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Agustin Sanchez Vidal: Quipu, ISBN 978-3-423-24757-3, OT: Nudo de Sangre, aus dem Spanischen von Marianne Gareis, München 2009, Deutscher Taschenbuchverlag dtv, 462 Seiten, 13,5 x 21 x 3,5 cm, EUR 14,90 (D), EUR 15,40 (A)
Drei rätselhafte Mordfälle
Madrid 1780: Nach Jahren in Zaragoza kehrt Militäringenieur Sebastian de Fonseca nach Madrid zurück. Unter anderem, um ein Theaterstück über das koloniale Peru anzusehen, an dessen Überarbeitung sein Vater Juan mitgewirkt hat. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der Geschichte der Inka.
Als Sebastian dem Theaterdirektor Canizares in der Pause eine Nachricht seines Vaters bringen will, findet er ihn erhängt in seiner Garderobe auf. Selbstmord war das nicht: Um den Hals des Toten ist eine Schnur mit einer rätselhaften Botschaft geknüpft.
Offenbar wusste Sebastians Vater, dass der Künstler in Gefahr war. Was das zu bedeuten hat, kann Sebastian ihn leider nicht mehr fragen, denn auch Juan de Fonseca ist tot – und offensichtlich den selben Tätern zum Opfer gefallen wie der Theaterdirektor. Wer hat Interesse daran, einen Künstler und einen schwer kranken, verarmten Adeligen zu ermorden?
Unvermittelt taucht Sebastians Onkel Alvaro auf, ein Jesuit, der sich seit der Zerschlagung des Ordens vor 13 Jahren vor den Autoritäten versteckt hält. Alvaros Theorie: Die Morde sollten verhindern, dass Details über einen Inka-Schatz bekannt würden. Wo dieser Schatz sich befindet, das könnte Juan de Fonseca bei seinen Forschungsarbeiten über die Kultur der Inka herausgefunden haben. Und wer weiß, war er dem Theaterdirektor alles erzählt hat?
Alvaro überlässt seinem Neffen eine wertvolle Chronik aus dem 16. Jahrhundert, die dessen Vater als Quelle für dessen Studien gedient hat. Verfasst wurde sie von Diego de Acuna, der 1572 als Schreiber beim Feldzug der Spanier gegen die aufständischen Inka in Vilcabamba dabei war. Acunas Kontakte zu den Indios waren ausgezeichnet und reichten bis in die höchsten Kreise. Wenn jemals ein Spanier etwas über den Indioschatz in Erfahrung bringen konnte, dann er.
Die Inka hatten keine Schrift und haben Informationen mittels Knotenschnüren, den Quipus, aufgezeichnet und übermittelt. Sebastians Vater hatte immer vermutet, dass mit Hilfe von Acunas Chronik die Aufzeichnungen der Inkas zu entschlüsseln wären – und damit auch der Weg zum Schatz.
Als blinder Passagier nach Peru
Nach einem weiteren Todesfall in Sebastians näherem Umfeld rät ihm ein einflussreicher Freund, das Land schleunigst zu verlassen. Doch statt, wie geplant, auf einer der kanarischen Inseln, landet Sebastian als blinder Passagier an Bord der „Africa“ mit Kurs auf Peru. Auf diesem Schiff vermutet er den Mörder seines Vaters. Wer mit Sicherheit an Bord ist und die Finger ganz tief in der Geschichte drin hat, ist sein Nachbar und Erzfeind, der Marques de Montilla.
In seinem Versteck im Laderaum hat Sebastian ausreichend Gelegenheit, in der Chronik zu lesen. Diego de Acuna berichtet darin von der faszinierenden Kultur der Indios, vom Untergang des Inkareichs nach der Eroberung durch die Spanier – und davon, dass er alles getan hat, um Sirax, eine junge Inka-Adelige, vor den Spaniern zu beschützen. Sie und das rote Quipu, das ihr so wichtig war, und das offenbar bedeutende Geheimnisse der Inka bewahrte.
Auch wenn Sebastian an Bord des Schiffes Unterstützung hat, dauert es nicht lange, bis man ihn findet. Kapitän Valdes’ Reaktion auf seine Entdeckung ist erstaunlich. Doch das ist nicht die einzige Überraschung: Abgeschirmt von Passagieren und Mannschaft reist die Inka-Prinzessin Umina mit ihrem Indio-Diener Qaytu zurück nach Peru. Sie war in Madrid und weiß von der Chronik – und dass Sebastian sie hat. Vielleicht helfen Diego de Acunas Aufzeichnungen ihr ja dabei, ihren Erbanspruch auf den Inka-Thron zu belegen.
Sebastian lässt sich schnell davon überzeugen, dass es sinnvoll ist, Umina die Chronik zu überlassen. Durch einen Zufall stellt sich heraus, dass das Buch nicht mit einer gewöhnlichen Schnur gebunden wurde, sondern mit einem Quipu. Ist es die Knotenschnur, die Prinzessin Sirax so wichtig war?
Ein Anschlag auf Sebastian bestärkt ihn in der Annahme, dass der Mörder seines Vaters an Bord ist. Beim Herumschnüffeln im Laderaum findet er tatsächlich Hinweise auf dessen Identität. Als er den beiden Indios erzählt, wer ihn angegriffen und wahrscheinlich auch die drei Morde in Madrid begangen hat, sind sie starr vor Entsetzen. Dieser Mann ist für entsetzliche Greueltaten verantwortlich. Weder als Geschäftsmann noch politisch kann man ihm etwas Gutes nachsagen. Er schürt die Kämpfe um die Inka-Erbfolge und unterstützt abwechselnd die konkurrierenden Anwärter: den Mestizen Jose Gabriel Condorcanqui und Prinzessin Umina. Welche Interessen er damit verfolgt? Schwer zu sagen.
Wettlauf nach Vilcabamba
Der einflussreiche Geschäftsmann Don Luis, ein Freund von Uminas Familie, hilft ihr, eine Expedition nach Cuzco auszurüsten. Sie müssen unbedingt dem Mörder und dem Marques zuvorkommen, die in der Krypta des Klosters Santo Domingo wertvolle Hinweise für ihr Vorhaben vermuten.
Dank Onkel Alvaros internationaler Kontakte bekommt Sebastian Dokumente aus dem Jesuitenarchiv zugespielt, die ihnen noch einen weiteren Grund liefern, schneller in der Krypta zu sein als die Gegner: Denn dort sollen auch die Geheimnisse verborgen sein, die Prinzessin Sirax ihrem Land hatte zurückgeben wollen.
Was sie in der Krypta finden, entpuppt sich als Wegbeschreibung. Führt sie nach Vilcabamba, in die verlorene Stadt und damit zum legendären Schatz? Umina, Sebastian und Diener Qaytu brechen auf, dicht gefolgt von ihren Feinden. Der Wettlauf geht durch unheimliche Höhlen und durch ein Tal feindlich gesonnener Indios, über Berge und Gletscher, durch Eis und durch Schnee. Wird am Ende jeder finden, was er sucht? Wer bekommt, was ihm zusteht? Und wer bekommt, was er verdient?
Schnitzeljagd vor exotisch-historischer Kulisse
Der Autor Augstin Sanchez Vidal, 1948 in Salamanca geboren, ist Professor für Film- und Medienwissenschaften an der Universität Zaragoza. Er hat Drehbücher für Film und Fernsehen verfasst und mehrere Monografien zur Literatur-, Kunst und Filmgeschichte geschrieben. Und diese Drehbucherfahrung merkt man dem Buch an. Die Abenteuer von Sebastian und Umina schreien geradezu: „Verfilme mich!“ Allein die Rückblicke auf die Geschichte des Landes stünden diesem Vorhaben entgegen – oder würden es zumindest erschweren.
QUIPU ist ein spannender, gut recherchierter Abenteuerroman vor einer exotischen historischen Kulisse. Wer bislang noch keine Veranlassung sah, sich mit der Geschichte der Indios, der Inkas und des kolonialen Peru zu befassen, wird viel Interessantes und Faszinierendes erfahren. Nicht nur Diego de Acunas flammende Abrechnung mit der Eroberungs- und Kolonialpolitik der Spanier erfüllt einen mit Respekt vor der untergegangenen Inka-Kultur – und mit Bedauern über deren Verlust.
Was bei dieser komplexen Geschichte ein wenig auf der Strecke bleibt, ist die Motivation der Figuren. Im Grunde ist nur die Inka-Prinzessin Umina unbeirrbar zielstrebig. Sie setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um ihren Anspruch auf den Inka-Thron zu belegen und lässt sich davon weder ablenken noch abbringen.
Sebastian ist ursprünglich losgezogen, um den Mörder seines Vaters zur Verantwortung zu ziehen. Doch dieses Ziel tritt in den Hintergrund, sobald er Umina kennen lernt. Als sei es damit getan, den Namen des Mörders zu kennen, geht er jetzt mit der Prinzessin auf Beweisjagd und unterstützt sie mit Informationen, die er aus spanischen Quellen bekommt. Als sich als Nebenprodukt ihrer Recherchen ein Wegweiser zum Inkaschatz ergibt, sucht er auch nach diesem. Fände er ihn, wäre immerhin das Lebenswerk seines Vaters vollendet.
Vor der Kulisse der peruanischen Bergwelt bleiben die handelnden Personen bedauerlich flach. Was treibt eigentlich die Schurken in dieser Geschichte an, außer vielleicht Habgier? Warum sind die Montillas und Fonsecas bis aufs Blut verfeindet? Dass der Marquese sich von der Aussicht auf einen sagenhaften Schatz dazu verlocken lässt, mit dem skrupellosen Peruaner gemeinsame Sache zu machen, ist noch nachvollziehbar. Aber was sind die Beweggründe dieses peruanischen Fieslings? Wenn er nur hinter dem Schatz her ist, sind einige seiner Aktionen deutlich überdimensioniert bis komplett unnötig. Wollte er eigene Ansprüche auf den Thron anmelden, ergäbe sein Tun mehr Sinn.
