Wahnsinn im Alltag


Mia Bernstein: Erdbeerflecken
November 27, 2009, 1:29
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Mia Bernstein: Erdbeerflecken – Kurzgeschichten mit Illustrationen von Michaela von Aichberger, Düsseldorf 2009, Verlag klare Texte und Bilder, ISBN 978-39809599-5-7, 134 Seiten, Format 12 x 17,8 x 1,2 cm, EUR 12,90.

Formal gesehen sind die „Erdbeerflecken“ eine Sammlung von Kurzgeschichten. Das Ungewöhnliche daran ist die Art, in der sie erzählt werden: in kurzen, knackigen Sätzen, von denen manche schon als Aphorismen durchgehen können. Es wird auch nicht rein linear ein Handlungsablauf wiedergegeben, Mia Bernstein bildet Assoziationsketten, macht Gedankensprünge. Es ist, als würde man der Autorin live beim Denken zuhören.

Gedichte, oft mit versteckten Reimen, sind den Geschichten vorangestellt, rahmen sie ein oder unterbrechen sie optisch. Inhaltlich bringen sie die Gedanken und Gefühle der jeweiligen Protagonistin auf den Punkt.

Manche der Geschichten haben verschiedene Ebenen. Die eine beschreibt den äußeren Ablauf des Geschehens, die andere das, was sich im Kopf der erzählenden Person abspielt. Dadurch bekommen die Texte einen ungeheuer persönlichen Charakter. In manchen der Gedankengänge erkennt man sich wieder und denkt sich: „Endlich sagt’s mal jemand!“

Zu gerne würde man ja wissen, was in dem Buch wirklich autobiographisch ist uns was erfunden. Das ist natürlich die pure Neugier, denn für das Verständnis der Geschichten hat es keine Bedeutung. Vielleicht ist es eine Nebenwirkung derart intim wirkender Texte, dass sie beim Leser eine geradezu ungehörige Wissbegier in Bezug auf den Autor hervorrufen.

Die Geschichten handeln von Beziehungen und Verlusten, vom Leben und vom Sterben, von Träumen und dem Sinn des Lebens. Es empfiehlt sich nicht, das Buch flüchtig „nebenher“ zu konsumieren, ein bisschen Zeit und Konzentration erfordern die Texte schon. Manches erschließt sich erst beim zweiten Lesen. Aber es lohnt sich, sich darauf einzulassen.

Wer sich nach dieser Beschreibung noch kein so rechtes Bild von dem Buch machen kann, dem hilft vielleicht eine Kurzvorstellung der einzelnen Storys:

Rote Wand: Von der Wandfarbe bis zum Sinn des Lebens wandern die Gedanken der Erzählerin. Wird sie sich aufraffen können, die Schlafzimmerwand knallrot zu streichen, ehe sie aus der Wohnung wieder auszieht? Und warum ist man eigentlich zu Fremden netter als zu den Menschen, zu denen man „ich liebe dich“ sagt?

Erdbeerflecken: Beziehungen sterben am Frühstückstisch, da ist sie sich sicher. Früher wollte sie so gewöhnlich sein wie Erdbeermarmelade, denn als sie noch ungewöhnlich war, war sie unglücklich. Aber ist der Umkehrschluss zulässig?

Bootsfahrt: Als sie sich in ihn verliebt, kneift er. Sie verlieren sich aus den Augen. Zehn Jahre später schreibt sie ihm einen Brief. Ist es nun zu spät fürs Glück?

Leitplanken: Er will für drei Tage in die Provence fahren – ohne sie. Sie zählt schon die Tage bis zu seiner Rückkehr, noch ehe er überhaupt abgefahren ist und hinterfragt seine Motive. Aus dem geplanten Kurztrip wird eine Beziehungskrise …

Spiel.Er.Ei: Sie ist 18 und hat eine Affäre mit einer Diskobekanntschaft, bei der sie eigentümlich distanziert bleibt. Ein Spiel der Körper, das die Seele nicht berührt.

