Wahnsinn im Alltag


Wolfgang Brenner: Bollinger und die Friseuse. Ein Grenzfall
April 23, 2007, 7:41 pm
Filed under: Bücher

Wolfgang Brenner: Bollinger und die Friseuse. Ein Grenzfall

* Verlag: Dtv (April 2007)
* Broschiert: 233 Seiten
* ISBN-10: 3423245794
* ISBN-13: 978-3423245791
* Preis: EUR 12,-

Über den Autor
Wolfgang Brenner, geb. 1954 in Quierschied/Sar, lebt als freier Journalist und Autor in Berlin und im Hunsrück. „Bollinger und die Friseuse“ ist der erste Band einer Reihe von „Grenzfällen“, die Felix Bollinger in dem fiktiven deutsch-französischen Grenzort Schauren zu lösen hat.

Klappentext
Eigentlich ist Schauren ja viel zu klein für Felix Bollinger. Auf der linken Seite der Hauptstrasse eine Boulangerie, ein winziger Supermarché und ein paar heruntergekommene Läden, auf der rechten schmucke Häuser mit farblich darauf abgestimmten Geranien, ein Baumarkt mit einem Parkplatz so groß wie ein Fußballfeld und sogar ein Aldi.

Jahrelang haben sich Franzosen und Deutsche darum gestritten, welcher Nationalität der Revierleiter der dortigen europäischen Polizeistation haben soll. Nun endlich hat man sich geeinigt und Felix Bollinger in den verschlafenen Grenzort versetzt.

Nach einer tödlichen Panne muß die große Hoffnung des höheren Polizeidienstes leider wieder von unten anfangen. Und das mit zwei verschrobenen Dorfpolizisten an seiner Seite, unter denen bisher die Anarchie geblüht hat.

Ein Glück, daß in der deutsch-französischen Doppelgemeinde bisher kaum etwas passiert ist. Belastbar ist Felix Bollinger nämlich auch nicht, und da er seine berufliche Kompetenz vor allem durch Lektüre erworben hat, ist er in der praktischen Polizeiarbeit etwas hilflos. Anfangs glaubt er noch, mit der Dorfbevölkerung klarzukommen. Angespornt von Lotte, der betörenden Gattin des mächtigen Bürgermeisters Pierre Brück, tappt er jedoch in die unsichtbaren Fallgruben der Provinz, als er sich in den Kopf setzt, den Fall des Friseurs Georges Niederbronn noch einmal aufzurollen, der sich an seinem minderjährigen Lehrmädchen Lydia vergriffen haben soll.

Meine Meinung
Ich habe noch nie von Wolfgang Brenner gehört oder gelesen, doch der Klappentext hört sich mal nach etwas anderem an als das Übliche und so habe ich mich neugierig auf das Experiment der „deutsch-französischen Polizeistation“ eingelassen. Seltsam sind die Leute da. Voller Vorurteile. Aber jenseits der Grenze sieht es auch nicht anders aus. Auch der nächste Ort, Ramwiller, ist nicht besser. Noch dazu sehen die Schaurener mit Abscheu auf die Ramwillerer hinab – und natürlich umgekehrt. Aber gut, sowas kenne ich ja gut aus der alten „Städtefreundschaft“ Nürnberg – Fürth.

Bollinger kommt nach einer von ihm verursachten tödlichen Einsatzpanne – sozusagen als Strafversetzung nach Schauren. Und es ist weiß Gott eine Strafe, dorthin zu kommen: seine beiden neuen Kollegen, die dort bereits Dienst schieben, sind genauso verschroben und eigenwillig – auch in ihrer Dienstauffassung – wie die anderen Einwohner. Noch dazu hatte sich einer der beiden selbst Hoffnungen auf den Posten des Revierleiters gemacht. Kein leichter Einstand für Bollinger, der von der „echten“ Polizeiarbeit auf der Straße nicht allzuviel Ahnung zu haben scheint.

Der Fall selbst ist ein wenig verworren – nichts scheint erst so, wie es ist – und am Ende sieht alles gaaaaanz anders aus. Eigentlich ist dieser Krimi kein wirklicher Krimi, denn der Ermittlungsarbeit des kuriosen Trios werden immer wieder ihre Grenzen gesetzt. Dennoch kommt es am Schluß zu einem doch etwas unerwarteten Ergebnis. Doch das müßt ihr bei Interesse schon selbst nachlesen.

Ein unterhaltsames Buch, kein wirklicher Krimi meines Erachtens nach, aber wenn es der Einstieg in eine Reihe um Bollinger und seine chaotischen Kollegen ist, dann ist was wiederum in Ordnung so. Jetzt kennt man die Schaurener und weiß, was man von ihnen zu erwarten hat. Hoffentlich weiß das auch Felix Bollinger.

Rezensentin: Batcat

Mit freundlicher Genehmigung von http://www.buechereule.de



Arbeitszeitverkürzung – ein Gutmenschen-Traum
April 23, 2007, 7:47 am
Filed under: Wahnsinn im Alltag

„Würde jeder mit einer ganzen Stelle auf nur zwei Stunden pro Woche verzichten, könnten mehr Arbeitslose beschäftigt werden,“ schrieb in der vergangenen Woche eine Alt-68-erin in einem großen deutschen Nachrichtenmagazin.