Es drängt sich der Verdacht auf, dass die beiden Figuren als durch und durch miese Gestalten angelegt sind, weil die Helden einer solchen Geschichte eben irgendwelche Gegenspieler brauchen. Das ist schade. Denn so bleibt der Roman eine atemlose Schnitzeljagd über Stock und Stein, ein Wettrennen zwischen Gut und Böse, wenngleich auch vor eindrucksvollem Hintergrund. Das Thema ist faszinierend, die Umsetzung partiell vergeigt.
Ein Glossar wäre bei diesem Buch hilfreich gewesen. So ist man öfter mal am Grübeln und Blättern: Wurde schon erklärt, was ein Kazike ist? Habe ich das in der Fülle des Materials überlesen oder wird diese Kenntnis vorausgesetzt? Gewohnheitsmäßige Druckfehlerzähler werden im übrigen auch fündig werden. Die Rezensentin ist da nicht so penibel: je dicker der Roman, umso größer ist eben auch die Gefahr, ein paar Fehler zu machen.
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Heinz Grundel: Der Struwwelköter, Lustige Geschichten und drollige Bilder für Hunde von 1 bis 12 Jahren, Nerdlen/Daun 2008, Kynos-Verlag, ISBN: 978-3938071588, Hardcover, 32 Seiten, Großformat 30 x 21,4 x 1 cm, durchgehend farbig illustriert, EUR 9,90.
Seht einmal, das ist er
Hundehaufen frisst er.
Seine Krallen fast ein Jahr.
Bürsten lässt er nicht sein Haar.
Will nicht brav spazierengehn,
Pinkelt immer nur im Stehen.
Pfui! ruft da ein jeder:
Garst’ger Struwwelköter!
So steht’s auf dem Buchcover. Und natürlich besteht kein Zweifel daran, wovon sich der Autor zu diesem Buch inspirieren ließ: vom Bilderbuchklassiker „Der Struwwelpeter“. So blutig und dramatisch wie in Dr. Heinrich Hoffmanns Werk von 1871 geht es bei Heinz Grundel zum Glück nicht zu. Hier werden keine bösen Friedriche gebissen, keine Paulinen verbrannt und auch keine Daumen abgeschnitten. Es geht auch nicht um unfolgsame Kinder sondern um ganz alltägliche Dinge, die den Hund von heute umtreiben.
Bello, eine Art vierbeiniger Suppenkasper, will kein Dosenfutter fressen. Er bevorzugt Fisch, auch wenn dieser müffelt.
„Ich fress kein Dosenfutter nicht!
Nein, Dosenfutter fress ich nicht!
Nimm ihn weg, den Kübel,
denn davon wird mir übel!“
Die junge Hundedame Trixi soll, wie seinerzeit Struwwelpeters Paulinchen, brav alleine zu Hause bleiben. Macht sie natürlich nicht und geht heimlich aus. Die Folgen sind zwar nicht fatal, aber lehrreich …
Hündin Tara hat nur ein Hobby: Fressen. Was natürlich Auswirkungen hat. Rex und Atze kriegen sich in die Hundehaare. Ed und Luzie überfallen den Osterhasen und geraten in Streit über die Beute. Und wie das so ist: Wenn zwei sich streiten, freut sich der dritte … So ähnlich ergeht es auch Fips und Prinz, nachdem sie der Hündin Wally den Knochen geklaut haben.
Anders als der fliegende Robert mit seinem Regenschirm hebt der fliegende Waldi ab: mit einem Ballon. Und was er auf dem Weg nach oben nicht alles erlebt!
Der Rüde Harro bettet sich auf dem Familiensofa zur Ruhe, was von seinen Menschen gar nicht gerne gesehen wird. Sie verjagen ihn. Doch Harro ist ja nicht blöd …! Schäferhund Bingo ist überfordert: Statt schlafen zu gehen, wollen die Schafe lieber Party machen. Er sucht Rat bei seinem Kumpel Wuffi, der die Sache beherzt in die Hand nimmt.
Hündin Jule wird auf dem Weg zur Hundeschule vom Rüpel-Rüden Louis von der Seite angequatscht, zieht sich aber elegant aus der Affäre. Neros Nachtwache nimmt dank zweier Gespenster vor dem Fenster einen ungewöhnlichen Verlauf. Und Rüde Nepomuk schmachtet seine Bella mit einem wirklich saukomischen Liebesbrief an.
Auch wenn’s hier in Reim und Bild witzig und unblutig zugeht und das Buch wie ein Bilderbuch aufgemacht ist: Für kleine Kinder ist es trotzdem nichts. Es ist nämlich teilweise nicht ganz, äh, stubenrein. Wenn man nicht vor versammelter Mannschaft von seinem Nachwuchs gefragt werden will, was denn bitte ein One-Night-Stand sei oder was Nepomuk mit der „Vermehrungssache“ meinen könnte, sollte man dieses Buch lieber Mitmenschen in die Hand geben, die bereits aufgeklärt sind. Die wissen diesen herrlichen Unfug dann auch richtig zu schätzen. Der längst erwachsene Bekanntenkreis der Rezensentin hat sich auf jeden Fall köstlich über den Struwwelköter und seine tierischen Kumpels amüsiert.
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Katharina Münk: Die Insassen – Roman, München 2009, Deutscher Taschenbuch Verlag dtv, ISBN 978-3-423-24752-8, 215 Seiten, Format: 13,5 x 21 x 2 cm, EUR 13,90 [D], EUR 14,30 [A], SFR 24,20.
Drei Topmanager und eine Chefsekretärin lernen einander in der Psychiatrie kennen und beschließen aus unterschiedlichen Motiven, die Anstalt zu sanieren und an die Börse zu bringen. Wie lange kann es wohl dauern, bis von den Geschäftspartnern da draußen jemand bemerkt, dass er es hier nicht mit dem normalen Wahnsinn des Alltags zu tun hat sondern mit psychisch Erkrankten?
Dr. Wilhelm Löhring ist ein Meister der Verdrängung. Dass er einen Aufhebungsvertrag unterschrieben hat und nicht mehr im Vorstand einer Versicherungsgesellschaft tätig ist, übergeht er und erscheint einfach weiterhin im Büro. Als er auch noch erwähnt, auf Wiedereinstellung klagen zu wollen, erklärt Ex-Vorstandskollege Förster: „Du hast ja eine Vollmeise, Wilhelm! Ich rufe jetzt deine Frau an! (S. 20) Frau Löhring sieht das genauso, und der Gatte landet im exklusiven und diskreten psychiatrischen Privatbereich der St. Ägidius-Klinik.
Das Dumme ist, dass Löhring denkt, seine Frau habe die Klinik gekauft und er sei dort um sie zu sanieren. Schon träumt er einer weltweiten Privatklinik-Kette und dem Börsengang. Auch wenn er im Innersten ahnt, dass irgend etwas mit ihm nicht stimmt.
Löhring kommt in eine „Bezugsgruppe“ mit Keith Winter, dem Star unter den Private-Equity-Managern, dem eines Tages alles zu viel geworden ist. Erst hat er in rasender Wut das Navigationsgerät seines Mietwagens zusammengetreten, weil es ihn in die Irre geführt hat. Dann hat man ihn ohne Schuhe am Fahrbahnrand sitzend aufgefunden, wo er Autos zählte. So ist auch er in St. Ägidius gelandet.
Dass er krank ist und die anderen auch, das ist ihm vollkommen klar. Der kognitive Verstand funktioniert, nur sein Verhalten grenzt ans Autistische. Er kann seinen Mitmenschen nicht mehr in die Augen sehen und seine Kommunikation beschränkt sich auf Stichwörter, die für seine Gesprächspartner nicht unbedingt einen Sinn ergeben. Halt findet er bei Zahlen, ob er nun Kieselsteine zählt oder die Kügelchen in seinen Medikamentenkapseln.
Dritter im Bunde ist Hubert Wienkamp, der ehemalige Personalchef eines großen Beratungsunternehmens. 20 Jahre seines Lebens hat er einfach vergessen, hat die Zeit, in der er ein professionelles Arschloch war, von seiner Festplatte gelöscht und sich neu erfunden. Jetzt ist er auf eine onkelhafte Weise nett und geschwätzig und hält sich für einen Seelsorger. Oder, wie er sagt: für einen Soul Manager.
Eine Chefsekretärin gehört auch zur Gruppe, und die hat noch am meisten Bodenhaftung von allen. Karin Schlick, Ende 30, hat irgendwann keinen Sinn mehr darin gesehen, ihren ebenso unfähigen wie undankbaren Chef zu bemuttern. Als er einen besonders dämlichen Spruch reißt, rastet sie aus und schüttet den Inhalt eines Lochers über ihn aus. „Er stand da wie die Freiheitsstatue in der Schneekugel, regungslos vor Entsetzen, inmitten eines weißen Konfettiregens, und es rieselte bis in die letzte Ecke seines Büros.“ (S. 106). Eine herrliche Vorstellung! Danach lässt sie sich in die Psychiatrie einweisen.
Als Wilhelm Löhring seine Therapiegruppenmitglieder mit der Idee von der Gründung einer St.-Ägidius-Sanatorien-AG konfrontiert, fallen die Reaktionen sehr unterschiedlich aus. „Soul Manager“ Wienkamp, bei dem nicht klar ist, wie viel von der Realität noch zu ihm vordringt, sagt seine Mitwirkung zu, um Löhring einen Gefallen zu tun. Der nahezu autistische Keith Winter hat mehr Interesse an der Arbeit im klinikeigenen Gewächshaus und betrachtet Löhrings Projekt als Testfall: Wenn dieses verrückte Vorhaben funktioniert, dann ist das Geschäftsleben derart meschugge, dass er damit für den Rest seines Lebens nichts mehr zu tun haben will.