Flüstern im Wald: Am Flussufer beobachtet sie eine einzelne Ameise. Rennt sie ziellos umher oder ist ihr Ziel nur für einen Außenstehenden nicht zu erkennen? Weiß sie, was sie will? Ist sie absichtlich allein, weil das manchmal besser ist? Und wie sieht es eigentlich mit den Zielen und Wegen der Erzählerin aus? „Ameisen und Menschen, ein komischer Haufen,“ findet sie. (S. 53)

Waschanlage: Ganz ungewollt tauchen in einer Alltagssituation Gedanken an den verstorbenen Vater auf. Die Erzählerin fühlt sich verlassen seit seinem Tod. „Kinder sollten von allein gehen, Eltern bleiben. Zu schön ihre bedingungslose Liebe, die wir so nie wieder erfahren werden.“ (S. 61)

Vorhang zu! Bei der Beerdigung der Mutter denkt sie über deren Leben nach: „Mit sechsundfünfzig Jahren war sie in der Mitte ihre Lebens, das aufregender, trauriger und anstrengender war als viele andere Leben zusammen. Sie war Mensch, Frau, Geliebte, Getriebene, Gejagte, Gefangene. Spinnerin, Malerin, Bäckerin und Gärtnerin und Mutter. Und ich war mir nicht sicher, ob sie sich selbst das Leben nicht am schwersten machte.“ (S. 66)

Lilien. Weiß. Was geht einer Frau durch den Kopf, die gerade vom Lebensgefährten nach Strich und Faden verprügelt wird? Verblüffendes!

Ankommen: Kurz bevor er zu einer Reise aufbricht, träumen beide von seinem Tod. Er lässt ihr seinen Glücksbringer da, und das Unheil nimmt seinen Lauf …

Vertrauen: Zwei Schwestern im Rentenalter fragen sich, ob ihr Leben besser verlaufen wäre, wenn ihre Mutter sie geliebt hätte.

Schuldig! Sofie Heinen verklagt das Leben wegen entgangener Chancen, fehlender Liebe, ausgebliebenem Erfolg und enttäuschter Träume. Und was hat es zu seiner Verteidigung zu vorzubringen? Zehn Minuten unverständliches Genuschel! Das Urteil ist eine Überraschung für alle …

Regenschirm: Es regnet in Strömen … Müll, schlechte Gefühle, blöde Gedanken. Seit ihrer Kindheit hat die Erzählerin keinen Schirm mehr besessen, ist immer schutzlos durch den Regen gelaufen. Jetzt kauft sie sich einen – und führt ihn einer ungewöhnlichen Verwendung zu. Die Mitmenschen staunen, doch der Leser versteht.

Kaffe. Schwarz: Nach zwanzig Jahren findet sie ihr altes Tagebuch wieder und stellt fest: Viel hat sich nicht geändert seit damals. Ist es Zeit für ein neues Leben?

Minimalistisch und manchmal rätselhaft sind die dreifarbigen Illustrationen, die die Grafik-Designerin und Künstlerin Michaela von Aichberger für dieses Buch angefertigt hat. Das passt zu den Geschichten und rundet das Buch zu einem Gesamtkunstwerk ab.

„Erdbeerflecken“ ist sicher keine einfache Kost. Es ist ein außergewöhnliches, emotionales, sehr persönliches und berührendes Buch. Wer sich darauf einlassen kann und mag und wer Freude an einer gleichzeitig pointierten und poetischen Sprache hat, wird sicher Gefallen daran finden.

Die Autorin
Mia Bernstein, Jahrgang 1970, lebt und arbeitet in Hamburg. »Gedankenscrabble« nennt sie selbst ihre Art zu schreiben.

Die Illustratorin
Michaela von Aichberger, Jahrgang 1967, lebt und arbeitet in Erlangen als freie Grafik-Designerin und Künstlerin.



Logos basteln mit supalogo.com
November 25, 2009, 9:07
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Na, das ist doch ein Tool für so eine graphische Wildsau wie mich: http://www.supalogo.com! Da kann man mit Farben und Schriften herumspielen, auch als schimmerlose Person nicht viel falsch machen und sich ein Logo zusammenfummeln.

Ich glaub’, das hier gefällt mir am besten. Die Schrift hat so was leicht Irres:

Weitere ansehnliche Varianten:



Gregor Schürer: Dschingel bellt – Geschichten für die Weihnachtszeit

Gregor Schürer: Dschingel bellt – Geschichten für die Weihnachtszeit, Norderstedt 2009 Herstellung und Verlag: Books on Demand GmbH, ISBN 978-3-8391-3915-8, Softcover, 68 Seiten. Format: 14,8 x 21 x 0,5 cm, EUR 4,90.

Weil der Autor bei seinen Lesungen immer wieder gefragt wird, ob es seine Weihnachtsgeschichten denn auch als Buch gebe, die Stories aber bislang „nur“ in verschiedenen Zeitungen, Zeitschriften und Kurzgeschichtensammlungen verstreut publiziert wurden, hat er sie nun zu einem weihnachtlichen Band zusammengefasst.