Ach, wie süüüüß! Arbeitszeitverkürzung als Lösung der Arbeitslosen-Problematik! Der alte Traum der Theoretiker, Gewerkschafter, Sozialromantiker und Milchmädchen. Wenn das funktionieren würde, wäre die 35-Stunden-Woche ja der Brüller schlechthin geworden. Die Wahrheit schaute allerdings ganz anders aus. Und tut es noch immer.

Hat diese 68-erLady, die in ihrem Leserbrief so von ihrer Arbeitszeitverkürzung schwärmt, mal hingehört, was ihre Kolleginnen und Kollegen dazu meinen? Wenn der fragliche Betrieb nicht eine krasse Ausnahme darstellt, hat man nämlich für die ehemals Vollzeit arbeitende Kollegin, die nun nur noch 28 Stunden pro Woche in der Firma einrückt, mitnichten einen Arbeitslosen eingestellt, sondern die Arbeit auf die traurigen Hinterbliebenen verteilt. Arbeitsverdichtung nennt man das.

Das ist auch der Grund, warum ich den Teufel tun und meine Arbeitszeit reduzieren werde. Liebend gerne würde ich von der o.g. Milchmädchenrechnung profitieren, auf einen Teil der Kohle verzichten und ein bisschen Lebensqualität gewinnen, indem ich z.B. freitags nicht in der Firma arbeite, sondern meinen privaten Kram erledige.

Eine gute Bekannte von mir hat auch schon mit dem Gedanken gespielt, dann aber in einem jähen Anflug von Pragmatismus gemeint: „Schau dich doch um unter den Kolleginnen, die mit einem Teilzeitvertrag aus der Elternzeit zurückgekommen sind. Was ist passiert? Sie müssen das, was sie seither in 5 Arbeitstagen geleistet haben, jetzt in 3 oder 4 schaffen. Für weniger Kohle. Und das ist ja nicht Zweck der Übung.“

Recht hat sie.

Es ist übrigens erstaunlich, wie enorm sich Arbeit verdichten lässt. Eine Kollegin hat mir neulich vorgerechnet, dass sich ihr Zuständigkeitsbereich in den letzten zehn Jahren verachtfacht hat. Ich habe beobachtet: Die Bereiche, die wir zu betreuen haben, haben sich in den letzten 15 Jahren verdoppelt, das Personal nahezu halbiert. Wenn das dann wirklich nicht mehr zu schaffen ist, wird „outgesourct“, die nachfolgenden Fremdfirmen zu Sonn- und Feiertagsschichten verknackt um das vorne Versäumte wieder aufzuholen – oder noch ein bisschen schneller und noch ein bisschen schlampiger gearbeitet. Das muss dann halt reichen, so rein qualitativ.

Das kann man dann treiben, bis der Arbeitsbereich sowieso aus Kostengründen nach Indien oder in die Ukraine verlegt wird, bis der Laden pleite ist – oder bis die Heuschrecken einfliegen. Und in all diesen Fällen muss man sich um das Thema „Arbeitszeitverkürzung“ in der Regel keine Gedanken mehr machen. Dann ist man schneller auf Null als man gucken kann …



Die Mode-Polizei rät
April 20, 2007, 12:54 pm
Filed under: Menschliches

„Mensch Evi“, sage ich zu meiner Kollegin. „Jetzt haste echt grad was verpasst! Du wirst es nicht glauben: Die Susi aus der Buchhaltung ist heut in T-Shirt und RADLERHOSEN ins Büro gekommen!“
„Radlerhosen!“ Evi staunt. „Abgesehen davon, dass das an der Susi garantiert besch…eiden aussieht: Wer hat ihr bloß erzählt, dass so was Berufskleidung ist?“
„Ein Fahrradkurier?“, vermute ich.
„Ja. Oder ein Radrennsportler.“
„Dann hat eine Fredl da aus der Graphik seine Modetipps wohl auch auf dem Sportplatz aufgeschnappt“, schlussfolgere ich. „Sieht ja immer heiß aus, wenn er sommers mit seinen Adidas-Shorts hier einläuft. Hat der keine Angst, dass er mal unversehens zum Kunden muss? Oder zur Geschäftsleitung? Du warst ja damals dabei, als ich plötzlich in Motorradklamotten vor der amerikanischen Geschäftsleitung stand und diese Präsentation halten musste. Die haben vielleicht geschaut! Saupeinlich war das! Nee, das passiert mir kein zweites Mal!“
Evi lacht. „Ja, das war in der Tat ein Brüller“.
Und wir sind uns einig:

Sportbekleidung gehört auf den Sportplatz.

