt mindestens ein Lautsprecher, neben der Couch steht eine selbst gebaute Bass-Box, die die Ausmaße eines mittleren Kühlschranks hat. TV-Gerät, Satelliten-Receiver – analog und digital – Videorekorder, DVD-Player, Kassettendeck und Plattenspieler und diverses Gedöns, von dem ich nicht mal ansatzweise ahne, was es macht, stehen ordentlich gestapelt und unordentlich verkabelt in einem Regal übereinander. Von den Geräten zum Fernseher verläuft ein daumendicker Kabelkanal die ganze Wand entlang. Ein halbes Dutzend Fernbedienungen liegen auf dem Tisch.

Um ganz normal fernsehen zu können, muss ich acht Knöpfe an vier verschiedenen Geräten drücken. Manchmal klappt das. Aber nur, wenn niemand etwas verstellt hat und keine Katze auf die Fernbedienung getreten ist und absonderliche Funktionen in Gang gesetzt hat. Also eher selten. Eine winzige Abweichung in den Standard-Einstellungen, und ich bin aufgeschmissen. Ich hab sogar schon mal meinen Mann im Krankenhaus angerufen, weil ich trotz verzweifelten Knöpfchendrückens nur einen lila Bildschirm hatte und keinen Ton. Auch wenn mir der Gatte seit 25 Jahren versichert, das sei alles furchtbar einfach und sämtliche Fernbedienungen funktionieren gleich – ich hab da einen ganz anderen Eindruck! Vor allem, weil er, sobald ich endlich weiß, was ich machen muss, mindestens ein Gerät durch ein neues ersetzt. Und wieder steh ich da wie der Ochs vorm Berg und fange von vorne an, mir Knöpfe, Tasten und Funktionen einzuprägen. Immer und immer wieder … und mit zweifelhaftem Erfolg. Mittlerweile hab ich resigniert. Wenn ich wieder mal kein Bild und keinen Ton zustande kriege, ziehe ich mich in mein Büro zurück. Dort hat’s den ganzen Gerätepark noch einmal – 10 bis 20 Jahre älter, eine Nummer kleiner und so einfach, dass auch ich damit zurecht komme.

Aber nicht nur der häusliche Maschinenpark ist auf meinen Mann fixiert – der familieneigene „Tierpark“ ist mindestens genau so zickig. Ich sag nur: Kater Rocky. Den hat mein Mann aufgezogen, und nun ist er für alle Zeiten für dieses Tierchen die Bezugsperson. Mich nimmt der Kater gar nicht für voll. Komplimentiere ich die ganze Katzenbande abends in die Wohnung, weil ich die Türen schließen möchte, ist Rocky immer der letzte. Ich bitte, ich bettle, ich pfeife, ich winke, fuchtle und befehle. Keine Reaktion. Er sitzt irgendwo hinter den Blumen und tut so, als sei er eine Gießkanne. Er ignoriert mich einfach und bleibt in seinem Versteck. Wahrscheinlich lacht er mich aus. Womöglich macht er sogar unanständige Gesten mit einer Vorderpfote. Weiß man’s? Ich seh’s ja nicht! Ich hab den Kater schon draußen übernachten lassen, weil ich ihn einfach nicht ins Haus gebracht habe. Das interessiert ihn alles nicht. Er hört nur auf die Stimme seines Herrn, basta. Meistens überlasse ich das Rocky-Hereinbitten meinem Mann. Der muss sich dazu nicht mal aus seinem Sessel erheben. Ein kurzer Pfiff und ein Fingerzeig in Richtung Haus – und der Kater kommt gelaufen. Fehlt nur noch, dass er salutiert.

Neulich musste ich doch grinsen. Vielleicht gibt es wirklich so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit? Mein Mann saß an meinem Computer und mühte sich mit dem Schreibprogramm. Er fluchte und schimpfte und rief irgendwann ganz verzweifelt „Weib, komm doch mal her! Ich habe irgendeinen falschen Knopf erwischt! Wie krieg‘ ich jetzt den verflixten Blocksatz wieder raus?“ Ich griff lächelnd nach der Maus und klickte elegant aufs Flattersatzsymbol in der Menüleiste. Zack! Und der Blocksatz war weg. Den Computer habe nämlich ich gekauft. Und der hört nur auf mich!