Chefsekretärin Karin Schlick hält das „Projekt Bad Homburg“ für komplett irrsinnig. „Wie wollen Sie denn den Börsengang an der Führungsgremien vorbei durchziehen? Das fliegt doch auf. Das wird ja die reinste Wahn-AG!“ (S. 115) Nach einigem Zögern beschließt sie dennoch mitzuspielen und das ganze als Arbeitstherapie zu betrachten. Sie wird den Jungs – und sich selbst – beweisen, wozu sie fähig ist. Und vielleicht besteht ja der einzige Unterschied zu ihren früheren Jobs ohnehin nur darin, dass sie diesmal weiß, dass sie an der Vorspiegelung falscher Tatsachen, Bilanzbetrug, Urkundenfälschung und Lügen beteiligt ist.
Mit einem gefundenen Blackberry, dem Stationslaptop, Karins Insiderwissen aus ihrer stundenweisen „Arbeitsbelastungs-Probe“ im Büro der Klinikleitung und mit Löhrings alten Kontakten machen sich die vier ans Werk und legen dabei eine gehörige Portion Improvisationstalent, Chuzpe und kriminelle Energie an den Tag.
Kann der Coup tatsächlich gelingen? Merkt wirklich niemand da draußen, dass er es hier nicht mit dem normalen Irrsinn der Geschäftswelt zu tun hat sondern mit Windeiern und deren Wahnvorstellungen? Und ist man innerhalb der Klinik tatsächlich so naiv und unorganisiert, dass niemand erkennt, was die Patienten unter dem Deckmantel der „kognitiven Verhaltenstherapie“ treiben? Ein dummer Zufall weckt das Misstrauen des Bankers Christian Steinfeld. Ist jetzt alles aus? Lässt er die Bombe platzen? Das darf nicht sein! Löhring und seine Gruppe laufen noch mal zu ganz großer Form auf …
Es ist immer eine Gratwanderung, komische Geschichten mit psychisch erkrankten Protagonisten zu erzählen. „Hihihi. guck mal, der Bekloppte!“ – das wäre diskriminierend und denkbar unwitzig. So läuft es hier zum Glück nicht. Die Komik entsteht aus dem Zusammenprall von objektiver und subjektiver Realität. Der eine glaubt, er sei der Chef, der andere sieht ihn als Patienten, und konsequent redet man aneinander vorbei. So kommt es zu allerlei für den Leser vergnüglichen Missverständnissen und zu einem Durcheinander, das streckenweise an klassische Verwechslungskomödien erinnert.
Stets schwebt auch die Frage im Raum wo eigentlich die Grenze zischen Normalität und Wahn verläuft. Nicht nur Keith Winter gewinnt den Eindruck, dass es in der Geschäftswelt weitaus irrer zugeht als in der Psychiatrie. Wer sich in der freien Wirtschaft herumtreibt und vielleicht schon mal mit dem Private-Equity-Zirkus in Berührung kam, wird für diese Ansicht Verständnis haben – und sich oft genug an Szenen aus dem eigenen Berufsleben erinnert fühlen.
Katharina Münch liefert hier keine tiefgründigen Charakterstudien ab. Aber das war sicher auch nicht ihre Intention. Die Geschichte ist ein Gedankenspiel: Was geschieht, wenn Wahnsinn auf Wirtschaft trifft – und wer gewinnt? Die Umsetzung ist ihr auf amüsante Weise gelungen. Und man wird sich fortan fragen, ob der eine oder andere Mitmensch, mit dem man es beruflich zu tun bekommt, nicht vielleicht aus St. Ägidius kommt …
Die Autorin
Katharina Münk ist Chefsekretärin und Autorin von „Und morgen bringe ich ihn um! Als Chefsekretärin im Top-Management“ (2006), das in kürzester Zeit zum Bestseller wurde.
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Mia Bernstein: Erdbeerflecken – Kurzgeschichten mit Illustrationen von Michaela von Aichberger, Düsseldorf 2009, Verlag klare Texte und Bilder, ISBN 978-39809599-5-7, 134 Seiten, Format 12 x 17,8 x 1,2 cm, EUR 12,90.
Formal gesehen sind die „Erdbeerflecken“ eine Sammlung von Kurzgeschichten. Das Ungewöhnliche daran ist die Art, in der sie erzählt werden: in kurzen, knackigen Sätzen, von denen manche schon als Aphorismen durchgehen können. Es wird auch nicht rein linear ein Handlungsablauf wiedergegeben, Mia Bernstein bildet Assoziationsketten, macht Gedankensprünge. Es ist, als würde man der Autorin live beim Denken zuhören.
Gedichte, oft mit versteckten Reimen, sind den Geschichten vorangestellt, rahmen sie ein oder unterbrechen sie optisch. Inhaltlich bringen sie die Gedanken und Gefühle der jeweiligen Protagonistin auf den Punkt.
Manche der Geschichten haben verschiedene Ebenen. Die eine beschreibt den äußeren Ablauf des Geschehens, die andere das, was sich im Kopf der erzählenden Person abspielt. Dadurch bekommen die Texte einen ungeheuer persönlichen Charakter. In manchen der Gedankengänge erkennt man sich wieder und denkt sich: „Endlich sagt’s mal jemand!“
Zu gerne würde man ja wissen, was in dem Buch wirklich autobiographisch ist uns was erfunden. Das ist natürlich die pure Neugier, denn für das Verständnis der Geschichten hat es keine Bedeutung. Vielleicht ist es eine Nebenwirkung derart intim wirkender Texte, dass sie beim Leser eine geradezu ungehörige Wissbegier in Bezug auf den Autor hervorrufen.
Die Geschichten handeln von Beziehungen und Verlusten, vom Leben und vom Sterben, von Träumen und dem Sinn des Lebens. Es empfiehlt sich nicht, das Buch flüchtig „nebenher“ zu konsumieren, ein bisschen Zeit und Konzentration erfordern die Texte schon. Manches erschließt sich erst beim zweiten Lesen. Aber es lohnt sich, sich darauf einzulassen.
Wer sich nach dieser Beschreibung noch kein so rechtes Bild von dem Buch machen kann, dem hilft vielleicht eine Kurzvorstellung der einzelnen Storys:
Rote Wand: Von der Wandfarbe bis zum Sinn des Lebens wandern die Gedanken der Erzählerin. Wird sie sich aufraffen können, die Schlafzimmerwand knallrot zu streichen, ehe sie aus der Wohnung wieder auszieht? Und warum ist man eigentlich zu Fremden netter als zu den Menschen, zu denen man „ich liebe dich“ sagt?
Erdbeerflecken: Beziehungen sterben am Frühstückstisch, da ist sie sich sicher. Früher wollte sie so gewöhnlich sein wie Erdbeermarmelade, denn als sie noch ungewöhnlich war, war sie unglücklich. Aber ist der Umkehrschluss zulässig?
Bootsfahrt: Als sie sich in ihn verliebt, kneift er. Sie verlieren sich aus den Augen. Zehn Jahre später schreibt sie ihm einen Brief. Ist es nun zu spät fürs Glück?
Leitplanken: Er will für drei Tage in die Provence fahren – ohne sie. Sie zählt schon die Tage bis zu seiner Rückkehr, noch ehe er überhaupt abgefahren ist und hinterfragt seine Motive. Aus dem geplanten Kurztrip wird eine Beziehungskrise …
Spiel.Er.Ei: Sie ist 18 und hat eine Affäre mit einer Diskobekanntschaft, bei der sie eigentümlich distanziert bleibt. Ein Spiel der Körper, das die Seele nicht berührt.
Flüstern im Wald: Am Flussufer beobachtet sie eine einzelne Ameise. Rennt sie ziellos umher oder ist ihr Ziel nur für einen Außenstehenden nicht zu erkennen? Weiß sie, was sie will? Ist sie absichtlich allein, weil das manchmal besser ist? Und wie sieht es eigentlich mit den Zielen und Wegen der Erzählerin aus? „Ameisen und Menschen, ein komischer Haufen,“ findet sie. (S. 53)
Waschanlage: Ganz ungewollt tauchen in einer Alltagssituation Gedanken an den verstorbenen Vater auf. Die Erzählerin fühlt sich verlassen seit seinem Tod. „Kinder sollten von allein gehen, Eltern bleiben. Zu schön ihre bedingungslose Liebe, die wir so nie wieder erfahren werden.“ (S. 61)
Vorhang zu! Bei der Beerdigung der Mutter denkt sie über deren Leben nach: „Mit sechsundfünfzig Jahren war sie in der Mitte ihre Lebens, das aufregender, trauriger und anstrengender war als viele andere Leben zusammen. Sie war Mensch, Frau, Geliebte, Getriebene, Gejagte, Gefangene. Spinnerin, Malerin, Bäckerin und Gärtnerin und Mutter. Und ich war mir nicht sicher, ob sie sich selbst das Leben nicht am schwersten machte.“ (S. 66)
Lilien. Weiß. Was geht einer Frau durch den Kopf, die gerade vom Lebensgefährten nach Strich und Faden verprügelt wird? Verblüffendes!
Ankommen: Kurz bevor er zu einer Reise aufbricht, träumen beide von seinem Tod. Er lässt ihr seinen Glücksbringer da, und das Unheil nimmt seinen Lauf …
Vertrauen: Zwei Schwestern im Rentenalter fragen sich, ob ihr Leben besser verlaufen wäre, wenn ihre Mutter sie geliebt hätte.
Schuldig! Sofie Heinen verklagt das Leben wegen entgangener Chancen, fehlender Liebe, ausgebliebenem Erfolg und enttäuschter Träume. Und was hat es zu seiner Verteidigung zu vorzubringen? Zehn Minuten unverständliches Genuschel! Das Urteil ist eine Überraschung für alle …
Regenschirm: Es regnet in Strömen … Müll, schlechte Gefühle, blöde Gedanken. Seit ihrer Kindheit hat die Erzählerin keinen Schirm mehr besessen, ist immer schutzlos durch den Regen gelaufen. Jetzt kauft sie sich einen – und führt ihn einer ungewöhnlichen Verwendung zu. Die Mitmenschen staunen, doch der Leser versteht.
Kaffe. Schwarz: Nach zwanzig Jahren findet sie ihr altes Tagebuch wieder und stellt fest: Viel hat sich nicht geändert seit damals. Ist es Zeit für ein neues Leben?