14 Geschichten sind es, entstanden in einem Zeitraum von 22 Jahren: Humorvolles, Skurriles, Himmlisches, Tierisches, Geheimnisvolles rund um die besinnliche Jahreszeit. Und manche Beiträge sind einfach zum Weinen schön.

Die Zugfahrt: Wo ist der bärtige alte Herr hingekommen, der eben noch mit dem jungen Vater zusammen im Zugabteil saß? Ist da Übernatürliches im Spiel?

Der Weihnachtsspaziergang: Beim Gassigehen mit dem Hund bleibt ein Mann vor einer Krippe im Schaufenster stehen. Dass das Jesuskind ihn angelächelt hat, das muss er sich eingebildet haben. Oder?

Ein unvergessliches Weihnachtskonzert: „Unmöglich, diese Banausen mit ihren schnurlosen Telefonen!“, regt sich der Erzähler auf, als so ein wichtigtuerischer Jungmanager das Weihnachtskonzert mit dem Klingeln seines Handys stört. Doch es kommt noch schlimmer! – Warum dieses Konzert dem guten Mann unauslöschlich in Erinnerung bleiben wird und weshalb er nichts davon seiner Familie erzählt, verrät uns der Autor in dieser amüsanten Geschichte.

Frohe Weihnachten, Nummer 13.497: Oma Schulte verbringt die Weihnachtsfeiertage notgedrungen allein, die Familie wohnt einfach zu weit weg. Hat wirklich soeben ein durchgefrorenes Weihnachtsengelchen bei ihr ans Fenster geklopft?

Es schneit nicht im August: Die kleine Susanne ist todkrank und freut sich schon so auf Weihnachten. Das kommende Weihnachtsfest wird sie aber aller Voraussicht nach nicht mehr erleben.

Der Gameman: Keinen Gameboy, sondern einen Gameman wünscht sich der neunjährige Cornelius zur Weihnachten. Doch der viel beschäftigte Vater versteht die Botschaft nicht …

Dschingel bellt: Moos für die Weihnachtskrippe wollen Vater und Tochter im Wald holen. Dabei finden sie jedoch etwas ganz anderes. Nachdem man diese Geschichte gelesen hat, wird man beim Weihnachtslied „Jingle Bells“ auf einmal ganz merkwürdige Assoziationen haben …

Gefrorene Sterne: Die kleine Sabine kann nicht einschlafen. Da taucht eine geheimnisvolle Gestalt in ihrem Zimmer auf und bietet an, ihr eine Frage zu beantworten, auf die noch nie jemand Auskunft geben konnte …

Horn-Sivan und das frierende Jesuskind: Sivan heißt der Ochse, der im Stall zu Bethlehem Zeuge von Christi Geburt wird. Gerne würde er das frierende Kind wieder zudecken, aber mit seinen ausladenden Hörnern kann er das heruntergefallene Tuch nicht aufheben. Da naht himmlische Hilfe – und die hat unerwartete Folgen.

Das entlaufene Pferd und der doofe Otto: Was die vierjährige Nora noch nicht versteht, das reimt sie sich zusammen. Dabei kommt’s zu allerlei putzigen Missverständnissen. Ihr Vater staunt, ihr Bruder wundert sich – und der Leser schmunzelt.

Heilig Abend 2106: Was wäre, wenn Jesus in 100 Jahren noch einmal auf die Welt käme? Der Autor entwickelt ein skurriles und durchaus vorstellbares Szenario.

Die geheimnisvolle Dose: Was bewahrt Oma nur in der Porzellandose auf ihrem Nachttisch auf? Den Schlüssel zur Vorratskammer vielleicht? Dort lagern die Weihnachtsplätzchen. Eines Nachts fast sich der kleine Enkel ein Herz, krabbelt aus dem Bett und sieht heimlich nach …

Weihnachten ist Muttertag: Anfang Dezember kommt Oma aus dem Krankenhaus und zieht erst einmal zu ihrem Sohn und dessen Familie. Die Enkel sind begeistert: Weihnachtsschmuck basteln, Plätzchen backen Karten spielen – das macht mit Oma noch mal so viel Spaß. Alle freuen sich aufs Weihnachtsfest. Doch das verläuft ganz anders als geplant …

Heilig Abend in Stalingrad, Weihnachten in Kunduz: Soldat Marcel schreibt aus Afghanistan einen Weihnachtsbrief an seinen Großvater, der ihm seinen Glücksbringer aus Stalingrad überlassen hat. Sehr berührend!