Multiple Internetpersönlichkeit
April 15, 2007, 8:13 pm
Filed under: Menschliches

„Ja, wie jetzt?“ Mein Geschäftspartner kannte sich nicht mehr aus. Innerhalb kürzester Zeit hatte er Post von vier meiner E-Mail-Adressen bekommen. Und wann immer er mir eine Nachricht schickte – meine Antwort kam von einem ganz anderen Account. Nach einer Woche chaotischen Kommunizierens wusste er wirklich nicht mehr, an welche Adresse er nun die Korrekturen seines Textes schicke sollte.

„Übst du fürs Guinness-Buch der Rekorde … wer die meisten E-Mail-Adressen hat?“, spottete er.
Nein. Natürlich nicht. Ich fürchte, die Diagnose muss ganz anders lauten: Nicht „Jäger und Sammler“, sondern „Multiple Internet-Persönlichkeit“.

Ich habe eine Geschäftsadresse in der Firma. Und eine andere als Privatperson zu Hause. Wobei ich von der Firma aus auf die Privatadresse zugreifen kann, umgekehrt aber nicht. Doch das ist nicht weiter schlimm: Schickt man eine Nachricht an „giora“, meine freemail-Adresse, so leitet diese sie an den privaten und den geschäftlichen Account weiter. Das ist praktisch, denn diese Nachricht erreicht mich dann auf jeden Fall sofort, egal, ob ich nun im Büro sitze oder zu Hause.

Nun bin ich aber nicht nur Geschäftsfrau und Privatmensch, sondern auch ein eifriger Forumsbesucher mit zahlreichen Interessensgebieten und vielen verschiedenen Nicks. Und fast jeder Nick hat eine eigene E-Mail-Adresse.

Meine beiden freundlichen und hilfsbereiten „Beraterpersönlichkeiten“, „Ari“ und „Rose Royce“, teilen sich eine Adresse. Bis jetzt ist es dadurch noch nie zu Konflikten gekommen. Mir ist jedenfalls bislang noch nicht zu Ohren gekommen, dass sie sich deswegen gestritten hätten.

Die burschikose und bissige „Vandam“ rezensiert im Internet Bücher, lästert über das und die Verlagswesen und schreibt Geschichten. Sie muss für Rückfragen erreichbar sein und leistet sich daher den Luxus einer eigenen Anschrift.

Der neugierige „Profi“ ist geschlechtsneutral, nicht besonders auskunftsfreudig über seine Person und widmet sich vor allem dem Branchenklatsch.

Die ernsthafte „Queen“ analysiert Seifenopern und fällt dabei schon mal heftig in den Klugschei**modus. Sie kritisiert Drehbücher, Storylines und Schauspieler und ergeht sich mit Gleichgesinnten in wüsten Spekulationen darüber, wie diese oder jene Handlungsstränge innerhalb einer Serie fortgeführt werden könnten. Oder auf gar keinen Fall fortgeführt werden sollten. Sie braucht als einzige keine eigene E-Mail-Anschrift. Sie benutzt meine private Adresse mit, denn innerhalb kürzester Zeit hat es sich bis zu den Pressestellen der TV-Sender hin herumgesprochen, wer sich hinter diesem Nickname verbirgt.

Es gibt noch ein, zwei andere eher farblose Internet-Persönlichkeiten, die selten nur zum Zuge kommen und immer dann Einsatz finden, wenn’s WIRKLICH anonym zugehen soll. Manchmal stehen sie einander bei. Hat Rose sich in einem Forum in die Nesseln gesetzt, was leider gelegentlich geschieht, kommt einer der Farblosen … neuer Nick, neue Adresse … und stimmt ihr zu. Es gibt so einem Nick einfach ein gutes Gefühl, wenn er mit seinem dummen Geschwätz nicht ganz alleine im world wide web herumsteht.