Minimalistisch und manchmal rätselhaft sind die dreifarbigen Illustrationen, die die Grafik-Designerin und Künstlerin Michaela von Aichberger für dieses Buch angefertigt hat. Das passt zu den Geschichten und rundet das Buch zu einem Gesamtkunstwerk ab.
„Erdbeerflecken“ ist sicher keine einfache Kost. Es ist ein außergewöhnliches, emotionales, sehr persönliches und berührendes Buch. Wer sich darauf einlassen kann und mag und wer Freude an einer gleichzeitig pointierten und poetischen Sprache hat, wird sicher Gefallen daran finden.
Die Autorin
Mia Bernstein, Jahrgang 1970, lebt und arbeitet in Hamburg. »Gedankenscrabble« nennt sie selbst ihre Art zu schreiben.
Die Illustratorin
Michaela von Aichberger, Jahrgang 1967, lebt und arbeitet in Erlangen als freie Grafik-Designerin und Künstlerin.
Gespeichert unter: Bücher | Schlagworte: Weihnachten, Weihnachtszeit, Weihnachtsgeschichten, vorlesen, Vorlesegeschichten, Rede, Festrede, Vortrag, Weihnachtsfeier, Adventsgeschichten
Gregor Schürer: Dschingel bellt – Geschichten für die Weihnachtszeit, Norderstedt 2009 Herstellung und Verlag: Books on Demand GmbH, ISBN 978-3-8391-3915-8, Softcover, 68 Seiten. Format: 14,8 x 21 x 0,5 cm, EUR 4,90.
Weil der Autor bei seinen Lesungen immer wieder gefragt wird, ob es seine Weihnachtsgeschichten denn auch als Buch gebe, die Stories aber bislang „nur“ in verschiedenen Zeitungen, Zeitschriften und Kurzgeschichtensammlungen verstreut publiziert wurden, hat er sie nun zu einem weihnachtlichen Band zusammengefasst.
14 Geschichten sind es, entstanden in einem Zeitraum von 22 Jahren: Humorvolles, Skurriles, Himmlisches, Tierisches, Geheimnisvolles rund um die besinnliche Jahreszeit. Und manche Beiträge sind einfach zum Weinen schön.
Die Zugfahrt: Wo ist der bärtige alte Herr hingekommen, der eben noch mit dem jungen Vater zusammen im Zugabteil saß? Ist da Übernatürliches im Spiel?
Der Weihnachtsspaziergang: Beim Gassigehen mit dem Hund bleibt ein Mann vor einer Krippe im Schaufenster stehen. Dass das Jesuskind ihn angelächelt hat, das muss er sich eingebildet haben. Oder?
Ein unvergessliches Weihnachtskonzert: „Unmöglich, diese Banausen mit ihren schnurlosen Telefonen!“, regt sich der Erzähler auf, als so ein wichtigtuerischer Jungmanager das Weihnachtskonzert mit dem Klingeln seines Handys stört. Doch es kommt noch schlimmer! – Warum dieses Konzert dem guten Mann unauslöschlich in Erinnerung bleiben wird und weshalb er nichts davon seiner Familie erzählt, verrät uns der Autor in dieser amüsanten Geschichte.
Frohe Weihnachten, Nummer 13.497: Oma Schulte verbringt die Weihnachtsfeiertage notgedrungen allein, die Familie wohnt einfach zu weit weg. Hat wirklich soeben ein durchgefrorenes Weihnachtsengelchen bei ihr ans Fenster geklopft?
Es schneit nicht im August: Die kleine Susanne ist todkrank und freut sich schon so auf Weihnachten. Das kommende Weihnachtsfest wird sie aber aller Voraussicht nach nicht mehr erleben.
Der Gameman: Keinen Gameboy, sondern einen Gameman wünscht sich der neunjährige Cornelius zur Weihnachten. Doch der viel beschäftigte Vater versteht die Botschaft nicht …
Dschingel bellt: Moos für die Weihnachtskrippe wollen Vater und Tochter im Wald holen. Dabei finden sie jedoch etwas ganz anderes. Nachdem man diese Geschichte gelesen hat, wird man beim Weihnachtslied „Jingle Bells“ auf einmal ganz merkwürdige Assoziationen haben …
Gefrorene Sterne: Die kleine Sabine kann nicht einschlafen. Da taucht eine geheimnisvolle Gestalt in ihrem Zimmer auf und bietet an, ihr eine Frage zu beantworten, auf die noch nie jemand Auskunft geben konnte …
Horn-Sivan und das frierende Jesuskind: Sivan heißt der Ochse, der im Stall zu Bethlehem Zeuge von Christi Geburt wird. Gerne würde er das frierende Kind wieder zudecken, aber mit seinen ausladenden Hörnern kann er das heruntergefallene Tuch nicht aufheben. Da naht himmlische Hilfe – und die hat unerwartete Folgen.
Das entlaufene Pferd und der doofe Otto: Was die vierjährige Nora noch nicht versteht, das reimt sie sich zusammen. Dabei kommt’s zu allerlei putzigen Missverständnissen. Ihr Vater staunt, ihr Bruder wundert sich – und der Leser schmunzelt.
Heilig Abend 2106: Was wäre, wenn Jesus in 100 Jahren noch einmal auf die Welt käme? Der Autor entwickelt ein skurriles und durchaus vorstellbares Szenario.
Die geheimnisvolle Dose: Was bewahrt Oma nur in der Porzellandose auf ihrem Nachttisch auf? Den Schlüssel zur Vorratskammer vielleicht? Dort lagern die Weihnachtsplätzchen. Eines Nachts fast sich der kleine Enkel ein Herz, krabbelt aus dem Bett und sieht heimlich nach …
Weihnachten ist Muttertag: Anfang Dezember kommt Oma aus dem Krankenhaus und zieht erst einmal zu ihrem Sohn und dessen Familie. Die Enkel sind begeistert: Weihnachtsschmuck basteln, Plätzchen backen Karten spielen – das macht mit Oma noch mal so viel Spaß. Alle freuen sich aufs Weihnachtsfest. Doch das verläuft ganz anders als geplant …
Heilig Abend in Stalingrad, Weihnachten in Kunduz: Soldat Marcel schreibt aus Afghanistan einen Weihnachtsbrief an seinen Großvater, der ihm seinen Glücksbringer aus Stalingrad überlassen hat. Sehr berührend!
Wer stimmungsvolle Weihnachtsgeschichten sucht, der liegt mit dieser abwechslungsreichen Sammlung richtig. Viele der Kurzgeschichten sind auf Lesungen „vortragserprobt“ und eignen sich durch Umfang und Erzählweise bestens dazu, auf Weihnachtsfeiern oder im Familienkreis vorgelesen zu werden. Ob Sie ein jüngeres, älteres oder gemischtes Publikum zum Lachen oder Nachdenken bringen möchten oder ob Sie es zu Tränen rühren wollen: Hier finden Sie für jeden Zweck die richtige Geschichte. Natürlich spricht auch nichts dagegen, dass Sie es sich gemütlich machen und die abwechslungsreichen Weihnachtsgeschichten in aller Stille alleine genießen.
Der Autor:
Gregor Schürer schreibt seit vielen Jahren als Journalist und Autor. Der gebürtige Schwabe lebt mit Frau und zwei Töchtern in Heimersheim an der Ahr (Rheinland-Pfalz). Er hat zahlreiche Geschichten in Anthologien veröffentlicht und diverse Preise und Auszeichnungen erhalten.
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Tom Liehr: Pauschaltourist, Berlin 2009, Aufbau Verlag, ISBN 978-3-7466-2533-1, 335 Seiten, Softcover, 11,5 x 19 x 2,2 cm, EUR 8,96 (D), EUR 9,20 (A)
„Ich bin achtunddreißig, lebe mit einer Frau und zwei Katzen zusammen, habe Publizistik studiert und im Nebenfach Literaturgeschichte, arbeite als Hiwi für ein Reisemagazin und hocke in einem gefängnisartige Touristen-Lager, das sich auf einer Insel befindet, die wie ein Atomwaffentestgebiet aussieht. Dazu trinke ich mit Erdöl verschnittenen Wodka und Bier, das vermutlich als Abfallprodukt bei der Kunststoffherstellung gewonnen wird.“ (S. 45)
Nikolas Sender, 38, reißt in der Redaktionskonferenz die Klappe ein bisschen zu weit auf und hat plötzlich einen sechswöchigen Höllenjob an der Backe. Aus dem Mund seines Chefredakteurs hört sich das so an: „Wir könnten jemanden losschicken, der sich nur Pauschalangebote anschaut, vier, vielleicht sogar drei Sterne und weniger. Anonym. Und darüber berichtet. Jeweils eine Woche, mit allem Drum und Dran.“ (S. 21)
Nicks Partnerin auf diesem Horrortrip ist ausgerechnet Nina Blume, die trinkfeste Chefin des Ressorts Weltreisen, die unter Flugangst leidet, eine Vorliebe für geschmacklos-enge Kleidung hat und stets ihren Pudel Bimbo mitschleppt. Na, Mahlzeit, das kann ja heiter werden! Wird es auch, zumindest für den Leser, wenn Nick und Nina samt Pudel mehrere Wochen lang durch die Pauschaltouristen-Hölle gehen.
Gran Canaria: Abgezockt und ausgeknockt
Ihre erste Station ist Gran Canaria. Dort treffen die beiden auf ein merkwürdiges Ritual, das sie fortan begleiten wird: das Reservieren der Hotelliegen am Pool mittels Badetüchern – morgens um halb fünf. Sie begegnen tragischen Figuren wie Jens, der nach einem Schlaganfall Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis hat und seither mit seiner Frau Jahr für Jahr ins selbe Hotel kommt, weil er sich dort noch von seiner Hochzeitsreise her auskennt. Urlaub in der Endlosschleife.
Nach einer Nacht mit einer elfengleichen Schönheit sind Nicks gesamte Wertsachen weg. Dafür hat er nun Filzläuse. Die Ersatzbeschaffung von Laptop und Kamera endet im Fiasko, weil Nick sein Helfersyndrom nicht im Griff hat.