Wer stimmungsvolle Weihnachtsgeschichten sucht, der liegt mit dieser abwechslungsreichen Sammlung richtig. Viele der Kurzgeschichten sind auf Lesungen „vortragserprobt“ und eignen sich durch Umfang und Erzählweise bestens dazu, auf Weihnachtsfeiern oder im Familienkreis vorgelesen zu werden. Ob Sie ein jüngeres, älteres oder gemischtes Publikum zum Lachen oder Nachdenken bringen möchten oder ob Sie es zu Tränen rühren wollen: Hier finden Sie für jeden Zweck die richtige Geschichte. Natürlich spricht auch nichts dagegen, dass Sie es sich gemütlich machen und die abwechslungsreichen Weihnachtsgeschichten in aller Stille alleine genießen.

Der Autor:
Gregor Schürer schreibt seit vielen Jahren als Journalist und Autor. Der gebürtige Schwabe lebt mit Frau und zwei Töchtern in Heimersheim an der Ahr (Rheinland-Pfalz). Er hat zahlreiche Geschichten in Anthologien veröffentlicht und diverse Preise und Auszeichnungen erhalten.



Bilder abgeraucht
November 23, 2009, 10:07
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Zu Anfang meiner Blog-Zeiten habe ich Bilder auf verschiedenen free-hosting-Servern abgelegt. Da isses eine Frage der Zeit, bis die abrauchen, den Geist oder den Dienst aufgeben oder sonstwie keinen Bock mehr darauf haben, die Bilder länger vorrätig zu halten.

Gestern hab ich zufällig gesehen, dass das, was ich noch bei xs.to gespeichert hatte, nicht mehr angezeigt wird. Vier Katzenartikel und vier Buchbesprechungen sind derzeit unbebildert, soweit ich das überblicke. Ich arbeite daran, die verschwundenen Bilder neu zu laden.



Tom Liehr: Pauschaltourist
November 17, 2009, 12:31
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Tom Liehr: Pauschaltourist, Berlin 2009, Aufbau Verlag, ISBN 978-3-7466-2533-1, 335 Seiten, Softcover, 11,5 x 19 x 2,2 cm, EUR 8,96 (D), EUR 9,20 (A)

„Ich bin achtunddreißig, lebe mit einer Frau und zwei Katzen zusammen, habe Publizistik studiert und im Nebenfach Literaturgeschichte, arbeite als Hiwi für ein Reisemagazin und hocke in einem gefängnisartige Touristen-Lager, das sich auf einer Insel befindet, die wie ein Atomwaffentestgebiet aussieht. Dazu trinke ich mit Erdöl verschnittenen Wodka und Bier, das vermutlich als Abfallprodukt bei der Kunststoffherstellung gewonnen wird.“ (S. 45)

Nikolas Sender, 38, reißt in der Redaktionskonferenz die Klappe ein bisschen zu weit auf und hat plötzlich einen sechswöchigen Höllenjob an der Backe. Aus dem Mund seines Chefredakteurs hört sich das so an: „Wir könnten jemanden losschicken, der sich nur Pauschalangebote anschaut, vier, vielleicht sogar drei Sterne und weniger. Anonym. Und darüber berichtet. Jeweils eine Woche, mit allem Drum und Dran.“ (S. 21)

Nicks Partnerin auf diesem Horrortrip ist ausgerechnet Nina Blume, die trinkfeste Chefin des Ressorts Weltreisen, die unter Flugangst leidet, eine Vorliebe für geschmacklos-enge Kleidung hat und stets ihren Pudel Bimbo mitschleppt. Na, Mahlzeit, das kann ja heiter werden! Wird es auch, zumindest für den Leser, wenn Nick und Nina samt Pudel mehrere Wochen lang durch die Pauschaltouristen-Hölle gehen.

Gran Canaria: Abgezockt und ausgeknockt
Ihre erste Station ist Gran Canaria. Dort treffen die beiden auf ein merkwürdiges Ritual, das sie fortan begleiten wird: das Reservieren der Hotelliegen am Pool mittels Badetüchern – morgens um halb fünf. Sie begegnen tragischen Figuren wie Jens, der nach einem Schlaganfall Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis hat und seither mit seiner Frau Jahr für Jahr ins selbe Hotel kommt, weil er sich dort noch von seiner Hochzeitsreise her auskennt. Urlaub in der Endlosschleife.