Mit meinen zehn Internet-Persönlichkeiten bin ich, glaube ich, noch gut dran. Ich kenne zumindest schlimmere Fälle. Zum Beispiel Multinick-Dick mit sage und schreibe 13 verschiedenen Identitäten. Einmal kam’s zu einer unheilvollen Begegnung, als die komplette wilde 13 sich zufällig in einem einzigen Forum traf und sich die halbe Nacht miteinander unterhielt. Ein multiples Selbstgespräch, sozusagen. Das Forum ist seither geschlossen. Zu schockiert waren die Betreiber der Seite über Stil und Inhalt dieser nächtlichen Diskussion. Und das hat bleibende Spuren hinterlassen. Sie sehen sich seit jener denkwürdigen Nacht außerstande, noch einmal ein Forum zu betreuen. Und von dem armen Dicki hat man seither auch nichts mehr gehört. Wir hoffen natürlich, es geht ihm besser, und er kann bald wieder entlassen werden. Das ist ja nun auch schon über ein Jahr her …

Naja, solange alle meine Girls in ihren angestammten Foren bleiben, „Vandam“ sich nicht in die Filmwelt einmischt … die Leute dort sind da so empfindlich … und der naseweise „Profi“ sich aus den Beratungsgesprächen raushält, kann nicht viel passieren. Und dass sie nicht hinterrücks miteinander konferieren und Unfug aushecken, dafür sorge ich schon. Schließlich kontrolliere ich alle ihre Mailboxen!

Wenn Sie noch Fragen haben, lieber Leser, senden Sie einfach ein E-Mail an die Adresse Ihrer Wahl …



Meine Tante Miriam
April 13, 2007, 2:06 pm
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Das Glück ist mit den Schusseligen

In ihren beruflich aktiven Zeiten war meine Tante Miriam eine erfolgreiche, geachtete und manchmal sogar gefürchtete Geschäftsfrau. Sie bekleidete diverse Ehrenämter und füllte diese zur allseitigen Zufriedenheit aus. Ich habe nie begriffen, wie jemandem, der sein Geschäftsleben so gut im Griff hat, zu Hause so viele merkwürdige Pannen passieren können.

Meine Kollegen haben meine Tante Miriam lange Zeit für eine Legende gehalten … für eine Figur wie den Nikolaus oder den Osterhasen. Nur dass sie keine Geschenke bringt, sondern Trost für alle Schusseligen und Zerstreuten dieser Welt. Egal, was einer verbockt hatte, ich wusste zu berichten, meiner Tante Miriam sei noch viel Schlimmeres passiert. Aber ich kann ich Ihnen versichern: Es gibt sie wirklich. So jemanden denkt sich doch kein Mensch aus! Vielleicht hatte sie ja immer den Kopf so voll mit Firmen- und Familienangelegenheiten, dass sie nie ganz bei der Sache war. Vielleicht passieren aber auch anderen Leuten so komische Sachen, nur Miriam schämt sich nicht dafür, sondern erzählt es sogleich kichernd ihren Freunden und Verwandten.

Die Sache mit dem Kuchen, zum Beispiel. Am Sonntagabend, kurz vorm „Tatort“, hatte sie noch die spontane Idee, einen Gugelhupf für die Vereinssitzung am kommenden Tag zu backen. Die Zutaten waren schnell zusammengerührt und die Backform in den Herd geschoben. Dann war’s aber auch schon Zeit für den Fernsehkrimi. Miriam setzte sich zunächst nur auf die Armlehne des Sessels, um nur ja nicht zu vergessen, dass in der Küche noch der Kuchen auf sie wartete. Auf die Idee, die sich einen Wecker zu stellen, kam sie nicht. Der Krimi war viel versprechend, und nach einer Weile machte sie es sich doch bequem. Allzu groß kann die Spannung aber nicht gewesen sein, sonst wäre sie nicht eingeschlafen – und Stunden später von Qualm und Gestank geweckt worden. Himmel, nee, der Kuchen! Aber da war natürlich schon alles zu spät. Der Gugelhupf war nur noch ein Brocken Kohle, die Gugelhupfform im Eimer und die Wohnung total verqualmt. Nach Abschluss der wichtigsten Notfallmaßnahmen sah Miriam ihren verkohlten Kuchen an, schüttelte den Kopf und meinte: „Nee, also mit dir kann ich mich morgen nicht sehen lassen!“