Was ihre Mitmenschen beißt, für den Aufenthalt in so einer Touristen-Massenabfertigungsanlage einen Haufen Geld zu bezahlen und das ganze auch noch toll zu finden, erschließt sich weder Nick noch Nina. Ihr erster Artikel über dieses Reisefiasko schlägt ein wie eine Bombe. Privat läuft’s eher bescheiden: Nicks langjährige Lebensgefährtin Silke schickt ihn telefonisch in die Wüste, weil sie einen anderen hat. Sie räumt die gemeinsame Wohnung aus und verschwindet.
Marokko: Fischnudeln und Reptilienschnitzel
Schlimmer kann es nicht mehr kommen, denkt sich Nick, und reist mit seiner Kollegin weiter nach Agadir. Nach diversen haarsträubenden Vorfällen fliegen sie dort aus dem Hotel und landen in einem heruntergekommenen Clubhotel, in dem Fischnudeln, Reptilienschnitzel und graubrauner Matsch serviert werden Das jedenfalls ist Nicks Interpretation. Dem Chefanimateur Jacky bescheinigt Nick „die gleiche niederschmetternde Abgerocktheit“ wie dem gesamten Club (S. 144).
Nick und Nina begegnen einer Freundesclique aus Rostock und zwei, äh, Filmproduzenten. Bei einem peinlichen Showauftritt trifft Nick das Komikzentrum des Publikums, beim Bogenschießen trifft er etwas, worauf er gar nicht gezielt hat. Und bei einem Ausflug trifft er auf einen Reiseleiter, der mit missliebigen Gästen kurzen Prozess macht.
Auch der zweite Artikel kommt hervorragend an. „Auf diesem Niveau muss es weitergehen“, befiehlt Chefredakteur Heino Sitz (S. 172), drückt Nick und Nina etwas Schmerzensgeld in die Hand und schickt sie weiter nach Mallorca.
Mallorca: Die Mütter-Mafia schlägt zu
Vor dem Abflug wird Nick noch von seiner Ex Silke abgefangen, die ihm Wichtiges zu sagen hat. Nur wer ihr neuer Lover ist, das sagt sie nicht. Dafür ahnt er, wer Ninas verheirateter Freund ist, den sie auf Mallorca trifft. Und dass der Mann sie verarscht, das ahnt er auch. Nina sieht das natürlich anders. Das könnte Nick zwar egal sein, ist es aber nicht. Die gemeinsamen Erlebnisse in der Touristenhölle haben die beiden Kollegen zusammengeschweißt, und Nick ist klar geworden, dass Nina Blume im Grunde schwer in Ordnung ist.
Auf Mallorca gibt es Ärger mit einer wild gewordenen Mütterhorde, die kollektiv auf einen vermeintlichen Kinderschänder losgeht. Mit Nick geht wieder der gute Samariter durch, und Oliver von Papening, das Müttermobbingopfer, erweist sich als dankbar, wohlhabend und gut vernetzt. Er kennt sogar Nicks und Ninas Chef. „Mutterschutz“ heißt der Artikel, den die beiden über Mallorca abliefern. Und schon sitzen sie im Flugzeug nach Portugal.
Portugal: Angeschmiert und abgeführt
Inzwischen fühlt Nick sich unterwegs wohler als Zuhause, wo nichts und niemand mehr auf ihn wartet, und er kann sich eine Rückkehr an den Redaktionsschreibtisch kaum mehr vorstellen. Im Hotel begegnen sie Barbara, die daheim auch nichts mehr hält, und die von einem Neuanfang an der Algarve träumt. Alles ist ihrer Meinung nach besser als Bielefeld.
Ein junges niederländisches Ehepaar entpuppt sich ebenfalls als nette Bekanntschaft. Weniger erfreulich hingegen verläuft Nicks zufälliges Zusammentreffen mit einer Dame des horizontalen Gewerbes und ihrem Beschützer. Selbst das filmreife Eingreifen des beherzten Niederländers kann da nichts mehr retten: Nick landet im portugiesischen Knast.
Durch Zufall erfährt unser Redakteur nun auch noch, wer ihm Lebensgefährtin Silke ausgespannt hat –und ist wie vom Donner gerührt. Wenigstens Nina ist glücklich. Ihr Lover hat versprochen, sich scheiden zu lassen.
Ägypten: Hühnchen rupfen im Nobelrestaurant
Ägypten ist die letzte Station dieser Touri-Ochsentour. Diese Etappe der Reise beginnt mit einer erfreulichen Begegnung beim Abflug und geht damit weiter, dass jemand gleich nach der Landung Ninas Koffer klaut. Ferner stellt sich die Frage, ob man eine naive Verkäuferin vor einem Heiratsschwindler warnen sollte oder nicht. Die Reise endet mit einem geschickt eingefädelten Showdown, bei dem in einem Nobelrestaurant diverse Personen zusammentreffen, die noch ein Hühnchen miteinander zu rupfen haben. Das hat Konsequenzen …
Kaputte Typen, kaputte Träume
Zart besaitet sollte man für diese Lektüre nicht sein. Hier fallen schon mal deutliche bis derbe Worte. Wer das abkann, wird sich köstlich amüsieren und nicht umhin können, bei der einen oder anderen Szene laut loszulachen.
Manchmal bekommt man direkt Mitleid mit den schonungslos durch den Kakao gezogenen Urlaubszielen. Nein, möchte man am liebsten ausrufen, so öde und schrecklich ist es dort wirklich nicht! Und gar so kaputt und bescheuert wie im Buch sind die Leute in Wahrheit auch nicht. Oder doch …? Es kommt einem erschreckend vieles bekannt vor. Das Körnchen Wahrheit in den Geschichten hat schon Felsbrockengröße.
Doch das Buch ist mehr als eine saukomische Ballermann-Satire. Die Personen in dem Roman machen sich Gedanken über das Leben, über Ziele, Pläne und Träume. Ihre eigenen, und die der anderen. Freundschaften, Liebes- und Geschäftsbeziehungen werden hinterfragt, in Frage gestellt, beendet oder begonnen. Und am Schluss ist nichts mehr wie es war.
Was aus den Personen (werden) wird, denen Nick und Nina auf ihrem Horrortrip begegnet sind, das erzählt uns der Autor im Epilog. Diese höchst vergnüglichen Ausblicke setzen den abgefahrenen Geschichten in dem Buch noch die Krone auf. Manch einem gönnt man sein Schicksal von Herzen. Bielefeld-Barbara, zum Beispiel. Und auch Emad, dem ägyptischen Hallodri.
Der PAUSCHALTOURIST bietet tierisch komische Unterhaltung mit Sinn und Verstand – und fernab jeder political correctness. Vielleicht sollte man das Buch im Urlaub lesen. Egal, was einem dort dann widerfährt: Es wird einem halb so schlimm vorkommen …
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„Ich habe einen Leichenhund und einen Freund, der sich mehr mit Toten beschäftigt als mit mir, dachte ich. Ich hätte Bestatterin werden sollen.“ (S. 145)
***
Ulrike Renk: Echo des Todes – Eifelthriller, Berlin 2009, Aufbau Verlag, ISBN 978-3-7466-2549-2, 259 Seiten, Format: 11,5 x 19 x 2 cm, EUR 8,95.
Manchmal kommt es knüppeldick von allen Seiten. In so einer Phase steckt derzeit Constanze von Aken, Mitte 30, Psychologin und liiert mit dem 8 Jahre älteren Rechtsmediziner Martin Cornelissen.
Privat ist die Situation angespannt, weil Constanze und Martin derzeit keinen gemeinsamen Lebensmittelpunkt haben. Sie sitzt in der gemeinsamen Wohnung in Aachen, er arbeitet in Köln und hat während der Woche ein Zimmer bei einem Freund. An den Wochenenden renovieren sie gemeinsam ein altes Häuschen in der Eifel, was sie nicht nur zeitlich überfordert. Viel Stress und wenig Zeit füreinander, das ist nicht gerade beziehungsförderlich. Und versteht sich Martin nicht ein bisschen zu gut mit seiner Assistentin?
In diese unerfreuliche Situation platzt die Nachricht, dass der Totschläger Robert Theißen aus dem Vollzug entlassen wurde. Constanzes Gerichtsgutachten vor acht Jahren hatte maßgeblich zu seiner Verurteilung beigetragen. Jetzt besteht die Gefahr, dass er sich an ihr rächen will.
Trotz aller Sorge um Constanze ist das Wasser auf Martins Mühlen. Er hat die Gutachtertätigkeit seiner Lebensgefährtin schon immer für zu gefährlich gehalten. Und so langsam fragt sich Constanze, ob er nicht Recht damit hat. Oder verliert sie vor lauter Stress den Verstand? War tatsächlich jemand in ihrem Wochenendhaus, oder gibt es für das Verschwinden von Milch und Nachthemd eine harmlose Erklärung? Wer ruft sie mit unterdrückter Rufnummer auf ihrem Handy an, dessen Nummer nur ein paar handverlesene Leute kennen? Ist es Robert Theißen? Und was ist mit dem Türschloss in ihrer Praxis passiert? Sind das Einbruchsspuren?
Staatsanwalt Werner Bromkes nimmt die Vorfälle so ernst, dass er Constanze die Spurensicherung vorbeischickt. Doch die findet nichts. Und Constanze ist mit ihrer Angst vor dem Stalker wieder die meiste Zeit allein. Ihr Hund Charlie, ein pensionierter Leichenspürhund, ist als Wachhund keine große Hilfe. Hunde wie er werden ja erst aktiv, wenn’s schon zu spät ist.
Auf einmal hat das Paar auch noch einen gemeinsamen Fall: Auf Martins Seziertisch landet ein Unbekannter, der tot im Wald gefunden wurde. Offenbar ein Junkie, ein Obdachloser, jedoch mit erstaunlich gepflegten Fingernägeln und kurz geschorenem Haar. Entdeckt hat ihn die 16-jährige Nadine, eine von Constanzes Patientinnen. Ein Erlebnis, das dem Mädchen schwer zu schaffen macht.