Nach einer Nacht mit einer elfengleichen Schönheit sind Nicks gesamte Wertsachen weg. Dafür hat er nun Filzläuse. Die Ersatzbeschaffung von Laptop und Kamera endet im Fiasko, weil Nick sein Helfersyndrom nicht im Griff hat.

Was ihre Mitmenschen beißt, für den Aufenthalt in so einer Touristen-Massenabfertigungsanlage einen Haufen Geld zu bezahlen und das ganze auch noch toll zu finden, erschließt sich weder Nick noch Nina. Ihr erster Artikel über dieses Reisefiasko schlägt ein wie eine Bombe. Privat läuft’s eher bescheiden: Nicks langjährige Lebensgefährtin Silke schickt ihn telefonisch in die Wüste, weil sie einen anderen hat. Sie räumt die gemeinsame Wohnung aus und verschwindet.

Marokko: Fischnudeln und Reptilienschnitzel
Schlimmer kann es nicht mehr kommen, denkt sich Nick, und reist mit seiner Kollegin weiter nach Agadir. Nach diversen haarsträubenden Vorfällen fliegen sie dort aus dem Hotel und landen in einem heruntergekommenen Clubhotel, in dem Fischnudeln, Reptilienschnitzel und graubrauner Matsch serviert werden Das jedenfalls ist Nicks Interpretation. Dem Chefanimateur Jacky bescheinigt Nick „die gleiche niederschmetternde Abgerocktheit“ wie dem gesamten Club (S. 144).

Nick und Nina begegnen einer Freundesclique aus Rostock und zwei, äh, Filmproduzenten. Bei einem peinlichen Showauftritt trifft Nick das Komikzentrum des Publikums, beim Bogenschießen trifft er etwas, worauf er gar nicht gezielt hat. Und bei einem Ausflug trifft er auf einen Reiseleiter, der mit missliebigen Gästen kurzen Prozess macht.

Auch der zweite Artikel kommt hervorragend an. „Auf diesem Niveau muss es weitergehen“, befiehlt Chefredakteur Heino Sitz (S. 172), drückt Nick und Nina etwas Schmerzensgeld in die Hand und schickt sie weiter nach Mallorca.

Mallorca: Die Mütter-Mafia schlägt zu
Vor dem Abflug wird Nick noch von seiner Ex Silke abgefangen, die ihm Wichtiges zu sagen hat. Nur wer ihr neuer Lover ist, das sagt sie nicht. Dafür ahnt er, wer Ninas verheirateter Freund ist, den sie auf Mallorca trifft. Und dass der Mann sie verarscht, das ahnt er auch. Nina sieht das natürlich anders. Das könnte Nick zwar egal sein, ist es aber nicht. Die gemeinsamen Erlebnisse in der Touristenhölle haben die beiden Kollegen zusammengeschweißt, und Nick ist klar geworden, dass Nina Blume im Grunde schwer in Ordnung ist.

Auf Mallorca gibt es Ärger mit einer wild gewordenen Mütterhorde, die kollektiv auf einen vermeintlichen Kinderschänder losgeht. Mit Nick geht wieder der gute Samariter durch, und Oliver von Papening, das Müttermobbingopfer, erweist sich als dankbar, wohlhabend und gut vernetzt. Er kennt sogar Nicks und Ninas Chef. „Mutterschutz“ heißt der Artikel, den die beiden über Mallorca abliefern. Und schon sitzen sie im Flugzeug nach Portugal.

Portugal: Angeschmiert und abgeführt
Inzwischen fühlt Nick sich unterwegs wohler als Zuhause, wo nichts und niemand mehr auf ihn wartet, und er kann sich eine Rückkehr an den Redaktionsschreibtisch kaum mehr vorstellen. Im Hotel begegnen sie Barbara, die daheim auch nichts mehr hält, und die von einem Neuanfang an der Algarve träumt. Alles ist ihrer Meinung nach besser als Bielefeld.

Ein junges niederländisches Ehepaar entpuppt sich ebenfalls als nette Bekanntschaft. Weniger erfreulich hingegen verläuft Nicks zufälliges Zusammentreffen mit einer Dame des horizontalen Gewerbes und ihrem Beschützer. Selbst das filmreife Eingreifen des beherzten Niederländers kann da nichts mehr retten: Nick landet im portugiesischen Knast.