So etwas kann natürlich mal passieren. Aber unsere Familiengeschichten sind voll von Miriams verkohlten Kuchen und Braten. Ihre legendäre Schusseligkeit in der Küche hat sogar mal ein Todesopfer gefordert: Den Kanarienvogel „Caruso“. Sie hatte eine Teflonpfanne auf dem Herd stehen lassen und vergessen, die Platte abzudrehen. Als sie nach Stunden von einem Geschäftstermin wiederkam, hatten sich durch die Hitze Dämpfe gebildet, die den armen Caruso in seinem Käfig vergiftet hatten. Pfanne kaputt, Herdplatte kaputt, Vogel tot. Da ist Miriam das Lachen vergangen. Als sie ihrem Sohn am Telefon von dem Malheur berichtete, rief er entsetzt aus: „Aber Mutti, da hätte ja das ganze Haus abbrennen können!“ Und er erwog ernsthaft, sich wieder zurück nach Deutschland versetzen zu lassen, um daheim etwas mehr nach dem Rechten sehen zu können. Miriam war in jungen Jahren schon verwitwet, und seit ihr einziger Sohn im Ausland lebte, bewohnte sie das große Haus allein.

Es ist zum Glück nie ernsthaft was passiert. Die Schusseligen müssen wohl einen speziellen Schutzengel haben. So sorglos wie sie in der Küche hantiert, ist Miriam nämlich bis zum heutigen Tage auch mit Medikamenten. Sie hat garantiert noch nie in ihrem Leben einen Beipackzettel gelesen, weil sie der festen Überzeugung ist, dass sie sich alles merken kann, was Arzt und Apotheker ihr erzählen. Oftmals geht das allerdings schief. Manchmal nimmt sie nur einen Bruchteil der vorgeschriebenen Dosis und wundert sich, warum die Medizin nicht hilft. Sie nahm auch schon versehentlich die mehrfache Dosis eines Präparats und landete im Krankenhaus. Unvergessen auch die Story, als sie bei uns zu Besuch war und sich eine Kopfschmerztablette aus unserem Medikamentenschrank nehmen wollte. Irgendwas hat sie wohl verwechselt – jedenfalls erwischte sie die das Diabetes-Medikament meines Vaters. Wenn meine Mutter die Anzeichen von Unterzucker nicht so gut gekannt und Miriam flugs Traubensaft eingeflößt hätte, als sie Symptome zeigte, hätte auch das ganz übel ausgehen können. Miriams Antwort, wie in allen Katastrophenfällen, lautete: „Oh, ich weiß auch nicht, wie das geschehen ist!“

Harmlos war da vergleichsweise die Panne mit dem Haarfärbemittel. Meine Tante Miriam hatte gerade eine Mischung aus Farbpaste und Entwickler angerührt, als das Telefon klingelte und eine Freundin ihr eine lange und interessante Geschichte erzählte. Als das Gespräch beendet war, sah Miriam auf die Uhr – nun lohnte es sich auch nicht mehr, mit dem Haarfärben anzufangen. Sie hatte noch einen Termin und beschloss, die Färbeaktion auf den Abend zu verschieben. Nun steht zwar kuhgroß auf jeder Haarfärbepackung, dass man fertige Mischungen nicht aufbewahren soll, aber Gebrauchsanweisungen liest Miriam ja genau so wenig wie Beipackzettel. Seit jenem denkwürdigen Tag weiß sie aber aus eigener Erfahrung, was passiert, wenn man gegen diese Anweisung verstößt: Die Mischung reagiert chemisch miteinander und erwärmt sich, das Plastikfläschchen zerreißt, und das ganze Bad ist von oben bis unten mit Haarfärbemittel voll gespritzt. So kam sie zu einer außerplanmäßigen Komplettrenovierung ihres Badezimmers.