„Die richtig wüsten Stylingsünden kommen immer erst im Sommer zum Tragen“, stellt Evi fest. „Und zwar, wenn die Leute anfangen, sich zu entblättern. Da siehst du dann in den Büros auf einmal Shorts in allen Rassen und Farben, Dekolletees, durch die du bis zu den Schuhbändern gucken kannst, bunte Unterwäsche unter weißen Klamotten, katzengraue BH-Träger, die am Ausschnitt vorblitzen – oder, schlimmer noch – die parallel zu Spaghettiträgern verlaufen.“
„Oder gar keinen BH, obwohl ganz offensichtlich einer notwendig wäre“, ergänze ich. „Das ist dann wirklich nicht sehr professionell“.
„Jedenfalls nicht in einem Bürojob.“

Unterwäsche sollte im Verborgenen wirken.

„Sind wir vielleicht spießig?“, überlege ich.
„Nee, nicht wirklich“, meint Evi und grinst. „Ohne Witz jetzt: Ich glaub‘, mit spießig hat das nix zu tun. Es ist mehr eine Frage dessen, ob eine bestimmte Kleidung dem Umfeld angemessen ist. Ja, und manchmal ist das halt nicht der Fall, und dann wird’s leicht peinlich. Zudem stellt sich die Frage, ob man ernst genommen wird, wenn man derart angefrödelt zur Arbeit erscheint. Oder kannst du dir eine Aufsichtsratsvorsitzende im bauchfreien Top vorstellen?“
„Am Strand?“
„Im Büro, du Nuss!“
Die Vorstellung reizt mich zum Kichern. „Nee! – Bei einer Praktikantin oder Azubine ist das vielleicht noch was anderes. Aber eine Chefin …?“ „Siehste“, sagt Evi und nickt. „Erst neulich hab ich gelesen: ‚Entweder süß und sexy – oder leiten und führen‘.“

Halbnackt ist voll daneben.

„Aber wir müssen jetzt nicht alle in Sack und Asche gehen?“
„Quatsch! Zwischen Sack und Asche und halb nackig ist noch jede Menge Spielraum um was Passendes zu finden.“
„A propos ,passend'“, sag ich, „manchmal möchte ich die Leute am liebsten fragen:

Gibt’s die Klamotten auch in deiner Größe?

Es sieht einfach affenhässlich aus, wenn der die Hose oder Shirt ein bis zwei Nummern zu klein sind und überall der Speck rausquillt.“
„Oh ja, sehr ordinär! Das Ganze noch in Glitzer- oder Knallfarben, und du siehst aus wie eine gestauchte Mettwurst in Geschenkpapier.“
Wir kichern wie die Teenager und laufen so langsam zur Höchstform auf.

„Und was ist zum Beispiel mit Christels kitschiger Landhausmode? Oder mit Bärbels violett gefärbten Haaren?“, will ich wissen. „Kommt da auch die Mode-Polizei?“
Evi überlegt einen Moment. „Nun ja – eine Vorstandsvorsitzende mit lila Haaren oder mit Dirndl, das wäre nicht denkbar. Businesslike ist das gerade nicht. Andererseits: Christel geht in 5 Jahren in Rente, die muss hier nichts mehr werden. Also kann sie rumlaufen, wie sie will, das hat keinerlei Konsequenzen mehr. Und Bärbel hat eine Teilzeitstelle im Callcenter. Mit einer Dreitagewoche ist eh keine Karriere zu machen. Telefonieren kann sie wie ein Engel, da darf sie wohl auch lila Haare haben. Das fällt dann vermutlich unter die Rubrik:

“Geschmacksache‘, sagte der Affe und biss in die Seife.“

„Gilt das auch für Arthurs gruselige Fischkrawatte? Und was ist mit karierten Socken? Mit der Pferdeschwanzfrisur vom Werbeleiter? Nicht zu vergessen: Tommys unsägliches Hunde-Sweatshirt! Und die „Uniform“ von meinem Bruder: Vollbart, ausgebeulte Cordhosen, prähistorische Karo-Hemden und Jesuslatschen.“
„Dein Bruder ist Lehrer“, sagt Evi. „Die folgen einem ganz eigenen Dresscode. Genau wie die Leute im Kreativ-Bereich. Aber was die Fischkrawatte und ähnlich lächerliche Entgleisungen angeht: Fünf Strafpunkte im Bundesdeutschen Zentralregister für Stylingsünden!“
„Und kann man das Konto dann mit einer Stilberatung wieder auf Null setzen?“
„Ja“, sagt Evi. „Aber erst ab 15 Punkten. Und wenn man 25 angesammelt hat, ist ein vorläufiger Karrierestopp fällig. – Oh, guten Morgen Fritz!“ „Guten Morgen die Damen!“

Wir können nicht anders: Wir mustern ihn von oben bis unten.
„Hippiefrisur“, konstatiert Evi, als Fritz um die Ecke gebogen ist. „Und Comic-Socken mit Peanuts-Motiven“, füge ich kopfschüttelnd hinzu. „Au weia! Wenn das die Mode-Polizei sieht!“
„Ui, gaaanz böse Sache! Das gibt mindestens zehn Punkte!“
„Armer Fritz!“

