Wahnsinn im Alltag


Cooniebert hat Impftermin
Januar 15, 2009, 4:48 pm
Filed under: Tierisches

Es gibt nur wenige Momente im Leben, in denen ich es bereue, statt kleiner, pflegeleichter Hauskatzen große, kräftige und eigensinnige Maine Coon-Kater zu halten. Wenn einer von ihnen zum Tierarzt gebracht werden muss, ist das so ein Moment.

Die Hauskatzen, die wir früher hatten, konnte man sanft in ihre Transportboxen bugsieren, zum Doktor bringen und fertig war die Laube. Mit Kater Cooniebert geht das nicht. Wenn er großzügig ist, darf man ihn streicheln und knuddeln. Wenn er supergut aufgelegt ist, darf man ihn sogar kämmen. Aber nur da, wo’s nicht ziept. Aber ihn hochheben und irgendwo hin verfrachten, wo er gar nicht hin will, das geht auf gar keinen Fall. Genau das müssen wir aber jetzt tun, denn auf dem Kalender in der Küche steht’s schwarz auf weiß: Cooniebert hat heute seinen jährlichen Impftermin.

Der Plan ist genial einfach: Mein Mann holt klammheimlich die Transportbox aus dem Keller und deponiert sie im Treppenhaus. Dann fängt er Cooniebert ein, ich öffne die Wohnungstür, er schiebt den Kater in die Box, macht die Boxentür zu und los geht’s. So weit die Theorie.

Die Praxis gestaltet sich ungleich schwieriger. „Ich geh jetzt mal in den Keller“, sagt der Gatte verschwörerisch. Cooniebert sitzt auf dem Blumentischchen auf dem Balkon und kriegt nichts davon mit. Da bräuchte man ihn eigentlich nur herunterzuheben, ins Treppenhaus zu tragen und in die Box zu expedieren …

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Hat er die Transportbox klappern gehört? Kann er sie riechen? Oder kann er Gedanken lesen und hat das Stichwort „Tierarzt“ erhascht? Vielleicht hat er ja auch den Kalendereintrag gelesen. Als mein Mann den Balkon betritt, reißt Cooniebert jedenfalls die Augen auf, sträubt das Fell und flüchtet ins Haus. So schnell können wir gar nicht gucken, wie er unterm Sofa sitzt, natürlich in der hintersten Ecke.

Auweh! Cooniebert hat Lunte gerochen. Das gibt wieder eine Katzenhatz durchs ganze Haus.

Das Sofa ist zum Glück leicht, das kann man zu zweit hochheben und versetzen. Was natürlich für die Katz ist, weil Cooniebert nicht darauf wartet, bis seine Deckung verschwunden ist und er aufgegriffen werden kann. Das Sofa schwebt gerade ein paar Zentimeter über dem Boden, da zischt er darunter hervor und springt in die unterste Etage des Wohnzimmerschranks. Eine Holzschale, ein Kerzenleuchter und eine Tonfigur krachen zu Boden. Die ersten Scherben.

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Vom Regal aus geht’s direkt auf den Kratzbaum und von dort auf das oberste Brett des Bücherschranks. Hinter den historischen Romanen verschwindet er. Das ist kurz unterhalb der Zimmerdecke. So groß sind wir beide nicht, dass wir ihn da ohne Hilfsmittel herunterpflücken könnten. Ich gehe und hole eine Trittleiter. Mein Mann steigt hoch und beginnt, Bücher abzuräumen, um an Cooniebert heranzukommen. Vorne räumt er – und hinten räumt Cooniebert – und zwar im Flug. Der Kater springt vom Regal auf den Kratzbaum und reißt ein paar Bücher mit. Ein paar wuchtige Hardcover-Bände krachen aufs Parkett.

Cooniebert flüchtet ins Schlafzimmer. Der Gatte sprintet hinterher. Als der Kater übers Bett flüchten will, hat er ihn. Cooniebert kreischt, kratzt und wehrt sich und hinterlässt fingerlange blutige Schrammen am rechten Unterarm seines Menschen. (Die Narben sieht man heute noch.)

Endlich sitzt der Kater in der Box. Leider schaffen wir es nicht, die Boxentür rechtzeitig hinter ihm zu schließen. Cooniebert windet sich wie ein Aal und entkommt aus dem Kennel. Also drehen wir noch mal eine Ehrenrunde. Flur, Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer … Toll! Wenn das so weitergeht, wird das mit dem Impfen heute nichts mehr. Die Praxis macht bald zu.

Nach eineinhalb Stunden wüster Katzenhatz geht Cooniebert uns im Schlafzimmer endgültig „ins Netz“. Der halbe Haushalt ist zerlegt, wir sind verschwitzt, derangiert, blutig gekratzt und mindestens so erschöpft wie der Kater. Raubtier gefangen, Boxentür geschlossen. Mein Mann zieht seine Jacke an und trägt seinen wehrhaften Kampfkater zur Tierarztpraxis.

Keine Viertelstunde später sind sie wieder da.
„Sag bloß, die Praxis war geschlossen!“, rufe ich entsetzt.
„Nein, nein“, beruhigt mein Mann mich. „Wir sind schon fertig. Wir waren derart spät dran, dass kein Mensch mehr im Wartezimmer war. Er ist geimpft und alles. Es ging ganz schnell.“

Er setzt die Transportbox ab und entlässt den geplagten Cooniebert wieder in die Freiheit. Erleichtert verlässt der Kater sein Gefängnis, geht erst mal aufs Katzenklo, marschiert dann in die Küche und verputzt ein Schälchen Nassfutter. Danach stakst er ins Wohnzimmer und bettet sich mit einem tiefen Seufzer zur Ruhe. In der Transportbox.


3 Kommentare so far
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„in der transportbox“ …….. ich werd nicht mehr! oh gott, mir tut der bauch weh vor lachen!

allein schon der vergleich theorie – praxis ist pure freude zum lesen. aber dann das ende – ich krieg mich nicht mehr ein… *lachtränenausdenaugenwisch“

Kommentar von cornelia

Hallo Edith,
zu dem Thema „Kater kann Gedanken lesen“ kann ich nur sagen, sie könnens! Wenn ich nur „Kamm“ denke, haut mein Jack schon ab, denn kämmen ist für ihn das Schlimmste schlechthin.
Ansonsten hat mich der Artikel „mit Cooniebert zum Impfen“ sehr amüsiert. Tipp: vor der Katzenhatz Wohnzimmertüre schließen!
Liebe Grüße
Gisela

Kommentar von Gisela Fritz

[…] Naja, wenn Frau Dr. meint … schaden kann es ja nicht. Allenfalls unserem Hausrat und unseren Händen und Unterarmen, denn wie ich aus Erfahrung weiß, wird sich „der Bertl“ wieder bis zu unserem letzten Blutstropfen zur Wehr setzen. Ich denk da an unsere Geschichte „Cooniebert hat Impftermin“, die man hier nachlesen kann: https://edithnebel.wordpress.com/2009/01/15/cooniebert-hat-impftermin/ […]

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