Bei der Leiche gibt es ein paar merkwürdige Auffälligkeiten. Martin glaubt nicht an eine natürliche Todesursache, bekommt aber die notwendigen Untersuchungen nicht genehmigt. Die Staatsanwaltschaft will den Fall rasch abschließen. Constanze vermutet, dass Nadine mehr über Toten weiß als sie sagt, bekommt aber aus dem Mädchen nichts heraus.
Die Psychologin wird immer nervöser. Ob sie in der Praxis ist, in ihrer Wohnung in Aachen oder im Wochenendhaus, der Stalker ist allgegenwärtig. Jetzt schickt er ihr schon Päckchen! Und ihr Lebensgefährte Martin ist mehr und mehr beruflich eingespannt und abwesend. Da ist es ein Glücksfall, dass sich einer der Nachbarn in der Eifel als ihr Studienkollege Wolfgang entpuppt. Constanze kann einen Freund brauchen.
Als ein zweiter Toter gefunden wird, der unter ganz ähnlichen Umständen ums Leben gekommen ist wie der Unbekannte im Wald, glaubt niemand mehr an einen Zufall. Dann verschwinden zwei Menschen, die möglicherweise etwas über die mysteriösen Todesfälle gewusst haben. Wussten sie mehr, als gut für sie war? Kann vielleicht der wohnsitzlose Mannie Licht ins Dunkel bringen? Er hat die beiden Toten gekannt. Doch aus seinen wahnhaft wirren Ausführungen wird niemand schlau.
In einer Gewitternacht in der Eifel überschlagen sich die Ereignisse und Constanze wird schlagartig klar, wie alles zusammenhängt. Die Wahrheit ist so ungeheuerlich, dass man sie ihr vielleicht gar nicht glauben wird. Doch das ist im Moment Constanzes geringstes Problem …
„Charakteristisch für Thriller ist Spannung, die nicht nur in kurzen Passagen, sondern fast während des gesamten Handlungsverlaufs präsent ist,“ schreibt Wikipedia zum Thema „Thriller“. Und das passt! Wie durch die Aktionen des Stalkers das Unheimliche, Bedrohliche, Unberechenbare in Constanzes Alltagsleben Einzug hält, ist so packend erzählt, dass es schon Leserinnen bis in ihre Träume hinein verfolgt hat.
Diese Geschichte ist so nah an der Realität, dass wir uns alle vorstellen können, wie man sich fühlt, wenn ein vollkommen Unbekannter über einen längeren Zeitraum hinweg in unsere Privatsphäre eindringt und demonstrativ unseren persönlichen Schutzraum verletzt. Es ist eine Art psychischer Vergewaltigung. Das Dumme ist, dass man sich kaum dagegen wehren kann, weil man eben nur die Aktionen des Stalkers mitbekommt. Er selbst agiert im Verborgenen, bleibt unsichtbar und ist nicht zu greifen. Es ist, als sei man einem Geist ausgeliefert, der aber jederzeit zu einer höchst realen Bedrohung für Leib und Leben werden kann.
Das allerdings scheint ein Thema zu sein, der hauptsächlich Frauen anspricht. Männer verbinden mit dem Begriff Thriller wohl eher durchgehend rasante Action. Die Herrn der Schöpfung packt dieser Thriller dann, wenn es um die Aufklärung der mysteriösen Mordfälle geht. Denn dabei geht es wirklich filmreif zur Sache!
Erfreulich – und bei Thrillern nicht unbedingt selbstverständlich – ist es, dass es sich bei den Personen des Romans nicht um irgendwelche Super-Actionhelden handelt, sondern um ganz normale Menschen, die Stress im Job haben und Knatsch mit ihren Liebsten. Sie müssen den Kühlschrank füllen, sich mit Handwerkern rumärgern und mit dem Hund rausgehen. Wenn dann Mord und Stalking in dieses vertraute Alltagsszenario einbrechen, wirkt das umso bedrohlicher.
„Schaurig-schön realitätsnah“ nannten die Aachener Nachrichten Ulrike Renks Eifelthriller. Auf Leser aus der Region wird der Roman in besonderem Maße so wirken, weil sie viele Orte des Geschehens aus eigener Anschauung kennen. Aber auch wer die Eifel nur besuchsweise oder vom Hörensagen kennt, wird gut und spannend unterhalten werden. Und wem der Thriller gefällt, der kann sich freuen: Im Herbst 2010 wird der zweite Band um die Psychologin und Gerichtsgutachterin Constanze Van Aken erscheinen.
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Charlaine Harris, Toni L.P. Kelner (Hrsg.): Werwölfe zu Weihnachten, OT: Wolfsbane and Mistletoe, 15 Kurzgeschichten, München 2009, dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, ISBN: 978-3-423-21175-8, 479 Seiten, Format: 12 x 19 x 2,8 cm, EUR 9,95 (D), EUR 10,30 (A)
Jede Wette: Die beiden Herausgeberinnen hatten eine Menge Spaß mit dieser Kurzgeschichtensammlung. Nachdem ihre vorige Anthologie „Happy Bissday“ – Vampirgeschichten zum Thema Geburtstag – so gut ankam, haben Charlaine Harris und Toni Kelner dieses Erfolgsrezept erneut aufgegriffen. Sie haben sich zwei Begriffe ausgedacht, die auf den ersten Blick unvereinbar sind – Werwölfe und Weihnachten –, dann eine Reihe bekannter Autorinnen und Autoren angeschrieben und sie um eine Kurzgeschichte zu diesem Thema gebeten.
J. K. Rowling hatte etwas Besseres zu tun, aber die meisten anderen Schriftsteller haben noch eine Story in ihrem Terminplan untergebracht. Charlaine Harris und Toni Kelner konnten für diese Anthologie wieder mal aus dem Vollen schöpfen. Herausgekommen ist eine wilde Mischung aus spannenden, witzigen und gruseligen Werwolf-Geschichten, geschrieben von ausgewiesenen Experten auf diesem Gebiet.
„Am besten bei Vollmond lesen – aber die Türen gut verschlossen halten“, empfiehlt der Verlag. Ob Sie das wagen möchten, müssen Sie selbst entscheiden. Hier ein kleiner Einblick in das, was Sie in diesem abwechslungsreichen Band erwartet:
Charlaine Harris: Ein unvergessliches Weihnachtsfest, OT: Gift Wrap, deutsch von Britta Mümmler. Weil Freunde und Verwandte andere Pläne haben, muss Sookie Stackhouse, die gedankenlesende Kellnerin, das Weihnachtsfest dieses Jahr alleine verbringen. Dass es trotzdem weder einsam noch langweilig wird, dafür sorgen ein verletzter Werwolf, den Sookie bei einem Waldspaziergang findet, und ihr Urgroßvater Niall Brigant.
Donna Andrews: Das har des thieres, OT: The Haire of the Beast, deutsch von Barbara Ostrop. Tom möchte ein Werwolf werden. Bei der Übersetzung des Zaubertrank-Rezepts soll ihm seine Schwester helfen. Schließlich versteht sie etwas von alten Sprachen. Ob das Rezept auch mit Haaren vom Nachbarshund funktioniert, wenn gerade kein Werwolfsfell zur Hand ist? Jetzt wäre es hilfreich, wenn man den Trank vorab testen könnte …
Simon R. Green: Lucy, alle Jahre wieder, OT: Lucy at Christmastime, deutsch von Christine Blum. Er ist ein Werwolf, und wie jedes Jahr verbringt er Heiligabend im „Strangefellows“, der ältesten Kneipe der Welt. „Dort, wo Träume wahr werden können, wenn man nicht gut aufpasst“ (S. 46). Er trifft sich mit Lucy, die seine erste große Liebe war. Doch das ist nicht das einzige, was die beiden verbindet …
Dana Cameron: Die Nacht, die alles verwandelte, OT: The Night Things Changed, deutsch von Britta Mümmler. Psychiaterin Claudia ist Vampirin, ihr Bruder Gerry Privatdetektiv und Werwolf. Werwölfe, so erfahren wir, sind auf der Welt, um das Böse auszulöschen, Vampire, um Blut zu reinigen und zu heilen. Beide gehören zu den Guten. Ein Patient, der Claudia in ihrer Praxis angreift, bringt das Weltbild der Geschwister ins Wanken …
Kat Richardson: Ein Werwolf zu Weihnachten, OT: The Werewolf Before Christmas, deutsch von Barbara Ostrop. Durch einen Flugzeugabsturz hat es den Werwolf Matt an den Nordpol verschlagen. Nachdem er dort das Leit-Rentier des Weihnachtsmanns gefressen hat, hat er ein Problem. Kurzerhand macht ihn Santa-Claus nämlich zum Ersatz-Zug- und Flugtier. Und auch sonst ist der alte Herr für manche Überraschung gut …
Alan Gordon: Ungebetene Gäste. OT: Fresh Meat, deutsch von Britta Mümmler. Sam Lehrmann ist Hundetrainer und ein Werwolf. Vor seiner Freundin Mona konnte er letzteres geheim halten, doch nicht vor Mr. Taylor. Der hat etwas gegen Werwölfe und rückt ausgerechnet an Heiligabend mit seinen Söldnern an, um Sam den Garaus zu machen. Doch Sam ist nicht so wehrlos und unvorbereitet wie Taylor meint. Und auch nicht so allein …
Carrie Vaughn: Il es né, OT: Il Est Né, deutsch von Ute Brammertz. Werwolf David hat keine Ahnung, wie er seine Verwandlungen kontrollieren kann. An Weihnachten trifft er zum ersten Mal im Leben auf eine Artgenossin. Doch ehe sie ihm hilft, wäre noch zu klären, ob David nicht ein gesuchter Serienmörder ist. Aufgrund seiner Erinnerungslücken wäre alles möglich. In Wolfsgestalt leisten die beiden Detektivarbeit …
Dana Stabenow: Das perfekte Geschenk, OT: The Perfect Gift, deutsch von Britta Mümmler. „Wenn wir ihre Population nicht dezimieren, wird bald auf alle Jagd gemacht“ (S. 202). Mennaro, seine Männer und seine Nichte Neri rüsten sich zum Kampf. Doch wer jagt hier wen? Dass die Polizei den oder die Wolfsmörder sucht ist klar. Aber wie passen Mennaro und seine Leute ins Bild? – Wer auf die Personennamen achtet, kommt vielleicht den raffinierten Wendungen in dieser erotischen Geschichte auf die Spur …
Keri Arthur: Der Geist der vergangenen Weihnacht, OT: Christmas Past, deutsch von Christine Blum. Hannah hat ein untrügliches Gespür für das Böse und arbeitet im Dezernat für paranormale Angelegenheiten des FBI. Jetzt steht sie frierend im Elfenkostüm auf der Straße, als Lockvogel für den vampirischen Spendensammler-Mörder, und muss ausgerechnet mit ihrem Ex, dem Werwolf Brodie, zusammenarbeiten …
J.A. Konrath: Das Buch Bob, OT: SA, deutsch von Christine Blum. Kommt ein Mann mit einer Stuhlprobe zum Arzt … Was wie ein Stammtischwitz beginnt, steigert sich zu einer furiosen Geschichte, originell, tierisch komisch und unheimlich abgefahren. Knöpfe, Reißverschlüsse, Schmuckstücke und Zähne findet der Arzt in der Stuhlprobe von Robert Weston Smith. Smith, der sicher ist, nichts dergleichen verzehrt zu haben, fragt sich, wie diese Fremdkörper in seinen Körper kommen. Seine Internetrecherchen ergeben, dass er ein Therianthrop sein könnte, ein Wergeschöpf.