Kichernd gehen wir an die Arbeit. Genau im richtigen Moment, denn just in dieser Sekunde streckt unser Chef den Kopf zur Tür herein.
„Guten Morgen miteinander! Ich will euch nur sagen, dass Joe und Grace morgen im Hause sind. Wir besprechen die Quartalsplanung. Vermutlich wird euch das nicht weiter tangieren, aber es kann immer mal sein, dass ihr kurz reingerufen werdet, wenn sie Fragen haben. Zieht euch also ein bisschen was Formelles an.“ Mich trifft ein mahnender Blick aus stahlgrauen Augen: „Und du kommst morgen wohl besser mit der Bahn. KEINE MOTORRADKLUFT.
Verstanden?“
„Äh … ja, Chef. Geht klar“, stottere ich nach einer Schrecksekunde.
Aber das hat er schon nicht mehr gehört.



Christine Spindler: Love Takes a Detour – Liebe auf Umwegen.
April 19, 2007, 4:58 pm
Filed under: Bücher

Ein deutsch-englischer Liebesroman aus der Reihe „Girls in Love“. Englischlernen mit Spaßgarantie!

Christine Spindler: Love Takes a Detour – Liebe auf Umwegen. München 2006, Langenscheidt, ISBN: 978-3468204715, flexibler Einband, 159 Seiten, Format: 11 x 18 x 1,1 cm, EUR 7,95.

„Ich weiß nicht, wie man um einen Jungen kämpft“, stellt die 14-jähige Nike Klapdor fest. „Ich weiß nur wie man mit einem Jungen kämpft.

Ihre Freundinnen wundert das nicht, besteht doch der Klapdorsche Haushalt überwiegend aus Männern: aus dem exzentrischen Großvater, aus Nikes Vater und ihren drei Brüdern. Nikes Mutter ist Opernsängerin und viel unterwegs. Derzeit lebt und arbeitet sie in Mailand.

Damit die Kids und der spleenige Opa nicht „allein und unbeaufsichtigt rumhängen“, haben die Eltern ein englisches Au-pair-Mädchen engagiert. Nike freut sich schon sehr auf weibliche Verstärkung – und fällt aus allen Wolken, als sich Au pair Chris als junger Mann entpuppt.

Nikes Freundin Annika, die bisher eher auf Spinnen und Totenköpfe stand, ist sofort Feuer und Flamme für den sympathischen Briten. Doch Chris ist nur nach Deutschland gekommen, um seiner Freundin Juliet nahe zu sein, die ebenfalls als Au pair in der Stadt ist. Aber das kann Nike ihrer verliebten Freundin unmöglich sagen.

Auch Nikes Freundin Cathy – ihre Klassenkameradin aus der Zeit, als die Familie in London lebte – hat Liebeskummer. Im Chat und per E-Mail tauschen sich die beiden Mädchen darüber aus. Cathy steht auf den Musiker Jamie, doch ihre Mutter, eine Werbetexterin, die die Werbeslogans immer sofort ausspricht, wenn sie ihr einfallen, bringt mit dieser Marotte den jungen Mann derart in Verlegenheit, dass er die Flucht ergreift.

Alle Welt scheint verliebt zu sein, selbst Opa wandelt auf Feiersfüßen und auch Nikes Sandkastenfreund und Aikido-Kumpel Marco ist verknallt. Nur die burschikose Nike scheint gegen diesen Bazillus immun zu sein. Aber warum ist es ihr dann so gar nicht Recht, wenn sie Marco mit ihrer Freundin Gina Händchen halten sieht?

Ein Psychotest aus einer englischen Mädchenzeitschrift bringt es an den Tag: Nike liebt Marco! Aber Marco liebt Gina. Oder etwa nicht …?

Bis jeder Topf seinen Deckel gefunden hat, gibt es noch jede Menge urkomischer Verwicklungen. Oder wie sonst sollte man es bezeichnen, wenn Nike den britischen Au-pair- Boy in bizarrer Verkleidung verfolgt und observiert? Oder die skurrilen Szenen beschreiben, die entstehen, wann immer Cathy versucht, sich bei ihrem Schwarm Jamie für das sonderbare Verhalten ihrer Mutter zu entschuldigen? Auch die „Love is in The Air-Party“ bei Marcos Tante Hella hat zweifellos ihre Momente. Und natürlich die Grillparty bei Klapdors, die ein wenig aus dem Ruder läuft …

Ein Opa, der die Tollheiten der Jugend nachholt und im reifen Alter noch zum Punk wird, der kleine Bruder, der absichtlich oder unabsichtlich, alles falsch versteht, der verpennte große Bruder, der Faultier-Gene haben muss, die Mutter, die in Werbetexten spricht … wen diese Anhäufung von liebenswerten Exzentrikern an die Kinderbuchhelden von Tina Zang erinnert, liegt vollkommen richtig: Bücher für Teenager und Erwachsene schreibt die Autorin unter dem Namen Christine Spindler.