Die einzige Story, die ihr wirklich ein bisschen peinlich ist, ist die mit dem verlegten Geld. Ihre Finanzen hat sie, wie gesagt, stets tipptopp in Ordnung. In Buchführung macht ihr so schnell keiner was vor. Aber Bargeld ist eben auch nur „Materie“, und Materie hat’s bei Miriam nun mal nicht leicht. Aus irgendeinem Grund hatte sie einen größeren Bargeldbetrag zu Hause, den sie demnächst mit zur Bank nehmen wollte. Erst steckte das Geld im Geldbeutel, aber so viel wollte sie nicht mit sich herumtragen. Also legte sie es in einem Umschlag in ihren Schreibtisch. Aber wenn nun eingebrochen würde? Im Büro würde man doch als allererstes nach Bargeld suchen! Sie beschloss also, für die Scheine ein sicheres Versteck zu finden.

Sie ahnen es sicher schon, liebe Leser: Das Versteck, das sie gewählt hatte, war schließlich so genial, dass sie das Geld selbst nicht mehr fand. Über eine Woche lang hat sie nach den Scheinen gesucht, die ganze Verwandtschaft mit dem verschwundenen Betrag rebellisch gemacht und zwischendurch schon erwogen, zur Polizei zu gehen. Das unauffindbare Geld konnte ja tatsächlich gestohlen worden sein. Schließlich fand sie es doch wieder… sie hatte die Scheine aus dem Kuvert genommen und im Küchenschrank in einem großen Kaffeebecher zusammengerollt. Daneben lag immer ihr Geldbeutel. Das sei praktisch, hatte sie sich beim Verstecken gedacht. Da könnte sie das Geld aus der Tasse nehmen, es in den Geldbeutel umpacken und damit schnell zur Bank huschen. Was sie dann auch umgehend tat.

Es gäbe noch vieles zu erzählen. Wie sie sich in England und den USA durchwurstelte, ohne Englisch zu können. Was sie in Ungarn und Italien erlebte, denn Reisen gehört zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Was sie eines Tages Erschreckendes in ihrem Garten fand und wie sie zu einem späten Glück mit ihrem zweiten Ehemann kam. Über meine Tante Miriam könnte man Bücher schreiben! Den Besuch bei der Wahrsagerin sollte man vielleicht noch erwähnen. Da war sie gerade mal 18, und die Dame prophezeite ihr, sie werde mit 48 Jahren sterben. „Ich denke ja gar nicht daran!“, hatte Miriam energisch erwidert und war aus dem Jahrmarktszelt gestürmt. Sie war eben damals schon resolut und eigenwillig. Und in der Tat, die Prophezeiung blieb unerfüllt – in diesem Jahr wird Tante Miriam 80. Ich wünsche ihr noch ein langes, gesundes und ereignisreiches Leben. Und mögen alle ihre Pannen harmlos sein!

Erschienen bei http://www.feierabend.com



Mit der weiten Welt verbunden
April 13, 2007, 8:20 am
Filed under: Menschliches

Wenn Jerusalem ruft und der Kater die Faxe schreddert

Auch wenn’s vielleicht komisch klingt: Mein erklärter Lieblingsplatz ist der Platz an meinem Schreibtisch bei uns zu Hause. Nicht, daß ich nun arbeitswütig wäre oder über die Maßen ehrgeizig … das bestimmt nicht! In meinem Arbeitszimmer wird ja auch nicht nur gearbeitet. Es hat vielerlei Funktionen. Natürlich entstehen dort auch Texte, mit denen ich mein Geld verdiene. Aber genauso Beiträge wie dieser hier, den ich einfach nur aus Spaß an der Freude schreibe.

Es ist kein nüchterner Büroraum, in dem ich da sitze, sondern ein gemütlich-kruschteliges Zimmer mit Aus-sicht ins Grüne. Den Schreib-tisch hat mein Vater für mich gebaut, nach Maß, damit auch so ein langes Elend wie ich bequem daran sitzen kann.