Auch dafür gibt es zum Glück Selbsthilfegruppen. Smith tritt einer solchen bei und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nicht nur, dass er Wereichhörnchen, Werschildkröten und sogar Werkorallen (!) begegnet, er erfährt auch wer die schlimmsten Feinde der Therianthropen sind. Wenn er das mal vorher gewusst hätte!
Patricia Briggs: Davids Stern, OT: The Star of David, deutsch von Barbara Ostrop. Der sechzehnjährige Devonte Parish liegt im Krankenhaus und behauptet, von einem Vampir angegriffen worden zu sein. Sozialarbeiterin Stella Christiansen zuckt nicht mit der Wimper und ruft ihren Vater David zu Hilfe. Der ist Ex-Soldat und Werwolf. Seine Theorie: Der Vampir wird keinen Zeugen am Leben lassen wollen und bald bei dem Jungen auftauchen. David und Stella legen sich auf die Lauer …
Nancy Pickard: Besser nicht schmjollen, OT: You’d Better Not Pyout, deutsch von Barbara Ostrop. Die russischen Vampir-Vettern Pascha und Serge machen sich von Miami Beach aus auf den Weg zum Nordpol um zu überprüfen, ob der Weihnachtsmann und seine Elfen tatsächlich Vampire sind wie sie. Wie sie dann allesamt in Südafrika landen, wo die Werwölfin Ingrid dem Wildhundrudel helfen möchte, von dem sie großgezogen wurde, das ist eine Geschichte für sich. – Abgedreht und ein bisschen, äh, mjerkwürdig.
Karen Chance: Schwarze Schafe, OT: Rogue Elements, deutsch von Christine Blum. Fünf Werwölfinnen sind verschwunden. Die Clans bitten den „Silbernen Kreis für Weiße Magie“ um Hilfe, und der Fall landet auf dem Schreibtisch der Kriegsmagierin Accalia de Croisset. Weil ihre Mutter eine Werwölfin war, erhofft ihr Chef sich Insider-Informationen. Doch Accalia ist eine Ausgestoßene, die Clans werden ihr nicht helfen. Dass sie sich mit einem anderen Außenseiter-Wolf zusammentut, bringt überraschende Resultate …
Rob Thurman: Milch und Plätzchen, OT: Milk and Cookies, deutsch von Britta Mümmler. Blöde Weihnachten! Der dreizehnjährige Nikolai trauert der Zeit hinterher, als er sich noch auf den Weihnachtsmann freuen konnte. Außerdem hat ihn Jed, der mieseste Schläger der Schule, auf dem Kieker. Zwar hat Nikolai seinem Vater versprochen, sich keinen Ärger einzuhandeln, aber manchmal darf man die A***löcher dieser Welt einfach nicht gewinnen lassen … – Eine blitzböse Geschichte, in der nichts so ist wie es zunächst scheint.
Toni L.P. Kelner: Denn siehe, er hütet seine Herde, OT: Keeping Watch Over His Flock, deutsch von Britta Mümmler. Statt, wie versprochen, mit seinem Ziehsohn Jake durch die weihnachtlicheVollmondnacht zu streifen, passt Leit-Werwolf Brian auf seine kleine Tochter auf. Teenager Jake ist sauer und zieht verbotenerweise alleine los. Prompt gerät der unerfahrene junge Werwolf in eine Situation, die ihn überfordert …
Die Disney-Cola-Plastik-Weihnachtsstimmung in den Geschichten wirkt auf einen europäischen Leser schon sehr amerikanisch. Andererseits … je kitschiger die heile Welt, desto größer ist der Kontrast zu den unheimlichen Geschöpfen, die sich darin herumtreiben. Und dann passt’s ja wieder.
Auf jeden Fall ist die Kurzgeschichtensammlung sehr abwechslungsreich und vergnüglich und durchaus nicht nur was für minderjährige weibliche Fans des Urban-Fantasy-Genres. Romantik pur darf man in dieser Anthologie nicht erwarten. Bei manchen Geschichten ist es hilfreich, wenn man bei etwas derberem Humor und grob gestrickter Wildwestmoral nicht gleich schockiert in Ohnmacht sinkt. (Gerade diese Beiträge erweisen sich oft als besonders unterhaltsam.)
Kurzbiographien sämtlicher teilnehmender Autorinnen und Autoren runden den Band ab und bescheren dem Leser manch eine überraschende Erkenntnis. Und wer auf den Geschmack gekommen ist und von dem einen oder anderen Schriftsteller noch mehr lesen möchte, erfährt auch etwas über sein übriges Werk. Bei ein paar TeilnehmerInnen dürfte es sich durchaus lohnen, sie im Auge zu behalten.
Gespeichert unter: Bücher
Claus Beese: Petrus’ starke Truppe – Katastrophales vom Angelwasser, 20 Kurzgeschichten mit Illustrationen von Lothar Liesmann, Goldebek 2009, Mohland Verlag, ISBN 978-3-86675-100-2, 164 Seiten, Softcover, Format: 20,4 x 14,4 x 1,2 cm, EUR 10,00.
„Oha, Alarm! Meine Aalrute hatte sich selbständig gemacht und rutschte ganz langsam den Uferhang hinunter auf das Wasser zu. Im letzten Moment und mit einer artistischen Showeinlage erwischte ich sie, verlor aber nun endgültig den Halt. Im gestreckten Spagat rutschte ich selber den Hang hinab und hielt erst an, als mein nach vorn gestrecktes Bein Grundberührung hatte. Mein Stiefel lief blubbernd voll, und meine Tochter stand vor Vergnügen quietschend auf der anderen Seite des Sieleinlaufs.“ (Seite 108/109)
Skurrile, witzige, sympathische und brummige Petri-Jünger begegnen uns in Claus Beeses humorvollen Kurzgeschichten. Der Untertitel „Katastrophales vom Angelwasser“ kommt nicht von ungefähr, denn wo Angler wie Claus, Bodo, Joachim, Opa Diercks, Hermann und der langsame Erich zugange sind, da ist das Chaos meist nicht weit.
Dabei entspringen die geschilderten Ereignisse nicht etwa der regen Phantasie des Verfassers! Die Helden gibt oder gab es wirklich. Sie haben die Abenteuer in diesem Buch auch tatsächlich erlebt – wenn der Autor sie auch mit dem Hauch eines anglerlateinischen Akzents erzählen mag.
Die Geburtshilfe
Was macht ein passionierter Angler, dem ein aufgeregter werdender Vater im Weg herumhüpft und ihm die Fische verscheucht? Er lenkt ihn ab. Opa Diercks hat da seine ganz eigene Methode …
Omas Meisterstück
Auch Mütter stecken voller Überraschungen. So hat Claus bis dato nicht geahnt, dass seine Mutti eine ausgezeichnete Anglerin ist. Das stellt sich erst bei einem gemeinsamen Urlaub heraus. Zum Glück für ihn können Mütter auch Geheimnisse bewahren …
Ein treuer Freund
In dieser Story wird es ganz schön unheimlich. Mitten in der Nacht fahren Claus, Bodo und Joachim flussabwärts in ein entlegenes Anglerparadies. Doch was den dreien dort begegnet, verdirbt ihnen den Spaß am Angeln gründlich …
Nur ein Osterei
Opa Diercks hat vergessen, dass Ostersonntag ist und ist angeln gegangen. Wie enttäuscht wird seine Frau sein, wenn er ohne Osterei nach Hause kommt! Undenkbar! Also muss eines her, gekocht und gefärbt. An kreativen Einfällen hat es dem alten Herrn zum Glück noch nie gemangelt …
Oma entkommt keiner
Fische fangen können Claus Ehefrau und seine Mutter sehr gut und tun es auch mit Leidenschaft. Nur wenn es ans Schlachten und Ausnehmen der Fische geht, lässt ihre Begeisterung rapide nach …
Elektrowürmer
Bei anhaltender Sommerhitze braucht der Angler schon ein paar Tricks um an die Tauwürmer zu kommen, die er als Köder braucht. Opa Diercks probiert es mit einem elektrischen Gerät der Marke Eigenbau. Doch beim Ersteinsatz kommt es zu einer folgenschweren Panne, die für Diercks bestimmt kein Vergnügen ist. Für den Leser umso mehr …
Stippfischer
Angelblei im Hobykeller basteln – eine gute Idee. Zumindest in der Theorie. Mit Maden statt mit Tauwürmern angeln – eine sehr gute Idee. Wenigstens in diesem Fall. Sich mit einer Gruppe gestandener Angler anzulegen: ein absolut dämlicher Einfall …
Alles kleine Fische
Wer sagt, dass es nicht auf die Größe ankommt? Erich mag ja nicht der Schnellste sein, aber um einen riesigen Hecht zu fangen, gibt er alles …
Dem Nachwuchs eine Chance
Dass es kein guter Einfall ist, ein Kleinkind mit zum Angeln zu nehmen, ist Claus schon klar. Aber dass es so chaotisch werden würde, das hätte er sich nicht träumen lassen …
Podderaale
Wenn man in stockdunkler Nacht aalepoddernd mitten im Schilf sitzt, sollte man sich die Zeit nicht unbedingt mit dem Erzählen gruseliger Geschichten vertreiben. Sonst wird der Angeltrip ratzfatz zum Horrortrip …
Ein wasserscheuer Nasenbär
Wie es kommt, dass Nichtschwimmer Hermann beim Hechtangeln auf einmal rittlings auf einem Ahornstamm sitzt und durch den herbstkalten Teich dümpelt, das ist eine Geschichte für sich …
Der Entenhecht
Womit ködert man einen Hecht, der Enten frisst? Genau! Mit einer Ente. Und wenn man gerade keine zur Hand hat, dann bastelt man sich eine. Claus geht frisch ans Werk mit allem was der Hobbykeller hergibt. Ob das wohl gut geht?