Aus der Langenscheidt Pressmitteilung Januar 2006:
Nikes Abenteuer in „Love Takes a Detour – Liebe auf Umwegen“ von Christine Spindler bilden den Auftakt zu der neuen Langenscheidt Reihe „Girls in Love“. Mit ihr erweitert der Verlag sein zweisprachiges Lektüre-Programm, das bisher Detektivgeschichten ab zehn Jahren umfasste. Die neuen Geschichten setzen den Englisch-Stoff der 5. und 6. Klassen voraus und haben vor allem Leserinnen im Blick. Die fremdsprachigen Passagen sind – beispielsweise als Dialog mit dem britischen Au-pair oder als Internet-Chat – so selbstverständlicher Teil der Handlung, dass sie keinen Bruch darstellen. Neue Wörter, wie „goose pimpels – Gänsehaut“, oder idiomatische Wendungen wie „to have a crush on somebody – in jemanden verknallt sein“, sind hervorgehoben und in einem Extra-Kasten übersetzt.

Na, das ist ein Service! Man muss also nicht einmal blättern, um an die Übersetzungen und Erläuterungen der unbekannten Begriffe zu kommen! Neidisch könnte man werden, wenn man, wie ich, einer Generation angehört, die sich brauchbares und lebensnahes Englisch-Vokabular noch aus dem Radio, aus Song-Texten und Comics zusammenklauben musste – und nur hoffen konnte, dass das Schulwörterbuch die Begriffe auch kannte.

Aber, ehrlich, ich gönne den Schülerinnen von heute den Spaß beim Englischlernen. Und mit dieser Lektüre werden sie ihn haben. Garantiert!



Frühstück auf der Rolltreppe
April 19, 2007, 7:32 am
Filed under: Wahnsinn im Alltag

Ja, Leute, geht’s noch? Findet das komplette Privatleben neuerdings im öffentlichen Raum statt? Ja?

Ich hasse das.

In der Bahn – mit der ich nun mal täglich zur Arbeit fahre – wird man via Handy unfreiwilliger Ohrenzeuge von anderer Leute Familien- und Beziehungsproblemen. Gut … das mag ja gelegentlich noch unterhaltsam sein. Manchmal ist es direkt schade, wenn ein Tunnel kommt oder der Telefonierer aussteigt, ehe es wirklich ans Eingemachte geht.

Oft allerdings kommt man nicht drumherum, sich für den Menschen ein bisschen „fremdzuschämen“, der da in aller Öffentlichkeit seinen Beziehungsklamauk herumtrötet.

Im Zeitalter des Privatfernsehens scheint auch die Privatsphäre gänzlich abgekommen zu sein. Alles Persönliche ist öffentlich und darf auch öffentlich diskutiert werden, ob es den Leuten drumherum nun passt oder nicht.

Ob man es auch öffentlich kommentieren darf?

Vielleicht sollte man sich mal geschlossen zu Standig Ovations erheben, klatschen und rufen: „Bravo, bravo, junge Frau, dem haben sie’s aber gegeben!“

Oder die Lady am Ärmel zupfen und sagen: „Mein Sitznachbar hier meint auch: Schmeißen Sie den Penner sofort raus!“

Vielleicht würde den Leuten dann klar, was sie da tun: Ihr Privatleben vor einer wildfremden Meute ausbreiten.

Zudem weiß man ja nie, wer hinter einem sitzt. Ich hörte mal notgedrungen ein Gespräch zweier mir unbekannter Damen mit an, die unter voller Namensnennung über einen gemeinsamen Kollegen herzogen: Den Mann meiner Cousine.

Da hat’s mich schon gejuckt zu sagen: „Vielen Dank für die Informationen, ich werd ihm das heute Abend ausrichten.“

Immer wieder nett: Wenn Geschäftsleute laut blökend ihre Firmeninterna am Handy verhackstücken. Für zufällig anwesende Branchenkollegen, die sich einen Reim auf das Gequatsche machen können, äußerst aufschlussreich, kann ich euch sagen.

Doch nicht nur das Gequassel nervt. Auch die Beschallung eines ganzen Zugwaggons mit „Musik“ aus einem Handy. Abgesehen davon, dass die Mucke meist nur dem Krawallmacher selber gefällt: Der Sound, der aus so einer Quasselbox kommt ist LAUSIG!

Aber sagste was, wirste noch blöd angepöbelt. Es sei denn, du bist soooo ein Schrank von Kerl und der Handymusiker kann sich abfingern, dass von seiner Krawallbox nur noch eine Briefmarke übrig bleibt, wenn der erboste Beschwerdeführer mal kurz drauftritt.

Nächster Punkt: Öffentliche Körperpflege! Da wird toupiert und grundiert, lackiert und gemalt. Und wenn die Bahn plötzlich bremst, hat die Lady den Lidstrich am Hirn oben. Da warte ich schon seit Jahren drauf.

Auch eine arge Unsitte: Nägelfeilen im Zug. Krz-krz-krz-puuust, krz-krz-krz-puuust, krz-krz-krz-puuust, so lange, bis alle zehn Fingernägel perfekt geformt sind.