Durch Zufall erfährt unser Redakteur nun auch noch, wer ihm Lebensgefährtin Silke ausgespannt hat –und ist wie vom Donner gerührt. Wenigstens Nina ist glücklich. Ihr Lover hat versprochen, sich scheiden zu lassen.

Ägypten: Hühnchen rupfen im Nobelrestaurant
Ägypten ist die letzte Station dieser Touri-Ochsentour. Diese Etappe der Reise beginnt mit einer erfreulichen Begegnung beim Abflug und geht damit weiter, dass jemand gleich nach der Landung Ninas Koffer klaut. Ferner stellt sich die Frage, ob man eine naive Verkäuferin vor einem Heiratsschwindler warnen sollte oder nicht. Die Reise endet mit einem geschickt eingefädelten Showdown, bei dem in einem Nobelrestaurant diverse Personen zusammentreffen, die noch ein Hühnchen miteinander zu rupfen haben. Das hat Konsequenzen …

Kaputte Typen, kaputte Träume
Zart besaitet sollte man für diese Lektüre nicht sein. Hier fallen schon mal deutliche bis derbe Worte. Wer das abkann, wird sich köstlich amüsieren und nicht umhin können, bei der einen oder anderen Szene laut loszulachen.

Manchmal bekommt man direkt Mitleid mit den schonungslos durch den Kakao gezogenen Urlaubszielen. Nein, möchte man am liebsten ausrufen, so öde und schrecklich ist es dort wirklich nicht! Und gar so kaputt und bescheuert wie im Buch sind die Leute in Wahrheit auch nicht. Oder doch …? Es kommt einem erschreckend vieles bekannt vor. Das Körnchen Wahrheit in den Geschichten hat schon Felsbrockengröße.

Doch das Buch ist mehr als eine saukomische Ballermann-Satire. Die Personen in dem Roman machen sich Gedanken über das Leben, über Ziele, Pläne und Träume. Ihre eigenen, und die der anderen. Freundschaften, Liebes- und Geschäftsbeziehungen werden hinterfragt, in Frage gestellt, beendet oder begonnen. Und am Schluss ist nichts mehr wie es war.

Was aus den Personen (werden) wird, denen Nick und Nina auf ihrem Horrortrip begegnet sind, das erzählt uns der Autor im Epilog. Diese höchst vergnüglichen Ausblicke setzen den abgefahrenen Geschichten in dem Buch noch die Krone auf. Manch einem gönnt man sein Schicksal von Herzen. Bielefeld-Barbara, zum Beispiel. Und auch Emad, dem ägyptischen Hallodri.

Der PAUSCHALTOURIST bietet tierisch komische Unterhaltung mit Sinn und Verstand – und fernab jeder political correctness. Vielleicht sollte man das Buch im Urlaub lesen. Egal, was einem dort dann widerfährt: Es wird einem halb so schlimm vorkommen …



Sie geht nur, wenn keiner hinschaut …
November 9, 2009, 8:33
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Unsere Funkuhr in der Küche hat bei der diesjährigen Umstellung von Sommer- auf Winterzeit den Geist aufgegeben. Trotz Austauschs der Akkus weigert sie sich, die korrekte Zeit anzuzeigen.

Irgendwas macht sie aber doch. Aber nur, wenn keiner guckt. Morgens um fünf zeigt sie zehn Uhr, wenn ich gegen 19 Uhr von der Arbeit komme, zeigt sie zwei Uhr und wenn ich zu Bett gehe, ist es bei ihr sechs.

Uhr-zehn

Uhr-zwei

Uhr-sechs

Aber keiner von uns hat sie jemals beim Gehen erwischt. Und jetzt wüssten wir gern: Macht sie in unserer Abwesenheit so richtig brav ein paar Stunden lang ihren Job? Oder rast sie in wenigen Sekunden von zehn auf zwei und von zwei auf sechs? Wir wissen es nicht. Aber mit der nächsten Büromaterialbestellung kommt auch eine neue Funkuhr, die dann hoffentlich wieder das tut, wofür wir bezahlt haben: zuverlässig die Zeit anzeigen.

Balkon-Herbst

Den beiden Jungs da ist es egal, was die Uhr zeigt, sie haben ihren persönlichen Funkwecker eingebaut. Und der sagt morgens um fünf: Frühstückszeit! Werktags, samstags – und am Sonntag auch …



Ulrike Renk: Echo des Todes – Eifelthriller
November 5, 2009, 10:13
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„Ich habe einen Leichenhund und einen Freund, der sich mehr mit Toten beschäftigt als mit mir, dachte ich. Ich hätte Bestatterin werden sollen.“ (S. 145)

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Ulrike Renk: Echo des Todes – Eifelthriller, Berlin 2009, Aufbau Verlag, ISBN 978-3-7466-2549-2, 259 Seiten, Format: 11,5 x 19 x 2 cm, EUR 8,95.