Mord kommt nicht in Frage
Auch wenn Claus’ Tochter mittlerweile dem Kleinkindalter entwachsen ist, ist es immer noch keine gute Idee, sie mit zum Angeln zu nehmen. Erst verschwinden seine Stiefel, dann seine Verpflegung. Doch es kommt noch schlimmer …
Boilies
Mit Boilies fängt man Karpfen. Und da Klaus keine von den „Fischpralinen“ mehr vorrätig hat, bereitet er kurzerhand selber welche zu. Dabei saut er zwar die frisch geputzte Küche ein, doch der Aufwand scheint sich zu lohnen. Zumindest Claus’ Frau fängt jede Menge Fische. Das kann doch nur an Claus’ selbst gemachtem Superspezial-Köder liegen! Oder?
Glücksfälle
Claus und Joachim sind am Angelplatz, doch die Wurmdose haben sie zu Hause vergessen. Was tun? Umkehren oder improvisieren? Improvisieren natürlich! Claus hat auch schon eine Idee …
Bei Thor und Odin und Vom Umtausch ausgeschlossen
Diese beiden Geschichten erzählen von einer weiteren Leidenschaft von Angler Claus: Er träumt von einem eigenen Motorboot um damit auf Dorschfang zu gehen und mit der Familie Wochenendtrips und Urlaubsreisen zu unternehmen. Kaum hat er eine schrottreife Motorjacht gekauft und mit viel Mühe und Aufwand in ein Schmuckstück verwandelt, ist die Familie auch schon aus dem Boot herausgewachsen. Ein größeres Boot müsste her. Doch dieser Wunsch ist nicht budgetkompatibel. Sind die Träume von Urlaub und Dorschfang mit dem eigenen Boot nun ausgeträumt …?
Nur ein Weihnachtsgeschenk
Was schenkt man einem leidenschaftlichen Angler zu Weihnachten? Claus’ Familie lässt sich in einem Angelladen fachmännisch beraten. Dabei kann nicht viel schief gehen, sollte man meinen. Warum der Laden am Schluss renovierungsbedürftig ist, das sollten Sie unbedingt selber lesen …
Die Leuchtpose
Ist man nachts als Raubfischer unterwegs, empfiehlt sich nicht unbedingt die Verwendung von Leuchtposen. Da kann man für den Fischereiaufseher ja gleich eine Leuchtreklame aufhängen: „Huhu, hier sind wir!“ Können sich Claus, Bodo und Joachim trotzdem unbemerkt aus der Affäre ziehen?
Rache ist süß
Was haben sie in den vergangenen Jahren vor dem Fischereiaufseher gezittert, Claus, Joachim und Bodo! Und jetzt stellt sich heraus, dass der angebliche Aufseher nur ein Wichtigtuer von eigenen Gnaden war und selbst recht eifrig als Fischwilderer unterwegs ist. Da ist doch eine kleine Revanche fällig! Wie gut, dass es den kreativen Tüftler Bodo gibt …!
***
Es ist genau so, wie es im Klappentext steht: „An Petrus’ starker Truppe haben garantiert nicht nur Angler Spaß, sondern auch deren leidgeprüfte bessere Hälften und sogar Menschen, die Angeln bisher für entsetzlich langweilig hielten. Das Gegenteil ist der Fall!“
Die Rezensentin, die noch nie in ihrem Leben angeln war, versichert Ihnen: Das Buch ist nicht nur etwas für Experten, es ist tatsächlich auch laientauglich. Was man an Fachwissen haben muss, um den Geschichten folgen zu können, wird kurz und unaufdringlich erläutert oder ergibt sich elegant aus dem Zusammenhang. Und so können sich selbst Mitmenschen, die Fische hauptsächlich aus der Dose kennen, köstlich über Elektrowürmer, Leuchtposen, Boilies & Co. amüsieren.
Ob Sie passionierter Angler, sachkundiger Angehöriger oder absoluter Laie sind: Wenn Sie das Buch irgendwo im öffentlichen Raum lesen, sollten Sie sich darauf gefasst machen, durch plötzliche Lachsalven aufzufallen und eventuell auf Ihre Lektüre angesprochen zu werden. Wenn das geschieht, dann nennen Sie Ihrem interessieren Gegenüber einfach freundlich den Buchtitel und den Namen des Verfassers. „Petrus’ starke Truppe“ kann man guten Gewissens weiterempfehlen.
Gespeichert unter: Bücher, Hausfrauen-Poesie | Schlagworte: Gedicht, gereimt, gereimte Rezension, Karatehamster, Kinderbuch, Modellflugzeug, Tina Zang
Dieser Tage ist mir eingefallen, dass ich vor einem Jahr mal für Amazon eine komplette Buchrezension in Reimform geschrieben habe. Eine vollkommen bescheuerte Idee, die mich ansprang, weil in der „Karatehamster“-Buchreihe von Tina Zang immer die Kapitelüberschriften gereimt sind und weil der Titelheld der Buchreihe einen Gedichtefimmel hat.
Ja, ich weiß, die Amazonen haben ihre Texte gerne exklusiv. Wenn sie sich beschweren, dass ich den Text hier auch hier veröffentliche, dann nehme ich ihn halt wieder raus. Allerdings gehe ich davon aus, dass sie sich um solche Kinkerlitzchen nicht kümmern, weil sie ohnehin genug zu tun haben.
Tina Zang: Der Karatehamster hebt ab. München 2008, arsEdition GmbH, ISBN 978-3-7607-3276-3, Hardcover, 152 Seiten, Format: 15 x 21,6 x 1,8 cm, Titelbild und Illustrationen: Claudia Fries, besondere Ausstattung: Plüschfell auf dem Cover, EUR 8,95, ab 8 Jahren.
Ein flugerprobter Hamstermann, der dichten und Karate kann
Kira heißt das kluge Kind,
bei dem drei Hamster heimisch sind.
Den Sinn des Lebens suchen sie.
Das machen Hamster doch sonst nie!
Den Hamstern ist das ganz egal.
Sie waren eins noch nie: normal.
Chan pflegt seinen Körperspeck,
Fressen ist sein Lebenszweck.
Weichei Lee ist Philosoph,
gerne krank und manchmal doof.
Neo liebt ganz ungeheuer
Sport, Karate, Abenteuer.
Wer ist von den Menschen wichtig?
Kira, ihr Freund Jan, und richtig:
Petra vom Geschenke-Shop.
Diese Frau ist einfach top!
Sie hilft immer, wenn sie kann,
hat ein einen Hamster, Hund und Mann.
Ein Spielzeugladen in der Stadt
wird Opfer einer bösen Tat:
Drei Jungen treiben Schabernack,
mit einer Dose blauem Lack.
Sie sprühen diesen Laden an
und machen sich vom Acker dann.
Schon folgt die nächste Missetat
der Bande, was nun Folgen hat:
In einem Flugzeug, ferngesteuert,
sitzt Hamster Neo. Wie bescheuert!
Er fühlt sich tollkühn als Pilot.
Das Ding stürzt ab, fast ist er tot.
Und was das Allerschlimmste ist
beim sinnlosen Vandalen-Mist:
Ein Täter ist nicht nur bekannt,
er vielmehr sogar verwandt.
Neo sieht zu seiner Schande
Kiras Bruder in der Bande!
So kann das doch nicht weitergehn!
Irgendwas muss hier geschehn!
Wie spuckt man dieser Blaumanngruppe
nur am besten in die Suppe?
Sie auf frischer Tat erfassen
und für die Schäden blechen lassen!
Bei ‚nem Termin mit Petras Kunden
scheint die Lösung dann gefunden:
Sein Hamster soll Patrouille fliegen
und so die Blaumannbande kriegen.
In ein MODELLFLUGZEUG soll ich?“
Der Teddyhamster weigert sich.
Und Neo, Chan und Lee ist klar,
dass der schon immer dämlich war.
Nur Petras Hamsterfrau Marie
führt sich auf wie sonst noch nie.
Da sind die Hamster von den Socken:
Mariechen mag den Depp mit Locken!
Wer soll denn nun ins Flugzeug steigen,
den Sprühern mal die Meinung geigen?
Abenteurer Neo nun
weiß, das muss er selber tun,
als flugerprobter Hamstermann,
der dichten und Karate kann.
Wird er sich die Bande krallen?
Wird er aus dem Cockpit fallen?
Weiß man am Ende dieser Tat
welchen Sinn das Leben hat?
Was macht die Hamsterfrau Marie?
Wen der Jungs bevorzugt sie?
So, das ist es nun gewesen.
Wer’s wissenwill, soll selber lesen.
Und sagt sich einer: Wie abnorm,
,ne Rezi in gereimter Form!“,
entgegne ich: Warum denn nicht?
Auch Neo schreibt gern ein Gedicht.“