Hallo? Will ich den abgefeilten Staub von anderer Leute Fingernägel etwa auf meinen Klamotten haben? Eher nicht. Aber vermutlich muss man schon froh sein, wenn niemand die Socken auszieht und anfängt, sich im Zug die Zehennägel zu schneiden.

Ein weiterer Quell der Freude: Öffentliche Nahrungsaufnahme. Schmatz, schlürf, knurps, klapper … brösel und verschütt. Coffee to go ist eine Erfindung der Hölle. Im Bahnhofsbereich muss man ständig aufpassen, dass einem niemand sein Gesöff übers Gewand schüttet und dass man nicht auf verläpperten Kaffeepfützen ausrutscht.

Als ich heute Morgen drei junge Damen der Marke „bunt lackiert und auftoupiert“ auf der Rolltreppe stehen sah, nicht nur Kaffeebecher balancierend sondern auch noch ein Tablett mit Schokoladenkuchen, von dem sie sich abwechselnd bedienten, dachte ich, so jetzt isses vollends passiert:

Frühstück auf der Rolltreppe!

Ich wage mir gar nicht auszumalen, was da noch alles auf uns zukommt …



Hilfe, ich bin lesesüchtig!
April 18, 2007, 1:46 pm
Filed under: Bücher, Menschliches

Zum Glück ist Lesesucht nichts Gesundheitsschädliches – es sei denn, es fällt einem ein übervolles Bücherregal auf den Kopf oder auf die Füße. Oder man hat die Zeitung auf dem Beifahrersitz liegen und liest während des Autofahrens, wie es eine Kollegin von mir tut. Lesesucht ist allenfalls teuer, weil man ständig Bücher und Zeitschriften kauft. Und lästig, weil einem die Materie anschließend zu Hause im Weg herumliegt und gelagert, abgestaubt und verwaltet werden will.

Angefangen hat das bei mir bereits in den 60-er Jahren, im zarten Alter von vier Jahren. Ich war so dürr und habe so schlecht gegessen, dass meine Mutter mich schließlich bei der Neugier packte und Buchstabensuppe kochte. Nudel für Nudel wurden mir Suppe und Wissen eingelöffelt: „Und jetzt essen wir ein O wie Otto. Und jetzt kommt ein I wie Inge. Ein R wie Reinhold, ein A wie Auto …“. Die Maßnahme war nur von begrenztem Nutzen: Dürr war ich und dürr blieb ich – aber ich konnte im Kindergarten schon lesen, was ich auch mit Begeisterung tat.

Für einfache Bilderbücher reichten meine Fähigkeiten. Komplexere Geschichten lasen mir die Eltern vor. Von Grimms Märchen konnte ich zum Beispiel nicht genug bekommen. Schließlich brachte mein Vater ein Tonbandgerät mit nach Hause, und meine Mutter und er nahmen mir meine Lieblingsmärchen auf Band auf. So waren sie von den „Routinetexten“ entlastet und mussten nur noch meinen Hunger nach neuen Geschichten stillen.

Am liebsten wäre ich jeden Tag im örtlichen Spiel- und Schreibwarengeschäft vorstellig geworden und hätte mir ein neues Schneider-Buch gekauft. Zum Vorlesen oder später zum Selberlesen. Das ging natürlich nicht, denn Bücher waren damals schon kein billiges Vergnügen. Also besann sich mein Vater auf sein erzählerisches Talent und fabulierte selbst.

Er war sehr belesen und liebte Afrika, ohne jemals dort gewesen zu sein. Allein aus dem, was er aus Büchern und Filmen wusste, entwickelte er die haarsträubende Geschichte einer ereignisreichen Safari, an der er zusammen mit einem Bruder und ein paar Sportkameraden teilgenommen haben wollte. Bald war ich nicht der einzige Fan der Afrika-Geschichten. Freunde, Vettern und Cousinen blieben staunend sitzen, wenn mein Vater seine Geschichten erzählte. Schnell war er, wo er ging und stand, von einer Kinderschar umringt, die bettelte: „Erzähl doch mal von Afrika!“ – „Bitte die Geschichte, wo die Affen mit den Kokosnüssen schmeißen!“ – „Bitte die vom Krokodil! – „Das Nilpferd, das Nilpferd, erzähl doch das vom Nilpferd!“

Mir war immer klar, dass das alles erfunden war. Mein Vater hat auch nie ein Hehl daraus gemacht, dass er sich das alles ausdachte, während er es erzählte. Ob das den anderen Kindern auch klar war? Keine Ahnung. Vermutlich war es ihnen egal, ob die Geschichten wahr oder erfunden waren, Hauptsache, sie waren unterhaltsam. Und das waren sie! Bis zum heutigen Tag gibt es allerdings Leute in meiner Heimatgemeinde, die davon überzeugt sind, dass mein Vater eine Zeit lang in Afrika gelebt hat oder zumindest mal an einer Safari teilnahm.