ECHO-COVER

Manchmal kommt es knüppeldick von allen Seiten. In so einer Phase steckt derzeit Constanze von Aken, Mitte 30, Psychologin und liiert mit dem 8 Jahre älteren Rechtsmediziner Martin Cornelissen.

Privat ist die Situation angespannt, weil Constanze und Martin derzeit keinen gemeinsamen Lebensmittelpunkt haben. Sie sitzt in der gemeinsamen Wohnung in Aachen, er arbeitet in Köln und hat während der Woche ein Zimmer bei einem Freund. An den Wochenenden renovieren sie gemeinsam ein altes Häuschen in der Eifel, was sie nicht nur zeitlich überfordert. Viel Stress und wenig Zeit füreinander, das ist nicht gerade beziehungsförderlich. Und versteht sich Martin nicht ein bisschen zu gut mit seiner Assistentin?

In diese unerfreuliche Situation platzt die Nachricht, dass der Totschläger Robert Theißen aus dem Vollzug entlassen wurde. Constanzes Gerichtsgutachten vor acht Jahren hatte maßgeblich zu seiner Verurteilung beigetragen. Jetzt besteht die Gefahr, dass er sich an ihr rächen will.

Trotz aller Sorge um Constanze ist das Wasser auf Martins Mühlen. Er hat die Gutachtertätigkeit seiner Lebensgefährtin schon immer für zu gefährlich gehalten. Und so langsam fragt sich Constanze, ob er nicht Recht damit hat. Oder verliert sie vor lauter Stress den Verstand? War tatsächlich jemand in ihrem Wochenendhaus, oder gibt es für das Verschwinden von Milch und Nachthemd eine harmlose Erklärung? Wer ruft sie mit unterdrückter Rufnummer auf ihrem Handy an, dessen Nummer nur ein paar handverlesene Leute kennen? Ist es Robert Theißen? Und was ist mit dem Türschloss in ihrer Praxis passiert? Sind das Einbruchsspuren?

Staatsanwalt Werner Bromkes nimmt die Vorfälle so ernst, dass er Constanze die Spurensicherung vorbeischickt. Doch die findet nichts. Und Constanze ist mit ihrer Angst vor dem Stalker wieder die meiste Zeit allein. Ihr Hund Charlie, ein pensionierter Leichenspürhund, ist als Wachhund keine große Hilfe. Hunde wie er werden ja erst aktiv, wenn’s schon zu spät ist.

Auf einmal hat das Paar auch noch einen gemeinsamen Fall: Auf Martins Seziertisch landet ein Unbekannter, der tot im Wald gefunden wurde. Offenbar ein Junkie, ein Obdachloser, jedoch mit erstaunlich gepflegten Fingernägeln und kurz geschorenem Haar. Entdeckt hat ihn die 16-jährige Nadine, eine von Constanzes Patientinnen. Ein Erlebnis, das dem Mädchen schwer zu schaffen macht.

Bei der Leiche gibt es ein paar merkwürdige Auffälligkeiten. Martin glaubt nicht an eine natürliche Todesursache, bekommt aber die notwendigen Untersuchungen nicht genehmigt. Die Staatsanwaltschaft will den Fall rasch abschließen. Constanze vermutet, dass Nadine mehr über Toten weiß als sie sagt, bekommt aber aus dem Mädchen nichts heraus.

Die Psychologin wird immer nervöser. Ob sie in der Praxis ist, in ihrer Wohnung in Aachen oder im Wochenendhaus, der Stalker ist allgegenwärtig. Jetzt schickt er ihr schon Päckchen! Und ihr Lebensgefährte Martin ist mehr und mehr beruflich eingespannt und abwesend. Da ist es ein Glücksfall, dass sich einer der Nachbarn in der Eifel als ihr Studienkollege Wolfgang entpuppt. Constanze kann einen Freund brauchen.

Als ein zweiter Toter gefunden wird, der unter ganz ähnlichen Umständen ums Leben gekommen ist wie der Unbekannte im Wald, glaubt niemand mehr an einen Zufall. Dann verschwinden zwei Menschen, die möglicherweise etwas über die mysteriösen Todesfälle gewusst haben. Wussten sie mehr, als gut für sie war? Kann vielleicht der wohnsitzlose Mannie Licht ins Dunkel bringen? Er hat die beiden Toten gekannt. Doch aus seinen wahnhaft wirren Ausführungen wird niemand schlau.