Der Raum quillt über vor Büchern, und wenn doch mal ein paar regalfreie Quadratzentimeter Wand zu sehen sind, hängt da garantiert ein Bild. Entweder ein selbst gemaltes – ganz alte Leute können sich erinnern, daß ich früher mal Zeit für so was hatte – oder eins von befreundeten Künstlern.

Manchmal wird der Arbeitsplatz auch zur Welt-Tratsch-Zentrale. Wenn das Telefon klingelt und ich die Beine hochlege, weiß meine Katze schon: „Das kann nix Geschäftliches sein, das dauert länger!“. Dann springt sie hoch und macht es sich auf meinem Schoß bequem. Recht hat sie … denn bis ich über all die aktuellen Freuden, Sorgen und Neuigkeiten von Familie und Freunden informiert bin, kann das unter Umständen dauern.

Wenn’s bei mir auf dem Schreibtisch piept, dann wird auch der Kater wach. Das heißt nämlich, daß ein Fax eingeht. Und Faxe liebt er. Sie knistern so schön und lassen sich wunderbar zu Konfetti verarbeiten. Wir haben uns im Lauf der Jahre so geeinigt: Ich kriege die Nachrichten und er die ausgedruckten Protokolle. Die darf er dann als Beute wegtragen und in aller Ruhe in tausend Fetzen reißen. Und damit er sich auch in meiner Abwesenheit an diese Abmachung hält, haben wir das Faxgerät in einen Käfig gesperrt. Selbstbedienung fällt also flach. Es ist mir nur ein einziges Mal passiert, daß ich den Absender um ein Zweitfax bitten mußte, weil der Kater das Original geschreddert hatte.

Hier in meinem „Home Office“ gehen auch die E-Mails ein, die Nachrichten, die mir Freunde und Verwandte aus aller Welt per Internet schicken. Das kleine Zimmer in Nellingen wird dadurch quasi mein „Fenster zur Welt“. So bekomme ich zum Beispiel hautnah mit, was es heißt, als Entwicklungshelferin in Mozambique tätig zu sein – durch die Nachrichten, die mir meine Cousine aus Maputo schickt. Elke schreibt mir aus Jerusalem, Elisabeth meldet sich aus Tanger, Tina von den Bahamas. Nicht immer sind es lange Briefe, oft nur kurze Meldungen. Und ich freue mich über die „Momentaufnahmen“ aus dem Leben meiner Freunde. In einigen Ländern ist die Post so unzuverlässig und das Telefonieren teuer, da sind gelegentliche E-Mails die beste Lösung, um in Verbindung zu bleiben.

Auf dem Bildschirm erscheint gerade ein Bewerbungsschreiben, das meine Münchner Freundin an eine Firma senden will. Sie hat es mir vorab zur Prüfung geschickt. Schnell werfe ich einen Blick darauf, füge noch ein paar Korrekturen und Änderungsvorschläge ein und maile den Text zurück. Im Internet habe ich noch ein interessantes Jobangebot für sie gesehen, das schicke ich ihr rasch hinterher. Die Kurzgeschichten, die mir eine befreundete Autorin aus Gera per E-Mail gesandt hat, werde ich später lesen und beurteilen. Sie sehen: Vom Tratsch- zum Dienstleistungszentrum ist es manchmal nur ein kleiner Schritt.

Daheim zu sein und doch mit der weiten Welt verbunden, das genieße ich.

Gelegentlich wird mein „Büro“ jedoch auch gänzlich zweckentfremdet: Ich stelle mein Bügelbrett dort auf und arbeite die Wäscheberge ab. Und weil ich auch einen kleinen Fernseher in dem Raum habe, kann ich mir dabei ungehemmt irgendwelche hinrissigen Seifenopern oder peinlichen Talkshows ansehen … Programme, die mein Partner von Herzen haßt. So ist dieser Lieblingsplatz nicht zuletzt auch ein Freiraum für mich, und ich möchte ihn um nichts in der Welt missen.

1999 erschienen in der Eßlinger Zeitung in der Serie „Mein Lieblingsplatz“