Eine Afrika-Geschichte war es auch, die mir zeigte, wie man seinen Bücherbestand gratis aufstocken kann: Ich beschwerte mich als Achtjährige schriftlich bei einem Verlag, weil das Buch „Moni in Ostrafrika“ so viele Druckfehler enthielt. Und bekam ein Entschuldigungsschreiben und zwei kostenlose Bücher als Entschädigung. Mein Bedarf an neuen Geschichten war aber höher, das hätte ich mir niemals alles erschnorren können. Eine Bibliothek gab es bei uns auf dem Dorf noch nicht, also lieh mein Vater für mich Bücher in der Betriebsbibliothek aus. Dort gab es entweder keine Kinderbücher oder er ging nach seinem eigenen Geschmack, jedenfalls schleppte er ein Sachbuch nach dem anderen an. (Er hat nie gerne Romane gelesen). Ich kann mich heute noch an ein Buch über Hunderassen erinnern, an einen Pflanzenführer, ein Bestimmungsbuch für Tag- und Nachtfalter, an Pilzbücher und Vogelbücher.

Und dann ergab es sich, dass eine Bekannte in einem Pressevertrieb zu arbeiten begann. Tütenweise wanderten auf diese Weise Illustrierte in unseren Haushalt, die im Laden nicht verkauft worden waren. Niemand machte sich die Mühe, den Inhalt vorher zu sichten. Und vielleicht ahnen Sie schon, mit welcher Art Lektüre ich da beglückt wurde. Neben Modezeitschriften und den Kaiser- und Königsblättchen gab es da auch jede Menge nicht jugendfreier Publikationen. Was erst auffiel, als ich nach ganz sonderbaren Vokabeln zu fragen begann.
Mein Vater stutzte, weil ich solche Wörter kannte. „Wie kommst du jetzt darauf?“
„Na, das steht hier!“, sagte ich, und hielt ihm eine Zeitschrift unter die Nase.
„Himmel Herrschaft! Wo hast du denn das her?“
„Aus der Bertha ihrer Tüte.“
Was mein Vater erwiderte, möchte ich hier anstandshalber verschweigen. Jedenfalls wurden die Tüten fürderhin durchsortiert und nur noch kindgerechter Lesestoff an mich weitergereicht. Um meine Aufklärung musste man sich nun jedenfalls nicht mehr bemühen, das hatten die Schmuddelhefte bereits gründlich erledigt.

Mein älterer Cousin hatte sich in der Zwischenzeit noch eine weitere Quelle für Lesestoff erschlossen: Den Sperrmüll und die örtliche Müllkippe! Er zerrte zum Entsetzen seiner Mutter ein mehrbändiges medizinisches Lexikon vom Müll nach Hause, und wir saßen stundenlang blätternd da und spielten „wer die ekligste Krankheit findet“.

Dann kam endlich die Ortsbibliothek. Und mein Cousin und ich entdeckten den Versandbuchhandel. Den vielversprechenden Katalogtexten konnten wir einfach nicht widerstehen. Wir bestellten so lange das Taschengeld reichte. Erstmals im Leben konnten wir sagen: Der Nachschub ist gesichert! Das hatte natürlich auch seine Nachteile. Denn nun flutete so viel Materie ins Haus, dass wir fast nur noch am Lesen waren und man uns regelrecht an die frische Luft jagen musste. Und wer viele Bücher hat, braucht auch fortwährend neue Regale.

Als ich aus dem elterlichen Haus auszog, hatte ich nicht viel mehr als einen Schreibtisch, den Küchenschrank meiner Oma, meine Kleidung – und 13 Kisten Bücher. Das wuchs sich bald zu 60 laufenden Regalmetern aus. Die Bücherflut wurde zu einer wahren Bücherspringflut, als ich anfing, für ein Literatur-Magazin zu schreiben. Leseexemplare, Belegexemplare, Bücher, die dem Chefredakteur im Weg waren … alles landete irgendwie bei mir. Neue Regale allein waren bald nicht mehr die Rettung – ich hätte neue Wände mit dazu gebraucht, um all die Bücher unterzubringen. Selbst über den Türstürzen hängen bei uns Bücherregale. Nur im Bad hat’s noch keine.

An der Bücherschwemme hat sich in den letzten 20 Jahren nicht allzuviel geändert. Ich habe immer für Verlage gearbeitet und tu es noch heute. Und bis zum heutigen Tag kann ich es nicht mit ansehen, wenn jemand Bücher wegwirft. Ehe das passiert, schleppe ich sie lieber mit nach Hause, Stück für Stück im Rucksack. Natürlich kann nicht alles in meinem Haushalt verbleiben, sonst bricht mir eines Tages wirklich noch der Boden durch und ich lande mit meinem ganzen Geraffel im Keller. Von der Bücherflut profitieren Freunde und Verwandte, Vereine und wohltätige Organisationen. Gerade im Moment sieht’s bei mir im Büro wieder aus wie im Warenlager, weil ich kartonweise Bücher für verschiedene Tombolas gerichtet habe. In Kürze wird das abgeholt, und das Warenlager verwandelt sich vorübergehend wieder zurück in ein begehbares Büro.