In einer Gewitternacht in der Eifel überschlagen sich die Ereignisse und Constanze wird schlagartig klar, wie alles zusammenhängt. Die Wahrheit ist so ungeheuerlich, dass man sie ihr vielleicht gar nicht glauben wird. Doch das ist im Moment Constanzes geringstes Problem …

„Charakteristisch für Thriller ist Spannung, die nicht nur in kurzen Passagen, sondern fast während des gesamten Handlungsverlaufs präsent ist,“ schreibt Wikipedia zum Thema „Thriller“. Und das passt! Wie durch die Aktionen des Stalkers das Unheimliche, Bedrohliche, Unberechenbare in Constanzes Alltagsleben Einzug hält, ist so packend erzählt, dass es schon Leserinnen bis in ihre Träume hinein verfolgt hat.

Diese Geschichte ist so nah an der Realität, dass wir uns alle vorstellen können, wie man sich fühlt, wenn ein vollkommen Unbekannter über einen längeren Zeitraum hinweg in unsere Privatsphäre eindringt und demonstrativ unseren persönlichen Schutzraum verletzt. Es ist eine Art psychischer Vergewaltigung. Das Dumme ist, dass man sich kaum dagegen wehren kann, weil man eben nur die Aktionen des Stalkers mitbekommt. Er selbst agiert im Verborgenen, bleibt unsichtbar und ist nicht zu greifen. Es ist, als sei man einem Geist ausgeliefert, der aber jederzeit zu einer höchst realen Bedrohung für Leib und Leben werden kann.

Das allerdings scheint ein Thema zu sein, der hauptsächlich Frauen anspricht. Männer verbinden mit dem Begriff Thriller wohl eher durchgehend rasante Action. Die Herrn der Schöpfung packt dieser Thriller dann, wenn es um die Aufklärung der mysteriösen Mordfälle geht. Denn dabei geht es wirklich filmreif zur Sache!

Erfreulich – und bei Thrillern nicht unbedingt selbstverständlich – ist es, dass es sich bei den Personen des Romans nicht um irgendwelche Super-Actionhelden handelt, sondern um ganz normale Menschen, die Stress im Job haben und Knatsch mit ihren Liebsten. Sie müssen den Kühlschrank füllen, sich mit Handwerkern rumärgern und mit dem Hund rausgehen. Wenn dann Mord und Stalking in dieses vertraute Alltagsszenario einbrechen, wirkt das umso bedrohlicher.

„Schaurig-schön realitätsnah“ nannten die Aachener Nachrichten Ulrike Renks Eifelthriller. Auf Leser aus der Region wird der Roman in besonderem Maße so wirken, weil sie viele Orte des Geschehens aus eigener Anschauung kennen. Aber auch wer die Eifel nur besuchsweise oder vom Hörensagen kennt, wird gut und spannend unterhalten werden. Und wem der Thriller gefällt, der kann sich freuen: Im Herbst 2010 wird der zweite Band um die Psychologin und Gerichtsgutachterin Constanze Van Aken erscheinen.



Wochenendstress
November 1, 2009, 7:33
Gespeichert unter: Wahnsinn im Alltag

Uff! Zum Glück ist nicht jedes Wochenende so stressig wie dieses, sondern nur ungefähr jedes zweite. Haushalt, Wäsche, Einkauf, Kehrwoche inklusive Laub-Beseitigung (wir haben drei riesige Birken, und das Grundstück ist nicht gerade klein) und dann noch drei Familientermine – ich bin kaputt. Da isses ja im Verlag erholsamer! Na ja, fast …

BirkeGold

Am Baum sind die Birkenblätter um diese Jahreszeit ungeheuer dekorativ. Wenn sie aber auf dem Weg und auf der Wiese rumliegen, sind sie eher anstrengend.

Friedhofskapelle

Interessante Lichtverhältnisse an der Friedhofskapelle.

YanniIndieLehne

Yannick (rot) und sein Neffe Indie haben sich auf der Sofalehne niedergelassen

Indie-Schrank

Wenn der Korb auf dem Schrank belegt ist, hängt Indie eben daneben ab. Da er das öfter macht, scheint es bequem zu sein, auch wenn es für uns Menschen überhaupt nicht so ausschaut.