Gottseidank hab ich nicht auch noch einen büchersüchtigen Mann! Er hortet dafür Musik-CDs und DVDs. Und er ist ein regelrechter „Zeitschriften-Junkie“. Zeitweise hatten wir – Geschenk-Abonnements für Freunde und Verwandte eingeschlossen – 20 Zeitungen und Zeitschriften abonniert. Wobei Illustrierte den Vorteil haben, wenigstens zu veralten, so dass man sie nach Gebrauch getrost wegwerfen kann und nicht auch noch lagern, verwalten und abstauben muss.

Wenn wir einen Strandurlaub planen, wird als erstes Mal der Lesestoff eingepackt, was den Löwenanteil des Gepäckgewichts ausmacht. Wir schleppen wie die Weltmeister, und die Lektüre reicht nie. Jetzt bin ich dummerweise auch noch zweisprachig und lese gerne englische Bücher, was mich natürlich anfällig macht für Einkäufe im Ausland. Bei einer Geschäftsreise nach London habe ich es geschafft, meine ganzen Spesen für Bücher auf den Kopf zu hauen. Ich war der erste in der Firmengeschichte, der hinterher noch Geld bringen musste, statt etwas herauszubekommen. Dumm gelaufen, dass das Hotel neben einer Buchhandlung lag! „Die Bücher bringst du nie im Leben in deinem Gepäck unter“, unkte mein Kollege. „Junge“, sagte ich, „du hast ja keine Ahnung! Wenn’s um Bücher geht, ist bei mir grundsätzlich alles möglich!“



Das Geld muss auf die Bank
April 18, 2007, 1:28 pm
Filed under: Menschliches

Es gibt Szenen, die man nie vergisst und die einen fürs Leben prägen. In einer meiner persönlichen Schüsselszenen spielen eine D-Mark und ein Zehnpfennigstück eine tragende Rolle.

Es war irgendwann Mitte der 60-er Jahre. Ich kann nicht älter als 5 oder 6 gewesen sein. Obwohl in meinem kleinen Plastiksparschweinchen kein Groschen mehr Platz hatte, weigerte ich mich beharrlich, den Inhalt auf die Bank zu bringen. Ich wollte mir meine Spargroschen nicht wegnehmen lassen und verstand nicht, warum sie bei der Bank besser aufgehoben sein sollten als in meinem Kinderzimmer.

Jetzt hätte mein Vater natürlich sagen können, die Bank sperrt das Geld in den Tresor, damit es dort sicher ist und es keiner klauen kann. Aber er war Kaufmann, und in Finanzdingen musste es bei ihm immer schon korrekt zugehen. Da waren solche Vereinfachungen einfach nicht drin. Er zückte also seinen Geldbeutel, nahm ein Markstück und ein Zehnpfennigstück heraus, und erklärte mir kleinem Murkel, was es mit dem lieben Geld so auf sich hat.

„Schau“, sagte er, „es ist wichtig, dass du das Geld auf die Bank bringst. Damit hilfst du anderen Leuten, und außerdem wird dein Geld dabei mehr.“ Ich lauschte andächtig und fragte mich im Stillen, wie das wohl vor sich gehen sollte.

„Jetzt stell dir vor“, sagte mein Vater, „eine deiner Freundinnen … die Elke oder die Bärbel … braucht plötzlich mehr Geld, als sie hat, weil sie irgend was ganz Teueres kaufen muss. Dann kann sie zur Bank gehen und sich dort Geld leihen. Der Mensch von der Bank borgt ihr dann ein bisschen was von dem, was du dort eingezahlt hast.“ Und er schob das Markstück über den Tisch.

Ich war empört: „Mein Geld verborgt der?“
„Ja. Und das ist was Feines! Das hilft ja deiner Freundin. Und wenn sie wieder Geld hat, zahlt sie es der Bank zurück – mit Leihgebühren. Das ist so was wie Miete. Und das bekommst dann du“ Und er legte das Zehnpfennigstück zu der Mark und schob mir beides hin. „So wird dein Geld mehr. Aber nur, wenn du’s zur Bank bringst. Im Kinderzimmer wird’s höchsten staubig.“

Das hat mich offenbar überzeugt, denn ich erinnere mich, wie wir gemeinsam die Groschen aus dem Schlitz des Plastiksparschweins puhlten, in ein Schulmäppchen umfüllten und alles zur örtlichen Bankfiliale trugen.

Ich hab dieses Gespräch nie vergessen. Und vielleicht ist das mit ein Grund dafür, dass ich ein Interesse an dieser Thematik entwickelt habe. Heute schreibe ich unter anderem Texte zum Thema Finanzdienstleistungen, die in mehrere Sprachen übersetzt werden und in einigen europäischen Ländern Verbreitung finden.

Bis zum heutigen Tag kann ich mir oft ein Grinsen nicht verkneifen, wenn das Wort „Zinsen“ fällt – eben weil ich an diese erste Lektion in Sachen Finanzen denken muss. Eine Lektion, die sich in vielerlei Hinsicht ausgezahlt hat.brbr

Erschienen in der Esslinger Zeitung